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Full text of "Zeitschrift des Vereins für Volkskunde"

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FROM THK BBqUEST OP 

JAMES WALKER, D.D., LL.D., 

(Olass of 1S14)» 

FORMER PRBSIDBrrr OF HARVARD COLLEGB; 

** Preference being given to works in the 
Intellectual and Moral ScienccR." 



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ZEITSCHRIFT 



des • • 



Vereins für Volkskunde. 



Netu Folge der Zeitschnß für Völ kef^syckolo gie und Sprachwissenschaft, 
begründet von M. Lazarus und H. Steinthal. 



Im Auftrage des Vereins 

herausgegeben 
von 

Karl Weinhold. 




Erster Jahrgang. W^ 'Fe \-<??RWMBi^ 1891. Heft 1 



Hierzu Tafel I. 

BERLIN. 
Verlag von A. As her & Co. 



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Inhalt 

Seite 

Zur Einleitung. Von Karl Weinhold 1 

An den Leser. Von Prof. Steinthal . 10 

Volkstümliche Sehlaglichter. Von Wilhelm Schwartz 17 

Zur Volkskunde Islands. Von Konrad Maurer 36 

Ein anscheinend deutsches Märchen von der Nachtigall und der Blind- 
schleiche und sein französisches Original. Von Reinhold Köhler 53 

Die Ausnahmslosigkeit sämtlicher Sprachueuerungen. Von Richard 
Löwe 56 

Wind, Wetter, Regen, Schnee und Sonnenschein in Vorstellung und 
Rede des Tiroler Volkes. Von Maria Rehsener 67 

Jamund bei Cöslin. Von Ulrich Jahn und Alexander Meyer Cohn. 
(Mit Tafel I) 77 

Kleine Mitteilungen: 

Zum Steinkultus in Syrien. S. 101. — Ein isländischer Blutsegen. S. 102. — Todes- 
nachricht S. 103. 

Bücheranzeigen: 

Ludwig von Hörmann, Haussprüche aus den Alpen. S. 103. — R. H. Greinz 
und D. A. Kapferer, Tiroler Schnadahüpfeln. S. 105. — Bruno Bucher, Die alten 
Zunft- und Verkehrs -Ordnungen der Stadt Krakau. S. 106. — Kristoffer Nyrop, 
Navnets Magt: en folkepsykologisk Studie. S. 109. -- Huld, Safn alpj^dlegra Islenzkra 
fraeda. ütgefendur: Hannes Jiorsteinsson, J6n Jiorkelsson, Ölafur Davidsson, Pälmi P^lsson, 
Valdimar Äsmundsson. S. 112. — Dania, Tidskrift for folkemdl og folkeminder udgivet 
for universitets-jubilaeets danske samfond af Otto Jespersen og Kristoffer Nyrop. 
Bind I, haßfte 1. 8. 112. 

Bibliographie. S. 113. 



Beiträge für die Zeitschrift, bei denen um deutliche Schrift 
auf Quartblättern mit Kand gebeten wird, Mitteilungen im 
Interesse des Vereins, Kreuzbandsendungen, beliebe man an 
die Adresse des Herausgebers, Geh. Regierungsrat Prof. Dr. 
K. Weinhold, Berlin W., Hohenzollernstr. 10, zu richten. 

Bücher für Besprechung in der Zeitschrift wolle man an die Verlags- 
buchhandlung A. Asher & Co., W. Unter den Linden 13, senden. 

Beitrittserklärungen zum Verein nimmt der Schriftführer Dr. U. Jahn, 
Berlin NW.; Perlebergerstr. 32, entgegen. 

Schatzmeister des Vereins ist Banquier Alexander Meyer Cohn, 
Berlin W., Unter den Linden 11. 



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Zur Einleitung. 

Von Karl Weinhold. 



Der Verein, dessen Organ die vorliegende Zeitschrift geworden ist, 
verfolgt den wissenBchaftlichen Ausbau der Volkskunde als seine Aufgabe. 
Er will einen Mittelpunkt der deutschen Forscher und Sammler für das 
Volksleben und dessen Geschichte bilden und in wetteifernder Arbeit mit 
den gleichen Bestrebungen in den anderen Ländern die Erkenntnis der 
Vorgänge in dem Seelenleben der Völker und das Wissen von den äusseren 
und inneren Zuständen fördern, welche im Laufe der Zeiten entstanden sind. 

Für die Kunde von den volkstümlichen Überlieferungen in Si^en, 
Märchen, Liedern, Sitten u. s. w. hatte der Engländer Thoms im Athenäum 
vom 22. August 1846 das Wort folklore vorgeschlagen, das von seinen 
Landsleuten bald angenommen ward. Es ist heute ein Weltwort geworden, 
indem es auch in den anderen germanischen, in den romanischen und 
slavischen Ländern Annahme gefunden hat. Folkloristen nennen sich jetzt 
viele Sammler von Volksüberlieferungen in Europa imd Amerika mit 
Vorliebe. 

Ich habe in einem kleinen Aufsatze, überschrieben: „Was soll die 
Volkskunde leisten?" (im 20. Band der Zeitschrift für Völkerpsychologie 
und Sprachwissenschaft, S. 1-5) gegen jenes Wort Verwahrung eingelegt, 
sofern man es auch in Deutschland verwendet, und habe nach dem Vor- 
gange auch andrer Männer Volkskunde als weit bezeichnender empfohlen, 
ganz abgesehen davon, dass dieses ein deutsches Wort ist. „Volkskunde" 
hat Rein hold Köhler in seinem Artikel Folklore (im Supplementbande 
zu Brockhaus Conversations - Lexikon von 1887) geschrieben, „bedeutet 
die Kunde vom Volk oder über das Volk; sie umfasst also auch die Kunde 
des Folk-lore, aber sie ist nicht selbst Folk-lore". Mit vollem Recht hat 
R. Köhler hervorgehoben, dass Folklore nur eine Abteilung der Volks- 
kunde ist, und dass diese einen viel weiteren Umfang hat als jene. Dieser 
sachliche Grund möge die deutschen Liebhaber des Fremdwortes folklore 
von dem unnützen und geschmacklosen Gebrauche desselben abbringen. 
Übertreffen wird die Geschmacklosigkeit freilich noch durch den Gebrauch 
der komischen Bildung Folklorist. 

Die Volkskunde ist zur Zeit noch im Werden. Nur durch exacte 

ZeitxcbriH d. Vereius f. Volkskunde. 1891. 1 

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2 Weinhold: 

Forschung und richtige Methode kann sie zur Wissenschaft sich erheben, 
und der Gefahr des Dilettantismus entgehen, in welche sie durch die 
Polkloristen leicht hineingezogen wird. Es kommt zuerst darauf an, um- 
fassende Sammlungen anzulegen: alles und jedes Material, so genau wie 
der Naturforscher das seine, aufzusuchen, möglichst rein zu gewinnen und 
treu aufzuzeichnen, in Wort und in Bild, wo beides möglich ist. Die 
Gegenwart zerstört systematisch, was aus der Vorzeit sich noch erhalten 
hat. Es ist die höchste Zeit zu sammeln! 

Nach der Sammlung kommt es darauf an, zu untersuchen, ob das 
Gewonnene sich geschichtlich verfolgen lässt, wie es in früheren Zeiten 
gewesen ist, wo sein Ursprung liegt, und welches die Gründe seines Ur- 
sprungs waren. 

Damit ist aber die Arbeit noch nicht völlig abgeschlossen. Eine 
zweite Aufgabe ist, nachzuforschen, ob sich die gleiche Erscheinung auch 
bei anderen Völkern findet und welche Unterschiede sich bei der Ver- 
gleichung ergeben. Auf diesem Wege wird man zuletzt die allgemeine 
menschliche Formel aus der nationalen gewinnen. Nehmen wir als Beispiel 
für das Verfahren die weitverbreitete Volkssage von der verzauberten 
Jungfrau, die einem Jüngling auf alten Burgstätten erscheint und durch 
ihn erlöst sein will. Diese Sage kommt an unzähligen Orten Deutschlands 
vor. Bei einer wissenschaftlichen Bearbeitung ist sie zunächst genau nach 
ihren mancherlei Spielarten mit bestimmter Bezeichnung der Orte, an 
denen dieselben erzählt werden, zu verzeichnen. Es sind dann die Haupt- 
züge und die Nebenzüge zu sondern und auf ihre Natur und ihr Alter zu 
prüfen. Dabei wird sich z. B. ergeben, dass der gewöhnliche Schluss, 
wonach die aus Feigheit des Jünglings nicht erlöste Jungfrau als den 
Helden ihrer künftigen Erlösung von dem Zauber einen Knaben bezeichnet, 
welcher in einer Wiege liegen wird, die aus dem Holz eines jetzt noch 
als Gerte stehnden Baumes gezimmert werden soll, mit der deutschen 
Sage ursprünglich gar nichts zu thun hatte, sondern dass dieser Schluss 
der Adam- und Kreuzholzlegende entlehnt ist. 

Bei der Prüfung auf das Alter wird zu fragen sein, ob unsere Helden- 
sage oder die deutschen Götter-Mythen eine verwandte Überlieferung ent- 
halten und ob mit deren Hilfe die älteste Gestalt der Volkssage gewonnen 
werden kann. Auf diesem Wege lässt sich hofiFen, die älteste deutsche 
(süd- oder wenn man will westgermanische) Gestalt der Sage zu finden. 
Von hier aus liegt dann die Möglichkeit nahe, durch Vergleichung des 
nordgermanischen Sagenmaterials die urgermanische Gestalt heraus zu 
arbeiten. 

Das beste ist dann die Formen zu erkunden, worin die Sftge, die sich 
in unserem Fall als alter germanischer Mythus ergeben haben wird, welcher 
früh in heroische Sage umgesetzt worden ist, etwa bei verwandten Völkern 
erscheint, und aus welchem Urgründe, d. h. aus welchen die Volksseele 



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Zar Einleitung. 3 

tief erregenden Natnrvorgängen oder ethischen Bewegungen der Mythus 
erzeugt worden ist. 

Bei diesen Untersuchungen wird die Sagengeschichte im weitesten 
Sinne genommen, so wie die Geschichte der epischen Poesie eben so wohl 
zu Hilfe gerufen als möglicherweise bereichert werden. Mit vollem 
Recht hat Jacob Grimm einmal ausgesprochen (Kl. Schriften VÜI, 560), 
dass eine Geschichte der epischen Poesie und der Fabpl erst durch das 
Studium der mündlichen Volksüberlieferungen möglich wird. 

Kecht eigentlich auf dem Boden der Dichtungsgeschichte werden sich 
die Untersuchungen über die Volksmärchen bewegen. Für diese ist durch 
wissenschaftliche Forschung, besonders durch Th. Benfeys Einleitung 
zur Übersetzung des Pantschatantra erwiesen worden, dass sie zum grösseren 
Teil einem über Asien und von hier über Europa verbreiteten Dichtungs- 
oder Erzählungsschatze angehören, der aus den verschiedensten Ursprüngen 
zusammengeschichtet ist. 

Für die deutschen Kinder- und Hausmärchen hatte schon Wilhelm 
Grimm in den Anmerkungen zu der grossen Ausgabe die weiten Ver- 
wandtschaften, in denen ein jedes dieser Märchen darinsteht, aufgewiesen. 
Durch die neueren Funde werden sie noch weiter ausgeführt werden können. 
Der Ursprung der meisten Märchen im fernsten Osten, die sehr weiten 
Wanderungen und deshalb sehr verschiedenen Beimischungen, werden ab- 
mahnen, sie samt und sonders in germanische Mythen umzusetzen. Aber 
immer wird geboten sein, die Aufzeichnung getreu nach dem Volksmunde 
zu machen und Denk- und Ausdruckweise des Erzählers treu wiederzugeben, 
sobald man denselben als reine Quelle erkannt hat, wozu natürlich einige 
Kritik und Übung gehört. 

Diese Beispiele sind aus dem geistigen Teile des Volkslebens ge- 
nommen. Ein gleiches Verfahren mit nüchterner Feststellung des that- 
sächlichen und mit kritisch-historischer Prüfung der Thatsachen muss bei 
allem übrigen Material eingeschlagen werden; so bei den Sitten und Ge- 
bräuchen, bei den Trachten, bei dem Hausbau und der Hofanlage, kurz 
bei allem, was zu der Volkskunde gehört. 

Was aber ist das? welche Teile bilden das Ganze? — Ich versuche 
ein Schema zu entwerfen. 



Einleitung: Die physische Erscheinung des Volkes. 

a) Der Knochenbau samt Schädelbildung. 

b) Muskelausbildung bei Mann und Weib. 

c) Gesichtszüge (dabei Farbe der Augen mid Haare). 

d) Die Abweichungen innerhalb des Volkes von der gefundenen Grund- 
erscheinung müssen eingehend untersucht werden. 

1* 



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4 Weinhold: 

I. Äussere Zustände« 

1. Die Volksuahrung, einst und jetzt. Bereitung derselben. 

2. Die Tracht. Die Geschichte derselben ist aus alten schriftlichen 
Angaben, bildlichen Darstellungen und erhaltenen Kleidungsstücken nach 
allen Teilen, einschliesslich der Haartracht und des Schmuckes zu ent- 
werfen. 

Es sind dabei die Unterscheidungen der Geschlechter, der Lebens- 
alter, der Stände durch die verschiedenen Zeiten bis zur Gegenwart zu 
verfolgen; ebenso ist die Tracht bei den Hauptereignissen des Lebens 
(Taufe der Neugebomen oder Namengebung, Vermählung, Kirchgang und 
Abendmahlsfeier, Tod und Begräbnis) zu berücksichtigen. 

Für die Männer sind auch Wehr und Waffe (Schutz- und AngriflFs- 
ausrüstung) hierher gehörig. 

3. Die Wohnung. Geschichte des Hauses und Hofes von den ältesten 
erreichbaren Zeiten an, mit genauer Berücksichtigung der Plurteilung 
und Dorfanlage. Stamm, Volk und Land bedingen die hervortretenden 
Unterschiede in Hausbau, Hofanlage und Plurteilung. 

Die Ausstattung des Hauses mit allerlei Gerät, welches das Bedürfnis 
wie der erwachende Sinn für Bequemlichkeit und Schönheit allmählich 
fordern, gehört unter dieses Kapitel. 

II. Innere Zustande. 

1. Lebenssitte. 

a) In Haus und Sippe. 

Was sich zum Teil schon in vorhistorischer Zeit auf Grund des religiösen 
Glaubens, der allgemein sittlichen Forderungen, des Familienrechts, der 
Bedürfnisse des öflFentliclien Lebens im Lauf der Jahrhunderte als be- 
stimmende Satzung ausgebildet hatte, fällt in diesen Abschnitt. Wir be- 
gleiten den einzelnen Menschen von seiner Geburt (Erlaubnis zum Leben, 
Namengebung, Wasserweihe, christliche Taufe) durch die Kindheit und 
erste Jugend (Leibesübungen, Einführung in die Wirtschaft, geistige Bildung) 
bis dorthin, wo der Mann in Heer und Volk aufgenommen wird, das 
Mädchen durch die Vermählung in eine andere Familie übertritt. Das 
häusliche Leben ist in dem Verhältnis der verschiedenen Sippegenossen 
zu einander, in den Berührungen mit anderen Familien, mit Fremden 
(Gastrecht, Gesellschaftsleben) fest geregelt, und hat mit den Zeiten 
wechselnde Gebräuche. 

Die Erschütterung des Lebens der Einzelnen durch Krankheit und 
Alter, die Auflösung durch den Tod hat in allen Völkern der Sitten viel 
erzeugt, von denen gar manches sich bis auf unsere Zeiten erhalten hat. 

b) Ausser dem Hause. 

Ich stelle hierher die Sitten, welche sich an die wirtschaftlichen Ent- 
wicklungsstufen der Völker heften. 



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Zur Einleitung. 5 

a) J&ger- und Fischerleben. 

Waidmännische Altertümer. Alte Jagdgebräuche, Jägeraberglaube, 
Waidsprüche. 

Gebräuche beim Fischfange auf dem Meere, in Seen und Teichen, in 
Flüssen und Bächen. 

ß) Hirtenleben. 

Die Gebräuche der Hirten im Gebirge und in der Ebene durch den 
Jahreslauf. 

y) Bauernleben. 

Die Gebräuche und Meinungen bei dem Nahen des Frühjahrs, bei 
Feldbestellung, Saat, Heranwachsen der Früchte, bei und nach der Ernte. 

Aus den für Waidwerk, Viehzucht und Ackerbau wichtigen Tagen und 
Zeiten hat sich von alter Zeit her der Bauernkalender zum guten Teil 
gebildet. Derselbe enthält auch Reste des gottesdienstlichen Festkalenders 
des Altertums, denn die altheiligen Zeiten jedes Volkes fallen mit dem 
Natorleben zusammen. Auch das Wissen von den Gestirnen, so wie von 
den für die Wetteränderung wichtigen Zeitön lässt sich daraus erkennen. 

J) Handwerkerleben. 

Bräuche der verschiedenen Handwerke. 

Handwerksburschenleben mit unterscheidender Tracht, Formeln, 
Bräuchen und Aberglauben. 

Indem aus arbeitsscheuen Handwerksburschen gewöhnlich Landstreicher 
werden, kann das Leben der fahrenden Leute alter und junger Zeit, 
und was das Volk von ihnen glaubt und sagt, hier angeschlossen werden. 

2. Recht. 

Wie bedeutend die RechtsbegrifiFe, ihre Ausbildung und Formulierung 
sowie die Gebräuche bei der Rechtspflege und den Rechtsgeschäften für 
die Erkenntnis des Denkens und der Moral eines Volkes sind, bedarf 
keiner Ausführung. 

Hier verweisen wir nur darauf, wie in den Sitten des Hauses vieles 
mit dem Familienrecht in engster Beziehung steht. Wir erinnern femer 
an die Rechtsgewohnheiten bei Kauf uud Verkauf, bei Abschluss von Ver- 
trägen, Entrichtung von Abgaben, Ankündigung von Gemeindeversamm- 
lungen, Begehung der Grenzen u. s. w. Das moderne Recht^hat die alten 
Rechtsformen und Gewohnheiten gebrochen, weil sie einem anderen Recht 
entsprungen waren. Mit ihrer Abschaffung sind sie meist aus dem Ge- 
dächtnis des Volkes verschwunden und können nur aus älteren schriftlichen 
Quellen geschöpft werden. 

Das dogmatische Recht nimmt die Volkskunde natürlich^ nicht in 
Anspruch, sondern beschränkt sich auf das was Jacob Grimm als Rechts- 
altertümer bezeichnet und gelehrt hat. 



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6 Weinhold: 

Von grossem Interesse ist femer für uns eine Vergleichung der Rechts- 
ideen und Rechtsgebräuche der verschiedenen Völker. 

3. Religion. 

Die natürliche Religion der Völker mit ihrem Schatze an Sagen und 
Liedern, die Mythologie, ist eine der ältesten und wundersamsten 
Schöpfungen der Volksseele. Mythologische Untersuchungen wird unsere 
Zeitschrift daher nicht entbehren können, wenn sich für dieselben auch 
andere wissenschaftliche Organe den Forschem darbieten. Gem werden 
wir den Vorstellungen, Meinungen und Gebräuchen übersinnlich-mystischer 
Natur unsere Spalten öf&ien. Die Sagen, Märchen, Legenden, die Segen- 
und Zauberformeln, allerlei geheimnisvolle Gebräuche verdienen als Material 
für wissenschaftliche Untersuchung sorgsame Sammlung. 

Ausser der Sammlung wollen wir aber auch die wissenschaftliche 
Läuterung, den kritischen Scheidungsprozess mit diesem Material vornehmen, 
das wie die Nagelflueh in langer Zeit aus den verschiedensten Bestandteilen 
zusammengebacken ist. 

Mit der Mythologie hängen eine Menge bildlicher Ausdrücke zu- 
sammen, die seit ältesten Zeiten bis heute noch in dem Volke dort leben, 
wo sein echtes Denken und Vorstellen noch nicht von falscher Kultur 
oder von der Sozialdemokratie vernichtet ist. Sie sind aus den gewaltigen 
Eindrücken entsprungen, welche die Natur auf den einfachen Menschen 
des Gebirges und der Ebene überall übt, wo kein grossstädtisches Treiben 
und Sein ihn von Himmel und Erde abschneidet. Aus jenen Eindrücken 
sind die ältesten Gottheitsbildungen hervorgegangen. Die Anfänge hierzu 
sind aber noch jetzt in der Rede und Sprache vieler Gegenden zu er- 
kennen, unschätzbar für den Volkspsychologen wie für den Mythologen. 

Das Mythologische dauert aber nicht bloss hierin fort, sondem auch 
in einem niederen Vorstellungs- und Glaubenskreise, der weder christlich 
noch heidnisch ist, sondern eine Wucherbildung. Im germanischen Heiden- 
tum gab es einen Aberglauben und ein Zauberwesen, abgesondert 
und feindlich gegen die eigentliche Volksreligion und den anerkannten 
Gottesdienst. So ist es überall gewesen und so ist es noch heute. Aber- 
glaube ist an keine Nation und keine bestimmte Religion gebunden, sondem 
ein allgemein Menschliches. 

Mit dem Aberglauben hängt die Volksmedizin zusammen, d. i. jene 
über alle Völker gleich dem Aberglauben verbreitete Heilkimde, die auf 
die verschiedensten Quellen: Religion, Zauberei und frühere Perioden der 
Medizin zurückgeht. 

Hingedeutet sei endlich auf jene von den christlichen Völkern ge- 
schaflPenen ausserbiblischen Gestalten, frommen Gebräuche und Geschichten, 
die man als christliche Mythologie zusammenfassen kann^ und die 
nach ihrem Ursprung der Forschung viel Aufgaben stellen. Auch hier 



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Zur Einleitung. 7 

wie überhaupt auf dem gesamten Boden der religiösen Yolksüberlieferung 
und der Mythologie kann nur die grösste Besonnenheit und die feinste 
Scheidung der Elemente zu haltbaren Ergebnissen führen. 

4. Die Sprache. 

Die Grammatik im Ganzen überlassen wir der Sprachwissenschaft. 
Wohl aber werden Beobachtungen über Laut-, Wort- und Satzbildungen, 
die auf gewissen psychischen Vorgängen beruhen, ims willkommen sein. 

Auch dialektliche Studien, die auf die Geschichte der Volksstämme 
und der Landschaften und das Leben des Volkes sich stützen, werden wir 
zu fördern suchen. 

Besonders wird die Wortkunde unter gewissen Gesichtspunkten für 
uns Bedeutung haben. 

Der Wortschatz eines Volkes oder eines Stammes in den verschiedenen 
Perioden seiner Geschichte, der Wortvorrat der verschiedenen Bildungs- 
schichten ist ein Messer ihres geistigen Besitzes. Derselbe lässt sich für 
die älteren Zeiten nur aus den schriftlichen Denkmälern feststellen; in 
der Gegenwart dagegen aus der lebendigen Rede. Diese und jene Volks- 
stämme, diese und jene Schichten der Bevölkerung haben eine abgegrenzte 
Menge an Worten, Ausdrücken, Redensarten. Je geringer der Bildungs- 
stand 'einer Person, mit je weniger Worten kommt sie beim Sprechen aus. 
Es giebt ganze Reihen von Wörtern und Formen der hochdeutschen ge- 
wöhnlichen Verkehrs- und Schriftsprache, welche bestimmte deutsche 
Mundarten ganz vermeiden oder sehr selten anwenden, negative Idiotismen 
wie sie Joseph Haltrich genannt hat, der dieselben für die sieben- 
bfirgisch-sächsische Volkssprache bearbeitet hat (Hermannstadt, 1866). 

Den Kennern unserer mittelhochdeutschen Poesie sind die Ver- 
änderungen im Wortgebrauch bekannt, welche gegen Ende des zwölften 
Jahrhunderts der sogenannte höfische Geschmack bewirkt hat. Der Wechsel 
der Mode, der mit den Strömungen der Kultur zusammenhängt, hat auch 
das Leben der Worte bestimmt, hat alte getötet, neue gezeugt, hat alten 
neue Bedeutungen verliehen. Oft genügte der äussere Anklang an ein 
verfehmtes Wort, um ein ganz unschuldiges zu beseitigen. Dazu kam die 
religiöse oder auch bloss abergläubische Scheu bestimmte Wesen und 
Dinge, denen man grosse Macht zuschrieb, mit ihrem richtigen Namen zu 
nennen: das Namen-Tabu, das bei den sogenannten Wilden noch greifbar 
lebt, aber auch bei den Kulturvölkern besteht. Christ offer Nyrop hat 
in seinem Buche Navnets magt, en folkepsykologisk studio (Köbenhavn, 
1887) davon lehrreich gehandelt. 

Wer dem Leben der Volksseele im Sprachlichen nachspürt, wird nicht 
bloss den umfang des Wortschatzes, sondern auch die Geschichte des 
einzelnen Wortes insofern studieren, als er es nicht bloss als einen, gesetz- 
lichen Veränderungen unterworfenen, Lautkörper betrachtet, sondern als 



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8 Weinhold: 

Ausdruck eines Gedankens, als ein Seelenkind, das durch das Leben er- 
zogen, gebildet und verbildet worden ist. In der Bedeutnngsentwicklung 
eines Wortes spiegelt sich ein durch äussere Einflüsse geleiteter geistiger 
Werdegang. Das führt zu höchst anziehenden Beobachtungen. Was auf 
diesem Wege für die Yolkskunde zu gewinnen ist, kann die eindringende 
Behandlung vieler Worte in dem Grimmschen Deutschen Wörterbuche, 
namentlich im FV. und V. Bande durch Rudolf Hildebrand, zeigen. 

Hinzu treten die Redensarten, die Schelten und Flüche, die 
bildlichen Ausdrücke endlich über wiederkehrende Erscheinungen der 
Natur und des Menschenlebens, die oft von überraschender Kraft und 
Schönheit sind und in der Volkssprache als uralte Zeugen der altgermanischen 
poetischen Rede sich noch aufspüren lassen. 

In das sprachliche Kapitel der Volkskunde gehören auch die Namen; 
nicht bloss die, welche lebende Wesen, Menschen wie Tiere, von der 
Menge ausheben, sondern auch die, wekhe leblose Dinge mit einem persön- 
lichen Leben kraft poetischer Auffassung begaben. 

Bei den menschlichen Persouennamen kann sich die Volkskunde daran 
genügen lassen, dass die Vorstellungen imtersucht werden, welche in der 
alten namenbildenden Zeit dadurch zum Ausdruck kamen. Für die späteren 
Perioden dürfte es hinreichen, die Verbreitung der Namen zu erforschen, 
d. h. welche Pevsonen(Vor)namen in gewissen Zeiten, Ländern, Orten, -auch 
bei gewissen Ständen besonders beliebt waren. Nach der Reformation 
traten in Deutschland konfessionelle Unterschiede in den Vornamen hervor. 
Interessant ist auch die Geschichte der Judennamen in Deutschland und 
wahrscheinlich auch in anderen Ländern. 

Eine besondere Abteilung bildet die Entstehung und Verbreitung der 
Familiennamen, die mit ständischen, gewerblichen und Stammes -Ver- 
hältnissen und weiterhin mit vielfach verschlungenen Zuständen zusammen- 
hängen, deren Untersuchung interessant und lehrreich ist. 

Bei den Tiernamen fassen wir ins Auge: 1. die umschreibenden Namen 
für wilde Tiere, die sich gewöhnlich ak euphemistische Benennungen, die 
mit dem Tabu zusammenhängen, ergeben: so wenn der Fuchs Langschwanz, 
der Wolf Hölzing, das Wiesel Fräulein heissen. 2. Die auszeichnenden 
persönlichen Namen, welche den Haus- und Hoftieren gegeben werden, 
namentlich den Hunden, Rossen, Rindern und zahmen Vögeln. 

Von leblosen Gegenständen treten mit Namen vor allen heraus: Berge, 
Hügel, Felsen, Höhlen, Wälder, Wiesen, Felder, alte Wege und Plätze, 
Quellen, Bäche, Flüsse, Seen. Den Forscher werden auch hier Bedeutung 
und Gründe dieser Namensgebung beschäftigen, die oft sehr alter Zeit 
zufällt und zuweilen von einem Volke auf das andere vererbt ist. 

In den Pflanzennamen sind oft sehr alte Beziehungen auf die Götter- 
und die Tierwelt enthalten. Sie verdienen, soweit sie echt volkstümlich 



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Zur Einleitmig. ' 9 

und alt sind, eine sorgfältige Sammlung, in treuer Aufzeichnung und mit 
genauer Angabe der Standorte der Namen. 

Endlich gedenken wir der Namen, die leblosen Dingen gegeben wurden, 
welche zum Menschen im Verhältnis von Freunden in der Not stehen. 
Sehwert und Spiess wurden als Kampfgenossen durch Namengebung geehrt. 

5. Poesie. 

Wir können uns hier kurz fassen, da es sich um bekannte^^Gattungen 
dichterischer Erzeugnisse handelt: um das lyrische und das epische Volks- 
lied, das volkstümliche meist geistliche Schauspiel, den Spruch und das 
Sprichwort, das Rätsel, die geschichtliche Sage, das Märchen und den 
Schwank. 

Viele Sammlungen sind diesen Überlieferungen bereits gewidmet. 

Das Kinderlied und das Kinderspiel (soweit es nicht neue kinder- 
gartnerische Früchte sind) fallen auch hierher. Beide werden nicht bloss 
von der Melodie (Weise) begleitet, gleich dem weltlichen und geistlichen 
Liede und der Ballade, sondern auch durch r jthmische Bewegungen getragen. 

Die uralte Vereinigung von Wort, Weise und rythmischer Körper- 
bewegung in diesen Kinderliedern machen sie interessant; zuweilen auch 
der Inhalt. Manche von ihnen deuten auf sehr alten Ursprung. Zugleich 
zeigen sie, dass auch 

6. Musik und Tanz in der Volkskunde einen Platz fordern. 

Wie bei der Poesie, wird das Verhältnis des Volkstümlichenjzu dem 
rein Kunstmässigen dabei erwogen werden . müssen. 

7. In Poesie, Musik und Tanz äussert sich der Geschmack des Volkes; 
aber auch im Formen- und Farbensinn. Die künstlerische und technische 
Anlage muss beobachtet werden. Man wird eine Ästhetik bestimmter 
Stämme oder Völker entwerfen. und dieselbe auch geschichtlich ausführen 
können. 



unsere Zeitschrift will der Volkskunde in den hier umrissenen Grenzen 
dienen. Sie wird ebensowohl StoflF sammeln als Verarbeitungen des Stoffes 
bringen. 

Der StoflF kann aus der lebendigen mündlichen Überlieferung geschöpft 
sein; er kann aber auch schriftlichen älteren und neueren Quellen ent- 
nommen werden. Wir wollen ungedruckte ältere Aufzeichnungen bringen 
und mitunter auch aus alten gedruckten Büchern besonders wichtiges 
ausheben. 

Unser Verein hat seinen Sitz in Berlin imd wird daher vor allem die 
deutsche Volkskunde zu fördern streben; deutsch im Arndtschen Sinne: 
so weit die deutsche Zunge reicht. 

Aber wir wollen uns nicht auf das deutsche Sprach- und Volksgebiet 



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10 Steinthal: 

beschranken. Wir wünschen dringend, dass die Volksforscher in den 
Niederlanden, in den skandinavischen Ländern, in England und Amerika 
sich uns anschliessen und brüderlich in unsere Reihen treten. Schon die 
ersten Hefte werden beweisen, dass unser Wunsch sich erfüllt. 

Für die vergleichende Volkskunde ist femer von grosser Bedeutung 
das Zusammengehen mit der Volksforschung in den slavischen und roma- 
nischen Ländern, femer in Ungarn und Pinnland, ja überall, wo Sinn für 
diese Studien sich regt, deren Material über die bewohnte Erde ver- 
breitet ist. 

Möge diese Zeitschrift ein Mittelpunkt für die gesamte Volkskunde 
werden! 

Unbefangenheit in allen nationalen Fragen ist unser Grundsatz. 



An den Leser. 

Von Prof. Steinthal. 



Die von Prof. Lazarus und mir herausgegebene Zeitschrift für Völker- 
psychologie und Sprachwissenschaft liegt in 20 Bänden vor. Seit dem 
Erscheinen des ersten Heftes derselben ist so ziemlich ein Menschenalter 
verflossen, und von denjenigen Männern, welche jenes wohlwollend 
begrüssten, werden viele dahingeschieden sein und die gegenwärtigen 
Seiten nicht mehr lesen. Was jene Bände geleistet haben mögen, will ich 
nicht fragen; aber ich bin der festen Überzeugung: ehrliche Arbeit bleibt 
nicht ohne Erfolg. 

Von jetzt ab wird imsere Zeitschrift unter anderem Namen, sozusagen: 
unter neuer Fla^e fahren; ihre Ladung wird den veränderten Verhält- 
nissen entsprechend teilweise eine andere sein; aber ihr Ziel, ihr wissen- 
schaftliches Streben wird dasselbe bleiben : die gründliche Erforschung des 
Volksbewusstseins, des geistigen Völkerlebens. 

Uns dieses Ziel wieder einmal vorzuhalten, könnte wohl jederzeit 
erwünscht, erforderlich sein^ umsomehr beim Antritt der neuen Fahrt 
Selbst eine teilweise Wiederholung dessen, was wir beim ersten Erscheinen 
dieser Blätter (Bd. L S. 1— 73; vergl. auch Bd. XVII. S. 233- 264) gesagt 
haben, dürfte den gegenwärtigen Lesern nicht unwillkommen sein. 

Es war ein neuer Terminus: Völkerpsychologie, und er hat viele 
Gegner gehabt. Die Psychologie überhaupt, als Wissenschaft vom 



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An den Leser. 11 

Mechanismus des Bewusstseins, war in unserem Jahrhundert nicht beliebt: 
den Romantikem und Mystikern war sie abstossend; den Materialisten war 
sie ein metaphysisches Überlebsel; selbst den Freunden der Psychologie 
aber schien die Völkerpsychologie der falschen Vorstellung einer Volks- 
seele Vorschub zu leisten; und endlich hatte sie gar zu innige Freunde, 
welche sie darum für überflQssig erklärten, weil sie langst vorhanden sei 
und ihren Fortgang schon nehmen werde. Sie alle — ob sie uns gelesen 
und imsere Äusserungen geprüft haben? Gleichviel. Am ungeberdi^ten 
hatten sich die letztgenannten Freunde gezeigt (Haupt, Scherer u. a.). 

Ich bemerke hier nur kurz: die Geschichtsforschung erweckt das 
Bedürfiiis nach der Historik, die Interpretation und Kritik nach der Her- 
meneutik und der Theorie der Kritik, und niemals kann das eine das 
andere ersetzen. Durch das Studium eines Lehrbuches der Historik oder 
der Hermeneutik ist freilich noch niemand ein grosser Historiker oder 
Philologe geworden; aber jenes Studium bleibt darum doch, neben der 
Betrachtung vortrefflicher Musterleistungen der Meister, dem Anfänger sehr 
nützlich, ja unentbehrlich. — Aber auch wenn das nicht wäre : so ist doch, 
sollte ich meinen, eine Beobachtung der Maximen^ welche unsere grossen 
Historiker und Philologen geleitet haben, und, noch tiefer gehend, eine 
Erforschung der Gesetze alles geistigen Geschehens, auf welche jene 
Maximen sich gründen, eine für sich bestehende und höchst anziehende 
Disziplin. 

Mit dem Namen Völkerpsychologie wollten wir nicht den Ruhm einer 
Erfindung oder auch nur einer Entdeckung erwerben, sondern nur auf 
ein erst wenig und planlos bebautes Gebiet hinweisen, das uns von weitem 
Umfange und, weil höchst fruchtbar^ zur Kolonisation dringend empfehlens- 
wert schien. Wir haben die Hinweisungen bei W. von Humboldt, beim 
Geographen Carl Ritter u. s. w. emsig aufgesucht, und zu den damals 
aufgeführten Namen hätten wir heute nicht wenige neue hinzuzufügen; wir 
waren bemüht, zu zeigen, dass wir nichts Neues, nichts Unerhörtes wollten. 

Um in die Völkerpsychologie einzuführen, nahmen wir drei Ausgangs- 
punkte ein. 

Zuerst die Psychologie im üblichen Sinne. Vor einem Menschen- 
alter und darüber zurück konnte man meinen, die Psychologie sei eine 
philosophische Disziplin^ und folglich gebe es soviel Psychologien als philo- 
sophische Systeme, und so gebe es denn auch eine Herb art sehe wie eine 
Hegeische u. s. w. Ich setze voraus^ dass heute kein Leser mehr in 
diesem Irrtum befangen ist. Die Psychologie ist eine empirische Disziplin, 
nach Charakter und Prinzip so empirisch wie Physik und Physiologie. 
Dies prinzipiell festgestellt zu haben, ist das unvergängliche Verdienst 
Herbarts, das dadurch nicht verkümmert wird, dass er selbst seine 
Psychologie auf Metaphysik gegründet glaubte, und selbst sein missglückter 
Versuch, für die Bearbeitung derselben auch die Arithmetik zu Hilfe zu 



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12 Steinthal: 

nehxuen, mag in Vergessenheit sinken oder auch jemanden zu einem neuen 
Versuch reizen — immerhin lag doch diesen Berechnungen Herbarts 
der fruchtbare Gedanke einer psychischen Mechanik zu Grunde. Es 
war eine unübertroffene Kühnheit, wenn Herbart aussprach, die Vor- 
stellungen bewegen sich in unserem Bewusstsein genau so gesetzmässig 
wie die Gestirne; er sprach es aus in einer Zeit, wo man sich in dem 
Taumel einer absoluten geistigen Freiheit oder einer absoluten Sündhaftig- 
keit oder eines, gleichgültig durch was, unabänderlich prädeterminierten 
Charakters jedes einzelnen Menschen herumtrieb. Mit diesem Grundsatz 
aber, das Bewusstsein bilde einen Mechanismus, verschieden zwar vom 
physikalischen, jedoch durch feste Bewegungs- Gesetze geregelt, war die 
Psychologie geboren. 

Derselbe Herbart aber sprach auch aus: „Die Psychologie bleibt 
immer einseitig, solange sie den Menschen als alleinstehend betrachtet. ** 
Nur in der Gesellschaft und durch dieselbe ist der Mensch ein 
geistiges Wesen und erhebt er sich über das Exemplar einer natürlichen 
Art von animalischen Organismen zur individuellen Persönlichkeit. Der 
Geist aber ist in Wahrheit, bevor er individuell und persönlich wird, ein 
allgemeiner Geist, ein Geist der Gesamtheiten, ein objektiver Geist, und 
der ist es, welcher das Objekt der Völkerpsychologie bildet. Nicht als 
ob nut die Volksgeister solche Gesamtheitsgeister bildeten — es giebt 
allerdings auch religiöse Gemeinde - Geister, Standes -Geister, wissenschaft- 
liche und künstlerische Schul-Geister und wohl noch andere; diese alle 
aber werden doch von der National -Einheit umschlossen und getragen und 
stehen mit ihr in Wechselwirkung. 

Wenn man mich nun fragi;: was haben denn also eure 20 Bände 
geschaffen? wie, wodurch haben sie das allgemeine Wissen spezifisch 
gefördert, bereichert? so meine ich (obwohl ich dies dem gerechten Richter- 
spruche der Zukunft überlasse) antworten zu dürfen: ohne in den Irrtum 
einer mystisch substantiellen Volksseele zu verfallen (und wie gern und 
vornehm spielen gerade die Gegner der Völkerpsychologie mit der Volks- 
Seele und dem National -Geiste! Haupt nicht ausgenommen), ist der 
klare Begriff eines „objektiven Geistes** geschaffen und analysiert, ist über 
dem Natur-Reich, obwohl auf ihm beruhend (zur Freude Piatons, meine 
ich, und wohl auch Kants), ein „intelligibles Reich" oder ein „Reich von 
Intelligibilien" entdeckt. 

Der zweite Weg zur Völkerpsychologie geht von der Ethnologie aus. 
Dieser Weg ist der sichtbarste, geebnetste, am meisten betretene. In 
dieser Hinsicht wäre die Völkerpsychologie kurzweg als psychische 
Ethnologie zu bestimmen, womit ja nur eine Übersetzung gegeben wäre; 
und wie schon bisher ein grosser Raum der alten 20 Bände gerade dem 
geistigen Leben aller Völker der Erde gewidmet war, so werden, hoffen 
wir, die nun folgenden Bände als Organ des Vereins für Volkskunde dieses 



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An den Leser. 13 

Gebiet mit besonderem Fleisse und Erfolge anbauen. Eine nähere Be- 
grenzung derselben wird bald folgen. 

I^Ich mu88 zunächst das dritte Thor zur Völkerpsychologie offnen: es 
bildet den Eingang von Seiten der Geschichte, d. h. der fortschreitenden 
Entwicklung des menschlichen Geistes. 

In dem alten Namen historia naturalis bedeutet das dem Griechischen 
entlehnte historia nichts weiter als unser deutsches Kunde. Der konkreten, 
descriptiven Natur-Kunde stand zur Seite oder lag zu Grunde die abstrakte, 
rationale Physik (mit Chemie) und Physiologie. In neuester Zeit ist, 
wenigstens im Prinzip, wenn auch noch wenig ausgeführt (durch Darwin 
und seine Schüler), der Gedanke einer Geschichte der Natur, d. h, der 
Erde in ihrer allmählichen Gestaltung und der auf ihr lebenden vegetativen 
und ^animalischen Organismen nach ihren immer höher entwickelten Arten 
vom ursprünglichsten Lebewesen bis zum Menschen als der höchst stehenden 
Tier- Art geschaffen und populär geworden. — Wir können uns einer 
solchen Erweiterung oder Erhöhung der Natur-Kunde zur wirklichen 
Natur -Geschichte nur freuen, wenn auch thatsächlich die Erfolge der 
letzteren noch unvollständig und meist unsicher sind. Allemal aber wird 
sich doch die Geschichte des Geistes von der Geschichte der Natur ebenso 
unterscheiden, wie sich überhaupt Geist von Natur unterscheidet. Wenn 
wir nicht imstande sind, diese beiden so zu definieren, wie die Gesetze 
der Logik es erfordern, so rührt es eben daher, dass sie gar nichts 
gemeinsam haben. Darum ist zwar einerseits die Unterscheidung beider 
so unmittelbar gegeben, dass niemals auch nur der geringste Zweifel 
darüber entstehen kann, ob irgend eine Erscheinung eine physische ist 
und eine physikalische Erklärung fordert, oder ob sie eine psychische ist 
und auf psychologische Gesetze zurückgeführt werden muss; andererseits 
aber, da beide nichts mit einander gemeinsam haben, können wir sie niur 
als zwei letzte Begriffe schlechthin aufstellen, ohne ein beide umfassendes 
Genus mit spezifischen Differenzen zu bilden, wie es die Definition 
erforderte. Für uns ist es genug, zu sagen: Geist Bewusstsein; aber 
wir können eben auch nicht sagen, was Bewusstsein ist, und wir haben 
nur etwa im tiefen Schlaf ein Analogon des Bewusstlosen, also der Natur. 
Der wesentliche Unterschied zwischen der Entwicklung der Natur 
und dem Fortschreiten des Geistes erfolgt aus dem immateriellen Wesen 
der Vorstellungen oder des Bewusstseins, welche weder sinnliche Qua- 
litäten haben, noch auch wie Naturkräfte wirken. Dies zeigt sich in drei 
Punkten: 

1. Die Natur entwickelte sich, indem aus der einen Art eine andere 
höhere Art entstand; der Geist macht seine Fortschritte, während der 
Mensch immer derselben Art bleibt. 

2. Die organische Vererbung vollzieht sich von einem Individuum 
auf ein anderes, aus ersterem leiblich ausgelöstes, Individuum; die geistige 



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14 Steinthal: 

Vererbung geht von Generation auf Generation, weil eine menschliche 
Gesamtheit (Volk, Gemeinde) eine konkrete Einheit bildet, während die 
Art nur ein abstraktes Kollektivnrn bildet. 

3. Die Pflanzen- und Tier -Arten entwickeln sich, indem sie sich der 
Umgebung, in welche sie geraten, anpassen; der Mensch dagegen eignet 
sich die Umgebung an. 

Damit soll der in neuester Zeit so eifrig betriebenen, von Pechner 
(wenn auch aus falscher Metaphysik, doch mit vollem Recht und vielem 
Glück nach dem Vorgange der Physiologen, insbesondere der Gebrüder 
Weber) begründeten Psycho-Physik (warum nicht Physio-Psychik?) 
nichts von ihrem Wert und ihrem festen Boden abgesprochen werden. 
Denn wenn auch Geist und Natur gar nichts mit einander gemeinsam 
haben, und auch der BegriflF der Kausalität auf das Verhältnis der beiden 
zu einander durchaus uuanwendbar ist; wenn auch der Geist weder 
Materielles schaffen, noch auch unmittelbar bewegen kann (denn das hiesse: 
hexen), und andererseits die Materie weder Gefühl, noch Empfindung 
erzeugen kann: so besteht doch zwischen dem Materiellen und dem Psy- 
chischen ein Zusammenhang, eine Korrespondenz nach festen Proportionen, 
die sich in bestimmten Massen und Gesetzen erfassen lässt. In dieser 
Hinsicht mag es auch in Zukunft einmal eine Gehirn -Physiologie von 
psychologischer Bedeutung geben, wie es eine Physiologie der Sinues- 
thätigkeit schon giebt. Jede Empfindung ist ein seelisches Erzeugnis nach 
Massgabe der physiologischen Thätigkeit des Sinnes -Organs. So ist z. B. 
Kurzsichtigkeit eine geistige Schwäche in Zusammenhang mit der Gestaltung 
des Seh -Organs, und ebenso Aphasie mit Störungen des Gehirns. Mehr 
aber als Physiologie der Sinne ist einstweilen die Psychophysik nicht und 
kann sie nie werden. 

Doch dies nur nebenbei zur Feststellung der vollständigen Verschieden- 
heit der Entwicklung oder Geschichte des Geistes von der Natur- Geschichte 
in neuerem Sinne. Es giebt allerdings, wie für den Einzelnen, so auch 
für die Völker eine Physio-Psychik (wie Einfluss des Landes nach Klima, 
Lage, Bodenbeschaffenheit auf den Volksgeist); aber wie es rein psycho- 
logische Gesetze für die Entwicklung des Einzelnen giebt, eine Mechanik 
des Bewusstseins an sich: so giebt es auch Gesetze für die geistige Ent- 
wicklung der Völker, und diese Gesetze stellt die Völkerpsychologie dar. 

Diese ist also die eigentliche Historik, und deren Aufgabe ist es, der 
erzählenden und darstellenden Geschichte in ähnlicher Weise die rationale 
Grundlage darzubieten, wie die Physik und Physiologie dieselbe für die 
Naturgeschichte bildet. 

Nun hat sich aber in neuester Zeit in der Soziologie ein viertes 
Thor der Völkerpsychologie eröf&iet Diese jüngste aller Disziplinen hat 
sich in Darwins Gefolge gebildet Bekanntlich war der Gründer der 
Descendenz- Theorie nicht zuerst durch Beobachtung der Natur auf die 



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An den Leser. 15 

Idee Yom Kampf ums Dasein geführt; sondern er hat dieselbe durch einen 
Blick auf den menschlichen Verkehr gewonnen. So war es ein sehr 
begreiflicher Rückschlag, dass die Grundsätze, welche auf die Natur- 
Entwicklimg angewandt waren, weiter auch das gesellige Leben der 
Menschen erleuchten sollten. Paul von Lilien feld (Gedanken über die 
Sozialwissenschaft der Zukunft) macht seinen Vorgängern den Vorwurf, 
dass sie, wie das Tier, so auch den Menschen immer nur als Einzelnen 
betrachten, niemals aber die menschliche Gesellschaft als „reale Einheit^, 
,yrealen Organismus^ erfassen, innerhalb dessen der Einzelne die Rolle 
einer Zelle spielt. Der Standpunkt, den er dabei inne hält, soll der der 
Psychophysik sein, und so hat der dritte Band seines genannten Werkes 
den besonderen Titel: „Soziale Psychophysik". So wäre eigentlich Sozio- 
logie, da sie ganz und gar psychologisch sein muss, und andererseits Völker- 
psychologie, da sie die Erforschung der psychischen Vorgänge in der 
menschlichen Gesellschaft zur Aufgabe hat, insofern durchaus identisch. 
Der Unterschied liegt bloss darin, dass die Soziologie sich nur mit den 
praktischen Verhältnissen der Gesellschaft befasst, also mit der Rechts- 
Ordnung und der staatsbürgerlichen Verfassung, wie auch mit den national- 
ökonomischen Beziehungen, dagegen das contemplative Leben nicht berührt. 
So würde die Soziologie eben die eine Hälfte der Völkerpsychologie bilden ; 
ihr Objekt wäre die Civilisation der Völker in Gegensatz zu deren Kultur 
(wenn man Civilisation und Kultur mit W. von Humboldt so unter- 
scheidet). Nachdem man also die Natur -Reiche in ihrer gesamten Ent- 
wicklung hindurch verfolgt hat, gelangt man schliesslich auf das Getriebe 
der menschlichen Gesellschaft. In dem Leben der Tiere fehlt das psy- 
chische Moment und die Geselligkeit nicht durchaus, macht sich aber nur 
stellenweise geltend; im Leben der Menschen ist beides aufs Entschiedenste 
massgebend. Also kurz, was wir Völkerpsychologie nannten, heisst nach 
der Richtung derselben auf die Praxis der Völker dem Darwinisten Sozio- 
logie. 

Was liegt am Namen? Insofern er bloss Laut ist, gar nichts; wenn 
er bloss ein aufgeklebter Zettel einer Schachtel wäre, dürfte er klingen 
wie er mag. Wir sind aber gewöhnt, bei jedem Wort (und der Name 
einer Disziplin ist ein inhaltsschweres Wort) etwas zu denken. Lilien- 
feld aber irrt, wenn er meint, Psychophysik sei „eine auf naturwissen- 
schaftlicher Methode begründete Psychologie**. Ohne Stolz und ohne 
Demut muss ich mich frei von dem Aberglauben der allein Erkennt- 
nis schaffenden naturwissenschaftlichen Methode erklären. Ich 
habe oben von der Berechtigung der Psychophysik gesprochen. Lilien - 
feld glaubt exakt zu verfahren, während seine ganze Konstruktion der 
Soziologie nur auf Analogie^n beruht. Der soziale Organismus besitzt 
nur Nervenzellen und nur Nervengewebe, sagt Lilienfeld; die soziale 
Zelle aber sei die Person. Besteht hier wirklich Einheit des Wesens 



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16 Steinthal: An den Leser. 

zwischen der Funktion der Nervenzelle und der Person? Die Sozial- 
Wissenschaft wird von Lilienfeld bald „als Zweig der Naturkunde", 
bald als „Hilfswissenschaft" derselben gepriesen. — Ausser den Nerven- 
zellen gebe es auch eine Intercellular- (Zwischenzellen-) Substanz. Diese 
werde in der Gesellschaft dargestellt durch Sprache, Geld, Kunstwerke u. s. ^w. 
Ist dies mehr als Analogie? Wird hierbei der soziale Organismus wirklich 
als ein „realer" aufgefasst oder bloss in Analogie zu einem solchen? Ich 
meine, so lange man nicht begreift, dass der Geist etwas Wirkliches, ob- 
wohl nichts Körperliches, ist, so lange kann man auch nicht begreifen, 
wie der soziale Organismus, obwohl geistig, doch durchaus eine Bealitat 
haben kann. Analogien zwischen Geist und Körper werden sich in Fülle 
darbieten; aber sie beweisen nicht Gleichheit und Selbigkeit des Wesens 
beider. „Die Begriffe Freiheit, Moral, Recht, Religion u. s. w. erhalten 
durch solche Analogien keinen realen Boden." 

Dagegen will ich schon hier auf eine Arbeit verweisen, die später 
genauer besprochen werden soll, von G. Simmel: „Über soziale Differen- 
zierung. Soziologische und psychologische Untersuchungen" (Staats- und 
sozialwissenschaftliche Forschungen. Herausgegeben von G. Schmoller. 
Bd. X. Heft 1). Verf. bezeichnet in der Einleitung den psychologischen 
Charakter der Soziologie sehr scharf (wenn er auch den Terminus „objek- 
tiver Geist" meidet), und betrachtet von disem Standpunkt aus die 
Kollektiv-Verantwortlichkeit nach ihrer verschiedenen Bedeutung in den 
verschiedenen Zeiten, dann weiter, hieran anschliessend, das wandelbare 
Verhältnis der Individualität zur Gruppe, innerhalb deren sie steht; end- 
lich das Prinzip der Kraftersparnis als ebenso wichtig für das psychische 
und speziell das sosiale Leben, wie für die Entwicklung der Natur- 
Organismen. In diesen Darlegungen wird überall nicht mit Analogien 
getändelt, sondern man fühlt sich wirklich auf dem festen Boden einer 
exakten Betrachtung psychischer Verhältnisse und Erscheinungen. 

So habe ich nur noch für die weitere Ausführung des Gesagten teils 
auf unseren Aufsatz im ersten Hefte des ersten Bandes dieser Zeitschrift, 
wozu noch Bd. XVH. 233—264 und XVHI. 311—324 zu vergleichen sind, 
teils auf die gedrängtere Übersicht unseres verehrten Herrn Weinhold 
im ersten Hefte des zwanzigsten Bandes, endlich auf das demnächst als 
viertes Heft desselben Bandes erscheinende General -Register für alle 
zwanzig Bände zu verweisen. 

Schliessen aber will ich mit der Bemerkung, dass die wissenschaftliche 
Volkskunde, wie eng oder weit man deren Gebiet abstecken mag, immer 
eine psychologische Disziplin sein wird. Aller Geist, auch der hervor- 
ragendsten Individuen (wie Luthers, Lessings), liegt im Volke; der 
National -Geist ist entweder Ausgangs- oder Endpunkt oder beides für. 
jeden individuellen Geist. Daher bezeichnet Völkerpsychologie oder 



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Schwartz: Volkstümliche Schlaglichter. 17 

wissenschaftliche Volkskunde nicht einen bestimmten Ausschnitt der 
geistigen Betätigung, sondern nur eine besondere Weise der Betrachtung. 
Ist diese mehr synthetisch, so nennen wir sie völkerpsychologisch; ist sie 
mehr analytisch, so rechnen wir sie zur Volkskunde und zur Geschichte. 



VoUtstümliclie Schlaglichter. 

Von Wflhelm Schwartz. 



Wenn Sammlungen von Sagen und Aberglauben den Kultur- und 
namentlich den wissenschaftlichen Kreisen das Verständnis des Volks- 
glaubens vermitteln, so gehören dazu als Ergänzung eines richtigen Bildes 
von dem ganzen Denken und Empfinden der „volkstümlichen" Kreise in 
jenen, wie in den übrigen mannichfachen Lebensverhältnissen, gleichsam 
Gallerien von kleineren Genrebildern, in denen sich auch in jenen Schichten 
das allgemein Menschliche, wenngleich in primitiveren, beschränkteren und 
oft roheren Lebensformen, abspiegelt*). 

Derartiges erscheint zumal für eine wissenschaftliche Volkskunde 
heutzutage um so notwendiger, je mehr das ganze europäische Kulturleben 
sich immer ideeller wie rationeller entwickelt, und Litteratur, Wissen- 
schaft und Kunst die Kluft erweitert haben, welche überall schon da ent- 
steht, wo, neben einem natürlichen, den mehr ländlichen Kreisen anheim- 
fallenden Volkstum, sich ein reicheres Kulturleben an einzelnen Central- 
stellen in besonderen Lebensgestaltungen zu entfalten beginnt. 

Zwar ist mit der politischen Entwicklung Europas seit dem Ende des 
vorigen Jahrhunderts in der Wissenschaft prinzipiell die Verachtung 
geschwunden, mit der damals die gebildete Welt in dem idealen Auf- 
schwung, welchen sie selber zu nehmen anfing, auf die Sprache und das 
ganze Leben und Treiben der unteren Stände hinabzusehen sich gewöhnt 
hatte. Aber das Verständnis desselben wird noch vielfach behindert durch 
den täglich sich im Gefühl jedes Einzelnen bewusster oder unbewusster er- 
neuenden Gegensatz zwischen einem nach idealer Schönheit ringenden Kultur- 

1) Gelegentlich hab^ ich schon auf derartiges hingewiesen in Artikeln wie «Von eJB^- 
zelnen Ueberresten des alten Naturzustandes in der heutigen Lebensweise der Deutschen", 
„Homer und der alte Fritz im Volksmund'', ^Mark^af Hans im Könifrl. Museum zu Berlin**, 
die in den „Prähistorischen Studien**, S. 112 ff., 141 f , 502 f. wiederabgedruckt sind. Vergl. 
daselbst die kr oihistoiisch- pädagogischen Miscellen, & 879 f. und 207 Anh. 

Zeitschrift d. Vereins f. VoUukunde. 1891. 2 



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Xg Schwartz: 

leben, dem er seiner Bildung nach selbst angehört, und den beschränkten 
oder formlosen, ja oft in roher Natürlichkeit ihn zunächst oft unangenehm 
berührenden Lebensformen der seitab lebenden Massen. Und dennoch 
liegt in dem richtigen Erfassen des Kerns jener der Schwerpunkt der 
Sache und überhaupt die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Behandlung 
des Volkstums. 

Denn das Volkstum ist nicht bloss ein lebendiges, stets sich erneuendes 
Reservoir der Lebenskraft einer jeden Nation, sondern auch das Prototyp 
und die Grundlage ihres ganzen Denkens und Empfindens, wie es auf den 
Höhen der Kultur und der Bildung zum vollen Ausdruck gelangt und der 
Nation ihren weltgeschichtlichen Charakter verleiht. Und wenn hiemach 
die Volkskunde schon zu einem Objekt der historischen Wissen- 
schaft wird, so weitet sich, als selbständige Wissenschaft gefasst, die 
vergleichende Volkskunde zu einer Völkerpsychologie, welche im 
Leben der Völker das allgemein Menschliche in seinen mannichfachen 
Gebilden und Phasen verfolgt, in denen es historisch in die Erscheinung 
getreten ist oder noch lebendig sich gelegentlich im einzelnen vor unseren 
Augen bekundet. 

Die Vergleichung der verschiedenen Volkstypen eröffnet aber nicht 
bloss weitere Perspektiven, sondern bringt auch meist erst die einzelnen 
Pakta in ihre richtige Stellung und lehrt ihren natürlichen Ursprung, 
sowie ihre Weiterentwicklung richtig fassen. 

Die Blutrache erscheint z. B. bei einem Volke vom Standpunkt der 
heutigen Gerechtigkeitspflege civilisierter Völker aus zunächst als eine rohe 
und grause Sitte. Die vergleichende, in die Anthropologie auslaufende 
Volkskunde knüpft aber bei Betrachtung derselben an Analogien, besonders 
innerhalb der ersten Gestaltungen menschlichen Lebens in Familie, Ver- 
wandschaft und Stamm an und lehrt uns, dass für diese Zeit die Blutrache 
ein Fortschritt und der erste Schritt auf dem Gebiet einer natürlich sich 
entwickelnden Gerechtigkeitspflege war, indem nach ihr ein Totschlag 
nicht mehr straflos blieb, sondern die Familie, bezw. der Stamm, den Mord 
eines der Ihrigen zu rächen als eine natürliche Aufgabe oder Pflicht ansah. 

Wenn dann weitere Phasen zeigen, wie in fortschreitender Entwicklimg 
des Lebens zu mehr staatlichen Zuständen mit der Zeit der Träger der 
Rache, bezw. die Form der Verfolgung, wechselte und sich dabei allmählich 
im Anschluss an ethisch- religiöse Empfindungen das Gefühl einer sühnen- 
den Gerechtigkeit in der Welt in den Gemütern anbaute, und aus dem 
rohen Wiedervergeltungsakt so ein „gerichtliches" Verfahren wurde, so 
stellt die Anthropologie damit fest, wie aus einem rein naturalistischen 
Zustande durch eine Kette von Entwicklungsstufen sich allmählich ideellere 
Formen und Grundsätze gebildet haben. 

Dass aber jener das Ursprüngliche gewesen, findet seine Bestätigung 
darin, dass selbst unter civilisierten Verhältnissen noch immer gelegent- 



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Volkstümliche Schlaglichter. 19 

lieh die Leidenschaft der Menschen in einzelnen Fällen einen Anlauf 
genommen hat oder noch immer nimmt, persönlich dem Rachegefühl nach- 
zugehen. Es erneuen sich eben mit jedem Geschlecht die natürlichen 
Triebe und werden nur durch das öffentliche Leben, bezw. die Erziehung, 
in gewisse Formen und Schranken zurückgedrängt. 

Aus diesem Umstand aber erwächst dem Völkerpsychologen bei seinen 
Forschungen die Aufgabe, zu den einzelnen Erscheinungen dieses oder 
jenes Volkstums überall Analogien in den ihn umgebenden Kreisen zu 
suchen, um den allgemein menschlichen Charakter, der sich in jenen aus- 
prägt, richtig zu verstehen und zu verwerten. 

Um noch ein analoges Beispiel des geschilderten Entwicklungsprozesses 
anzuführen, so treten ähnliche Phasen un3 Beziehungen wie bei der Blut- 
rache in der Entwicklung des Verhältnisses der Geschlechter zu einander, 
im Zusammenleben beider und in einer daran sich schliessenden Familien- 
grappe, als der ersten dauernden Gemeinschaft von Menschen im gemein- 
samen Kampf um das Dasein hervor. Aus dem Natürlichen entwickelt 
sich auch hier erst mit der Zeit das Ideelle, der Begriff der Ehe als eines 
geistigen, Individuen verschiedenen Geschlechts für das lieben vereinenden 
Bandes. Wenn die Sinnenwelt es knüpft, so bauten die Bedürfnisse des 
Lebens allmählich das Verhältnis aus. Die tägliche Sorge für die Ernährung 
und für die EJeidung, deren Materialien der Mann herbeischafft, schufen 
die Stellung der Hausfrau, ebenso wie die Erziehung oder, genauer 
gesprochen, die allmähliche Verwendung der heranwachsenden Mitglieder 
der Familie im Dienst derselben die Herrschaft der Mutter weitete. 
Yirchow hat vollständig recht, wenn er von diesem Standpunkt ausführt, 
dass erst beim Sässigwerden der Menschen „am Kochherd'' die Kultur- 
aufgabe des Weibes für jene Zeiten zum vollen Ausdruck kam. 

Unseren ideeller gestimmten Zeiten klingen freilich solche Betrach- 
tungen zunächst fast unwürdig. Die erwähnten Verhältnisse haben aber, 
wenn sie gleich heutzutage nach den jetzigen Kulturzuständen mehr zurück- 
treten, nicht bloss immer noch ihre Analogien, sondern sogar noch immer 
eine gewisse reale Bedeutung, und in der Erkenntnis dieses Umstandes 
liegt der Beweis der Richtigkeit der angedeuteten anthropologischen Ent- 
wicklungstheorie, wie schon von Haus aus die Vergleichung mit der Gegen- 
Mrt im Einzelneu das Verständnis für die Verhältnisse überhaupt erschliesst. 
Wie die Jägervölker am Weibe vor allem schätzen, wenn sie gut die 
Pelle zusammennähen und für die Kleidung sorgen kann, auch noch 
Homer für die Griechen es vor allem am Weibe preist, wenn sie des 
Webens wohl kundig ist, und wie bei den Ariern dann allgemein besonders 
^ Herde sich die Tüchtigkeit der Frau weiter bewährt, ist es nicht nur 
IQ den Arboiterkreisen bei uns auch noch heutzutage ein Hauptmoment 
^ der Ehe, — über dessen Mangel nicht die schönsten lledensarten hinfort- 
iielfen, — ob die Frau den Mann imd die Kinder ordentlich „benäht", 

2* 



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20 Schwartz : 

wie es heisst, d. h. ganz in der Kleidung erhält, und ob zur rechten Zeit 
der Kochtopf voll ist, sondern auch in den höheren Schichten vibriert 
dasselbe Moment, nur in anderen Formen, noch immer hindurch! Wenn 
hier der Mann der Familie durch sein Thun im grossen Ganzen den 
Stempel aufdruckt, so beruht die Kontinuität und gleichsam Dauerhaftig- 
keit derselben doch mehr auf den täglichen Lebensgewohnheiten, welche 
die Frau ihr und dem Nachwuchs gegeben. 

Den natürlichen Faden der Entwicklung aber stets festzuhalten, 
ja ihn überhaupt der Wissenschaft zu vermitteln, ist gerade eine Haupt- 
aufgabe der Volkskunde. Nicht bloss Tacitus ging fehl, als er den alten 
Deutschen unterschob, sie hätten keine Tempel, weil sie glaubten, das 
Göttliche nicht in Wände einschränken zu dürfen, sondern es ist derartiges 
eine allgemeine Stubengelehrtenkrankheit, die überall da hindurchbricht, 
wo die Wissenschaft und Litteratur nicht in Fühlung mit dem Leben 
bleibt. Will man doch z. B. selbst noch aus Homer und dem griechischen 
Altertum, wo der natürliche Hintergrund doch noch überall sichtbarlich 
hindurchblickt, ihn möglichst ausmerzen, wenn er einmal schärfer unserem 
modernen Gefühl oder Geschmack widerspricht*). 

Deshalb erschien es mir nicht ungeeignet, zur Vorbereitung einer 
Charakteristik des Volkstümlichen in diesem Sinne, dasselbe einmal in 
seiner Eigentümlichkeit auf verschiedenen Gebieten, wie es überall noch, 
namentlich auf dem flachen Lande und in den kleinen Städten, gelegent- 
lich in einzelnen Zügen charakteristisch hervortritt, gleichsam an prak- 
tischen Beispielen zu verfolgen. An die Spitze möchte ich eine Samm- 
lung charakteristischer Volksmiscellen stellen, wie sie mir bei dem 
Verkehr mit dem Volke einst auf langiährigen Wanderungen in 
der Mark und dann überhaupt in Norddeutschland behufs Sammeln 
von Sagen und dergleichen"), gelegentlich entgegengetreten sind, und in 
denen das allgemein Menschliche zu einem für den Volkstypus bezeich- 
nenden Ausdruck gelangt und zu denen auf den Höhen des Lebens in der 



1) Wenn z. B. Antigone beim Sophokles in ihrer Erregtheit vom „natürlichen*" Stand- 
punkt aus auseinandersetzt, dass der Bruder ihr höher stände als ein Gatte oder ein 
eigenes Kind, denn beide könnte sie wieder bekommen, aber nachdem Vater und Mutter 
tot, einen Bruder nicht. Oder Jokaste dem Oedipus seine Sorgen ausreden will mit 
der Bemerkung, „dass viele Menschen auch in Tr&uroen schon sich vermählt sahen ihren 
Müttern". Man muss solche Stellen nicht von unserem Gefühl, sondern von der Anschauung 
des betreffenden Volkes aus auffassen, ebensowenig wie man in Homers Ilias die Verse 
ausmerzen darf, in denen der Dichter den Odjsseus dem Thersites, um den widrigen 
Schw&tzer zur Ruhe zu bringen, eins mit dem Scepter überziehen l&sst, indem man es für 
„feiner'' erachtet, wenn er ihm nur Schläge androht 

2) Vergl. A. Kuhn und W. Schwartz, Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche 
aus Mecklenburg, Pommern, der Mark, Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Hannover, 
Oldenburg, Westfalen. Aus dem Munde des Volks gesanunelt. Berlin 1849. DesgL die 
Märkischen Sagen vom Jahre 1843,, bezw. die Volksausgabe, Berlin bei Hertz, vom 
Jahre 1886. 



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Yolkstümliche Schlaglichter. 21 

Form entsprechende Analogien sich finden, welche nur den kleinen Inter- 
essen entrückt und, von geistigeren Strömungen getragen, eine idealere 
Gestaltung zeigen. 

Denn, wie ich auf mythologischem Gebiet auf die „volkstümlichen 
Naturanschauungen*^ als die ^Grundlagen der entwickelten Göttersagen** 
hingewiesen habe^ so spiegeln ähnlich sich auch im übrigen Volksleben 
alle Richtungen des allgemein Menschlichen ab. Und wenn sie unter dem 
Druck des alltäglichen Lebens sich nicht voller und breiter entwickeln 
und ihnen ein beschränkter Horizont, sowie enge Verhältnisse den Stempel 
aufdrücken, so fehlt es ihnen doch nicht gelegentlich an Innigkeit und 
Tiefe des Empfindens, sowie an Schärfe der Auffassung und reicher Lebens- 
erfahrung, was nur eben bei der natürlichen Naivetät oder gar Derbheit 
in der Form, in der sie gebildeterem Leben gegenüber erscheinen, oft nicht 
voll erkannt wird. 

Wenn der I. Abschnitt „Volksgeschichten und kulturhistorische 
Parallelen in ihren Analogien und Kontrasten** bietet, so denke ich in 
einem 11. „Von der volkstümlichen Naturkenntnis", in einem III. dann 
von der „Farbenkenntnis des Volks** zu handeln, während ein IV. „Die 
Weltgeschichte im Spiegel des Volkstums** schildern soll. Es sind dies 
Gesichtspunkte, wie sie sich mir bei den betreffenden Studien im Volke 
selbst bedeutsam aufgedrängt haben. 



I. Volksgeschiehten und kulturhistorisehe Parallelen. 

Zunächst also ein paar einfache kulturhistorische Parallelen, in denen 
sich die Höhen und Tiefen des Lebens in denFormen begegnen und 
nur in den Motiven auseinandergehen. 

„Sokrates und der Ruppiner Tagelöhner.** Plato schildert uns 
in erhebender Weise in seinem Phaedon, wie Sokrates sich auf seine 
Sterbestunde vorbereitet. „Es ist der Philosoph, der von der Welt scheidet 
in dem Gefühl, zu höheren Sphären einzugehen.** Gelegentlich flicht Plato 
nun einige Züge ein, die Sokrates uns wieder „menschlich** näher bringen, 
damit aber um so bedeutsamer indirekt die „ideelle Höhe**, zu der er sich 
emporgerungen, hervortreten lassen. So lässt er ihn, ehe er den Gift- 
becher trinkt, sagen, „er wolle ein Bad nehmen, damit er nicht 
nachher den Leichenfrauen viel Arbeit mache***). 

Dazu stellt sich eine Ruppiner Geschichte von der Sterbestunde eines 
Tagelöhners, die in ihrer naiven Form mir als eine Art Humoreske 
erzählt wurde, aber, abgesehen von dem verschiedenen Hintergrund und 
den verschiedenen Motiven, denselben Charakter hat. — Der Mann merkte. 



1) Joxtl yag dii ßilitor elvaty Xovadfueror nutv to tpaQfjLaxov ttaX /u^ nQayfiaia 



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22 Schwartz: 

dass dio Todesstunde nahe. Nach einem langen Leben voller Arbeit und 
Sorgen sah er ruhig dem allgemeinen Mensehenlos entgegen. Er hatte 
in seinem Gefühl gleichsam „ausgelebt*^! Nachdem er sich und alles 
bestellt, sagte er zu seiner Frau: „Mutter, jetzt geht es bald zu Ende. 
Nun könntest Du den Barbier holen, damit er mich noch einmal 
rasiert. Sieh, jetzt kostet es einen Sechser, und wenn er es nachher 
(bei der Leichenwäsche) thun soll, kostet es 2gr.!" 

Die Sache kommt in beiden Fällen fast auf dasselbe hinaus. Aber 
den Tagelöhner, welcher zeitlebens jeden Groschen umgekehrt hatte, ehe 
er ihn ausgab, bestimmte dem entsprechend nur dabei die Rücksicht auf 
die sonst erwachsenden Mehrausgaben, während Sokrates ein ethisches 
Gefühl, die Humanität gegen die armen Wäscherinnen, auf einen ähn- 
lichen Gedanken brachte. 

„Ich weiss nicht, wie ich es ihm beibringen soll.'' Die Witwe 
eines Tagelöhners in demselben Ort hatte früher bei einer verwitweten Majorin 
ebendaselbst gedient, und diese bewahrte der früheren treuen Dienerin 
stete Teilnahme. Oft traf sie selbige auf dem Kirchhof, wenn sie das 
Grab ihres Gatten dort besuchte, und sprach mit ihr dann dies oder jenes 
Wort, bei welcher Gelegenheit sie erfuhr, dass die Tagelöhnerwitwe stets 
am Grabe ihres Mannes in treuem Rapport mit dem Toten blieb, ihm 
alles berichtete, was zu Hause passierte, wie es mit dem kleinen Anwesen, 
das sie gehabt, gehe, ob das Schwein gedeihe u. dergl. m. 

So ging es ein Paar Jahre. 

Da traf sie einmal die Frau ganz beklommen am Grabe ihres Mannes, 
mit Thränen in den Augen, stehend. Als sie selbige fragte, was sie denn 
habe, antwortete jene: „Ja, ich weiss garnicht, wie ich es ihm (dem Toten) 
beibringen soll. Ich will wieder heiraten,*' und dabei stockte sie. Nun, 
sagte die Dame, das ist doch nachgerade auch nicht schlimm, er ist ja 
schon lange tot. „Das wäre auch richtig,'^ meinte jene, „sie schäme sich 
nur zu sehr, ihm zu sagen, dass sie schon in anderen Umständen sei," und 
dabei brach ein Thränenstrom hervor. 

Die kleinen Verhältnisse decken hier mit dem Schleier des Humors 
den alten Volksglauben, der meinte, im Rapport mit den Geistern der Ver- 
storbenen bleiben zu können, und das Grab als den natürlichen Vermittlungs- 
punkt dafür fasste. In der Sache ist es aber dasselbe, als wenn Atossa 
beim Aeschylos am Grabe des Darius ihm das Leid klagt, das ihr heiss- 
sporniger Sohn über Persiens Volk gebracht. Die eine Scene bewegt sich 
nur eben in beschränktem Lebenskreise und weckt so heutzutage, wo auch 
der Glaube selbst geschwunden, fast mehr Humor, — voller Ernst war es 
der Tagelöhnerfrau aber auch, — während Atossas Auftreten auf der Höhe 
eines nationalen Lebens in dem welterschütterndeu Ringen der Griechen 
und Perser, zumal der Glaube damals noch das Beschwören des Schatten 



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Yolkstfimliche Schlaglichter. 23 

des Darius und sein Erscheinenlassen dem Dichter gestattete, im vollsten 
Pathos der Weltgeschichte wirkt. 

Wenn aber gleich heutzutage das Beschwören der Toten ein abgethaner 
Glaubenssatz ist, so wirkt ihr angebliches Erscheinen im Traume doch 
noch immer wie in der Urzeit gelegentlich auf die Überlebenden ein; 
Visionen, wie sie nie ganz aufhören werden. 

Ich habe in den kulturhistorischen Studien aus Plinsberg vom 
Jahre 1877*) schon eine in dieser Beziehung charakteristische Geschichte 
mitgeteilt. 

Eine Frau, deren Mann gestorben, kommt nach einigen Tagen zum 
Prediger und klagt ihm ihr Leid. Sie wolle nur gestehen, sagt sie, sie 
hätte ihren Mann in einem zerrissenen Hemde begraben, nun liesse es ihr 
keine Ruhe, die Nachbarn hätten es ihr gleich gesagt. Alle Nacht käme 
ihr Mann (im Traume) und klage ihr, er werde mit seinem zerrissenen 
Hemde nicht in den Himmel kommen. Ob es nicht möglich sei, ihn 
noch einmal auszugraben, und das zerrissene Hemde durch ein ganzes zu 
ersetzen. 

Der Volkshumor deckt auch hier das Bild, indem er den Geistlichen, 
nachdem er durch Fragen herausbekommen, das Loch sei hinten im Hemde 
gewesen, die Frau tröstet, indem er sagt, dann könne sie ruhig sein, ihr 
Mann sei stets im Leben ein solcher Schlauberger gewesen, der werde 
sich auch schliesslich bei Petrus so an der Wand entlang drücken, dass 
jener das Loch nicht bemerke u. s. w. Aber abgesehen von dem humo- 
ristischen Motive und dem dadurch bedingten Charakter stellt sich die 
Geschichte als gleichartig zu den Scenen bei Homer, wenn des Patroklos 
Geist dem Achill im Traume erscheint und um baldige Bestattung bittet 
oder bei der Beschwörung der Toten von Seiten des Odysseus des Elpenor 
Schatten jenen ebendaran mahnt, weil er sonst nicht in das Reich der 
Seelen Eingang fände. Die letztere Geschichte bildet sogar im Charakter 
eine Art Übergang zwischen den beiden anderen. Das Erscheinen des 
Patroklos tritt mit vollem heldenmässigen Pathos ein, während des Elpenors 
Tod, wie der unerfahrene Mensch trunken sich auf das platte Dach legt, 
um auszuschlafen und, als er erwacht, noch halb im Schlaf, herunterstürzt, 
in ihrer ganzen Ausführung auch schon mehr nach einem etwas rohen 
Volkshumor schmeckt. 

Auf fast allen Lebensgebieten treten solche Parallelen bezw. Kontraste, 
wie die gezeichneten, hervor, selbst auf politischem, nur dass der ver- 
schiedene Horizont hier doppelt stark im Kontrast der Form sich geltend 
macht, je nachdem der Repräsentant der Kultur mit weitem Blick oder 
der Vertreter des Volkstums von seinem beschränkteren Standpunkt aus 



1) Pr&historisch-anthropologische Stadien. Berlin 1884. S. 373 ff. 

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24 Schwartet 

die Dinge beurteilt. So erlebte ich einmal ein charakteristisches Beispiel 
in der Parallele, bezw. Differenz der Ansicht des bekannten Professors und 
„Abgeordneten Stahl und der eines westfälischen Bauern** über 
die Güte des konstitutionellen Systems. 

Stahl äusserte nämlich u. A., dasselbe hätte die gute Seite, dass es 
gleichsam ein Ventil sei, in dem sich alle Unzufriedenheit imYolke Luft 
machen könne, und so die kranken Stellen im Volksleben zu Tage träten. 
Ähnlich fasste es ein westfälischer Bauer auf, der mich im Winter 1848/49 be- 
suchte. Als richtiger Westfale hatte er natürlich einen Prozess, wie auch 
schon der erste Westfälinger nahe daran war, einen solchen mit Christus 
anzufangen, als dieser ihn auf Wunsch St. Peters geschaffen hatte, wie sie 
durch Westfalen kamen und das Land noch menschenleer und nur wilde 
Schweine in den Eichenwäldern fanden '), und Petrus Christus gebeten 
haben soll, das Land auch mit Menschen zu bevölkern. Da der Prozess 
meines Westfalen schon in der letzten Instanz beim Kammergericht 
schwebte, kam unser Kolon, er gehörte noch zu den alten bei Herford, 
die ihr Geschlecht mit Wittekind in Berührung bringen, nach Berlin und 
wollte durch mich einen tüchtigen Rechtsanwalt haben. „Ich brauche so 
einen recht „niederträchtigen" (gewitzten), sagte er, „Wal deck oder 
Stieb er, denn die Sache ist schwierig *). Natürlich konnte ich ihm weder 
den einen noch den anderen schaffen. Bei dieser Gelegenheit meinte er 
nun u. A.: „Ach mit der Nationalversammlung, die der König berufen 
hat, das ist dummes Zeug. Da erfährt er doch nicht, wie es im Lande 
aussieht. Wenn er meinem Rat folgte, dann müsste an einem be- 
stimmten Tage überall mit Glockengeläut die ganze Gemeinde 
zusammenberufen werden. Und dann müsste jeder ungestraft 
sagen können, was ihm auf dem Herzen läge. Und das müssten 
dann kluge Männer zu Papier bringen, dann würde der König 
schon sehen, wie es im Lande aussieht und wie zu helfen". 

Stahl sprach von der Höhe politischen Lebens, der Sohn der roten 
Erde von dem beschränkten Standpunkt seines Kirchspiels aus. Die Idee 
war sonst ziemlich dieselbe, nur kleiidete sie jeder von beiden nach seinem 
Standpunkt in verschiedene Formen. — 

Es mögen nun ein paar Geschichten folgen, in denen sich entweder 

1) Dem Petrus soUen n&mlich die berühmten westfälischen Schweineschinken schon 
im Geiste vorgeschwebt haben, die es dort geben wurde, wenn Menschen da wären, die 
Schweine zu zücbten. Wie nun der Herr dem Petrus schliesslich zu Gefallen einen gerade 
am Wege liegenden Schweinekot mit dem Pusse und den Worten anstiess „Werde ein 
Mensch**, da, heisst es, hob sich plötzlich ein trotziger, starker Mann von der Erde und 
fuhr den lieben Herrn mit den Worten an: „Wat stött he mi"! Wedingen und Hart- 
mann, Der Sagenschatz Westfalens. Minden 1884, S. 6. 

2) Waldeck, bekannthch ein geborener Münsteraner, war in Westfalen sehr populär 
im Bauernstande durch seine Reden auf dem Feste in Soest 1843 und seine Schrift über 
das bäuerliche Erbfolgerecht in Westfalen vom Jahre 1844. 



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Volkstümliche Schlaglichter. 25 

eine tiefere, den ganzen Menschen erfüllende Empfindung oder die 
Selbständigkeit des Charakters, sowie ein treffendes Urteil 
selbst über den grossen Lauf der Welt in Bildern oder wenigstens 
konkreten Formen ausspricht. Denn in abstrakten Gedanken derartiges 
zu äussern liegt dem Volke, namentlich der ländlichen Bevölkerung, im 
ganzen fem, wie ja auch bekanntlich schon die einfachste Lebenserfahrung 
in diesen Kreisen gern sich in der Form des Sprichworts zum Ausdruck bringt. 

„Die Heimat meiden ist schwer^. Kuhn und ich haben s. Z. 
auf unseren Wanderungen in Norddeutschland manchen hübschen Zug von 
treuer Heimatsliebe beim Landvolke auf die verschiedenste Weise zum 
Ausdruck kommen sehen, in eigentümlicher Form trat es vor allem aber 
einmal bei einem Mädchen aus Winsen an der Aller hervor, mit der wir 
eine ganze Strecke zusammengingen, und die uns manche hübsche Sage 
aus der Gegend erzählte. Zuletzt kam sie auch auf die Auswanderer zu 
sprechen, die damals gerade ziemlich stark aus dem benachbarten Bremen 
nach Amerika zogen. „Wenn die aufs Schiff steigen, sagte sie, ständen 
die Verwandten jammernd herum und es wäre kein Weinen mehr, sondern 
ein Gebrüll; dann gingen alle Glocken von den Thürmen Bremens so recht 
feierlich, denn es wäre doch ein gar schwerer Gang, den sie thäten, so 
aus „dütschen Landen" zu scheiden^)". 

Die Heimatsliebe umfasst beim Landvolk nicht aber nur das Gefühl des 
Verwachsenseins mit der Gegend, in welcher der Mensch gross geworden, 
sondern reflektiert ebenso auf Dialekt, Tracht, sowie die ganze Lebens- 
weise bis auf die primitivsten Verhältnisse hinab. Der natürliche Mensch 
hängt eben unbewusst innerlicher mit alledem zusammen, als er es selbst 
ahnt, und nur besondere Umstände bringen es zum gelegentlichen Ausdruck. 
„Hier (in Berlin) bekommt man auch gar nichts zusehen", sagte jüngst 
zu meiner Tochter unser sonst ganz kluges Dienstmädchen in einer ge- 
wissen elegischen Stimmung, indem die Weltstadt vor ihren Augen ver- 
sank und die (ostpreussische) Heimat in allem Glanz auftauchte, „Man 
sieht hier nichts, man hört hier nichts. Man weiss nicht, ob das Korn 
gesäet ist, oder ob es reif ist; ob die Kartoffeln gesteckt oder schon „ge- 
buddelt" werden. Drei Jahr bin ich nun schon hier und, Fräulein, auf- 



1) Vergl. unsere Norddeutschen Sagen. Berlin 1849. Wenn die geschilderte Scenerie 
zunächst etwas fremdartiges hat and man sich erst voll in dieselbe gleichsam hineinleben 
muss, um die Tiefe des Empfindens zu ermessen, welche sich in derselben ausspricht, so ist für 
den modernen Geschmack das Wort „Gebrüll" namentlich leicht anstössig. Und doch ist es 
gerade der korrekte, natürliche Ausdruck für das, was gemeint ist, und die Ersetzung durch 
einen anderen würde die Sache abschwächen. Gerade so braucht auch Sophokles an ver- 
schiedenen Stellen den entsprech*?nden Ausdruck ßqvxna^at für den tiefsten Schmerz, der 
nur ab und zu durch ein Aufstöhnen sich bekundet; z. B. sagt er vom Ajax, indem er 
geradezu an den rauhen, dumpfen Ton erinnert, wie man ihn namentlich vom Stiere hört : 



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26 Schwartz: 

richtig gestanden, kein Schwein habe ich noch nicht gesehen*'. Die 
Stimmung ist psychologisch erklärlich. In der mehr oder minderen Mono- 
tonie des Küchenlebens taucht die Erinnerung an den lebendigen Wechsel, 
den ihr einst die unmittelbare Beziehung zur Natur tagtäglich gegeben 
hatte, wie ein verlorenes Paradies vor ihren geistigen Augen auf. 

Land und Stadt unterscheiden sich eben fast in allen Beziehungen. 
So erzeugt auch das Bewusstsein, auf eigenem Boden zu sitzen, und die 
hauptsächlichsten Lebensbedürfnisse in Nahrung und zum Teil auch in 
Kleidung sich allein beschaffen zu können, schon eine gewisse Selbst- 
ständigkeit in allen Schichten der ländlichen Bevölkerung, und die Er- 
fahrung, dass der staatliche Schutz, der Natur der Verhältnisse nach, meist lange 
nachher, als man ihn brauchte, nachgehinkt kommt oder oft ganz ausbleibt 
nährt eine dem Menschen so schon angeborene Neigung zur Selbsthülfe. 
Es liegt in diesen Eigenschaften die natürliche Kraft des Bauernstandes, aber 
auch, dass er jedem staatlichen Zwange gegenüber, zumal wenn dieser 
seine Gewohnheiten antastet, leicht obstinat bis zur äussersten Rücksichts- 
losigkeit wird^). Als ein kleines typisches Genrebild, dass die Grund- 
stimmung auf dem Lande von Haus aus so in einem gewissen Gegensatze 
zu dem Kulturleben schon mit seinen einfachsten bureaukratisch-statistischen 
Formen steht, möge folgende kleine Geschichte aus dem Jahre 1879 zeigen, 
in der ein Mädchen den Mittelpunkt bildet. 

„Resolute Ansichten". Unter dieser Überschrift berichtete die 
„Post" im Jahre 1879, Nr. 290, folgendes: „Unlängst erschien auf dem 
Bureau des Gemeindevorstehers zu Geestendorf eine dort als Dienstmagd 
gedingte fixe junge Dirne aus Franzenberg bei Kuxhafen, um sich zur 
Ortskontrolle anzumelden. Hier entspann sich nun zwischen der Fragerin 
und dem Beamten folgender heitere Dialog: „Wie alt sind Sie?" — „Dat 
weet ick nich so genau; wie Franzenberger, dat weet Se ja, fiert nie' en 
Geburtstag." — „Ich muss es aber wissen". — „Nu, et schall wull so an 
de fiefundtwintig Jahr sind". — „Welcher Religion gehören Sie denn 
eigentlich an?" — „Ick bün so recht dütsch wie wie alltosam in 
Franzenberg; wie glöwt nich an den Papst, man blot an den 
leiwen Herrgott und den ollen Bismarck, — denn annern Krams 
kennt wie nich. H'Adjüs ok!" Sprachs und empfalil sich, ohne weiter 
eine Miene zu verziehen.*^ 



Aber nicht blos im eigenen Wesen, sondern auch in der Gestaltung 
und Beherrschung der Lebensverhältnisse, in denen es sich bewegt, ent- 
wickelt das Volkstum, namentlich auf dem flachen Lande, sich zur vollsten 



1) Tragisch schildert den ganzen Kontrast für österreichisches Bauemieben Ros egg er, 
Jacob der letzte. Hartleben, Wien-Pesth-Leipzig 1889. 



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Volkatüroliche Schlaglichter. 27 

Kraft und Sicherheit, so dass ein in Kulturverhältnissen gross gewordener 
Mensch trotz aller theoretischen Bildung in entsprechenden Kreisen schwer 
mit ihm wetteifern kann, wie er auch in Arbeitskraft und Ausdauer ihm 
meist nicht gleichkommt. Daneben schärft aber auch die Erfahrung eines 
langen Lebens vielfach den Blick dem Bauer in eigentümlicher Weise zu 
treffender Beurteilung selbst grösserer Verhältnisse. Ein 'einfacher Mensch, 
der in kleinen Verhältnissen sicher geworden und sinniger Art ist, sieht 
oft selbst die Weltereignisse mit einer gewissen Objektivität an und stellt 
ihnen in allgemeinen Zügen eine nicht unrichtige Diagnose. Die Form 
entspricht freilich immer den begrenzteren Anschauungen und Verhält- 
nissen, in denen er sich bewegt. Ein paar charakteristische Geschichten 
fallen mir in dieser Hinsicht ein. 

„Die Nummer ist Ihre Sache**. — Es ist ein Unterschied zwischen 
Religion und Theologie. Das vergessen oft manche Geistliche. Daran 
erinnerte aber in drastisch-trefTender Weise ein havelländischer Bauer bei 
einer Kirchenvisitation. 

Als nämlich die Kirchenvisitationen in den vierziger und fünfziger 
Jahren in Preussen aufkamen, verhielten sich die Bauern der Mark zunächst 
etwas reserviert dagegen, namentlich inwiefern auch Besprechungen mit 
der Gemeinde stattfinden sollten, um den Bestand an Christentum in der- 
selben zu konstatieren. Da fragte nun einmal, heisst es, im Havellande 
bei solcher Visitation in einem Bauerndorfe der General - Superintendent 
oder der ihn vertretende Geistliche im Gespräch einen Bauern, ob er das 
fünfte Gebot kenne. Ja, sagte der Bauer, Herr General - Superintendent, 
die Gebote kenne ich von Jugend auf, die Nummer aber, das ist Ihre 
Sache. 

„Die Welt kann sich nicht selbst regieren**. Im Jahre 1848 
wohnte ich in der Stralauerstrasse, wo mein Vater dem Grossen Friedrichs- 
Waisenhause vorstand. Die Verhältnisse Hessen es mir als Pflicht er- 
scheinen, auch bei der Bürgerwehr mit einzutreten. So stand ich '] denn 
auch einmal Ende März Nachts vor dem Kadettenhause in der Friedrich- 
^trasse Schildwache. Damals beherrschte die Politik alle Unterhaltung, 
und als der Nachtwächter sich zu mir gesellte, war auch bald ein ent- 
sprechendes Gespräch im Gang, zumal es mich auch gerade in jener Zeit 
besonders interessierte, die Stimmungen im Volke in allen Kreisen kennen 
zu lernen. Der Mann war früher Soldat gewesen und hatte seine eigenen 
Gedanken. Dass die Regierung am 18. die Waffen gestreckt, wollte ihm 
gar nicht in den Kopf. „Die Leute meinen**, sagte er, „die Welt werde 
sich selbst fortan regieren. Ich sage Ihnen, das geht nicht. Unser einer, 
der so sieht, wie „sie** des Nachts aus den Bierstuben konmien und die 
Strassen so entlang taumeln, der sagt: Die können sich nicht selbst 
regieren. Wenn der König nicht mehr regieren will, dann 



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28 Schwartz: 

werden es Andere besorgen, aber regiert wird immer werden. 
Das sage ich Ihnen!'' 

Die Anschauung des Mannes entsprach seinen täglichen Lebens- 
erfahrungen. War sie gleich einseitig nur „nächtlich" und bekam dadurch 
ebenso wie die Form einen humoristischen Anstrich, so traf sie doch in ihrer 
Weise prägnant den Nagel auf den Kopf und zog inmitten des allgemeinen 
Wirrwarrs in selbstständigem Denken ein treffendes Facit aus den Ver- 
hältnissen für die Zukunft. 

Ähnliche selbständig charakteristische Äeusserungen habe ich in jenen 
Zeiten aus der ungetrübten, praktischen Anschauung des Volkstums öfter 
gehört. So sagte mir einmal ein alter Fuhrherr, mit dem ich (im Anfang 
der sechziger Jahre) von Eberswalde aus öfter in die Grimnitz-Forst nach 
Hünengräbern fuhr, und der mir manche hübsche Sage erzählte, als auf 
das Jahr 1848 die Rede kam: „Ja, Herr Professor, dass die Welt verdreht 
wurde, das habe ich schon lange vor 48 gewusst. Das war, als sie an- 
fingen Pferdefleisch zu essen. J)a sagte ich zu meiner Frau : Mutter, pass 
auf, die Menschen werden verdreht; sie essen schon Pferdefleisch! Und 
48 war es richtig, da brach es aus!** Dem Manne, der sein Lebenlang mit 
Pferden zu thun gehabt und die seinigen gehegt und gepflegt hatte, 
erschien der Gedanke, sie schliesslich zu schlachten und zu essen, als eine 
an Tollheit streifende Neuerung. — 

Jeder aus dem Volke, der seinen eigenen Gedanken nachgeht, urteilt 
eben nach dem kleinen Kreise, in dem er sich bewegt, und nach den 
Interessen, welche den Mittelpunkt seines Denkens ausmachen. Aus ihnen 
entnimmt er das Mass für die Dinge, so dass wenn der Kontrast mit den 
Verhältnissen zu gross ist, die Form des Urteils eben leicht in das 
Komische umschlägt. Wie man 1848 von einem oberschlesischen bäuer- 
lichen Abgeordneten erzählte, dem zufällig während seiner Abwesenheit 
eine Kuh abgepfandet war, or habe eine Donnerepistel von Berlin in die 
Heimat gesandt, des Inhalts, „ein Abgeordneter sei nach der Verfassung 
unverletzlich, also auch sein Vieh", so schrumpften auch bei einer Witwe, 
die ich in jenen Tagen sprach, die grossen, nationalen Hoffnungen zu dem 
Wunsche zusammen, dass, „wenn Alles besser würde, ihr Sohn auch 
hoffentlich bald einen anderen Vormund erhalten würde, denn der 
bisherige tauge nichts!" 

Das sind nicht blos einzelne humoristische, sondern, wie schon an- 
gedeutet, typische Beispiele volkstümlichen Denkens. Daneben schlummern 
aber nationale und religiöse Empfindungen, letztere oft noch in der 
Form des Aberglaubens in der Seele auch der unteren Schichten in Stadt 
und Land, und sie bedürfen oft nur eines Anstosses, um zu hellen Flanmien 
aufzuschlagen: ob im Sinne zu lobender Begeisterung oder in wildem, 
verheerendem Fanatismus, hängt von den Verhältnissen ab; es kommt zu- 
nächst nur darauf an, das Faktum zu konstatieren, dass solche elementaren 



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Volkstümliche Schlaglichter. 29 

Mächte da sind, die jeden Augenblick geweckt werden können, sobald die 
regierenden Kreise derartiges unberücksichtigt lassen oder, wenn es zum 
Handeln kommt, das Heft aus der Hand verlieren. Jede Ueberlegung 
schwindet, und nur von seinen Gefühlen und Leidenschaften lässt sich dann 
das Volk leiten und ist bereit, das Tollste zu glauben und seine Gedanken 
sofort in entsprechendes Handeln umzusetzen. 

Ich brauche nicht an die alten Zeiten zu erinnern, wo Epidemieeu 
ganz gewöhnlich den Glauben von Vergiftung der Brunnen u. dergl. ver- 
anlassten. Das Jahr 1848 bietet uns auch neben vielen anderen Beispielen 
ein höchst charakteristisches von einer wild aufflackernden Volksstimmung 
in jener Nacht des März, wo man in Berlin den Prinzen von Preussen 
plötzlich mit 80000 Russen vor dem Frankfurter Thore stehend glaubte, 
um der Freiheit wieder ein Ende zu machen, und man schon anfing, die 
Dächer abzudecken und Ziegel und Steine auf denselben anzuhäufen, um 
die Russen bei ihrem Einzug mit Steinwürfen aus der Höhe zu empfangen. 
Mögen einzelne Personen dabei ihre Hand im Spiele gehabt haben; um 
die Möglichkeit des Prozesses, der sich abspielte, zu begreifen, muss man 
auf die allgemeine Stimmung zurückgehen. Sie war eine in ihren Tiefen 
aufgewühlte und fieberhafte. Das Volk wusste von den Vorgängen im 
königlichen Schlosse nur so viel, dass der Prinz von Preussen anderer 
Meinung gewesen als sein königlicher Bruder. Wenn er fortgegangen, lag 
es dem Sinn der Leute nahe, dass er Hülfe holen, mit einem Heer vor 
den Thoren Berlins plötzlich wieder erscheinen würde. In fieberhafter 
Angst dachte man an den Kaiser Nicolaus und seine Russen, und was man 
fürchtete, glaubte man im Schrecken der Nacht auch schon vor sich gehen 
zu sehen. Ob es überhaupt so rasch möglich, daran dachte man nicht 
oder wagte es der aufgeregten Menge gegenüber nicht zu äussern. Die 
ganze Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, erfasste ein toller 
Taumel, als gelte es, nach dem vorangegangenen, den letzten Kampf für 
die Freiheit zu wagen oder sich unter den Trümmern Berlins zu begraben. 

Die Leidenschaften des Volkes waren eben bis zum Wahnsinn erhitzt, 
und nichts war da, was sie zügelte. — 

Sind gleich solche grossartigen Verirrungen, wie die zuletzt geschilderte, 
selten und nur eben möglich, wenn alle Schranken gefallen und die Volks- 
seele mit elementarer Gewalt sich Bahn bricht, so wird dieselbe doch 
überhaupt stets leicht bewegt und ist meist immer geneigt, von diesem oder 
jenem Gerücht, das einen Widerhall in ihrem Innern findet, sich fortreissen 
zu lassen. Die unteren Stände sind um so mehr dazu geneigt, als ihnen 
meist ruhigere Ueberlegung und Einsicht bei allen, ihrem täglichen Leben 
femer liegenden Dingen mangelt, und ein ihnen eigentümliches Miss- 
trauen sie veranlasst, Allea. sofort nach der bösen Seite aufzufassen und 
ins Abenteuerlichste umzugestalten. Wie ihnen das Ideale im allgemeinen 
meist femer liegt, sind sie überall leicht bereit, sobald ihnen etwas Fremd- 



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30 Schwartz: 

artiges aufstösst, etwas Schlimmes dabei vorauszusetzen und Tücke und 
Bosheit der Menschen darin zu suchen. Das Leben erscheint ihnen eben 
mehr in einem bösen als in einem guten Lichte. Wie oft habe ich nicht 
gehört, wenn auf den Glauben der Leute so die Rede kam und die Frage 
aufgeworfen wurde, ob es einen Teufel gäbe, dass dies gerade in folgender 
Form verneint wurde: „Ne! ein Mensch ist dem andern sein Teufel". 

Ein groteskes Beispiel, wie so ganze Landstriche von dem wunder- 
lichsten Misstrauen plötzlich bei ganz unschuldigen Veranlassungen er- 
griflFen werden können, veranlasste auch im Jahre 1875 die Berliner Anthro- 
pologische Gesellschaft, als sie eine Aufnahme der Kinder in den Schulen 
nach Rücksicht auf Hautfarbe, Haare und Augen bei der Regierung durch- 
setzte. Ich habe die Sache s. Z. in der Berl. Zeitschrift f. Ethnologie VH., 
S. 391 flF. (wiederabgedruckt in den Prähistorischen Studien 1884, S. 306 flf.) 
des Ausführlicheren behandelt. Das Ding erschien dem Volke ebenso fremd- 
artig als bedenklich, so dass die Weigerung, die Kinder im obigen Sinne 
untersuchen zu lassen, in verschiedenen Gegenden zu tumultuarischen 
Scenen führte. Der König (oder Bismarck), hiess es u. a., habe an den 
Kaiser von Russland oder gar an den Sultan 10(X)0 oder 40 (XX) blau- 
äugige und blondharige, bezw. braunäugige und schwarzhaarige Kinder, im 
Kartenspiel verspielt, und die sollten nun ermittelt und aufgegriffen werden. 
Die Lehrer begünstigten den Raub, denn sie erhielten für jedes Kind 
5 Thaler Prämie'). 

Es sind natürlich nur besondere Veranlassungen, wenn in so toller 
Weise die Volksstimmung sich bekundet, aber schon das Bedürfnis nach 
Unterhaltung und die dem Menschen angeborene Sucht nach Neuem hält 
überall in Stadt und Land stetig einen gewissen sog. Klatsch aufrecht. 
Knüpft er sich meist zunächst in kleinerem Kreise an die Familien- 
verhältnisse der anderen Menschen, so gewinnt er sofort weitere Dimensionen^ 
wenn er Dinge von allgemeinerem Interesse erfasst, und aus dem Klatsch 



1) Noch in den letzten Tagen berichtete die Nordd. AUg. Zeitung, 1890, Nr. 433, aus 
Bosnien in dieser Hinsicht folgende lustige Geschichte. Nach dem .,N. Pest. Joum." meldeten 
sich bei der Bezirksbehörde von Bjelina seit einigen Wochen wiederholt Bosniaken, welche 
sich für Baron Rothschild köpfen lassen wollten. „In der Landbevölkerung kursiert 
nämlich allen Ernstes", heisst es, „das Gerächt, dass Baron Rothschild zum Tode verurteilt 
worden sei und einen Ersatzmann suche, der sich gegen eine Entlohnung von einer MilHon 
Gulden für ihn köpfen lassen wolle. Es haben sich unter den Bosniaken förmliche Konsortien 
gebildet, welche die Million gewinnen wollen, der Art, dass sie das Loos entscheiden lassen 
wollen, wer sich als Ersatzmann für Rothschild stellen solle. Die Übrigen wollen dann 
die Million unter sich teilen. Vergebens versichern die Beamten den Bauern, dass sie 
einem Spassvogel reingefallen seien. Die Bauern glauben noch immer an die Sache, und 
es melden sich noch immer Ersatzmänner/ Das eriünert. mich an ein Gerücht, welches 
Ende der vierziger oder Anfang der fünfziger Jahre durch Berlin ging: im Hotel de Rome 
unter den Linden sei eine Gräfin „mit einem Totenkopf ** abgestiegen, die einen Mann 
zu ihrer Million suche. 



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Yolkstümliche Schlaglichter. 31 

entstehen Gerüchte, welche dann leicht eine ganze Bevölkerung in allerhand 
Phantasiegebilde verstricken. 

Wie so Gerüchte gerade in den untersten Regionen aus Stimmungen und 
daran sich knüpfenden Kombinationen entstehen und allmählich in immer 
höhere Kreise steigen, und eine ganze Bevölkerung einer Stadt schliess- 
lich aufregen können, habe ich einmal Gelegenheit gehabt, in Neu-Ruppin 
recht anschaulich an einem kleinen Beispiele zu beobachten. Im Jahre 1866 
gingen durch die märkischen Landstädte allerhand Gerüchte, dass die 
katholischen Geistlichen in dieser oder jener Nachbarstadt Partei ergriffen 
für Österreich und in diesem Sinne beim Gottesdienst beteten. Einer 
hätte sogar, hiess es in Neu-Ruppin, einen Topf (!) dabei hingeworfen, so 
dass- er in Scherben gegangen, und den Fluch ausgesprochen, so müsse 
auch Preussen zerfallen!! — Unter dem Reflex dieser Stimmung wurde 
die katholische Generalin von R., die schon Jahre lang dort lebte, Gegen- 
stand des Argwohns. Er knüpfte sich an die starke Korrespondenz, die 
sie namentlich auch mit ihrem Sohne führte, der bei der Armee in 
Böhmen stand. Eines Tages sagte mir ein angesehener Ruppiner Bürger, 
was doch für Unsinn erzählt würde. Sein Mädchen habe seiner Frau er- 
zählt, die alte Generalin R. habe so viele Briefe empfangen und abgeschickt, 
fast täglich und meist an ihren Sohn, den Hauptmann. Endlich sei man 
dahinter gekommen, dass sie den Österreichern den ganzen preussischen 
Kriegsplan verraten hätten. Wie der Bediente des Hauptmanns aber einmal 
wieder einen Brief des Inhalts hätte forttragen sollen, hätte er es nicht 
länger mit ansehen können, sondern den Brief dem Prinzen Karl gebracht. 
Da sei Alles herausgekommen und der Hauptmann sei nach Glatz ab- 
geführt worden. — Die Phantasie hatte den Argwohn mit allerhand That- 
sachen in Verbindung gebracht und Schritt für Schritt weiter ausgesponnen, 
und es fehlte nur noch zum volkstümlichen Schluss, dass auch angegeben 
worden wäre, wie viel die Betreffenden dafür erhalten hätten. Denn wie 
die eigenen Interessen meist das Volk beherrschen, glaubt es auch meist 
nicht an ideale Hingebung, sondern ist auch stets bereit, bei Anderen nur 
materielle Interessen vorauszusetzen. 

Soweit kam es freilich noch nicht, aber die Sache zog immer weitere 
Kreise. Einige Tage später meinte der oben erwähnte Herr, der es zuerst 
für Unsinn erklärt hatte, auch schon, ea müsste doch etwas daran sein, 
denn Alle sprächen davon. Von den untersten Schichten war es durch 
die Dienstboten allmählich in die höheren gedrungen, so dass es schliesslich 
durch alle Stände ging. Ja, es steigerte sich zur allgemeinen Erregung, 
so dass der katholische Pfarrer zu mir kam, um Rat zu pflegen, ob nicht 
in der Sache etwas geschehen könne. 

Zufällig war gerade in einer befreundeten Offizierfamilie ein Brief 
ans Brunn eingetroffen, in welchem erwähnt wurde, dass der Hauptmann 
von R. mit seiner Kompagnie so eben mit klingendem Spiql vorbeizöge. 



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32 Schwartz: 

Durch den Abdruck der betreffenden Notiz in dem ^Ruppiner Tageblatt" 
als einer die Einwohner voraussichtlich interessierenden Nachricht vom 
Kriegsschauplatz in betreff ihrer Garnison, liess sich die Sache tot machen, 
deren Weiterentwickelung die bösesten Polgen hätte haben können. — 

In ähnlicher Weise entstehen leicht Gerüchte in kleinen und grossen 
Städten, indem bei lebhafter Erregung die Phantasie eines jeden, der die 
Sache weitererzählt, sie noch immer energischer und womöglich grausiger 
ausmalt. Gefühl und Phantasie beherrschen eben vollständig in solchen 
Augenblicken die volkstümlichen Kreise, nach der guten wie nach der 
bösen Seite hin, und es hängt oft vom Zufall ab, ob einer als Heros für 
den Augenblick erscheint oder gelyncht wird. 

Davon ein kleines Beispiel. Ein Kind lief auf der Strasse einem 
Manne zwischen die Püsse und fiel gegen einen Stein. Wie er es aufhob, 
blutete es. Eine Frau, die nur das letzte Moment sah, fing an, auf die 
Bohheit des Mannes zu schelten, der das Kind umgestossen. Zum Unglück 
hatte er einen grossen Hund bei sich, und es dauerte nicht lange, so hatte 
sich ein Haufe Menschen versammelt, in dessen Peripherie man zu erzählen 
anfing, ein Mann habe einen Hund auf ein Kind gehetzt, „dass nur das 
Blut so herunter liefe", so dass es nur vom Zufall abhing, ob nicht der 
Unschuldige einem Ausbruch der Volkswut preisgegeben wurde. Der- 
artiges kann man oft erleben, und wenn es schon jeden vor voreiligem 
Urteil warnt, ist es besonders für Juristen bedeutsam, in solchem Fall die 
Zeugen zu wägen. 



Im gleichmässig fortfliessenden Leben regelt allerdings Gebrauch und 
Sitte das Verhalten der Menschen zu einander auch in volkstümlichen 
Kreisen, ähnlich wie es in Kulturverhältnissen der Fall ist, nur dass dort, 
z. B. bei Heiraten die materiellen, praktischen Rücksichten die Formen 
geschaffen haben imd allen Abweichungen von einem individuellen, mehr 
ideelleren Standpunkt aus meist um so schrofferen Widerstand entgegensetzen, 
als den Kreisen im allgemeinen Motive der letzten Art femer liegen. 

Daneben entwickelt sich aber in einzelnen Fällen das Gemüt und alle 
menschlichen Empfindungen und Tugenden in eigener und oft in der 
zartesten Weise. Gerade bei dem langjährigen S^ensammeln habe ich 
Gelegenheit gehabt, zu beobachten, welche Poesie neben aller Derbheit 
und Rohheit in der Volksseele schlummert imd gelegentlich bei Einzelnen 
zum Ausdruck kommt. Nur fehlt eben meist eine gleichartige Durch- 
bildung der Gesinnung, es ist alles mehr naturwüchsig, unmittelbar und 
ein Kind des Augenblicks, und so ist das Leben oft voller Kontraste. 
Dass der Bauer seine Frau einmal schlägt, wie Siegfried die Chriemhilde, 
thut der Liebe meistens noch keinen Eintrag. Es sind eben andere 
Lebensformen als die, welche die Kultur gezeitigt. Aber in sich hat es 



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Yolkstämliche Schlaglichter. 33 

auch wieder seine Grenze. Wenn das Leben über ein einmaliges Vor- 
kommen der Sache in aller Stille gleichsam zur Tagesordnung übergeht, 
80 würde es auch in jenen Kreisen, falls es vor Zeugen oder gar öfter 
geschähe, als ein Zeichen von Rohheit selbst durch die öflFentliche Meinung 
gemissbilligt werden. 

Das Volkstum hat ebenso seine eigenen Begriffe von Anstand und 
von dem was sich schickt. Zwei charakteristische Beispiele davon 
mögen hier ihre Stelle finden. 

Mein Vater starb auf dem Lande, im Forsthaus Dreilinden, welches daniials 
einer seiner Freunde, der Schiffahrtsinspektor Ben seh, später der Prinz 
Friedrich Karl besass. Meine Mutter gab einem alten Tagelöhner, der 
dort arbeitete, verschiedene Kleidungsstücke des Verstorbenen. Als richtiger 
Bauer, der so leicht nichts verschenkt, dachte jener zuerst, er solle sie 
kaufen! Als ihm klar gemacht wurde, sie würden ihm geschenkt, er solle 
sie nur nehmen, packte er schliesslich alles zusammen und sagte: „Na 
dann danke ich schön fürs Erste". Wir lachten im Stillen über die 
Schlussworte, aber wir erfuhren bald, was dahinter steckte. Nächsten 
Sonntag erschien der Mann nämlich in seinem Sonntagsrock mit einem 
Topf in der Hand. Auf die Frage, was er wolle, meinte er, die schönen 
KJeider könne er doch so nicht annehmen. Er hätte gerade Honig ge- 
emtet und brächte einen Topf davon. Es wäre zwar wenig, aber er bäte 
recht sehr, es ihm nicht abzuschlagen. 

Das war der gesunde Stolz des Arbeiters, der sich bewusst war, wie 
nur die Arbeit ihren Lohn verdiene und in dem Gefühl, so immer an- 
ständig durch die Welt gekommen zu sein, nichts, namentlich von Fremden, 
geschenkt nehmen wollte. 

Von einem fast zarten Taktgefühl zeugt eine andere Geschichte, die 
ich mit erlebt habe. Ein alter Heizer in einem grossem Etablissement 
sollte mit seiner Frau als Anerkennung langjähriger Dienste die bequeme 
und einträgliche Stelle eines Hausmanns erhalten. Zum Erstaunen seines 
Chefs lehnte er ab, indem er meinte, er und seine Frau wären dazu zu 
alt und blieb hartnäckig dabei. Später kam durch Zufall der eigentliche 
Grund heraus. Es war das Reinigen der Bureauzimmer mit der Stelle 
verbunden, und da hatte er dieselbe nicht angenommen, weil er, so tüchtig 
seine Frau sonst war, ihr nach anderen Vorkommnissen nicht zutraute, sie 
sicher über fremde Sachen schicken zu können. Der Mann hatte es nicht 
bloss seine Frau nicht entgelten lassen, dass er ihrethalben der vorteil- 
haften Stelle entsagen musste, er hatte es auch für anständig gehalten, 
lieber selbst als eigensinnig zu gelten, als durch Angabe des wahren Grundes 
die Ehre seiner Frau preiszugeben. Der Mann machte sonst den Eindruck 
eines Toffels, in dem Punkte aber war er ein Ehrenmann. 

Neben solchen Zügen einer gehobenen ethischen Gesinnung treten 
dann wieder andere, in denen die materiellen Verhältnisse eine Denkungs- 

^eitschrift d. Vereins f. Volkskunde. 1891. 3 

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34 Schwartz: 

art zeitigen, welche in schroffem Kontrast mit dem in Kulturkreisen 
herrschenden Empfinden steht. Es giebt so leicht Momente, in denen 
das Leben eines Tieres höher als das eines Menschen zu stehen scheint. 

In dem erwähnten Forsthaus „Dreilinden" hatte sich einmal eine Kuh 
aus dem Stalle losgerissen, war wild auf dem Hofe herumgesprungen und 
zuletzt in die daselbst befindliche Pfütze gefallen. Die alte Pörsterin, 
welche allein zu Hause war, hatte versucht, sie heraus zu holen, war aber 
beinahe selbst dabei zu Schaden gekommen. Ich kam aus der Forst und 
hatte schon davon im allgemeinen gehört, als mir der Knecht begegnete, 
der mir nun noch einmal ausführlich erzählte, wie die Kuh in den Sumpf 
geraten und die Försterin beinahe ihr nachgestürzt sei. Als ich meinte: 
„Nun, sie ist doch aber schliesslich glücklich davon gekommen", sagte er: 
„Ja, sie ist schon wieder im Stall an der Kette!" — Ihm war die Kuh 
eben Hauptperson bei der Sache, denn die kostete ja viel, viel Geld, die 
Försterin aber — nicht, die war anderweitig zu ersetzen. — Derartiges 
erklärt sich eben daraus, dass für den Landmann der Viehstand eine 
Existenzfrage ist, vor der alles Andere zunächst verschwindet. Der Natur- 
mensch entwickelt sich eben zunächst nach den Verhältnissen und Inter- 
essen, in denen er sich bewegt, imd erst Kultur und Erziehung heben ihn 
auf einen höheren Standpunkt. 

Der unmittelbare Verkehr mit der Tierwelt, namentlich dem ge- 
züchteten Vieh, wirkt auch in anderer Hinsicht noch in den ländlichen 
Kreisen auf die Menschen in besonderer Weise von Jugend auf ein, 
nämlich in Hinsicht auf die Art der Entwicklung des Schamgefühls. 
Während in Kulturkreisen die männliche wie weibliche Jugend in einer 
gewissen Abgeschlossenheit von allem Natürlichen in betreff der Fort- 
pflanzung der Tiere und ihrer Geschlechter gross wird, findet auf dem 
Lande meist fast gerade das Umgekehrte statt. Die Kinder beobachten 
täglich Hühner und Tauben, hören vom Kapaun, Ochsen, Bullen, Hengst 
und dergleichen, kurz das ganze natürliche Leben tritt unter einer gewissen 
Unbefangenheit in ihren Horizont, so dass instinktmässig eine allmähliche 
Übertragung der damit zusammenhängenden Verhältnisse der Geschlechter 
auf den Menschen sich entwickelt. Wenn dann das Leben und andere 
Interessen oder Lehre und Erziehung sich geltend machen, so entsteht 
zwar im gemeinsamen, mehr öffentlichen Verkehr allmählich ein gewisses 
Schamgefühl, und die bedenklichen Seiten jenes Naturzustandes werden 
immer mehr zurückgedrängt; in der Totalität der Anschauung bleibt aber 
doch, zumeist bei dem fortdauernden Verkehr mit der Thierwelt, ein mehr 
natürlicherer Hintergrund zurück. Das Zusammenleben der Menschen in 
meist engen Räumen spielt auch seine Rolle dabei, so dass auch hier ein 
gradueller Unterschied stattfindet und nach den Verhältnissen das Scham- 
gefühl verschiedene Formen gegenüber dem auf den Höhen des Kultur- 
lebens annimmt. 



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Volkstümliche Schlaglichter. 35 

Man darf eben nicht, das ergiebt sich für alle Zeiten, aus einzelnen 
natürlichen Gewohnheitsformen auf die Sittlichkeit der Menschen über- 
haupt einen unbedingten Schluss ziehen wollen, ebensowenig wie z. B. 
auf die Sauberkeit, je nachdem der Mensch ein Schnupftuch oder 
eine Zahnbürste gebraucht und dergleichen mehr. Alles derartige ist 
zunächst vom allgemeinen menschlichen Standpunkt aus als relativ zu 
beurteilen- Es zeugt z. B. in letzterer Beziehung event. für eine in 
dem einzelnen Punkte ausgebildete Sauberkeit, entscheidet aber noch 
nicht über die Sauberkeit des Einzelnen im ganzen. Wie Millionen von 
Menschen in der Wüste, in Ermangelung von Wasser, sich nicht waschen, 
ist auf dem Lande bei uns weder Schnupftuch noch Zahnbürste in volks- 
tümlichen Kreisen voll eingebürgert, und dabei wird man innerhalb oder 
trotz der damit zusammenhängenden Lebensgewohnheiten überall auch dort 
daneben noch saubere von imsauberen Menschen unterscheiden können. 
Die Gutsbesitzer und Geistlichen in dem ersten Drittel dieses Jahrhunderts 
bei uns waren doch auch gebildete und saubere Leute, es war aber, wenn 
sie Tabakraucher waren, bei ihnen eine Gewohnheit weit verbreitet, die 
man heute als arge Schmutzerei ansehen würde. In einer Ecke des Herren- 
zimmers war ein sogenanntes Pfeifenspinde angebracht. Da standen Pfeifen 
aufgereiht für die Gäste, und Niemand fand etwas dabei, dass ihm eine 
angeboten wurde, die schon durch so und so viel Münder gegangen war. 
Man fand eben nichts darin, und Cigarren waren noch wenig Mode. 

Schamgefühl, Anstand und Sauberkeit sind eben zunächst zu allen 
Zeiten und zu allen Orten, wie angedeutet, relative Begriffe, welche sich 
nach den Verhältnissen entwickeln und in der Art, wie sie voller und 
idealer zur Geltung kommen, dem Leben eine vollere Weihe geben. Aber 
nicht die einzelnen Formen, die sie annehmen, sondern der Geist, von dem 
jedes Ding getragen wird, verleiht ihm erst seinen Charakter und spricht 
ihm das Urteil. Fallen doch auch, wenn Krankheit oder Not mit über- 
wältigendem Zwange hereinbricht, wenn es gilt ein Menschenleben zu 
retten oder das eigene zu erhalten, unter Umständen momentan fast alle 
Formen, und die Naturnotwendigkeit tritt wieder, wie in der Urzeit, voll 
in ihr Recht ^). * 

Die relativ volkstümliche Natürlichkeit, die sich der Dinge nicht 
weiter bewusst wird, stempelt den Repräsentanten derselben noch nicht 
als roh oder unsittlich *), wohl aber erscheint der als sittlich verloren, der, 

1) Vergl. den Aufsatz „Von einzelnen Überresten des alten Naturzustandes im Leben 
der Deutschen** vom Jahre 1882, wiederabgedruckt: Prähistorisch-anthropologische Studien, 
S. 121 f. 

2) Ein alter Kuhhirt in Brodewin in der Uckermark, der von Kuhn in der Vorrede 
unserer Nordd. Sa^en, XIX. in seiner rührenden Einfalt geschildert wird, und den wir öfter 
besuchten, erzählte uns z. B. ruhig in Gegenwart von Frau und Kinder manch stark 
schnackiges Märchen, so harmlos naiv, wie Homer vom Verkehr der verschiedenen Ge- 
schlechter mit einander gelegentlich berichtet, und es kam so selbstverständlich natürlich 
heraus, dass es keinen widrigen Anstoss gab. 

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36 Maurer: 

höher gebildet, zu niederen Stufen des Lebens herabsinkt und sich an sie 
gewöhnt oder gar seine Freude daran findet. Das gehört aber nicht in das 
Gebiet der Völkerpsychologie, sondern in das der Moral, welche den 
einzelnen Menschen nach seinem Werte wägt. Die Völkerpsychologie hat 
es nur mit den Erscheinungen im Volksleben an sich zu thun, sie in ihrem 
Ursprung zu erklären und in ihrer Entwickelung zu verfolgen und zieht 
das Facit über den Kulturzustand eines Volkes nur danach, je nachdem es 
im ganzen einem idealen Charakter näher kommt oder femer bleibt. 

(Fortsetzung folgt.) 



Zur Volkskunde Islands. 

Von Konrad Hanrer. 



Mehr als andere Länder wurde die Insel Island durch ihre Entlegenheit, 
ihr rauhes Klima und ihren unwirtlichen Boden vor fremden Einflüssen 
bewahrt. Demgemäss haben sich volkstümliche Überlieferungen auf der- 
selben ungetrübter bewahrt als in anderen, minder geschützten Gegenden; 
indessen geht man entschieden zu weit, wenn man das Land vielfach nur 
als eine Fundstätte ungemischter altnordischer Traditionen ansehen will, 
welche unvermehrt und unversehrt aus der grauesten Vorzeit bis in die 
Gegenwart herunter bewahrt geblieben wären. Auch auf Island hat viel- 
mehr die Überlieferung nicht nur gar manche tiefgreifende Störungen er- 
litten, sondern es haben sie auch auswärtige Einflüsse keineswegs un- 
berührt gelassen von neuer Zufuhr und es hat sein besonderes Interesse, 
diesen Einflüssen und jenen Störungen etwas genauer nachzugehen. 

Am leichtesten lässt sich deren Verlauf im Bereiche der Volkssagen 
und des Volksaberglaubens verfolgen, und auf sie mag darum zuerst 
ein Blick geworfen werden. Auf die neuerdings heftig umstrittene Frage, 
ob und wie weit die Mythologie der Edda-Lieder christliche und alt- 
klassische Einwirkungen erlitten habe, braucht dabei nicht eingegangen 
zu werden, da es für die Volksüberlieferungen der späteren Zeit ziemlich 
gleichgültig ist, in welchem Sinne man sie beantworten zu sollen meint. 
Dagegen ist wohl zu beachten, in wie eigenthümlicher Weise der Übertritt 
des Volkes zum Christentume auf dessen geistiges Leben einwirkte. Die 
Verehrung der alten Götter wurde jetzt natürlich bei strenger Strafe ver- 
boten; aber die Kirche selbst war weit davon entfernt, diesen ihr Dasein 



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Zar Yolkskonde Islinds. 37 

zu bestreiten, vielmehr fasste sie dieselben lediglich als teuflische Dämonen 
auf, und warf sie als solche mit den Eiben und Zwergen, den Riesen und 
allen übrigen Unholden des Heidentums zusammen, wie denn im älteren 
isländischen Christenrechte dem Gebote, „menn skolo trua d einn gtid' ok d 
helga menn hans^^ sofort das andere an die Seite gestellt wird: „ok blöta 
eigi heidjiar vaettir'' (Kgsbk. § 7, S. 22). Ebenso wurde jetzt der Götter- 
dienst mit der Zauberei und allem anderen heidnischen Aberglauben zu- 
sammengeworfen, von welchem er doch vordem scharf unterschieden worden 
war; als „forneskja^^ d. h. alter Brauch, wurde nun alles zusammengefasst 
und mit Strafe belegt, was die Kirche als Überbleibsel des Heidentums 
betrachtete. Dabei liess sich nun allerdings nicht ganz konsequent vor- 
gehen. Von dem glaubenseifrigen Jon Ögmundarson z. B., dem 
ersten Bischöfe von Holar (1106 - 21), erzählt seine Lebensbeschreibung 
(I, cap. 12, S. 165; H, cap. 24, S. 237), dass er nicht nur allem Götzen- 
dienste und Opfertreiben, dann aller Zauberei imd Hexerei strengstens 
entgegengetreten sei, sondern auch jeder anderen Art von Aberglauben, 
mochte er sich nun an die Mondphasen knüpfen oder an bestimmte Tage, 
und dass er nicht einmal die alten Bezeichnungen der Wochentage dulden 
wollte, weil sie von den Namen der Götter hergenommen waren. In der 
That haben sich für die alten Namen „aunnudagr^ rndnadafft^ Tyradagr^ 
ÖSinsdagTy Pöradagr^ FrjddagVy^ welche in Norwegen wie in Dänemark und 
Schweden erhalten blieben, auf Island nach einigem Schwanken die kirch- 
lichen Bezeichnungen „dröttinsdagr^ annarrdagr, Jyndjidagr, mit^mkudagr^ 
fimtidagr^ und „föatudagr^ eingebürgert, und bis auf den heutigen Tag 
in Geltung erhalten, während nur dem Samstage sein unanstössiger Name 
y^lattgardagr^ oder y^pvdttdagr^ hier wie dort belassen wurde. Aber dem 
gegenüber hat nicht nur die Dichtersprache auf Island wie in Norwegen 
auch in der christlichen Zeit unbedenklich die heidnischen „kenningar'' 
fortgeführt, worauf allenfalls, wie E. H. Meyer (Völuspa, S. 264—265) 
und A. Noreen (Nordisk Tidsskrift, 1890, S. 211) bemerkt haben, das 
Beispiel der christlichen Dichter Deutschlands und Frankreichs eingewirkt 
haben mochte, welche unbedenklich die antike Mythologie selbst in kirch- 
lichen Dichtungen zu verwenden pflegten; sondern es ist auch in Tier- 
und Pflanzennamen (z. B. Odimhaniy FriggjargraSy Tyrsfjöla^ Baldrsbrd^ 
Njartfarvöttr, Lokasjötfr und dergleichen mehr) mehrfach die Erinnerung 
an die alte Götterwelt stehen geblieben und zumal haben sich auch zahl- 
reiche mit As-, Frey- ,und Pörr- zusammengesetzte Personennamen bis auf 
die Gegenwart herab im Gebrauch erhalten. Sigurdr Hansen zählt in 
seinem Verzeichnisse isländischer Personennamen für das Jahr 1855 (Skyrslur 
um landshagi d Islandi^ I, S. 514—68; 1858) an Manns- und Frauennamen 
129 und 90 mit ^1«-, 6 und 7 mit Frey-, endlich 2047 und 1865 mit Pdrr- 
zusammengesetzte auf, also zusammen 4144, auf eine Gesamtzahl von 
74 603 Namen, wobei noch obendrein Namen, . welche den betreffenden 



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38 Maurer: 

Gott erst im zweiten Teile der Zusaramensetzung nennen (wie etwa 
Ampör^ Bergpör^ Hildip&r^ Hjortpör, oder Ampöray Bergpöra^ Bjampöra, 
Steinnpöray Gunnpörunn)^ ebenso unberücksichtigt blieben, wie die einen 
anderen Gott (wie z. B. Valtyr, Bjalmtyr) oder halbgöttliche Wesen (wie 
Alfr^ AlfdtSy Alfhildr, Prütfr und dergleichen) nennenden, oder gar alt- 
heidnische Namen, welche eine christliche Deutung zuliessen (wie z. B. 
die sehr häufig gebrauchten Namen Gv:d'mundr oder Gutii^un), Namen 
also, welche man zur Bezeichnung von Tagen zu gebrauchen für sündlich 
hielt, Hess man anstandslos bei der Taufe dem Täufling beilegen! 

Auf das Verbot des heidnischen Glaubens und Treibens, dann auf die 
Umbildung der heidnischen Götter und Wichte in teuflische Dämonen be- 
schränkte sich aber d^r Eiufluss nicht, welchen die Bekehrung Islands zum 
Christentume auf dessen Volksüberlieferungen ausübte; vielmehr brachte 
die Kirche auch ihren eigenen Wunderglauben, ihre Engel und Teufel, 
sowie ihre Lögenden mit, und ausserdem noch gar manchen jüdischen und 
klassischen oder halbklassischen Aberglauben, welcher sich im Verlaufe 
der Zeiten an ihre Lehre oder doch an die Gewohnheiten ihrer Bekenner 
angesetzt hatte. So entstand denn ein wirres Gemisch von Sagen, dann 
von abergläubischen Meinungen und Bräuchen der verschiedensten Her- 
kunft, in welchem je nach Umständen bald das eine, bald das andere 
Element vorschlägt. Schon in den Quellen des L3. und 14. Jahrhunderts 
finden sich neben dem krassesten Heiligen- und Reliquienkultus samt den 
allerwärts an diesen sich anschliessenden Visionen und Wundergeschichten 
einerseits zwar noch Überreste ziemlich unverfälschten einheimischen Heiden- 
tumes, andererseits aber auch deutliche Spuren klassischer, und obwohl 
weit seltener, auch jüdischer Überlieferungen. Wie sich auf Island über- 
haupt ein fremder, kirchlich gelehrter Unterricht neben den einheimisch 
volkstümlichen stellte, so wurde eben auch der Erzählungstrieb und der 
Aberglaube des Volkes von beiden Seiten her gleichmässig genährt; und 
da gar mancherlei Fremde ins Land kamen, und umgekehrt nicht wenige 
Isländer als Kaufleute, Wallfahrer, Studierende oder einfach Reisende das 
Ausland besuchten, und zwar Deutschland, England, Frankreich und Italien 
nicht minder als Norwegen, Schweden oder Dänemark, so machten sich auch 
auf diesem Wege fremde Einflüsse der verschiedensten Art neben den 
einheimischen geltend. Es versteht sich von selbst, dass diese Sätze nicht 
bloss in Bezug auf den Aberglauben des Volkes und die mit ihm zu- 
sammenhängenden Bräuche, dann dessen Sagen gelten, sondern ganz eben- 
sogut auch in Bezug auf alle anderen Seiten des Volkslebens. Wir wissen 
z. B. von alten Volksliedern auf Island, welche insbesondere zum Tanz ge- 
sungen wurden. Schon Bischof Jon Ögmundarson eiferte gegen das 
Singen von Liebesliedern und gegen jene Wechselgesänge, wie sie unter 
der Bezeichnung y^Stev^ noch heutigen Tages in Norwegen üblich sind, 
wobei freilich sofort bemerkt wird (ang. O., I, cap. 13, S. 165; H, cap. 24, 



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Zur Volkskunde Islands. 39 

S. 237), dass ihm deren völlige Beseitigung nicht gelungen sei. In der 
Sturlünga ist uns ein Stück eines ^Grylukvaedi'' (Vlly cap. 44, S. 246) und 
sind uns überdies mehrfache Bruchstücke von Tanzliedern erhalten (VII, 
cap. 44, S. 249 und cap. 329, S. 264), deren zweites ausdrücklich als solches 
bezeichnet wird, während das erste durch seine satirischen Beziehungen 
auf gleichzeitige Begebenheiten seinen durchaus nationalen Charakter 
deutlich zu erkennen giebt. Auch sonst wird in dieser Quelle öfter des 
Dichtens satirischer Tanzlieder gedacht (VII, cap. 44, S. 245; cap. 202, 8. 68) 
und wird des Tanzens unter den bei festlichen Gelegenheiten üblichen 
Unterhaltungen nicht selten erwähnt (II, cap. 10, S. 19; VII, cap. 81, S. 293; 
vgl. die Gudmundar bps s., cap. 97, 8.549; femer 8turl. VII, cap. 314, 
8. 245, und die Ama bps. s., cap. 2, 8. 680); selbst ein Priester mag sich 
am Tanze allenfalls beteiligen (8turl. VTI, cap. 295, 8. 225). Aber doch 
bemerkt Jon porkelsson (Om Digtningen pä Island i det 15 og 16. 
Arhundrede, 8. 116 und 182 flf.; 1888), dass die überwiegende Mehrzahl 
der isländischen Volkslieder aus der Fremde eingewandert sei und ein 
Blick auf die von Jon 8igurdsson und 8vend Grün dtvig gesammelten 
y^islenzk fomkvaetSi^ (1854 — 85) bestätigt seine Angabe. Gar manche auf 
Island verschwundene Volkslieder, norwegischen und dänischen nicht nur, 
sondern selbst isländischen Ursprungs, haben sich noch auf den Färöern 
erhalten (vgl. V. A. Hammershaimb, Färöiske Kväder; 1851—55), wo 
die Wendung des Geschmackes auf ausländische Ritterromantik sich weniger 
durchgreifend geltend machte. Auch die den Volksliedern nahestehenden 
„Rimur'', welche seit der Mitte des 14. Jahrhunderts aufkamen, be- 
handeln ebensowohl ausländische als inländische 8to£Pü und ist dies um 
so weniger zu verwundem, als ja auch in der Prosa des 13. und 14. Jahr- 
hunderts bereits Übersetzungen d^ Ritterromane und 8agenstoffe Deutsch- 
lands, Frankreichs und Englands eine Rolle zu spielen begonnen hatten. 
In gleicher Weise brachte Bischof Jon Haldörsson von 8kälholt (1322 
bis 1339), ein geborener Norweger, welcher zu Paris und Bologna studiert 
hatte, neben der Clarussage auch eine Reihe kleinerer Erzählungen 
nach Island, welche nach seinem Tode von isländischen Männern gesammelt 
und aufgezeichnet wurden. Über den Mann sowohl als die auf seine Er- 
zählungen gebauten 8ammlungen hat H. Gering in seiner Ausgabe dieser 
letzteren erschöpfenden Bericht gegeben (Islenzk aefentyri, 11, 8. VI bis 
XXV) und dabei auch die für jene Erzählungen benützten schriftlichen 
Quellen, soweit möglich, nachgewiesen. 

Bezüglich anderer Seiten der Volkszustände wird man wohl einen 
ähnlichen Verlauf der Dinge annehmen dürfen, wenn man denselben auch 
teils wegen des Mangels an Quellen, teils wenigstens wegen des Mangels 
an Zusammenstellungen des quellenmässigen Materiales nicht ebenso leicht 
nachweisen kann. In einzelnen Beziehungen freilich, wie zumal bezüglich 
der Einrichtung der Wohnungen und der Kleidung, dann auch bezüglich 



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40 Maurer: 

der Ernährung, mag die eigentäinHche Lage und Bodenbeschaffenheit 
der Insel den ausländischen Einflüssen kräftigeren Widerstand entgegen- 
gesetzt haben, wenigstens was das Leben des gemeinen Mannes betrifft. 

Unter dem doppelten Drucke einer ausländischen Regierung und einer 
vom nationalen Leben sich mehr und mehr abkehrenden Hierarchie er- 
schlaffte das geistige Leben auf der Insel bereits im 14. Jahrhundert sehr 
fühlbar; am Anfange des 15. Jahrhunderts aber suchte der schwarze Tod 
{svarti daui&i) das Land heim, welchem ein Drittel seiner Bevölkerung, 
und zumal auch ein sehr erheblicher Teil seiner Geistlichkeit erlag, und 
von hier aus ergab sich wieder eine zwiefache Folge für die Überlieferung. 
Einerseits nämlich bot die grässliche Seuche und die durch sie bedingte 
Verödung ganzer Landstriche der Volkssage neuen Stoff; andererseits aber 
vollendete die geistige Lähmung, welche die verheerende Landplage mit 
sich führte, jene Unterbrechung der geschichtlichen Tradition, welche 
früher schon begonnen hatte. Gleichzeitig nahm der englische und etwas 
später der hansische Handel auf der Insel überhand, wogegen der Verkehr 
mit Dänemark und Norwegen, welche Länder bereits um ein halbes 
Jahrhundert früher von der schrecklichen Krankheit heimgesucht worden 
waren, in entsprechendem Masse zurückging. Um ein Jahrhundert später 
kam die Reformation. Anfangs durch einige wenige, in Deutschland 
innerlich bekehrte Männer, wie z. B. den trefflichen Lögmann Oddr 
Gottskälksson (f 1556) vertreten, bald aber durch die dänische 
Regierung aus politischen und zumal aus fiskalischen Gründen gewaltsam 
durchgeführt, wirkte sie zunächst nur zerstörend auf die alten Überlieferungen 
ein. Wie früher die heidnischen Götter zu Dämonen und deren Ver- 
ehrung zu abergläubischem Treiben und Zauberwerk herabgedrückt worden 
waren, so mussten jetzt die katholischen Segnungen und Gebete sich die 
gleiche Wandelung gefallen lassen, und wiederum erschien die ganze 
Vorzeit den Trägern des neuen Geistes als eine schlechthin verwerfliche 
und zu bekämpfende. Nachdem aber der evangelische Glaube erst einiger- 
massen befestigt war, traten sofort auch die Früchte der frischeren Be- 
wegung, in welche er die Geister versetzt hatte, und des häufigeren Ver- 
kehres mit dem Auslande zu Tage, welcher durch ihn, wie zuvor schon 
durch den Handel, angebahnt worden war. Ein Deutscher, Namens Gories 
Peers e, hatte im Jahre 1561 ein Gedicht „Van Island^ in Hamburg 
drucken lassen, welches W. Seelmann von sehr dankenswerten An- 
merkungen begleitet neuerdings herausgegeben hat (Jahrbuch des Vereins 
für niederdeutsche Sprachforschung, Jahrgang 1883). Wiederholt aufgelegt, 
scheint dasselbe auf der Insel grossen Ärger erregt zu haben, und Bischof 
Gudbrandr porläksson von Hölar (f 1627) veranlasste infolgedessen 
einen jungen Geistlichen seiner Diöcese, Arngrimur Jönsson, zur Ab- 
fassung einer Gegenschrift, welche, auf verlässige einheimische Quellen 
gestützt, dem Auslande richtigere Begriffe von dem Lande und Volke bei- 



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Znr Yolksknnde Islands. 41 

bringen sollte. So entstand der „Breots commentarius de Islandia^ (Kopen- 
hagen, 1593), welchem Arngrimr dann später noch seine „Crymogaea^ 
(Hamburg, 1609 und öfter), sein „Specimen hlandiae histaricum^ et magna 
ex parte charographicum^ (Amsterdam 1643), und eine Reihe anderer auf 
die Geschichte und Geographie seines Landes bezüglicher Schriften folgen 
liess. Dadurch wurde die Aufmerksamkeit des Auslandes auf die merk- 
würdige Insel und deren Geschichte gezogen, zugleich aber auch der Blick 
des Volkes selbst wieder auf seine eigene Vorzeit zurückgewandt. Da 
überdiess gleichzeitig auch in Schweden und in Dänemark durch Männer 
wie Johannes Buräus (1568 — 1652) und Johannes Messenius (1579 
bis 1637), dann Ole Worm (1588—1654) und Stephan Stephanius 
(1599 - 1650) die einheimischen Altertümer in Angriff genommen wurden, 
wobei man der sprachlichen Beihilfe der Isländer nicht zu entraten ver- 
mochte, kam nun sofort mit einem Male das Studium der bisher nahezu 
völlig vergessenen alten Quellen in lebhaften Gang. Als Begründer des- 
selben mögen, neben dem bereits erwähnten Arngrimr laerdi (f 1648), 
etwa Magnus Olafsson zu Laufas (f 1636), der Bauer Björn Jönsson 
zu Skardsa (f 1665) und Bischof Brynjölfr Svein^son von Skalholt 
(f 1675) genannt werden, während dessen festere wissenschaftliche Be- 
gründung vorab dem Geschichtsforscher pormödr Torfason (Torfaeus, 
t 1719), dem Lögmann Fall Vidalfn (f 1727) und dem Professor Arni 
Magnussen (f 1730) zu verdanken ist. Auf die Volksüberlieferungen der 
Insel aber übte diese isländische Renaissance einen recht eigentümlichen 
Einfluss aus. 

Ursprünglich von gelehrten Männern ausgegangen, wurde die Be- 
schäftigung mit der eigenen Vorzeit doch bald auch in weiteren Kreisen 
heimisch, was durch das Fortleben der alten Sprache auf der Insel er- 
möglicht war. In zahlreichen Abschriften, seit dem Ende des 17. Jahr- 
hunderts teilweise auch schon in Drucken, verbreiteten sich die sozusagen 
neu entdeckten alten Schriftwerke. Halb oder ganz erloschene Erinnerungen 
wurden durch sie wieder aufgefrischt, und gingen nun, richtig oder unrichtig 
verstanden, neuerdings wieder in den Volksmund über. Nachdenksame 
Männer suchten die Berichte der schriftlichen Quellen soweit möglich zu 
lokalisieren, mit erhaltenen Überresten von Baulichkeiten, oder was man 
dafür hielt, in Verbindung zu bringen und mit allenfalls umlaufenden 
Lokalsagen auszugleichen; ihre mehr oder minder begründeten Vermutungen 
aber wurden dann ebenfalls wieder vielfach vom Volke gläubig weiter- 
getragen und erweiterten sich noch durch Zuthaten der fortwährend 
schöpferischen Fhantasie. Neue Sagen bildeten sich auf diesem Wege, 
deren gelehrten Ursprung in vergleichsweise neuer Zeit man nicht immer 
auf den ersten Blick zu erkennen vermag. Ich habe mich aber über diese 
Renaissancesagen und deren Verhältnis zu den Sagen echt volksmässigen 
Ursprunges schon anderwärts ausgesprochen (Germania IX, S. 233 — 38), 



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42 Maurer: 

und will das dort Gesagte hier nicht wiederholen. Neben diesen mehr 
oder minder der Lecture der älteren einheimischen Quellen entsprungenen 
Sagen brachte aber der Verkehr mit dem Auslande gleichzeitig auch noch 
mancherlei fremdes Wissen ins Land. Hatte man schon im 13. und 14. Jahr- 
hundert, wovon die Hauksbok Zeugnis giebt, aus Isidor und Augustinus, 
dem Ädamsbuch, Plinius, einem Algorismus, Cisio Janus und dergleichen 
sich allerhand Weisheit zusammengeschrieben, so treten jetzt Übersetzungen 
oder Bearbeitungen deutscher oder lateinischer Werke über Physiognomik 
und Chiromantie, astrologischer Schriften, deutscher Aderlassbüchlein und 
anderer medizinischer Volksbücher, Auszüge aus den Schriften des Albertus 
Magnus über Steine und Pflanzen und dergleichen auf, wofür ich ander- 
wärts bereits Belege zusammengestellt habe (Germania VII, S. 248 — 49). 
Auch manche Zauberformeln, wie z. B. der Sator arepo^ wurden aus der 
Fremde aufgenommen, und nicht minder scheinen die Hexenprozesse, 
welche auf Island bis gegen das Ende des 17. Jahrhunderts herab ganz in 
der anderwärts üblichen Gestalt vorkommen, auf fremden Einfluss zurück- 
geführt werden müssen, da die Klagen wegen Zauberei in den älteren 
isländischen und norwegischen Christenrechten noch einen ganz anderen 
Charakter zeigen. Indessen gesteht nicht nur in Norwegen schon im 
Jahre 1325 ein Weib ein: „quod divine protectioni abrenunciavit et se dyabolo 
commendavit^ (Diplom, norv. IX, no. 93, S. 113), sondern auch auf Island 
wurde schon im Jahre 1343 eine Klosterfrau von Kirkjubasr verbrannt, 
weil sie sich durch schriftlichen Vertrag dem Teufel übergeben und sich 
überdies an einer geweihten Hostie gröblich vergangen hatte (Plateyjar 
Annäll, S. 402, ed. G. Storm); und in Grönland erlitt im Jahre 1407 ein 
Mann den Feuertod, weil er „med soartakonstf'u?fi'' eine Frau zum Ehebruch 
verleitet hatte, welche hinterher geisteskrank wurde und starb (Lögmanns 
annäll, S. 288—89 und 296), sodass also derartige Verfolgungen keineswegs 
erst seit der Reformation im Norden aufkamen. 

Wiederum sind manche Sagen auch in der späteren Zeit von Deutsch- 
land aus nach Island hinübergewandert. Von der Sage vom ewigen Juden 
habe ich dies bereits früher nachgewiesen (Germania IX, S. 231 32) ; aber 
auch eine über den Ursprung der „huldumenn" umlaufende Sage weist deut- 
lich auf einen von Hans Sachs gedichteten Schwank (Bibliothek des litte- 
rarischen Vereins, Bd. 125, S. 354-60) oder die ihm zu Grunde liegende 
Quelle zurück (vergl. J. Grimm in der Zeitschrift für deutsches Altertum, IL 
S. 257-67; Kleinere Schriften, VII, S. 106—14), wenn auch deren nächste 
Quelle eine dänische sein mochte (vergl. Thiele, Danmarks Folkesagn, H, 
S. 175 — 76; 1843); und eine Erzählung von Christus und dem Regen- 
pfeifer (loa) hat ihr Vorbild in Bruder Philipps Marienleben, (V. 4110 — 175 
ed. Rückert, S. 112-14). 

Ausser der älteren Überlieferung, neubelebten Erinnerungen aus 
der besseren Vorzeit und fremder Zufuhr bot übrigens, wie zum Teil 



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Zur Volkskunde Islands. 43 

bereits angedeutet, auch die spätere Geschichte der Insel manchen Stoff 
zu neuer Sagenbildung. Schwere Seuchen oder Missjahre, vulkanische 
Ausbruche und Überschwemmungen, mancherlei sonstige ausserordentliche 
Unglücksfalle, unter besonderen Umständen begangene Todschläge oder 
Raubereien, hervorragende Thaten oder Leiden einzelner Menschen hafteten 
in der Erinnerung und gewannen, von Mund zu Mund weiter erzählt, nach 
und nach sagenmässige Gestalt. Vielfach knüpfen sich dabei ältere Sagen- 
züge hinterher an jüngere Persönlichkeiten, und zumal Zaubersagen schliessen 
sich mit besonderer Vorliebe an einzelne bekanntere Persönlichkeiten 
weltlichen und vorab geistlichen Standes an. Neben Sa^mundr frodi 
(f 1133), von welchem schon die jüngere Jons biskups saga, cap. 15 — 16, 
S. 227—29, einige Zauberstückchen berichtet hatte, und von welchem durch 
.Arni Magnussen gesammelte Aufzeichnungen gar viel zu erzählen wissen, 
dann Bischof Gottskalkr hinn grimmi von Hölar (1498 - 1502) spielen 
zumal sira Halfdan Narfason zu Fell i Slettuhlid (f 1598 ?) und sira 
Eirikr Magnussen zu Vogsösar (1677 — 1716), dann auch der berühmte 
Psalmendichter sira Hallgrimr Pfetrsson (f 1674), ja noch sira Saemundr 
Holm zu Helgafell (f 1821) als Zauberer eine Rolle, unter Leuten weltlichen 
Standes aber, neben Olafr töni (f 1393), der Lögmann Päll Vidalin 
und mancher andere. Mit dem Wechsel der Zeiten ändert sich dabei wohl 
auch der Charakter der Sagen, indem in Zeiten dumpfen Aberglaubens 
und tiefer geistiger Finsternis die Gespenster- und Zaubersagen vorherrschen, 
wogegen in lichteren und milderen Zeiten mehr die freundlicheren Elbon- 
sagen und die Schwanke hervortreten. Zeitenweise suchte freilich die 
evangelische Kirche, durch mancherlei Missbräuche erschreckt, den alten 
Überlieferungen und jedem fröhlicheren Treiben des Volkes entgegen- 
zutreten, und als unter K. Christian VL von Dänemark (1730 -46) ein 
trübseliger Pietismus zur Herrschaft gelangte, wurde sogar mit königlichen 
Verordnungen gegen das Lesen von Sagen, die Beschäftigung mit unnützen 
Gedichten und Reimen, gegen unnütze Spiele und alles, was man für 
Aberglauben hielt, zu Felde gezogen. Zu Anfang dieses Jahrhunderts 
wurden solche Überlieferungen auch wohl von platt rationalistischem 
Standpunkte aus angegrififen, während die ^rimur^ wenigstens auch noch 
um einige Jahrzehnte später von ästhetischer Seite her ernstliche An- 
fechtungen zu erleiden hatten (vergl. Jon porkelsson, ang. O., S. 125 
big 131). Aber trotz aller dieser Angriffe hielt und hält das Volk im 
ganzen an seinen Traditionen fest, und bildet sie nach wie vor weiter. 
Man liest auf Island nach wie vor die alten Sagenwerke und erzählt sich 
mancherlei Geschichten. Man singt und recitiert noch die alten Lieder 
und Reime, und dichtet neue hinzu. Man gebraucht noch, wie bei uns, 
mancherlei Besprechungen und geheime Mittel, und glaubt noch an allerlei 
Spuk und Vorzeichen; habe ich doch selbst noch auf Island Leute ge- 
kannt, die bei den Eiben im Berg gewesen sein sollten (darunter einen 



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44 Maurer: 

Polizeidiener in Reykjavik!), oder an deren Person und Geschlecht sich 
Folgegeister knüpften. Gewisse Festlichkeiten und Spiele freilich, bei 
denen es nicht immer unbedenklich zuging, kamen seit der Mitte des 
vorigen Jahrhunderts ausser Gebrauch, wie denn z. B. die Jörvaglodi im 
Haukadale schon im Jahre 1695 durch Björn Jonsson als Verwalter der 
Dalasysla, und dann nochmals im Jahre 1708 durch Jon Magnussen, 
den Bruder Arni's, verboten worden war (Jon Espolin, Islands ärbsekur, 
VII, cap. 30, S. 48—9, und cap. 81, S. 117). Aber an Spielen minder 
bedenklicher Art fehlt es darum doch auch heutigen Tages noch keines- 
wegs auf der Insel, wie ich hierauf schon früher gelegentlich aufmerksam 
gemacht habe (Germania XIV, S. 105 — 10). 

Kurz nachdem durch Arngrimr lairdi der Anstoss gegeben worden 
war, mit den Zuständen des eigenen Landes in der Vergangenheit und 
Gegenwart sich zu beschäftigen, begannen auch bereits einzelne Männer 
die isländische Volkskunde in Angriff zu nehmen und Sammlungen inner- 
halb ihres Bereiches zu veranstalten. Bis in den Anfang des 17. Jahr- 
hunderts reichen derartige Versuche hinauf. Mit unsicherer Hand herum- 
tastend, mischen sie zunächst in ziemlich verworrener Weise Altes und 
Neues, Fremdes und Einheimisches, auch wohl Überliefertes und willkürlich 
Erfundenes; erst mit dem Anfange dieses Jahrhunderts kommt einige 
wissenschaftliche Klarheit und damit eine gewisse Methode und einiger 
Zusammenhang in derartige Bestrebungen, — erst seit dieser Zeit beginnt 
man sodann auch mit Veröffentlichungen hervorzutreten, welche den 
gesammelten Stoff allgemein zugänglich machen. Es sind aber zunächst 
ein paar gelehrte Gesellschaften, welchen diese Wendung zum Besseren 
zu verdanken ist. In Dänemark war schon durch ein Rescript vom 
22. Mai l807 eine Kommission für die Erhaltung von Alterthümern 
errichtet worden, und diese erliess am 5. April 1817 an sämtliche Pröpste 
und Pfarrer, sowie auch au einzelne Gelehrte und weltliche Beamte auf 
Island ein Zirkular (Lovsamling for Island, VU, S. 658 — 61), welches die- 
selben zur Berichterstattung über alle einschlägigen Vorkommnisse auf- 
forderte. Unter den ins Auge zu fassenden Punkten nennt aber ein bei- 
gefügtes Verzeichnis unter anderem auch mündliche Erzählungen des Volks 
über Leute aus der Vorzeit (^soweit sie nicht bereits in den geschriebenen 
Sagenwerken enthalten seien), über merkwürdige Örtlichkeiten, alten 
Glauben oder Aberglauben, besondere Ereignisse u. dergl., zumal soweit 
sie sich auf Altertümer beziehen. Diese Aufforderung scheint indessen 
keinen erheblichen Erfolg erreicht zu haben. Ein paar Jahrzehnte später 
that die im Jahre 1816 gestiftete isländische gelehrte Gesellschaft (Hid 
islenzka bokmentaf elag) einen ähnlichen Schritt. Sie erliess am 30. April 
1839 ein Rundschreiben an sämtliche Pfarrer des Landes (Hid islenzka 
bokmentaf elag, S. 71 — 78, 1867) mit der Aufforderung, Beschreibungen 
ihrer Pfarreien einzuschicken. Unter den 70 Fragen, welche bei dieser 



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Zar Volkskunde Islands. 45 

Gelegenheit gestellt wurden, beziehen sich aber einzelne auch auf die 
Volkssagen und alten Lieder, dann auf die Leibesübungen, die Musik 
und die sonstigen Unterhaltungen, endlich auf die Volksmedicin (Nr. 56 
bis 58, 66 und 69). Eine Reihe von Beschreibungen einzelner Pfarreien 
lief daraufhin ein, deren manche auch hierher Gehöriges enthalten, und 
einen ähnlichen Erfolg erzielte auch ein gleichzeitig an die Sysselmänner 
erlassener Aufruf entsprechenden Inhaltes (a. a. O. S. 78 — 80). Endlich 
erliess auch die im Jahre 1825 gestiftete Gesellschaft für nordische Altertums- 
kunde auf Grund eines von Prof. G. Stephens gestellten Antrages am 
28. April 1846 einen ähnlichen Aufruf an die Isländer (Antiquarisk Tids- 
skrift, 1843 — 45, S. I — VIII), welcher in sehr eingehender Weise um die 
Sammlung und Einsendung alter Volks- und Kinderlieder, Sagen, Aber- 
glauben, Angaben über Spiele und Tänze, Rätsel, Sprichwörter u. dergl. 
ersuchte. Sehr ausgiebigen Erfolg hatte auch dieser Aufruf nicht; indessen 
liefen auf Grund desselben immerhin beachtenswerte Mitteilungen von 
Liedern, Volkssagen und Angaben über Spiele ein. 

Lizwischen war aber auch mit der Veröffentlichung einzelner Samm- 
lungen begonnen worden, und zwar waren es die isländischen Sprich- 
wörter, welche dabei zuerst in Angriff genommen worden waren. Schon 
von ältester Zeit her spielen diese auf der Insel eine bedeutsame Rolle; 
Hävamäl ist gutenteils aus solchen zusammengesetzt; eine Anzahl von 
solchen hat Snorri Sturluson in seinem Hättatal unter der Bezeichnung 
„ordskviöuhättr'* vereinigt (Snorra-Edda, L S. 636 ed. Arnam.), und eine 
grössere Anzahl das von Th. Möbius nach einer Handschrift des 14. Jahr- 
hunderts herausgegebene MälshattakvaßSi, während aus den Sögur Guö- 
brandr Vigfusson in seinem Icelandic Prose Reader, S. 259 — 64 (vergl. 
8. 432 — 33), eine Zusammenstellung gegeben hat. In späteren Zeiten soll 
bereits Björn von Skardsä einen „Ordskvidaklasi" gedichtet haben 
(vergl. Jon r>orkelsson im Timarit, VIII, S. 65) und ebenso Jon Ilälf- 
danarson, dann Sküli porbergsson einen „Klasbardi", welcher über 
600 Sprichwörter enthalten haben soll, während prosaische Sammlungen 
von Hannes porleifsson (f 1682), Gudmundr Ölafsson (f 1695), 
sira Eyjölfr Jonsson zu Vellir (f 1745), Olafr Gunnlaugsson, dem 
Vater des Vicelögmanns Eggert, Jon (Hafsson von Grunnavik 
(t 1779), Rector Halfdan Einarsson (f 1785) u. A. zustande gebracht 
worden sein sollen. Auf Grund der wichtigeren unter diesen Vorarbeiten, 
welche, soweit noch vorhanden, sämtlich ungedruckt sind, brachte nun 
sira Gudmundr Jönsson, Pfarrer zu Stadastadr (f 1836), eine umfang- 
reiche Sammlung zusammen, welche unter dem Titel „Safn af islenzkum 
ordskvidum, fornmaelum, heilradum, snilliyrdum, sannmaelum og mals- 
greinum" im Jahre 1830 von der isländischen gelehrten Gesellschaft heraus- 
gegeben wurde. Die Sammlung ist zwar sehr reich, aber sie enthält neben 
echt isländischen Stücken auch gar manche ausländische oder neuerdings 



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46 Maurer: 

erfundene, welche auf der Insel nie in den Volksmund übergegangen sind; 
sie enthält ferner, wie auch ihr Trtel andeutet, nicht nur Sprichwörter, 
sondern auch blosse Lebensregeln, Sentenzen u. dergl., deren volkstümlicher 
Charakter vollends anfechtbar ist. Etwas später gab der hochverdiente 
Oberlehrer der gelehrten Schule in Reykjavik, Dr. Hallgrimr Scheving 
(f 1861), unter dem Titel „Islendskir malsha^ttir" in zwei Programmen 
dieser Schule (1843 und 1847) eine Reihe weit sorgsamer ausgewählter 
und behandelter Sprichwörter heraus, welche zum Teil auch mit Nach- 
weisen ihres Vorkommens versehen sind. Eine Besprechung beider Werke 
im Fjölnir, VIT, S. 100 — 103 (1844), bringt noch einige Nachträge aus 
älteren Quellen; in den von dem Samfund til üdgivelse af gammel nord- 
isk Litteratur herausgegebenen „Smastykker", Nr. 7, hat ferner Kr. Kälund 
eine isländische Sprichwörter -Sammlung aus dem 15. Jahrhundert heraus- 
gegeben (S. 131 — 84, 1886), und Eirikr Magnussen hat zu dieser Samm- 
lung wie zum Malshättakvaedi weitere Bemerkungen geliefert (Aarböger 
for nordisk Oldkyndighed og Historie, 1888, S. 323—48). 

An zweiter Stelle wurden die Volkssagen, Märchen und Schwanke 
samt dem an sie sich anschliessenden Aberglauben in Angriff genommen. 
Die ältere isländische Litteratur enthält zwar in grosser Zahl Belege für 
das Vorkommen ganz ähnlicher Sagen, wie sie heute noch im Volksmunde 
umlaufen, und manche von diesen streifen auch wohl hart an die Grenze 
des Schwanks. Dass auch Märchen bereits in jener frühen Vorzeit um- 
liefen, beweist die Erwähnung der „stjupma?3ra sögur er hiarSar sveinar 
segia" in der Vorrede zur Lebensbeschreibung K. Olaf Tryggvason's, 
welche der Mönch Oddr Snorrason verfasste (S. 1, ed. Munch), die 
Bezugnahme der Sverris s. cap. 7 (FMS. VIIL S. 18) auf alte Sagen, 
welche davon erzählen, „er konüngabörn urdu fyrir stjüpmiedra sköpum", 
und die Erzählung von dem durch „stjüpmodur sköp" verzauberten Weibe, 
welche nur ein König erlösen konnte, in der Hrölfs s. kraka, cap. 15 
(FAS., I, S. 31). Belege endlich für die verschiedensten Arten des Aber- 
glaubens bieten die älteren Quellen in Hülle und Fülle; aber an eine 
Zusammenstellung derartiger Dinge scheint vor der Reformation niemand 
gedacht zu haben, ausser etwa soweit es sich um aus der Fremde bezogene 
Erzählungen handelte, von denen die oben schon erwähnte, Jon Hal- 
dorssons Namen tragende Sammlung und manche von Konrad Gislason 
in seinem „Fire og fyrretyve Pröver" (Kopenhagen, 1860) mitgeteilte Stücke 
als Beispiele genannt werden mögen. Dagegen hat schon zu Anfang des 
17. Jahrhunderts Jon Gudmundsson (f 1650), welcher bald als „Iserdi", 
bald als „malari" bezeichnet wurde, manches hierher Gehörige zusammen- 
getragen. Im Besitze sehr ausgebreiteten, wenn auch oberfläclilichen 
Wissens, aber voller Aberglaubens und zugleich selber der Zauberei ver- 
dächtigt, berichtet er nicht nur in verschiedenen seiner Gedichte von allerlei 
Spuk und Zauberkünsten, mit welchen er zu kämpfen hatte, sondern er 



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Zur Volkskunde Islands. 47 

giebt auch in mehrfachen Schriften Bescheid über die Eiben und Wasser- 
geister, über verborgene Thäler auf Island und deren Bewohner, über 
wunderbare Steine, Pflanzen und Tiere, wobei mancherlei Sagen als Belege 
beigebracht werden, und er hat überdies die „Krukksspä" gedichtet, 
welche eine Reihe von Weissagungen über Island giebt und welche, viel- 
fach vermehrt und verändert, noch bis auf den heutigen Tag herab auf 
der Insel umläuft. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts schrieb ein sonst 
nicht bekannter Mann, 01a fr gamli, über die Runenkunst, und erzählt 
in diesem Werke eine Reihe von Sagen über verschiedene zauberkundige 
Männer, sowie mancherlei anderes über verschiedene Zauberkünste. Auch 
Ami Magnüsson hat, so sehr er die Volkssagen als geschichtlich 
nicht begründetes Geschwätz verachtete, doch manches hierher Gehörige 
gesammelt, wie z. B. Zaubersagen über Saemundr frodi, ältere Märchen 
und dergleichen mehr. Ebenso hat Jon Olafsson von Grunnavik (1705 
bis 1779) mancherlei zusammengebracht. In seiner Jugend hatte dieser 
vielschreibende Mann bei Fall Vidalin und dann bei Ami Magnussen 
gelebt, und schon bei ihnen mancherlei volkstümliches Wissen aufgelesen. 
Selbst in hohem Grade abergläubisch, erzählte er freilich aus Furcht, sich 
lacherlich zu machen, vieles von dem, was er hörte und glaubte, nicht 
oder doch nur andeutungsweise; aber doch enthält seine y^Runologia^ 
Einiges über Runenzauber und seine Lebensbeschreibung Fäll Vidalin's 
mancherlei über die dem Lögmanne zugeschriebenen oder gegen ihn ge- 
richteten Zauberkünste, während sein weitschichtiges Wörterbuch vollends 
eine Fundgrube der mannichfaltigsten Notizen ist. Etwas später noch 
sammelte Eirikr Laxdal Eiriksson (f 1816) isländische Volkssagen 
und vereinigte sie zu einem grossen Ganzen, welches er y^Olandssaga^ 
nannte; aber freilich ist dabei schwer auszuscheiden, was in dieser echte 
Überlieferung und was eigene Zuthat des Sammlers ist. In des Syssel- 
mannes Jon Espolin (f 1836) isländischen Jahrbüchern (Kopenhagen, 
1821 — 55) findet sich eine Menge hierher gehörigen Stoffes um so un- 
verfälschter vorgetragen, als der Verfasser selbst an die unglaublichsten 
Dinge glaubte; als Sammlung von volkstümlichen Überlieferungen kann 
indessen sein Werk natürlich nicht betrachtet werden. Im ganzen war 
selbstverständlich weder die pietistische Feriode um die Mitte, noch die 
Aufklärungszeit am Schlüsse des vorigen und am Beginne des gegen- 
wärtigen Jahrhunderts der Beschäftigung mit den Volkssagen günstig. Erst 
nachdem bei uns in Deutschland die Brüder Grimm mit ihren „Kinder- 
und Hausmärchen" (1812 — 15) und mit ihren „Deutschen Sagen" (1816 
bis 1818) die Aufmerkamkeit auf diese gelenkt, als ferner in Dänemark 
J. M. Thiele seine „Danske Folkesagn" (1818 — 23) und in Norwegen 
P. Chr. Asbjörnsen und J. Moe ihre köstlichen „Norske Polkeäventyr" 
(1845) veröffentlicht hatten, fing man auch auf Island an ernßtlicher in 
dieser Richtung vorzugehen. 



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48 Maurer: 

Zwei junge Leute, Magnus Grimsson, damals Schüler der ge- 
lehrten Schule zu BessastaSir, und Jon Arnason, welcher diese zwei 
Jahre zuvor absolviert hatte, aber damals noch im Hanse des Lehrers 
und späteren Rektors dieser Schule, Dr. Sveinbjörn Egilsson, 
lebte, begannen im Jahre 1845, angeregt durch das Lesen der Grimm- 
schen Kinder- und Hausmärchen, Märchen, Volkssagon und andere 
volkstümliche Überlieferungen ihrer Heimat zu sammeln. Schon im 
Jahre 1852 erschien als Probe dieser ihrer Sammlungen in Reykjavik ein 
kleines Bändchen unter dem Titel „Islenzk aefintyri", welches einige Volks- 
sagen, Volkslieder und Schwanke enthielt; an der Schwierigkeit aber, 
einen Verleger für ein umfangreicheres Werk zu finden, scheiterte zunächst 
die Absicht, mit der Veröffentlichung des Gesammelten fortzufahren, und 
damit erlahmte auch einigermassen der Eifer der beiden Sammler. Als 
ich aber im Sommer des Jahres 1858 Island bereiste, lernte ich Jon als 
damaligen Vorstand der Landesbibliothek und Sekretär des Bischofs, sira 
Magnus dagegen als Pfarrer zu Mosfell in der Mosfellssveit kennen und 
da ich mich damals selber bemühte, eine kleine Sammlung isländischer 
Volkssagen zusammenzubringen, traten wir uns rasch näher und diese An- 
näherung war uns beiderseits von erheblichem Vorteil. Mir erwuchs aus 
dem Verkehre mit den beiden trefflichen Männern, neben mancher ebenso 
vergnügten als lehrreichen Stunde, mancherlei Stoff für meine Sammlung, 
welche hinterher in meinen „Isländischen Volkssagen der Gegenwart" 
(Leipzig, 1860) Verwertung fand; andererseits aber konnte ich, durch 
freundliche Vermittlung des nun leider auch dahingegangenen Th. Mob ins, 
den beiden Isländern die Aussicht eröffnen, dass ihre Sammlung von einer 
hervorragenden deutschen Firma in Verlag genommen werden würde. Jetzt 
kam wieder Zug in die Sache. Noch in demselben Herbste erliess Jon 
Arnason einen Aufruf mit der Bitte um weitere Beiträge zu seiner Samm- 
lung, und im Jahre 1861 liess er demselben noch einen zweiten folgen. 
Von allen Seiten strömten jetzt Mitteilungen heran, und wiewohl der frühe 
Tod Magnus Grimsson's (f 18. Januar 1860) ihn seines treuen Mit- 
arbeiters beraubte, wusste doch Jon Arnason die Sagensammlung so eifrig 
zu fördern, dass sie bereits in den Jahren 1862 — 64 unter dem Titel 
Islenzkar pjodsögur" (Leipzig, J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung) in 
zwei starken Oktavbänden erscheinen konnte, welchen die Verlagshandlung 
im Jahre 1874 noch ein Sach- und Namenregister in deutscher Sprache 
folgen liess. GuSbrandr Vigfüsson, welcher dem ersten Bande des 
Werkes eine sehr lesenswerte Einleitung vorausgeschickt hat, bemerkt in 
dieser, dass dasselbe nur den geringsten Teil der isländischen Volkss^en, 
Märchen und Schwanke enthalte, und bis auf einen gewissen Grad kami 
ich diesen Ausspruch bestätigen. Einerseits nämlich wurden von vornherein 
nicht alle, damals bereits eingegangenen Erzählungen in die gedruckte 
Sammlung aufgenommen, sondern nur die einigermassen vollständigen und 



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Zur Yolkskunde Islands. 49 

von mehreren parallel laufenden Gestaltungen nur die besten; und anderer- 
seits setzte Jon Arnason auch nach erfolgter Drucklegung seine Samm- 
lungen noch fort und gelang es ihm hinterher noch mancher Sage habhaft 
zu werden, die ihm zunächst noch entgangen war. Immerhin bietet die 
Sammlung aber einen überaus reichen Stoff, und einen völlig genügenden 
Überblick über die isländische Sagenwelt, welcher durqh spätere Nachträge 
fortan leicht ergänzt werden kann. In ihrem letzten Abschnitte (II, S. 544 
bis 581) enthält sie überdies eine bemerkenswerte Aufzeichnung der ver- 
schiedensten Arten von Aberglauben und einer Reihe von Gebräuchen eigen- 
tümlichster Art, auf welche ich noch ganz besonders aufmerksam gemacht 
haben möchte. Ich bemerke noch, dass einige Besprechungen meiner 
Volkssagen von Jon Sigurdsson (Ny ffelagsrit, XX, S. 190—200), Ign. 
Zingerle (Germania, V, S. 378—80) und F. Liebrecht (Göttinger gelehrte 
Anz., 1861, St. 11), dann des "Werkes Jon Arnason's von F. Liebrecht 
(Germania, XXI, S. 68—75, auch in dessen Schrift: Zur Volkskunde, 
S. 362-73) und von mir (Germania, VE, S. 247-51 und IX, S. 231—45) 
teils Vervollständigungen, teils Erläutenmgen zu beiden Sammlungen 
bringen; dass femer, von einigen dänischen, norwegischen und englischen 
Bearbeitungen abgesehen, durch Fräulein Margarete Lehmann-Filhes 
eine Auswahl isländischer Sagen nach Jon Arnason^s Text in deutscher 
Übersetzung herausgegeben wurde (Berlin, 1889. 1891. 2 Bände), sodass 
auch dem des Isländischen nicht kundigen deutschen Leser ein Einblick 
in diese Sammlung ermöglicht ist. 

Auf die Volkssagen, Märchen und Schwanke, sowie den Aberglauben 
auf Island, womit sich das eben besprochene Werk allein beschäftigt, 
beschränkten sich übrigens die Sammlungen Jon Arnason's nicht, und 
eifrig war er bemüht auch andere Teile derselben zur Veröffentlichung 
zu bringen. Wiederum zeigte sich die Schwierigkeit, einen Verleger zu 
finden; dieselbe löste sich aber schliesslich, wenigstens teilweise, durch 
das Eingreifen der isländischen gelehrten Gesellschaft. Schon anlässlich 
des Erscheinens der pjödsögur hatte diese auf den Vorschlag ihres da- 
maligen Vorsitzenden, des treflFlichen Jon Sigurdsson (f 1879), durch 
einen mit dem Verleger abgeschlossenen Vertrag das Werk den Isländern 
unter vorteilhafteren Bedingungen zugänglich zu machen gewusst; im 
Winter 1885 — 86 aber einigte sie sich mit Jon Arnason über die Heraus- 
gabe eines zweiten Teiles seiner Sammlungen, der isländischen Rätsel 
nämlich, der Reihengedichte (J&trfwr), sowie der Spiele und sonstigen 
Unterhaltungen. Die Rätsel gab demgemäss noch Jon Arnason 
selbst auf Kosten der Gesellschaft in einem stattlichen Hefte heraus, 
welches den Generaltitel „Tslenzkar gätur, fulur og skemtanir, I", und 
den Spezialtitel „Islenzkar gatur" trägt (Kopenhagen 1887). Auf Island 
waren diese zweifellos von jeher beliebt gewesen. Sveinbjörn Egilsson 
führt in seiner Ausgabe der Snorra Edda, S. 238 — 9 aus der Edda des 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskande. 1891. 4 

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50 Maurer: 

sira Magnus Olafsson zu Laofas ein solches an; andere Rätselreden 
enthält die Völsünga, cap. 18 (PAS, I, S. 160—61) und die Ragnars 
konüngs s. lodbrökar, cap. 4 (ebenda, S. 245—6), mit welch letzteren sich 
auch die Reden und Gegenreden im Vafpnidnismäl berühren; vor allen 
berühmt sind die Rätsel des Gestumblindi in der Hervarar s. ok Heidrekß 
konüngs, welche auch Jon Arnason nach S. Bugge's Text an die Spitze 
seiner Sammlung stellt. Auch in den geschichtlichen Quellen fehlt es an 
Rätselreden nicht, und will ich beispielshalber nur die Reykdaela, cap. 26, 
S. 133 (1881) und die Krökarefs s. S. 31—33 (1866) anführen. In neuerer 
Zeit haben sich verschiedene Männer um die Sammlung von Rätseln bemüht, 
darunter der treffliche Propst sira Ölafr Sivertsen in Flatey (f 1860); 
aber veröfifentlicht wurde von diesen Sammlungen nichts, wenn man von 
einzelnen Kinderschrifteu, Kalendern und dergleichen absieht, und ist 
demnach die vorliegende Sammlung, welche 1194 Nummern aufweist, die 
erste ihrer Art. Auch die pulur hat Jon Arnason, soviel ich weiss, 
noch selbst bearbeitet, wenn sie auch zur Zeit noch nicht erschienen sind; 
dagegen überliess der hochbetagte, halb erblindete und kränkliche Mann 
die Bearbeitung der Spiele einem jüngeren Verwandten, Olafr Davfdsson, 
welcher schon frühzeitig angefangen hatte auch seinerseits zu sammeln, 
und welcher auch bereits zu den Rätseln erhebliche Beiträge geliefert 
hatte. Bald nachher starb der viel verdiente Mann (4. September 1888), 
über dessen Leben und Wirksamkeit zwei Nekrologe von cand. mag. 
Dr. Jon porkelsson (im Arkiv för nordisk Filologi, V, S. 297-302) und 
von mir (Zeitschrift für deutsche Philologie, XXI, S. 470—72) näheren 
Aufschluss geben. 

Spiele, Leibesübungen und andere Unterhaltungen waren 
aber in der Zeit des isländischen Freistaates sehr beliebt gewesen, und es 
fehlt in den älteren Quellen nicht an zahlreichen Angaben über dieselben. In 
der späteren Zeit scheinen dieselben weniger betrieben worden zu sein, 
obwohl sich allerdings bis in das 16. Jahrhundert herab schwer erkennen 
lässt, wieweit uns nicht etwa nur der Mangel an ausgiebigeren Nachrichten 
über deren Betrieb im Unklaren lässt. Sicher ist jedenfalls, dass im 16., 
17. und 18. Jahrhundert die Freude an den nationalen Spielen und sonstigen 
Vergnügungen sehr erheblich abnahm, teils weil die schweren Zeiten, 
welche das Volk durchzumachen hatte, dessen Lebensmut und Lebens- 
freudigkeit schwächten, teils weil die Kirche sich allem Spiele als sünd- 
hafter Unterhaltung missgünstig erwies, und die, wie bereits bemerkt, im 
pietistischen Geiste geleitete Gesetzgebung aus der Mitte des vorigen 
Jahrhunderts sich scharf gegen dieselben kehrte. Am Anfange des vorigen 
Jahrhunderts hatte der fromme, aber masshaltende Bischof JönVidalin von 
Skälholt (t 1720) noch verständig zwischen erlaubtem imd unerlaubtem 
Spiele zu unterscheiden gewusst; um die Mitte desselben Jahrhunderts aber 
(1757) verfasste der Propst sira porsteinn Petrsson zu Stadarbakki (f 1785) 



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Zur Yolksknnde Islands. 51 

eine eigene, handschriftlich erhaltene Streitschrift gegen alles Spiel, welche 
mit der äussersten Heftigkeit gegen dasselbe ankämpft, und diese feind- 
selige Richtung entsprach der damaligen Gesetzgebung. Endlich brachte 
die allgemeine Richtung der Zeit auf alles Ausländische und zumal 
Dänische mit sich, dass mancherlei fremdländische Spiele und Unter- 
haltungen zunächst bei den vornehmeren Klassen des Volkes Eingang 
fanden und dann von hier aus auch wohl in weitere Kreise sich ver- 
breiteten. Auch auf diesem Wege wurden die einheimischen Spiele mehrfach 
verdrängt, imd zumal der Tanz wurde, nachdem die alten einheimischen 
Reihentänze im vorigen Jahrhundert beseitigt worden waren, erst vom 
Auslande aus, und in ausländischer Gestalt wieder eingeführt. Vergeblich 
hatte sich der überhaupt für alles Volkstümliche lebhaft eingenommene 
Vicelögmann Eggert Olafsson (f 1768) um die einheimischen Spiele an- 
genommen; nur die studierende Jugend hatte in den Domschulen zu Skälholt 
und Hölar, dann später in der Landesschule zu Bessastadir und Reykjavik, 
diese noch einigermassen gepflegt. Neuerdings hat diese in etwas stark 
ahertümelnder Weise auch wohl neue Spiele aufzubringen gesucht, wie 
z. B. Eibentänze bei Packelschein oder gar ein porrablöt mit Minnetrünken. 
Andererseits ist aber auch von dem Baue eines Theaters in Reykjavik die 
Rede, in welchem einheimische Stücke aufgeführt werden sollen, und auch 
mit derartigen Aufführungen hat wieder die Schule den Anfang gemacht. 
Im laufenden Jahrhundert haben endlich zumal auch die Leibesübungen 
wieder einen erfreulichen Aufschwung genommen, durch neugebildete 
Vereine getragen und durch die Zeitungen des Landes kräftig befürwortet; 
doch blieb der seit dem Jahre 1850 an der gelehrten Schule eingeführte 
Turnunterricht zunächst ein durchaus fremdländischer, und wurde erst im 
Jahre 1877 die Pflege der nationalen Ringkunst {glima) bei demselben 
eingeschärft. 

Es begreift sich unter solchen Umständen, dass die litterarische 
Beschäftigung mit den Spielen sich zunächst vorzugsweise der alten 
Zeit zuwandte. Schon Arngrimr lierdi hatte in seiner „Crymogaea", 
8. 55 — 58 über die isländischen Spiele einige Mitteilungen gemacht. Später 
hatte Sküli Thorlacius in seinen „Antiquitatum borealium observationes 
miscellaneae", Specimen IV, S. 211 — 63 (1784) ausführlicher von den- 
selben gehandelt, freilich nicht ohne manches nicht hierher Gehörige 
mit heranzuziehen. Einiges hierher Bezügliche bietet Jon Eirikssou in 
seiner Abhandlung „De philippia" (Leipzig, 1755) und mehr noch Eugels- 
toft in seinem Programm: „Om den Priis, Oldtidens Skandinaver satte 
paa Legemsövelser" (Kopenhagen, 1801), R. Keyser in seiner Abhandlung 
„Nordmändenes Porlystelser i Oldtiden" (in Chr. Lange's Norsk Tidsskrift 
for Videnskab og Litteratur, U, 1848, S. 225 — 53, dann Efterladte 
Skrifter, 11, 2. Abteilung, S. 100—26), K. Weinhold, „Altnordisches 
Leben" (Berlin, 1856), S. 290-313 und 464—70. Aber alle diese Werke 



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52 Maurer: 

behandeln zunächst nur die entferntere Vorzeit, und berücksichtigen die 
neuere Zeit nur ganz beiläufig in einzelnen Bemerkungen. Schon mehr 
bietet J6n Ölafsson von Grunnavik in seinem weitläufigen Wörter- 
buche, in welchem er unter dem Schlagworte y^leikr^ einlässlich von den 
Spielen überhaupt handelt, unter „skdk^^y ,9^1^, y^tafl^ noch weitere Nach- 
träge liefert, und an verschiedenen Orten zerstreut noch mancherlei Be- 
merkungen bringt. Ebenso hat Bischof Hannes Pinnsso n von Skälholt 
(f 1796) mancherlei über die Spiele zusammengebracht; aber seine Samm- 
limg ist ebenso wie Grunnavikur- Jön's Wörterbuch ungedruckt ge- 
blieben. Manches über die Spiele findet sich bei Eggert Olafsson in 
seiner „Reise igjennem Island" (Soröe, 1772; deutsche Übersetzung, Kopen- 
hagen und Leipzig, 1774), bei Magnus Stephensen, in seinem „Eptirmaeli 
ätjäundu aldar" (Leirärgardir, 1806), S. 555 — 74, oder „Isli^nd i det attende 
Aarhundrede" (Kopenhagen, 1808), S. 223-— 40, sowie bei einzelnen fremden 
Reisenden, wie z. B. dem Schweden Uno von Troil, „Bref rörande en 
Resa til Island* (TJpsala, 1777; deutsche Übersetzung Upsala und Leipzig, 
1779), S. 69 — 71; aber alle diese Bemerkungen sind nur wenig erschöpfend. 
Dagegen haben in neuester Zeit neben Jon Arnason und sira Magnus 
Grimsson auch andere Männer Sammlungen von Spielen und dergleichen 
angelegt, wie zumal sira Gudmundr Einarsson zu BreidabölstaSir auf 
der Skögarströnd, Professor Valtyr Gudmundsson in Kopenhagen, Can- 
didatPalmiPalsson, Student Bogi Thorarensen Jönsson Melstedund 
Gudmundr Davidsson. Alle diese handschriftlichen Sammlungen konnte 
aber des Letztgenannten Bruder, Olafr Davidsson, benutzen, wogegen 
eine in der Bodleiana zu Oxford liegende handschriftliche Samitolung von 
dänischen, norwegischen, schwedischen und isländischen Spielen unbenutzt 
gelassen werden musste. Letzterer hat nun wiederum auf Kosten der 
isländischen gelehrten Gesellschaft, die Veröffentlichung einer Samm- 
lung von Spielen und dergleichen begonnen, und zwar erschien deren 
erstes Heft mit dem Generaltitel: „Tslenzkar gdtur, pulur og skemtanir 11", 
im Jahre 1888. In einer sehr interessanten Einleitung giebt der Verfasser 
sowohl Aufschluss über die von ihm benutzten Hilfsmittel, als auch einen 
Überblick über die Geschichte der Spiele auf Island, welchem ich manche 
der oben mitgeteilten Angaben verdanke. Die Sammlung selbst soll in 
drei Teile zerfallen, deren erster die Bewegungsspiele einschliesslich der 
Leibesübungen behandeln soll, während der zweite die Spiele enthalten 
wird, welche vorzugsweise die geistige Thätigkeit und das Gedächtnis 
in Anspruch nehmen, und der dritte diejenigen Spiele, zu welchen Geräte 
gebraucht werden. Das vorliegende Heft umfasst aber nur ein Stück des 
ersten Teiles, nämlich die Leibesübungen, unter welchen zumal die Ring- 
kunst eingehend besprochen wird, sowie den Anfang der Bewegungsspiele 
im engeren Sinne des Wortes *). Es ist also nur ein kleiner Teil des Ganzen, 

1) Während der Korrektur geht mir das dritte Heft der „tslenzkar g^tor, pulur og 
skemtanir*' zu (1890), welches die Fortsetzung des zweiten enthält. 



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Köhler: Ein anscheinend deutsches M&rchen von der Nachtigall etc. 53 

welcher bisher gedruckt ist; indessen darf mit Zuversicht erwartet werden, 
dass das Fehlende in nicht allzulanger Zeit nachfolgen wird, und steht 
doch wohl auch zu hoffen, dass die isländische gelehrte Gesellschaft seiner- 
zeit auch zur Veröffentlichung jener, allerdings gewaltig umfangreichen, 
Liedersammlungen schreiten werde, welche Jon Sigurdsson und 
Jon Arnason zusammengebracht haben und von welchen die oben schon 
erwähnten y^Tslenzk fornkvcetfi^ doch nur einen sehr geringen Teil aus- 
machen. Man wird dann allmählich einsehen lernen, dass das isländische 
Volk selbst in den dunklen Zeiten, welche zwischen dem 14. und dem 
19. Jahrhundert in Mitte lagen, keineswegs so völlig geistig gebrochen und 
tot war, wie wir Ausländer dies zumeist anzunehmen pflegen. 



Ein anscheinend deutsches Märchen von der Nachtigall 
und der Blindschleiche und sein französisches Original. 



Von Reinhold Köhler. 



In Pirmenichs „Germaniens Völkerstimmen", I. 283, steht ein Märchen 
„De nachtigall und de blinnerslange" (Blindschleiche) in der Mundart von 
Warendorf im preussischen Kegierungsbezirk Münster. Dieses Märchen 
hat — ohne Quellenangabe — H. F. W. Raabe in sein ^Allgemeines 
plattdeutsches Volksbuch", Wismar und Ludwigslust 1854, S. 234, auf- 
genommen, aber in mecklenburg-schwerinsche Mundart übersetzt und 
„Die Nachtigall un die Hartworm over Blindschlang" betitelt. F. H. von 
der Hagen hat in seiner Besprechung von Firmen ichs Werk in seiner 
„Germania", VDI. 218, die „Warendorfer Märe" als „sonderbar" hervor- 
gehoben und ihren Inhalt mitgeteilt, und K. Schiller, „Zum Thier- und 
Kräuterbuche des mecklenburgischen Volkes", 1. Heft, Schwerin 1861, S. 2, 
hat mit Verweisimg auf von der Hagen und Raabe des Märchens gedacht. 
Von der Hagen und Schiller haben das Märchen jedenfalls für ein 
deutsches gehalten, und wohl die meisten Leser der genannten Bücher 
werden dies auch gethan haben. Das Märchen ist aber gar kein deutsches, 
sondern ein französisches. Es findet sich nehmlich in der ersten Ausgabe 
der „Kinder- und Haus -Märchen" der Brüder Grimm, Berlin 1812, S. 20 f., 
als Nr. 6 ein Märchen „Von der Nachtigall und der Blindschleiche", welches 
nach der Anmerkung dazu aus dem Französischen übersetzt ist. Das 
Märchen bei Firmenich aber ist nichts anderes als eine fast durchaus 



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54 Köhler: 

wörtliche Übertragung der Grimmschen Übersetzung in die Warendorfer 
Mundart, 

Da die erste Ausgabe der Grimmschen Märchen sehr selten ist, und 
auch die Memoires de TAcademie celtique, aus denen das Märchen über- 
setzt ist, wenigstens deutschen Lesern nicht leicht zugänglich sein werden, 
wird es gerechtfertigt erscheinen, wenn ich Übersetzung und Original hier 
mitteile. 

Die Grimm'sche Uebersetzung lautet: 

Von der Nachtigall und der Blindschleiche. 

Es waren einmal eine Nachtigall und eine Blindschleiche, die hatten 
jede nur ein Aug' und lebten zusammen in einem Haus lange Zeit in 
Frieden und Einigkeit. Eines Tags aber wurde die Nachtigall auf eine 
Hochzeit gebeten, da sprach sie zur Blindschleiche: „ich bin da auf eine 
Hochzeit gebeten und mögte nicht gern so mit einem Aug' hingehen, sey 
doch so gut und leih mir deins dazu, ich bring dirs Morgen wieder." 
Und die Blindschleiche that es aus Gefälligkeit. 

Aber den anderen Tag, wie die Nachtigall nach Haus gekommen war, 
gefiel es ihr so wohl, dass sie zwei Augen im Kopf trug und zu beiden 
Seiten sehen konnte, dass sie der armen Blindschleiche ihr geliehenes Aug' 
nicht wiedergeben wollte. Da schwur die Blindschleiche, sie wollte sich 
an ihr, an ihren Kindern und Kindeskindern rächen. „Geh nur, sagte die 
Nachtigall, und such einmal: 

ich bau mein Nest auf jene Linden, 
so hoch, so hoch, so hoch, so hoch, 
da magst dus nimmer wiederfinden!*' 

Seit der Zeit haben alle Nachtigallen zwei Augen und alle Blind- 
schleichen keine Augen. Aber wo die Nachtigall hinkommt, da wohnt 
unten auch im Busch eine Blindschleiche, und sie trachtet immer hinauf- 
zukriechen, Löcher in die Eier ihrer Feindin zu bohren oder sie aus- 
zusaufen. 

Im „Anhang" ist dazu S. VH bemerkt: 

Zur Nachtigall und Blindschleiche. Nr. 6, 

aus dem Französischen übersetzt, Memoires de Tacademie celtique. Tome 2, 
204. 205. Vergl. T. 4, 102. Das Märchen und der Glauben findet sich 
unter den Solognots. Die französischen Reime ahmen den Ton der Nach- 
tigall glücklicher nach: 

je ferai mon nid si haut, si haut, si haut! si bas! 
que tu ne le trouveras pas! 

Die „Memoires de FAcademie celtique, ou Recherches sur les antiquites 

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Ein anscheinend deutsches M&rchen von der Nachtigall etc. 55 

celtiques, gauloises et fran^aises; publies par rAcademie celtique^, Tome ü. 
Paris 1808, pag. 204 — 218, enthalten „Traditious et usages de la Sologne*), 
par M. Legier, du Loiret, Ex-Legislateur, et Membre de TAcademie cel- 
tique«. No. 11 derselben (8. 204 f.) lautet: 

Le rossignol et TauTot, suivant la croyance des Solognots, n^avaient 
qu^un oeil chacun. Depuis tres-long tems ils vivaient dans une bonne 
intelligence; mais le rossignol fat un jour inyite de la noce. H pria Tanvot 
de lui preter son oeil, afin de paraitre ä la noce ayec deux yeux. L'anyot 
le lui preta. Le rossignol de retohr, refusa de rendre ä son ami Toeil qu'il 
lui avait prete. L'anvot fache jura de s'en venger sur lui ou sur sa pro- 
geniture. Mais le rossignol ingrat lui repondit: Je ferai man nid st haut^ 
81 hauty si haiU, si basy que tu ne 'le trouveras paa; et voilk pourquoi 
l'anyot ne yoit pas clair. L^opinion des Solognots est que non loin du nid 
d'un rossignol, souvent sous Tarbuste oü il est, on peut chercher, on y 
trouvera certainement un anyot; j'ai cherche et n'ai rien trouye. 

Wenn die Brüder Grimm auch noch auf „T. 4, 102" der Memoires 
de rAcademie celtique hinweisen, so bezieht sich dies auf eine Stelle einer 
Bd. IV, Paris 1809, S. 93 — 103, stehenden „Notice sur les traditions et les 
croyances de la Sologne et du Berri; par M. Legier, du Loiret. Suite*^'). 
Hierin heisst es 8. 100: 

La fable druidiqne relatiye ä l'anyot et au rossignol, y [i. e. en Berri] 
est accreditee comme ä Sologne, et citee meme comme proyerbe, sans 
doute parce qu'elle tient k la fois aux allegories du druidisme et ä la 
morale. Par ce double rapport, nous ayons cru, M. Johanne au et moi, 
qu'elle meritait d'etre yersifiee, et nous Tayons mis en vers; la yoici. 

Nun folgt (8. 100 — 102) die yersificierte Fabel, welche also schliesst: 

Ayeugle et malheureux par trop de complaisance, 
Depuis ce tems l'Anyot cache son existence 
Sous le nid de Tingrat; attend dans le silence 
L'instant de se venger de Toeil qu'il a perdu, 
En mangeant Toeuf que le traitre a pondu. 

Unter dem Text steht zu „l'ingrat" die Anmerkung: (*) On dit qu'il 
se trouye toujours un Anyot sous le nid du Rossignol, et qu'il en perce 
et mange les oeufs. 

Es sei noch bemerkt, dass auch in neuerer Zeit in yerschiedenen 
Gegenden Prankreichs Varianten des Märchens von der Nachtigall und der 
Blindschleiche gefunden und aufgezeichnet worden sind. Man sehe Laisnel 
de la Salle, Croyances et Legendes du Centre de la France, Paris 1875, 
IL 245 (Märchen aus Berry, schon firüher nach Laisnels Mitteilung in 

1) Die Sologne liegt im Departement Loir-Cher. 

2) S. 93 und 108 ist Legier gedruckt, im 2. Band ist S. 204 und 471 Legier 
S. 468 Legier gedmekt. 



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^ 



56 Löwe: 

des Grafen Jaubert Glossaire du Centre de la France, 2. ed., Paris 1864, 
S. 31b, gedruckt), Revue des langues romanes, IV. Montpellier -Paris 1873, 
S. 317 f. (Märchen aus der Provence); E. Rolland, Faune populaire de 
la France, 11. Paris 1879, S. 270 (Märchen aus Chätillon-sur-Loing im 
Departement Loiret), DI. Paris 1881, S. 21 (Märchen aus Cote-d'or) und 22 
(Märchen aus dem Kanton EscuroUes in Bourbonnais), Revue des Traditions 
populaires, L Paris 1886, S. 177 (Märchen aus Nivemais). 



Die Ausnahmslosigkeit sämtlicher Sprachneuerungen. 

Von Richard L5we. 



Die vorliegende Abhandlung ist wesentlich methodologischer Natur. 
Nur durch genaueste Beobachtung der lebenden Sprache und eindringende 
psychologische Analyse wird es möglich sein, die hier aufzustellenden 
Gesetze über Ausnahmslosigkeit der Analogiebildung und der sonstigen 
Sprachneuerungen so, wie sie hier formuliert werden sollen, entweder zu 
beweisen oder in irgend einer Weise zu modifizieren. Aber auch der 
Satz von der Ausnahmslosigkeit des Lautwandels wird sich nur in gleicher 
Weise wirklich beweisen oder modifizieren lassen. Hat man diesen Satz, 
für dessen Richtigkeit nur eine Art innerer Wahrscheinlichkeit spricht, zu 
einer methodischen Richtschnur erhoben, so hat man auch entsprechender- 
weise analoge Sätze über die Ausnahmslosigkeit der übrigen Sprach- 
neuerungen, für die sich die gleiche innere Wahrscheinlichkeit ergiebt, als 
methodologische Prinzipien gelten zu lassen. 

Wie man den Satz der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze dahin for- 
muliert hat, dass der gleiche Laut, der bei demselben Individuum an 
gleichem Zeitpunkte unter den gleichen phonetischen Bedingungen einem 
bestimmten Wandel unterliege, in sämtlichen ihn enthaltenden Formen 
von diesem Wandel betroflfen werden müsse, so hat man das Gesetz von 
der Ausnahmslosigkeit der Analogiebildung folgendermassen zu 
präzisieren: „Das gemeinsame Wortelement einer Formenreihe, 
das bei demselben Individuum an gleichem Zeitpunkte unter 
den gleichen Bedingungen auf dem Wege analogischer Neu- 
schöpfung durch ein anderes Wortelement verdrängt wird, muss 
in sämtlichen dieser Reihe angehörigen Formen dieser üm- 



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Die Ausnahmslosigkeit sSmtlicher Sprachneaenmgen. 57 

bilduug unterliegen". Unter der Bezeichnungsweise „Wortelement'' ist 
eine in einer Reihe von Formen mit einer bestimmten Funktion oder 
Bedeutung verknüpfte Lautgruppe zu verstehen, also sowohl formelle wie 
materielle Bestandteile. Ersteren Fall haben wir z. B. vor uns bei den 
Pluralen der nhd. Feminina der germanischen ^Deklination, die ohne Aus- 
nahme das Wortelement -en für -e nach Analogie der schwachen Feminina 
angenommen haben; letzteren in sämtlichen ursprünglich grammatischen 
Wechsel zeigenden tiefstufigen Verbalformen des Gotischen mit präteritaler 
Funktion, wo die wurzelhaften stimmlosen Spiranten ausnahmslos an die 
Stelle der entsprechenden stimmhaften gestreten sind, wo also z. B. in 
ffa-taukum das Wortelement ^- durch tuh- (woraus tauh-) ersetzt worden 
ist; beide Fälle sich kreuzend bei den verschiedenen Ablautreihen der 
starken Verba des Nhd., wie z. B. in der vierten Reihe der Ablaut d des 
ind. plur. praei, zugleich wurzelhafter Teil und Flexionselement, das a 
des zugehörigen Singulars in allen Formen verdrängt hat. — Gleichgültig 
ist, ob die ältere Formenreihe neben der neugebildeten noch eine Zeit 
lang fortbesteht oder nicht: sowohl die Neuschöpfung der analogisch ent- 
stehenden wie der Untergang der älteren Formen muss unter gleichen 
Bedingungen gleich ausnahmslos vor sich gehen. 

Die Wirkung der Ausnahmslosigkeit der Analogiebildung kann gerade 
wie die der Ausnahmslosigkeit des Lautgesetzes von jüngeren Lautgesetzen 
und Analogiebildungen wieder durchbrochen werden. Der so entstandene 
Lautwechsel beweist natürlich nicht das Mindeste gegen die unbedingte 
Konsequenz beider Arten von Wandlungen. Wohl aber kann man insofern 
in einem bestinmiten Sinne von Ausnahmen der Lautgesetze und Analogie- 
bildungen reden, als bereits der Eintritt beider Arten von Sprachneuerungen 
durch bestimmte Faktoren eingeschränkt werden kann. Will man hier 
die Bezeichnung „Ausnahme'' anwenden, so handelt es sich dabei nicht 
um eine verschiedene Auffassung der Thatsachen, sondern nur um eine 
abweichende Ausdrucksweise. Der Eintritt eines Lautwandels kann in 
Verbindung des zu wandelnden Lautes mit bestimmten anderen Lauten 
unterbleiben, wie z. B. die ahd. Tenues zur Vermeidung der unbequemen 
Aufeinanderfolge dreier Geräuschlaute nach s nicht zu Aflfricaten ver- 
schoben worden sind. Ganz entsprechend können sich auch da, wo eine 
Analogiebildung eine Formenreihe ergreift, einzelne Formen der analogischen 
Umbildung dann entziehen, wenn speciell sie wiederum mit anderen Formen 
associiert sind, die vermöge ihrer Lautgestalt jener Analogiebildung direkt 
entgegenwirken, bezw. die Richtung der Ausgleichung nach einer anderen 
Seite hin treiben. Ich gebe dafür ein Beispiel aus meinem heimatlichen 
Dialekte, dem Niederdeutsch südwestlich von Magdeburg. Die auf l -\- cons. 
oder U auslautenden Wurzeln der dritten Ablautreihe haben dort das i des 
Singulars auf dem Wege der Analogiebildung auch in den Plural über- 
geführt: 80 käp9j hüpm (helfen), ^ife. Hin (schelten), jiby jün (gelten), 8wÜ9^ 



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58 I^we: 

swiln (schwellen)*); dass das i des Plurals hier nicht lautgesetzlicher Herkunft 
ist, zeigen Formen wie mein < as. melddn und das aus unserer Reihe in 
die schwache Konjugation übergegangene melkn = ahd. melchan. Dagegen 
ist bei dem Verbum smelta, smeltn der Vokal des Plurals in den Singular 
gedrungen. Das stets stark flektierte Verbum hat sowohl transitive wie 
intransitive Bedeutung: das Grundverbum und sein Causativum waren 
durch Zusammenfall des westgerm. e und des Umlauts -^ zunächst in 
mehreren Präsensformen völlig zusammengeronnen, ein Umstand, der es 
zur Folge hatte, dass beide Verba auch in den übrigen Formen Anschluss 
an einander suchten. Dass im Singular neben einem smilte auch ein smeüe 
stand, genügte, um hier die Formen mit e durch das ganze Präsens durch- 
dringen und, die mit i gänzlich verschwinden zu lassen. Die Trennung 
des Verbums smelten im Präsens von denjenigen Verben, denen es ur- 
sprünglich zugehörte, bewirkte sodann in den Präteritalformen eine noch 
weitere Trennung desselben von seiner Reihe. Hier wurde bei den übrigen 
Verben der gleichen Reihe der Vokal des ind. plur. massgebend für den 
des ind. sing, und den des part.: also sing. htUp und part. »hulpm nach 
plur. hulpm^ mly dsuin nach Stdn^ jtd, 9juln nach jtdn^ suml, dswuln nach 
swuln. Dagegen siegte bei smelten der Vokal des Partizips: smolt, smoltn 
nach asmoltn. Das durchgehende e des Präsens hatte das Verbum der 
Reihe hupen u. s. w. enthoben und es den auf r + cons. in der Wurzel 
ausgehenden Verben wie sterben, verderben^ bei denen gleichfalls der Vocal 
des Plurals im Präsens durchgedrungen war, associiert. Diese Association 
muss in einer Zeit eingetreten sein, in der e vor r noch nicht zu a, wohl aber 
u vor r + cons. zu o geworden war. Dass letzterer Wandel früher als der 
erstere stattgefunden hat, ergiebt sich daraus, dass im Mittelniederd. nur 
Formen wie Ixyrg^ aber noch solche wie p&rle neben solchen wie parle ge- 
schrieben werden. In der Reihe der auf r + cons. in der Wurzel aus- 
lautenden Verba ist die Form storbm < stürben für den plur. praet. laut- 
gesetzlich; danach wurde im sing, storf geschaffen, während das part. mit 
seinem o nicht mehr umgebildet zu werden brauchte. Da also in dieser 
Reihe die Formen mit o den Sieg davontrugen, so drang auch bei smelten 
das des part. praet. in die Formen des zugehörigen Indikativs. 

Sehr häufig umfasst die ganze Analogiebildung nur eine einzige Form 
oder wenige Formen. Diese muss oder diese müssen dann lautlich oder 
funktionell zur Musterform in irgend einer näheren Beziehung als die mit 
ihr oder mit ihnen zur gleichen Reihe verknüpften Formen stehen. Auf 
dem Gebiete des Lautwandels entspricht dieser Art der Analogiebildung 
der Wandel eines Lautes in einer oder in mehreren bestimmten Ver- 
bindungen. Wie sich sämtliche zu einer Formenreihe gehörigen Formen 
zu einander verhalten, so verhalten sich sämtliche Lautkomplexe zu ein- 

1) Das / dieser Verba ist als Fortis zu sprechen. 

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Die Ausnahmslosigkeit sämtlicher Sprachneueningen. 59 

ander, die den gleichen Laut an gleicher Stelle aufweisen. Wenn sich im 
Ahd. Accusative auf -an ausser bei Eigennamen nur bei den Appellativen 
Iruhüfiy goty fater^ man finden, so erklärt sich dies aus der den Eigennamen 
nahe stehenden Bedeutung speciell dieser Appellativa: es vergleicht sich 
im Gebiete des Lautwandels damit z. B. die ahd. Kontraktion des ai nur 
vor r, Ä, «?, die eben durch die Natur gerade dieser Laute veranlasst oder 
bedingt worden ist. Diese Art von Analogiebildung und Lautwandel bildet 
genau das Gegenstück zu den oben gekennzeichneten Ausnahmen beider 
Arten der Sprachneuerungen. 

Es ergiebt sich somit die miethodische Forderung, den Bereich der 
Ausdehnung der Analogiebildung gerade so genau wie denjenigen der 
Ausdehnung des Lautwandels in jedem einzelnen Falle aufs schärfste ab- 
zugrenzen. Und wie man das Wort „Gesetz" in der Verbindung „Lautgesetz'' 
zur Bezeichnung eines einzigen eine Reihe von Einzelfallen in gleichmässiger 
Weise treffenden Yerschiebungsaktes anwendet, so darf man in einem ganz 
entsprechenden Sinne auch von einem „Analogiegesetze" reden. Der 
Bereich des Analogiegesetzes ist deshalb, weil die Analogiebildung sich 
auf das Wortelement, also zugleich auf Lautgestalt und Bedeutung bezieht, 
teils lautlich, teils funktionell oder semasiologisch abgegrenzt. Eine laut- 
liche Abgrenzung haben wir z. B. im Ahd. in der Setzung des a vor kon- 
sonantisches ly r, THy n in denjenigen Fällen, in denen sich in verwandten 
Formen das a vor sonantischem Z, r, ?n, n lautgesetzlich entwickelt hatte: 
hier tritt in ältester Zeit die analogische Einfügung des a nur nach kurzer 
Silbe ein; vgl. fogalesy ebano, bodamea gegenüber hlüiresy zeihnes, ackres. 
In dieser Abgrenzung der Ausgleichung finden wir eine grosse Ähnlichkeit 
mit der Abgrenzung des westgermanischen Synkopierungsgesetzes, das 
durch die Beseitigung des Yokales nach langem betonten Yokal einen 
ganz analogen Zustand wie unser Analogiegesetz schuf: in beiden Fällen 
sehen wir die Wirkung der gleichen rhythmischen Prinzipien. Ein Beispiel 
fär die Abgrenzung der Analogiebildung nach der Bedeutung bilden die 
oben erwähnten ahd. Wörter goty fatevy irakttny man. 

Wie die Analogiebildung so ist auch natürlich die Kontamination nebst 
allen Zwischenarten von Kontamination und Analogiebildung ausnahmslos. 
Aber auch für den'Funktionswandel hat das Gesetz der Ausnahmslosig- 
keit zu gelten. Die Verschiebung irgend eines einer Reihe von Formen 
gemeinsamen Bedeutungselementes muss in allen diesen Formen gleich- 
massig erfolgen, soweit nicht einzelne unter diesen formell oder fimktionell 
gegen die übrigen isoliert sind. Nimmt z. B. in irgend einer Mundart der 
Konjunktiv irgend eines Tempus futurische Bedeutung an, so natürlich alle 
in der Mundart enthaltenen Konjunktive desselben Tempus mit Ausnahme 
der etwa formell oder funktionell gegen die übrigen in irgend einer Weise 
iaoherten. Man darf daher auch von „Funktionsgesetzen" reden. Gleich- 
giltig ist natürlich dabei, ob es sich um eine Funktionsverschiebung, 



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> 



60 I^öwe: 

-erweitemng oder -Verengerung handelt. Auch das völlige Aufgeben einer 
Pormenreihe ist eine Funktionsverengerung bis zum Nullpunkte und muss 
alle in der Reihe enthaltenen Formen gleichmässig ohne Unterschied 
treffen, falls sich nicht etwa einige derselben in irgend einer Weise formell 
oder funktionell gegen die übrigen isoliert haben. Die beliebte Erklärung 
von Formen, deren Lautgestalt sich nicht in das Formensystem ihrer 
Sprache einfügt, als Überreste einer verloren gegangenen Formenkategorie 
ist überall da ein methodischer Fehler, wo sich nicht der Nachweis führen 
lässt, dass jene Formen lautlich oder funktionell gegen die übrigen der 
gleichen Reihe zur Zeit des Unterganges dieser in irgend einer Hinsicht 
isoliert gewesen sind. Aus diesem Grunde ist z. B. die von Kluge ^) ge- 
gebene Deutung des ahd. Präteritums ter als Restes des sonst verlorenen 
echten Aorists zu verwerfen. Dagegen dürfen wir z. B. bei Formen des 
Yerbum substantivum, dessen rein abstrakte Bedeutung gegenüber derjenigen 
der übrigen Verba eine isolierte Stellung einnimmt, analoge Erklärungen 
gelten lassen. 

Aber nicht nur für den Punktionswandel, d. h. den Wandel der for- 
mellen Bedeutung, sondern auch für den der materiellen, den man schlechthin 
Bedeutungswandel zu nennen pflegt, gilt das Gesetz der Ausnahmslosigkeit. 
Nur wird hier in den wenigsten Fällen das unter bestimmten Bedingungen 
veränderte Bedeutungselement unter diesen gleichen Bedingungen in mehr 
als einem Worte vorhanden sein, so dass hier das Bedeutungsgesetz fast 
immer nur einen einzigen Fall in sich schliesst. 

Hinsichtlich der Ausnahmslosigkeit des Lautwandels ist noch eine 
wichtige Bemerkung zu machen. Die Ausnahmslosigkeit hat auch für den 
sogenannten springenden Lautwandel (Metathesis, Silbenassimi- 
lation, Dissimilation), für den sie inkonsequenterweise von derselben 
Seite aus, von der die des sogenannten allmählichen Lautwandels besonders 
betont wurde, teilweis in Abrede gestellt worden ist, in vollem Umfange 
zu gelten. In einigen Fällen wie bei den Dissimilationen der altind. und 
griech. Aspiraten können wir die Ausnahmslosigkeit dieses Lautwandels in- 
duktiv direkt erweisen. In anderen Fällen, in denen der sogenannte springende 
Lautwandel scheinbare Unregelmässigkeiten zulässt, hat man zu beachten, 
dass sein Eintreten überall mindestens von allen denjenigen Lauten zugleich 
bedingt wird, die zwischen den beiden vom Wandel betroffenen stehen, 
sehr häufig aber auch wohl noch von dem dem zweiten nächstfolgenden 
und zuweilen wohl auch noch von dem dem ersten vorangehenden Laute. 
Auf diese Weise erklärt es sich, dass gerade der Bereich des springenden 
Lautwandels so häufig nur ein einziges Wort umfasst. Hinsichtlich der 
Mitwirkung des folgenden Lautes ist auf die Metathesis von r -}- voc. vor 
folgendem Dental im Anglofriesischen imd Niederdeutschen zu verweisen. 



1) Kluge, Geschichte der german. Konjag. S. 137. 

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Die Aasnahmslosigkeit s&mtlicher Sprachnenerangen. 61 

In manchen Fällen, in denen beim sogenannten springenden Laut- 
wandel eine scheinbare Regellosigkeit vorliegt, wird man durch sorgfaltige 
Zusammenstellung und Vergleichung aller Einzelfalle das Lautgesetz zu 
erechliessen imstande sein. Bechtel*) hal diejenigen lateinischen Wörter 
nisammengestellt, in denen dem stammbildenden Suffixe -^ro-^ -ctdo- ein l 
in der Wurzel vorausgeht. Hier war bekanntlich -cfo- < -Üo- die ur- 
sprünglich durchgehende Suffixform. Aus den bei Bechtel aufgezählten 
Beispielen kann man folgendes Lautgesetz konstruieren: „Z ging nach c in 
r über, erstens wenn auch in der unmittelbar vorangehenden Silbe über- 
haupt irgend ein L, zweitens wenn in der zweitvorhergehenden Silbe ein 
anlautendes l stand. Dagegen blieb l nach c erhalten, wenn das in der 
zweitvorhergehenden Silbe vorhandene l nicht silbenanlautend war**. Vgl. 
1. lucrum, involucrum^ mohicrum^ mnulacrum, sepulcrum^ fulcrum. 2. lava- 
crum^ eluacrum gegenüber clunactdum^ stibUgaculum, Im Mhd. lässt sich 
folgendes Dissimilationsgesetz aufstellen: „Anlautendes kl geht in kn über, 
wenn in demselben Worte ein l folgt, ausgenommen wenn ein Nasal 
zwischen beiden l steht*'. Vgl. kniuwel <: kliuwel^ knobelouch < khbeUmch^ 
dagegen stets kUngelen^ hlüngeUn (Knäuel). Die Dissimilation trat zur Ver- 
meidung einer unbequemen Lautfolge ein: hätte man nun auch U bei 
folgendem Nasal in kn gewandelt, so würde man in derselben Silbe zwei 
Nasale erhalten und so eine noch unbequemere Lautfolge erzeugt haben. 

Ohne an dieser Stelle den eigentlichen Beweis für die Ausnahmslosigkeit 
des springenden Lautwandels führen zu wollen, will ich doch hier wenigstens 
diejenigen Einwände widerlegen, die gegen dieselbe erhoben worden sind. 
Man hat die Metathesen,' Silbenassimilationen und Dissimilationen aus 
einem Sichversprechen ableiten wollen. Dem ist entgegenzuhalten, 

! dass wir uns so selten zu versprechen pflegen, dass die auf diese Weise 
entstandenen Missbildungen niemals usuell werden können. Dazu ver- 
sprechen wir uns, da wo wir keine occasionellen Analogiebildungen machen, 

I zum weitaus überwiegenden Teile nur in der Weise, dass wir Laute zweier 
verschiedener Wörter mit einander vertauschen oder einen Laut eines 
Wortes durch den eines Nachbarwortes beeinflussen lassen. Auch ist der 
Umstand in Betracht zu ziehen, dass, während der sogenannte springende 
Lautwandel am häufigsten bei Liquiden und demnächst bei Nasalen statt- 
findet, ein Sichversprechen, wie man beobachten kann, am meisten durch 
«- und »-Verbindungen begünstigt wird. Und in der That weist der so- 
genannte springende Lautwandel auf ganz denselben ürsprungspunkt zurück 
wie der sogenannte alln)ähliche. 

Wegener*) hat auf Grund eigener Beobachtungen darauf hingewiesen, 
dass der Lautwandel bei der jüngeren Generation durch abweichende Neu- 

1) Bechtel, Assimilation und Dissimilation der beiden Zitterlaute. S. 25. 

2) Wegen er in seiner Recension von Pauls Prinzipien, Zeitschr. f. d. Gymnasialw. 
Bd. XXXVI. 8. 301 ff. 



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62 Löwe: 

erzeugung des von der älteren Generation überlieferten Lautmaterials seine 
Entstehung nehme. Völlig unabhängig von Wegener ist Bremer bei 
seiner Erforschung des Dialektes der Insel Föhr auf ganz dasselbe Resultat 
gelangt: vgl. seine eingehende auf genauester Beobachtung basierte Schil- 
derung der Verhältnisse der aosdringischen Mundart *). Auch soweit ich 
selbst bisher in meinem Heimatsdialekte Beobachtungen über diesen 
Punkt angestellt, habe ich dies Resultat bestätigt gefunden. Ich muss 
dabei bemerken, dass sich zwischen der Sprache der älteren und der 
jüngeren Generation oft ein klaffender Riss ohne irgend welche Übergänge 
bildet, wie es z. B. in meiner Heimat Dörfer giebt, in denen die Er- 
wachsenen sp und 8t^ die Kinder dafür sp und st^ und solche, in denen die 
Erwachsenen deutliches ^, die Kinder deutliches j sprechen, ohne dass 
irgend welche Zwischenstufen existieren. Es erhellt, dass sowohl der 
spontane wie der auf Beeinflussung durch Nachbarlaute beruhende kom- 
binatorische Lautwandel durchaus nicht notwendig stets ein allmählicher 
ist. Man hat mithin den als historisch konstatierbaren Lautwandel — einzig 
vom willkürlichen und von dem durch Mischung im engeren Sinne ent- 
standenen abgesehen — in letzter Instanz aus der Sprache der sprechen- 
lernenden Kinder abzuleiten. Aus derselben Quelle hat Paul') mit Recht 
einen Teil des Bedeutungswandels hergeleitet. Er hat ausgeführt, dass 
zufällige Übereinstimmungen in der Bedeutungs Verschiebung bei ver- 
schiedenen regelmässig mit einander sprechenden Kindern dazu führen 
könnten, dass diese Kinder die Bedeutmigsveränderung gemeinsam in ihrer 
Sprache festhielten. In ganz analoger Weise können aber auch mit einander 
verkehrende Kinder, die zufallig in einer bestimmten lautlichen Abweichung 
von der Sprache der Erwachsenen untereinander übereinstimmen, diese 
Abweichung für immer beibehalten. Zwar pflegen viele dieser Abweichungen 
infolge übereinstimmender psychophysischer Weiterentwickelung der Kinder 
regelmässig wieder zu verschwinden, wie sich denn z. B. wenigstens auf 
indogermanischem Gebiete nirgends ein spontaner Übergang von A zu t, 
der doch in der Kindersprache so überaus häufig ist, nachweisen lässt. 
Dagegen entspricht dem wohl noch häufiger vorkommenden spontanen 
Lautwandel der Kindersprache o>s ein spontaner Lautwandel *">« im 
im Iranischen, im Slawischen, im Lettischen und im Preussischen '); auch 
aus dem „Schiboleth" der Bibel ist er aus semitischem Gebiete bekannt. 
Ungemein häufig sind in der Kindersprache Auslassungen von Konsonanten 
in Nachbarschaft anderer Konsonanten: vgl. die historisch nachweisbaren 
Assimilationen dieser Laute. 

Es finden sich nun in der Kindersprache auch Lautwandlungen, die 
eine weit grössere Übereinstimmung mit dem sogenannten springenden 

1) Niederdeutsches Jahrb. Bd. XIII. S. 14 fif. 

2) Paul, Prinzipien d. Sprachg. S. 76 ff. 

3) Vgl. Brugmann, Grundr. d. vgl. Gramm, d. idg. Spr. Bd. I, § 397 und 412. 



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Die Aasnahmslosigkeit s&mUicher Sprachneaerungen. 63 

Lautwandel als die Fälle des Sichversprechens zeigen. So bildet das von 
Preyer *) aus der Sprache seines Kindes angeführte y^grefasen^ für y^ge- 
freaen^ eine genaue Parallele zu anord. fifrilde = ahd. fifaltra^ dodonäisch 
taxQomov <r xaiontQov^ syrakusaniseh dglqfog < dirpQog und einer ganzen 
Reihe entsprechender Lautwandlungen im Portugiesischen *). Mein jüngster 
Bruder sagte, als er sprechen lernte, regelmässig Sneiblitz*) für Schleibnitz 
(ein Dorfhame); vgl. dodonäisch ä/iiii}()6g < ägiiffioc^ portug. alento > anelto 
> anhelitus. Ein von mir kürzlich beobachteter, nahezu dreijähriger Knabe, 
Willy Begal aus Halle a. S., zeigte einen ungemeinen Reichtum an der- 
artigen Lautwandlungen. Derselbe ersetzte z. B. die Lautgruppe st regel- 
mässig durch fs, sagte z. B. tatsen für kosten^ du meit» für du wemt u. s. w. ; 
vgl. syrakusaniseh ipi < oq>i *), sowie die Vertretung von anlaut. idg. sk 
durch griech. f. Ferner setzte er, obgleich er inlautendes / und r sehr 
wohl sprach, für anlautende liq. oder die anlautende Gruppe cons. + liq. 
regelmässig ein m, wenn der dem Yokale der ersten Silbe folgende Kon- 
sonant ein Labial, ein n, wenn derselbe ein Dental war. So sagte er: 
mampe für lampe^ meiben für bleiben^ meppe für treppe^ mauf für drauf 
{darauf)^ mief für briefy mappem für klappern; noss für grosSy nen für klm 
(hallisch für Afetn), natte für plättey neid für kleid^ ntn für grtn (hallisch 
fQr grün)^ now für kloss u. s. w. Nasale für Liquiden und liquidische Ver- 
bindungen sind in der Kindersprache ganz gewöhnlich. Uns interessiert 
hier die Assimilation dieser Nasale an den folgenden Konsonanten hin- 
sichtlich ihrer Artikulationsstelle. Eine gerade umgekehrte, aber in ihrem 
Wesen ganz analoge Assimilation eines Explosivlautes an einen voran- 
gehenden Nasal hinsichtlich der Artikulationsstelle findet sich im Nieder- 
deutsch des Magdeburger Landes in dem Worte hamspr <. mnd. hamster: 
der labiale Nasal m machte den dentalen Mundexplosivlaut t zum labialen 
Mundexplosivlaut p^ eine partielle Silbenassimilation, die einer totalen wie 
dt. mama < *mana = abktr. mana = abulg. mens vollkommen parallel 
geht Die erwähnten partiellen Silbenassimilationen zeigen übrigens aufs 
deutlichste, dass nicht nur die Formen, sondern auch die Laute der zu er- 
lernenden Sprache in der Seele der sprechen Lernenden in Reihen geordnet 
sind*). Eine Dissimilation zeigte Willy Kegal in dem Worte talinchen 
fto kanmchen; vgl. altportug. linho < ninho •). Von der älteren Schwester 
dieses Knaben erzählten mir ihre Eltern, dass sie die „Buchstaben herum- 



1) Preyer, Die Seele des Kindes. S. 327. 

2) Vgl. Cornu in Groebers Grundr. d. roman. Philo!. S. 764, § 157. 

3) Ich schreibe die Wörter aus der Kindersprache nicht phonetisch, sondern nach 
gewöhnlicher Orthographie, indem ich nur die Abweichungen von der Sprache der Er- 
wachsenen besonders kennzeichne. 

4) VgL Gust Meyer, Griech. Gramm. § 250. 

5) Vgl. Steinthal, Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. I, S. 135 ff., dasu die treff- 
Hchen Bemerkungen Wegeners, a. a. 0. 

6) Cornu, a. a. 0., S. 851. 



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64 Löwe: 

gedreht" habe (dies besonders häufige Vorkommen des sog. springenden 
Lautwandels bei Geschwistern muss auf Vererbung derselben geistigen 
Anlagen beruhen) ; sie erinnerten sich noch, dass sie kapet für paquet gesagt 
hatte: vgl. lit. kepu < *peku = abulg. pek^^ griech. axin-toftai < ^anix^zo^Qt = 
lat. apec-io. 

Übrigens kann auch die Analogiebildung nur in der Übertragung der 
Sprache auf eine jüngere Generation ihre Ursache haben. Denn es ist 
ganz unmöglich, dass die wenigen durch Sichversprechen occasionell ent- 
stehenden Missbildungen, die auch dem Ungebildeten, der die gleiche Mundart 
wie der sich Versprechende redet, auffallen und lächerlich erscheinen, 
wirklich usuell werden können. Dagegen sind die Analogiebildungen in 
der Eindersprache so ungemein häufig, dass man diese Sprache ohne Be- 
denken für das einzige Gebiet der Entstehung der sich wirklich fest- 
setzenden Analogieformen ansehen darf. Der Umstand, dass sowohl Laut- 
wandel wie Analogiebildung durch Übertragung von Generation auf Gene- 
ration entstehen, ist für die Richtung, in welcher die Untersuchung über 
die Ausnahmslosigkeit beider Arten von Sprachneuerungen zu führen sein 
wird, einzig bestimmend. 

In der Sprache der Erwachsenen selbst entstehen — von allen Mischungen 
im engeren Sinne und gemeinsprachlichen Einflüssen ist hier abzusehen — 
von lautlichen Veränderungen nur gewisse Entstellungen von Wörtern und 
Wortverbindungen. Wir können dieselben einfach ^Wortentstellungen" 
nennen. Sie haben gegenüber dem Lautwandel, der gänzlich unabhängig 
von der Bedeutung der Wörter, welche die vom Wandel betrofifeneii Laute 
enthalten, vor sich geht, das mit der Analogiebildung gemeinsam, dass sie 
stets durch die Bedeutung des veränderten Wortes mitbedingt sind: sie 
gehören wie die Analogiebildungen zum „Wortwandel ". Ich gehe auf die 
Wortentstellungen hier kurz aus dem Grunde ein, weil dieselben eine 
Reihe scheinbarer Ausnahmen der Lautgesetze erklären; auch hier kommt 
es mir nur darauf an, die wirklich gewichtigen Einwendungen, die gegen 
die Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze erhoben worden sind, s^u widerlegen. 

Die Wortentstellungen gliedern sich in zwei Hauptgruppen, die 
wir Wortkürzungen und Wortverdrehungen nennen können. 

Unter den Wortkürzungen haben wir Verkürzungen von Wort- 
verbindungen um ganze Wörter, von Wörtern um einzelne Silben oder 
Laute zu verstehen. Wie wir nach Wegener ^) die Worte des Sprechen- 
den schon nach wenigen Merkmalen auffassen, und wie nach ihm die 
Worte im Gespräche der Glieder einer Familie, einer Dorfschaft viel 
mangelhafter als im Gespräche mit Fremden artikuliert werden, so begnügt 
sich der Sprechende bei überhaupt sehr häufig vorkommenden Wort- 
verbindungen oder längeren Wörtern oft damit, nur den Anfang des Wortes 

1) Grundfragen d. Sprachlebens. S. 186. 

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Die Aosnahmslosigkeit sämtlicher SprachneaeraDgen. 65 

oder Wortkomplexes oder auch dessen stärker betonten Teil wirklich aus- 
zusprechen, da der Hörende hierbei schon den Sinn des Ganzen versteht. 
Gerade die Rücksichtnahme auf das Verständnis beweist, dass die Wort- 
kürzungen erst in der Sprache der Erwachsenen entstehen, den durch 
Lautwandel und Analogiebildung geschaffenen Zustand also erst später 
durchbrechen. Und so zeigen denn die allergewöhnlichsten Wörter nicht 
in Wirklichkeit, wie Schuchardt^) will, sondern nur scheinbar am meisten 
Neigung, sich von den Lautgesetzen zu emancipieren. Es ist indess nicht 
immer nötig, dass die zu kürzenden Wörter in der Sprache der Gesamt- 
heit zu den häufigsten gehören; sie brauchen nur in einem bestimmten 
Yerkehrskreise recht häufig zu sein, um innerhalb desselben die Kürzung 
zu erfahren. Gerade diese im engen Kreise entstehenden Wortkürzungen 
sind recht instruktiv für analoge Vorgänge in der Sprache überhaupt. Wenn 
z. B. die Studenten der Chemie in Leipzig Labor für Laboratorium sagen, 
80 unterscheidet sich diese Wortkürzung in nichts von allgemein üblichen, 
wie sie insbesondere bei Bezeichnungen nach Zahl, Mass und Gewicht 
vorkommen: vgl. zwei Kilo für zwei Kilogramm^ zwei Pfennig für zwei 
Pfennige^ ztoei Mark fünfzig für zwei Mark fünfzig Pfennige, 

Ferner sind auch die Kurznamen hierher zuziehen. Delbrück') 
hat dieselben für Entlehnungen aus der Kindersprache erklärt und dabei 
auf Formen wie engl. Bob < Robert, Dick <: Richard verwiesen. Für diese 
beiden Beispiele ist ihm zweifellos Recht zu geben. Denn wir haben in 
diesen Formen lauter Eigentümlichkeiten der Kindersprache, das Fehlen 
der unbetonten Silben, die Ersetzung des schwierigen r in Dick durch das 
verwandte d, in Bob infolge einer springenden Assimilation durch das dem 
Vokale folgende 6, den Ersatz der schwierigen Konsonantenverbindung U 
durch einfaches k. Man wird aber im allgemeinen ziemlich vergeblich 
nach derartigen verstümmelten Koseformen suchen. Unter sämtlichen in 
Fi cks Buche, Die griechischen Persoitennamen, aus allen idg. Sprach- 
zweigen angeführten Kurznamen findet sich auch nicht ein einziger, in dem 
abgesehen von der Anhängung eines stammbildenden Suffixes irgend eine 
lautliche Abweichung von dem ihm zu Grunde liegenden Bestandteile des 
Vollnamens vorkäme. Bildungen wie Zer^iQ für Zev^inuag^ Gaste für 
Auguste u. s. w. sind vielmehr von solchen wie Labor für Laboratorium 
durchaus nicht verschieden. Häufigkeit und Länge des Namens sind es, 
die gemeinsam die Kürzung zunächst in vertrautem Kreise veranlassen. 
Nur können die Kurzformen der Personennamen noch besondere Kose- 
sufßxe erhalten. 

So erklären sich denn auch die gekürzten Formen von Titeln und 
Begrilssungen, die Schuchardt ganz besonders gegen den Satz von der 
Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze in^s Feld führt. Es finden sich hier 

1) Ober die Lautgesetze. S. 25. 

2) Die neueste Sprachforschung. S. 29. 

Zeiucbiift d. Vereint f. Volkskunde. 1891. 5 

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66 liöwe: Die Ansnahmslosigkeit slUntlicher Sprachneaemngen. 

sowohl Auslassungen einzelner Wörter wie im nhd. Mahlzeit för gesegnete 
Mahlzeit, einzelner Silben wie in dem von Schuchardt angeführten magyar. 
ald szolgäj < aldtos szolgdja^ und meist wohl verbunden mit den beiden 
eben genannten Arten die Auslassung einzelner Laute wie in vulgärdeutsch 
motn, der gewöhnlichsten Form für guten Morgen^ in der das r geschwunden 
ist (das konsonantische i vertritt die Spirans ^ [für ^] nach voraufgehendem 
Vokal); in dem bei Schuchardt auch genannten mu ist sogar der Vokal 
und der Nasal n der Kürze halber zum Nasalvokal o kontrahiert worden. 
Ähnlich heisst es im Magdeburger Lande n dach neben blossem dach für 
y^guten Tag^, Die Kürzung um einzelne Laute scheint sich überhaupt 
auf die Formeln der Begrüssung und der titularen Anrede zu beschränken. 
In allen anderen Fällen ist doch wohl der Sinn des Wortes nicht in dem 
Grade selbstverständlich, dass man bis zu dieser höchsten Stufe der Ver- 
undeutlichung fortschreitet. 

Die Wortverdrehungen sind entweder Euphemismen wie nhd. verßxt 
für verflucht^ oder phantastische Umgestaltungen von Wörtern in der An- 
lehnung an andere Wörter, wie sie im Scherze und bei Spielen vorkommen, 
oder partielle Urschöpfungen. 

Für die Wortentstellung selbst haben wir natürlich gleichfalls das 
Gesetz der Ansnahmslosigkeit zu postulieren. Freilich umfasst auch hier 
der ganze Wandel meistens wohl nur ein einzelnes Wort oder eine einzelne 
Wortverbindung. Mehrere Wörter begreift er z. B. in sich bei der Kürzung 
der Hunderte der lateinischen Distributiva: duceni < ducenteni, treceni<i ^tre- 
centeni u. s. w. Eine Ausnahme von diesem Wortkürzungsgesetze bildet 
nur centeni: eine Form *ceni würde der Deutlichkeit zu viel Abbruch 
gethan haben. Da die Wortkürzungen selbst absichtlich stattfinden, so 
sind natürlich auch ihre Ausnahmen durch Absicht bedingt. Auch bei 
Kürzung der Personennamen lassen sich wahrscheinlich Wortkürzungs- 
gesetze betreffs ganzer Namenklassen aufstellen. Ein Wortverdrehungs- 
gesetz haben wir im Deutschen in der steten Ersetzung von Gott& durch 
'potz in Flüchen wie potz Blitz^ potz Wetter u. s. w., im Französischen in 
der Verwandlung von -dieu in -bleu in den ursprünglich auf -diea endenden 
Literjektionen wie parbleu^ corbleu u. s. w. 



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Rehsener: Wind, Wetter, Regen, etc. in Vorstellung und Rede des Tiroler Volkes. 67 



Wind, Wetter, Begen, Schnee und Sonnenschein in 
Vorstellung und Bede des Tiroler Volks. 



Von Maria Rehsener. 



So mancher müht sich ab, das Gewöhnliche originell zu sagen, weil 
alles nach Eigenart verlangt, und hätte nur die Hand nach dem Originellen 
auszustrecken, welches in der Ausdrucksweise des Volkes am Wege blüht. 

Die Ausbeute würde eine um so reichere sein, führte ihn seine Strasse 
in noch unbekanntes Land. 

Wir, als Fremde in Gossensass angekommen, strebten nur, uns den 
Gebirgsbewohnern verständlich zu machen, und fanden dabei ungesucht 
in ihren Antworten, kleinen Mitteilungen und ihrem Thun so viel Merk- 
würdiges, dass wir es nicht unterlassen mochten, das Gegebene aufzuzeichnen. 
Selbst die taglich wiederkehrenden Erscheinungen, wie Wind und Wetter, 
Regen und Sonnenschein gewannen neuen Keiz. 

Der Wind. 

Der Wind ist ein Letter (ein Landstreicher), der von Haus zu Haus 
geht. Man derhängt ihn nicht an; man ist froh, wenn ergeht: denn wenn 
er fahrt, derstellt man ihn nicht aus, ebensowenig wie einen fahrenden 
Wagen oder einen herankommenden Eisenbahnzug. 

Wenn die Hennen krähen, kommt der Wind. Er muss so lange 
gehn, bis er blutet; daher soll man nichts Böses auf ihn sagen. „Das 
glaub' ich, dass der Wind Enk angeblasen hat! Wo mag er jetzt hin- 
gegangen sein?" 

Anno zwölfundachzig ^) ist der Wind so gegangen, dass er den Leuten 
das Haar von den Köpfen gerissen hat. 

Yiel Wind, viel Krieg! hat der alte Wechsler allem gesagt. 

Wenn der „äussere" Wind (NO vom Brenner) weht, ist es frisch und 
klar, weht aber der „untere" (SW von Sterzing), dann giebt es Regen. 
Heuer weht der äussere allein, der untere hat wohl mal auergelugt, ob er 
nicht aufer kommen könnte, aber der andere hat es nicht gelassen. 

Den alten Brennern diente des Windes Treiben als „Loss" (Orakel). 

1) Vielleicht eine dunkle Erinnerung an das Jahr 1792, das den Leuten nicht nur 
das Haar, sondern auch die Köpfe mit fortgenommen hat. 

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68 Rehsener: 

Sie streuten zu Georgi etwas Nudelmehl auf das Dach des Hauses. Ver- 
trug es der Wind, so glaubten sie, es erginge dem Mehl, woraus Nudeln 
gemacht worden, ebenso — streng genommen dem Weizen auf dem Felde, 
aus dem Mehl bereitet wird. 

„Die Furl", haben Sie von der nie gehört? ein gemachter Wind! — 
es wird wohl soviel wie eine Hexe gewesen sein. Die Purl drehte einem 
Bauern das Heu umeinander, da warf ein Bube von ihm mit dem Messer 
nach ihr. Das Messer aber blieb im Bauch des Vaters stecken, der wohl 
in der Nähe Gras geschnitten haben wird, — ich weiss nimmermehr recht, 
wie es war, — dort fand man nachher das Messer, und den Mann fand 
man tot." — 

„Wissen Sie auch, was ein armes Weible gethan hat, damit der Wind 
ihr nicht die Erde vertrüge?" Das Weible hatte nur eine alte Hütte und 
nur ein kleines Stück Land, — die Erde lag dünn auf dem Pelsgrund, 
und der Wind wehte immer über sie hin, so dass die Frau fürchtete, er 
würde das Land ganz forttragen. Da opferte sie ihm jedesmal, wenn sie 
Mus kochte, eine Kelle voll Mehl, welches sie ihm zum Fenster hinaus- 
streute. Und der Wind liess ihr das Land." — 

Das Wetter. 

„Heute ist ein Zweifelwetter und morgens ging die Sonne so viel nett 
am Femer auer,** sagte die Weber- Zenze*). 

„Manche sagen, mit dem Wetter habe unser Herr nichts zu thun, dafür 
habe er die Wetterherren*). — Wie schnell es oft anders wird! Einmal 
kamen wir morgens ins Zirog auf die Mahd, — es war ein kaltes, win- 
diges Wetter, — wir hatten ein tolles Feuer in der Weite angeschürt und 
die Pfanne voll Wasser zum Muskochen darauf gestellt. Ich bin nur 
ums Mehl gegangen; aber bis ich wiederkam, war das Feuer aus und das 
Wasser in der Pfanne am Rande herum gefroren. Das ist wahr! Danach 
legten wir uns zum Schlafen, und als wir aufwachten, schien die Sonne 
und war das schönste Wetter." 

Kleine Kinder verspüren die Veränderungen des Wetters; Erwachsene 
nur, wenn sie „tadelhaftig" sind. 

Wenn die eisernen Pfannen in der Küchel leicht rosten, giebt es 
Regen, und wenn in der Weite der Geier schreit, Schnee. Der Eine hält 
dies, der Andere das für ein sicheres Loss. Nach meiner Meinigung thun 
die Leute manchmal was erraten, aber wissen thun sie alle nichts, auch 
nicht die Fischer um Sterzing, die meinen allerlei zu wissen. Das will 
ich nicht sagen, dass seile Sterndeuter, die allem dem Zeug abwarten, 
nicht mehr wissen können. — Heute hann ich den Schnupfkönig in der 
Hecke gesehn, da giebt es schiech Wetter. 



1) Eine Gossensasser Bäuerin, bei der wir wohnen. 

2) Die Heiligen Johann und Paul, deren Tag am 26. Juni ist. 

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Wind, Wetter, Regen etc. in Vorstellung und Rede des Tiroler Volkes. 69 

Wer ist denn der Schnupfkönig? jfragten wir. 

Ei, das kleine Vögele, welches das Schnallele (Schwänzchen) immer 
über sich schlagt. 

Unser Zaunkönig! Warum nennen Sie den denn Schnupf könig? 

Ei, weil es einer ist! — 

Die Veränderlichkeit des Wetters im Frühling wird drastisch charakte- 
risiert: 

„Der März geht ein wie ein Lampel und aus wie ein Löwe! Der 
März ist ein Lump; darum wachsen bei ihm die Flöhe so gut. Und der 
April ist des Märzen Gesell. Die guten Tage, die er hat, stiehlt er den 
andern Monaten vorweg. Die Kranken, die den Winter bettlägerig 
geworden, packt der März und frisst sie." 

Meistens wird unter dem Worte Wetter Gewitter verstanden. „Wenn 
der Donner recht rollt, so wird die Erde ,rogel' (weich, mürbe, jfruchtbar). 

„Die Wolke lag da wie ein Stein" ; es hat immer ,gehimmblitzet', jetzt 
läutet die Wetterglocke. Zuckt trotzdem der Blitz und kracht der Donner, 
ist schon gefehlt, zu spät geläutet worden; denn ist das Wetter erst im 
Holz, — von der kahlen Höhe bis in die Waldregion herabgesunken, — 
dann hilft das Läuten nichts mehr. 

Wenn man geweihte Kätzchen von den Weiden isst, wird man nicht 
vom Blitz erschlagen. Auch geweihte Eier vergraben manche zu Ostern 
unter die Thürschwelle und Stallthüre zum Schutze gegen das Wetter. 

„Das sind so Glauben," sagte unsere Wirtin; „ich glaube nicht daran, 
es mag wohl gegen so ein gemachtes Wetter helfen, aber nicht gegen eins, 
welches uns der liebe Herrgott schickt." 

Gemachtes Wetter! „Wer kann denn Wetter machen?" fragten wir, 
und sie erzählte: 

„Einmal, vor vielen, vielen Jahren, hundert kleckt nicht, waren 
Zigeuner in Stilfes bei Sterzing, und als sie weiterzogen, Hessen sie einen 
kleinen Buben zurück; der Kurat aber nahm ihn zu sich. Der Herr liebte 
es, auf die Jagd zu gehen, und der Bube begleitete ihn öfters. 

Eines Tages kamen sie mitsammen hoch oben auf einem Joche an 
ein Wasser. Da sagte der Bube: Hier könnte man ein Wetter machen. 

So mache eins, sagte der Kurat, mache, dass dem Pfarrer das Korn 
verhagelt 

Der Bube ging ins Wasser, reckte die Hände aus und sprach allerlei, 
und das Wetter kam. Als sie vom Berge hinunterstiegen, fanden sie des 
Pfarrers Korn verhagelt. 

Da nahmen die Geistlichen dem Buben das Wettermachen, ohne dass 
er es wusste. 

Als später wieder der Kurat mit ihm an ein Wasser^kam, hiess er 
ihn wieder ein Wetter machen, aber da konnte er es nicht mehr. — 

Nun wissen Sie es, dass Wetter gemacht werden können." 



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70 Rehsener: 

Der Hagel, Schauer genannt, findet sich in einem Ausspruche charakte- 
risiert, indem er zum Vergleiche dient, um das Verderben, welches ein 
zorniges Weib in ihrer Umgebung anrichtet, zu bezeichnen: 

„Ein zorniges Weib ist schlimmer für das Haus, als der Schauer fürs 
Feld, und der ist so schlimm, dass, wenn man ihn in einen Sack steckte 
und nur darüber trüge, er noch schaden würde." 

Der Regen. 

„Uer Regen lässt sich nicht verbergen! Alles grünt und blüht. Jetzt 
werden auch die Bäume erwachen ! Aber regnet es am ersten Pfingsttage, 
so ist die halbe Nahrung hin" (die, welche im Getreide, in Kartoffeln 
u. s. w. im Felde steht). — 

Um genügend Regen für die Feldfrüchte zu erlangen, werden an 
Samstagen Wallfahrten nach Maria -Trenz (zwei Stunden unterhalb Ster- 
zing) unternommen. „Der alte Wolf sagt, er gehe nicht mehr um Regen 
bitten, nass wäre es im Felde noch immer genug." — Der geht nicht um 
Regen bitten, weil die Fremden den nicht mögen, sagen die Bauern. 

Im Sommer 1883 regnete es zur Erntezeit unaufhörlich. Die Leute 
konnten die Ernte nicht hereinbringen. Endlich schien die Sonne; doch 
es war kein Arbeitstag, sondern ein Sonntag. Der Kurat verkündigte nach 
der Predigt, dass, wenn die Bauern diesen Sonntag auf dem Felde arbeiten 
wollten, das keine Sünde wäre. 

Trotzdem hörten wir im Hause und auf den Gassen sagen: „Mir ist 
es nicht drum zu thun, zu arbeiten." Am Nachmittag gingen wir stunden- 
weit ins Pflerschthal, sahen aber nur vereinzelt einen Mann im Getreide 
beschäftigt, einen andern das Korn hereintragen und gegen Abend ein 
Paar Mädchen im Sonntagsstaat, die die vom Regen und Wind um- 
geworfenen Schöwer wieder aufrichteten. 

Montag regnete es wieder, Erchtags (Dienstags) ebenfalls und so fort 
die Woche durch, und was nicht von der Ernte hereingekommen war, ging 
verloren. 

„Sie haben es früher gelobt, den Tag der Wetterherm zu feiern, jetzt 
thut es niemand mehr, da thun die Herrn auch, was sie wollen! Oder 
wie ist das? Sie sprechen doch auf der Kanzel selbst von den abgebrachten 
Feiertagen, — haben die Leut' sie nur für eine Weile verlobt?" 

„Es gleicht nicht, dass der Regen nachlässt, welche Absätzerl wird 
er wohl machen. Die Wälschen bei der Bahnarbeit werden schnell 
gegangen sein, — die arbeiten nicht im Regen, — die Deutschen wohl! 
Du wirst nicht gleich in Scherben gehen!" so sprach, wie sich selbst 
ermunternd, ein schon fast erblindeter, alter Mann. — 

Ich trat zu Leuten aufs Feld, die sich zum Rendol (Märende, Vesper- 
brod) zwischen die Garben gelagert hatten, die sie eben geschnitten. Die 
Besitzerin des Feldes vertheilte Wein und Brod unter die Arbeiter, zu 



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Wind, Wetter, Regen etc. in Vorstellung und Rede des Tiroler Volkes. 71 

denen auch ihre eigenen Söhne gehörten; sah aber dabei immer ängstlich 
zum Himmel empor, weil sich über dem Felde schwere Wolken zusammen- 
zogen. Als sie mich kommen sah, rief sie mir entgegen: „Frau, haltet 
die Hände frei auf zum Himmel, dass es nicht regnet!" — »Wie soll ich 
die Hände halten?" fragte ich. „Ei, so!" antwortete sie und sie erhob 
die Hände zum Himmel, wie einst die Alten im Gebete zu Jupiter -Pluvius. 
Die Söhne lachten über die Stellung der Mutter, diese aber rief ihnen 
eifrig zu: „Wenn ich wüsste, dass es hülfe, ich thäte es wohl!" 

So fand sich hier noch im Leben ein Nachklang aus der alten Welt, 
wenn auch der einst heilige Brauch nur noch als eine Art Hausmittel ver- 
wendet werden sollte. 

Hier hatten wir nicht Gelegenheit, das gewaltsame Anschwellen eines 
Baches durch Wolkenbrüche von Beginn an zu beobachten; aber wenige 
Stunden von hier, in Mühlbach im Pusterthale, waren wir vor einigen 
Jahren^) davon Augenzeugen, und hat sich das Ereignis unserem Gedächtnis 
80 tief eingeprägt, dass wir glauben, es noch jetzt getreu wiedergeben zu 
können. 

Schon der Abend vor dem Tage, an dem das Unwetter heraufzog, 
welches die Gewässer überfüllte, war unheimlich. 

Die Luft war so dunkel, dass es uns unmöglich war, vom Gasthause 
bis zu unserer Wohnung, die nicht weit entfernt lag, zu gelangen. Es 
liess sich nicht ein hellerer Schimmer vom Himmel neben den Häusern 
unterscheiden. Wir mussten umkehren und im Wirtshause bitten, jemand 
möchte uns mit der Laterne heimbegleiten. Die Laterne war nicht gleich 
zur Hand, und ein Mädchen griflP statt ihrer nach einer brennenden Kerze; 
diese nahm meine Schwester, um sie vor dem feinen Regen zu schützen, 
unter den aufgespannten Schirm. Mit Erstaunen bemerkten wir, dass die 
Luft neben der grossen Dunkelheit auch noch so still war, dass sich die 
Flamme des Lichts nicht einmal leise bewegte. 

Nächsten Tag, am Nachmittage, brach ein starkes Gewitter los, und 
unsere Wirtin, einö madonnenhaft sanfte Frau, ging mit dem Säugling 
auf dem Arme leise und unruhig im Hause umher und sagte mehrmals 
still für sich: „Wenn nur nicht der Bach kommt!" „Vor einem Jahre 
war es wie heute," sprach sie darauf zu uns, „da ist der Bach gekommen 
und in einem Nu ist mit einem Knall die alte Brücke zusammengebrochen." 

Auf einmal wird das fortwährende Rauschen des Baches vor unseren 
Fenstern von einem Rauschen, welches seitwärts herkommt, überdröhnt, 
und als wir dort hinaussehen, erblicken wir statt des steinigen Weges nach 
Meransen einen ebenso breiten Wasserstrom, der, Wellen schlagend, herab- 
kommt. Männer jeden Alters kommen von allen Seiten herbei, um durch 
Vorschieben von Steinen und Erde das Wasser von den Häusern fern zu 



1) 1880. 

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72 Rehsener: 

halten und um durch Graben von Rinnen ihm schneller Luft nach dem 
Bache zu verschafifen. 

„Der Bach! Da kommt er!" ruft entsetzt die Hausfrau, die, neben 
uns stehend, immer unruhig zwischen den arbeitenden Leuten auf der 
Gasse und den Wogen des Baches hin- und hergeblickt hatte. „Er bringt 
grosse Steine mit." Gleichzeitig übertoste wieder ein anderes, noch 
dumpferes Gedröhn fast den Donner selbst. Eine braune Masse wälzt sich 
über die eben noch krystallenen Wogen, verschlingt sie und stürzt 
dampfend der Brücke zu. Auch die Menschen wenden sich unwillkürlich 
dorthin, als könnten sie ihr Werk schützen. „Fort von der Brücke!" 
rufen Männer, und ein Alter stellt sich diesseits, ein zweiter jenseits der- 
selben auf, damit niemand die gefährdete Stelle betreten möchte. 

Da erscheint im Ornate und von Chorknaben begleitet der Geistliche 
des Ortes, um den Bach zu segnen. Um ihn herum knieen in tiefster 
Andacht die Dorfbewohner, während das erderschüttemde Getöse unter 
Donner und Blitz und zunehmendem Regen sich immer mehr verstärkt. 

Von der gegenüber liegenden Bergwand, dort, wo der Fremde Schatten 
unter schönen Fichten findet, neigt sich die Krone eines Baumes und 
stürzt zur Erde. „Hat das der Blitz gethan?" — Dort fallt ein zweiter 
und dort ein dritter Baum; den Abhang herab aber kommen Burschen 
in einer Reihe hinter einander und in gleichem Schritt. Sie tragen etwas 
Schweres, Nachschleppendes. Als sie näher kommen, erkennt man, was 
sie tragen: es ist einer der stolzen Bäume mit voller Krone, welchen sie 
eben gefallt haben. Von anderer Seite eilen Leute mit Ketten herbei, 
der Baum wird damit umwunden und mit dem dicken Ende voran gegen 
die andringenden Fluthen ins Wasser versenkt. Er wird im Augenblicke 
von diesen gegen die Dämme und die Häuser gedrückt, aber die wilden 
Wogen folgen, sich vertheilend, den Ästen und Zweigen und stossen 
weniger gewaltsam gegen das Ufer. Von allen Seiten werden Bäume 
gebracht, versenkt und die Gewalt des Stromes nimmt endlich ab. 

Als Wetter und Wasser ausgetobt hatten, lagen ganze Felsblöcke im 
früheren Flussbette und der Bach selbst lief in unzähligen Wasseradern 
überall nebenher. Um sein altes Bett wieder herzustellen und ihn wieder 
hineinzuleiten, damit er die vielen Mühlräder zur Seite von neuem treiben 
könnte, mussten die Steinblöcke erst mit Pulver gesprengt werden. 

Wie in Mühlbach die Fichten, so sahen wir im Laufe der Zeit am 
ßrennerwege eine schöne Fichte und Birke nach der anderen, die den 
Rand des Eisack geschmückt hatten, im Augenblick der Wassersnot dem 
Beile zum Opfer fallen, um mit ihren in die Fluthen versenkten Kronen 
das Ufer zu schützen. 

Unwillkürlich blicken wir noch oft, vergeblich suchend, nach den 
leeren Stellen, wo einst das Sonnenlicht die hohen Lärchenzweige rötete 
und der Wind mit dem langen Goldhaar der Birke spielte. — 



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Wind, Wetter, Regen etc. in Vorstellung und Rede des Tiroler Volkes. 73 

Der Schnee und die Lawinen. 

„Heut blüht ein Schnee! Seh'n Sie es nicht, das Schneegeblüh?'' 

Die hoch gehenden Lämmerwölkchen, welche aus feinen Eiskrystallen 
bestehen, waren gemeint. 

„Jetzt hat es auergeschnieben. Viel zu viel Schnee hat es heuer 
gemacht!" 

' Der Schnee von den ,Lanen' hat früher oft so hoch auf dem Brenner- 
wege gelegen, dass für die Fuhrleute nur ein schmaler Weg durchgegraben 
werden konnte. Immer vier Mann schöpften sich den Schnee einander zu, 
und der blieb zu beiden Seiten hoch stehn. Ja, da wäre kein Hund 
ausser gekommen, so hoch stand er!** erzählt der Huisum^). 

„Wie ist es eigentlich mit der Laue, hat damit auch das ,PfeiflPer- 
Huisele'*) etwas zu thun?" fragten wir, als bei erneutem Schneefall man 
das Kommen der Lawinen befürchtete. 

„Von der Laue habe ich es nie gehört, dass das Pfeiffer -Huisele sie 
gehn macht! Dass sie von einem Schuss und vom Anschreien geht, das 
wohl!** antwortete die Zenze, und der Seppe, ihr NeflPe, der dabei stand, 
fügte hinzu: 

„Geht die Windlane und die Schneelane zusammen, dann sind sie 
schneller als die Büchse (ein Büchsenschuss). Heustadel und ganze Wälder 
nehmen sie mit fort. Die Laue geht ihren Weg, den der ,Dasige' kennt 
und sich daher hütet, ihr in den Weg zu kommen. Der ,Ausserländer' 
kennt die Lanenwege nicht, und so bestimmte ein fremder Ligenieur, als 
die Bahn hier gebaut wurde, als Platz für ein Bahnwärterhaus eine durch 
die Lane gefährdete Stelle. Vergebens warnte ein alter Brenner, dort 
das Haus zu bauen, indem er sagte: 

„Es kann ja sein, dass etliche Jahre hier keine Lane kommt, auch 
fünfzig Jahre kann sie ausbleiben; aber wenn hier eine den Berg 
herunterkommt, dann geht sie diesen Lanenweg!" 

Es wurde nicht auf ihn gehört, das Haus wurde, wo es bestimmt 
worden war, gebaut, und nachdem der alte Mann gestorben war, bezog 

sein eigener Sohn es als Bahnwärter. Auf dieser gefährdeten 

Stelle und unter diesem Dache befand er sich mit seiner jungen Frau und 
mit seinen zwei kleinen Kindern, als die Lawine kam. Wie das Haus 
und die junge Häuslichkeit zerstört worden ist, erzählte uns des Bahn- 
wärters Bruder, Hans Vetter, der ,Huisen Hans' genannt. 

„Es war nach 3 Uhr früh. Wir sechs Brüder waren im Wächterhause 
des Bruders Valtl zusammen, weil eben eine Lane auf die Schienen herab- 
gekommen war. Glücklicherweise verliessen wir das Haus, um nach .dieser 
zu sehn; doch der Bruder Valtl kehrte dahin zurück. Wir andern gingen 



1) Ein alter Holzknecht, Bruder der Zenze. 

2) Ein Hexenmännle, von dem viel erzählt wird. 



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74 Rehsener: 

heim. Ehe noch der letzte von uns, der Bruder Franzi, im Hause war, 
zeigte der Telegraph durch Getöse an, dass wieder eine Laue gefallen sei. 
Schleunig kehrte der Bruder um, fand die Telegraphenstangen umgerissen 
und vom Wärterhause nichts mehr zu sehen, als zwei Mauerreste, die aus 
dem Schnee herausstanden. Er rief uns und andere Leute herbei; doch 
waren wir nur etwa acht Mann, — weischt Du, — wir hatten nur wenig 
Licht, drei Stalllaternen, und wussten nicht, wo wir graben sollten. «Der 
Bruder mit der Frau und den Kindern konnte ebensogut im Hause ver- 
schüttet liegen, als vor der Thür. 

Wir gruben etwa drei Stunden vergeblich, — die Lokomotive hatte 
auch noch mehr Arbeiter von Gossensass gebracht, — da warf Einer von 
uns einen grossen Schneeklumpen, der wohl eine Elle im Durchmesser 
hatte, herum und — ein Kinderköpfchen, das des kleinen Mädchens, wurde 
sichtbar. Das Hemde und das Jäckchen waren ihm bis unter die Arme 
emporgestreift, so dass das ganze Körperchen, wie es der liebe Gott 
geschaffen hatte, im Schnee steckte. Sein Deckbettchen fanden wir später 
auf der anderen Seite des Eisack, und soweit war auch das meiste Haus- 
geräthe und das Dach des Hauses fortgetragen worden. Das zweijährige 
Kind aber muss wohl sein Schutzengel gehütet haben, dass sein Köpfchen 
mit der Schaufel nicht beschädigt worden war. Auch war es ganz lendig 
(lebendig), weinte nur. Schleunig wurde es in einen Bahnwärterpelz 
gewickelt und ins nächste Haus gebracht. 

Wieder gruben wir eine halbe Stunde, da sahen wir einen Fuss von 
der Frau, aber ein schwerer Baum vom Dachstuhl lag über ihrem Rücken, 
so dass wir nicht zu konnten. Einer von den Arbeitern sagte zu dem 
andern: „Lauf, hole eine Hacke, sonst bringen wir den Baum nicht fort!" 
Diese Worte hörte die Frau unter dem Schnee und dachte: „Bis der mit 
der Hacke kommt, bin ich erstickt!** Doch sie vermochte nicht zu rufen, 
dass die Leute sie hörten; auch schwand ihr bald die Besinnung. Wir 
aber warteten nicht auf die Hacke, sondern sägten das freigewordene Ende 
des Baumes ab, und da wurde die Frau zwar ohnmächtig, aber doch lebend 
hervorgezogen. Mit dem Kopfe hatte sie unter dem Bette des Kindes 
gelegen und dadurch etwas Luft gehabt. 

Wir fragten sie, wo ihr Mann sein könne. Endlich erholte sie sich 
so weit, uns verstehen zu können und zu sagen: „Vor der Thüre!" Noch 
eine halbe Stunde und man fand den Bruder Valtl, mit dem Herzen und 
der Brust neben der Thür auf die geborstene Mauer des Hauses gepresst. 
Seinen kleinen Sohn hatte er unter dem Arm. Beide waren tot. Der 
herbeigekommene Arzt erklärte, der Tod müsse augenblicklich eingetreten 
sein. 

Die Frau, welche sich unterdessen erholt hatte, erzählte, sie habe, 
nachdem wir gegangen wären, in der Küche gestanden, um Kaflfee zu 
kochen, da sei der Mann hereingekommen und habe gerufen: „Die Laue! 



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Wind, Wetter, Regen etc. in Vorstellung und Rede des Tiroler Volkes. 75 

Nimm das Kind!" Aber obgleich sie dem Bübl näher gestanden hätte, 
als er, hätte sie es nicht mehr derthan, danach zu greifen. Wie der Mann 
es gekonnt, könne sie nicht verstehen; denn kaum hätte er gesprochen, 
80 wäre ein furchtbares Gedröhne erschallt und dann wusste sie von nichts 
mehr. 

Die Frau, welche dreieinhalb Stunden vergraben gewesen war, wurde 
nach vier Monaten von einem gesunden Töchterchen glücklich entbunden. 
Seitdem hat sie den Beruf erwählt, andern Frauen bei der Geburt ihrer 
Kinder behilflich zu sein. 

Das neue Wärterhaus aber wollten sie wieder an die alte Stelle in 
den Lanenweg bauen; doch die Regierung erlaubte es nicht ohne weiteres, 
sondern hiess die Ingenieure erst die Ältesten des Ortes um Rat fragen. 
So wurde es auf einer sicherern Stelle gebaut; den Rat des Vaters — tröst 
ihn Gott! — hatten sie als den eines dummen Bauern verachtet." So 
Bchloss der Mann. 

Wir sahen im Winter 1888 unter den bedeutenden Lawinen, welche 
in der Umgegend herabgekommen waren, auch eine grosse Grundlawine, 
d. h. eine solche, welche von dem schrägen Boden abrutscht, wie der Schnee 
von dem Dache, und den Grund mit sich reisst, daher alles andere als 
weiss ist. Diese Lawine war genau den früheren Weg gegangen, wo das 
alte Bahnwärterhaus gestanden hatte, und das Marterl zum Andenken an 
die Verschütteten, was aus Vorsicht nur ein Paar Schritte abseits vom 
Lanenwege errichtet ist, war der einzig stehen gebliebene Gegenstand, 
den man aus der Lawine herauserkennen konnte. — 

Im Kriege wollten die Franzosen über den Brenner marschieren, da 
sagten ihnen die Bauern, sie könnten nicht gehen, denn die Lanen kämen. 
„Ach, was!** rief der Offizier, — er verstand es wohl nicht, was die Laue 
ist, — „ich werde ihnen schon Widerpart halten mit diesem meinem 
scharfen Degen!" Als dann nach ein Paar Tagen das Wetter besser wurde, 
smd die Franzosen drüber gegangen. — 

Ende April trat ich fröstelnd vor die Hausthüre. „Dass es aber heute 
wieder so kalt ist, und es war doch schon so schön!" sagte ich zur Wirtin. 
„Das wundert Sie? Mich wundert das nicht," antwortete die Frau. 
„Hören Sie nicht den Wind und sehen Sie nicht den Schnee? Der Schnee 
mu88 ja kalt sein! Er hat es ja geschworen: ehnder er derwarmt, 
«ergeht er!" — 

Der Sonnenschein. 

Uns vom Schlafe eben Erwachten verkündet ein rötlicher Schimmer 
auf der Lärchenholztäfelung des Zimmers, dass der Morgen nahe. Wir 
stehen auf, kleiden uns an und eilen hinaus, das erste Licht auf den Berg- 
spitzen, welches uns einst bei unserer Ankunft in Gossensass so erfreut 
tatte, zu begrüssen. Die Wirtin folgt erschreckt vor die Thüre, und als 



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76 Rehsener: 

sie sieht, was uns hinaus getrieben, — wie unsere Blicke an den leuch- 
tenden Bergesspitzen haften, — raft sie erstaunt: „Haben Sie das nie 
gesehen? Das macht die Sonne!" 

Schon lichten ihre Strahlen die höchstgelegenen Bäume auf der öst- 
lichen Bergwand, schon breiten sie sich weiter nach beiden Seiten aus 
und jetzt langen sie auch zu uns herab, in die Tiefe des Thals: 

„Jetzt ist die Alte wohl kommen!" hören wir sagen. „Sehn Sie sie 
nichts wie sie dort niederhockt auf dem Baume^ dia alte Mutter, die 
Sonne?" — 

Höher steigt sie, die Wolken ballen sich zusammen und das Gewitter 
kommt. 

^Dass das Wetter kommen musste, wusste ich wohl. Die Sonne hat 
immer so geblickt!" 

Bald ist es vorüber, balsamisch duften die Lärchenwälder, der Regen 
lässt nach und über die Wolken spannt sich der Regenbogen. 

„Der Sonnenbogen !" ^) ruft in demselben Augenblicke die uns wohl- 
bekannte Stimme. — 

Die Sonne hat sich gesenkt, bald deckt ein Fels sie und beschattet 
das Thal, doch über ihm und zwischen seinen Zacken strömt warmes 
Licht auf die gegenüber liegenden Berge. Nur Schritt für Schritt weicht 
das Licht, gefolgt von breiten Schatten^ den Höhen zu. 

„Jetzt geht die Sonne wohl den Berg in die Höhe!" 

Und wo bleibt sie die Nacht? 

„Die goldene Kugel ist allem dort, wo die Muttergottes ist, so sagte 
die Rox Annele, die oft für sich und andere zur Muttergottes nach Trens 
wallfahrtete." — 

Jeden Morgen, jeden Abend röten sich Himmel und Berge, aber 
immer später kommt, immer früher geht die Sonne: 

„Sie dergiebt nichts mehr, sie ist ganz weiss!" 

„Doch am Königstage geht sie wieder einen Hahnenschritt höher. 
Ein unsriger Vetter, der Kauner," sagt die Weber- Zenze, „hat es in seiner 
grossen Stube gemessen — am Sonnenschein, dass es so richtig ist. Und 
er hat ein kleines Löchele an der Decke eingebohrt, wie hoch die Sonne 
dann geht." — „Am Sebastianstage aber," setzte der Huisum hinzu, „steigt 
die Sonne schon um einen Hirschsprung." Und er erzählte uns auch 
später, was man zu thun habe, um drei Sonnen auf einmal aufgehen zu 
sehen. — 

Wir hatten mühsam mit ihm ein Joch überschritten und ruhten am 
Rande eines kleinen Sees aus, in stilles Anschauen versunken, da begann 
der Alte: 

„Haben Sie es gehört? Haben Sie schon davon gehört, wenn man 



1) Auch „Sonnenring^ genannt. 

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Jahn: Jamand bei Cöslin. 77 

am Dreifaltigkeitssoimtage auf einen hohen Berg steigt und vor Sonnen- 
aufgang auf der Spitze ist, da sieht man statt einer Sonne drei Sonnen 
aufgehen: Gott Vater, Gott Sohn und Gott heiligen Geist!" 

Nein, davon haben wir nichts gehört. Haben Sie das gesehen? 

„Ich bin nicht zukommen." — 

„Scheint der Mond, wenn er abbricht (abnimmt), in eine Kost, so dass 
man den Mondschein mitisst — wird man schwer krank." Will man recht 
herrisch reden, so nennt man den Muhne (Mond) Mahn. 



Auf dem Brenner waren die letzten Tage im August 1890 keine guten. 
Zu Regen, Wind, Gewitter und drohendem Bergrutsch gesellten sich bren- 
nende Bauernhäuser in der Nähe des mit Fremden überfüllten Hotels 
Gröbner in Gossensass. Der Blitz soll das Feuer angeschürt haben? 
Aber wie ist das, — ,das wilde Feuer' ist nicht mit Wasser zu löschen 
und sie haben es gelöscht! 

Ein fremder Handwerksgeselle soll beim ,Plündern' (Ausräumen) 
gestohlen haben! Seile Fremden^ das will ich Ihnen sagen, sind nicht 
zu ergründen. 

Gossensass, den 31. August 1890. 



Jamund bei Cöslin. 

Mit Berücksichtigung der Sammlungen des Museums für deutsche Volks- 
trachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes zu Berlin. 

Von Ulrich Jahn und Alexander Meyer Cohn. 



Das im Herbst des Jahres 1889 in Berlin unter dem Vorsitz Rudolf 
Virchows eröffnete Museum für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse 
des Hausgewerbes (C, Klosterstrasse 36) birgt unter sonstigen Schätzen 
auch eine komplette Sammlung von Bauemaltertümem aus 'zwei hinter- 
pommerschen Ortschaften, dem schon in der ersten Hälfte des 1 4. Jahr- 
hunderts urkundlich erwähnten Kirchdorfe Jamund und der Nachbargemeinde 
Labus. Beide Ortschaften sind infolge ihrer geographischen Lage seit 
alten Zeiten durchaus auf einander angewiesen. Ihre Feldmarken stossen zu- 
sanmien, und das beiderseitige Gebiet wird im Norden von dem grossen. 



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78 Jahn: 

durch das sogenannte Deep mit der Ostsee verbundenen Jamunder See 
bespült. Im Osten bildet die Grenze der Labuser Feldmark der Nest- 
bach, welcher bei dem Dorfe Seidel entspringt, bei dem Städtchen 
Zanow die Polnitz und den Horstbach aufnimmt und dann in den Jamunder 
See ftUt. Ebendahin ergiesst sich im Westen des Jamunder Gebietes der 
Cöslinische Mühlenbach, der aus dem See bei dem Dorfe Bonin kommt 
und durch die Stadt Cöslin fliesst. Auf diese Weise von drei Seiten durch 
einen grossen See und die bruchigen Ufer zweier Küstenflüsse von dem 
Verkehr mit der übrigen Welt abgeschnitten, blieb den Jamundem *) nur 
der Zugang nach dem Süden, nach Cöslin zu; und auch da gab es nur 
eine Strasse, die obendrein, nach Versicherung alter Einwohner, ehemals 
durch Wald und Bruch führte und nur in trockenen Sommern oder bei 
Frostwetter ohne Beschwerlichkeit zu benutzen war. Bei solcher Lage 
der Dinge erscheint es natürlich, dass die Jamunder nur mit einander 
verkehrten, nur in einander heirateten und dass sich in diesem vergessenen 
Winkel trotz der geringen Anzahl von 568 Einwohnern, welche noch in 
den dreissiger Jahren dieses Jahrhunderts in nur 106 Häusern darin wohnten, 
alte Art und Sitte in hervorragendem Masse erhalten haben. 

Am wenigsten ist dies noch an dem Volksglauben und der Sage zu 
merken, welche in Jamund mehr in den Hintergrund zu treten scheinen, 
als sonst auf dem Lande in Hinterpommem. Immerhin sind dieselben 
auch dort noch nicht erloschen. Die alten Leute wissen von ihren 
Eltern her, oder wollen gar selbst in ihrer Jugend erlebt haben, dass die 
wilde Jagd über den Jamunder See durch die Lüfte zog, wenn die Fischer 
in der Nacht bei den Reusen beschäftigt waren. Fürchterlich Hess sich 
das Heulen der 4 Hunde vernehmen, und deutlich sah man, wie ihnen die 
Flammen aus dem Rachen schlugen. Als Richtung, in welcher die wilde 
Jagd zog, gilt auch hier die Milchstrasse, die deshalb den Namen „Wildbän" 
erhalten haben soll. 

Ebenfalls verblasst hat sich die Erinnerung an die Bewohner des 
Meeres (Seejumfre) und die Zwerge erhalten. Letztere werden, abweichend 
von den Dörfern umher, nicht Unnererdschen, sondern Juelkes genannt, 
eine Namensform, die sich den Ulken, Umken, Öllerken, ÜUerken, ÖUekes, 
ÜUekes vergleicht, wie die Zwerge im Kreise Grimmen, einem Teil des 
Randower und Greifenhagener Kreises, im Weizacker, im Saatziger und 
z. T. auch im Regenwalder Kreise heissen *). In Jamund bezeichnet man 
als ehemaligen Wohnort der Juelkes einen jetzt abgetragenen vorgeschicht- 
lichen Grabhügel, den Juelkesbärch. Dabei lag früher ein Teich, der 
Juelkesdik. Es sollen freundliche Leutchen gewesen sein diese Juelkes. 



1) Wenn von „Jamundem'' schlechthin gesprochen wird, sind die Labuser stets 
mit einbegriffen. 

2) Vgl. Näheres darüber bei Jahn, Volkssagen ans Pommern und Rügen. 2. Aufl. 
Berlin. 1890. S. 49 ff. 



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Jamund bei C.'öslin. 79 

Ihre Nahrungsmittel besorgten sie sich in dem letzten Jamunder Bauer- 
hofe auf dem Wege nach Labus zu. 

Noch klarer erinnert man sich des Kobolds, der in Übereinstimmung 
mit dem Volksglauben in dem übrigen Hinterpommern die Namen Dräk, 
Alf und Rodjackte führt und wie ein feuriger Wiesbaum durch die Lüfte 
fahrt, schwer mit Korn oder Geld beladen, das er für seinen Herrn stiehlt. 
Auch in Jamund selbst hat der Alf vor Zeiten Unheil gestiftet. Zwei 
Höfe lagen einander gegenüber. Der eine Besitzer war reich, der andere 
arm, und schuld an diesem Missverhältnis war niemand anders, als der 
Alf. Das wollte der reiche freilich nicht Wort haben; aber der arme 
hat es ihm klipp und klar bewiesen. Anstatt des Kornes legte er seinen 
Pferden eines Abends Disteln vor; und richtig, ehe eine Stunde verging, 
waren, die Krippen leer. Geschwind eilte er mit guten Freunden auf die 
Hoflage des Reichen, hinein in den Pferdestall, und siehe, da standen die 
fetten Tiere allesamt da und Hessen den Kopf hängen; denn in den Krippen 
lagen Disteln, nichts als Disteln. 

Während wilde Jagd, Seejungfern, Juelkes, Alfe von den Jamundem 
gelbst in das Reich der Sage verlegt werden, so ist der Glaube an die 
Nachtmahr (Märt) auch bei gar manchem von ihnen noch lebendig. Die 
Hart ist nach ihrer Meinung ein Mensch, meist ein Mann, seltener eine 
Frau, der von Geburt an oder durch ein Versehen bei der Tauf handlung 
dazu verdammt ist, bei Nachtzeit seinen Körper zu verlassen und in einem 
Siebrand auf Reisen zu gehen, um jemand zu quälen. Es giebt ver- 
schiedene Märten: die einen quälen einen Mitmenschen, die andern ein 
Pferd; diese drücken einen Eichbaum, jene einen Dornbusch; wieder andere 
legen sich auf das Wasser oder auf einen Stein. Gegen die Menschen- 
mahrt wird auch in Jamund das Mittel empfohlen, die PantoflPeln verkehrt, 
d. h. mit den Spitzen nach der Wand zu, vor das Bett zu stellen. Der 
Spuk soll dann denken, sein Opfer habe schon das Bett verlassen, und 
unverrichteter Dinge heimkehren. Grausamer gedacht ist ein in Jamund 
bräuchlicher Zauber gegen die Pferdemärt. Wenn das Pell des Tieres 
sich mit Schweiss bedeckt und die Haare der Mähne sich zu ver- 
flechten beginnen, so nimmt man stillschweigend einen Feldstein, legt 
einen der schweissigen, verwirrten Haarstränge darauf und klopft ihn mit 
emem zweiten Feldsteine stillschweigend ab. Nach dem Glauben der 
Leute ist es unmöglich, dass der Quälgeist je wieder das Pferd plagen 
kann; die Märt ist eben durch das Klopfen getötet. 

Auch sonst findet sich Zauberglaube genug, aber kaum etwas, das 
sich von dem Hexenwesen im übrigen Pommern wesentlich unterschiede. 
Nur ein paar Besprechungsformeln mögen hier nachgetragen werden, welche 
in dieser Gestalt für Pommern bisher noch nicht verö£Pentlicht sind: 



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80 Jahn: 

Gegen die Rose: 

Dit is väer de Käus, 
Väer de gris, väer de gräuw, 
Väer 't Hellen, 
Väer 't Schwellen, 
Väer 't Riten, 
Väer 't Spliten. 
Im Namen Gottes, des Vaters f? des Sohnes f 
nnd des heiligen Geistes f. 

Gegen das Heilige *): 

Alle Glocken werden gezogen, 
Alle Lieder werden gesnngen, 
Das Heilige soll zergehen und verwesen. 
Im Namen Gottes, des Vaters f , des Sohnes f 
und des heiligen Geistes f. 

Blut stillen"): 

Frisch ist die Wunde, 
Heilig ist die Stunde, 
Heilig ist der Tag, 
Wo die Wunde wird heil gemacht. 
Im Namen Gottes, des Vaters f , des Sohnes f 
und des heiligen Geistes f. 

In der Anschauung von der menschlichen Seele, ihrem Verhältnis zum 
Körper und ihrem Leben nach dem Tode weichen die abergläubischen 
Jamunder ebenfalls nicht ab von ihren Nachbarn. Wie diese glauben sie 
an Spukgeschichten, an Ahnungen, an das sogenannte zweite Gesicht, an 
Doppelgänger und dergleichen. Es tritt also (abgesehen etwa von den 
Juelkes — und da beschränkt sich die Abweichung auch nur auf die Namens- 
form) im ganzen Volksglauben der Jamunder nichts spezifisch Jamundisches 
hervor. Desto bemerkenswerter erscheint es, dass die Leute, was Sitte 
und Brauch anbelangt, in vielen Punkten so hervorragende Eigentümlich- 
keiten zeigen, dass sie nicht nur für den aufmerksamen Forscher eine Aus- 
nahmestellung einnehmen, sondern auch all ihren Nachbarn rings umher 
für einen besonderen Volksstamm gelten. 

Gleich der erste Eindruck, den der Anblick von Jamund und Labus 
macht, ist ein auffälliger. Dicht an einander reiht sich Gehöft an Gehöft, 
und zwar mit einer so ausgesprochenen Hofanlage, wie kaum anderswo in 
Pommern; und doch trägt das Ganze nicht, wie man vermuten sollte, den 
fränkischen, sondern den niedersächsischen Typus. Der alte Jamunder 

1) Vgl. Jahn, Hexenwesen und Zauberei in Pommern. S. 105, Nr 240 

2) Ebenda. 8. 65, Nr. 40; S. 67, Nr. 49 und 50. 



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Jamnnd bei CösUd. 



81 



Bauernhof bildet nämlich ein grosses Viereck. Nach der Strasse zu liegt 
eine Scheune, verbunden mit dem Durchfahrtshänschen. 




Fig. 1. Jamunder Bauernhof (Durchfahrt und Scheune). 
(Nach einer photographischen Aufnahme von J. E Stybalkowski in Cöslin.) 

Zu beiden Seiten schliessen sich Wirtschaftsgebäude an. Dazwischen 
befindet sich der Düngerhof und hinter demselben, mit dem Giebel gegen 
den Thorweg gerichtet, das rein niedersächsisch gehaltene Wohnhaus. 




Fig. 2. Jamunder Bauernhof (Quergebäude und Haupthaus). 
;Nach einer photographischen Aufnahme von J. E. Stybalkowski in Cöslin.) 

Seitacbrifi d, Verein« f. Volkskunde. 1891. Q 

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82 Jahn: 

Durch ein grosses Einfahrtsthor, welches den Tag über durch eine 
niedrige Vorthür, das Heck, ersetzt wird, um den Schweinen und dem 
Hühnervolk den Eintritt zu verwehren, gelangt der Besucher auf die Diele, 
deren Fussboden aus gestampftem Lehm hergestellt ist. Zur Rechten und 
zur Linken hat das Vieh seinen Stand; doch ist der Platz auf der einen 
Seite etwas verkürzt und der gewonnene Baum zur Schlafstätte für das 
Gesinde hergerichtet. Die Betten für dasselbe liegen in kojenartigen Ver- 
schlagen, und man gelangt zu ihnen durch die Bettlöcher, welche so 
hoch angebracht sind, dass eine grosse eichene Truhe vor ihnen Platz hat, 
die dann beim Zubettegehen und Aufstehen als Tritt benutzt wird. 

Am Ende der Diele liegt der niedrige, überwölbte Herd, von dem 
aus der Rauch in dichten Schwaden durch das Balkenwerk zieht, um die 
dort aufgehängten Schinken und Würste und Speckseiten zu räuchern und 
endlich im Rauchloch oder sonst wo einen Ausweg zu finden. Hinter dem 
Herd zieht sich eine Wand quer durch das ganze Haus und scheidet 
Stube und Kammer von der Diele. Der eigentliche Aufenthalt für die 
Familie war aber nicht da, sondern am Herd. — Vor demselben läuft 
quer über die Diele ein breiter starker Balken, der „Katzenbalken"; auf 
ihm hat allerhand Hausrat seinen Platz. — An Bodenräumen sind ausser 
dem Hauptboden noch drei Nebenboden vorhanden. Zwei davon werden 
durch die Decken der Ställe, der dritte durch die Decke von Stube und 
Kammer gebildet. Letzterer heisst auch der Malzboden, weil man das 
Malz zum Brauen dort zu trocknen pflegte. — Bemerkenswert für den 
alten Jamunder Hof ist endlich noch, dass sich durchweg an der einen 
Giebelseite neben dem Einfahrtsthor ein kleiner Ausbau findet, der aber 
von demselben Dach, wie das Hauptgebäude gedeckt wird (siehe das Bild). 
Darin haben die Kälber oder die Schweine ihre Stallung. 

Im Laufe der Jahre sind naturgemäss an vielen Stellen Änderungen 
in der Hofanlage, sowie im Aufbau und der inneren Einrichtung des Hauses 
eingetreten; trotzdem giebt es auch heute noch in Jamund und Labus 
Gehöfte genug, welche die ursprüngliche A^ deutlich erkennen lassen. 

So primitiv und geradezu ärmlich der Eindruck ist, den ein Alt- Jamunder 
Haus mit seiner vom Rauch tief schwarz gefärbten Diele auf den Be- 
sucher machen muss, so wenig würde es stimmen, den Bewohner des 
Hauses, den Jamunder Bauer mit seiner Familie, für einen in der Kultur 
zurückgebliebenen, in ärmlichen Verhältnissen lebenden oder gar unsauberen 
Gast zu halten. Im Gegenteil, man wird in Pommern nicht viele Gegenden 
finden, wo die Bevölkerung einen gleich behäbigen Wohlstand hat, wo 
dieselbe einen gleich hohen Geschmack und Kunstsinn entwickelt und wo 
alles gleich sauber zugeht. 

Schon darin zeigt sich der Reichtum der Jamunder, dass sie, 
deren Ort als Kämmereidorf von Cöslin dem Magistrate der Stadt Spann- 
dienst zu leisten verpflichtet war, sich dieser Pflicht nicht selbst unter- 



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Jamimd bei Cöslin. g3 

zogen, sondern einen Knecht als Ersatzmann stellten. Jeder Baner hielt 
zu dem Zwecke neben seinem Hansknecht einen sogenannten Hofknecht; 
and dieser Brauch hatte sich so tief eingewurzelt, dass die Jamunder 
Hof knechte, so zu sagen, eine eigene Innung bildeten, die ihre bestimmten 
Satzungen und Gebräuche hatte. So durfte z. B. nie ein Hofknecht an 
dem andern vorbeifahren, wenn sie denselben Weg hatten. Am wichtigsten 
war die Aufnahme eines neuen Mitgliedes, das „Inhesen^. Herr Kaiser, 
derzeit Pastor in Jamund, beschreibt diesen Brauch auf Grund der Mit- 
teilung eines älteren Gemeindemitgliedes folgendermassen ^): 

„Ward ein Hausknecht Hofknecht, so musste er eingeheest — inhest 
— werden. Bei dieser Feierlichkeit gab der Jungknecht eine Viertel- 
tonne Bier. Die Hofknechte hatten einen Vorsteher, den sie sich wählten, 
den Altknecht — de Üllst. Dieser setzte sich an den Tisch, der ein- 
zuheesende Jungknecht nahm neben ihm Platz, vor ihnen stand eine Kanne 
Bier ; ein gutes Quart musste die Kanne enthalten. Nun „machte^ der Alt- 
knecht eine Rede. Er fragte den Jungknecht, ob er, wenn er nun ihr 
Mitknecht würde, auch alle Verpflichtungen, die ein Hof knecht gegen den 
andern hätte, übernehmen wollte. „Wist du uck dinen Brauder, so 
wit as hei raupe kann, un so wit, als sin Stimm reikt, wenn ji bäten 
sünd, helpen?^ Hatte der Jungknecht das mit Ja beantwortet, so gab 
ihm „de Üllst" die Hand, ergrifiF die Kanne, sagte: „Prost, Brauder!" und 
trank. Darauf der Jungknecht: „Sei göd, Brauder!" und trank auch. 
So tranken sie dreimal, jedesmal den Handschlag und das „Prost, Brauder!" 
und „Sei god, Brauder!" wiederholend. Gewöhnlich hatten sie die Kanne 
schon bei dem ersten Trunk geleert; in derselben durfte nichts bleiben. 
Nach dem dritten Trunk ward die Kanne umgekehrt auf den Tisch gestellt. 
Blieb daTon ein Ring auf dem Tisch, dann mussten sie das Bierfass, das 
auf dem „Struedk" (hölzerner Schemel mit drei Füssen) lag, füllen." — 

Ganz besonders tritt jedoch der behäbige Wohlstand der Jamunder 
in ihrer Nationaltracht hervor, die uns jetzt des näheren zu beschäftigen 
hat Dank der im Museum für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse 
des Hausgewerbes vorhandenen Schätze ist es möglich, eine genaue Be- 
schreibung derselben zu liefern, wie sie noch im Anfang dieses Jahr- 
hunderts allgemein üblich war. Aber auch die ausführlichste Beschreibung 
gewinnt erst die rechte Anschaulichkeit durch beigefügte Abbildungen. 
Der Güte des Herrn Prof. A. Kre'tschmer danken wir es, und mit ims 
gewiss auch unsere Leser, dass wir für die Jamunder zwei farbige Blätter 
bieten können, die nicht nur auf die grösste Treue, selbst in den geringsten 
Einzelheiten, Anspruch erheben, sondern auch von künstlerischem Stand- 
punkt aus vollendet sind. 



1) Kaiser, Volkstümliches aas Hinterpommern. Monatsbl&ttcr, herausgegeben von 
der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde. ISiiO. Nr. 6, S. 02 u. 93. 

6* 

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84^ Jahn: 

Der Gedanke, welcher dem diesem Hefte beigegebenen Trachtenbilde 
zu Grunde liegt, ist folgender: Das Brautpaar tritt festlich geschmückt 
kurz vor dem Gange zur Kirche noch einmal vor den alten Grossvater, 
der in seinem Stuhle an dem ehrwürdigen Kachelofen, einem echten Ja- 
munder Originalstück, sitzt und aus dem Schatze reicher Lebenserfahrung 
heraus treffliche Worte der Lehre und Ermahnung mit auf den Weg giebt. 
Hinter dem Stuhle lehnt die Hausfrau, die Schwester der Braut. Mit Be- 
wunderung sieht sie, wie stattlich sich das Mädchen in dem Hochzeitsputze 
ausnimmt. Neben ihr steht ihr Mann, der Bauer; zur Seite rechts hantiert 
die Magd. Auf der Linken, neben der Braut, hart vor der geschnitzten 
Truhe, steht der Hochzeitsbitter. Er starrt ernst und gedankenschwer 
vor sich hin; doch sind es kaum die Sorgen um der Liebe Glück und 
Qual, die ihn in diese Stimmung versetzen, es wird wohl das lange Aus- 
bitterlied sein, welches so schwer in den dicken Kopf hinein wollte und 
das nun, so fürchtet er, nach seinen Erfahrungen, die er bei dem Ein- 
laden gemacht, wohl nicht mit Unrecht, ebenso schwer zum Munde wieder 
herausfahren dürfte. — 

Gehen wir auf die einzelnen Trachten über, indem wir, dem 
Kretschm ersehen Bilde entsprechend, uns zunächst an die im Anfange 
dieses Jahrhunderts bräuchliche Bekleidungsform halten ^) : 

Zu dem täglichen Anzug der Jamunderin gehört zunächst ein grobes, 
geteilt zugeschnittenes, ärmelloses Hemd, welches den Hals und den grössten 
Teil der Brust freilässt. Dasselbe wird Niederteil „Nedderdeil" genannt 
Darüber befindet sich das kurze „fin Hemd", welches aus zartestem eigen- 
gemachten Linnen verfertigt und wie eine lose, hoch hinauf gehende Jacke 
gearbeitet ist. Die wenigen Fältchen oben stecken unter einem schmalen, 
glatt aufgesetzten Passe, den die Bäuerin auf zierliche Weise ausgenäht hat. 



Steppstich 
Rettenstich 



.üllilUllHu Plattstich 



aasgeschfirxt 

Fig. 3. Gestickter Pass zum „fin Hemd" der Jamnnder Braut. 

Ein ebensolcher Pass ist auf die Achseln gesetzt, hat hier aber noch 

1) Bei der Beschreibung der Trachten, zumal der weiblichen, haben sich die Ver- 
fasser der Unterstützung der um die Volkskunde Ostpreussens hochverdienten Forscherin 
Präulein El. Lemke zu erfreuen gehabt. 



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Jamimd bei Cöslin. 85 

an beiden Seiten kleine, ausgeschOrzte Zacken erhalten. Die langen Ärmel 
endigen in eine Manschette, die eigentlich nur ein breiter Pass ist, der 
vorstehendes Muster, durch Reihen in Hexenstich noch verstärkt, doppelt 
zeigt. Alle Stickerei ist in Weiss ausgeführt. Zusammengehalten wird 
das Hemd über der Brust durch eine Spange in Herzgestalt, Jöpsel genannt^ 
über deren Form, Material und Herstellungsart weiter unten ausführlicher 
zu berichten ist. 

Das nächste Stück ist das Schnürleib, das hinten ziemlich hoch, vom 
aber tief ausgeschnitten sein muss. Es besteht aus buntem (rot, grün, 
weiss, schwarz), breit gestreiftem Drillich von Hausmacherarbeit, ist mit 
grober Leinewand gefüttert und am Halsausschnitt und an den Achseln 
mit dunkelblauem Wollenbande eingefasst. Vorn sind zwei starke Rohr- 
oder Fischbein-Stangen im Futter angebracht, längs deren Ösen und Haken 
befestigt sind. Durch dieselben führt ein rotbuntes, auf dem Webebrettchen 
hergestelltes Schnürsenkel. Unten schliesst das Schnürleib mit einem 
grossen Wulst ab, der rundum den Körper umgiebt und die schweren 
Böcke tragen hilft, auch ermöglicht, dass die zahlreichen Plissees derselben, 
vorzüglich des Oberrocks, immer in gewünschtem Faltenzustand verbleiben. 
Unter das Schnürleib wird der Brustlatz „Bostdök" geschoben, ein 
Gegenstand, der unsere Damenwelt in Schreck und Staunen setzen muss; 
denn er ist am besten mit einem ziemlich breiten, nach unten sich ver- 
jüngenden Brett zu vergleichen, das Brust und Magen beständig drückt. 
Freilich benutzt man nicht Holz, sondern Pappe dazu, doch diese ist von 
mächtiger Stärke und ermangelt aller Nachgiebigkeit. Der Latz wird auf 
beiden Seiten mit buntem Zeuge bezogen und vorn ausserdem noch mit 
emer Menge über einander geschobener, breiter, farbiger Seidenbänder, mit 
Goldflittem und Goldspitzen besetzt, so dass das Ganze einen recht statt- 
lichen Eindruck macht. 

Dicke, dunkle, blaue oder schwarze Wollröcke bilden die Unterkleider. 
Sie sind, wie der Oberrock von Hausmacherarbeit und unterscheiden sich 
nnr dadurch von letzterem, dass dieser am Saume mit grünem oder rotem, 
auch blauem Bande eingefasst ist. Die Länge der Unterröcke erreicht 
nicht ganz diejenige des Oberrocks, der bis zur halben Wade herabgeht. 
Der grösste Teil von ihm ist übrigens gar nicht sichtbar, da er von der 
Schürze verdeckt wird, die ebenfalls dunkel in der Farbe, aber leichter 
im Gewebe gehalten ist. Befestigt wird die Schürze durch die auf dem 
Webebrett verfertigten Schürzenbänder, welche von gleicher Farbe, wie 
die Schürze selbst, sind. 

Dasselbe Schwarz oder Dunkelblau zeigen auch die langen Woll- 
strümpfe. Sie stecken in Pantoffeln, deren sehr hoher Absatz sich weit 
nach der Sohle vorgerückt findet. Bei den sogenannten Brautpantoffeln, 
d. h. den Pantoffeln, welche der junge Bursch in Jamund als Zeichen der 
Zuneigung seiner Braut zu verehren hat, ist das Oberleder kunstvoll aus- 



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86 Jalin: 

gestochen, üra das Muster hervortreten zu lassen, wird ein Streifen rot 
gefärbten Leders darunter befestigt und dann eine schwarze Lederkappe 
vorn an die Spitze gesetzt (siehe Tafel 11.). 

Auf dem Kopfe trägt die Jamunderin ein weisses, ausgenähtes oder 
geklöppeltes Haubentuch, von welchem jedoch nur die äusserste Kante 
zu sehen ist; das übrige wird von einer steifen, stark gefütterten, eckigen, 
schwarzen Kappe „Mutz" bedeckt, an welcher Bänder von gleicher Farbe 
befestigt sind, die unter dem Kinn zusammengebunden werden. Unter der 
„Mutz" quillt der Zopf hervor, zu dessen Verlängerung ein dreiteiliges, 
schmales Band von rotbunter Farbe, das auf dem Webebrett hergestellt 
wird, die sogenannte „Flecht", mit in die Haare verflochten wird. Bei 
der verheirateten Jamunderin ist die Kappe überdies vorne mit einem 
Streifen hellen Pelzwerkes besetzt; sie heisst dann „Pruggesmütz", im 
Gegensatz zu der pelzlosen „Maikesmütz" und der in gleicher Form, 
aber aus buntem Stoff gefertigten und obendrein mit allerhand blankem 
Plitterkram besetzten Kappe für kleine Mädchen und Knaben, der „Klein- 
kinner-Mütz". 

Noch einer vierten weiblichen Kopfbedeckung mag hier Erwähnung 
gethan werden, des sogenannten „Plünners". Derselbe bildet den Kopf- 
schmuck der Jamunder Konfirmandinnen und besteht aus drei etwa 40 cm 
langen und 10 cm breiten, weissen Binden, dem „Plünnerdauk" und den 
beiden „Plünnerbinnen", von denen die erste aus einem Stück ausgenähten 
Linnens besteht, während die beiden letzten aus selbst geklöppelten Spitzen 
gefertigt sind. Die drei Stücke werden durch Nadeln so auf dem Haare 
befestigt, dass das Ganze einer Spitzenhaube nicht unähnlich sieht. 

Verlässt die Jamunderin das Haus, um einer Nachbarin oder Freundin 
einen Besuch abzustatten oder erwartet sie selbst Gäste, so zieht sie statt 
der Pantoffeln kurze Niederschuhe „bricket Schauh" an, welche von 
schmalen Lederriemen, die über einem ausgefransten Lederstreifen ver- 
schlungen sind, auf dem Spann festgehalten werden. Der Absatz ist, 
wie bei den Pantoffeln, weit nach der Sohle vorgerückt (siehe Tafel H.). 

Femer zieht sie die Jacke „Jöp*^ über. Dieselbe ist sehr einfach 
aus schwarzem, selbst gewebtem Wollenstoff gearbeitet und innen rot ab- 
gefüttert. Die Ärmel sind lang und glatt; der Rumpf ist kurztaillig ge- 
halten. Vom befinden sich abermals, wie bei dem Schnürleib, zwei furcht- 
bare Stangen, längs deren Ösen und Haken eingenäht sind. Der durch 
dieselben bewirkte Verschluss ist so innig, dass weder von dem farben- 
prächtigen Brustlatz noch von dem bunten Schnürleib auch nur das mindeste 
zu sehen ist. um die Halsöffnung der Jop wird als Kragen ein kleines, 
weisses Tuch gelegt, das nach dem Rücken zu mit einem Hühnerfuss \|/ aus- 
genäht ist. 

Gilt es einen feierlichen Gang, so wechselt die Jamunderin die Schürze 
und bindet statt der dunkelblauen Schürze die „witt Schört", vom feinsten 



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Jamimd bei CösHd. g7 

Linnen gefertigt, vor. Oben ist eine Schnur eingezogen, so dass die Falten 
hin und her geschoben werden können. In der rechten Hand hält sie ein 
linnenes Tuch, das rundum mit einer kleinen Borte und in allen vier Ecken 
mit einem blattförmigen Muster bestickt ist, und zwar in roter Farbe. Die 
Stickerei ist höchst merkwürdig: ein gerade oder schief liegender Platt- 
stich, oft nur über zwei Fäden geführt. Gewöhnlich ist die Figur ver- 
schoben und zudem (in Bezug auf rechte und linke Hälfte) sehr willkürlich 
behandelt. Der Gesamteindruck ist trotzdem ein günstiger. 



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Fig. 4. Jamimd er Branttaschentach, mit rotem Garn gestickt (Eckstück). 

Beim Gange zum Nachtmahl kommt als höchster Schmuck, aber nur 
der verheirateten Frau zustehend, der kurze, etwa einen halben Meter lange 
Mantel von feinem, schwarzem Tuch hinzu. Er ist wie die Jop mit rotem 
Fries abgefüttert und hinten von Schulter zu Schulter in regelmässige, 
schmale Falten gelegt, die durch untergeheftete Schnur in gefalliger Form 
erhalten bleiben. Ein sehr breiter, aufgesetzter Saum läuft im Nacken 
über die Schultern weg vom herunter. Hinten ist Pappe in diesen Saum 
eingenäht, damit er kragenartig steif aufliegt. Vorn an der Innenseite ist 
durch grosse Eragenösen Gelegenheit gegeben, den Mantel mit den Armen, 
da diese durch die Ösen gesteckt werden, fester zu ziehen. 

Ausser dem oben beschriebenen gestickten Tuch hält die Kommu- 
nicantin noch das Gesangbuch in der Rechten, dessen Einband nach alter 



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88 Jahn: 

Sitte aus bunt ausgearbeitetem und gefärbtem Leder gefertigt ist. An der 
Schnittfläche befinden sich Beschläge. — Die Hände stecken bei solchen 
Gelegenheiten in nichts weniger als zierlich gearbeiteten, weiten Faust- 
handschuhen, die oben schwarzes Tuch, innen grobes, graues oder rotes 
Wollenzeug zeigen. Wertvoll werden diese Handschuhe jedoch durch die 
mühselige Stickerei, die mit bunter Seide in Steppstich und Plattstich 
ausgeführt ist und vorwiegend Blumen und Herzen darstellt. Die Naht, 
durch welche der Daumen in den Handschuh gefügt ist, wird durch Hexen- 
stich verziert. (Näheres über die Ornamentik der Handschuhe, sowie eine 
besondere Abbildung im folgenden Hefte.) 

Kaum weniger originell, als der Anzug der Frauen, ist derjenige der 
Männer. Auch hier haben wir eine Alltags- und eine Festtagstracht zu 
unterscheiden. Erstere besteht aus dem Hemd von grobem Linnen mit 
ziemlich hohem Kragen und langen Ärmeln. Die Manschetten derselben 
sind, ebenso wie der Kragen, nur bei den Brauthemden, imd auch da nur 
ganz unbedeutend, ausgenäht. 

Über das Hemde wird das „Bostdok" (Brusttuch) gezogen, welches aus 
demselben Stoff gefertigt ist, wie das Schnürleib der Frauen (s. oben). 
Den Verschluss bildet eine einfache Reihe blanker Metallknöpfe. Es 
schliesst am Hals eng an und reicht herab bis über den ganzen Unterleib. 
An beiden Seiten befinden sich Taschen, die mit einer grossen Klappe 
verdeckt sind. 

Das Bostdok entspricht unserer Weste, nur mit dem Unterschied, dass 
bei dem modernen Kleidungsstück der Schossteil über dem Beinkleid zu 
tragen ist, während derselbe bei dem Bostdok untergeknöpft wird. Im 
übrigen trägt der Jamunder weisse, leinene oder gelbe, schafledeme an den 
Seiten ausgenähte Kniehosen. Jene werden mit rotbunten, nach Art der 
Schnürsenkel auf dem Webebrett gefertigten „Büchsen^-Bändern, diese mit 
ledernen Riemen unterhalb des Knies zusammengebunden. Von dem 
Gelb oderlWeiss der Hosen hebt sich das Braun oder Schwarz der langen 
Wadenstrümpfe, in die an den Aussenseiten ein einfacher Zwickel (in 
Form des Längsdurchschnitts eines langen, schmalen Kegels mit darauf 
gesetztem, auf der Spitze stehendem Rombus) gestrickt ist, wirkungsvoll 
ab. Zu den Strümpfen gehören kurze Schnallenschuhe (siehe die Ab- 
bildung der üblichen Schnallenform auf Tafel H), wenn man es nicht 
vorzieht, den ganzen Unterschenkel bis über das Knie hinauf durch plump 
gearbeitete Krempstiefel zu verdecken. 

Das nächste Kleidungsstück des Jamunders ist das sogenannte „Fauder- 
hemd", ein langer, blauer, rot abgefütterter Rock von „fif schäftigem" Zeug, 
der vorne und an den Ärmeln mit blanken Messingknöpfen besetzt ist. 
Bald finden sich an den Seiten Taschen, bald fehlen sie. Der Schnitt des 
Fauderhemds ergiebt sich aus der Abbildung. — Auf dem Kopfe tragen 
jung und alt. Verheiratete und Junggesellen die ZipoU-, d. i. Zwiebel- 



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Jamund bei Cöslin. 



89 



Mütze aus selbst gewirktem, rotbunt gestreiftem Wollenzeug. Sie hat eine 
viereckige Gestalt, das heisst, es sind vier blattartige Stücke so zusammen- 
gefügt, dass die Mütze, nachdem unten noch ein steifer Rand dazu ge- 
kommen ist, einer Schachtel oder, wie die Leute wollen, einer Zwiebel 
ähnlich sieht. Auf der Mitte des Deckels befinden sich Schleifen von Wollen- 
band, meist eine grüne und eine rote, in Kreuzform übereinander liegend. 

Neben der ZipoUmütze ist auch die pelzverbrämte Bauemmütze mit 
rotem Deckel und silberner oder goldener Troddel, deren Verbreitung 
über ganz Deutschland geht, üblich; doch hat sich in Jamund die Sitte 
herausgebildet, dass dieselbe nur von Verheirateten getragen werden darf. 

Legt der Jamunder Bauer die Festtracht an, so hat er nicht viel Um- 
kleidens nötig; er zieht einfach über das Fauderhemd den langen, dunkel- 
blauen oder schwarzen Rock von ebenfalls f ifschäftigem Zeug, mit buntem 
WollenstofF gefüttert. Derselbe ist ohne Kragen und Knöpfe und wird 
lediglich durch Haken und Ösen zusammengehalten. Die Ärmel enden in 
Stulpen, welche in regelmässigen Abstanden mit vier Fadenösen an- 
geschürzt sind. Statt der Taschen sind Schlitze vorhanden, um (wenigstens 
haben dieselben sonst in Deutschland den Zweck) bei schlechtem Wetter 
die Vorderteile der Rockschösse durchzuziehen und sie dadurch vor Be- 
schmutzung zu schützen. — Um den Hals wird, je nach der grösseren 
oder geringeren Feierlichkeit, ein kattunenes, halb- oder ganzseidenes Hals- 
tuch geschlungen. Die Hände stecken in weissen, wollenen Fingerhand- 
schuhen, die geschmackvolle, eingestrickte Muster aufweisen, auf jedem 
Finger eines in Ringform. Am Handgelenk hängen kleine Fransen von 
weisser Wolle. 











1 



yWS/iiWSvvWVW» b) Finger. 

) Handfläche. 
Fig f). Musternder Jamunder Fingerhandschuhe für Männer, mit weisser in weisse 



•tV7/ 

> * * * 
c) Daumen« 



Wolle gestrickt. 



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90 



Jahn: 



WNWWWWW 



^ 













Fig. 6. Muster der Jamunder Faust- 



Letztere kommen sehr zur Geltmig, da 
die Jamunder Mode verlangt, dass die unteren 
Teile der Handschuhe über die Enden der 
Rockärmel gezogen werden. Daneben finden 
sich auch schwarzweiss gemusterte Fausthand- 
schuhe; doch sind dieselben mehr für den 
alltäglichen Gebrauch im Winter bestimmt, 
während die weissen Pingerhandschuhe bei 
jeder festlichen Gelegenheit, ganz gleich, ob 
Winter oder Sommer, getragen werden. 

Statt der Mütze wird auf das Haupt mit 
seinen langen, bis über die Schultern herab- 
wallenden Haaren ein gewaltig grosser Drei- 
master gesetzt. Erst seit dem Anfang dieses 
Jahrhunderts beginnt derselbe von demCylinder 
verdrängt zu werden, der sich dann bald 
alleinige Geltung verschafft hat. Nach dem 
Schwinden des Dreimasters stellten sich noch 

Die 



handschuhe für Männer, mit weisser andere Veränderungen in der Tracht ein 
in schwarze Wolle gestrickt. ° 

bunten, lebensfrohen Farben, sowie alles Glän- 
zende, traten mehr und mehr zurück. Statt der vielfarbigen Bostdäuker 
und Mieder wurden solche in einfacherer Farbenzusammenstellung gewählt; 
statt der glänzend blauen Fauderhemdeu fertigte man tiefschwarze. Die 
schmucke Michelmütze, der Plünner der Konfirmandinnen, die blanke 
Kleinkinner-Mütz, die buntgestickten Handschuhe der Frauen und die 
kunstvoll gemusterten weissen der Männer, alles kam in Wegfall, ebenso 
der stattliche Abendmahlsmantel, der rote Brautrock und die ausgenähten 
Lederhosen (wie die Kniehosen überhaupt). Die Schnallen an den Schuhen 
fielen weg, die Zwickel an den Strümpfen hielt man nicht mehr für not- 
wendig, die kunstvoll ausgearbeiteten Pantoffeln wurden nicht mehr ge- 
fertigt, und auch die eigenartigen Schmuckstücke der Braut, des Bräutigams 
und des Hochzeitsbitters sind seit Jahrzehnten nicht mehr getragen worden. 
Aber selbst diese stark vereinfachte Tracht hat der modernen Kultur 
nicht standhalten können. Nur vereinzelt ist heute eine Jamunderin und 
noch seltener ein Jamunder in der Nationaltracht zu schauen. Und als 
ob das Unheil nicht schnell genug kommen könne, ist das Hauptdorf 
Jamund, welches seit zwei und einem halben Jahrhundert von jedem grösseren 
Brandunglück verschont geblieben war, am 3. November 1889 zur Hälfte ein 
Raub der Flammen geworden. Wenig haben die Leute zu retten ver- 
mocht; und ein Ersatz für die verloren gegangenen Stücke ist nicht möglich, 
da die Frauen, wie fast überall in Deutschland, so auch in diesem vergessenen 
Winkel, die Kunst des Webens und Stickens und Klöppeins verlernt haben 
und mit ihren Bedürfnissen auf den Händler in der Stadt angewiesen sind. 



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Jamnnd bei Cöslin. 91 

Um 80 mehr dürfte es am Platze sein, ein Stück echten Alt-Jamunder 
Lebens vor Augen zu führen. Es möge darum hier die Schilderung einer 
Bauernhochzeit folgen, wie man dieselbe noch in der ersten Hälfte dieses 
Jahrhunderts in Jamund und Labus zu feiern gewohnt war: 

Eine Eheschliessung ist seit jeher bei dem biedern Landvolk zunächst 
Geschäfts- und erst in zweiter Linie Herzenssache gewesen. So auch 
hier. Da wird lange hin und her beraten, was er hat und was sie mit- 
bekommt. Sind endlich die Parteien handelseins geworden, so geht's an 
die Yorbereitungen zur Hochzeit. Die Braut, selbst wohlhabender Leute 
Kind, heiratet in einen reichen Hof hinein. Da gilt's Ehre einlegen! 
Gross muss die Hochzeit sein, so gross, dass sie noch Jahre lang in aller 
Dorfgenossen Munde lebt. Das ist die Hochzeit aber nur, wenn alle, die 
EU den Eltern des jungen Paares und zu diesem selbst als Nachbarn, als 
Freunde, als Verwandte oder sonst wie in irgend welcher Beziehung stehen, 
als Gäste erscheinen. Einladungen über Einladungen müssen daher er- 
gehen. Und zwar dürfen dieselben, alter Sitte zufolge, nur mündlich 
durch einen besonderen Einlader, den Hochzeitsbitter, erfolgen. 

Zu dem Zwecke setzt sich der Bräutigam mit einem guten Freund in 
Verbindung. Derselbe legt seinen Sonntagsstaat an. Die langen Kremp- 
stiefeln sind frisch geschmiert; der stattliche Kirchenrock ist sauber ab- 
gebürstet. Um den Hals ist ein farbiges Seidentuch geschlungen. Auf 
dem Kopf trägt er einen reich mit Goldborten und Flitter benähten, rauhen 
Cylinderhut. Über die Hände sind die weisswollenen, in reichem Muster 
gestrickten Handschuhe (siehe oben) gezogen. Dann ergreift er das Zeichen 
seiner Würde, den Hochzeitspiess. Der Dorfschmied hat die Lanzenspitze 
geschmiedet; den Schaft hat er selbst kunstreich hergerichtet. Nachdem 
er ihn rot gefärbt, hat er in vier langen, fingerbreiten Streifen schwarzes 
Leder der Länge nach mit blanken Buckelnägeln an den Stock geheftet. 
Kränze von ausgefranstem Leder, ebenfalls mit Buckelnägeln beschlagen, 
unterbrechen in schuhbreiten Zwischenräumen die Längsstreifen. Hart 
unter der Spitze endlich ist ein Täfelchen mit einem Lederriemen befestigt. 
Dasselbe ist bunt bemalt und in der Mitte in Herzform ausgestochen. 
Unter dem Herzen steht die Jahreszahl. 

So ausgerüstet macht sich der Hochzeitbitter, begleitet von einem 
Gesellen, auf den Weg. Ohne den Hut abzunehmen, tritt er auf die Diele 
des Hauses, wo er schon von dem Wirt und dessen Angehörigen erwartet 
wird. Dreimal stösst er mit dem Spiess auf den gestampften Lehmboden, 
dass es schallt, dann setzt er ein Gesicht auf, wie der Pastor auf der 
Kanzel, und spricht mit dröhnender Stimme, dass die Wände wiederhallen: 

„Guten Abend, guten Abend ins Haus! Ist der Wirt herein oder ist 
er heraus? Wir haben so lange gegangen, wir haben so lange gestanden, 
eh' wir das liebe Hochzeitshaus haben können erlangen. Nun haben wir 
es einmal erlaugt; Gott gebe euch viel Glück und Segen darein. — Wir 



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92 Jahn: 

wünschen euch alles Liebe und Gute und alles Wohlergehen. Hochgeehrte 
und wertgeschätzte Freunde, nehmt es doch nicht vor übel an, weil wir 
so unverhofft zu euch -herein kommen; denn wir haben eine christliche 
Werbung und einen freundlichen Gruss an euch zu vermelden, nicht von 
unsertwegen, sondern von zwei Personen, als nämlich von dem hochgeehrten 
Herrn Bräutigam N. N., wie auch von seiner herzvielgeliebten Jungfer 
Braut N. N. Weil diese beiden Personen gesonnen sein, sich durch Schickung 
Gottes, ihrer Eltern und guten Freimde in ein christliches Eheverlöbnis 
einzulassen, und, als unser Y ermuten ist, am zukünftigen Freitage ihren 
hochzeitlichen Ehrentag anstellen wollen (als Werke zu verrichten 
beschlossen werden kann) und weil ihr christliches Vorhaben ohne gute 
Freunde und Nachbarn nicht geschehen noch vollzogen werden kann, also 
gelangt unser dienstfreundliches Bitten hier an den Herrn Hauswirt und 
an seine herzvielgeliebte Hausfrau, Kinder und Gesinde, Jungfern und 
Gesellen, dass sie doch möchten am zukünftigen Freitage, vormittags zehn 
Uhr, zu ihnen kommen und halten Hochzeit, nicht allein am Freitage, 
sondern die ganze Woche, so lange die Hochzeit währen wird, und essen 
und trinken und nehmen mit ihnen vorlieb. Und was sie euch können 
zu gute thun, das sollt ihr imgewegert von ihnen haben." 

^Ferner lassen sie euch bitten um einen Wagen mit vier Pferden, wohl 
ausgemundieret und alles was darauf gehört: Herr und Frau, Kinder und 
Gesinde, Jungfern imd Gesellen, sie kommen geritten oder geschritten, 
vier, fünf, sechs, sieben, acht, soviel euer ganzes Haus vermag." 

„Femer, so lässt der Herr Bräutigam und die Jungfer Braut euch 
bitten : Knaben und Jungfern, Jungfern und Gesellen, dass ihr doch möchtet 
ein wenig in der Zeit kommen und trinken ein Mal, zwei oder drei, und 
gehen mit den Brautleuten nach der Kirche und helfen ihnen den Reih 
stärken und vermehren und mit einem christlichen Gebet beiwohnen. 
Allda werdet ihr dann sehen, wie der Herr Bräutigam mit seiner viel- 
geliebten Braut durch priesterliche Hand verkoppelieret und verheiratet 
wird, und nach solchem Vertrauen werdet ihr euch in das Hochzeitshaus des 
N. N. in Jamund einverfügen. Allda werdet ihr dann finden ein wohl- 
ausgeziertes Hochzeitshaus, einen Tisch gedeckt, Stühle und Banken gesetzt, 
und werdet allda mit hochzeitlichen Ehren an einen hochgeladenen Tisch 
gebracht werden. Allda werdet ihr dann sehen, was Gott der Herr euch 
an Essen und Trinken durch Koch, Küchen- und Tischdiener wird vor- 
tragen lassen, günstig vorlieb zu nehmen, nach der Mahlzeit zum Tanz 
(das macht den Reih ganz) den Reih helfen stärken und vermehren; das 
geschieht dem Herren Bräutigam mit seiner vielgeliebten Braut zu Ehren." 

„Femer lassen sie euch bitten, dass ihr doch möchtet keine not- 
wendigen Sachen vorwenden, damit sie in ihren Ehrentagen nicht möchten 
verschwächt, sondern vielmehr gestärkt werden. Denn sie wollen sich gar 
keines Ausbleibens an euch versehen haben; denn wenn ihr wieder einen 



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Jamund bei Cösb'n. 93 

Sohn oder eine Tochter ausgebt oder sonst eine Clation (lies: Collation) an- 
stellt, so wollen 8ie wieder gerne Hülf und Beistand leisten, sofern als 
sie dazu geladen und gebeten werden." 

„Ferner lassen sie euch bitten, ob ihr nicht was viel Milch und Butter 
habt, dass ihr ihnen doch könnt mit einem wenig zu Hülfe kommen: mit 
einer Kann' voll, mit einer Wann' voll, mit einem Löffel voll, mit einem 
Scheffel voll; denn wir verhofFen mit williger Hand eine grosse, schwarze 
Kanne voll, dass die Grütze gut weiss wird. Das wollen sie auch gerne 
sehen." 

„Femer lassen sie euch bitten, wenn hier noch wo ein unverhoffter 
Gast zu euch kommt, dass ihr ihn doch nicht gleich ausjagt, ihm doch 
was zu liegen helft auf die Bank oder unter die Bank, auf den Kumm 
oder dabei zu, oder bei den Mädchen, bei den Jungfern in das Bett bis 
an den hellen, lichten Morgen, dass er wieder zu den Seinigen in das 
Hochzeitshaus kommen kann. Das wollen sie auch gerne sehen." 

„Femer lassen sie euch bitten, ob hier der Herr Hauswirt nicht was 
viel Äpfel verwahrt, die Hausfrau nicht was viel Feigen gebackt, die 
Mädchen, die Jungfern nicht was viel Nüsse gepflückt haben, dass sie den 
Hochzeitsbittem können auch was mitteilen. Denn wenn wir wieder zu 
den Brautleuten in das Hochzeitshaus kommen, dass sie doch sehen können, 
dass wir imsere Bitte desto besser verricht't haben. Das wollen sie auch 
gerne sehen.'' 

„Thut euch belieben und nicht lange bedenken; habt ihr ein Kraus 
Bier, so thut mir einmal einschenken. Kann's sein ein Gläschen Wein, 
so soll's uns desto lieber sein. Habt ihr keinen Wein, so kann's doch sein 
ein Gläschen Branntwein. Habt ihr keinen Branntwein nicht, so kann's 
sein ein gut Wort; damit reisen wir wieder frisch fort." 

„Ferner so bitten wir ganz freundlich für uns und für unsere Personen: 
EEaben wir nicht recht wohl gebeten, so mögt ihr es desto besser verstehen, 
desto eher kommen, desto länger bleiben, desto lustiger und fröhlicher ' 
sein; denn wir sind noch jung an Jahren, wir haben die Sache noch 
wenig erfahren; wir sind noch jung in Ehren, wir verhoffen, es auf ein 
ander Mal besser zu lehren; wir sind noch jung von Knochen, wir ver- 
hoflfen, es auf ein ander Mal besser zu machen." 

„Denn wir verhoffen, ihr werdet euch auf unsere Bitten wissen fleissig 
einzufinden und verachten Braut und Bräutigam nicht, und uns als zwei 
ausgesandte Diener und Boten daneben auch nicht, und nehmen mit ihnen 
vorlieb, was da kömmt zu Tisch, es sei Wildbret, gebratene Hühner oder 
Fisch, Bier oder Wein, was am besten für die hochgeladenen Hochzeits- 
gäste und Freunde wird sein, nach der Mahlzeit zum Trunk, fröhlich zum 
Sprung, mit Beten und Singen, und helfen die Hochzeit mit Freuden zu 
Ende bringen." 

„Nun so nehmt es für eine ßitte ap, weil die Bitte nicht besser 



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94 Jahn: 

werden kann; aber die Bitte ist klein. Stellt euch desto fleissiger zur 
Hochzeit ein." 

„An Näet un Äppel un Fige 

Läte sich dei Hochtidsbiddes nich vadriwe; 

Wenn s' dei warre krige, 

Warres geen still schwige." 

Nachdem ihnen die Bitte gewährt ist und sie die Nüsse und Äpfel 
und Birnen bekommen haben, fährt der Sprecher fort: 

„Denn wir sind zwei ausgesandte Diener und Boten; wir sind gesandt 
von Braut und Bräutigam; sie lassen den Herrn Hauswirt und die Haus- 
frau freundlich grüssen von dem ersten bis zu dem letzten, den Koch mit 
seinen Kellen und mit seinen Gesellen, sie mögen Namen haben, wie sie 
wollen. Ihr mögt das Haus so lange auf den Boden ziehen. Ihr sollt uns 
angenehme Gäste sein. Sie lassen euch darum bitten, ihr mögt ihre 
Stühle und Banken nicht zerbrechen, ihre Löffel, Teller, Tischtücher 
nicht zerstossen noch zerstechen, und halten euch fein säuberlich bei Tisch 
und treiben kein Ungewerb und Unschicklichkeit bei Tisch imd halten 
den Herrn Hauswirt und die Hausfrau wert und lassen sein Hausgerät 
wohl unveracht't; und wenn euch ein Gläschen Bier wird zugebracht, so 
nehmet es an mit Dank. Nun so haben wir unsere Bitte mit des voll- 
bracht. Wir wünschen euch auf den Abend eine lustige und fröhliche 
Sach'. Denn wir verhoffen, der Herr Hauswirt wird uns ein Kraus Bier 
schenken, die Hausfrau einen Stuten, als ein Arm lang, dann werden wir 
sagen grossen Dank. Amen"^). 

Nachdem die Zus^e von dem Hauswirt erteilt ist, zieht der Hochzeits- 
bitter mit seinen Gesellen in den nächsten Hof, um dort dieselbe Predigt 
zu halten, mit nicht minderem Ernst und mit nicht geringerer An- 
strengung seiner Lungen, und so setzt er es fort, bis endlich auch der 
letzte Gast geladen ist. Führt ihn sein Weg ausserhalb des Dorfes, so 
entledigt er sich seines Auftrages hoch zu Ross. 

Inzwischen mühen sich die Angehörigen der Brautleute ab, die beider- 
seitigen Höfe hochzeitlich herzurichten. Grosse Mengen von Butter, 
Weizenmehl und Grütze werden beschafft, ein Rind wird geschlachtet, 
Bier wird gebraut, Branntwein aus der Stadt besorgt, und bei den Fischern 
aus den benachbarten Seedörfem werden grosse Bestellungen an Fischen 
aller Art gemacht. Die Bottlöeher werden mit den frisch gewaschenen 
Feiertags-Vorhängen versehen. Kunstvoll sind in dieselben, weiss auf blau, 

1) In dem uns vorliegenden Manuskript des Hochzeitsliedes und des Liedes zum Ans- 
bitten, welches im Jahre 1838 von einem Jamunder Bauer niedergeschrieben ist, sind, 
offenbar durch Versehen des Abschreibers, die beiden letzten Absätze des Ausbitterliedes 
'siehe Heft 2): ^Nun, ihr Herren Musikanten, — late sei uck birre. Amen" hin- 
zugefügt 



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Jamimd bei Cdslin. 95 

figürliche Darstellungen hineingewirkt, alte Jamunder Arbeit, schon von 
der Urahne gewebt und in der geschnitzten eichenen Brautlade aufbewahrt. 
Der Spalt, welchen die beiden Shawls der Vorhänge lassen, wird bis an 
die Decke der Bettlöcher ausgefüllt von schwellenden Kissen. Die breiten 
Einsätze der Bezüge (Büren) sind von der Braut und ihren Freundinnen 
eigens zu dem Feste gearbeitet und lassen auf dem blauen oder roten 
Inlet scharf und deutlich das prächtige Muster erkennen. 

Auf der sorgsam geglätteten und mit frischem Sande bestreuten Diele 
und in der Stube werden Tische aufgestellt und mit schneeweissem Linnen 
gedeckt. An dem Ehrentische stehen neben den anderen Stühlen zwei 
funkelnagelneue, mit lebhaften, aber nicht grellen, das Auge verletzenden 
Farben bemalt. Der hochbeinige Bräutigamsschemel mit dem Doppeladler 
und den sich schnäbelnden Tauben und der zierlich mit Binsen beflochtene 
Braatstuhl, dessen kunstreich gearbeitete Rückenlehne mit zahlreichen 
Glöckchen behangen ist. Jetzt ist das nur Zierat; vor alters sollte der 
Klang wohl dazu dienen, unheilbringende Dämonen zu verjagen. So finden 
sich auch zuweilen statt der Schellen in dem für diesen Fall doppelt be- 
flochtenen Boden kleine Steinchen und Scherben, die bei jeder Bewegung 
des Stuhles klappern und klingen. 

Der Hochzeitstag naht heran. Am Abend vorher, also am Donnerstag, 
finden sich die Freunde der Braut in dem Hofe von Brautvater und -Mutter 
und die Freunde des Bräutigams bei dessen Eltern ein, um die Vorfeier 
(AflTeiring) zu begehen. Gegessen und getrunken wird dabei, wie bei der 
eigentlichen Hochzeit und den darauf folgenden Tagen, nur dass die 
Parteien getrennt sind. Auch die Anordnung der Tische und die Art der 
Gerichte ist an allen Hochzeitstagen dieselbe. In der Mitte jedes Tisches, 
stehen bunt bemalte Schüsseln und Teller von roher hinterpommerscher 
Technik; sie enthalten Grütze oder Reis, Kartoffeln mit Ueberguss, Fische, 
Butter und gesottenes Fleisch. Braten kannte der alte Jamunder nicht, 
obgleich der Hochzeitsbitter in seinem Spruche den Gästen den Mund 
wässerig macht mit Wildbret, gebratenen Hühnern und Fisch. Ueber den 
Schüsseln liegen grosse Brote, von feinstem Weizenmehl gebacken. Vor 
Jedem Sitz steht ein eckiger oder runder, mit der Hofniarke des Hauswirts 
versehener hölzerner Teller. Derselbe ist blank gescheuert, ebenso wie 
der geschmackvoll aus Holz geschnitzte Löffel, mit dem männiglich zugreift, 
um aus gemeinsamer Schüssel von der Grütze, dem Reis, den Kartoffeln 
und den Fischen zu essen. Von dem Fleisch nimmt jeder nach Belieben 
mit dem Taschenmesser ein Stück von der Schüssel und legt dasselbe 
dann vor sich auf den Holzteller und zerschneidet es; ebenso nimmt er 
von dem Weissbrot. Die übrig bleibenden Knochen werden unter den 
Tisch geworfen. 

Das Rindfleisch macht Durst, und der Fisch will schwimmen, ganz 
abgesehen davon, dass jeder Jamunder zu einer Hochzeit von vornherein 



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96 Jahn: 

seinen rechtschaffenen Durst mitbringt. So wird denn wacker den grossen 
zinnbedeckelten Kannen und Krügen aus Steingut zugesprochen, die bis 
an den Rand mit Bier gefüllt sind. Wer's stärker und kräftiger liebt, 
greift nach den Flaschen mit Branntwein. Auf dem Ehrentisch wird auch 
richtiger Wein geschenkt, wenigstens haben die Flaschen die richtige 
Gestalt und der Inhalt die richtige rote Farbe. ^ 

Der folgende Tag, der Freitag, bringt die eigentliche Hochzeit. 
Während die Gäste sich an Warmbier und Kuchen erquicken, wird die 
Braut hochzeitlich geschmückt. Statt des schlichten, schwarzen Oberrockes 
zieht sie einen reich gefalteten Rock Ton brennend roter Farbe an, zum 
grossen Teil yerdeckt von der schneeweissen, linnenen Brautschürze. Die 
zierlich in Leder ausgeschnittenen Brautpantoffeln, das erste Geschenk des 
Bräutigams an die Auserkorene, welche sie gestern bei der Affeiring 
getragen, machen den „bricket Schauh" Platz. Um die Schultern 
liegt das kleine, schwarze Abendmahlsmäntelchen , das sie heute mit 
dem Gang zur Trauung zum ersten Male trägt, um sich dann damit fürs 
ganze Leben bei jeder Nachtmahlsfeier zu schmücken. Noch aber fehlt 
die Hauptsache, der Brautschmuck, der in der ganzen Umgegend von 
Cöslin bei den Landbewohnern berühmte Jamunder Päil. Derselbe setzt 
sich zusammen aus drei Stücken: aus der Brautkrone, aus dem Halsband 
mit Kragen und dem Leibband. Bei allen drei Teilen ist mit Edelmetall 
nicht gespart. 

Die Brautkrone (siehe Tafel H) besteht aus einem handbreiten 
Reifen von Silber, mit Gold gemischt; darüber erhebt sich ein hohes 
Drahtgestell. Der Reifen hat eine grosse Menge kleiner Löcher, durch 
welche schmale Seidenbänder gezogen werden, und ist ausserdem mit 
Metallknöpfen besetzt. Ein jeder Knopf hat einen wagerecht abstehenden 
Dom, der in Ösen zierliche Hängenbleche trägt; auch durch diese 
Ösen ist seidenes Band gezogen. Oben auf dem Reifen türmt sich, 
gestützt von dem Drahtgestell, ein fusshoher Berg von Glas- und Flitter- 
werk (Glaskugeln, Perlen, Zeug- und Papierblumen, Federn u. s. w.) 
in allen denkbaren Farben. Innen befindet sich ein mit Rauschgold be- 
klebter Reifen, welcher das Tragen der Krone erleichtern soll. Unter der 
Krone ist das Haar der Braut, das im übrigen, wie sonst, im Zopf ge- 
tragen wird, mit einem roten und einem schwarzen Seidenbande, die aber 
von aussen nicht sichtbar sind, geschmückt. 

Der Brautkragen ist aus breiten Spitzen gefertigt, die in Plissees gelegt 
sind und mit einem Seidenband zusammengehalten werden. Er steht als 
aufrechte Krause über dem sogenannten „witt Kragen" (siehe oben) um 
den Hals, was nur durch das Hinzukommen eines etwa 3 cm breiten Gurt- 
kragens möglich ist. Der letztere ist aus sehr steifem Material gearbeitet und 
wird mit rotbuntem Zeuge bezogen, auf welches noch Goldspitze geheftet ist. 
Ein silbernes Schloss mit Kette und Hängezierat schliesst ihn vorn, während 



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Jamund bei Cöslin. 97 

rechts «nd links von diesem Schlosse noch weitere silberne Hängebleche 
angebracht sind. (Siehe die Abbildung des Endstückes eines Gurtkragens 
auf Tafel H.) 

Der Brautgürtel, welcher um die Jacke hart unter der Brust ge- 
schlungen wird, hat ein ähnliches, aber bedeutend grösseres Schloss (siehe 
die Abbildung auf Tafel IT). Es zeigt zwei flache, verzierte Platten, die 
durch Haken und Ösen nur mittelbar verbunden werden, da der eigentliche 
Verschluss in der Weise stattfindet dass von den Ösen aus eine kurze 
Kette zu den Haken hinüberführt und so eine Verengerung oder Erweiterung 
des Gürtels ermöglicht wird. An der Kette hängen rasselartige Troddeln. 
Der Gürtel selbst ist ungefähr 6 cm breit und besteht aus steifem, mit 
schwarzem Wollenbande bezogenem und mit rotem Seidenbande ein- 
gefasstem Stoffe, auf den Goldspitzen und Plitterwerk, sowie ein Dutzend ver- 
schiedenartig gearbeiteter, runder, silberner Bleche in Grösse der Pünf- 
markstücke hi regelmässigen Abständen geheftet sind. 

Der Päil ist oder, besser, war (denn jetzt besitzt ihn das Museum 
deutscher Volkstrachten), so zu sagen, Dorfeigentum. Wenn auch vor 
alters von einer bestimmten Pamilie käuflich erworben, so wird er doch 
bei jeder neuen Hochzeit für ein Handgeld verborgt, und jede Jamunder 
Braut, die mit Ehren ihren Ehrentag begehen darf, hat das Recht, die 
Hergabe des Päil zu verlangen. 

An dieselbe Bedingung knüpft sich das Tragen der goldenen Kette, 
welche der Braut um den Hals gelegt wird, nachdem sie die bunt aus- 
genähten Handschuhe angezogen und das kunstvoll gebundene, in das 
gestickte Brauttaschentuch gehüllte Gesangbuch in die Hand genommen 
hat. Das Tragen dieser langen, schlicht gearbeiteten Kette ist übrigens 
nicht älter als unser Jahrhundert. 

Als die Prinzessin Charlotte, die spätere Gemahlin des Kaisers 
Nikolaus von Russland, im Jahre 1817 in Begleitung ihres Bruders, des 
Prinzen Wilhelm, nachmaligen Kaisers Wilhelm I, auf ihrer Reise nach 
St Petersburg durch die Stadt Cöslin kam, wurde sie am Pusse des Gollen- 
berges von einer Schar Jamunderinnen begrüsst. Dem Mädchen, welches 
das Begrüssungsgedicht sprach, schenkte die Prinzessin eine goldene Kette; 
dieselbe wurde als Heiligtum aufbewahrt und in der Folge jeder ehrlichen 
Braut auf dem Kirchgange umgehängt. 

Der Aufputz des Bräutigams hat weniger lauge gedauert. Er zieht 
einfach den oben beschriebenen Kirchenstaat an, nur dass er an diesem 
Tage eine Schleife von Seide und Goldbrokat um den Hals legt, den so- 
genannten Bräutigamsflor, und dass an seinem Dreimaster ein grosser 
Strauss von gemachten Blumen befestigt ist. 

Nachdem Braut und Bräutigam in grossem Zuge zur Kirche gezogen 
sind und der Pastor die heilige Handlung vollendet hat, gehen alle Gäste, 
voran die Musikanten, zu dem Teil, welcher in den Hof hinein heiratet, 

;&«nscbrift a. Vereins f. Volkskunde. 1891. 7 

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o 



98 Jahn: 

also in unserem Falle in das Haus der Braut und ihrer Eltern. Dort wird 
gegessen und getrunken, getanzt und gesprungen bis in die Nacht hinein, und 
dort findet sich zu der gleichen angenehmen Beschäftigung auch alles am 
Sonnabend Morgen wieder zusammen. Das geht so fort, bis um die Mittags- 
zeit der Umzug in den Hof, in welchen die Braut hineinheiratet, stattfindet. 

Jetzt tritt der Hochzeitsbitter wieder in seine Rechte. In derselben 
Ausstaffierung, wie wir ihn beim Eiidaden der Gäste kennen gelernt haben, 
tritt er vor die Versammlung, stösst dreimal mit dem Spiesse auf und 
spricht das Ausbitterlied: 

„Ihr vielgeliebten und auserwählten Hochzeits-Freunde und Gäste, was 
soll ich euch wünschen thun für meine Person? Ich werde es wohl wissen 
nun, dass Gott euch geben wolle eine geratene Eh', die Gott bescheren 
wird. Gott bescher' euch Kindeskinder, dass die Eltern an euch Freude 
finden. Gott gebe euch Friede und Eintracht, dass einer den andern lieb 
haben mag***). 

„Solches soll nun bedeuten, dass ein Bräutigam seine Braut und die 
Braut den Bräutigam, sie sind gleich jung oder alt, reich oder arm, 
hässlich oder schön, von Tagen zu Tagen, von Wochen zu Wochen, von 
Monat zu Monat, von Jaliren zu Jahren, in Lieb und Leid lieb und wert 
halte, so lang' sie leben ajlezeit." 

„Gott regiere die Hochzeitsfreunde, dass sie nicht kommen allein zum 
Trinken und Essen, sondern dass sie Gott um eine wohlgeratene Ehe an- 
rufen, die Gott bescheren wird. Gott beschere, was euch nützlich und 
dienstlich sei zu diesem und zum ewigen Leben, das ist der allerbeste 
Schatz, den man von Gott haben und wünschen mag." 

„Ferner, was soll ich eucli wünschen? Gute Gesundlieit Friede und 
Einigkeit, damit ihr mit eurem Ehegatten in Friede und Freundschaft 
bleibet, bis euch der Tod von einander scheidet." 

„Ferner, so Lösst der Herr Bräutigam die Jungfer Braut auch bitten 
mit Vater und Mutter, mit Brüdern und Schwestern, mit allen iliren ge- 
betenen Hochzeitsgästen, dass sie doch mögen so gütig sein und ziehen 
mit mir in des Bräutigams Vater, Bauer N. N. in Jamund, seine Beliausung 
über Feld. Allda werden sie uns empfangen mit Gläschen und Schenk- 
kannen, dass wir da leben mit Gomacli; zudem werden alle guten Freunde 
mitgebracht. Wo sind deini nun meine Lieben? Wo ist der und der 
mid der geblieben, der mir hier und da helfen verhiess, der mir dienet 
mit Geniess? Nun ist all mein Hab und Gut verzehrt ein jeder mir den 
Rücken zukehrt, ein jeder sieht mich lieblich an, ob ich's auch wohl 
lernen kann. Ich finde micli betrogen; Glück ist hingeflogen, Glück hat 
seinen Rat vertrieben. Wo ist denn mein Mann geblieben, der auf solche 
Freunde bauen kaini? Freude, Friede, Freunde, soll unsere Freund- 

1) Im Manuskript lautet der letzte Satz verderbt: „Solches Gott gebe, Gott finde 
Friede und Eintracht, dass einer den andern lieb haben mag^. 



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Jamund bei Cöslin. 99 

Schaft sein! Ich wollt' euch wohl wünschen gute Gesundheit, Fried' und 
Einigkeit." 

„Ferner, wenn die Leute gegessen und getrunken haben, was gehört 
noch mehr dazu? Gut Bier und Wein, damit sie können lustig sein. Und 
wenn die Gäste nicht mehr essen und trinken können, sein sie von mir 
«i^ebeten, ziehen den Hut ab und geben gute Nacht. — Schlaft gesund, 
ihr lieben Hochzeitsgäste, Gott geb' uns einen fröhlichen Morgen!** 

„Ferner, was soll ich der Jungfer Braut auch wünschen auf ihren 
Tisch? Ich werde es wohl wissen: gebratene Hühner oder Fisch, Bier 
oder Wein, damit sie kann lustig sein. Ich wollt ihr auch wohl wünschen 
gut Wetter imd Wind, damit sie sich bei ihrem Liebchen im Bettchen 
gut find't. Ach wie lieblich und holdselig wird das Bettchen sein, wo die 
zwei Liebchen zusammen kommen hinein, wo sie sich in rechter Liebe 
zusammenkehren und wo einer den andern in Liebe so hält ^), dass es 
unserm Gott im Himmel wohl gefallt.** 

„Nun ich kann nicht länger reiten hier, ich möchte auch wohl gerne 
was essen und trinken Bier; denn ich verhoflFe, ihr werdet mir eins 
schenken hier. Ich wollt' mir auch wohl wünschen, dass ich auch ein 
Liebchen hätte, das mir so thäke! Ach, wie wollt' ich mit ihm herzen, ach, 
wie wollt' ich mit ihm scherzen, du allerschönstes Liebchen, du, du!** ") 

„Nun, ihr Herren Musikanten, fasset all' eure Gedanken recht zu- 
sammen, hin und wieder, spielt die besten, schönsten Lieder, die ihr nur 
ausdenken könnt! Wünschet Glück zu diesem verlobten Paare! Lasset 
sie in Ehren fahren, lasset sie in Ehren gehen, dass sie Kindeskinder 
sehen! Nun, ihr Herren, nehmt es wohl in acht! Dann adieu zu guter 
Nacht.** 

„Nun, so rüstet euch zu, schmieret eure Schuh, spitzet eure Schwert, 
sattelt eure Pferd, lasset die Sporen wohl klingen und helfet die Braut- 
leute mit Freuden in das vorbemeld'te Hochzeitshaus hineinbringen!** 

„Un nu dei Brütlued, dei Spellued, dei Trüwweleides, dei Bisittes, 
dei Köstebiddes, dei Feiringsbiddes, dei Hüsvadde, dei Hüsmudde, dei 
Kockmeiste, dei Käeksch, dei Upwasches, dei Beddkemäkes, dei Delke- 
sträkes, dei Puerkeanbäetes, dei Askepräetels un all, dei hie eie Amt häwwe, 
läte sei uk birre. Amen!** 

Sobald der Hochzeitsbitter geendigt hat, macht sicli die ganze Gesell- 
schaft auf den Weg in das Haus des Bräutigams, um dort wieder Speise 
und Trank nach Kräften zuzusprechen. Der Verlauf des Mahles unter- 



1) In dem Manuskript lautet die Stelle verderbt: „und wo einer den andern sich 
gefällt so lieben, dass es u. s. w." 

2) In dem Manuskript ist, durch Versehen des Abschreibers, ganz unsinnig der 
Absatz aus dem Ladesprnch hinzugefügt: „Denn ich bin ein ausgesandter Diener und 
Bote etc. — die Hausfrau einen Stuten, als ein Arm lang; dann werd' ich sagen grossen 
Dank". 



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100 Jahn: 

scheidet sich nur dadurch von dem am Freitag abgehaltenen, dass allerlei 
Mummenschanz getrieben wird. Es erscheinen ein Mann und eine Frau 
in Bettlerkleidung. Er zankt, sie keift, und schliesslich liegen sich beide 
in den Haaren. Auch ein Bär tritt auf. Ein junger Bursche hat sich zu 
dem Zwecke in Erbsenstroh wickehi lassen und tanzt nun und brummt 
und wirft sich auf den Boden und ergötzt durch seine Spässe die An- 
wesenden. 

So geht der Sonnabend dahin. Am folgenden Tage versammelt sich 
die Gesellschaft wiederum im Hause des jungen Wirtes. Speise und Trank 
werden in gleichem Masse und in gleicher Menge gereicht, wie an den 
Tagen vorher; doch erhält der Sonntfig dadurch seinen besonderen Reiz, 
dass an ihm das junge Paar zum ersten Male als Eheleute die Kirche 
besucht. 

Am Montag ist die Nachhochzeit (Nähochtid). Die Gesellschaft ist 
getrennt: die Freunde und Yerwandten der jungen Frau tafeln bei 'den 
Brauteltern, die andern im Hause des jungen Ehemannes. Bei der Nach- 
hochzeit wird der Neuvermählten von den Frauen statt der Maikesmütz, 
die sie bis dahin getragen, die Fruggesmütz auf das Haupt gesetzt. Auch 
dem Manne wird an diesem Tage das Vorrecht seines neuen ehelichen 
Standes zu teil, die Berechtigung, die rote Mütze zu tragen. 

Am Dienstag findet endlich der letzte Akt der Jamunder Hochzeit 
statt, die Ueberführung des Brautgutes von dem Hause der Eltern in das- 
jenige des Mannes. Zwei Wagen genügen. Dieselben sind festlich ge- 
schmückt, ebenso wie die Pferde und die Rosselenker. Ausser dem 
Kutscher hat auf jedem der beiden Fuhrwerke ein junges Mädchen Platz 
genommen: das eine sitzt vor dem Spinnrocken der Braut und spinnt, das 
andere windet Garn von der Haspel. Sind die Truhen, die Wiege und 
der übrige Hausrat an ihren Bestimmungsort gelangt und abgeladen und 
aufgestellt, so vereint noch einmal ein Schmaus die ganze Hochzeits- 
gesellschaft bei dem jungen Paare. Damit ist dann aber auch des Guten 
genug gethan und die Feier zu Ende, nachdem sie volle sechs Tage hin- 
durch das ganze Dorf vom ältesten bis zum jüngsten in Aufregung versetzt 
und erhalten hat. 

(Fortsetzung folgt.) 



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Kleine Mitteilungen. 101 



Kleine Mitteilungen. 



Zum Steinkultus in Syrien. 

Auf den ron mir 1882—1885 im nördlichen Syrien ausgeftthrten Reisen — 
eingetragen in H. Kiepert, Karte des nördlichsten Teiles von Syrien imHumann- 
Pnchst ein sehen Reisewerk, Berlin, 1890 — verzeichnete ich auch, was mir von 
dem Kultus von Bäumen und Steinen bekannt wurde. Das Merkwürdigste in dieser 
Hünsicht beobachtete ich bei dem Dorfe Jelbaba oder Schech errlh, ca. 10 km 
östlich von *Azäz, 15 km südlich von Killiz (Klis). In meinem Reisetagebuch findet 
sich darüber unter dem 9. November 1882 Folgendes: „1 Uhr 14 Min. am Fusse 
des Hügels von Jelbaba; hier befindet sich ein Steinhaufen von ca. 2 m Durch- 
messer, auf welchem Äste eines kleinen vertrockneten Baumes liegen, die dicht 
mit den bekannten Kleiderfetzen umwunden sind '), ca. 30 m davon entfernt auf 
den Hügel zu, der berühmte schwarze Stein, der die Wunderkraft besitzt, dass, 
wenn sich ein mit bei aghiysy, Lendenschmci*z, Behafteter in ihn legt — er ist 
nach der Mitte zu muldenartig vertieft — und dann in dieser Lage mehrere Male 
an den Beinen herumgedreht wird, die Krankheit von ihm weicht und er gesund 
wird. Der Stein ist 0,77 m breit und 1,9 m lang. — 1 Uhr 23 Min. fort von hier 
auf den massig hohen, zwei Spitzen habenden Hügel hinauf. — 1 Uhr 25 Min. oben 
auf der südlicheren der beiden, durch einen Sattel von einander getrennten Spitzen. 
Von hier die Zijaret nordöstlich, das Dorf nördlich; in der Richtung der Zijaret, 
ca. 1 Stunde entfernt, ein hüjük (i. e. künstlicher Hügel) sichtbar. — Auf der 
anderen östlichen Seite des Hügels hinunter, ungefähr in halber Höhe links am 
Wege ein Stein (Kalkstein?) mit Löchern, denen das Volk die Wunderkraft zu- 
schreibt, dass sie wunde oder schmerzende Finger, wenn dieselben in sie hinein- 
gesteckt werden, heilen; es sind ca. 8 Vertiefungen, zum Teil paarweise neben ein- 
ander. — 1 Uhr 35 Min. von diesem Steine fort. — Am Fusse des Hügels befindet 
sich ein ähnlicher, doch grösserer Stein; der ist für xVrmschmerzen, er steht auf- 
recht und hat oben so grosse brillenartige Löcher, dass man den Arm hindurch- 
stecken kann; dass dieses Manöver in der That oft und schon seit sehr alter Zeit 
vollführt wird, sieht man daraus, dass die Durchsteckstelle ganz glatt und glänzend 
ist. — Am Fusse des Hügels auch befindet sich die Zijaret (i. e. bewallfahrtetes 
Grab) des Jelbaba oder Schech rih (errlh), welche ofTenbar selbst nicht sehr alt 
ist, doch aus altem Material erbaut scheint; vor ihr und neben ihr liegen einige 
Säulen; ca. 50 m von dieser Zijaret entfernt, sind die beiden runden, von ca. 1 Va //* 
hohen Mauern umgebenen Räume, in deren einem sich die Männer, im andern die 
Frauen baden, um von Krankheit geheilt zu werden. Diese beiden Steinumfassungen 
sind ca. 50 m von einander entfernt; aus beiden fliesst das Brunnenwasser heraus; 
ganz in der Nähe liegen die zehn Häuser, aus denen das Dörfchen besteht; die 
muslinischen Bewohner sprechen türkisch, doch mit deutlicher Aussprache des ^oin 

1) Über die sogenannten Lappenbäume vergl. Audree, Ethnographische Parallelen 
und Vergleiche. S. 58. K. Nyrop Dania 1, 2 ff. W. 



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] 02 Hartmann — f)orkelsson : 

nach arabischer Weise, wie das auf dieser ganzen Linie, wo sich Türkisch und 
Arabisch berühren, die Regel ist." 

Soweit mein Tagebuch. Der Name der Ortschaft ist von dem „Heiligen'^ her- 
genommen, der die Wunderheilungen bewirkt, und den man einfach ., Vater, bezw. 
Schech, des Rheumas" genannt hat; denn sowohl das türkische jel als das arabische 
rih bezeichnen ursprünglich Wind, und dann rheumatische und nervöse Schmerzen 
jeder Art. Dass hinter dem „Heiligen" ein heidnischer öötze steckt, oder doch 
das in dem Steine wirkende Prinzip, die Fetischnatur des Steines, kann kaum 
zweifelhaft sein. Der Islam hat mit all dem mehr oder minder gründlich auf- 
geräumt; oft ist freilich dem Alten, durch Jahrhunderte Geheiligten nur ein Män- 
telchen umgehängt worden, das Heiligenmäntelchen, wie sich ja dafür auch bei 
anderen Völkern unzählige Beispiele finden. Dass hier aber ein Rest aus vor- 
islamischer, und sogar sehr alter Zeit vorliegt, wird dadurch bestätigt, dass die 
ganze Gegend voll ist von Erinnerungen an eine bedeutende Kultur, welche hier 
schon tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung geherrscht hat; damals waren 
Chazaz, d. i. 'Azäz, und das ebenfalls nahe gelegene Arpad, d. i. Teil Erfäd, 
mächtige Städte. Und selbst in islamischer Zeit haben sich hier bedeutende Er- 
eignisse abgespielt: auf dem weiten, schwach koupierten Terrain bei dem ebenfalls 
von mir besuchten (siehe Karte) von Jelbaba ca. 10 km entfernten edduwaibik, 
türkisch Toipuk gesprochen, wurde im Jahre 922 d. H. (1516 n. Chr.) die Schlacht 
geschlagen, die unter dem Namen Schlacht von Merdsch Däbik bekannt ist, und 
durch welche der Übergang Syriens und Ägyptens aus den kraftlosen Händen der 
Mamluken in die des damals so tüchtigen Hauses Osman entschieden wurde. 
„Nach einer unter den Muslims lebenden imd von mir an verschiedenen Orten ge- 
hörten Tradition wird hier einst der Entscheidungskampf zwischen den Türken 
und den Russen, bezw. den Pranken überhaupt gekämpft werden; so soll es in 
alten muslimischen Büchern stehen; doch sagt man nicht, wem der Sieg zufallen 
wird:'' so verzeichnete ich nach einer längeren Unterhaltung mit dem trefflichen 
Agha von Azäz am 8. November 1882. 

Berlin. 

Martin Hartmann. 



Ein isländischer Blutsegen. 

Aus dem 16. Jahrhundert oder früher. 

(Add. Mss. British Museum 11, 242. 4^ fol. 48 b.) 

Skr. 1543—93 Gottskdlk Jönsson. 

f)ossa blodstommu inattu scnda hvert er pu villt pegar pu voizt manz heitid 
oda kvikondiz iit. 

Stodviz blöd peim er blöder 
blöd feil af gudz rodu 
almattigi* band otta 
aund pin sarliga pinda 
stattu firir dyr par er dreyrer 



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ßücheranzeigen. 103 

drcyri gudz sonar heyri 
unda logr par er oegor 
firir oss vartu pindr oa krosse. 
Drotten stodva pu blöd pctta in nomine patris. 
stodviz blöd pilt. H. krus: pre f veres f res f repex 
•{■ in n(omine) p(atris) et f(ilij) et s(piritu8) s(ancti). 
a(men). 
Kopenhagen. 

Jon porkelsson. 



Todesnachricht. 

Am 3. August 1890 starb zu St. Hubert in Belgien Felix Liebrecht, pen- 
sionieiier Professor des K. Athenäum zu Lüttich. Er war am 11. März 1812 zu 
Namslau in Schlesien geboren. Von seinen ausgebreiteten litterargeschicht liehen 
und volkskundlichen Studien geben zahlreiche Aufsätze Kunde, die er zum Teil in 
seinem Buche: Zur Volkskunde. Alte und Neue Aufsätze von Felix Liebrecht. 
Heilbronn 1879 gesammelt hat. Nachträge dazu brachte zuletzt die Germania (von 
Pfeiffer, fortgesetzt von Bartsch, jetzt herausgegeben von 0. Behaghel) Wien 1890 
im 2. und 3. Heft, das letzte, was unseres Wissens von ihm gedinickt ward. Auf 
unsere Einladung zur Mitarbeiterschaft an dieser Zeitschrift kann als AntwoH seitens 
seiner Familie die Todesanzeige des verdienten Mannes. 



Bücheranzeigen. 



Uaussprüche aus den Alpen. Gesammelt und lierausgegeben von Ludwig 
von Hörmann. Leipzig. Verlag von A. G. Liebeskind. 1890. 

Es ist ein uralter schöner Brauch, Wohnungen und Geräte mit frommen, tief- 
sinnigen oder fröhlichen Sprüchen zu schmücken. In vielen solchen Aufschriften 
spricht sich die Lebensanschauung, die Weisheit auf der Gasse oder launiger 
Humor aus, manchem liegt ein Sprach eines alten Dichters zu Gninde. Solche 
Sprüche waren besonders in meinem Heimatlande viel verbreitet und es ist zu 
bedauem, dass diese Sitte, wie die alten Trachten, mehr und mehr verschwindet. 
So sah ich 1841 die Faeade eines Wirtshauses zwischen Naunders und Reschen 
ganz mit Sinnsprüchen bedeckt. Als ich im Jahre 1859 wieder hinkam und sie 
abschreiben wollte, fand ich alle übertüncht. Die Wirtin erklärte mir, jnan habe 
sie tiberweissen lassen, weil solche Schriften nicht mehr in der Mode seien und 
man darüber lache. Einen ähnlichen Fall fand ich in Oberinnthal. Es ist hohe Zeit, 
dieses Erbe alter Zeit zu retten. Herr von Hörmann, der feine Beobachter unsers 
Volkslebens, welcher uns schon mit so wertvollen kulturhistonschen Spenden er- 
freut hat, giebt hier nur einen „Abhub" seiner reichen Sammlungen und wir hoften, 



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104 Zingerlc: 

dass er später ein Corpus inscriptionuin tirolensium veröffentlichen werde. Herr 
von Hörmann, der sogar die Schreibweise genau wiedergiebt, was für Dialekt- 
forschung von Bedeutung ist, teilt seine Sprüche ganz zweckmässig in folgende 
Abschnitte: 

1. Hausbau. Gottes Schutz und Schirm S. 1 ff. 2. Zur Gottesmutter Maria 
S. 37 ff. 3. Engel und Heilige S. 65 ff. 4. Lebensregcln xmd Lebensweisheit 
S. 87 ff. 5. Vergänglichkeit. Tod und Ewigkeit S. 123 ff. 6. Sonstige Sprüche 
religiösen Inhaltes S. 143 ff. 7. Wirtshaussprüche S. 153 ff. 8. Handwerk und 
Gewerbe S. 175 ff. 9. Glocken, Uhren, Scheiben, Messer S. 187 ff. 

Ich erlaube mir nun einige Bemerkungen und Nachträge. Zu der Bemerkung 
im Vorwoi"te XIV: „Selbst einen siglenartigen Spruch weist ein oberinnthaler Haus 
auf (S. 12), doch muss ich die Auflösung dieses Buchstabenrätsels — wohl eine 
alte Zauberformel — dem Leser überlassen'^, verweise ich auf eine Form „Anani- 
sapta^ (15. Jhd.), die nicht nur in einem Zimmer des Fürstenhauses zu Meran, 
sondern auch in einem Hause zu Rums sich befindet. Im Fürstenhause ist die 
Lösung: „Andidotum Nazareni aufert necem intoxicationis, Sanctificet almenta pocu- 
laque Trinitas" in Spruchschleifen beigegeben ^). 

S. 61, 6."), 72 sind hübsche Kindei-gebetchen mitgeteilt, die zu Haussprüchen 
verwendet sind. 

Bei der Durchsicht ist uns der Gedanke gekommen, es wäre wohl der Mühe 
wert, solche Sprüche weiter zurück zu verfolgen, wie es R. Köhler bei dem 
Spruche „Mich ^\^lndert, dass ich so fröhlich bin", hier S. 17, mit so gi'ossem 
Glücke gethan hat: Germania VI, 368—372. XXXIII, 313-332. Der Spruch: 
„Dom und Distel stechen sehr", S. 96 begegnet schon bei Pauli, Postilla, 97 a, 
Wander I, S. 678. Zu „W.ir bauen Häuser hoch und fest", S. 124, vgl. Oswald 
von Wolkenstoin S. 277. 

Wir pawen hoch auf einen tant 

an heusern, vesten, zier, 

und tat doch gar ein siebte wand, 

die lenger wert dann wir. 

volg brüder, swester, arm und reich, 

paw dort ein sloss, das dich wert ewikleich. 

Der Sprach: „Da es mir wohl erging auf Erden", S. 104, beruht auf Ovid. 
Zu Abschnitt Nr. 8 tragen wir aus Neustift bei Brixen die Reime in einer 
Schmiede nach: 

„Gott sei Lob und Dank gesagt, ^ 

So oft der Hammer auf das Eisen schlagt. 

Eben soll auch jeder Knall, 

Maria, Dir zum Lob erachall. 

Auch St. Johann und Florian 

Ehren wir als Schutzpatron, 

Dass sie uns schützen und bewahren 

Vor Wasser und Feuers Gefahren". 

Zu den Glockenspilichen findet sich eine reiche Lese in „Der deutsche Anteil 
des Bistums Trient. Brixen 1866** zerstreut. Ein sinniger Spinich steht auf der 
Schlossuhr zu Gufidaun: „Vides horam et nescis horam". 

1) Deutsche Haussprüche aus Tirol. Gesammelt von W. 0. (Innsbruck, 1871.) S. 40. 



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Bücheranzeigen. 105 

Eine reiche Ausbeute zu Abschnitt 1) würden die Sprüche auf den Bestecken, 
die in Sterzing gefertigt wurden, geben. Ein auf den beinernen Heften derselben 
oft vorkommender Spruch ist der hier S. lo5 mitgeteilte: 

Trink und iss, 
Gott nit vergiss. 

Für die fernere Sammlung möchten wir den um Tiroler Volkskunde hoch- 
rerdienten Herausgeber auf die Sprüche an einem Hause in Wens, auf die am 
alten Oerichtshause in Fondo, sowie auf die Hans Sachsischen Spiüche im 
alten Gerichtshanse zu Schwaz und auf die Reime im Fürstenhause zu Heran 
aufmerksam machen. 

Gnfidaun. Ignaz v. Zingerle. 



Tiroler Schoadahfipfeln. Gesammelt und herausgegeben von R. H. Greinz 
und D. A. Kapferer. Leipzig. Verlag von A. G. Liebeskind. 
1889. Zweite Folge. 1890. 

Herr Liebeskind fühlte, dass selbst kleine Last dem Touristen und Berg- 
kraxler nicht angenehm sei, und fasste den lobenswerten Plan, dem Fusswanderer 
gälpine Volkslitteratur" als leichtes Gepäck mitzugeben. Es ist dieser Gedanke 
nur zu billigen, wenn man bedenkt, dass selbst Amthors „Führer durch Tirol" 
manchen Herren zu schwer wurde, und wir begrüsstcn die kleinen schmucken 
Büchlein, die man so leicht wie alte Amulete tragen kann, mit Freude. 

Den Anfang dieser alpinen Sammlung machten unseres Wissens die Schnada- 
hüpfeln 1889. 

Herr Greinz leitet das erste Büchlein mit einem kurzen Vorworte, V— -XV, 
ein. Da liest man 8. XH: „Da in der deutschen Leserwelt die Schöpfungen eines 
Karl Stiel er, Hans Grasb erger u. a. ohnedies schon längst eingebürgert sind, 
kann man wohl ein ziemlich grosses Verständnis für Dialektdichtung voraussetzen". 
Warum wird hier Franz von Kobell, der uns Tirolern so nahe steht, nicht 
genannt? Wir hätten auch erwartet, dass über die verschiedenen Benennungen 
dieser Liedchen, über deren Verbreitung einige Worte gesagt wären. Gewöhnlich 
wird angenommen, dass sie im „sangesfrohen" ünterinnthal und besonders in Ziller- 
thal einheimisch sind, . aber sie sind auch jenseits des Brenner, z. B. in Passeier 
und Ulten zu Hause. B. Weber teilte in dem Werke: „Das Thal Passeier und 
seine Bewohner. Innsbruck; 1852" S. 276—287 solche Volksliedchen unter dem 
Tkel „Stichreime" mit; anderswo heissen sie „Trutzreime*^, „Trutzlieder" oder 
„Gsanglen". Im Vorwort vermissen wir auch eine Erwähnung der „Schnader- 
hüpfeln aus den Alpen. Herausgegeben von Ludwig von Hörmann. Zi^-eite 
verbesserte Auflage. Innsbruck, 1862" — eine Sammlung, die wir allen Freunden 
der alpinen Volkslitteratur nur empfehlen müssen. ^ 

Die vorliegende Sammlung bringt vieles echt Volkstümliche und wird die 
l«8er anmuten und erfreuen. Es begegnen uns da, man verzeihe den Ausdruck, 
oft „Epigramme" voll Laune, Würze — oder Sprüche der „Volksweisheit" in 
heiterer Form. 

Aber es begegnen uns auch gar manche Worte und Stellen, die nicht volks- 
tümlich oder dialektisch sind: z. B.: die Sonnen — der Mond S. 49, 's Echo (!) S. 8, 



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lOf) Weiühold: 

„Hast an andern küsst" S. 19, „Wia a alti Schatull" S. 40, „Der Wald kun 
französisch — Und hat gahtwort't: „wui, wui!" S. 69. — „"Was nutzt Diar 
a Chras'n, Wenn'st nit damit fahrest" S. 77. 

Überhaupt hätte auch in „echten" Schnaderhüpfeln der Dialekt besser ge- 
wahrt werden sollen, z. B. ist zu lesen: 

S. l: varreiss'n. S. 4: wog gatiieb'n. S. 18: blob: mog (nicht mag). S. 19: 
schüen: thüen (nicht schöan: thoan). S. 38: Kuchldiam: thian (nicht thoan). S. 44: 
wichtelwachtl. S. 98: statt valiart valürt. 

Auch in den Anmerkungen fallen uns Verstösse auf, z. B. S. 5: Schneid a 
Wes'n (gewaltig vielVI). S. 73: liabi Zusl (Kosename, etwa „Schätzer!" — ). S. 83: 
Bike, bake, bed (wohl irgend eine Art Lautmalerei Air das Klappern der Mühle.) 

Wie dies vielbekannte Kinderlied (Simrock, Das deutsche Rinderbuch [1857], 
S. 187. Wolf Zt. lU, 2ü5— 260) und andere (S. 81—96) in das Reich der Schnada- 
hüpfeln geraten sind, mag der liebe Gott und die beiden Herausgeber wissen, — 
wir begreifen es nicht. 

Wir müssen den Herausgebern grössere Strenge und tieferes Studium der Volks- 
dialekte empfehlen. 

Aber auch so werden immerhin die Büchlein heiteren Touristen willkommene 
Begleiter sein. 

Gufidaun. Ignaz v. Zin^erle. 



Bruno Bucher. Die alten Zunft- und Verkehrs-Ordnungen der 
Stadt Krakau. Nach Balthasar Behems Codex picturatus in der 
K. K. Jagelionischen Bibliothek. Mit 27 Tafeln in Lichtdruck. Wien, 
Druck und Verlag von Carl Gerold Sohn. 1889. Ss. XXXVI. 112. 
hoch 4^ 

Die UniTersitätsbibliothek in Krakau verwahrt unter ihren Handschriften als 
ein Prachtstück eine im Anfange des 16. Jahrhimderts von dem damaligen Cancel- 
larius der Stadt Krakau, Balthasar Behem, angelegte und grösstenteils selbst 
geschriebene Sammlung der städtischen Privilegien, der Eidesformeln der Rat- 
münner, Zunftmeister u. s. w. und endlich der jura municipalia oder Willküren 
der Stadt, die mit 25 trefflichen Miniaturen geschmückt sind, welche die Zünfte 
und Handwerke in Scenen aus ihrem Leben verbildlichen. Die Handschrift führt 
nach dem Bilderschmuck ihrer dritten Abteilung den Namen Codex picturatus 
und hat wegen dieser Gemälde vornehmlich die Aufmerksamkeit seit längerer Zeit 
auf sich gezogen. Dieselben sind für das Leben zu Krakau im Anfange des 
16. Jahrhunderts, namentlich für Trachten und häusliche Einrichtung sehr lehrreich. 
Dass sie in Krakau entstanden sind, wird nach der Mischung west- und ost- 
europäischer Kostüme, wie sie damals und noch später in der alten polnischen 
Krönungsstadt, die doch zugleich in jener Zeit noch überwiegend deutsche Bürgerschaft 
hatte, zweifellos anzunehmen sein. Behem liess die Bilder für sein Buch malen 
als Illustrationen seiner Sammlung von Zunftgesetzen, und ist über der Erläuterung 
gestorben, da er nur für zwölf derselben den Text selbst geschrieben hat. Ob 
der Maler ein Deutscher oder ein Pole war, lässt sich kaum entscheiden. Eitel - 
berger fand Nümbergsche Schule in den Bildern; Br. Bucher, der Herausgeber 
des vorliegenden Buches, niederrheinische. 



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BücheraDzeigen. 107 

Jedenfalls war es ein glücklicher Gedanke, diese Bilder samt dem Text der 
Willküren und mit einer Reihe urkundlicher verwandter Verordnungen im Anhang, 
als Festgabe bei der ersten Jubelfeier des K. K. Östen-eichischeii Museums zu 
Wien in würdiger Weise herauszugeben. Den fünfundzwanzig Zunftbildern sind 
noch beigesellt das ursprünglich in den hintern Deckel der in roten Sammt (jetzt in 
Leder) gebundenen Handschrift eingefügte grosse und schöne Bild der Kreuzigung 
Christi, femer das Wappenbild Rrakaus, welche Miniatur auf die Vorrede Behems 
in der Handschrift folgt. Die Wiedergabe der Gemälde durch Lichtdruck ist 
rorzüglich gelungen. Das ganze Buch ist aufs würdigste auch typographisch 
hergestellt. 

Die Zunftsatzungen und Polizei- Verordnungen aus dem 14. und 15. Jahrhundert 
sind grösstenteils deutsch geschrieben. Krakau war nach Magdeburgischem Recht 
1257 als Stadt ausgesetzt und deutsche Einwanderer und ihre Nachkommen bildeten 
den bedeutendsten Teil der Bürgerschaft. Polen xmd Deutsche sassen friedlich 
neben einander, in den Zünften schloss keine Nation die andere aus. Noch heute 
hat aber Krakau in der Anlage der ganzen Stadt, und ausserdem in der schönen 
Marienkirche, der Hauptkirche der Bürgerschaft von alters her, die deutlichen Be- 
weise dafür, welche Bedeutung die deutschen Bürger für das Leben und die Blüte 
der Stadt vom 13. — 16. Jahrhundert gehabt haben. 

Das Deutsch der Willküi*en und anderer Urkunden ist das Mitteldeutsche, wie 
es im 14. und 15. Jahrhundert in dem benachbarten Schlesien geschrieben und 
gesprochen worden ist. Für das Verständnis ist durch ein angefügtes Glossar ge- 
sorgt Dasselbe könnte vervollständigt und hier und da verbessert werden; aber 
dazu ist hier nicht der Ort. Dagegen wollen wir auf einiges aufmerksam machen, 
was für häusliche Einrichtung und Trachten aus dem Anfang des 16. Jahr- 
hunderts wichtig ist, indem wir einige der Bilder genauer schildern. Die Aus- 
führungen des Herrn Herausgebers leisten uns dabei gute Dienste, da derselbe 
durch seine Worte die dem Lichtdruck mangelnden Farben ersetzt hat. 

Zu dem Paragraphen, wie sich der fremde Kaufmann (gastkoflinan) bei 
imd während des Jahrmarkts verhalten soll, ist ein Bild gemalt (Tafel II), welches 
ans in einem Vorgemache, das gradeaus durch rundbogiges Doppelfenster die 
Aussicht in eine weite Landschaft bietet, den fremden Kaufmann zeigt, der drei 
Warenballen von einem bewaftneten Spediteur übernimmt. Aus diesem Vorgemache 
führen zwei Stufen links in eine Stube, von der man einen Ausschnitt mit Tisch 
irad Wandbank vor einem Fenster sieht. Der Maler hat sich wohl in ein Gasthaus 
gedacht und nicht auf das Niederlaghaus der Stadt, wo die Gäste allein ihre Güter 
niederlegen xmd verkaufen durften. 

In dem Text werden Kaufleute aus Ungern, Merhem (Mähren), Böhmen und 
Schlesien genannt. Der vor uns stehende stattliche Handelsherr gehört aber weiter 
in die Türkei hinein, denn er trügt einen grünen Turban, ein weites und langes 
Cbergewand von Goldbrokat, grün gefüttert, und einen roten, gegürteten, zur halben 
Wade reichenden Leibrock, der im Shwalkragen um den Hals schliesst und das 
Hemd oben noch sehen lässt. Strümpfe und Niederschuhe decken die Füsse. Mit 
einem Stabe berührt der Herr seinen linken Fuss. Der Mann vor ihm trägt kurzen 
grauen Reiterrock mit rotem Besatz, graue Hosen und naturfarbene Reiterstiefel, 
ein langes Schwert an der Linken, ein Dolchmesser in Scheide rechts im Gürtel. 
Cm den Hals ist ein nach hinten kapuzenartiges Tuch geschlungen, das mit zier- 
lichem Knoten auf der Bnistmitte schliesst. In der Rechten hält er seine Kappe. 
Der Mann ist ein Beweis, wie die Führer der Warenzüge damals gewaflfnet sein 
mnsßten. Die Einrahmung des Bildes bilden bunte Säulen, die oben mit Pflanzen- 
omament an der Balkendecke des Gemachs abschlicssen. 

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108 Weinhold: 

Zu dem „Gesetze der Saeider diser Stad^ malte der Künstler ein lebendiges 
Bild mit unleugbarem Humor (Taf. VI). Wir sehen in die graugetünchie 
Schneiderwerkstatt mit branner Balkendecke, imd blicken durch zwei, die 
Hinterwand fast ganz einnehmende Fenster auf eine malerische Stadt mit beigebt- 
waldichter Umgebung. In der Mitte des Bildes steht eine feine schöne Dame in 
enganschliessendem, weitschleppigem, türkisblauem Kleide mit weissen Ärmeln, 
den Kopf mit weit am Rücken herabhängendem Schleier geschmückt Ihr nimmt 
der Meister an der linken Schulter gerade Mass, während sie nach rechts auf den 
roten Stoff blickt, der über den Schoss eines sitzenden Gesellen gebreitet ist, 
welchem ein Ziegenbock aus der Rechten frisst. Ein grüner Kranz liegt schräg 
über die zierlich frisierten Kopfhaare des mädchenhaft aussehenden Burschen. Rechts 
an der Wand steht der Zuschneider vor einem Tisch und macht durch das ausge- 
breitete rotbraune, mit goldenen Kleeblättern durchwirkte Tuch mit der Schere einen 
Querschnitt Er hat Zwickelbart und trägt eine barettartige Mütze. Sämtliche 
Schneider sind in sehr bunten Joppen, als ob sie der Vorschrift der städtischen 
Verordnung trotzen wollten: kein Sneyderknecht noch meister zal keyn ander Joppe 
tragen wenn (als) von einerley färbe brüst und ermel. An der linken Wand sind 
verschiedenfarbige StofTc über eine Stange gelegt; darunter hängt eine Männermütze 
mit breitem Schirm von grünem, rauhem oder flockichtem Zeug. Eine Sitzbank 
zieht sich an dieser Wand und unter den Penstern hin. Über die Diele sind 
bunte Flecke gestreut Bunte Pfeiler mit Kapitellen, aus denen Pflanzenwerk steigt, 
das sich oben vereinigt, rahmen das Bild ein. 

Die XVII. Miniatur vei*setzt uns in eine Schusterstube. Vorn öffnet sich 
ein Blick ins innei-ste Ehcleben des Meistei-s Pechdraht; hinten sehen wir in einem 
erkerartigen Anbau der Stube den kahlköpfigen Meister in weissem Überhemd, das 
auch der eine der beiden auf dem Dreischemel arbeitenden Gesellen über dem 
Rocke trägt. Der Meister schneidet auf dem Tische Schuhe zu. Über ihm hängt 
an einem Stangengestell ein fertiges Paar, sowie andere auf dem Brett des ßutzen- 
scheibenfenstcrs in seinem Rücken zu sehen sind. 

Interessanter ist die Vorderscene: die Frau Meisterin sitzt in grünem, spitz- 
schleppigem Kleide mit Busenausschnitt, den weisses Unterzeug deckt, und einem 
am Hals schliessenden Überhemdchen, auf dem Kopfe eine den ganzen Haar- 
aufbau des Hinterkopfes bedeckende, mit aufgenähten weissen Wolken verzierte 
Haube, unter der das blonde Vorderhaar mit Seitenlocken hervorschaut, am 
Spinnrocken, nahe der Thür. Hinter ihr an der Wand ist ein vierreihiges Aus- 
hängebrett mit demVoiTat der Werkstätte zu sehen; auf demselben sitzt der Haus- 
hahn. Zum Knie der Mutter streckt ein ganz nacktes Kind das Händchen hinauf, 
das soeben jenen kleinen Schneckenberg auf die Diele gesetzt hat, der als Attrappe 
auf den Tafeln französischer Könige beliebt war. Auf der anderen Seite der Frau 
Meisterin sitzt, halb liegend, ein Spielmann mit seinem Dudelsack auf dem Stuben- 
boden; die Narrenkappe ist von dem kurz geschorenen, aber nicht kahlem Kopf 
zurückgeschlagen. Er trägt einen eleganten hellen Rock, den der Gürtel mit 
Täschchen mitten umschliesst. Auf den Rocksaum sind Buchstaben gestickt 
Die Füsse stecken in weit ausgeschnittenen Schuhen. Er scheint mit der 
jungen Frau zu liebeln. Jedenfalls ist es ein feinerer Bursch als der Spiel- 
mann der dritten Miniatur (Krämer), welcher nacktbeinig und barfuss in einem 
citronengelben ledergegtirteten Rock mit Kapuze, den Dudelsack unter dem Arm 
vor der offenen Krambude steht und etwas von den Lebensmitteln, die sie enthält, 
von der Budenjungfer kaufen möchte. 

Gern würde ich noch weitere Bilder beschreiben, aber der Raum verbietet 



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Bücheranzeigen. 109 

es, und das Mitgeteilte wird genögen, um auf die reiche Quelle für Trachten- und 
Sittengeschichte in diesen Krakauer Bildern aufmerksam zu machen. 

Aus dem Anhange, der grösstenteils aus dem Kodeks dyplomaticzny miasta 
Krakowa von Piekosiriski geschöpft ist, seien einige interessante Dinge hervor- 
gehoben. 

Durch eine (lateinische) Ratsverftigung von 1336 wird eine Hochzeits- 
ordnnng gegeben, welche für die damalige Wohlhäbigkeit der Kmkauer Bürger- 
schaft zeugt. Der Bürger soll nicht mehr als 90 Personen, je drei auf dreissig 
Schüsseln gerechnet, zur Hochzeit laden. In diese 90 werden aber Jungfrauen, 
Priester, alle Gäste, welche nicht das Stadtrecht haben, und die Diener nicht ein- 
gerechnet. Jeder eingeladene Stiidtbürger zahlt an den Bräutigam oder den Braut- 
bitter (nuntio sponsi) für sich zwei Groschen, ebenso jede Frau; die Mädchen 
zahlen einen Groschen. Es dürfen nicht mehr als fünf Gerichte aufgetragen 
werden. 

Ferner wird bestimmt, dass nicht mehr als acht Spielleute (joculatores) bei 
der Hochzeit sein dürfen, welche Lieder singen und sagen, sogenannte Reimer 
(Rimarii). Wer von ihnen ünflätereien vorbringt (vendentibus vnroth) wird hinaus- 
geworfen. 

Wenn die Braut zum Brautbade geht, dürfen nicht mehr als zwanzig Personen 
sie begleiten. 

Bei Strafe von fünf Mark wird verboten, vor der Vermählung mit einer Jung- 
frau oder einer Witwe, einen Vorschmaus (prelibationum que vururthen vel ein 
genesche vulgariter nuncupatur) zu geben oder durch einen andern geben zu lassen. 

Im Jahre 1427 sind die Waffen verrate der Zechenrüstkammern gemustert 
worden und haben viel vermissen lassen, so dass der Rat eine Verordnung erlässt, 
was in communi thesauro ipsius artiftcii alias Czeche sein soll. 

Die Bewaffnung besteht danach aus Platten, Brustblechen, Schurzen, Eisen- 
handschuhen, Panzern, Eisenhüten, Hauben, Lepken (poln. lepka, Helm}, Tartschen, 
litauischen Schüden, Handbüchsen, Spiessen, Museisen und Flegeln. Letztere sind 
staik vertreten. 

Im Jahre 1421, am Valerianstage (18. April), erlässt der Rat einen (deutschen) 
Brief an die Zechmeister und Meister der Wollenweber wegen ungebührlichen 
Veihaltens der Knappen (Gesellen) der Zeche, welche selbst an hohen Feiertagen 
in der Nähe der Kirchen beim Biere mit ungestümer Rede und Geschrei die Ruhe 
stören, und am letzten Osterfest den Unwillen der Geistlichkeit mit Recht erregten, 
indem sie auf der Stephansgasse nahe bei der Kirche sich unter einander aufs 
neue getauft und Namen gegeben haben, was eine zur Ketzerei neigende Lästerung 
sei. — Da hätten wir wohl die älteste Spur der Fuchstaufe. 

Berlin. - K. Weinhold. 



KiistolTer Nyrop, Navnets Magt; en folkepsykologisk Studie; Kopen- 
hagen, 1887. (Separatabzug aus „Mindro Afhandlingor, udgivne 
af det filologisk-historisko Samfund"; Kopenhagon, 1887); 97 S., 8^ 

Ausgehend von der Überzeugung, dass imverständlich gewordenen Worten 
ttnd Gebräuchen der Gegenwart stets irgend welche ältere Bedeutung oder tTbung 
zu Grunde liegen müsse, die zur ihrer Zeit leicht verständlich und erklärbar war. 



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110 Maurer: 

sucht der bekamile Romanist der Kopenhagener Universität diesen Gedanken durch 
eine Untersuchung über die Macht des Namens zu beweisen und zugleich näher 
zu erläutern. Diese Untersuchung reicht weit über den Rahmen der deutschen, 
und selbst der germanischen Volkskunde hinaus; aber sie bietet soviel Interessantes 
auch für diese letztere, dass ihrer wohl auch an diesem Orte gedacht werden mag. 
Der Verfasser bringt zunächst reiches Material bei über die Macht, welche 
dem Xamen in den verschiedensten Richtungen zugeschrieben wurde. Er weist 
nach, dass es nach dem Glauben der verschiedensten Völker als schädlich gilt, 
überhaupt oder doch zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten oder bei be- 
stimmten Verrichtungen den Namen bestimmter Personen oder Personenklassen, 
bestimmter Tiere, Vorgänge und dergleichen zu nennen, und dass demzufolge 
Umschreibungen oder anderweitige Bezeichnungen an die Stelle des eigentlichen 
Namens zu treten haben. Er geht ferner den Tabu-Gesetzen bei wilden Völkern 
nach, soweit diese das Nennen des Namens von Personen, Tieren, Krankheiten, 
Orten und dergleichen verbieten, und zeigt, das solche Verbote stets in Verhält- 
nissen der Ehrerbietung, Unterwürfigkeit oder Pm*cht wurzeln. Insbesondere 
wird auch das Verbot des Aussprechens des eigentlichen Namens der Gottheit 
beachtet, wie es sich bei den Juden sowohl als bei anderen Völkern findet, und 
werden damit die mancherlei Entstellungen in Verbindung gebracht, welchen der 
Name Gottes, und andererseits auch wieder der Name des Teufels ausgesetzt ist. 
Auch die Polgen werden besprochen, welche das verbotwidrige Nennen des Namens 
äussert, und wird dabei zumal des häufigen Falles gedacht, dass dieses dem Be- 
nannten den Tod bringt oder dessen Verschwinden zur Folge hat. Weiterhin wird 
dann aber ausgeführt, dass nicht nur der Name der Gottheit, sondern auch jeder 
andere Name nach älterer Vorstellung den Schlüssel zum inneren Wesen des Be- 
nannten bildet, und damit auch zur Herrschaft über diesen ; an einer langen Reihe 
der verschiedensten Vorkommnisse wird dies dargethan, und sodann auch der 
Schutz besprochen, welchen der oder die Namen Gottes gewähren, und die Folge, 
welche der Teufel, Tote, Entfernte, von der Mahr gerittene Leute leisten, wenn 
sie bei ihrem Namen angerufen werden, womit dann auch wieder der Gebrauch 
des Namens bei Verzauberungen zusammenhängt. Endlich wird, ausgehend von 
dem Satze, dass erst der Name den Menschen zum Individuum mache, auch noch 
die Bedeutung der Namensgebung und des Nameiistausches besprochen, die Namens- 
wahl samt den dabei zu beobachtenden Grundsätzen, die Namensveränderung, und 
dergleichen mehr. Zum Schlüsse sucht der Verfasser sodann noch, S. 88—92, die 
Ergebnisse zusammenzustellen, welche sich seiner Meinung nach aus dem vor- 
geführten Materiale gewinnen lassen. Er nimmt an, dass die Verbindung, welche 
sich durch Ideenassociation oder Sympathie zwischen verschiedenen Dingen knüpfe, 
obwohl an sich nur subjektiv, für den primitiven Menschen zu einer objektiven 
und realen geworden sei. Von hier aus ergiebt sich nun, dass man nicht nur 
durch geeignete Behandlung des Bildes eines Menschen oder eines Teiles seines 
Körpers auf diesen einwirken kann, sondern dass man auch durch gehöriges Hand- 
tieren mit dein Namen einer Person oder Sache über diese selbst eine Herrschaft 
ausüben kann, da ja dieser Name mit dem Benannten zusammenfallt, — dass femer 
die Kenntnis und der Gebrauch des Namens überirdischer Wesen zu diesen selbst 
ein engeres Verhältnis erschliesst, während andererseits das leichtfertige Aus- 
sprechen solcher Namen, oder auch der Namen von Personen, Tieren, Örtlichkeiten, 
Krankheiten, die man zu scheuen oder zu achten hat, als für diese kränkend gelten 
kann, und darum unterlassen werden muss, wenn man nicht üble Folgen auf sich 
ziehen soll. Man wird sich mit diesen Ergebnissen einverstanden erklären können 
und übor .sie hinaus auch noch so manche andere Belehrung aus dem gesammelten 

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Bücherauzeiger. 111 

Material und aus zerstreuten Bemerkungen des Verfassers schöpfen, was natürlich 
aicht ausschliesst, dass man jenes Material hier und dort durch einzelne weitere 
Notizen bereichern, und gegen einzelne Bemerkungen allenfalls auch seine Be- 
denken haben kann. Für Beides noch einige Belege. 

Der Verfasser bemerkt, S. 20, dass man auf Island nach Sonnenuntergang 
den Fuchs nicht bei seinem rechten Namen nennen darf; er hätte aber auch er- 
wähnen können, dass man während der Fastenzeit dort weder von Fleisch noch 
Fett sprechen darf: klauflax, d. h. Klauenlachs ist das erstere, afras, d. h. Ablauf 
das letztere zu nennen (Jon Arnason, pjoSsögur, 11, S. 573—4). Der Glaube 
an die Kraft des höchsten Namens Gottes femer, von welchem S. 37 ff. die Rede 
ist, spielt auch auf Island seine Rolle (Sturlünga, IV, cap. 6, S. 96: Olafs s. 
Tryggvasonar, cap. 200, FMS. II, S. 147-8), natürlich durch Vermittlung der 
Kirche. Dafür, dass das Anrufen beim NanJen entzaubert, möclite ich, zu S. 50 
bis 51, anführen, dass nach einer isländischen Volkssage ein Mädchen, welches 
Ton einer Elbinn entführt werden soll, hierdurch errettet wird (Jon Arnason, I, 
S. 59). Wie SigurSr dem sterbenden Fdfnir seinen Namen verheimlicht, damit 
er ihn nicht mit dessen Nennung verfluchen könne, S. 66 — 7, sagt auch die Hauksbok, 
dass man gerne zwei Namen trug, um einen übrig zu haben, falls man unter dem 
anderen verflucht würde, und der p erst eins p. hvita, S. 46, dass der Besitz 
zweier Namen längeres Leben verbürge (Eyrbyggja, ed. GuSbrandur Vigfüsson 
S. 126). Zu S. 82 bemerke ich, dass auch nach isländischem Glauben dem Toten 
Ton Nutzen war, wenn ein anderer nach ihm benannt wurde und dies auch dem 
letzteren Glück brachte (Vatnsdaela, cap. 3, S. 7 und cap. 6, S. 12; Finnboga s. 
ramma, cap. 9, S. 19 und cap. 36, S. 70; Svarfdaela, cap. 5, S. 17 und cap. 26, 
S. 89), wie denn insbesondere Heidehleute ihren Namen auf diese Weise „unter 
die Taufe zu bringen" suchten (porsteins p. uxafots, in der Fbk, I, S. 255). 
Em Beispiel aus neuerer Zeit zeigt, wie sogar der Satan solchen Versuch macht 
'Jon Arnason, II, S. 22 — 3); nach frühzeitig Verstorbenen benannte man aber 
nicht gerne Kinder (Sturlünga, VII, cap. 27, S. 219). Wie man glückliche und un- 
glückliche Namen kennt, S. 8(), so weiss man auf Island von „harten" Namen zu 
eraählen, dass die Leute, die sie tragen, Übles bedeuten, wenn sie jemandem im 
Traume erscheinen (Jon Arnason, I, S. 415). Holbergs „Vil jeg Johannes hede", 
S. 87, ist doch wohl nur unser deutsches „ich will Hans heissen", worüber Grimm, 
DWB, IV, 2, S. 458, zu vergleichen: zu S. 97, resp. 81, Anm. 3 ist aber „unser 
Hanschen im Keller" zu stellen, vergleiche ebenda, S. 462 und dergleichen. ~ 
Bedenklich erscheint mir aber zunächst die Anknüpfung des Wortes „bryllup" an 
die angebliche Sitte eines wirklichen Laufens um die Braut (S. 4), woran freilich 
schbn J. Grimm in seinen Rechtsaltertümern gedacht hatte. Ich möchte lieber 
mit V. Finsen (Annaler for nordisk Oldkyndighed, 1849), S. 236, Anm. 5 an den 
Ausdruck „at hleypa til" „hleypa til fjiir" (Björn Halldorsson, h. v.) und der- 
gleichen anknüpfen, und an die consummatio matrimonii denken. Bedenklicher noch 
ist mir, dass der Verfasser nicht nur, S. 15, die Bezeichnung des Blutes als Seh weiss, 
sondern, S. 91 — 2, Anm. 3, die ganze Jagdsprache unter den hier massgebenden 
Gesichtspunkt bringen will. Sogar in einer der ältesten Christenrechte Norwegens, 
BpL. I, §. 5 (II, § 2), wird sveita für das Blut gebraucht, welches die Kirche, dem 
mosaischen Gesetze folgend, zu essen verbot, und auch in den Eddaliedern und 
in skaldischen Gedichten wird das Wort in gleichem Sinne verwendet, wie denn 
auch bei uns ausserhalb der Jägersprache „Schweiss" vordem für Blut gebraucht 
wurde. Neben der Jägersprache steht femer auch eine eigene Seemannssprache, 
Bergmannssprache, Gaunersprache und dergleichen, welche man doch nicht alle 
auf den Glauben tm „die Macht des Namens^ wird zurückführen können; eher 



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112 Bücheranzeigen. 

wird man wohl an Wirkungen der zunftmässigen Geschlossenheit des Berufslebens 
zu denken haben. 

Selbstverständlich wollen übrigens solche Bedenken nicht die Freude an der 
höchst verdienstlichen Schrift trüben, vielmehr nur die vielfache Anregung zum Aus- 
drucke bringen, welche sie gewährt, und für die dem Verfasser unser herzlicher 
Dank gebührt. 

München* K. Maurer. 



Huld. Safn alpySlegra islenzkra fraj^a. rtgefeiidur: Hannes porsteinsson, 
Jon porkelsson, Olafur Davidsson, Palmi Pälsson, Valdimar 
Asniundsson. I. Reykjavfk. 1890. SigurSur Kristgansson. 
(80 S., 8*.) 

Unter diesem Titel ist soeben hier in Reykjavik das erste Heft einer Zeitschrtit 
für isländische Volkskunde erschienen. Die auf dem Titelblatt genannten Heraus- 
geber sind emporstrebende junge Gelehrte und Litteraten, teils hier, teils in Kopen- 
hagen wohnhaft; Hauptredakteur scheint der tüchtige Bibliothekar Palm i PäUson 
zu sein. Das vorliegende Heft wird durch eine von Hannes porsteinsson mit- 
geteilte neuisländische Saga — pattur Tindala-Ima — eingeleitet. Der Ver- 
fasser dieser Sage, der verstorbene volkstümliche Litterat Gisli Ronräässon hat 
hier wie sonst mit grossem Erfolg die Schreibart der alten Saga nachgeahmt und 
auf neuere Stoffe übertragen. Dann hat Palmi Palsson die Rimur porgeirs 
stjakarhöfcta mitgeteilt; es ist ein Gedicht wahrscheinlich aus dem 14. oder 
15. Jahrhundert, eine vei'sifizierte Volkssage, die im 10. Jahrhundert spielt und 
vielleicht einer älteren prosaischen Sage oder pattur nachgedichtet ist. Es folgen 
verschiedene Volkssagen und Gedichte von Olafur Davidsson, dem jüngeren 
Jon porkelsson und mehreren anderen mitgeteilt. Im ganzen sind die Beiträge 
wertvoll und der Inhalt des kleinen Heftes abwechselnd. 

Reykjavik. ß. 

Dania. Tidskrift for folkeniäl oy; folkeminder udgivet for universitets- 
jubilajets danske samfund af Otto Jespersen og Kristoffer Nyrop. 
Bind I, hjefto 1. Ka^bonhavn Lybecker og Meyer 1890. (80 S. 8^) 

Mit Freude zeigen wir das eben ei-schienene 1. Heft einer neuen Zeitschrift 
an, die sich die Aufgabe stellt, die Kenntnis der dänischen Mundarten und Volks- 
überliefeiTMigen zu iordem. Die sprachliche Abteilung, unter Leitung von 

0. Jespersen, soll Untiers uchungen über Bau und Geschichte der lebenden Volks- 
sprache, über Ortsnamen, Volksetymologie, Redensarten u. s. w. bringen. Die 
zweite, unter Leitung von Kr. Nyrop, wird Lieder, Sprichwörter, Aberglauben etc. 
sammeln und Untersuchungen über Herkunft, Ausbreitung und Bedeutung der 
Volksüberlieferungen geben. Auch Bücheranzeigen und orientierende Übersichten 
über volkskundlicho Litteratur sollen je nach dem Raum gebracht werden. Das 

1. Heft enthält eine Untersuchung über die Lappenbäume von Nyrop und eine 
lautphysiologische Abhandlung über die in der Dania gewählte Bezeichnung der 
dänischen Laute. Ein kurzer Artikel von Jespersen über die Stellung der Par- 
tikel man macht den Schluss. Wir rufen der befreundeten Zeitschrift ein herzliches 
heila heil zu. W. 



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Litterator des Jahres 1890. 



113 



Litteratnr des Jalires 1890^1 

Von Dr. Friedrich Back. 



Volkskunde im Aiigemeinen. 

I. Zeitschriften*). 



Zeitschrift ffir Tolkskimde in Sage nnd j 
Mär, Schwank und Streich, Lied, Rätsel and 
Sprichwort, Sitte and Brauch. Heraus- 
gegeben TOP Dr. Edmund Yeckenstedt. 
Leipzig. A. Dörffel. 

IL 4. Veckenstedt, Die Eosmogonien 
der Arier. Die Ghriechen. — Treichel, 
Sagen aus Westpreussen. — Enoop, Sagen 
&U8 Hinterpommem. — Zingerle, Die Ver- 
lobten. Ans Eupen im Zillerthal. — Ton 
Wlislocki, Kinderspiele der biebenbürgischen 
and südmigarischen Zelt-Zigeuner. — Prezl, 
Besprechongsformeln der Rumänen in Sieben- 
bärgen. 

— 5. Veckenstedt, Die Eosmogonien 
der Arier (Forts.). Die Griechen. — Enoop, 
Sagen aus Hinterpommem. — Schlossar, 
Volkslieder aus Steiermark. — Mitkos, 
Albanesische Lieder. — v. Wlislocki, 
Kinderspiele der siebenbürgischen und süd- 
angarischen Zelt -Zigeuner. — Prexl, Be- 
sprechungsformeln der Rumänen in Sieben- 
bargen. — Pfeifer, Aberglaube aus dem 
AHenburgischen. 

— 6. Veckenstedt, Die Eosmogonien 
der Arier. Die Crermanen. — Enoop, Sagen 
aas Hinterpommem. — v. Wlislocki, Einder- 
spiele der siebenbürgischen und südungarischen 
Zelt'Zigenner. — Gitt^e, Patengeschenke in 
Wallonien. — Pfeifer, Aberglaube aus dem 
Ahenborgischen. 

— 7. Raa, Einige Erzählungen des 
Giovanni Sercambi. — Vernaleken, Der 
starke Hans, eine Reihe mythischer Volks- 



dichtungen. — Jarnik, Albanesische Märchen 
und Schwanke.— Zingerle, Weihnachtslied. 

— Schlossar, Deutsche Volkslieder aus 
Steiermark. — Archut, Volksrätsel aus 
der Provinz Pommem. 

— 8. Frank el. Die Fabel vom Streite 
der drei lasterhaften Brüder im 17. Jahr- 
hundert. — Brauns, Die japanesischen 
Kinder- und Hansmärchen. — Enoop, 
Märchen aus der Provinz Posen. — Schlossar, 
Deutsche Volkslieder aus Steiermark. — 
Bolte, Lieder von einem fliegenden Blatte. 

— Mitkos, Albanesische Lieder. — Archut, 
Volksrätsel aus der Provinz Pommem. — 
V. Wlislocki, Einderspiele der sieben- 
bürgischen und südnngarischen Zelt-Zigeuner. 

— 9. von Zingerle, St. Nicolans. 

— Jarnik, Albanesische Märchen und 
Schwanke. — Enoop, Volkslieder aus Hinter- 
pommem. — Archut, Volksrätsel aus der 
Provinz Pommem. — v. Wlislocki, Einder- 
spiele der siebenbürgischen nnd südungarischen 
Zelt-Zigeuner. — Pfeifer, Aberglaube aus 
dem Altenburgischen. — - Pick, Ein Feuer- 
segen (aus Zeitz). 

— 10. Rademacher, Über den Geister- 
glauben und seinen Einfluss auf die 
religiösen Vorstellungen der Germanen. — 
Vernaleken, Der starke Hans, eine Reihe 
mythischer Volksdichtungen. — Priefer, 
Volkslieder aus Sommerfeld und Umgegend. 

— Mitkos, Albanesische Lieder. Deutsch 
von Jarnik. — Am mann, Hochzeitsbräuche 
aus dem Böhmerwald. 

— 11. V. Zingerle, St. Nicolaus. — 



1) Die Leitung der Zeitschrift bittet alle Freunde im In- und Auslande um gütige Unter- 
stützung für die Bibliographie. Nur dadurch wird es möglich werden, die erwünschte Voll- 
ständigkeit annähernd zu erreichen. 

2) Bei den Zeitschriften bezeichnet die römische Ziffer den Band, die arabische das Heft. 

Zeitschrift d. Vareins t Volkilcande. 1891. 3 

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114 



Back; 



Jarnik, Albanesische Märchen und Schwanke. 

— Enoop, Volkslieder aus Hinterpommern. 

— Priefer, Volkslieder aus Sommerfeld und 
Umgegend. — Pfeifer, Aberglaube aus dem 
Altenburgischen. 

— 12. Knoop, Die neu entdeckten 
Göttergestalten und Göttemamen der nord- 
deutschen Tiefebene. — Ammann, Hochzeits- 
bräuche aus dem Böhmerwald. — Inhalts- 
verzeichnis der Zeitschrift für Volkskunde 
Bd. n. Heft 1-12. 



ni. 1. Veckenstedt, Die mythischen 
Könige der arischen Volksheldensage und 
Dichtung. — Veckenstedt, Wendische 
Sagen der Niederlansitz. — Verna- 
leken, Der unstete Hans, eine Reihe 
mythischer Volksdichtungen. — Bolte, 
Vl&misches Mittfastenlied. — Kaufmann, 
Findlinge zur Volkskunde. — Knoop, Pol- 
nischer und deutscher Aberglaube und Brauch 
aus der Provinz Posen. 

— 2. Heft. Knoop, Die neu entdeckten 
Göttergestalten und Göttemamen der nord- 
deutschen Tiefebene: Der pommersche Gauden 
und Vergodendel. — Veckenstedt, Die 
mythischen Könige der arischen Volkshelden- 
sage und Dichtung. — Branky, Volksüber- 
lieferungen aus Österreich. — Veckenstedt, 
Wendische Sagen der Niederlausitz. — Bot- 
tich er, Troja oder Feuemekropole. 



Am UrqnelL Monatsschrift für Volkskunde. 
Herausgegeben von H. Carstens (später 
von Friedrich S. Krauss). Hamburg. 
Kramer, i. Commiss. 

N.P. I. 1. Krauss und Dragi^evicf, Gus- 
larenlieder aus Bosnien und dem Herzogsland. 
Die Extemsteine. — Carstens, Toten- 
gebräuche aus Dithmarschen. — Frischbier, 
Ostpreussischer Volksglaube und Brauch. — 
Haase, Sagen und Erzählungen aus der 
Grafschaft Ruppin und Umgegend. — Kaindl, 
Zwei ruthenische Mythen aus der Bukowina. 
— Kleine Mitteilungen. 

— 2. Sz., Eine verschollene Volkssprache 
„Bourgoensch". — Krauss und Dragi^evicf , 
Guslarenlieder IL — Carstens, Toten- 
gebräuche (Ports.). — Kleine Mitteilungen. 

- 8. Sz., Unser Standpunkt und unsere 
Aufgaben. — Krauss und Dragicevicf, 
Guslarenlieder in. — Frischbier, Aus 
Ostpreussen: Haus und Herd. — Carstens, 



Totengebräuche (Schluss). — Kleine Mit- 
teilungen. 

— 4. Kupczanko, Die Ajsoren im 
Kaukasus. — Krauss und Dragicevic, 
Guslarenlieder IV. — Klose, Alt« Strafen, 

— Sohnrey, Pfingsten auf dem Pfingstanger. 

— Prischbier, Aus Ostpreussen: Glück und 
Unglück. — Haase, Hand- und Schntzbrief. 

— Schumann, Geister. — Krauss und 
Dragicevitf, Volksmedizin. — Kleine Mit- 
teilungen. 

— 5. Krauss, Die Esche YggdrasiD. 

— Krauss und Dragi<5evi(f, Guslaren- 
lieder. — Kupczanko, Die Ajsoren (Forts.). 

— Volks mann, Mondglaube aus Dith- 
marschen. — Kaindl, Hausbau und Bau- 
opfer bei den Ruthenen. — ■ v. Schulen- 
burg, Regenbogen und Wassergalle. — C, 
Das Johannisbier in Norddithmarschen. — 
Pitr^, Volksmedizin (Appunti sulla medicina 
popolare in Sicilia). — Kleine Mitteilungen. 

— 6. Kupczanko, Die Ajsoren (SchL). 

— Rösler, Winterfestgebräuche im Iser- 
gebirge. — v. Schulenburg, Weihnachts- 
und Neujahrsgebräuche (aus Ostpreussen). — 
Staacke, Weihnachtsbräuche aus Scandina- 
vien. — Kaindl, Volksglauben (aus der Bu- 
kowina). — Pitre, Volksmedizin II. — Kleine 
Mitteilungen 

— 7. Köhler, Die Haut versaufen. — 
Meyer, Rusalja I. — Sz., S. Bugge's nor- 
dische Studie. — Pitre, Volksmedizin III. 

— Snethlage, Die Kröte. — Gottschalk, 
Der Totschlag bei Menz. — Volksmann, 
Dree to Bett, eine Schicksalssage. — Kleine 
Mitteilungen. 

— 8. Volksmann, Fastnachtsbräuche 
aus Schleswig-Holstein. — Schell, Gereimte 
Volksrätsel aus dem Bergischen. — Frisch- 
bier, Aus Ostpreussen: Kindheit Der Kla- 
batermann. — Sembrzycki, Volksmedizin 
(aus Ostpreussen). — Volkshumor. — Kleine 
Mitteilungen. 

— 9. Krauss, Rusalije n. — Sz., 
Wielant der Schmied. — Prischbier, Aus 
Ostpreussen: Kindheit (Forts.). — Krauss, 
Oskar Kolberg. — Zauber- und Heilsprüche 
(aus Rendsburg). — Kleine Mitteilungen. 

— 10. Rösler, Walpurgisnacht im Iser- 
gebirge. — Sz., Wielant der Schmied (Ports.). 

— Frischbier, Aus Ostpreussen: Kindheit 
(Schluss). — Kaindl, Der Teufel. — Schell, 
Bergische Sagen. — Krauss, Rusalien m. 
(in Indien). — Pränkel, Eine Zeitschrift für 
süd westdeutsche Volkskunde. — Handel- 



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Litteratur des Jahres 1890. 



115 



mann, Zauber- und Heilsprüche nnd dergl. 
(ans Bendsburg). — Kleine Mitteilungen. 

— 11. Sx., Wielant der Schmied (Ports.). 

— Freytag, Riesen und Menschenopfer in 
unsem Sagen und M&rchen. — Frischbier, 
Aus Ostpreussen: Arbeit und Mahlzeit — 
Handelmann, Zauber- und Heilspruche und 
dergL — Kleine Mitteilungen. 

— 12. Krauss, Oskar Kolberg. — Ders., 
Sühne der Blutrache im Herzögischen. — 
Freytag, Riesen und Menschenopfer (Schi.). 

— S»., Wielant der Schmied (Schluss). — 
Frischbier, Aus Ostpreussen : Tr&ume. Das 
Besprechen. — Dragi^evjid, Volksmedizin 
(aus Bosnien). 

n. (1891). 1. Gatschet, Die Wind- 
hose. — Handelmann, Zuf norwegischen 
Sagenforschung. — Wintern itz, Das Kind 
bei den Juden. — Karlowicz, Die Liebes 
taufe bei den Polen. — Krauss, Die Mensch 
werdung des heiligen Panteleimon. — 
Kupczanko, Volksmedizin. — Krauss, 
Die Prinzessin von England. — Volks mann, 
Volkswitz in Rätseln. — Sembrzycki, Ost- 
preussische Sprichwörter, Volksreime und 
Provinzialismen. — v. Wlislocki, Zigeuner- 
taufe in Nordungam. ~ Krauss, Geheime 
Sprachweisen. — v. Hagen und Volks- 
mann, Volksglauben. — Frftnkel, Ein 
offenes Wort an Sammler. — Kleine Mit- 
teilungen. 

— 2. Krauss, Eine deutsche Gesell- 
schaft für Volkskunde. — Winternitz, Das 
Kind bei den Juden. — Karlowicz, Die 
IJebestaufe bei den Polen. — Gaidoz, 
Ransom by Weight. — F rahm, Volksglauben. 

— Kupczanko, Volksmedizin. — Sem- 
brzycki, Ostpreussische Sprichwörter etc. 

— Pordes, Trinkgef&sse in Bosnien und im 
Herzögischen. — Krauss, Geheime Sprach- 
weisen. — Kleine Mitteilungen. 

Zeitschrift für Völkerpsychologie und 
Sprachwissenschaft. Herausgegeben von 
M. Lazarus und H. Steinthal unter Mit- 
wirkung von Ulrich Jahn. Berlin. 
Asber 4 Comp. 8®. 

XX. 1. Weinhold, Was soll die 
Volkskunde leisten? — Simmel, Zur 
Psjehologie der Frauen. — Steinthal, Die 
engenden Stücke im 5. Buch Mose (Forts, 
imd SchL). — Schwär tz. Noch einmal der 
himmlische Licht- (oder Sonnen-)Baum, eine 
prähistorische Weltanschauung. 



— 2. Miste li, Sprachphilosophisches. 

— Tobler, Ein Fall von partieller Aphasie. 

— Bor inski,*^(>;fft <r*5 7rpo(j/Jli;roi. — Tester, 
Linguistisches aus der romanischen Schweiz. 

— 3. Biese, Die poetische Natur- 
beseelung bei den Griechen. — Loewe, Zur 
Sprach- und Mundartenmischung. — Stein- 
thal. Das periodische Auftreten der Sage. 



Folk-Lore^ a quaterly review of myth, tra- 
dition, Institution, and custom. (Licorpo- 
rating The Archaeological Review and The 
Folk-Lore Journal). London. D. Nutt. 

L 1. EditoriaL Lang, Annual presiden- 
tial address for the session 1889—90. — Dis- 
cussion: Abercromby, Magic songs of the 
Finns L — Haddon, Legends from Torres- 
Straits. — Ridgeway, Greek trade routes to 
Britain. — Hartland, Recent research on folk- 
tales. — York Powell, Recent research on 
Teutonic mythology. — Notesand news. — Mis- 
cellanea: Baring Gould, The Giant of new 
mills, Sessay. — Peacock, A Welsh con- 
jurer, 1881. - Gaster, Story of Solomon's 
wisdom. — Busk, The burial of Mr. Rose's 
boots; horsehair tumed into water-snake. 

— 2. Frazer, Some populär super- 
stitions of the ancients. — Haddon, 
Legends from Torres-Straits IL — Gomme, 
A. Highland Folk-tale and its foundation in 
usage. — Hartland, Peeping Tom and Lady 
Godiva. — Darmesteter et Barth, ,How 
they met themselves'. — Nutt, Report: Celtic 
myth and saga. — Busk, Report: Italian 
Folk Songs. — Notes and news. — Jacobs, 
Review: Les contes moralis^es de Nicole 
Bozon. — Correspondence: CJodd, What's 
is in a name? — Nutt, Fascination and 
Hypnotism. — Miscellanea: Frazer, Easter 
in Greece; Highland superstitions. — Black, 
,Players' superstitions. — • Schechter, Rab- 
binic parallel to ,The two travellers\ — 
Gosselin, Folk-lore extracts. — Old Harvest 
Oustoms in Devon and Comwall. 

— 3. Andrew Lang, English and 
Skotch fairytales. 1. Rashin Coatie. — 
2. Nicht nought nothing. — 8. Cap o' 
Rushes. — 4. Kate Oackemuts. — 5. Pee- 
ripol. - 6. Coato' Gay. — 7. Drftglin 
Hogney. — Burne, The collfection of English 
folk-lore. — Abercromby, Magic songs of 
the Finns n. — Schechter, The lüddles of 
Solomon in Rabbinic literature. — Stewart 
Lockhart, Notes on Chinese Folk-Lore. — 



8* 

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116 



Back: 



Nutt, Report on the Campbell MSS. at 
Edinburgh. — Jacobs, Recent research in 
comparative religion. — Report of the 
Annnal Meeting of the Folk-Lore Society. — 
Correspondence : Lei and, ,How they met 
themselves'. — Ellis, ,Fascination and Hyp- 
notism'. — Jocobs, Folke-tale of Campbell 
and its foundation in usage. — Notes and 
newB. — Miscellanea: Ronse, A Jataka in 
Pansanias. 

Melusine. Recueil de mythologie, litt^rature 
popnlaire, traditions et usages, fond^ par 
H. Gaidoz et E. Rolland. Dirig6 par Henri 
Gaidoz. Paris. E. Rolland. 

V. 1. Barth, La Litterature popnlaire 
et les contes dans Tlnde 11. — Gaidoz, 
L'Etymologie popnlaire et le Folk-lore III. 
Les Saint« pour rire. 1. Saint Personne. 2. 
Le p^re Invicem. 3. Sainte Touche, Saint 
Lnndi, Sainte Bouteille, etc. — Tuchmann, 
La Fascination. $j 3. Les Fascinateurs. Ca- 
t^gories. B.) Animaux. — H. G., Les Esprits- 
Forts de FAntiquit^ classique XXIII. 

— 2. Gaidoz, La coUection internationale 
de la Tradition. — H. G., La Fratemisation 
Vin. — Colson, L'enfant qui parle avant 
rßtre n6 IX. — Köhler, Ne frapper qu'un 
seul coup. — Karlowicz, Les deux arbres 
entrelac6s. — Tuchmann, La Fascination. 
§ 3. Les Fascinateurs. Cat^gories. B.) Ani- 
maux. C.) Objets inanimes. D.) Divinit^s, 
Esprits, Ames. — H. G., Les Esprits-Forts 
de l'Antiquit^ classique XXIV. — E. R., 
Les Serments et les Jurons. 

— 3. Doutrepont, ün chant monorime. 
— Tuchmann, La Fascination. § 3. Les 
Fascinateurs. Cat^gories. E.) Gens et ani- 
maux qui se fascinent eux-memes. — Esser, 
Moeurs et usages de Malmedy et de la Wal- 
lonie prussienne. in. 1. La Cu8n6e. 2. La 
Saint- Jean. 3. Poirt^ TTrouvlai (2). 4, Les 
Joupsennes. - Orain, Devinettes de la 
Haute-Bretagne X. La pierre de Serpent 
H. G., L'Etymologie popnlaire et le folk-lore. 
IV. L'fltre supreme. 

— 4. Loquin, La nouvelle brochure de 
M. Gaston, Paris. — H. G., Les contes po- 
pulaires dans Tantiquit^ classique. — Les 
chemins de fer IL — Ernault, Chansons 
populaires de la Basse-Bretague. — H. G., 
L'Etymologie popnlaire et le folk-lore V. 
1. Dans les bras de Morph^e. 2. Saint Vir- 
gile. — O'Grady, Irish prognostications from 
the howling of dogs. — Orain, Devinettes 



de la Haute-BretÄgne. — Tuchmann, La 
Fascination. § 3. Les Fascinateurs. Moyens 
d'acqu^rir le pouvoir de Fascination. — La 
Fascination, le magn^tisme et Thypnotisme. 

— 5. Gaidoz, L'opiration d'Esculape 
I. 1. Au Ve siecle avant notre ^re. 2. Chez 
les chr6tiens; l'^preuve faite sur un homme. 
3. Le miracle du mar6chal-ferrant et les mo- 
numents figur^s. 4. Le miracle du mardchal- 
ferrant et la tradition orale. 5. En Irlande. 
6. Les Images et les lebendes. 7. Conte, le- 
gende ou miracle? — Echos de la litterature 
antique au moyen-age. — Tuchmann, La 
Fascination. § 3. Les Fascinateurs. — 
Moyens d'acqn^rir le pouvoir de fascination 
(Suite). — H. G., Le Solarisme Boulangiste. 
Israel L^vi, La legende d' Alexandre dans 
le Talmud. —'Karlowicz, La Mythologie 
lithanienne et M. Veckenstedt 

— 6. Gaidoz, Jean de l'Ours. — Lefe- 
bure, La Motte de terre. —'L'Etymologie 
popnlaire et le folk-lore ; VI, Nome de saints, 
par Nyrop^ VII, par Gaidoz. — Orain, 
Devinettes de la Haute-Bretagne (Suite). — 
Tuchmann, La Fascination: Moyen d'acqnörir 
le pouvoir de fascination; A) Effets de la 
fascination (Suit«). — Gaidoz, La Phot^j- 
graphie. — L^vi, Le Juif en morceaux. — 
Gaidoz, Oblations k la mer et prösages. — 
H. G., L'Arc en Ciel. 



Revae des traditions popnlaires« (Societe 
des traditions populaires au musee d'ethno- 
graphie du Trogad^ro.). Paris. J. Maison- 
neuve. 

V. 1. Faligan, Des formes iconogra- 
phiques de la 16gende de Theophile. — 
Perraud, Les noces du coucou et de 
Palouett« V. Des Dombes. — Bernard, 
Les noces du papillon, pays de Caux. — 
Desaivre, Les noces de l'alouette et du 
pinson, version du Poitou. — M™« Paul 
Söbillot, Les noces de la b^casse et de la 
perdrix, version de la Haute-Bretagne. — 
S^billot, Le diable et l'enfer dans Ticono- 
graphie III. — Morel-Retz, La fete des 
Rois XI. La quSte des Rois en Bourgogne. 
— Cöard, XII, en Champagne.— Tau sserat, 
XIII, La cer^monie de la teve k la Cour de 
France en 1706. — Disaugiers, Rien 
qu'une, conte du jour des Rois. — Bayon, 
Proverbes et dictons de Mazins. — Loys 
Breuyre, L'inventaire des contes HI. Ana- 
lyse Classification et tabulation des contes po- 



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Litteratur des Jahres 1890. 



117 



puUrres. — Eo sie res, L^iirfluenza aa 
XV« siecle, — S^billot, L^inflaenza au 
XVI^ siecle. — Blanchard, Coutumes sco- 
Uires IV. En AUemagne. — Pitre, Le pays 
des Chiens, conte populaire sicilien. — Ney, 
MieUes de foH-lore parisien. — Des- 
roQsseaax, Le folk-lore du pays de Liege. 

— Tiersot, Extraits et lectures L Audition 
de NoSls £ran<;ais au cercle Saint-Simon. — 
Certeux, IL Les asiles de nuit en Chine. 

— 2. Basset, La legende du chien de 
Montargis chez les Arabes. — Bestricht, 
Le retour du soldat, Version du Maine — 
Cordier, Les Cynocephales dans la Legende. 

— SauTc, Le Camaval dans les Vosges. — 
Desaivre, Les Precurseurs de nos ^tudes V. 
Enquetes du premier Empire et de la Restau- 
ration. — La Fontanelle, VI. Notes in- 
edites (premiere moiti6 du siecle). — Sebillot, 
Noms, formes et gestes des lutins HI, Basse- 
Bretagne. — Fontaine, La fete des Rois 
XIV. Ordalies en Bourgogne. — Bellet; Les 
Fois de File de B6. — Basset, Legendes 
africaines sur Torigine de Thomme IV— VlI. 

— Tiersot, Chansons et danses 6trangeres 
IIL Mnsiques et danses roumaines. IV. 
Bapsodie cambodgienne de Bourgault - Du- 
condray. — CcTteux, Bazin la Lune, legende 
du Dauphine. — Hovelacque, De quelques 
formes de salutation. — Assembl^e generale. 

— 3. Lefevre, Les Mythes et les dieux 
de la pluie. — Blanchard, Le Bossignolet, 
ehanson des Hautes-Alpes. — P. S., Les Tra- 
ditions populaires et Jes ^crivains fran<^s 
lU. Le Menagiana. — Morin, Les calen- 
driers des iUettrös IL L^Almanach des 
Bergers. — Basset, Les jours d'emprunt 
chei les Arabes. — Bonnemiere, Amulettes 
et talismans VI. Amulette breton contre la 
fievre. — Fouju, Legendes et Superstitions 
prehistoriques III. (Eure-et-Loir). — Se- 
billot, Le peuple et Thistoire I. Revolution 
firan^aise. — deCrouskow, Chants heroiques 
du peuple russe. — Fertiault, Devinettes. 

— Le Carguet, Superstitions et legendes 
du Cap-Sizun. — Certeux, Le Prisonnier de 
Nantes L Version de la Loire - Inferieure. 

— M«ne Paul S6billot, II. Version des 
C6t«s - du - Nord. — - D^meuldre, Facöties 
wallonnes. — Eygun, Superstitions basques. 
-r Labonne, A travers le Berry IIL Super- 
stttion berrichonne. — Fertiault, Le cierge 
de. la Chandeleur. - Pineau, Les roseaux 
qui chanteut III. La rose d'or, conte du 
Maine. — Lemoine, Coutumes de mariage 
VL En Belgique. — Har, La legende de 



Didon II. Legendes paralleles. — Pineau, 
Pelerins et Pelerinages VIII. Enfants ma- 
lades. 

— 4. Brueyre, Extraits d'anciens ou- 
vrages anglais relatifs au Folk-Lore L An- 
tiquit6 de la litt^rature des nourrices. — 
Bon, Devinettes: Auvergne. — Tiersot, 
Le Rossignolet IL Version du Morvan. — 
Certeux, Les calendriers des illettrös UI. 

— Sebillot, Les coquillage de mer III. — 
Bon, Le seigneur Coup-garon, lögende de 
r Auvergne. — Bayon, Amulettes et talismans 
Vn. Amulettes d'Italie. — Bourchenin, 
Coutumes de mariage VI. Une noce en 
Beam. — M™e Paul Söbillot, Superstitions 
de la Nievre. — Siöbel, Legendes etsuper- 
stitions pr6historiques IV. La hotte du diable. 

— Harou, — V. En Belgique. — M™« Paul 
Sebillot, La mort d^ Adele, ehanson de la 
Haute-Bretagne. — Rabot, Un album esMmo. 

— Bas s et, Contes arabes et orientaux IV. 
Le Mythe d'Orion et une fable de Florian. — 
De Crouskow, Chants heroiques du peuple 
russe IL — P. S., Les Traditions populaires 
et les öcrivains fran^^ais IV. Racine. — 
Millieu, Les pourquoi LIV — LV. La 
mule et le lievre. — De Laporterie, 
Croyances des paysans landais. — * Certeux, 
Brimades et initations I. Les Böjaunes du 
commerce. — Harou, Le long hiver (versions 
flammandes). — Bonaparte, Les glaciers I. 
Le genie de TAletsch. — Dessaix, — IL 
L'excommunication des glaciers. 

— 5. Hardouin,Traditions et superstitions 
siamoises. — Bernard, Joli mois de mai 
fleuri. — Chanson du pays de Caux. — Se- 
billot, Les Zoophytes. — Fouju, Miettes 
de Folk-lore parisien XII. üsage du vendredi 
Saint dans la Seine. — P. S., Saint-Blaise U. 
Bourchenin, Formulettes bearnaises. — 
üarou, Imagerie populaire flamande. — 
Fouju, Legendes et superstitions prehisto- 
riques VL — Guyot, Le petit tambour. 
Chanson avec jeu. Champagne et Paris. 

— Le Carguet, Traditions et superstitions 
du Cap-Sizun III. An Aour-jeoten. — L'herbe 
d'or. — P. S., Le Folk-lore au Salon V. Les 
traditions populaires et les peintres pendant 
la Periode romantique. — Bayon, Devinettes 
de Haute-Bretagne. II. — Sax, Salomon dans 
les legendes musulmanes V. — Harou, Le 
bonhomme Misere. Legende liegeoise. — 
Imbert, Poösies sur des themes populaires 
XX. Le Saint de villages. — P. S , Le voyage 
presidentiel et les traditions populaires. — 
Fontaine, Faceties bourguignonnes. I. Le 



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maire de Bnncy. U. Les Tortionnaires. — 
Certeux, Les traditions popolaires ä TEzpo- 
sition V. section russe. 

— 6. Sichler, Cöremonies et coutumes 
nuptiales en Bnssie. — Gujot, Le Pont de 
Londres I. Ron de de la Champagne. — M^e 
Paul S6billot, — IL Haute-Bretagne. — 
P. S., Les danseurs mandits. — Bestricht, 
Traditions et snperstitions de la Sarthe. — 
S^billot, L'iconographiqne fantastique 11. 
Les Lutins. — De Lannaj, Des apparitions 
en Vend^e. — Luzel, Les contes populaires 
dans les sermons du Mojen-äge U, Horrible 
exemple de' l'^veque Hugues. — Certeux, 
Les Calendriers des illettrös IV. Le Calen- 
drier des Azteques. — Jacottel, Legendes 
et Contes bassoutos V. La legende de la 
tortue IL Raseretsana. 

— 7. De Zmigrodzki, Polk-lore euro- 
p6en compar^ L La Mere et Tenfant. — 
Tiersot, Trois pastourelles du Morvan. — 
J. T., Sur Torigine populaire du mot Alieluia. 

— S^billot, Les Traditions populaires et 
les ^crivains fran<^is V. Moliere. — Per- 
rand, Traditions et snperstitions duDauphin^. 

— Congres des Traditions populaires. — De 
Laporterie, Une noce de paysans en Cha- 
losse: sortie de T^glise. — Destr^e, Seconde 
vue: intersignes. — Sichler, Moeurs et cou- 
tumes de mariage IL Gouvernement d'Ar- 
changeL IIL Chez les Permiens. — Basse t, 
Salomon dans les legendes musulmanes. — 
Certeux, Les calendriers des illettr^s VI. 
Les Bätons calendriers. — Morel-Retz, Le 
Peuple et Thistoire IV. Maudrin. — Basse t, 
üne superstition. — S^billot, Quelques contes 
tres courts. — Bonnemere, Superstitions 
du döpartement de l'Indre. — De Rialle, 
Extraits et lectures I. Les sources dans la 
mer. — Blanchard, II. Pour etre heureux 
tonte Tannöe. 

— 8. Rosieres, Quelques proverbes 
fran^ais du XY^ siecle. — Tiersot, Chant 
de moisson du Morvan. — Schill ot, Les 
MoUusques. — Brueyre, Extraits d'anciens 
articles anglais relatifs au Folk-lore 11. Pr^face 
de Richard Price aThistoire de lapoösieanglaise 
de Warton. — Pineau, Les viUes disparues I. 
Le temps, tradition poitevine. — Basset et 
S^billot, Allusions k des contes populaires 
m. — Fertiault, Les Traditions populaires 
et les ^crivains fran^ais VI. Les No6ls de 
la Monnoye. — Sichler, Moeurs et coutumes 
de mariage III. Chez les Permiens. — Cer- 
teux, Extraits et lectures. Le Samedi saint 
k Cuba. 



— 9. Dumontier, Astrologie des An- 
namites. — S^billot, Les Mines et les 
Mineurs V. La bonne et la mauvaise chance. 
VI. Coutumes. — Additions. — Tiersot, 
Le Rossignol messager, versions du Morvan. 

— Bon, Superstitions auvergnates. Cautal. 

— De Crouskow, Les Chants heroiques du 
peuple russe. — P. S., Les Soci^t^s des Tra- 
ditions populaires, Sociötä allemande. — 
Basset, La Chanson de Bricou I. — Pineau, 

— n. Briquette, randonn^e poitevine. — de 
La Sicotiere, — HI. Briquette, ronde 
normande. — Certeux, Les calendriers des 
illetträs V. Calendrier breton. — S^billot, 
Les Crustac^s. — Basset, üne fable de 
Florian et le Mythe d'Orion III. — P. S., 
La Bonlangerie et le pain: Questionnaire. — 
Pineau, Le long hiver HI. Version poi- 
tevine. — Fertiault, Les Haricots. — M™« 
De stricht, Traditions et snperstitions dela 
Sarthe IL — Bogisic, Saint Blaise lU. — 
Mme Paul Söbillot, Le joli Meunier, 
chanson de la Haute-Bretague. — Des- 
rousseaux, Transformation des Legendes, 
des Anecdotes, etc. — Pineau, Les Oiseaox 
en Poitou. 

— 10. Söbillot, Les Pendues. — 
Tiersot, La Chanson du G^ant. — Basset, 
La Chanson du Bricou (suite) IV. Versions 
lorraine et alsacienne. — Limh<5igin, conte 
irlandais de la Saint-Martin. — Fitzgerald, 
Notes sur quelques origines de la Tradiäon 
celtique. — Sichler, Moeurs et coutumes 
de mariage lU. C^r^^ionies de mariage chez 
les Permiens (suite). — Luzel, LMmagerie 
populaire V. Basse Bretagne. — Deuxieme 
Congres des Traditions populaires. — Morin, 
La Betise des Gens, conte de Champagne. — 
B eilet, Le Peuple et PHistoire V. Buckingham 
dans rUe de Re. — Certeux, Extraits et 
lectures. Le dieu Canon. 

— 11. Jarchy, La M^decine supersti- 
tieuse en Russie. — Tiersot, Le Portrait de 
la Maitresse III. Version du Morvan. — 
Des triebt, IV. Version de la Sarthe. — 
Herconet, Snperstitions de Quillimane 
(Mozambique). — S6billot, Snperstitions de 
civilises U. — Sichler, Moeurs et coutumes 
de mariage en Russie. — Lavenot, Devinettes 
de la Basse-Bretagne. Pays de Vannes. — 
Bonnemiere, Les superstitions du cantop 
de Gennes (Maine- et-Loire). — Pineau, Les 
Danseurs mandits III. Lögende du Poitou. 
— Söbillot, Pensöes sur les Traditions po- 
pulaires extraites de divers auteurs. — Cer- 
teux, Les calendriers des iUetrös V. Un 



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Litteratur des Jahres 1890. 



119 



e&lendrier da VP siecle. VI. Calendrier i Recommendations de ma pauvre Grand-la- 



horloge du XI« d^cle. — Haron, Pitje de 
dood (Pierre la Mort), conte flamand. — 
HaroQ, Poorquoi Polichinelie a dem bosses, 
legende li^geoise. — I^e Lac des Fees. — 
R. B., Saint-Blaise IV. 



La TradltiOD. ReYae g^n^rale des Gontes, 
Legendes, Chants, Usages, Traditions et 
Arts popiüaires. Direction: Emile B16mont 
et Uenrjr Camoj. Paris. E. Lechevalier. 

Jan.: Daridson, Le Folk-lore en Angle- 
terre I. — Sti^bel, Notes de voyage en 
Orient — Pitre, Le mois de mais. — De- 
lannoj, ün livre d^oraisons mannscript — 
GhaboseaUjLes empreintes merveiUeuses. — 
De Sivr j, La-haut sor la montagne, chanson 
et mdlodie. ~ Plantadis, Les Rosi^res. — 
Desrousseaa, Les Gnerrieres de Flandre. 

— CorreTonx, Les Dämons de Boorg-Saint- 
Pierre en Yalais. — Eschenauer, La tra- 
dition fran<^e en Allemagne IL — Seit er, 
La complainte de Sainte Catherine. — Mü- 
llen et Beauvais, Les Eorhum^s qui vont 
i Saint-Gaeorluchon. — Nicot, Ballade. — 
Lemoine, Contes populaires de Hainaut VI. 

— Garn oy, La Pete de No6l, XVIII et XIX. 

— Berenger-F^rand, Taprata, devinette 
proTenQale. — Echaupre, La fille fiere, recit 
berrichon. 

Febr. : Davidson, Le Folk-lore en Angle- 
terre IL — Seit er, La complainte de Saint- 
Nicholas. — Zmidgrozki, Le Folk-lore Po- 
lonnais I. — Magdelaine, Ballade da roj 
de Sayoje. — Pitre, Le mois du mais XII 
(en Italic). — De Golleville, Les For- 
mulettes enfantines III. — Garnoy, La Fote 
des Rois L — Stichel, Notes de voyage en 
Orient IL — Vicaire, Pnisque chacnne ä 
8on chacon. — De Sivry, La P'tit Tata — 
Plantadis, Les Bosieres IIL — Sinval, 
Les Basses chez enx VI. — Echaupre, 
Chanson de Santonge. 

March: Davidson, Le Folk-lore en 
Angleterre IIL — Brann, Acousmates et 
ehasses fantastiqnes L ~ Plantadis, Le 
grillon et le lonp. — H. G., Palladiums et 
Talismans des cit^s I. — Krohn, Histoire 
de Traditionisme en Finlande I (suite). — 
Haron, Les materiaux dans les fondations. 

— Defrecheux, Saints et Idols chatiös VII. 

— Carnoy, Une nouvelle revue de Folk-lore. 

— De Zmigrodzki, Le Folk-lore polonais 
d*apres Oscar Golberg. — Roumanille, Les 



Borgae, traduit par Gineste. — A propos da 
congres des Traditions populaires. — Seit er, 
La chanson du Charbonnier. 

(Fortsetzung folgt) 

Archlvio per lo stndio delle trAdicionl 
popoUri. Rivista trimestrale dir. da 
G. Pitre e. S. Salomone-Marino. Pa- 
lermo. G. Glausen. 

IX. 1. Pirrone-Giancontieri, U Re 
dei Vendi e degli Zingari russi, dei Lettoni, 
Lituani e Zamaiti. — Simiani, Usi, Leggendi 
e Pregiudizi popolari trapanesi III. ~ Mu- 
soni, Usi e Gostumi degU Sloveni veneti. — 
Pires, Cantos maritimos de Portugal — 
Menghini, Ganti popolari romani. — De 
Pasqaale, Raccolta di proverbi calabri. — 
Prato, II mare (fine). — Mazzacchi, Usi 
e Gostumi dei popolo nell'alto Polesine. — 
Marino, Exenia Nuptialia in Sicilia. — Ga- 
botto, Due Sacre rappresentadoni in Torino 
nel See. XV. — Gorsi, Vita senese 
I-VIL 

— 2. Finamore, Tradizioni popolari 
abruzzesi. — Mazzncchi, Proverbi popolari 
dei Polesine. — Nardo-Gibele, La Filata, 
o la coltivazione dei canape nel Bellunese I. 
Ramm, Quelques remarques sur les jeux en 
Finlande. — Varvessis, Tradizioni e costumi 
popolari. — Wilmotte, Etudes sur des 
themes de chanson. — Gian, Una preghiera 
di pelle^grini dei sec. XV. — Ragusa-Mo- 
le ti, Ganti funebri di popoli e poeti selvaggi 
e poco civili. — Di Martine, Vitusullanu 
nella storia e nelle credenze popolari cani- 
cattinesi. — De Pasquale, Raccolti di pro- 
verbi calabri (fine). — Seves, Appendice alle 
serenate pei S. S. Grispino e Grispiniano in 
Pinerolo. — Sebillot, Gontes de Marins 
recueiUis en Haute -Bretagne I— IV. — Si- 
miani, Usi, Loggende e Pregiudizi popolari 
trapanesi IV. — Menghini, Ganti popolari 
romani. — Salmone-Marino, D ,tabbaranu', 
gioco popolare siciliano fanciullesco. — Fer- 
raro, Spigolature di canti popolari parmi- 
giani e monferrini (fine). 

— 3. Musatti, D S. Giovanni Battista 
a Venezia. — Pellegrini, II S. Giovanni 
Battista nelP Agordino. — Nardo-Cibele, 
D S. Giovanni Battista: ricordi veneti. — 
Seves, Di alcune credenze per la festa di 
S. Giovanni Battista in Piemonte. — Gorsi, 
II braccio di S. Giovanni Battista in Siena: 
tradizioni, usi e superstiziuni. — Martiueugo- 



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Cesaresco, Fiori di S. Gioyanni. — Kranss, 
La fete de Saint-Jean chez les Slaves du 
Sud. — Yetri, II Lago sfondato ed il sonno 
di 8. Giovanni Battista. Leggenda popolare 
in Castrogioyanni. — De Nino, La festa di 
S. Giovanni nell' Abrazzo. — Carstens, 
Usi e credenze di S. Giovanni nello Schleswig- 
Holstein: L La notte di S. Giovanni. II. 
La festa di S. Giovanni. III. Credenze di 
S. Giovanni. — Ragusa - Moleti, Canti 
funebri di popoli e poeti selvaggi o poco civilL 
— La preghiera a ruota nel Tibet — Como 
contano alcuni popoli. — Pitre, La 
Leggenda diColaPesce. — Columba, Note 
di Tradizzioni e Leggende: I. La Leggenda 
degli Stretti. IL La Leggenda di S" Sofia. 
IIL La fönte di S* Sofia. — Nerucci, 
Storielle popolari (in Toscana). — Lumbroso, 
Spigolature di Usi, Credence, Leggende: I. 



ün' usauza messinese. IL üna credenza 
.popolare toscana e piemontese. III. Una 
leggenda biellese. IV. La festa di S. Bocco 
in Orbassano. — Menghini, Canti popolari 
romani: Amore e baci. — Serenate. — De- 
scrizioni. — Vari. — Musoni, Usi e Costumi 
degli Sloveni Veneti (La festa di S. Giovanni 
Battista). — S6billot, Contes de Marins 
reeuciUis en Haute Bretagne: Y. La Moussp. 
YL L'Oiseau de v6rit6. — Miscellanea: 
Battaglia, DelP uso di dare il posto d^onore 
in Sicilia. — Li processione dei Turchi in 
Potenza. — II giuco del ventaglio in Toscana. 
— Un unovo rimedio contro la peronospora 
neggli Abruzzi (Finamora). — üna donna 
che non riconosce se Stessa, leggenda inglese 
(Busk). — L'anello nuziale in Inghilterra e 
in America. — Proverbi danesi (Schnee- 
kloth). 



II. Bücher und Aufsätze. 

1. Allgemeines und Miscellen. 



putz, Die Yölker der Erde. 15.— 16. Heft. 
8^ (n. Bd. Sp. 1-128 mit Abb.) Würz- 
bürg, Woerl. 

von Bradke, üeber Methode und Ergebnisse 
der arischen (indogermanischen) Alterthums- 
wissenschafL Historisch -kritische Studien. 
8^ 349 S. Giessen, Ricker. M. 7,50. 

Sehrader, Sprachvergleichung und Urge- 
schichte. Linguistisch-histor. Beiträge zur 
Erforschung des indogerm. Alterthums. 
Zweite vollst umgearb. und beträchtlich 
vermehrte Auflage. 8^ 684 S. Jena, 
Costenoble. M. 14. 

Bemhdft, Sprachvergleichung und Urge- 



schichte (Zeitschrift für vergl. Rechtswissen- 
schaft. DC, 2). 

Bnsclian, Germanen und Slaven. Eine ar- 
chäologisch-anthropologische Studie (Natur 
und Offenbarung. XXXYI, 2—5). 

Liebrecht« Zur Yolkskunde. Nachträge 
(Germania — herausgegeben von 0. Be- 
haghel. XXXY, S. 210-217. 346—352). 

AcheliSy Ethnologie und Geschichte (Aus- 
land. Heft 28— 29). 

Stamper, Yölkerblüthe und Yölkerverfall 
(Gegenwart. Heft 44). 

Neubaar, Die Yölkerbewegungen und Yölker- 
bildungen der Gegenwart (Westermanns 
illustr. deutsche Monatshefte. November.) 



2. Äusseres Leben. 



Frledely Die Speiseeichel (Zeitschrift für 

Ethnologie. XXII, p. [137] f.). 
Otto, Zur Geschichte der ältesten Hausthiere. 

8^ 78 S. Breslau, Preuss und Jünger. 
von Hellwaldy Urspnmg und Entwicklung 

des Schmuckes (Ausland. Heft 30-32). 
Hirschfeldy Die Entwicklung des Stadtbildes, 



am Alterthum nachgewiesen (Zeitschrift der 
Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Heft 4). 

CoUy Historia del calendario (Revista de 
Espana 15 de Marzo — 30 de Abril). 

Friederichson, Geschichte der Schifahrt, 
Mit Abb. 8«. 274 S. Hamburg, Verlags- 
anstalt. M. (i. 



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Litt^ratnr des Jahres 1890. 



121 



OlubAoseii, Bernsteinhandel (^Zeitschrift für 
Ethnologie. XXII, p. [270] ff.). 

Mkeiiiiy WafTenkunde. ilandhnch des Waffen- 
wesens in seiner historischen Entwicklung 
Tom Beginn des Mittelalters his zum Ende 



desia Jahrh. Mit Abb. 2. bis 8. Lfg. 8^ 
Leipzig,* Seemann. 
01shau(»eii, Schnallen, Reiterspom, Steigbügel 
(Zeitschrift für Ethnologie. XXII, p. [178] ff.). 



3. Inneres Leben. 



a) Allgemeinem« 



Lingy Etudes traditionalistes (Vol. VI de la 
CoUection Internationale de la Tradition), 
lü^ 107 S. Paris, Maisonneuve. Pres. 3,50. 

Teats, Poetry and Science in Folk-Lore (The 
Academy Nr. 962). 

Natt, Poetry and Science in Folk-Lore (ebd. 
Nr. %3). 

AiODy Folk-lore of East and West compared. 
Folk-lore from Chicago. Senegambian Folk- 
lore (Notes and Qaeries 80. August). 

Ortoliy Les Conciles et Synodes dans leurs 
rapports avec le traditionisme. (Vol. V de 
la CoUection Internationale de la Tradition). 
16 ^ 143 8. Paris, Maisonneuve. Frcs. 3,öO. 



b) Lebenssitte und Recht« 

Gvtberlety Die sittlichen Vorstellungen der 
Naturrölker (Natur und Offenbarung. 
XXXVI, 2-6). 

Blermery Psychische Volkskrankheiten (Deut- 
sche Revue. November). 

AdieliSy Die Greschlechtsgenossenschaft und 
die Entwicklung der Ehe (Zeitschrift der 
Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Heft 4). 

Frieder Ieli89 Das männliche Wochenbett 
(Ausland. Heft 41—45). 

fUbinsoDy Der Ursprung der Blutrache 
(Globus. Haft 2). 

Batst, Der gerichtliche Zweikampf, nach 
seinem Ursprung imd im Rolandslied (Ro- 
manische Forschungen. V, 2). 



e) Religion. 

lIQlery Natürliche Religion. A. d. Engl. 

übers. Ton Engelbert Sehn ei der. 8°. 587 S. 

Leipsig, Engelmann. 
Ihibois, Das Buch der Religioneh. 1. Lief. 

8«. 80 S. Stuttgart, Pfautsch. M. 1. 
Frazer, The golden Bough: a Study in Com- 

parative Religion 2 tols. 8^ 800 S. 

I&cmillan. 28 sh. 
TodskoT, Rig - Veda og Edda eller den 



komparative Mytologi. Bidrag tili Bestem - 
melsen af den Mytologiske Metode (Ogsaa 
m. T.: Sjaeledyrkelse og Naturdyrkelse. 
Forste Bind.) 1—2 det Hefte. 8«. 32. S. 
Lehmann & Stage. Kr. 2. 

KransSy Todtenfetische (Oesterr. Wochen- 
schrift. VII, 11). 

Winternitz, Notes on Sr&ddhas and An- 
cestral Worship among the Indo-Europeau 
Nations (Wiener Zeitschr. f. d. Kunde des 
Morgenlandes IV, 3.). 

Cnltiis arlK>rum, a descriptive account of 
phallic tree worship, with illu»tratiYe legends, 
superstitious usages . . . exhibiting origin and 
development amongst the eastemand westem 
nations of the world, from the earliest to 
modern times, with a bibliography of works 
upon and ref erring to the phallie cultus. 8® 
London, Reader. 

Junker von Langegg, Heib'ge Bäume und 
Pflanzen. (Deutsche Rundschau. Juni- Juli;. 

Allen, Sacred Stones (The Fortnightley 
Review. Januar). 

Sacred Stones (The Athenaeum. Nr. 3286). 

Jacobson, Steine als Amulette bei wilden 
und ciyilisirten Völkera (Ausland. Heft 27). 

S6billot, Legendes, croyances et supersti- 
tious de la mer. I« serie: La mer et le 
rivage. 11« serie: Les möt^ores, les vents et 
les tempetes. 18**. Paris, Charpentier. 
3 fr 50 (jede Serie). 

Hope, Holy Wells: their Legends and 
SupersHtions (The Antiquary. Januar-Nov.). 

Jones, Finger -Ring Lore: Historical, Le- 
gendary, Anecdotal. 2. edit. revised and 
and enlarged, with nearly 300 Illustr. 8". 
562 S. Chatto. 7 sh. 6 d. 

Customs of the Ring (Amer. Notes and 
queries. FV, 16). 

Snperstitions of Shoes (American Not^s 
and Queries. V, 1.). 

d'Alvielia, La migration des Symboles (Revue 
des deuz Mondes. 1. Mai.). 

Jivasyi Jamshedja Modi, Superstitions com- 
mons to Europe and India (Journal of the 
Anthropological Society of Bombay. II, 3.). 



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122 



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d) Sprache« Poesie a..a« 

Leitnery on the Ethnographical ßasis uf 
Language, with special reference to the 
Customs and Langnage of Honnza (The 
Journal of theAnthropolog. Institute ofGreat 
Britain and Ireland. XX, 2). 

Ethnologisches Problem ist die Yielsprachig- 
keit (Naturwissenschaftliche Wochenschrift 
Heft 29). 

Carti^ Die Sprachschöpfung. Versuch einer 
Embryologie der menschlichen Sprache. 
8". 74 S. Würzburg, Stuber. M. 1,50. 

Jacobe wskiy Die Anfänge der Poesie. Grund- 
legung zu einer realistischen Entwickelungs- 



geschichte der Poesie. 8^ Dresden, Pierson. 
M.2,50. 

Grabowy Die Lieder aller Völker und Zeiten. 
In metrischen deutschen Obersetzungen. 
Nach dem Vorbilde von Herders „Stimmen 
der Völker". 5 Aufl. 8°. 40 Bog. Ham- 
burg, Krämer. M. 7,50. 

Bonery Poesia e miti delle acque I (Itassegna 
di Letteratura Italiana e Straniera. I, 2.). 

Tiersoty Musiques pittoresques, promenades 
musicales k TExposition de 1889. 8^ 126 S. 
Paris, Fischbacher. 

Tappert, Wandernde Melodien. Eine musi- 
kalische Studie. 2. verm. u. verb. Aufl. S**. 
95 S. Leipzig, List & Francke. M. 2,40. 



Deutschland. 

1. Allgemeines. 



Mfillenlioff, Deutsche Altertumskunde. I. Bd. 
Neuer verm. Abdruck, besorgt durch Max 
Roediger Mit einer Karte von Heinrich 
Kiepert. 8». 644 S. Berlin, Weidmann. 

Kossinna^ Die Sweben im Zusammenhange 
der ältesten deutschen Völkerbewegungen 
(Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte 
Kunst IX, 2.). 

Lippert, Beiträge zur ältesten Geschichte der 
Thüringer III (Zeitschrift des Vereins für 
thüringische Geschichte und Altertumskunde. 
N. F. VII, 1.). 

Birlinger^ Rechtsrheinisches Alamannien, 
Grenze, Sprache, Eigenart. (Forschungen 
zur deutschen Landes- und Volkskunde. 
Herausg. von A. Kirchhofif. IV, 4.) Stutt- 
gart, Engelhom. M. 4,80. 

Voiger^ Die Altenburger Bauern in ihren 



Trachten, Sitten und Gebräuchen. 8*^. 
40 S. Altenburg, Bonde. 

Zar Volkskande des Harzes (Harzer Monats- 
hefte. Heft 5-6.). 

Oertel, Beiträge zur Landes- und Volkskunde 
des Königreichs Sachsen. 8°. 2*^2 S. Leipzig, 
Hirt. M. 4. 

Nordlioffy Das Westfalenland und die W 
geschichtliche Anthropologie. Geschicht- 
liches, Sammlungen, Literatur etc. Zugleich 
als Beihülfe zu antiquarischer Forschung und 
Kartographie. Mit einer Karte der Um- 
gebung von Münster. 8^ 50 S. Münster i.W., 
Regensberg. 

Frickey Das mittelalterliche Westfalen oder 
die alten Sitten, Gesetze, Gerichte, Zu- 
stände und Gewohnheiten der Roten Erde. 
8^ 328 S. m Karte u. Abb. Minden, Bruns. 
M. 4, 



2. Äusseres Leben. 



Höcky Nährpflanzen Mitteleuropas, ihre 
Heimat, Einführung in das Gebiet und 
Verbreitung innerhalb desselben. (For- 
schungen zur deutschen Landes- und Volks- 
kunde. Herausg. Ton A. Kirchhoff. V, 1.). 
Stuttgart, Engelhom. M. 2,20. 

Baschan^ Zur Geschichte des Weinbaues in 
Deutschland (Ausland. Heft 44—45). 



, Wichmanny Der Baustil der alten Germanen 
(Zeitschr. für bildende Kunst Juli.). 

I Banealariy Forschungen über das deutsche 
Wohnhaus (Ausland. Heft 24, 25, 27). 

I T. Hellwaldy Das Haus in den Alpen (Unsere 
Zeit Heft 5). 

, Fresslf lieber Haus und Hof des baiwarischen 
Landmannes (Beiträge zur Anthropologie 
und Urgeschichte Bayerns. IX, 1—2.). 



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Litteratur des J&hres 1890. 



123 



UUe, Das föhiinger Haus (Zeitschrift für 
Ethnologie. XXII, p. [62] ff.). 

YirehoWy Vorkommen und Form des 
sächsischen Hauses in Ost- und West- 
Holstein (ebd. p. [75J ff.). 

Lemke 9 Giebelverzierungen in Ostpreussen 
(ebd. p. [263] ff.). 

Bolte» Der Bauer im deutschen Liede. 
32 Lieder des 16.-19. Jahrhunderts nebst 
einem Anhange (Abdruck aus den Acta 
Germanica I, 3.). S^. 132 S. Berlin, 
Mayer d Müller. M. 4. 

T« Ran, Mähewerkzeuge (Zeitschrift für 
Ethnologie. XXIf, p. [153] ff.). 

Sehnrtz, Der Seifenbergbau im Erzgebirge 
und die Walensagen (Forschungen zur 
deutschen Landes- und Volkskunde. V, 3.). 
Stuttgart, Engelhom. M. 2,60. 



8ohm, Die Entstehung des deutschen Städte- 
Wesens. Eine Pestschrift. 8®. 102 S. 
Leipzig, Duncker 4 Humblot. M. 2,40. 

Meister« Die ältesten gewerblichen Verbände 
der Stadt Wernigerode von ihrer Ent- 
stehung bis zur Gegenwart. 8^ 117 S. 
Jena, Fischer. (Sammlung nationalökono- 
mischer Abhandlungen. Herausg. v. Conrad. 
VI, 2.). 

Edelmann, Schützenwesen und Schützenfeste 
der deutschen Städte vom 13. bis zum 
18. Jahrhundert. Mit ö Abbildungen. S^. 
163 S. München, Pohl. M. G. 

SchrOder, Zur Waffen- und SchifTskunde 
des deutschen Mittelalters bis um das 
Jahr 1200. 8®. 46 S. Kiel, Lipsius & Tischer. 
M. 1,60. (Kiel. Diss.). 



3. Inneres Leben. 



a) Lebenssitte und Recht. 

Ilerrmann, Zur fränkischen Sittengeschichte 
des 15. Jahrhunderts (Germania. XXXV, 1 ). 

Messikommery Einige alte Volkssitten und 
Volksgebränche aus dem Canton Zürich 
(Ausland. Heft 9-10). 

T. Heinemann^ Einladung zu einer Kindtaufe 
aus dem Jahre 1471 (Korrespondenzblatt 
des Vereins für niederdeutsche Sprach- 
forschung. XIV, 1). 

Uayn, Bibliotheca Germanornm nuptialis. 
Verzeichniss von Einzeldrucken deutscher 
Hochzeitsgedichte und Hochzeitsscherze in 
Prosa von Mitte des 16. Jahrhunderts bis 
zur Neuzeit etc. 8". 89 S. Köhi, Fr. Teubner. 
M. 4. 

Herrmann^ Ueber Lieder und Bräuche bei 
Hochzeiten in Kärnten (Archiv für Anthro- 
pologie. XIX, 3.). 

UAbler, Hochzeitsgebräuche im südlichen 
Böhmen (Mittheilungen des Vereins für 
Geschichte der Deutschen in Böhmen. 
XXVm, 2.). 

Sehnltiy Alltagsleben einer deutschen Frau 
zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. 
Mit 33 Abbildungen. 8^ 278 S. Leipzig, 
Hirzel. 

Bichtold, Die Anwendung der Bahrprobe in 
der Schweiz (Romanische Forschungen. 
V, 1). 

Lindner, Der angebliche Ursprung der Veme- 
gerichte aus der Inquisition. 8°. 31 S. 
Paderborn, Schöningh. M. 0,80. 



Finkey Vemegerichte und Inquisition? (Histo- 
risches Jahrbuch der Görres- (Gesellschaft. 
XI, 8). 

Opet, Geschlechtsvormundschaft in den frän- 
kischen Volksrechten (Mittheilungen des 
Instituts für österreichische Geschichts- 
forschung, in. Ergänzungsband, H. 1). 

Bdringnier, Die Rolande Deutschlands. Fest- 
schrift zur Feier des 25jährigen Bestehens 
des Vereins für die Geschichte Berlins am 
28. Januar 1890. 8<>. 207 S. Berlin, Mittler. 

Brnnner, üeber absichtslose Missethat im 
altdeutschen Strafrecht (Sitsungsberichte der 
königl. preuss. Akademie der Wissensch. 
zu Berlin. XXXV.). 

b) Religion. 

a) Mythen. Sagen. 

KanAhnann, Odinn am galgen (Faul u. Braune, 
Beiträge XV. S. 195—207). 

Jaekely Ertha Hludana (Zeitschrift für 
deutsche Philologie. XXIII, 2-3.). 

Cassel, Paulus oder Phol. Ein Sendschreiben 
an Prof. Bugge in Christiania 8°. 43 S. 
Guben und Berlin, Sallis. 

Kanffmanny Der zweite Merseburger Zauber- 
spruch (Paul u. Braune, Beiträge. XV, 
S. 207-210.). 

Golther, Deutscher und nordischer Götter- 
glaube (Nord und Süd. Juni.). 

Schwartzy Mjthologisch-volksthümliches aus 
Frledrichsroda und Thüringen (Zeitschrift 
für Ethnologie. XXII, p. [131] fif. 



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124 



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Bauthe^ Die Sagen von Baden-Baden und 
seiner Umgebung. Nach den 14 Fresken 
der Trinkhalle zu Baden dem Yolksmund 
nacherzählt. S^. 104 S. Karlsruhe, Biele- 
feld. M 3. 

Eictaler, Harzsagen. Die schönsten Sagen 
und Märchen aus dem Harze. Der „Harz- 
blumen« 2. (Titel-) Aufl. 8^ 104 S. Harz- 
burg, Stolle. 

Falda^ Die Ejffhäusersage. Bede, gehalten 
im Jahre 1877 in der Hauptversammlung 
des Harzvereins. Herausg. von Julius 
Schmidt und F. Gnau. 8«. 50 S. Sanger- 
hausen, Franke, o. J. M. 1,25. 

Deecke^ Lubische Geschichten und Sagen. 
3. verb. u. verm. Aufl. 8^ 334 S. Lübeck, 
Dittmer. 

Frahniy Norddeutsche Sagen von Schleswig- 
Holstein bis zum Harz. Mit 34 Abbildungen. 
8^ 303 S. Altona u. Leipzig, Reher. M. 4. 

Frischbier 9 Ostpreussische Sagen (Alt- 
preussische Monatsschrift. April-Mai). 

Jahiiy Yolkssagen aus Pommern und Rügen 
2. Aufl. S^, 566 S. Berlin, Mayer & Müller. 
M. 6. 

LachmaBU, (Jeberlinger Sagen (Alemannia. 

xvin, 2). 

Yonbun, Die Sagen Vorarlbergs. Nach 
schriftlichen und mündlichen Ueberliefe- 
rungen gesammnlt und erläutert. 2. ver- 
mehrte Ausg. Nach der hinterlassenen 
Handschrift des Verf. und anderen Quellen 
erweitert und mit einem Lebensabrisse 
Vonbuns versehen von Hermann Sander. 
8«. 314 S. Innsbruck, Wagner. M. 5,60. 

Blrlinger^ Die Sagen Vorarlbergs (Alemannia. 
XVin, 2;. 

Bolte^ Marienlegenden des 15. Jahrhunderts 
(ebd. 1). 

Wöber^ Die Skiren und die deutsche Helden- 
sage. Eine genealogische Studie über den 
Ursprung des Hauses Traun. 8^. 281 S. 
Wien, Holder. 

Heeger^ lieber die Trojauersagen der Franken 
und Normannen. S^, 39 S. (Progr. der 
Studienanstalt in Landau.) 



ß) Gebräuche. Aberglauben. 

Rogge^ Aberglaube, Volksglaube und Volks- 
brauch der Gegenwart nach ihrer Ent- 
stehung aus altgermanischem Heidentum. 
Ein Beitrag zur Pflege des Volkstums. 8^. 

. 33 S. Leipzig, FocL 

Laochert, Studien zu Thomas Mumer. II. 



Volkstümliche üeberlieferungen (Alemannia. 
XVIII, 2;. 
BIrlinger, Lachmann und Unseld^ Volks- 
tümliches (ebd. 2). 

— Besegnungen, Aberglauben (ebd. 3j. 

— St. Magnusstab aus dem Schwarzwalde 
(ebd.). 

Weihnacbtsbranch und Aberglaube in der 
Provinz Sachsen (Blätter für Handel, Ge- 
werbe und sociales Leben. 1—2). 

Niederlausitzer Sage, Brauch und Glaube 

• (Mittheilungen der Niederlausitzer Gesell- 
schaft für Anthropologie und Urgeschichte. 
6. Heft, Lübben). S. 450— 524. 545-551. 

von Wlitdocki, Volkstümliches zum „Armen 
Heinrich** (Zeitschrift für deutsche Philo- 
logie. XXIII, 2-3). 

Wolzendorlf, Volksmedizin und Curpfuscherei 
(Westermanns Illustr. deutsche Monatshefte. 
April). 

Uöfler, Volksmedizinisches (Beiträge zur 
Anthropologie u. Urgeschichte Bayerns. 
IX, 1-2). 

Uarless, Ein Kecept aus dem 9.— 12. Jahr- 
hundert (Alemannia. XVIII, 2). 

Lexer, Teufel (Deutsches Wörterbuch von 
J. u. W. Grimm, fortgesetzt von M. Heyne. 
Bd. XI, Liefg. 2, sp. 265-294). 

Eichlery Tempel-Anneke, die letzte Hexe von 
Braunschweig. Ein Zeitbild früheren Irr- 
glaubens. 12 ^ 30 S. Harzburg, Stolle. 



c) Sprache« 

a) Mundartliches. 

Behaghely Geschichte der deutschen Sprache 
(Grundriss der germanischen Philologie, 
'herausg. von Paul. I, S. 526— ü33. Mit 
Dialektkarte). 

Kauffmann^ Geschichte der schwäbischen 
Mundart im Mittelalter und in der Neuzeit. 
Mit Textproben und einer Geschischte der 
Schriftsprache in Schwaben. 8^. 355 S. 
Strassburg, Trübner. 

Brandätettery Prolegomena zu einer urkund- 
lichen Geschichte der Luzemer Mundart 
8°. 88 S. Einsiedeln, ßenziger. 

Blattner, Ueber die Mundarten des Cantons 
Aargau. Brugg. (Leipzig, Fock.) M. 2,50. 

Uoffmann, Der mundartliche Vokalismus 
von Baselstadt in seinen Grundzügen dar- 
gestellt. 8^ Basel, Geering. M. 2. 

Boppy Der Vokalismus des Schwäbischen in 
der Mundart von Münsingen. Ein Beitrag 



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Litteratur des Jahres 1890. 



125 



rar schwäbischen Grammatik. 8^ 81 S. 
Strassbnrg', Trübner. M. 2. 

Btltey Banemgespr&ch, schwäbisch (Ale- 
mannia. XVIII, 1). 

Idiotlkoiiy schweizerisches. Wörterbuch der 
schweizerdentschen Sprache. Bearbeitet von 
Fr. Staub, L. Tobler, R. Schoch und 
H. Bruppacher. 17.— 19. Heft (Bd. II, 8 
bis 10). 4°. sp. 1169-1488. Frauenfeld, 
Haber. Fr. 2. 

Birlingery Das schweizerische Idiotikon. 
(Alemannia. XVni, 3). 

BirÜBger, Zum deutschen Sprachschatz 
(Alemannia. XVm, 1). 

— Aelteres Küchen- und Kellerdeutsch (ebd. 3). 

CreeelinSy Oberhessisches Wörterbuch. Auf 
Grund der Vorarbeiten Wiegands, Diefen- 
bachs und Heimbachs, sowie eigener Mate- 
rialien bearbeitet 1. Liefg. 8^ Darm- 
stadt, Küngelhöfer. M. 6. 

Pfaff^ Zur Handschuhsheimer Mundart (Paul 
ü. Braune, Beiträge zur Geschichte der 
deutschen Sprache und liiteratur. XY, 
S. 178—194). 

Heckingr» Die Eifel in ihrer Mundart 12 ^ 
112 S. m. 1. Abb. Prüm, Plauen. M. 0,80. 

liebely Die Entwickelung des westgerma- 
nischen Lautbestandes in der Mundart von 
Seifhennersdorf. 8^ 69 S. (Leipz. Diss.; 
Paul u. Braune, Beiträge. XV, 8. 1—69). 

LieMnbergV l^ie Stieger Mundart, ein Idiom 
des Unterharzes, besonders hinsichtlich der 
Lautlehre dargestellt, nebst einem etymo- 
logischen Idiotikon. 8^ 225 S. Göttingen, 
Yandenhoeck & Rupprecht M. 4^. 

Dtmkdhlery Mundart der Urkunden des 
Klosters Ilsenburg und der Stadt Halber- 
stadt und die heutige Mundart (Germania. 
XXXV, 2). 

ingey Johann Aegidius E^löntrup. Nieder- 
deutsch-Westphälisches Wörterbuch. Buch- 
stabe A. Festschrift zur Jahresversammlung 
des Vereins für niederdeutsche Sprach- 
forschung in Osnabrück, Pfingsten 1890. 
38 8. 

(■••P9 Plattdeutsches aus Hinterpommem. 
l. n. 2. Sammlung. (2 als wiss. Beilage 
nun Progr. des Gymnasiums zu Rogasen.) 
4*. 24 u. 26 S. Posen u. Rogasen (Leipzig, 
Fock). 

Piieiiy Zum mnd. Wortschatze (Korrespondenz- 
blatt des Vereins für niederdeutsche Sprach- 
forschung. XIV, 4). 

WoggidlOy Imperativische Wortbildungen im 
Niederdeutschen. 1. Teil. (Beigabe zum 
Progr. des Gymnasiums zu Waren). 



Wossidlo^ Negative Verbindung zweier Aus- 
drücke im Mecklenburger Platt (Korrespon- 
denzblatt des Vereins für niederdeutsche 
Sprachforschung. XIV, 2). 

W« H« M«9 Die niederdeutschen Pfianzen- 
namen in Bassum in Hannover (ebd. XIV, 1). 

ran Hellen , Altostfriesische Grammatik. 
Herausg. im Auftrage der Friesch Genoot- 
schap voor geschied-, oudheid-en taalkunde 
te Leeuwarden. S^, 12 en 265 bl. Leeu- 
warden, Mejer. Fl. 5. 



ß) Namen. 

Henning, Die Ortsnamen auf -as in den la- 
teinischen Urkunden des Mittelalters (Zeit- 
schrift für vergleich. Sprachforschung auf 
dem Gebiet der indogerm. Sprachen. N. F. 
XI, 2). 

Schneller, Tirolische Namenforschung. Orts- 
und Personennamen des Lagerthaies in Süd- 
tirol. Mit einem Anhange und einer Karten- 
skizze. 8^ 373 S. Innsbruck. 

Prinzinger d. ä., Zur Namen- und Volkskunde 
in den Alpen. Zugleich ein Beitrag zur 
Geschichte Bayem-Oesterreichs. 8^*. 71 S. 
mit 2 Taft München, Ackermann. 

Brandstetter, Beitrage zur schweizerischen 
Ortsnamenkunde II (Der Geschichtsfreuud. 
Bd. 44)! 

— Der Name Schlittwald (Anzeiger für 
schweizerische Geschichte. Heft 5). 

Manke, Die Familiennamen der Stadt Anklam. 
3. Th. 4°. 16 S. (Progr. des Gymnasiums 
zu Anklam). 



y) Bedeutung. 

Johannsony Gotische Etymologien (Paul u. 
Braune, Beiträge. XV, S. 223-243)- 

Sandvoss, Briezkeile und Annerboehlkenkinner 
(Korrespondenzblatfc des Vereins für nieder- 
deutsche Sprachforschung. XIV, 6). 

Steinmejer, fein (Zeitschrift für deutsches 
Alterthum. XXXIV, 4). 

Sandvoss^ Geizknochen (Korrespondenzblatt 
des Vereins für niederdeutsche Sprach- 
forschung. XIV, 2). 

StOBch^ Noch einmal mhd. gelouben (Zeit- 
schrift für deutsches Alterthum. XXXIV, 1). 

Kranse, Springer^ gizhacke (Korrespondenz - 
blatt des Vereins für mederdeut«che Sprach- 
forschung. XIV, 2. 3). 

Bremer^ Martin, R5diger u. a., gräd, jr4t 
(ebd. 2, 3, 5). 



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126 



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Babncke^ Spreogrer, Hoppmann, kapehorn 
(ebd. 1. 5). 

PeterSy Kastem&nnken (ebd. 2. 5) 

Krause 9 Liebart und Base, Tigerjagd, An- 
tholapas, Panthera (ebd. 1). 

Sehlflter, markelen (ebd. 5). 

Sprenger, Praess (ebd. 2). 

Koppmann, revekoken (ebd. 5). 

Frisehbier, Schettem (ebd.). 

Schlflter und Reiche, Schewenklot (ebd. 1-51. 

Schlüter, Span (ebd. 5). 

— Zu „Siebensinnig" (ebd. 3). 

SandTOSS, Stiege (ebd. 8). 

Ehrismann, ags. twegen, b6gen und einige 
germanische Verwandtschaftsbegriffe (Ger- 
mania. XXXV, 2). 

Peters, Wehr (Korrespondenzblatt des Ver- 
eins für niederdeutsche Sprachforschung. 
XIV, 2). 

Ton Heinemann, Seelmann, L9we, wanne 
(ebd. 2. 3. 5). 



d) Poesie. 

«) Lieder. 

Deutsche Volkslieder, in Niederhessen aus 
dem Munde des Volkes gesammelt, mit 
einfacher Klavierbegleitung, geschichtlichen 
und vergleichenden Anmerkungen heraus- 
gegeben von Johann Lewalter. Hamburg, 
Fritzsche. 

Hofer, Weihnachtslieder aus Niederösterreich. 
8**. 58 8. (17. Jahresbericht des nieder- 
österreichischen Landes-Lehrerseminars in 
Wiener-Neustadt) Wiener-Neustadt. 

Liebenan, Nachträge zu den historischen 
Volksliedern und Sprüchen aus der Schweiz 
(Anzeiger für Schweizerische Geschichte. 
Heft 1). 

Crecelias, Geschichtliche Lieder aus dem 
17. Jahrhundert (Alemannia. XVIII, 1}. 

Obser, Historische Lieder aus dem Österreich. 
Erbfolgekrieg (Germania. XXXV, S. 181). 

Frejbe, Deutsche Lieder aus Tirol (Allge- 
meine konservative Monatsschrift. XLVII, 1). 

Bolte, Ein Augsburger Liederbuch vom Jahre 
1454 (Alemannia. XVIII, 2). 

Katalog von Liederbüchern des 18. und 17. 
Jahrhunderts auf der Königl. Bibliothek zu 
Dresden. (Monatshefte für Musikgeschichte. 
XXII, 2.) 

Holte, Deutsche Volkslieder in Schweden 
(Zeitschrift für vergl. Litteraturgeschichte 
und Renaissancelitteratur. II, 4) 

— Eine unbekannte Ausgabe des Frankfurter 



Liederbüchleins (Zeitschrift für deutsches 
Alterthum. XXXIV, 2—8). 
Holte, Du bist min, ich bin din (ebd.). 

— Die Sultanstochter imElostergarten (ebd. 1). 

— Ein Totentanz des XVII. Jahrhunderts 
(Alemannia. XVIII, 1). 

— Ein weiterer Totentanztext (ebd. 2). 

— Zu des Knaben Wunderhom (ebd. 1). 
Distel, Ein Jahrmarktslied aus dem Jahre 

1685 (Vierteljahrsschrift für Litteratur- 
geschichte. ni, 8). 

Leimbach, Zur Einführung in das deutsche 
Volkslied. Bremen, Heinsius. M. 8. 

DmlTel, Ueber eine rhythmische Eigentüm- 
lichkeit in alten deutschen Volksliedern 
(Musikalisches Wochenblatt. XXI, 9). 

Marold, Ueber die poetische Verwertung der 
Natur und ihrer Erscheinungen in den 
Vagantenliedem und im deutschen Minne- 
sang (Zeitschrift für deutsche Philologie. 
XXIII, 1.) 

Planmann, Die deutsche Lindenpoesie. 4^. 
47 S. (Wiss. Beil. zum Progr. des Kgl. 
Gymn. zu Danzig.) 

Walter, Ueber den Ursprung des höfischen 
Minnesanges und sein Verhältnis zur 
Volksdichtung. 8^ 74 S. (Leipz. Diss.) 

Mejrer, Volksgesang und Ritterdichtung (Zeit- 
schrift für deutsches Alterthum. XXXIV, 2). 



ß. Geschichten, Märchen, Rätsel, 
Sprichwörter u. a. 

Grimm's Kinder- und Hausmärchen. A Se- 
lection of the Choicest Faiiy Tales of the 
Brothers Grimm. Text, with Notes etc. by 
W. J. Hickie. 8«. Williams & N. 2 sh. 

Knntze, Zur Geschichte von dem kranken 
Königssohne (Grenzboten. Heft 5— 6). 

Hajrn, Die deutsche RUtselliteratur. Versuch 
einer bibliographischen üebersicht bis zur 
Neuzeit. Nebst einem Verzeichnisse deut- 
scher Los-, Tranchier- und Komplimentier- 
bücher Centralblatt für Bibliothekswesen. 
Dezember). 

Frischbier, Die Menschenwelt in Volksrätseln 
aus den Provinzen Ost- und Westpreussen 
(Zeitschrift für deutsche Philologie. XXIII, 
2-3). 

Treichel, Dialektische Rätsel, Reime und 
Märchen aus dem Ermlande (Altpreussische 
Monatsschrift. April-Juni). 

Knoop, Plattdeutsche Sprüchwörter und 
Redensarten aus Hinterpommem. (Jahr- 
buch des Vereins für niederdeutsche 



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liitt^ratur des Jahres 1890. 



127 



Sprachforschung. Jahrg. 1889. Norden u. 
Leiprig 1890. S. 03—60). 

Dirks^B, Ostfriesische Sprichwörter und 
Redensarten (Korrespondenzblatt des Ver- 
eins für niederdeutsche Sprachforschung. 
XIV, 5). 

— Meidericher Sprichwörter, sprichwörtliche 
Redensarten und Sinnsprüche mit Anmer- 
knngen. Meiderich, Selbstverlag. 8^. 32 S. 

Janker und Pfaffen im Gewände des 
Sprichworts und unter der Geissei des 
Volkswitzes. Vom Verf. der „Allotria, un- 
geflügelte Worte**. 4. neugeordnete u. reich 
▼ermehrte Aufl. 8^. 61 S. Leipzig, Laudien. 

Altdentsehe Reime und [Sprüche. Auswahl 
▼OD Weisheit und Witz aus Christoph 
Lehmann 's florilegium politicum, herausg. 
Ton einem Liebhaber alter deutscher Sprache 
und Weisheit. 2. vermehrte Aufl. 16^. 201 S. 
Berlin, Duncker. 

Sekdnbaek, Sprüche und Spruchartiges aus 
Handschriften (Vierteljahrsschrift für Lite- 
raturgeschichte. III, 2). 

TOn Hdrmann, Haussprüche aus den Alpen. 
201 S. Leipzig, Liebeskind. 

Faleky Art und Unart in deutschen Bergen. 
Volkshumor in Reimen und Inschriften. 8®. 
110 S. Berlin, Meidinger. M. 2. 

Birlinger, Alte gute Weisheit. Ein Spruch 
von den Falsch- und Leichtraünzem (Ale- 
mannia. XVin, 1). 

— Weisheit aus der Heidelberger Küchen- 
meisterei (ebd. 8). 

Lanckerty Priameln bei Abraham a S. Clara 
(ebd. 2). 

dmikm. Schwanke und Schnurren aus Bauem- 
mund. Mit 1 Titelbild. 8^ 140 S. Berlin, 
Mayer u. Müller. M. 1. 

KB«op9 Eine Thierfabel aus Hint^rpommem 



(Korrespondenzblatt des Vereins für nieder- 
deutsche Sprachforschung. XIV, 2). 

Hanser^ Vorarlberger Volks- und Ortsnecke- 
reien (Alemannia. XVIII, 2). 

Birlinger, Ortsneckereien (ebd. 1). 



y. Volksschauspiel, Musik, Tanz. 

Die beiden alten Volkssehanspiele tou 
Dr. Johann Fanst und Christoph Wagner, 

Fausts Famulus. Herausg. von K. Engel. 
(Deutsche Puppenkomödien. IX.) Olden- 
burg, Schulze, 0. J. M. 1,60. 

Doktor Johann Fanst. Volksschauspiel vom 
Plagwitzer Sommertheater. Herausg. von 
A Tille. (Deutsche Puppenkomödien X.) 
Oldenburg, Schulze, o. J. M. 0,60. 

Lier^ Studien zur Geschichte des Nürnberger 
Fastnachtspieles. I. 8^ 74 S. (Leipz. 
Diss.). 

Holstein 9 Zur Topographie der Fastnachts- 
spiele (Zeitschrift für deutsche Philologie. 
XXIII, 1). 

Renlingy Die komische Figur in den wich- 
tigsten deutschen Dramen bis zum Ende 
des 17. Jahrhunderts. 8°. 181 S. Stutt- 
gart, Göschen. M 4. 

Sittard^ Geschichte des Musik- und Concert- 
wesens in Hamburg vom 14. Jahrhundert 
bis auf die Gegenwart. 8^ 392 S. Altena, 
Reher. M. 6. 

Bolte^ Zur Geschichte des Tanzes: Samm- 
lungen von Tanzmelodien des 16. — 17. Jahr- 
hunderts, Bauern- und Handwerkertänze, 
ausländische Tänze, ein Lied wider das 
Tanzen (Alemannia. XVIII, 1). 

Ammanny Nachträge zum Schwerttanz (Zeit- 
schrift für deutsches Altertum. XXX LV, 3). 



(Fortsetzung folgt) 



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Zeitschrift dee Vereins Tür Volkskunde 1891. 



Tafl. 




O 



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Verlag von A. ASHER & Co. in Berlin W., Unter den Linden 13. 

Bastian, A. Religione-plülosophische Probleme auf dem Forschungs- 
gebiete buddhistischer Psychologie und der vergleicheuden Mythologie. 
In 2 Abteilungen. X, 190 und 112 Seiten in einem Bande gr. 8. 
1884. geh. Mk. 9 — 

Behla, Bobert. Die vorgeschichtlichen Rundwälle im östlichen Deutsch- 
land. Eine vergleichend-archäologische Studie. Mit einer prähistori- 
schen Karte im Maassstabe von 1 : 1 050 000. X und 210 Seiten gr. 8. 
1888. geh. Mk. 6,50 

Joest, Wilhelm. Tätowiren, Narbenzeichnen und Körperbemalen. Ein 
Beitrag zur vergleichenden Ethnologie. Mit 1 1 Tafeln in Farbendruck, 

I Lichtdrucktafel und 30 Zinkätzungen nach Origiualzeichnungen von 
0. FINSCH, CL. JOEST, J. KUBAEY und P. PREISSLER, nebst 
Original-Mitteilungen von 0. FINSCH und J. KÜBAßT. X und 

112 Seiten Folio. 1887. In Halbleinewandband. Mk. 40 — 

Joest, Wilhelm. Spanische Stiergefechte. Eine kulturgeschichtliche Skizze. 

113 Seiten. Mit 3 Lichtdrucktafeln gr. 8. 1889.^ geh. Mk. 3 — 

Sehroeder, Leopold von. Die Hochzeitsgebräuche der Esten und einiger 
anderer finnisch-ugrischer Völkerschäften in Vergleichung mit denen 
der indogermanischen Völker. Ein Beitrag zur Kenntnis der finnisch- 
ugrischen und der indogermanischen Völkerfamilie. YliL und 
265 Seiten gr. 8. 1888. geh. Mk. 5 — 

Yirchow, Rudolf. Das Gräberfeld von Koban im Lande der Osseten, 
Kaukasus. Eine vergleichend archäologische Studie. 1 Band Text, 
157 Seiten mit zahlreichen Holzschnitten, 4, geh. und ein Atlas von 

II Lichtdrucken, fölio, in Mappe 1883. Mk. 48 — 



Gratis und franko rersende Ant. Cat. 29: 

Cnltu8> Sitten- und Rechts -Geschichte. 

KSIn a« Bh. Paiil Neubner. 



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Versende gratis Verzeichnis: 

!Deutische Curioisa. 

Sammlung V. Schwänken, Satyren, Hochzeitsgedichten u.Liebesliodern. ^ 
\ l Kdln a. Bh.^ Passage 43. Frans Teabner. ] ^ 



In A. Stnber's Terlag:sbachhandliiii8: in ÜVürzbiirg: erschien soeheu: 

I>ie ISpraehiseliöpfiiiig. 

Versuch einer Embryologie der menschlichen Sprache, 

von Theodor Curti, Redakteur. 

Preis 1 Mk. 50 Pf. 

Durch eine Verbindung von Kesultaton der Naturwissenscliaft und der Sprachm-scliichte sucht 
der Verfasser die ADfömre der Sprache aufzuklären und die ersten Lauttrebilde (Ürwörter, Spraeh- 
^Rnxzeln) organisch in Klassen zu ordnen. — Von dem reichen Inhalt der Schritt mögen einim^ 
KapitelÜberBcbrlften einen Begriff geben: «Die Irrtümer der SprachphilusüplitMi.' — ,Da.s Sprachoriran 
des Urmenschen.'* — „Klassifikation der Ürwörter." — „Die Emptindunijswörti'r.'* — , Chronologie d»T 
Ürwörter.* 



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Verlag von A. ASHER & Co. in Berlin W., Unter den Linden 13. 

Zeitschrift für Ethnologie. 

Organ der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie 

nnd Urgeschichte. 
Redactions-Commission: A. Bastian, B. Hartmann, B. Yirchow, A. Yoss. 

Mit zahlreichen Text-Illnstrationen und Tafeln. 

Erscheint 6 Mal jährlich. — Preis des Jahrganges M, 24, — 

Die bis jetzt erschienenen 22 Jahrgänge und die Supplemente sind theilweise zu 
herabgesetzten Preisen zu haben. 



Als Ergänzungsblätter zur „Zeitschrift für Ethnologie" erscheinen seit 1890: 

lachlichten Ober deutsche Alterthumsfunile. 

Mit Unterstützung des Königl. Preuss. Ministeriums der geistlichen, Unter- 
richts- und Medicinal- Angelegenheiten herausgegeben von der Berliner 
Gesellschaft für Anthropologie^ Ethnologie nnd Urgeschichte, 

unter Eedaction von 

B. Virchow und A. Yoss. 

Jährlich 6 Hefte. — Preis M. 5 — 



Nachrichten über Kaiser -Wilhehns -Land 

und 

den Bismarck -Archipel 

Ueransgegeben von der Nen- Guinea- Kompagnie zn Berlin. 

Erster Jahrgang 1885 (4 Hefte) . M. 5,— Vierter Jahrgang 1888 (4 Hefte) . M. 5,95 
Zweiter Jahrgang 1886 (4 Hefte) . M. 3,75 Fünfter Jahrgang 1889 (2 Hefte) . M. 4,50 
Dritter Jahrgang 1887 (5 Hefte) . M. 7,05 ' Sechster Jahrgang 1890 (2 Hefte) M. 3,— 
Beiheft zu 1889: K, Schumann u. M, Hollrnny^ Die Flora von Kaiser- Wilhelms-Land ÄL 4,50. 

Diese Zeitschrift erscheint in zioanghsen Heften. 



Das vierte Heft des Bandes XX der Zeitsebrift 
für Tölkerpsyeliologie und SipraeliivisiseiuieliafV;, 

welches ein Greneral- Register der sämtlichen 20 Bände ent- 
halten soll, wird in Folge der hiermit verknüpften grossen Arbeit 
etwas verspätet erscheinen. 

A. Asher & Co. in BerliiL 



Druck von Gebr. Unger io Berlin, S^llönobcr^^rstT. 17«. 



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ZEI 




des 



Vereins für Volkskunde. 



Nette Folge der Zeitschrift für Volkerpsjfcholoffie und Sprachtmsenschaft^ 
begründet von M. Lazarus und U. Stevtithal. 



Im Auftrage des Vereins 

herausgegeben 



Karl Weinhold. 



Erster Jahrgang. 




1891. Heft 2. 



.j BERLIN. 
Verlag von A. Asher & Co. 



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Inhalt 

Seite 

Land und Leute der Saalegegenden. Von August Meitzen . . . 129 

Die Eichenfrucht als menschliches Nahrungsmittel. Von Carl Bolle 138 
Der Tod in Sitte, Brauch und Glauben der Südslaven. Vorwiegend 

nach eigenen Ermittlungen. Von Friedrich S. Krauss. . . 148 
Die Annalen des Bischofs Gisli Oddsson in Skälholt von 1637. Mit- 
geteilt von Jon porkelsson * 164 

Segen und Heilmittel aus einer Wolfsthumer Handschrift des XV. 

Jahrhunderts. Mitgeteilt von Oswald von Zingerle .... 172 

Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg. Von H. Prahn . . 178 

Volkssegen aus dem Böhmerwald. Von J. J. Ammann in Krummau 197 

Kleine Mitteilungen: 

Volksüberlieferungen aus Eisenerz in Obersteiermaa-k. S. 215. — Sitten nnd Gebräuche 
bei Sterbefällen in Meiderich (ßeg.-Bez. DüsReldorf). S. 219. — Ein kleiner Nachtrag- zu 
dem ersten Artikel der „Volkstümlichen Schlaglichter". S. 220. 

Bücheranzeigen : ; 

Fr. Staub, L. Tobler und R. Schoch, Schweizerisches Idiotikon. S. 221. — 
Chr. Schneller, Tirolische Namenforschungen. S. 222. — Dr. Anton Schlossar, P 
Deutsche Volksschauspiele. S. 225. — Krauss, Friedrich S., Orloviö, der Burggraf j 
von Raab. S. 227. — Ullrich, H., Sagen der mittleren Werra. S. 227. — Philo vom 
Walde, Die Dorfhexe. S. 229. — A. de Cock, Volksgeneeskunde in Vlanderen. S. 229. 

Aus den Sitzungs-Protokollen des Vereins für Volkskunde. S. 230. 

Bibliographie. S. 234. 



Wir machen darauf aufmerksam, dass der Verein f&r Volkskimde 
(Sitz in Berlin), dessen Organ diese Zeitschrift Ist, nichts gemein hat 
mit der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde des Dr. E. Veckenstedt 
in Halle a. S. 



Beiträge für die Zeitschrift, bei denen um deutliche Schrift 
auf Quartblättern mit Rand gebeten wird, Mitteilungen im 
Interesse des Vereins, Kreuzbandsendungen, beliebe man an 
die Adresse des Herausgebers, Geh. Regierungsrat Prof. Dr. 
K. Weinhold. Berlin W., Hohenzollernstr. 10, zu richten. 

Bücher für Besprechung in der Zeitschrift wolle man an die Verlags- 
buchhandlung A. Asher & Co., W. Unter den Linden 13, senden. 

Beitrittserklärungen zum Verein nimmt der Schriftführer Dr. ü. Jahn, 
Berlin NW., Perlebergerstr. 32, entgegen. 

Schatzmeister des Vereins ist Banquier Alexander Meyer Cohn, 
Berlin W., Unter den Linden 11. 



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Land und Leute der Saalegegenden^). 

Von Aagnst Heitzen. 

Meine Absicht ist, die besondere Stellung zu behandeln, welche Land und 
Leute der Saalegegenden in dem Zusammenhange der deutschen Volks- 
kunde einnehmen. Die Frage lässt sich näher dahin fassen, können wir 
uns ein zutreflFendes Bild von dem Zustande der Saalegegenden zur Zeit 
der ersten Bewohnung und von den Veränderungen, die sie durchlaufen 
haben, machen; wissen wir, welche unserer Volksstämme in ihnen Sitze 
nahmen^ und lassen sich noch in der Gegenwart Spuren ihrer volks- 
tümlichen Eigenart erwarten? 

Ziehen wir zunächst die Beschaffenheit und Lage des Landes in 
Betracht. 

Keine wissenschaftliche Errungenschaft hat unseren Anschauungen 
über die Kulturentwickelung unserer deutschen Heimat so festen Halt 
gegeben, als der Nachweis, dass Europa nördlich der Alpen vor noch nicht 
allzu lange zurückliegender Zeit eine Polarwüste war. Berg und Thal, 
Ebenen und Meeresboden hatten bereits alle Hauptformen ihrer heutigen 
Gestalt gewonnen, als aus unbekannter, wahrscheinlich kosmischer Ursache 
eine Verminderung der durchschnittlichen Temperatur von, wie man an- 
nimmt, 3 — 4 Grad eintrat, und sich deshalb unaufhaltsam, wie es auch 
heute geschehen würde, die Kiölen vom Polarkreis aus in eine ins Un- 
geheuere anwachsende Schnee- und Eismasse hüllten. Von Schweden her 
füllte ein unermesslicher Eisstrom die Ostseetiefe. Als er 1000 Puss über 
die heutige Meeresfläche angewachsen war, floss er quer von Norden nach 
Süden, staute noch am Riesengebirge und Harz in 1200 Puss Seehöhe an 
und drang in gleicher Stärke in die Saaleebenen ein. Von Süden her, 
von den Alpen und Pyrenäen, kamen dieser Eismasse weitverzweigte 
Gletscherströme entgegen, welche von Höhen, wie dem Rigi, nur noch 
geringe Spitzen frei Hessen. 

Für unsere Präge folgt daraus, dass an der Saale, wie in ganz Deutsch- 
land, Pauna und Plora total vernichtet, und der Mensch, wenn er sich 
schon bis hierher verbreitet hatte, getötet oder vertrieben wurde. 



1) Vortrag in der ersten Versammlung des Vereins für Volkskunde am 23. Januar 1891. 

Zeitocbrlft d. Vereins L Volkskunde. 1891. 9 ^^ ^ 

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130 Meitzen: 

Zunächst musste erst wieder bewohnbares Land entstehen. Dieser 
Prozess war langsam. Mehrmals schwankte die Vereisung. Zuerst ver- 
breiteten sich zwischen den wandernden Dünen im Staub und Sand des 
Gletscherschuttes Steppenpflanzen und Steppenthiere. Dann kamen Gräser 
und Waldbäume, weniger von Süden durch die engen Thäler der Alpen, 
als von der breiten Grenze mit der russischen Ebene. Diese grüne Decke 
erlangte durch die Sbmmerregen fast ununterbrochenen Zusammenschluss, 
aber sie enthielt, ausser einigen Waldbeeren, keinerlei geniessbare Frucht. 
So wurde das Land eine gleichförmige Einöde von Wald, Sumpf und Heide. 

Jahrtausende können hier Finnen als Jäger umhergeschweift sein, 
wie sie es noch heute in Sibirien und Lappland thun. Wir kennen kein 
anderes Volk zwischen uns und dem Polareise. Vielleicht sind die Trolls, 
die Zwerge und Heinzelmännchen der Kiffhäuser- und anderer Sagen noch 
eine Erinnerung an sie. 

Sicher wissen wir, dass in absehbarer Zeit die Kelten von Osten kamen 
und das Donau- und Rheingebiet in Besitz nahmen, in welchen noch heute 
jeder Fluss ohne Ausnahme einen keltischen Namen trägt. 

Den Norden aber überliessen sie den Germanen, von deren Ver- 
breitung zwischen Weichsel und Nordsee uns Tacitus die erste Völker- 
tafel giebt. 

Das Bild des Stammeslebens dieser Hirtenvölker besitzen wir deut- 
lich in dem gemeinsamen Sprachschatze der Indogermanen, der sie schon 
vor ihrem Aufbruche aus der fernen Heimat schildert. Sie lebten nicht 
als Wilde, sondern in geordneten Ehen und als Geschlechtsverbände unter 
Häuptlingen, reges, Richtern und Vornehmen, ausgerüstet mit allen unseren 
Hausthieren, mit der Kenntniss des einfachen Haushaltes und des Acker- 
baues, den auch die Steppennomaden nicht entbehren können, und weideton 
ihr zahlreiches Vieh in grossen Lagergenossenschaften. Diese weide- 
wirtschaftlichen Genossenschaften finden wir bei allen Deutschen als 
Hundertschaften von ungefähr 120 Familien wieder, mit den unentbehr- 
lichen Heerden von mindestens 3000 Stück Grossvieh. 

Denkt man sich ein solches Wandervolk aus der russischen Ebene 
im vorschreitenden Weidegange allmählich heranziehend durch das Thor 
zwischen den Karpathen und den unergründlichen Pripetsümpfen, wo 
konnten sie Veranlassung haben, Halt zu machen? 

Alle Umstände lehren leicht, dass dazu die Saalegegenden am 
meisten einladen mussten. Wenn die Hirten dem Fusse der Karpathen und 
Sudeten folgten, fanden sie keinen schöneren und fruchtbareren Boden 
als den Ostharz und die Magdeburger Börde. Aber noch ein anderer Vor- 
zug musste sie hier festhalten, das Salz. 

Alle Weidegegenden Turkestans und Ostrusslands haben Überfluss an 
Salz. Zogen sie weiter, so mussten sie es entbehren. Ob bei Wielitzka 
und an der Sula schon damals Solquellen bemerkbar waren, ist unsicher. 



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Land und Leute der Saalegegenden. 131 

Jedenfalls war der weitere Weg durch Schlesien und die Lausitzen wieder 
ohne Salz. Dann aber kamen sie an die Saale, nach Halle, an den salzigen 
See, an die Selke, deren Namen schon zeigen, dass ihre feine Zunge den 
Salzgehalt empfand. 

Diese Stätte bot aber auch noch mehr. Nach allen Seiten öffneten 
sich reiche und fruchtbare Thäler, nach der Pleisse und oberen Saale, 
nach der ünstrut, der Helme, nach der Wipper, Selke, Bode, Unterelbe, 
Xathe, Untersaale, Oberelbe und Mulde. Wie von Natur, war den Hirten- 
Stämmen hier die Vertheilung in die einzelnen Weidereviere geboten, in 
denen sie sich nicht störten und reiches Genüge fanden. 

Die Scheidung der Stämme mochte Verwandschaft bestimmen; die 
stets von der gleichen Zahl gedachten und bezeichneten Hundertschaften 
konnten sich nicht nach Geschlecht oder Familie richten, sondern waren 
durch den Bedarf an Hirten- und Arbeitskräften bedingt. Man kann an- 
nähernd berechnen, wie viel Nahrung ein Hirtenlager von 1000 Seelen 
bedarf, wie viel Stück Vieh dieselbe gewähren und wie viel Futter nötig 
ist, um dieses Vieh zu ernähren. Dabei bleibt es sich für den Ertrag und 
für den Futterbedarf gleich, welcher Viehgattung die Heerden angehören. 
Rindvieh, Pferde, Schafe, Schweine, Ziegen lassen sich auf Grossvieh 
reduzieren. Danach lässt sich sagen, dass 1000 Seelen etwa 6 Quadrat- 
meilen bedurften, so lange das Land ganz roh war. Auf 600 Quadratmeilen 
zwischen Thüringer Wald, Erzgebirge, Havel und Unterharz konnten also 
100 000 Menschen leben. Nachdem sie aber Wälder niedergebrannt, 
geraume Weiden geschaffen und etwas Ackerbau eingerichtet hatten, 
konnten sie bis auf das Doppelte, im äussersten Fall vielleicht bis zu 
300000 Seelen anwachsen. Unsere heutige Bevölkerung vermag sich in 
100 Jahren zu verdreifachen. Damals wird die Sterblichkeit der Kinder 
und Alten grösser gewesen sein. Aber einmal musste sich der Raum 
fällen und die Auswanderung beginnen. 

Dafür haben wir auch sprechende Zeugnisse, Zeugnisse, welche deut- 
lich beweisen, wie bestimmt und wie lange die Saalegegenden der Ursprung 
und das Herz des alten Deutschlands geblieben sind. 

Tacitus erzählt uns, dass hier die Semnonen wohnten, die sich für 
das älteste und edelste Volk der Sueven erklärten, was durch heilige 
Gebräuche beglaubigt werde. Alle Völker von gleichem Blute schickten 
Gesandtschaften hierher zu Menschenopfern in einem heiligen Haine, deren 
Feierlichkeit dahin deute, dass hier die Wiege des Volkes, hier der 
Herrscher des Weltalls, Gott, alles Andere unterwürfig und gehorsam sei. 
Aber diese Wiege des Volkes wird auch durch die Landschafts- 
namen bestätigt, deren sicheres, dauerndes Festhalten eine besondere, 
durch das Bedürfnis der Orientierung geforderte Eigentümlichkeit des 
Nomadenlebens ist. 

Am Ostharz im Mansf eidischen liegt die etwa 18 Quadratmeilen 

9* 

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132 Meitzen: 

grosse Landschaft Prisonofeld. Die Prisen aber müssen nach ihrer Stel- 
lung an der Nordseeköste als der deutsche Stamm angesehen werden, der 
am frühesten und weitesten seine überschiessende Jugend fortsendete. 
Am Nordharz findet sich der Amrigau, und den Prisen benachbart an der 
Hunte das Ammerland. An der Heinleite und Schmücke zieht sich Engili 
hin, an der Trave und Eider aber wohnten die Angeln. Zwischen Saale 
und Pleisse lag Warenofeld, die Warnen aber erscheinen an der Wamow 
in Mecklenburg imd im Wamegau am Main. An der üntersaale breitete 
sich der Hassagau aus, von dem weniger sicher, aber wahrscheinlich ist, 
dass sein Name mit den Chatten zusammenhängt. Auch andere Stamra- 
namen weisen nach ihrem entgegengesetzten Auftreten auf den Ausgang 
vom Senmonenlande. So sind die Juthungen, welche ausdrücklich als 
suevische Ziuvaren bezeichnet werden, in Jütland und in Schwaben bezeugt, 
die Sedusi in Schleswig und bei Ariovist, die Haruden ebenso bei Ariovist 
und in Norwegen. Auch mehrere solcher Wanderungen lassen sich 
bestimmt datiren. Schon vor 320 v. Chr., vor Pytheas Zeit, liegt die An- 
kunft der meisten Ingvaeonischen Stämme an die Nordseeküste. Livius 
erwähnt zum Jahre 218 halbgermanische Stämme in den Penninischen 
Alpen, welche Hannibal Hilfe leisteten, möglicherweise die Hermunduli 
des Cincius. 180 ziehen die Bastamen nach Ungarn, um 150 die Eburonen 
und ihre Nachbarn an die Maas, 113 Cimbem und Teutonen, die nicht 
an der Nordsee, sondern in Böhmen und Süddeutschland erscheinen, nach 
der Donau und Rhone. Etwa gleichzeitig sind die Bataven zu setzen. 
70 kennen wir die verschiedenen Suevenstämme Ariovists, 37 Ubier und 
im Osten Quaden, 8 v. Chr. Sigambem, Hermunduren und Alemannen. 
Daraus ergeben sich nahezu 30jährige Pristen für das Eintreten solcher 
Auszüge aus dem Innern Deutschlands. Sie sind durch die Kleinheit des 
Gebietes und das den Römern wohlbekannte starke Anwachsen der 
Bevölkerung völlig erklärt. Aber ihre Wiederholung begründet zugleich 
die Überzeugung, dass diese Quelle nicht versiegte, dass die Mutterstämme 
dieser fortwandemden Volksmassen vielmehr in der alten Heimat dauernd 
und so lange sitzen blieben, als nicht unwiderstehliche Ereignisse sie 
zwanget!, dieselbe völlig preiszugeben. Es wird also die weitere Präge 
zu untersuchen sein, ob sich an der Saale solche eingreifende Verände- 
rungen feststellen lassen, und welche Polgen sie für die dortige Bevölke- 
rung gehabt haben. 

In der uralten Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung der links- 
seitigen Saalegegenden lässt sich kein erheblicher Wechsel vermuten, 
welcher für deren Stammescharakter und volkstümliche Sitte und An- 
schauung von wesentlichem Einflüsse geworden sein könnte. Ein tiefer 
und bleibender Eingriff aber geschah durch die Pestsetzung der Slaven 
längs des rechten Saaleufers und im fränkischen Quellgebiet der Saale. 

Caesar berichtet uns von einer 120 Meilen langen Ostgrenze der 



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Land und Leute der Saalegegenden. 133 

Sueven, welche zu verteidigen und öde zu erhalten ihr Stolz sei. Diese 
Grenze ist uns nicht unbekannt. Sie zog von der Beckenitzmündung 
durch Sümpfe zur Oder, dann durch die Heiden der Neisse und des Bobers 
zum Riesengebirge und führte längs der Urwälder der Sudeten bis zum 
Jablunkapass. Diese Grenze hat nie ein ostgermanisches Volk über- 
schritten. Die Gothen, Burgunden, Vandalen, Rügen zogen, als sie ihre 
Lander räumten, nach Ungarn hin und machten den Slaven Platz, welche 
Tacitus in Russland und Galizien kennt. Der erste, der die Suevengrenze 
durchbrach, war Attila, dessen Hunnenschwärme, soweit man erkennen 
kann, auch durch Schlesien und Thüringen gegangen sind, und den Slaven 
den Westen geöflhet haben. 

Das erste Erscheinen der Slaven nahe der Saale scheint mit dem 
Falle des Thüringischen Reiches 531 zusammenzuhängen. Die Sachsen er- 
hielten damals das Land nördlich der Unstrut, konnten es aber nicht 
völlig besetzen und nahmen deshalb Ansiedler auf. Es findet sich hier, 
wahrscheinlich aus dieser Veranlassung, nördlich der Unstrut an der Helme 
die Landschaft Winidon, d. h. Wenden, deren Dörfer fast ausschliesslich 
in slavischer Form angelegt sind. Mindestens 568 aber müssen die Slaven 
an der Saale übermächtig geworden sein, denn als Sigebert I von Äustrasien 
565 in der Nähe der Saale von den Awaren geschlagen und nur durch 
Verträge seines Schwagers Alboin geschützt worden war, nahm er 568 die 
Nordschwaben von der rechten Eibseite auf die linke an die Selke herüber. 

Seitdem gab der stete Kampf zwischen Sachsen und Pranken die 
Länder östlich der Elbe und Saale den Slaven Preis. Seit Samo be- 
ginnen deren Einfälle auch westlich der Saale. 628 versprachen die 
Sachsen Dagobert I. das Land gegen die Wenden zu verteidigen, wenn er 
ihnen den fränkischen Tribut erlasse. Nur mit der grössten Anstrengung 
vermochte der 630 zum Herzog eingesetzte Radulf Thüringen gegen 
die wiederholten, bis tief nach Deutschland eindringenden Raubzüge zu 
verteidigen. Durch zwei Jahrhunderte bis auf Karl den Grossen dauern 
diese Kämpfe um die Saalegrenze fort. Die Ebene zwischen Saale und 
Elbe wurde dicht mit slavischen Ansiedelungen besetzt. Wahrscheinlich 
wirkte auch dabei die Wichtigkeit des Salzes von Halle. Karl der Grosse 
besiegte die Wenden zwar mehrmals und erhielt ihre Huldigung, aber er 
benutzte auch ihre Unterstützung in den Sachsenkriegen, liess zu, dasa 
sie sich in der Altmark und im Wendlande weiter ausbreiteten, trat ihnen 
sogar Polabien ab und entschloss sich endlich, 805 den sogenannten Limes 
sorabicus zu ziehen. 

Dies war die Pestsetzung einer Grenzlinie, welche von Lorch an der 
Donau über Regensburg, Bremberg, Porchheim, Erfurt nach Magdeburg, 
Chesla und Bardowiek gelegt war, und an der Delvenau, oberen Trave 
and Schwentine nach der Kieler Förde weiter führte. Sie grenzte das 
deutsche Reich gegen die Slaven so ab, dass nur in den benannten Städten 



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134 Meitzen: 

Verkehr und Handel getrieben werden durfte, die Kaufleute aber weder 
hinüber noch herüber gehen sollten, und die Ausfuhr der Waffen ganz 
verboten war. Diese Grenze beschränkte Deutschland auf seinen geringsten 
Umfang und erkannte den Besitz der Slaven rechts der Saale und im 
fränkischen Saalegebiete oberhalb Saalfeld an. 

Auf diesem gesamten Gebiete vertilgten die Slaven völlig alle bis- 
herige Kultur der Deutschen. Die alten volkstümlichen deutschen Dörfer 
charakterisieren sich durch eine sehr unregelmässige, haufenartig in ein- 
ander gedrängte Lage der Gehöfte ohne irgend ersichtlichen Plan und 
durch eine Einteilung der Felder in zahlreiche nach der Bodenverschieden- 
heit abgegrenzte Abschnitte, in deren jedem jeder Bauerhof seinen gleichen 
ungefähr einen Morgen grossen Antheil erhielt. Die Slaven dagegen legton 
ihre Gehöfte entweder fächerförmig um einen nur an einer Stelle zu- 
gänglichen runden Platz, oder in gleichmässiger Strasse nebeneinander, 
längs eines ziemlich breiten Angers an. Ihre Äcker aber bestellten sie 
in einer oder mehreren kommunistischen Genossenschaften mit einem 
leichten Haken kreuz und quer. Daher konnten sie die auf den Pflug 
berechneten Ackerstreifen der Deutschen nicht benutzen. Sie bildeten 
auch nach einem Fragment aus der Karolinger-Zeit zahlreiche civitatos 
von 3 bis 4 Quadrat-Meilen Umfang. In jeder derselben bestand ein fester 
Platz, den ein Häuptling inne hatte, und der allen zur Zuflucht dienen 
sollte, obwohl auch ihre Dörfer zur Verteidigung eingerichtet waren. Die 
ganze Gegend musste also ein verändertes Ansehen annehmen. 

Sicher sehr gegen seinen Wunsch sah sich Karl der Grosse noch 
in demselben Jahre 805 genötigt, statt des beabsichtigten Friedenszustandes 
mit drei Heeren in Böhmen einzufallen. Dabei wurden in den Saale- 
gegenden Oberfrankens die Redanzslaven, welche bis an die Itz und 
Rezat Sassen, unterworfen und an deutsche Ritter vergeben. Die Saale- 
slaven griff er nicht an, sondern gründete gegen sie die thüringische Mark, 
von der aus die duces limitis sorabici, Thakulf seit 849 und Radulf seit 
875, mehr und mehr im Saalfeldischen Fortschritte machten. Entscheidend 
aber wurde erst die Einsetzung des Herzogs von Sachsen Otto's des Er- 
lauchten 908 in die thüringische Mark, in der sich auch Heinrich I. gegen 
König Konrad 1. von Franken behauptete. Er wie sein Vater erfassten 
im vollen Masse die Aufgabe, die Saale an der Elbe und dem Erzgebirge 
zu verteidigen, und dt^shalb den gesamten Abschnitt Obersachsens zu er- 
obern. Diese Eroberung wurde durchgeführt, obwohl die Ungarn jeder 
Unternehmung schwere Hindernisse bereiteten. Als sie 924 Magdeburg 
zerstört hatten, schloss er mit ihnen einen 9jährigen Waffenstillstand und 
befestigte Meissen und eine grosse Anzahl der bis dahin offenen Orte an 
der Saale. Diese Schutzwehren bewährten sich 933 völlig. Otto I. setzte 
940 über das Gebiet zwischen Halle und Elbe und über das gewonnene 
Vorland der Elbe in der Lausitz Gero als Markgraf ein, 955 aber gelobte 



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Land and Leute der Saalegegenden. 135 

er auf dem Lechfelde die Gründung von Bistümern und erlangte 962 vom 
Pabste Zustimmung zur Stiftung eines Erzbistums Magdeburg, welchem 
die Bistümer Meissen, Merseburg und das später nach Naumburg verlegte 
Zeitz unterstellt wurden. 

Dieses sächsische Land war über den Frankenwald, das Fichtel- 
gebirge und das Erzgebirge schwer zugänglich und kaum angreifbar. An der 
Elbe um Meissen aber tobten alle die Kämpfe mit Polen und Böhmen, 
welche erst durch die Überlassung der Oberlausitz an Böhmen zur Ruhe 
kamen. Im Innern des Landes hören wir zwar von dem Widerstände der 
Slaven gegen die Kirche; die politische Herrschaft der Deutschen aber 
blieb unangefochten, und das Land schritt ersichtlich in der Germani- 
sierung fort. 

Die Art aber, wie diese Germanisierung stattfand, hat bemerkens- 
werte Eigentümlichkeiten. Es scheint als sei schon bei der Eroberung 
der Kampf im wesentlichen nur gegen den wendischen Adel geführt 
worden. Dass ein solcher vorhanden war, erkennen wir aus den urkund- 
lichen Angaben über wenige Familien, die sich erhielten. Aber bis auf 
diese sehr geringe Zahl ist er verschwunden. An seine Stelle ist die 
zahlreiche deutsche Ritterschaft getreten, welche überall durch ihre Namen 
deutlich bekundet wird. Es sind auch die Städte fast durchweg durch 
deutsche Kaufleute, Handwerker und Bergleute bewohnt. 

Unter den Bauernschaften aber erweist sich ein Unterschied, der 
fast ganz mit der Scheidung des Gebirgslandes von den Ebenen zusammen- 
fallt. Das gesamte, mehr als die Hälfte Obersachsens einnehmende Berg- 
land ist in geschlossenem Zusammenhange völlig deutsch besiedelt. Es 
lässt sich nachweisen, dass diese Ansiedelung schon im 9. Jahrhundert 
begonnen imd sich fortdauernd weiter ausgedehnt hat. Sie ist nicht bloss 
durch die deutsche Bevölkerung und die deutschen Namen erkennbar, 
sondern auch durch die Anlagen selbst. Es sind sämtlich Waldrodungen, 
in welchen Hufe neben Hufe als geschlossene Güter aneinander gereiht 
wurden. Jedes dieser Hufengüter nimmt einen einzigen grossen Streifen 
von etwa 30 ha Fläche vom Thale ausgehend bis zur äussersten Flur- 
grenze auf den Wasserscheiden der Bergrücken ein. Die Generalstabskarte 
lässt sie deutlich erkennen. 

Dagegen ist in den Ebenen, welche in der Slavenzeit ausschliesslich 
bewohnt waren, die slavische Bevölkerung offenbar in einer Weise 
geschont und erhalten worden, wie es wohl kaum in einem der anderen 
kolonisierten Slavenländer geschehen ist. 

Es ergiebt sich dies schon daraus, dass erst 11J98 der Fürst von Anhalt 
und der Probst von Nienburg gemeinsam die wendische Sprache in den 
Gerichten aufhoben, und Leipzig sie erst 1327 als Gerichtssprache ab- 
schaffte, dass sie aber in den Ortschaften und Familien noch lange ge- 



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136 Meitsen: 

sprochen wurde und in der Ober- und Niederlausitz noch heut in grosser 
Ausbreitung Umgangs- und Predigtsprache ist. 

Besonders bedeutsam aber sind die persönlichen Rechtsverhältnisse 
der ländlichen Bevölkerung. 

Allerdings haben die deutschen Grundherrn tief in die Dorfverfassung 
eingegriffen. Sie haben oft zwei der kleinen Dörfer zu einem zusammen- 
gezogen, und die Ackerflur zu deutscher Pflugarbeit in Gewanne ein- 
gerichtet, auch jedem Bauer eine oder mehrere Hufen von gleicher Grösse 
und gleichen Lasten zugewiesen. Aber die persönliche Stellung der Insassen 
ist durchaus slavisch. 

Zwei Urkunden von 1122 und 1181 lehren, dass auch in dieser späten 
Zeit die bäuerliche Bevölkerung, sowohl im Meissenschen als in Saalfeld 
nach fünf Abstufungen ihres Rechtes in Supane, Vicazen, Smurden, Lazzen 
oder Censuales und Heyen oder Proprii unterschieden wurde, d. h. in Vor- 
steher oder Ältesten, als Reiter Dienende, zu täglichen Ackerdiensten Ver- 
pflichtete, gegen Zins sitzende Lassiten und Leibeigene. 

Von denselben sind nun Supane oder Starosten, die uns von den 
Südslaven in Kroatien und Montenegro sehr wohl bekannten Vorsteher 
der kommunistisch lebenden Hausgenossenschaften und die höheren über 
mehreren Hauskommunionen als Dorfälteste und Richter stehenden Leiter, 
ebenso auch wieder die ihrem Ansehen nach über der civitas mit allen zu ihr 
gehörigen Dörfern stehenden Anführer und Richter. 

Das Amt Meissen umfasste im 14. Jahrhundert 210 Dörfer und zerfiel 
in 15 Supaneien oder Gerichtsbezirke. In denselben hatten die Supane 
das slavische Gerichtskom Zips einzuziehen und abzuliefern. 1334 sind 
in einem Meissener Dörferverzeichnis die grössere Anzahl der Dörfer als 
unter Supanen stehend bezeichnet. Dieselben waren Vorsteher und Land- 
dingschöffen, welche dreimal im Jahre zum Gericht kommen mussten, wie 
1276 und 1428 übereinstimmend bekundet wird. Noch 1553 hatten sie 
ihre Güter nicht zu Lehn, sondern zu Erbeigen,- ein volkstümliches sla- 
visches Rechtsverhältnis, welches als Dzedzine, vom Grossvater her, be- 
zeichnet wird, und aus verschiedenen Urkunden Schlesiens und Böhmens 
bekannt ist. 

Vicaz (vitjaz) bedeutet slavisch Krieger und wird auch in deutschen 
Urkunden mit slavonici milites, auch als Knechte, d. h. Knappen, übersetzt. 
Sie sind Lehnbauern, aber ebenfalls Ortsvorsteher, wie die Supane. Die 
Dörfer, welche nach dem gedachten Verzeichnisse von 1334 nicht unter 
Supanen stehen, stehen unter Vicazen und zwar, wie gesagt wird, sub 
rusticis, qui dicuntur Vitsezen. Ihr Reiterdienst und die Bezeichnung 
milites, Knechte, erweckt die Vermutung, dass sie die Reste des alten 
Wendenadels sind, der zwar durch die deutsche Besitznahme in bäuerliche 
Hörigkeit herabgedrückt, im übrigen aber in dem Besitze seiner in alter 



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Land and Lente der Saalegegenden. 137 

Zeit überall kleinen eigenen Wirtschaften und der Vorsteherschaft über 
seine früheren Dorfinsassen belassen worden ist, 

Smurden von smrd, Gestank, Kot, ist eine in allen Slavenländem 
übliche Bezeichnung für die eigentlichen Bauern. Sie werden in Sachsen 
1040 als aldiones smurdi, also als im Besitz belassene Bauern bezeichnet. 
Smordthufen sind häufig erwähnt, noch 1576 sagt eine Urkunde: Smordt- 
hüfea, worauf die Pauren wohnen. Die obengedachte Urkunde von 1181 
schreibt vor, dass die Smurden nicht mehr zu Gericht kommen sollen, 
sondern wenn sie nicht gerufen werden, besser zu Hause bleiben. 

Die Lazzen stimmen anscheinend mit den bis zur neuesten Zeit in 
der Lausitz weit verbreiteten Lassiten überein. Diese sind gutshörige Bauern, 
die ihre bäuerlichen oder kleinere Stellen gegen Zins, aber nicht erblich 
haben, so dass sie ihnen auch entzogen werden können. 

Die Heyen sind Leibeigene. Der Ausdruck scheint aus Westfalen 
übertragen. Es wird von Slavisten in Abrede gestellt, dass die Slaven 
ursprünglich Leibeigenschaft gekannt hätten und angegeben, dass sich 
wenigstens jeder in Knechtschaft Verfallene in gewisser Zeit habe frei- 
kaufen können. Änderungen gegen dieses Rocht könnten zwar durch die 
stattgehabte deutsche Eroberung erklärlich scheinen. Indess verdient 
Beachtung, dass die allerdings gefälschten und erst dem 11. Jahrhundert 
angehörigen angeblichen Urkunden Ottos I. von 965 und Johanns XIII. von 
968 von der Zehntpflicht einer rätselhaften Einnahme sprechen, quod Teu- 
tonici dicunt ouarcapunga et talunga familiarum, worin bei der ausdrück- 
lichen Bedeutung von familia ein solcher Loskauf liegen könnte. 

Wie dem aber auch sei, diese Klassifizierung der Bauernschaften in den 
Ebenen zeigt, dass deutsche Anschauungen hier gar keinen Platz gegriffen 
haben, sondern dass sich die volkstümlichen Gedanken der Hauskom- 
munionen in überraschender Weise in den persönlichen Verhältnissen der 
Landbevölkerung erhalten haben, obwohl die Beziehungen zu ihren Gütern 
nach der deutschen Hufenverfassung umgestaltet wurden. 

Diese Erinnerung ist um so bedeutsamer, als sie in ältere und ur- 
sprünglichere Verhältnisse zurückgeht, als irgend eine andere bekannte. 
Es ist möglich, dass die festen Ansiedelungen in Böhmen früher bestanden, 
als an der Saale. Nach Kroatien und Montenegro aber, wo der Urtypus 
der slavischen Hauskommunion hergenommen wird, wurden die Slaven 
erst 630 vom oströmischen Kaiser Heraclius berufen und setzten sich um 
650 auf altes römisches Kulturland fest, welches auch, nach der Ver- 
schiedenartigkeit ihrer dortigen Anlagen zu schliessen, nicht ganz ohne 
Einfluss auf dieselben geblieben ist. — 

Blicken wir auf das Ergebnis unserer Betrachtungen zurück, so ist 
wohl überzeugend, dass wir uns in den Saalegegenden an einem für die 
deutsche Landeskunde überaus bedeutsamen Punkte befinden. Es ist hier 



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138 BoUe: 

die erste Stätte und der Ausgangspunkt der Westgermanen und zugleich 
für die Slaven das älteste bekannte Hervortreten ihrer volkstümlichen Sitten. 

Beide Nationalitäten stehen sich also an der Saale auf engem Kaum 
von früher Zeit gegenüber und sind beide hier noch bis zur Gegenwart 
in ihren Nachkommen lebendig erhalten. Den Zwischenraum, der das 
Altertum von unserer heutigen Beobachtung trennt, sieht die Volkskunde 
nicht als eine völlig dunkle Kluft an. Wenn wir von den zerfallenen 
Dächern der Burgen an der Saale Strand singen, ist uns froh bewusst, dass 
die Zeit ihrer Blüte wie ein aufgeschlagenes Buch vor uns liegt, wenn 
wir darin nur lesen wollen. Und wenn der Pfad weiter zurück auch un- 
sicherer wird, er lockt uns immer höher hinauf. Gewisse Züge des Volks- 
charakters, der Sitte und der Lebensanschauung sind ebenso bleibend, wie 
die der Sprache und der Körpergestalt. 

Von diesen Spuren uns nichts entgehen zu lassen, ist unser Wunsch 
und unser Zweck. Wenden wir deshalb alle, darum bitten wir hier, unser 
Auge den Einzelheiten der thatsächlichen Erscheinungen zu, in denen der 
aufmerksame, liebevolle Beobachter glückliche Funde machen kann. Als 
Verein aber wollen wir ernstlich bemüht sein, für dieses mannichfaltige 
Sonderstreben lokaler Forschung das Verständnis des inneren Zusammen- 
hanges aufrecht zu erhalten. 



Die Eichenfnicht als menschliclies Nahrungsmittel. 

Von Dr. Carl Bolle. 



Bei der grossen Neigung zum Paradoxen, welche unter den Gelehrten 
vorwaltet, erscheint als bemerkenswert, dass es in der Gegenwart unter 
ihnen nur einen gegeben hat, der die Angaben über das Eichelessen 
der Urvölker für fabelhaft zu erklären wagte. Gegenüber den so 
zahlreichen Zeugnissen, allein schon des Altertums, war dies ein etwas 
starkes Stück. Wer indes den Vorzug hatte, den vortrefflichen Botaniker 
und Dendrologen K. Koch, von dem obige Meinungsäusserung ausgegangen 
war, näher zu kennen und sich mit seinem Gedankengange vertraut zu 
machen, den wird das Gebahren desselben auch in diesem Falle nicht be- 
sonders wunder nehmen. 

Hat Professor Koch nicht etwa unter anderem unserem Erdteil die 



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Die £ichenfracht als menschliches Nahrungsmittel. 139 

Heimatsberechtigung wilder Obstbäume vollkommen abgesprochen, ja selbst, 
der Evidenz zum Trotz, unserem Deutschland nicht einmal das doch durch 
den Augenschein leicht erwiesene Indigenat der Johannis- und Stachel- 
beere zugestehen wollen? Hat er ja doch die Heimat der ganz West- 
europa mit ihrem glänzenden Immergrün erfüllenden Stechpalme auf den 
Kaukasus zu beschränken versucht und dieselbe für Westfalen mit den 
Worten geleugnet: Hex ist keine Sumpfpflanze; Varus aber bekanntlich 
mit seinen Legionen im Morast des Teutoburger Waldes stecken geblieben; 
folglich kann Hex dort nicht als wildwachsend gedacht werden. 

Diese Beispiele Hessen sich durch noch drastischere erweitem. Es 
ging eben Koch mit obengenannten Gewächsen ähnlich wie Herrn V. Hehn 
mit Myrte, Lorbeer und Oleander, ureigenen Erzeugnissen der Mittel- 
raeerflora, die dieser dennoch und zwar für das öffentliche Urteil nicht 
ganz erfolglos, aus ihren Stammsitzen zu verweisen angestrebt hat. 

Was dem sonst so verdienstvollen K. Koch zur Entschuldigung dienen 
mag, ist allein, dass der Horizont des sogenannten nördlichen Orients, 
seines Reisegebiets, aucli seinen geistigen Gesichtskreis dergestalt begrenzte, 
dass vieles darüber Hinausgehende ihm fremd und unsympathisch geblieben 
war. Da nun der Kaukasus, die Krim, das pontische Gebirge und Ar- 
menien, in welchen Ländern er sich ausschliesslich bewegt hatte, weder 
essbare, noch gegessene Eicheln darboten, so verfiel er in den Irrtum, es 
seien solche nirgends und niemals vom Menschen zur Speise benutzt 
worden. 

Dem, der annehmen wollte, Kastanien, Wall- und Haselnüsse seien 
allein jene primitive Kost gewesen, diene zur Erwiederung, dass, abgesehen 
vom Geschmack, schon die äussere Form dieser Früchte hinreicht, sie von 
den Eicheln scharf zu sondern. Nicht des Botanikers bedarf es hierzu. 
Die Auffassung durch die Sinne des einfachsten Naturmenschen, des Kindes, 
des Wilden, genügt um jedweder verwirrenden Verwechslung vorzubeugen. 
Schon die zur Benennung , dienenden grundverschiedenen und sich nur 
selten miteinander mengenden Vokabeln sprechen hierfür. 

Noch überzeugender aber reden Thatsachen. In den verschiedensten 
Ländern, wo die Eiche in der ausserordentlichen Mannigfaltigkeit ihrer 
specifischen Erscheinung als Waldbaum auftritt, liefern zwar lange nicht 
alle, dennoch aber nicht wenige Arten derselben essbare Frucht. Des 
allzustarken Tanningehaltes der häufigeren, herberen Sorten entbehrend, 
empfehlen sich ihre Eicheln dem Genuss durch Süsse und Mehlgehalt. Man 
verspeist sie entweder roh oder häufiger noch geröstet; oft auch mengt man 
sie gemahlen dem Brote bei. Dergestalt spielen Eicheln, sei es als Zukost, 
sei es zeitweilig als Hauptnahrung, wie in ferner Vorzeit, so noch jetzt 
hier und da eine nicht unbedeutende Rolle in der menschlichen Ökonomie. 

Wer jemals einen der fruchtbeladenen Riesenbäume aufmerksam be- 
trachtet, wer dem prasselnden Geräusch, mit dem, vom Herbstwind gefegt, 



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140 Bolle: 

die Eicheln herabregnen, gelauscht hat, dem wird die Eiche als ein Sinn- 
bild des Überflusses erschienen sein; so reichlich deckt sich der Tisch 
auf und unter ihr. Zwar ist die Ergiebigkeit der Mast den Jahren nach 
ungleich und gewöhnlich eine alternierende. Tritt sie indes ein, für 
welches Tiergewimmel wird sie dann nicht zur Nahrungsquelle! Unter 
den Quadrupeden das Schwein in erster Linie, alles Wild des Hirsch- 
geschlechts, Ziege, Dachs und Bär, sowie zahlreiche Nager, das Eichhorn 
an ihrer Spitze. Unter den Vögeln der Häher, die Wildtauben, Fasane, 
Truthühner und Enten. Alle diese schmausen unter vom Spätherbst ge- 
bräuntem Eichenlaub au reichbesetzter Tafel, der Qualität der Frucht nach 
meist wahllos und gern zufrieden mit dem was sich ihnen zum Zugreifen 
darbietet. Nur dem ja auch die Trüffel suchenden Schweine wird hierbei 
grössere Gourmandise zugeschrieben. Es soll süsse vor herben Eicheln 
trefflich herauszufinden wissen. 

Noch wählerischer, brauchen wir lieber dat. j, it,» plattdeutsche Wort, noch 
kiesätiger ist der Mensch. Er hält sich m • Elite der Eichenfrucht 
und hat sich von jeher wohl dabei befundf^u. ^la Natur war es, die ihm 
in seinen frühesten Anfängen, an bevorzugt : Stätte, diese Speise in den 
Schoss schüttete. Es bedurfte bei ihr keinei;; Überlegung, kaum der Zu- 
bereitung; einzig nur des Auflesens und Sammeins. Im Spätherbst, wenn 
anderes Wildobst zu Ende ging, kam die Eichelemte gelegen. Mochte es 
immerhin eine derbe und rohe Kost sein, sie fand keinen verwöhnten Gaumen. 
Mochte es eine harte Kost sein, sie ging durch eine Mühle von Zähnen, 
gewöhnt, die starken Markknochen des Wildes zu zermalmen. Ausserdem, 
mochten dem prähistorischen und carnivoren Menschen seine reichen Jagd- 
grüude noch so unerschöpfliche Vorräte an Fleisch, Blut und Fett liefern, 
das Bedürfnis nach vegetabiler Speise Hess sich nicht ganz abweisen. Wie 
willkommen musste da die Mast sein, die bei nur geringer Vorsicht sich 
bis zu einer Winterzeit aufbewahren liess, wo Beeren, Pilze und Wurzeln 
den Dienst versagten. 

In der dem Bären abgerungenen Höhle des Jurakalks, deren Wände 
noch tief unten im Süden das eingeritzte Bild des Renntiers tragen, mögen 
in nebelgrauer Urzeit halbinstinktmässig aufgespeicherte Vorräte von 
Eicheln, neben Bucheckern und Haselnüssen haufenweis gelagert haben. 
Härtere Substanz hat die Schaalen der letzteren in Ablagerungen da er- 
halten, wo die vergängliche Bildung der Eicheln und ihrer Becher der 
Einwirkung von Zeit und Witterung, selbst in Erde eingebettet, nicht zu 
widerstehen vermochte. 

Also Eichelkost überall da, wo das Getreide, dem frühen Menschen 
unbekannt, sie noch nicht entbehrlich gemacht hat; durch Fürsorge der 
Natur diese Diät dem Menschen im Süden, der alles reift und verfeinert, 
anmutender dargeboten als im rauhen Norden; Eichelkost die erste Stillung 
des Hungers innerhalb der gemässigten Zone. In jener altersgrauen Däm- 



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Die Eichenfracht als menschliches Nahrnngsmittel. 141 

merung, die den Übergang ans der Prähistorie zur Geschichte bildet, sehen 
wir das Pelasgervolk, zu einer Epoche, wo Hüttenbau erst begann, sich 
Ton Eicheln nähren; wenig später die Arkadier, welche in der Eiche den 
zuerst von den Göttern geschaffenen Baum erblickten, zur gleichen Kost 
greifen. Man will wissen, die allerersten Eicheln seien an den Ufern des 
Achelous verspeist worden, was indes doch sicher weit über menschliche 
Kenntnisnahme hinausgeht. 

Welch ein weiter Sprung aus dem Urzustände in eine aufs Höchste 
verfeinerte Civilisation hinein! aber Ovid thut ihn, ohne in der Annahme 
einer Kontinuität zu sündigen, wenn er von einer Schäferin, die wir uns 
fast ä la Watteau arkadisch vorstellen dürfen, ausruft: 

Nee glandes Amarylli tuae nee amygdala desunt 

Freilich knabbert die Zierliche hier, neben ihren Eicheln, auch schon 
süsse Mandeln. Der Wendepunkt, wo die Eichelmast aufhörte, Hauptnahrung 
zu sein, wird bei den Griechen mit dem Auftreten der Ackerbau lehrenden 
Demeter in Verbindung gesetzt. Korn war an die Stelle der Wildkost, 
bald auch Wein an die des Wassers getreten. Galt indes dieses nidit 
vielleicht allein für civilisirtere Gebiete? Der Ziegenhirt Arkadiens oder 
der Pindusberge wird schwerlich, dem Ceresdienst zu Liebe, althergebrachte 
Gewohnheit plötzlich aufgegeben haben. 

Dass bei den Italern Eichelkost im Schwange ging, beweist schon der 
Name einer bei ihnen heimischen Eichenart: Aesculus^ ein Ausdruck, den 
Linne etwas willkürlich auf eine ganz andere Baumgruppe, auf die der 
Rosskastanien, übertragen hat, ursprünglich bezeichnete er die Speise- 
eiche, eine laubabwerfende Quercusart mit nahrhafter Frucht, die sich noch 
heut, wenn auch nicht ganz ohne tastende Unsicherheit, herausfinden lässt. 
Alte, sich mit der Mast beschäftigende römische Gesetze lassen es in 
Zweifel, ob sie nicht mehr des Borstenviehs als des Eicheln sammelnden 
Menschen halber, gegeben wurden. Dass indes letzterer, namentlich der 
ärmere, kaum erst sesshaft gewordene Landmann dabei mit in Betracht 
gezogen sei, bedarf wohl schwerlich der Bejahung, wenn auch sehr viel 
später Plinius nur hispanische Eicheln als Tafelfrucht mehr namhaft macht. 

Die oft besprochene Eichelesserei der Germanen entbehrt dagegen 
jedes klassischen Zeugnisses. Tacitus redet zwar von agrestia poma^ aber 
darin erkennen wir ausschliesslich das Wildobst, die Holzäpfel, Knödel- 
bimen und Eisbeeren des altdeutschen Waldes, nicht die Eichelmast, welche 
wohl- nur in einer Metamorphose, als durch sie fettgemachtes Schweine- 
fleisch, den Appetit unserer Vorfahren, die wir uns, wie die Helden Homers, 
mehr camivor vorstellen, gereizt haben dürfte. Wahrscheinlich haben 
dieselben aber auch Erd-, Heidel- und Brombeeren, Haselnüsse und Buch- 
eckern daneben nicht ganz verachtet. 

Ausnahme hiervon scheinen die in Britannien ansässig gewordenen 
Angelsachsen gemacht zu haben. Schweine und Menschen erlabten sich 



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142 BoUe: 

hier an der gleichen Frucht, wenn wir Burnet, einem durch London 
citierten Gewährsmann, Glauben schenken wollen. Derselbe sagt: So 
wenig wir jetzt mit unserem Unterhalt auf die Früchte des Waldes an- 
gewiesen sind, dagegen nur den Holzwert hochschätzen, so war doch früher 
das Gegenteil der Fall. Oak-com^ Eichenkom, accem oder acoms^ bildeten 
vor Jahrhunderten eine für Mensch und Vieh gleich wichtige Nahrungs- 
quelle. 

Gegenwärtig kommen in Deutschland Eicheln wohl nur in Form eines 
KaflFeesurrogats in Gebrauch, werden indes zu diesem Behuf e selbst um 
Berlin noch regelmässig gesammelt. Professor Virchow hat übrigens am 
Laacher See Eicheln heimischer Art gekostet, die er süss und schmackhaft 
genug fand, um mehrere davon roh geniessen zu können. 

Wie es hiermit in anderen Ländern steht, werden wir jetzt ins Auge 
zu fassen haben. Wir gehen von Eichen und Eicheln im allgemeinen 
zu jenen specifischen Bildungen über, die besser schmeckende Frucht 
tragen als unsere. Zur Aufgabe stellen wir uns, alle bekannt gewordenen 
Eichen in Betracht zu ziehen, welche derartiges liefern. Dieselben ge- 
hören fast ausnahmslos der wärmeren gemässigten Zone beider Hemi- 
sphären an. 

Das Mittelmeergebiet behauptet auch nach dieser Richtung hin den 
Vorzug vor den nördlicher gelegenen Ländern Europas. Auf allen vier 
grossen Halbinseln, die es nordwärts umgrenzen, wie in dem gegenüber 
gelegenen Afrika, wachsen Eichen der genannten Kategorie. Wir beginnen 
mit Spanien, auf welches von unserem Gesichtspunkt aus Professor Virchow 
vor einigen Jahren aus eigener Anschauung aufmerksam gemacht hat. 

Welche Aufgabe könnte angenehmer sein als diejenige, die Beob- 
achtungen und Erwägungen einer so hervorragenden ethnographischen Ka- 
pazität durch eine kleine Reihe mehr botanischer Thatsachen in etwas 
vervollständigen zu dürfen? 

Die Speiseeiche der iberischen Halbinsel ist Quercus Ballota Desf., 
eine der immergrünen Steineiche (Q. Ilex L.) äusserst nah verwandte 
Species, die mit Q. Gramuntia L. so ziemlich zusammenfallen dürfte. Es 
ist mithin in uns vertrauter spanischer Redeweise eine Encina^ im Gegen- 
satz zu den Rabies, d. h. den blattabwerfenden Eichen. Sie tritt gleicher- 
weise in den Atlasländern von Nordafrika auf. Diesseit des Meeres reicht 
sie quer durch die Peninsula von Portugal bis zu den Balearen. Zwar 
hauptsächlich der warmen Region angehörig und in heissester Sonnenglut 
die süssesten Früchte reifend, zeigt sie sich dennoch klimatisch nicht 
allzu weichlich, indem sie den Aufstieg in die Sierras nicht scheut und auf 
der kastilischen Hochebene noch da gedeiht, wo die Olive dem Frost 
unterliegt. Ihre ausgedehntesten Bestände finden sich in der Sierra Morena 
mid in dem mittelbar ihrethalben durch die Vorzüglichkeit seiner Schinken 



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Die Eichenfrucht als menschliches Nahrungsmittel. ' 143 

and Würste bekannten Estremadura. Die geschätztesten Früchte dürfte 
sie in der Mancha erzeugen. 

Dies ist der Baum, von dem die Alten so lieblich fabelten, er über- 
hänge die jetzt kahlen Küstenfelsen des bätischen Hispaniens in solcher 
Menge, dass seine köstliche Frucht die Heerden gewaltiger Thunfische 
auf ihrem Zuge vom Ocean ins Mittelmeer fett mache. 

Unter den Eicheln übertrifft unbedingt diese an Wohlgeschmack wohl 
alle übrigen. Es ist eben die Bellota (vom arabischen Balut) oder Eichel 
par excellence. An Süssigkeit und Mürbe wetteifert sie mit der Edel- 
kastanie, die bekanntlich roh nicht genossen werden kann. Die Bellota 
wird dagegen sowohl roh wie geröstet verspeist; man lässt sie aber gern 
eine Zeit lang lagern, um ihr gänzlich den anfangs doch etwas vorhandenen 
Tanningeschmack zu benehmen. Man geniesst sie trotz ihrer Häufigkeit 
in den besten Häusern, wo sie entweder als Nachtisch erscheint oder bei 
den abendlichen Tertulias gereicht wird. Als Marktfrucht figurirt sie nicht 
nur zu Lissabon und in den andalusischen Städten, sondern wohl an den 
meisten grösseren Orten Spaniens. Ich habe sie sogar in dieser Eigen- 
schaft in London feilbieten sehen. Vielleicht dauert es nicht lange mehr 
bis sie auch hier in Berlin gleicher Ehre teilhaftig wird. 

In der schönen Litteratur haben die Bellotas sich längst einen Platz 
gesichert. Garcilaso de la Vega nennt sie die süssesten der Süssen. Bei 
Cervantes treten sie in jener reizenden Episode auf, wo die naive Therese, 
Sancho Pansas Gattin, der Herzogin auf deren Verlangen ein Geschenk 
damit macht. Ein Paar Dutzend nur waren verlangt worden. 

In einem Briefe schreibt Therese Pansa an die Herzogin : „Es thut mir 
so leid, wie mir nur etwas leid thun kann, dass es in diesem Jahr in 
unserem Dorfe keine Bellotas gegeben hat. Dennoch schicke ich Ew. Ho- 
heit etwas mehr als eine halbe Metze davon. Ich habe sie, eine nach 
der anderen, im Walde ausgesucht und gesammelt; grösser konnte ich sie 
nicht finden. Ich wollte sie wären so gross wie Strausseneier!" 

Ebenso ist in der berühmten und oft citierten Ansprache, die Don Quijote 
über das goldene Zeitalter vor den Ziegenhirten hielt, von Speiseeicheln 
die Rede: ^Niemand brauchte damals für seinen täglichen Unterhalt andere 
Arbeit zu verrichten, als die Hand auszustrecken und sein Essen von 
jenen mächtigen Encinas zu pflücken, welche alle freigebig zu ihrer süssen 
und reifen Frucht einluden". 

In Italien erkennen wir den Aesculus der Alten wohl am füglichsten 
in der Quercus Fametto des Tenore wieder, die unter dem Namen Q. con- 
ferta, Kit. auch in Slavonien und Serbien auftritt, wie wir sie denn von 
dorther unter dem Namen Q. pannonica, wenn auch erst jung, in unseren 
Gärten haben. Es ist dies für die apenninische Halbinsel ein Insasse der 
wärmeren Küstenregion, womit der auf Apulien hindeutende Vers Horazens: 

Daunia latis alit aesctdetis 



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144 Bolle: 

gut übereinstimmt. Vorzugsweis bewohnt er Unteritalien, ist im Neapoli- 
tanischen hier und da waldbildend und erhebt sich wenig oder gar nicht 
über die Zone der Olive. Weit allgemeiner verbreitet ist die Famia 
oder Rovere^ von welcher einerseits das berühmte päpstliche Nepoten- 
geschlecht der Famese, andererseits die Stadt Roveredo in Welschtirol, 
die Namen herleiten. Hierher gehören auch die Ortsnamen Pameto und 
Isola Famese im Toscanischen. Diese Famia ist nichts Anderes als 
unsere deutsche Eiche Q. Robur, L., in dieser oder jener wenig ab- 
weichenden Form. In ihr, wie in der Farnetta, macht sich augenfällig 
die Silbe Far^ im Lateinischen als Substantiv gleichbedeutend mit Korn 
oder Mehl, bemerkbar. Welcher deutlichere Hinweis auf die einstmalige 
Nährmutter des Menschengeschlechts kann wohl verlangt werden? Natür- 
lich variieren die Famiaeichen ausserordentlich im Geschmack ihrer Früchte. 
Demungeachtet scheinen sie heutigen Tags, wenn nicht die einzigen, so doch 
die vorzüglichsten unter den italienischen Speiseeichen zu sein. 

Hierüber schrieb mir vor kurzem mein werter Freund Dr. Nicolo 
Terracciano auf meine Anfrage aus Caserta das folgende: „Soviel ich 
weiss, ist unsere Eiche mit essbaren Eicheln die Quercus Robur b. Virgi- 
liana, Ten. Syll., gewöhnlich Quercia ccustagnara genannt. Dieselbe ist 
hier nicht gerade häufig. Am meisten wächst sie noch bei Neapel auf 
Hügeln am Meere und im Walde San Leucio bei Caserta. Ein paar 
Bäume davon stehen auch in der botanischen Abteilung des Königlichen 
Parks von Caserta. Die Leute, welche sie kennen, essen ihre Eicheln 
geröstet; als allgemeineres Nahrungsmittel aber dienen letztere bei uns 
nicht. Von der Essbarkeit der Farnettoeicheln habe ich keine Kenntnis. 
Dies ist bei uns eigentlich ein seltener Baum. Öfter trifft man ihn in der 
Gegend von Monte Cassino an, und häufig sah ich ihn an verschiedenen 
Stellen der römischen Campagna.** 

Von dem gleichen Baume des südlichen Ungams, der kaum als var. 
conferta getrennt zu werden verdient, und im Slavischen den Namen 
Kittnyak trägt, bemerkt der ungarische Botaniker Kitaibel, Zeitgenosse 
und Freund unseres Willdenow, in seinen von Kanitz herausgegebenen 
Tagebüchem: 

Es ist ein hoher Baum mit abstehendem Geäst. Derselbe trägt büschel- 
weis sitzende lange Eicheln, welche nach Versicherung des Vikars Popovich 
ganz so wohlschmeckend wie Nüsse sind. 

Eben diese Eicheln werden in Serbien vielfach genossen. Als Standorte 
des Baumes gelten ferner noch die Gegend von Konstantinopel und 
Lakonien. 

Der Quercia castagnara nahe stehend oder identisch mit ihr, muss 
der Species nach jene südfranzösische Eiche sein, welche als var. dulcis 
von Quercus pedunculata bei London Erwähnung findet. Sie wächst am 
Meeresufer in der Provence sowohl wie in Languedoc und ist vonDralet 



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Die Eichenfracht als menschliches NahrongsinitteL 145 

zuerst genauer beschrieben worden. Die Eicheln sollen gross und hübsch 
sein und dabei süsser schmecken als die besten spanischen. Diese Spielart 
war bereits 1836 bei der berühmten französischen Baumzüchterfamilie 
Vilmorin in Kultur und wurde schon damals zu allgemeinerem Anbau 
empfohlen. 

Was Griechenland, die klassische Urstätte der Balanophagie betrifft;, 
so findet sich bei London eine Notiz, offenbar auf die ersten Decennien 
unseres Jahrhunderts bezüglich, welche besagt, in der Morea ¥rürden, 
ebenso wie in Kleinasien, Eicheln als Lebensmittel verkauft. Diese Sitte 
erscheint jetzt als aufgegeben, ja sogar als vollständig vergessen, denn der mit 
Hellas, welches er seit vierzig Jahren bewohnt, in seinen innersten Winkeln 
vertraute Herr von Heldreich will nichts mehr davon wissen. Auf mein 
Befragen darüber antwortete er mir brieflich: „Was die essbaren Eicheln 
anbelangt, so werden sie jetzt in Hellas nirgend mehr als Nahrung benutzt. 
Dass es in uralten Zeiten geschehen, ist wohl anzunehmen. Quercus 
Aegilops und die verwandten Arten, z. B. Q. macrolepis, Ketsch, u. s. w. 
dürften sich am meisten dazu geeignet haben. Die Eicheln dieser Arten 
schmecken geröstet gar nicht schlecht. Ich habe mich selbst einmal ver- 
suchsweise davon überzeugt." 

Tristram schreibt in seiner Natural history of the Btble^ dass in 
Palastina die dort häufige Q. Aegilops oder Valonea, die in der heiligen 
Schrift oft genannte Eiche von Basan, noch heutigen Tags wälderbildend 
and zu riesiger Grösse heranwachsend, den Arabern Eicheln zur Speise 
liefere. 

Aus der Bibel selbst kenne ich keine Andeutung der gleichen Sitte. 

Für Kleinasien und den inneren Orient verdanken wir dem verdienst- 
vollen österreichischen Reisenden Kotschy sehr eingehende und inter- 
essante Aufschlüsse, die seinem Prachtwerk: „Die Eichen Europas und 
des Orients** zu entnehmen sind. 

In Cilicien werden die sehr grossen Eicheln von Q. Pyrami, Ketsch, 
und andere im Bazar von Adana verkauft. Geröstet gewähren sie zu Zeiten 
des Mangels einen sehr geschätzten Ersatz für Brod. 

In den Euphratländern steigert sich wohl das Eichelessen zu einem 
Maximum für Asien. Es sind vorzugsweise die den Westabhang des per- 
sischen Hochlands bewohnenden Kurdenstämme, welche sich der auffällig 
grossen und nicht minder wohlschmeckenden Eicheln zweierlei Art als 
eines Hauptbestandteils ihrer Winterkost bedienen und mithin ihre Existenz- 
bedingung an diese Baumarten geknüpft sehen. 

Quercus oophora und Q. vesca, beide von Kotschy zuerst botanisch 
ans Licht gezogen, leisten diesen Nutzen. 

Auf diese zwei Eichen bezieht sich sicher die Aussage des älteren 
Michaux, welchem die Eichenkunde beider Hemisphären soviel verdankt. 
Derselbe, von firüheren Reisen her mit dem deliciösen Geschmack spanischer 

Zeitochrift d. Verein« t Volkskonde. 1891, 10 ^^^ j 

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146 BoUe: 

Eicheln vertraut, sagt, er habe in Bagdad süsse Eicheln gegessen. Mit ganz 
besonderem Lobe aber hebt er diejenigen hervor, welche in Mesopotamien 
und Kurdistan wachsend, Fingerlänge erreichen. 

Diese kurdischen Eichen sind Q. vesca und Q, oophora. Die erstere 
dürfte sich, klimatischen Verhaltens wegen, möglicherweise auch für den 
Anbau in Deutschland eignen. 

Von der Q. oophora, mit huhnereigrosser Frucht berichtet Kotschy: 
Diese Eiche wird von den Kurden für den Winter als Nahrungssurrogat 
angesehen und deswegen mit den Früchten anderer dortiger Aegilopseichen 
im Herbst fleissig gesammelt. Die ebenfalls kolossalen Eicheln von Q. vesca, 
von Gestalt vorn wagerecht abgestumpft, werden im Winter gesammelt, 
um sie als Zusatz zum Brot zu geniessen oder auch um sie zu braten. Von 
diesen Waldfrüchten sammelt der Mensch, was ihm ein Vogel, der dort 
häufige Nusshacker, der die Eicheln schon grün anhackt, übrig lässt. 

Noch weiter ostwärts in Persien spielt Q. persica eine Rolle im mensch- 
lichen Haushalt. Ihre Eicheln werden getrocknet und zerstossen, um mit 
geringer Beigabe von Weizenmehl zu Brot verbacken zu werden. Das 
Brot von Pelit (Eicheln) ist in den Bergen Südpersiens allgemein bekannt 

Während die cilicische Q. Pyrami immergrün ist, gehören Q. oophora, 
vesca und persica zu den Laubabwerfenden. Alle drei zeichnen sich durch 
ein kastanienähnliches Laubwerk aus. 

Unter den zahlreichen, überaus schönen Eichenarten des Himalaya 
wird allein der Q. spicata, Sm. Essbarkeit der Frucht, aber keine besondere 
Güte derselben zugeschrieben. 

Es stellt sich somit die Thatsache heraus, dass unter den Ländern, 
welche sich in grösserer oder geringerer Entfernung um das innere Meer 
gruppieren, es die Extreme des äussersten Westens und des äussersten 
Ostens sind, welche hinsichtlich essbarer Eicholfrucht als am meisten von 
der Natur begünstigt erscheinen, und dass deshalb innerhalb ihrer Grenzen 
die Speiseeichel sich in höherem oder geringerem Grade den Charakter 
wenigstens teilweiser Volksnahrung bewahren konnte. 

Von den Eichen der alten Welt zu den äusserst zahlreich vertretenen 
Amerikas übergehend, muss ich von vornherein bemerken, dass schon 
gegen Ende des vorigen Jahrhunderts der Qualität ihrer Früchte wissen- 
schaftliche Aufmerksamkeit zugewendet worden ist. Hier ist in erster 
Linie der Name Michaux hervorzuheben; aber auch in unserer nächsten 
Nähe zeigt sich der grosse Forstmann und Pflanzer von Burgsdorf über 
diesen Punkt äusserst wohl unterrichtet. Letzterer hat zumal die ihm 
massenweis zugehenden amerikanischen Eicheln sorgfältig auf ihren Ge- 
schmack hin geprüft. Hier liegt ein noch jetzt unerschöpftes Feld von 
leicht anzustellenden Experimenten vor, dessen Inangriffnahme dem Ge- 
schmacksinne sicher eine sehr grosse Reihe bisher vernachlässigter Nuancen 
specifischer Art erschliessen würde. 



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Die Eichenfrucht als menschliches Nahrungsmittel. 147 

Wenn trotz des dortigen Überflusses an Species, welche geniessbare 
Eicheln tragen, über die Benutzung derselben durch Menschen roter Rasse 
wenig verlautet, so erklärt sich dies wohl durch die vorzugsweis carnivoren 
Neigungen der an Individuen wenig zahlreichen Jägerstämme, von welchen 
die Ostküste Amerikas einst bevölkert war. um reichliche Fleischnahrung 
waren diese kaum je in Verlegenheit und trat ein Gelüst nach Pflanzenkost 
ein, so boten ilnien die Wälder in manniohfachen Nussarten der Gattungen 
Juglans, Carya und Corylus, sowie in Kastanien, welche trotz ihrer Klein- 
heit die europäischen an Süsse übertreffen, Vorräte dar, gegen welche 
auch die besten der Eicheln nicht aufkommen konnten. 

Nur von einigen Tribus des Südens, u. a. von den Cherokesen und 
Seminolen, erfahren wir, dass sie aus der Frucht der Lebenseiche (Q. virens, 
Ait.) ein Öl zu gewinnen wussten, dessen sie sich beim Kochen und Braten 
gern bedienten. 

Durch Süssigkeit der Frucht zeichnen sich unter den amerikanischen 
Eichen die folgenden aus, welche sämtlich der Gruppe der sogenannten 
Kastanieneichen angehören: Quercus Prinos L. Q. Castanea Willd. Q. bicolor, 
Willd. 

Die weisse Eiche Amerikas, Quercus alba L., der Tracht nach unserer 
deutschen Eiche am nächsten verwandt, trägt gleichfalls essbare Frucht, be- 
einträchtigt indes durch fast regelmässig sehr geringen Ertrag von solcher 
ihren Wert als fruchtspendender Baum. Burgsdorf sagt von ihren Eicheln, 
er habe dieselben an Geschmack rohen echten Kastanien fast gleich gefunden. 
Er schreibt auch der Lebenseiche einen süssen und essbaren Kern zu. 

Alle sogenannten Scharlacheichen dagegen, deren Laub bei der herbst- 
lichen Verfärbung ein so wundervolles Kolorit entfaltet, besitzen in ihren 
kurzen und haselähnlichen Früchten ein mehr bitteres und herbes Prinzip, 
welches diesen, für den Menschen wenigstens, jeden Nahrungswert nimmt. 

An der pacifischen Küste Nordamerikas wohnten und wohnen zum 
Teil noch einige mehr frugivore Indianerstämme. Es ist allbekannt, wie 
verschiedene äusserst grossfrüchtige und grosskerni^e Kiefern, die herr- 
liche Pinus Sabiniana voran, ihnen in mandelartigen Kernen Nahrung 
liefern. Nicht minder sind es indes auch Eicheln, welchen sie einen 
grossen Teil ihres Lebensunterhalts verdanken. In den amtlichen Reports 
of explorations wird in dieser Hinsicht besonders die in Califoruien häufige 
überaus schöne und mächtige Q. Hindsii, Benth. hervorgehoben. Von ihr 
wird gesagt: „auf Grund ihrer Menge und Geniessbarkeit bilden diese Eicheln 
einen wichtigen Bestandteil des Lebensunterhalts der Digger- Indianer. 
Sie werden gesammelt und als Wintervorrat aufbewahrt. Man sieht in 
ihren Rancherias davon Haufen von vielen Scheffeln Inhalt liegen.'' 

Hiermit sei die Aufzählung essbarer Eicheln, von der uns Kenntnis 
vorliegt, geschlossen. Dass eben gegenwärtig deren noch so viele genossen 
werden, darf als bester Beweis dafür gelten, dass sie in der Urzeit in 

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148 Krauss: 

noch viel höherem Grade als Nahrungsmittel benutzt worden sind. Wenn 
auch zugegeben werden muss, dass die Hauptepoche ihrer Nutzbarmachung 
längst vorüber ist und da endete, wo der Nomade zum Ackerbau über- 
ging, so sind doch die erhaltenen Reste ihrer Verwendung bedeutsam 
genug geblieben, um selbst heut noch volkswirtschaftliche Beachtung zu 
verdienen. Es liegt am Tage, dass namentlich in Südeuropa, neben dem 
wachsenden Verbrauch der mehlhaltigen Cerealien, es eine andere Baum- 
frucht gewesen ist, die den Eichelgenuss nach und nach verdrängt hat. 
Es war dies die echte Kastanie, die von ihrer, wie es scheint beschränkten 
vorderasiatischen Heimat aus, Europa erobernd, der einstmaligen dort vor- 
waltenden Balanophagie ein Ende gemacht zu haben scheint. Mehr als 
eine Qualität sicherte ihr den Vorrang selbst vor den besten Speiseeicheln; 
nicht zum mindesten wohl die widerstandsfähigere, stachelige Bewehrung 
der Frucht gegen tierische Übergriffe. 

So dürfen wir uns denn nicht darüber wundern, dass, bei Bewahrung 
der ürsitte des Verzehrens einer halbwilden Baumfrucht, für viele Länder 
und ihre Bevölkerung, der Titel eines Brotbaums von der Eiche auf die 
Edelkastanie übergegangen ist. 



Der Tod in Sitte, Braucli und Glauben der Südslaven. 

Vorwiegend nach eigenen Ermittlungen. 
Von Friedrich S. Krauss. 

Vorwort 

Die bedeutsamsten Überreste des ältesten Glaubens behaupten sich bei 
allen Völkern in den Totengebräuchen; denn sie unterliegen verhältnis- 
mässig wenigen Veränderungen, da sie durch die besonderen, Herz und 
Gemüt aufs mächtigste erschütternden Ereignisse eine eigene Weihe und 
Heiligkeit besitzen, infolge welcher sie immer wieder neu aufgefrischt und 
in Übung erhalten werden. 

Es ist klar, dass uns auf diesem Gebiete eingehende Erhebungen ge- 
schulter Volksforscher bei allen Völkern der Gegenwart tiefe Einblicke in 
die Entwicklung ursprünglicher religiöser Anschauungen und Vorstellungen 
eröfftien müssen. Je gründlicher und sorgfaltiger derartige Ermittlungen 
angestellt werden, und je weniger sie durch subjektive und parteiische 



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Der Tod in Sitte, Branch und Glanben der Südslaven. 149 

Deuteleien verdunkelt sind, desto wertvoller erweisen sie sich fOr die ver- 
gleichende Völkerpsychologie. 

Die Totengebräuche der Südslaven sind vorzüglich geeignet in ihrer 
nach mancher Richtung hin unverwischten ürsprünglichkeit die Auf- 
merksamkeit des Forschers zu fesseln. Gewiss sind sie vielfach mit jüdisch- 
christlichen und mohammedanischen Anschauungen versetzt. Doch ist 
hier die Absonderung des Alten vom Neuen leichter durchzufuhren. 

Ich werde mich darauf beschränken, die mir vorliegenden Meinungen 
und Bräuche in einen erklärenden Zusammenhang zu bringen und ihre 
inneren Beziehungen auseinander zu setzen. 

Meine ungedruckten Quellen über Totengebräuche fliessen ausgiebiger 
als dies bei meinen früheren Untersuchungen der Fall war. Die gedruckten 
sind schon in meinem Buche „Volksglaube und religiöser Brauch der 
Südslaven" *) verzeichnet, dazu kommt noch das grosse dreibändige Sammel- 
werk, mit welchem uns die bulgarische Regierung jüngsthin beschenkt 
hat *). Von meinen unterstützenden Sammlern gedenke ich in Ehren und 
mit Dank meiner verewigten Mutter und der Herren Th. Dragiöevid, 
N. Tordinac (gest. 1887), Vuletid, P-ov im Küstenlande, Plohl, Trbid, 
Öadkovid, J. Devßid und der Frau A. Domac. 



Erster Abschnitt« 

Der Tod ein Krankheitsgeist. 
In Guslarenliedem kommt in vielen Fassungen folgende Episode vor: 
Man bringt der Mutter oder der Gattin den zu Tode getroffenen Kämpen 
von der Wahlstatt heim. Man wäscht ihm die Wunden mit überbranntem 
Branntwein (rakijom dvaput pripicanom) aus und stopft sie voll mit weichem 
Moos, um die Blutungen zu stillen. Verzweiflungsvoll ruft die Mutter in 
ihrer Rat- und Hilflosigkeit aus: „0 Kind, glaubst du, wirst du diese 
Wunden überwinden können? Vom Hals die Golddukaten will ich hin- 
geben und zwei geschickte Ärzte vom Meeresstrande (od mora eöime) 
kommen lassen, damit sie dich heilen". Gemeint sind spanische Juden 
im Küstenlande, deren Vorfahren die Arzneikunst aus Spanien nach der 
Balkanhalbinsel verpflanzt hatten. Die Südslaven hatten in früheren Jahr- 
hunderten weder medizinische Schulen noch medizinische Werke in ihren 
Litteraturen *). Daher ist die Volksmedizin der Südslaven nicht wie bei 



1) Münster i. W. 1890. 

2) Sbomik za narodni umotvorenya, Sofija 1889 und 1890. Vergleiche: Am Urquell. 
II. Bd. S. 32 und S. 100. 

3) Yerzeichnisse Terschiedener Heilmittel giebt es aber wohl in den Elosterbibliotheken 
und bei Privaten. Sie gehen aber meist auf türkische, italienische und deutsche bezw. 
lateinische Quellen zurück, aus welchen sie übersetzt worden sind. Ich selber besitze eine 
derartige Handschrift aus Bosnien. Solche Kompilationen darf man wohl nicht als 
medisinische Werke betrachten. 



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150 Krau88: 

den Deutschen aus einer älteren Stufe medizinischer Wissenschaft zu 
erklären. In dieser Hinsicht sind die südslavischen Bauern im grossen 
und ganzen nicht viel fortgeschrittener als das Volk der Xosa-Kaffern in 
Südafrika. Von einer vorbeugenden Gesundheitspflege ist weder da noch 
dort die Rede. Man isst und trinkt, soviel man kann und hat, und begnügt 
sich mit der Bekämpfung und Vertreibung böser Geister. 

Von diesem Gesichtspunkte aus muss man auch die Krankenpflege 
beim südslavischen Bauernvolke betrachten, um sie ganz zu verstellen. 
Die Krankenpflege ist zwar eine peinlich sorgfaltige, doch entspricht sie 
keineswegs dem ersehnten Zwecke; denn sie ist im Grunde genommen 
eine Geisterpflege, weil man im Glauben, dass jede Krankheit durch Ein- 
wirkung der Geister erzeugt wird, sich hauptsächlich mit der Vertreibung 
des jeweiligen Krjinklieitsgeistes aus dem Leibe des Besessenen abmüht. 
Die Meinung oder riclitiger der Glaube an das Dasein von Krankheits- 
geistern gelangt auch in der volksmedizinischen Terminologie zum Aus- 
druck: man sagt, der Kranke sei beschrieen (urecen), er sei auf „etwas" (d. i. 
unreines) gestiegen (nagazio, ograiso), oder von einem (Vilen-)Pfeil durch- 
bohrt, oder die Krankheit (der Teufel, der Geist, die Vila) sei in ihn 
hineingeflogen (holest u nj uletjela). Man wälzt auch die Schuld auf die 
Scliicksalsfräulein (sugjenice, rogjenice), auf die Heimtücke überrumpelter 
Vilen, auf Vilenreigen (vilina kola), Hexen (ve^tice, vescure) oder all- 
gemein auf Ungeister (nedusi), worüber mein Buch „Volksglaube und 
religiöser Brauch der Südslaven" genug Aufschlüsse darbietet. Da müssen 
Zauberw^erke (ßini), Beschwörungen (bajanja), Beräucherungen (kagjenja) 
mit wohl oder übel duftendem Kräuterwerk und alten Fetzen, Gebete, 
Gelübde, Opfer und mannigfache sympathetische Mittelchen herhalten, 
um den Kranken, gleichgültig ob er an einem Sumpffieber oder an einer 
Erkältung oder an einer Rückengratsdarre damiederliegt, der Genesung 
zuzuführen. Die Hilfe eines Doctor medicinae nimmt man höchstens bei 
Verwundungen in Anspruch, dagegen bei inneren Krankheiten geniesst 
ein Arzt dieser Art ein viel geringeres Ansehen als die erstbeste vra(5ara 
oder vracka (Kräutlerin, heilkundige Frau). Vor allem versucht man es 
bei allen Beschwörerinnen (bajalica, bajilka) im Dorfe; dann benutzt man 
die heilkräftigen und wunderthätigen Quellen und Flüsse der Gegend; 
zur Abwechslung lässt man von Popen, Kalugjeren (altgläubigen Mönchen), 
Franziskanern oder von Hodzen Gebetbücher und ewige Kalender auf- 
schlagen, um zu losen; und hilft auch dieses Mittel nichts, so ladet man 
den Kranken auf einen Wagen und fährt mit ihm, oft mehrere Bezirke > 
weit, zu entfernt wolinenden Vraearicen hin. Zuletzt zieht man heimwärts, 
in der beruhigenden Überzeugung, dass man gewissenhaft alles Mögliche 
aufgeboten, um den t<'ueren Lieben dem Todesgeiste zu entreissen. Nun 
überlässt man den Kranken seinem Schicksal und trifft alle Vorbereitungen 
zur Leichenfeier und zmn Begräbnis. 



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Der Tod in Sitte, Brauch and Glauben der Südslaven. 151 

„Gegen den Tod ist kein Kräutlein gewachsen", sagt unser Sprich- 
wort, welches gewiss seine Entstehung und Verallgemeinerung im Volke 
den Ärzten verdankt; denn sowohl der deutsche als der südslavische Volks- 
glaube (ich will nicht weiter greifen) ist der entgegengesetzten Ansicht. 
Darum baut die Südslavin bei Zeiten gegen den Tod ihrer Nachkommen- 
schaft vor. Ziemlich allgemein ist die Anweisung: wenn einer Mutter 
die Kinder frühzeitig hinsterben, so nehme sie von neun Frauen, die jede 
Stoja oder Stojana (Stehfest oder Bleibfest) heisst, je neun Wollfäden, 
flechte sie zu einer Schnur und unwickle damit ihre Kinder. Die Kinder 
werden dann (vor dem Tode) standhalten (Kroatien, Serbien)^). 

Von der Möglichkeit, die Lebenszeit sich durch Kauf fremder Lebens- 
jahre zu verlängern, erzählte ich in der Sre6a eine Sage, wonach der 
König einem Soldaten 15 Jahre Leben abkaufte. Es scheint aber auch die 
Meinung zu bestehen, dass man das einem bestimmte Leben durch Ausübung 
von Wohlthaten verlängern könne. Die einzige darauf bezügliche Sage habe 
ich aus Bosnien. Sie ist mir nicht ganz verständlich, nur soviel ist mir 
klar, dass sie nicht auf bosnischem Boden gewachsen ist, sondern auf 
litterarischem Wege ins Land gebracht sein wird, wie alle Erzählungen, 
in welchen Los- und Schicksalsbücher eine Rolle spielen. Solche 
Bücher, glaubt man, seien mit einem Donnerschlage vom Himmel auf die 
Erde gefallen. Darum heisst man sie knjige gromovnice. 

Die Sjage erzählt: „War mal ein Mann, der wusste, wann seine Frau 
sterben werde, und er befahl ihr, sie solle das Mittagessen fertig machen, 
damit sie zusammen speisen, solange sie noch lebendig seien. Sie wusste 
nichts davon, dass sie dann sterben werde. Er schaute nochmals ins Buch 
hinein und sah, dass ihr nur noch zwanzig Minuten zu leben bestimmt 
seien. Darauf sagte er zum Weibe: „Tummledich, Weib, mit dem Mittag- 
essen!" Sie machte also das Essen fertig. Das Weib war schwanger. 
Da warf das Weib in der Küche das Essen den Katzen und der Hündin 
hin. Der Gatte schaute ins Buch, wie lange es ihr noch zu leben be- 
schieden wäre, und wie er hineinschaut, sieht er, dass sie noch vierzig 
Jahre zu leben habe. Er kehrt in die Küche zurück und fragt das Weib: 
„Was hast du gethan?" Darauf antwortete sie: „Habe nichts gethan, sondern 
das Essen fertig gemacht." „Kann nicht sein, du hast etwas Anderes gethan." 
Dann sagte sie: „Ich habe das Essen der Hündin und den Katzen hin- 
geworfen". Er sagte darauf: „Siehst du, du warst fürs Sterben (ti si bila 
za uraora) binnen 20 Minuten bestimmt; weil du aber das Essen der Katze 
und der Hündin hingeworfen, wurde dirs Leben um 40 Jahre verlängert" 
(pa ti je poduljeno vijeka öeteres godina). 

Ungleich gewöhnlicher, fast möchte ich sagen alltäglich, ist der Glaube, 
dass man durch Verfluchungen, Beschwörungen und sympathetische Mittel 



1) Ähnliche Symbolik bei Brückenbauten, vg-l. Kraus s, Volkglaube S. hV6. 

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]52 Krauss: 

denen, welchen man feind ist, den Tod auf den Hals senden kann, ohne dass 
man sie unmittelbar aus dem Leben schafft, wodurch man die Blutrache der 
Sippen oder den strafenden Arm der Gesetze herausfordern würde. Die 
Auswahl der Mittel gehört ins dunkle Gebiet der Zaubereien, die meist 
Überreste alter unverstandener Gebräuche sind, welche selbst der Forscher 
häufig nur durch Parallelen aus dem Glauben anderer Völker zu begreifen 
lernt. So glauben z. B. die Kroaten, dass, wenn ein betrogenes und endlich 
verschmähtes Mädchen ihren treulosen Liebsten, der eine andere gefreit, 
samt der Nebenbuhlerin zugleich aus der Welt schaffen will, sie in der 
Brautnacht dem jungvermählten Paare ein Joch unters Kopfkissen legen 
müsse: das Paar erwache dann nicht mehr zum Leben. Dieser Glaube 
kommt bei Katholiken vor. Man muss wissen, dass es einst Brauch ge- 
wesen, Joche auf Gräber zu legen und auf ein Joch die Totenspeiseopfer 
zu setzen. Nur einigemal traf ich auf meinen Reisen in entlegenen Ge- 
birgsdörfem derartige Joche auf Gräbern serbischer orthodoxer Bauern, 
häufiger, aber auch nur unter Serben im Gebirgslande, jochartige Gerüste 
über Gräbern errichtet. In Slavonien sagt man: willst du dich jemandes 
für immer entledigen, so lade ihn zu dir ein, bewirte ihn und sobald er 
fort ist, kehre die Stube hinter ihm aus (za njim treba izmesti). Das ist 
leicht zu deuten. Nämlich, sobald man einen Verstorbenen aus dem Hause 
hinausschafft, kehrt man nach ihm das Haus aus. 

Sich auf einer Wage abwägen lassen, ist in Slavonien verpönt; denn 
das hat den Tod zur Folge, namentlich bei Kindern. Der Mohammedaner 
scheut es, sich abbilden zu lassen, um dem Todesgeiste oder bösen Menschen 
keine Handhabe zu bieten, dass mau ihm beikommen könne. Auch durch 
eine unbedachte und unsinnige Handlung, die zwar niemanden geraden- 
wegs schädigt aber auch niemandem etwas nützt, vermag man unabsichtlich 
auf jemand den Tod zu schicken. In Bosnien sagt man z. B.: wer nach 
rückwärts schreitet, dem stirbt die Mutter; hat er keine Mutter mehr, ein 
anderer naher Verwandter. In Kroatien heisst es: wer nach rückwärts 
schreitet, der führt seine Mutter in die Hölle (tko natraske ide, on si 
mater vodi u pakao). Folgerichtig glaubt man, dass es gewisse Menschen 
gebe, denen Unglück, Krankheit und Tod als Begleiter nachfolgen. Solchen 
Leuten weicht man aus und verwehrt ihnen unter den nichtigsten und 
kränkendsten Ausflüchten das Betreten eines Hauses. Nicht selten kann 
man nach einem Todesfalle die in vollem Ernste gegen jemand vorgebrachte 
Beschuldigung hören: „der hat uns die Todesfrau ins Haus gebracht!" 
(donio nam je smrt u kucu). Eine solche Geschichte mag man im zweiten 
Buche meiner „Sagen und Märchen der Südslaven" auf S. 192 nachlesen. 
Erweist sich eine langwierige Krankheit als unheilbar, so kleidet man 
ohne weiteres den Leidenden ins Leichengewand und drückt dem noch 
Lebenden die Totenkerze in die Hand. Die Verwandten und Freunde 
stellen sich ein, um Abschied zu nehmen (oprastaju se, halale se = sie 



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Der Tod in Sitte, Brauch und Glauben der Südslaven. 153 

gewähren einander Vergebung) und dem Kranken das Hinscheiden zu er- 
leichtem. In Serbien lässt man den Sterbenden in den letzten Augen- 
blicken allein mit einem oder zwei alten Weibern. Dies geschieht, damit 
sich die Seele leichter vom Leibe trenne (da se lakäe sa du§om rastavi). 
Davon werden wir späterhin ausführlicher sprechen; hier sei dies nur wegen 
der bezeichnenden Begründungsformel erwähnt, in welcher sich eine ur- 
sprüngliche Anschauung widerspiegelt, während in neuerer Zeit durch den 
Einfluss des (mittelalterlichen) Christentums die Meinung um sich greift, das 
Sterben sei ein Ringen mit dem Todesengel. In Kroatien sagt man, der 
in den letzten Zügen Liegende ringe mit dem Teufel. Anknüpfend daran 
glaubt man, wenn bei einem Toten der linke Fuss länger ist als der rechte, 
der Teufel sei stärker gewesen als der verscheidende Mensch. In Dalmatien 
glaubt das katholische Volk, der Sterbende habe mit der Smrt (der Todes- 
frau) einen förmlichen Ringkampf zu bestehen, in welchem sie selbst- 
verständlich meistens den Sieg davonträgt, besonders wenn sie zu Häupten 
des Kranken erscheint; zeigt sie sich aber am unteren Teil der Bettstatt, 
so ist eine Rettung noch möglich. Auf solchen Kampf nimmt auch das 
Volkslied Bezug; so heisst es in einem noch ungedruckten Liedchen: 

Smrt mu dogje na vrata 

pa ga davi oko vrata u. s. w. 
Es kommt zur Thür der Tod herein 

und würgt ihn um den Hals. 

Wenn in der Lika einer einen schweren Todeskampf bestehen muss, 
so betet man über ihn die sogenannte Einheit (jedinstvo), damit er leichter 
aus dem Leben scheide. Die „Einheit" ist eine Art Glaubensbekenntnis 
in dreizehn Fragen und Antworten. Als Urbild der Einheit mag man 
Rabbi Mai mens dreizehn Glaubensartikel ansehen. (Wir werden das 
slavische Gebet gelegentlich in dieser Zeitschrift veröffentlichen.) 

Die Mohammedaner glauben, dass ein Mensch, der schwer aus dem 
Leben scheidet, sehr schwere Sünden auf der Seele lasten habe; wer aber 
ohne Todesqualen leicht verstirbt, den bedrücke keine Todsünde. Man 
glaubt auch, ist der Tote beim Hinaustragen auf den Freithof schwer, so 
hat er schwere Sünden; ist er dagegen leicht zu tragen, so drückt ihn 
keine Todsünde nieder. Dieser Glaube ist auch unter den Christen all- 
gemein und man trachtet, dem Sterbenden nach Möglichkeit zu helfen. 

Wenn in der windischen Steiermark jemand schwer mit dem Tode 
ringt, 80 fragen sich die Leute: „Weiss es Gott, dass der Mensch nicht 
sterben kann? Sollte er vielleicht jemandem Flachs gestohlen haben?*' 
Wenn sie der festen Meinung sind, dass dies wirklich wahr sei, so nehmen 
sie ein Büschel Flachs und verbrennen es auf der Brust des Sterbenden. 
Darauf muss er sogleich sterben. Oder man fragt sich auch, „sollte er 
Grenzsteine verrückt haben?" Ist die Vermutung begründet, so beeilt 



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154 Krauss; 

man sich die Marksteine richtig zu stellen, und der Kranke findet im selben 
Augenblick die gewünschte Erlösung. In Slavonien giebt man einem 
Sterbenden in einem solchen Falle aus einem alten Schuh Wasser zu 
trinken. Dieses Mittel wird in der Stadt Pozega gebraucht. Dort habe 
ich es miterlebt. 

Ab und zu pflegt man den Kranken zu baden, zu rasieren, anzukleiden 
und auch einsegnen (opelo) zu lassen, als ob er schon das Zeitliche ge- 
segnet habe. Mit solchen Dingen beeilt man sich, um an der Seele, die 
nun flügge wird, jenseits einen Fürsprecher zu haben. Wenn es aber vor- 
kommt, dass sich die Natur stärker als das Leiden bewährt und der schon 
für die „Kiste" (kista, s^nduk, dreva) vorbereitete und hergerichtete 
Kranke trotz der Einsegnung wieder sich erholt und seine Gesundheit neu 
erlangt, so betrachtet man von da ab einen solchen Menschen im Dorfe 
als ein leibhaftiges Gespenst und nennt ihn einen lebendigen Vampyr 
(^ivi Vampir). Die alten Weiber, gewöhnlich die VracTaren, hatten schon 
im vorhinein ihren Spruch gefällt, wie lauge einer zu kränkeln haben 
werde; wenn er dann entgegen der Voraussagung weiter lebt und dadurch 
die Unfehlbarkeit einer Vraöara erschüttert, so ist es klar, dass er in 
Wahrheit nicht mehr lebt, sondern dass in seinem Körper der „Unreine" 
oder „Unglückselige" (neöastivi) oder, wie wir sagen, der Gottseibeiuns, sich 
wohnlich eingerichtet haben muss. So ein Geächteter lebt sich selber 
schliesslich in den Wahn hinein, er sei nicht er, sondern ein anderer; 
oder wenn er pfiffig und schlau ist und seinen Vorteil zu wahren versteht, 
lässt er den Ruf ausgehen, er verkehre mit Vilen, Hexen und gar mit 
dem Teufel, und sei durch solchen Umgang ein Wahrsager (prorok) und 
Heilmann (vrac) geworden. 

Aus den bisherigen Vorbemerkungen wird man sich schon klar ge- 
worden sein, dass die Südslaven den Tod als einen Krankheitsgeist per- 
sonifizieren. Er ist weiblichen Geschlechtes und heisst Smrt oder, da 
man diesen Namen von böser Vorbedeutung nicht gerne ausspricht, Kuma 
(Gevatterin) oder einfach Bolesöica (die [liebe| Krankheit). Man soll 
das böse Wort nicht eitel aussprechen; denn die Smrt ist eine tückische 
Wortverdreherin, die in ihrer Verschmitzheit jedes unabsichtlich hin- 
geworfene Wörtlein als eine Einladung zum Erscheinen auffasst. Wer im 
Verkehre mit dem Bauernvolke diesen Glauben nicht beachtet, kann sich 
leicht den besten Mann zum Feinde und sich selber verhasst machen. 
Schon bei der gewöhnlichen fragenden Begrüssung gilt es vorsichtig sein. 
Nur ein „dummer Städter" oder ein böswilliger Kerl fragt den begegnenden 
Bauer: kamo ides (wohin gehst du?); denn in kamo (wohin) steckt die 
Silbe kam (kamen = Stein), weshalb so ein Frager entweder keine oder 
die unwirsche Antwort erhält: „kam o tvoju glavu!" (an deinem Kopf 
soll ein Stein zerschellen!) oder „ti se kamenio!" (du sollst gesteinigt 
werden). Ein wohlgesitteter Mensch fragt dagegen artig: „dokle, ako Bog 



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Der Tod in Sitte, Brauch and Glauben der Südslaven. 155 

da?" (bis wohin, so Gott will?) und kriegt freundliche Antwort und schöne 
Gegenfrage ums Wohlbefinden zu hören. 

Ohne Heimstätte ist die Smrt. Sie kommt und geht, man weiss nicht 
woher und weiss nicht wohin, aber sie wäre kein wirklicher Geist, wenn 
sie die Gaben der Menschen verschmähte. Aischylos hat unzweifelhaft 
als Philosoph und nicht im Sinne eines griechischen Bauern den Vers ge- 
dichtet: fÄOvog ^stüv (ycLQ) t^avaxog ov öwqwv bq^* Bei allen Völkern der 
Erde ist der Glaube an die Bestechlichkeit der Todesfrau heimisch. 

Das Volk in der Gegend von Had^ielesko in Bulgarien glaubt, man 
könne die Bolesöica aus einem Dorfe weg- und in ein anderes einführen. 
Man glaubt auch, dass man die Bolesöica zurückweisen (mo2e da se po- 
srjescne) könne, so lange als sie noch nicht ins Dorf gedrungen, und dass 
man sie wieder in das Dorf zurückzusenden vermöge, aus welchem sie 
ausgegangen ist. 

Die Ausführung des Krankheitsgeistes aus dem einen und die Ein- 
führung in ein anderes Dorf, geschieht auf Geheiss einer Zauberin (vracka). 
Die Vraöka lässt einem Weibe im Dorfe sagen, sie solle einen Fladen 
(pogaöa oder pita) aus reinem Weizenmehle backen und mit Honig be- 
streichen. Einem anderen Weibe wiederum befiehlt sie, sie möge einen 
8traus8 wohlriechender Blumen machen und mit einem roten Wollfaden 
festbinden, an dessen Enden einige Münzen (para) zu befestigen sind. 
Einem dritten Weibe gebietet sie, einen neuen Rucksack (torba) anzufertigen. 
Ebenso bestellt sie noch bei mehreren anderen Weibern gewisse häusliche 
Bachen. 

Falls die Krankheit nur in einem einzigen Hause des Dorfes wütet 
und sie aus diesem in ein anderes Dorf fortgeführt werden soll, so bestellt 
man alle die notwendigen Dinge bloss bei der Schaffherin des betreffenden 
Hauses. 

Sobald alle angeschafften Sachen fertig sind, steckt man in den Rucksack 
den Fladen, den Blumenstrauss, ein wenig Zucker, getrocknete Trauben, 
Nüsse oder Äpfel. Den Rucksack bekommt ein alter Mann, der schon 
einige Kenntnisse im Zauberfache besitzen muss. Der trägt ihn zur Nacht- 
zeit in das andere Dorf, in welches die Krankheit eingeführt wird ^). 

Wenn der Träger mit dem Rucksack ins Dorf kommt, so schleicht 
er sich in einen Garten hinein, hängt den Rucksack an einen Baum oder 
Zaun und eilt so schnell als ihn seine Füsse tragen heimwärts. Man glaubt, 



1) Im Jahre 1883 wurde auf solche Weise eine Krankheit aus dem Dorfe Koz-Bunar 
nach dem Dorfe Pranga im Konuskaer Bezirk weggeführt Die Vracka baha Mara be- 
redete den Djed Hubin, den Rucksack ins Dorf Pranga zu tragen und auf einen Bim- 
bamu zu hängen. Eben als Väterchen Hubin den Rucksack aufhing, bemerkten ihn die 
borfwächter, prügelten ihn weidlich durch, hingen ihm den Rucksack um den Hals, 
steckten ihm den Strauss ans Haupt und führten ihn in solchem Aufzuge „wie einen 
Kater" (wie ein Wundertier) aus dem Dorf hinaus, damit ihn alle Bauern anschauen 
könnten. 



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156 Krause: 

dass derjenige, der am nächsten Tage den Kucksack auffindet und an sich 
nimmt, mit dem Sack auch die Krankheit mitnehme, die nachts aus dem 
Nachbardorfe hingebracht wurde. Die Bauern glauben so fest daran, dass 
sie in vielen Fällen den Rucksack gar nicht öffnen, damit die Krankheit 
ins Dorf nicht eindringe, vielmehr dort bleibe, von wo sie gekommen. 

Die Ausführung einer Krankheit aus einem einzelnen Hause und deren 
Fortfuhrung in ein fremdes Dorf geschieht auch so, dass die Vraöka statt 
eines Rucksacks und eines Fladens von dem verseuchten Hause einen 
neuen Leinwandlappen verlangt. Darin wickelt sie drei mit Honig be- 
strichene Stückchen Brod, ein wenig Zucker oder getrocknete Weintrauben 
und ein Blumensträusslein ein. Das Bündelchen legt sie an eine Quelle oder 
einen Brunnen, von wo die Dörfler Wasser schöpfen. Man glaubt, die 
Krankheit erkiese sich eine andere Person unter denen, die Wasser holen 
und begleite sie heim, um sich dort einzunisten. 

Die Krankheit kann man auch durch Opfer oder Geschenke so gnädig 
stimmen, dass sie wieder dorthin zurückkehrt, woher sie gekommen. Die 
Vraöken werden nämlich im Traume von der Bolesöica verständigt, dass 
sie die Absicht hege, ins Dorf zu kommen. Es geschieht dies freilich nur 
dann, wenn die Bolescica nicht gegen das Dorf erzürnt ist. Um die 
Krankheit vom Besuch abzuhalten, ziehen nun die Vra6ken durchs Dorf 
und sammeln von Haus zu Haus Liebesgaben (milostinja). Diese Ge- 
schenke veräussert man, kauft für den Erlös ein Opfertier (kurban) und 
wirft es ausserhalb des Dorfes mitten auf den Weg hin, den, wie man 
voraussetzt, die Bolescica selber zu wandeln gedenkt. Darauf konrnit die 
Bolescica selber zu wandeln gedachte. Darauf kommt die Bolescica bis 
zum Dorfe, sättigt sich, unsichtbar wie sie ist, am Opfertier, wird gnädig 
gestimmt und trollt sich wieder zurück. 

Gar plötzlich erscheint die Todesfrau, unerwartet und unbestimmt 
wann? Im Sprichworte heisst es: 

Smrt roka ne postavlja 

Der Tod setzt keinen Termin fest. 

Nur gewisse Tiere, besonders Hunde, ahnen das Herannahen der 
Krankheitsgeister und können sie sogar sehen. In Kroatien betrachtet man 
einen mit einem Stirnfleck (Mal) behafteten Hund sehr scheel, denn man 
glaubt, der Hund sehe mit jenem Mal die Smrt. Daher glauben die 
Kroaten (und die Slovenen), wenn ein auf der Stirne gefleckter Hund 
heult und fortwährend himmelwärts schaut, es werde jemand in der Nähe 
in kurzer Zeit versterben. Oder, kommen die Haushunde nachts mehr- 
mals zu den Zimmerfenstern und heulen und bellen, so sehen sie die 
Smrt. Wenn der Bauer sagt, ein Hund, der vier Augen hat, sieht die 
Smrt, so meint er einen Hund, der über jedem Auge ein Fleckzeichen 
hat. Die Identität der Smrt mit sonstigen verderblichen Krankheitsgeistem 



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Der Tod in Sitte, Brauch und Glauben der Südslaven. 157 

zeigt sich auch darin^ dass sie (nach dem kroatisch-slovenischen Volks- 
glauben) gleich den Pestschwestem vor Hunden sich fürchtet und sich 
darum gerne von jemand, der ihr auf dem Wege begegnet, huckepack ins 
Haus ihres Opfers tragen lässt. 

Vermag man die Ankunft der Smrt nicht zu verhindern und zu ver- 
eiteln, so kann man doch einen baldigen Wiederbesuch nach einem Todes- 
falle ihr verleiden oder verkflmmern. So ist es bei den Bulgaren in 
Altserbien Brauch, dass die alten Frauen, sobald man die Leiche empor- 
gehoben, in die Aufbahrungsstelle einen Nagel hineintreiben, um die Todes- 
firau (Smrt) festzunageln, „damit die Überlebenden frisch und gesund 
bleiben und hart wie Eisen sein mögen". Bei den südungarischen Serben 
ist es Brauch, sobald man den Toten aus der Stube hinausgetragen, auf 
den Tisch, wo der Tote aufgebahrt gewesen, einen Ziegelstein zu legen, 
„damit die Smrt zu Stein sich verwandle und damit sie nicht mehr auf 
denselben Tisch hemiederfliege" (da se smrt okameni i da vi§e ne sleti 
na taj sto). In Unter-Steiermark und Krain giesst man, sobald einer ver- 
stirbt, alles Wasser aus den Gefässen aus, selbst wenn es ganz frisch ist; 
denn man glaubt, die Smrt tränke sonst aus den Schäffem und den übrigen 
Behältern das Wasser aus. Allgemeiner Brauch ist es, so lange als ein 
Leichnam aufgebahrt liegt, die Fenster verhängt imd die Spiegel an der 
Wand mit feinem Tüll verdeckt zu halten. In Kroatien sagt man aber, 
in Verkennung des Trauerzeichens, dies geschehe, damit sich die Smrt 
im Spiegel nicht erschaue, weil sonst die Sterblichkeit unter der Mensch- 
heit noch grösser sein würde als sie wirklich schon ist. In der Lika 
schliesst man gleich nach dem Hinaustragen des Verstorbenen die Hausthüre 
ab, damit niemand hinauskönne. So verhindert man, dass nicht bald 
jemand im selben Hause dem Tode nachfolge oder nachgehe. In der 
Gegend von Sissek ist es Brauch, dass, sobald in einem Hause jemand 
stirbt, die Hausleute um das Haus herum rennen, weil sie glauben, da- 
durch der Smrt zu entfliehen. So muss man. auf hundert Kleinigkeiten 
achten, um dem Besuche der Smrt vorzubeugen oder sie nicht herbei- 
zurufen. Um nur ein Beispiel anzuführen: bei den Slavoniem ist es ver- 
pönt, das Bett mit dem Kopfende und den Polstern gegen die Thüre hin 
aufzustellen, denn die Smrt würde den Schläfer durchbohren (probuSiti). 
Wenn nacheinander mehrere Leute in einem Hause sterben, so bringt man 
der Smrt lebende Sühnopfer dar, gewöhnlich einen Hahn oder eine Henne. 
Ich verweise auf mein Buch „Volksglauben", S. 154 f. und zugleich auch 
auf S. 58 f., wo von Smrci (Kindern der Todesfrau) gehandelt wird. 

Der Volksdichtung und nicht dem Volksglauben gehört der Zug 
an, die Smrt verbinde sich mit dem Fieber (vrucica, groznica), wenn sie 
allein einen Menschen nicht überwältigen kann. Das Fieber ist nach dem 
Volksglauben kein Krankheitsgeist, sondern bloss die Wirkung von Krank- 
heitsgeistem. Darum bannt man letztere, nicht aber das Fieber. Dem 



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158 Krauss: 

südslavischen Märchen (in meiner obgedachten Sammlung auf S. 150) liegt 
ein ähnlicher dichterischer Gedanke zu Grunde wie jenem bei Grimm 
im Kindernlärchen (18. Aufl., S. 609 fF.), wo der Tod zum Riesen sagt: 
„Habe ich dir nicht einen Boten über den anderen geschickt? Kam nicht 
das Fieber, stiess dich an, rüttelte dich und warf dich nieder?" Ganz im 
selben Sinne gilt auch bei den Südslaven das Fieber als gewöhnlicher 
Vorbote des Todes. Jemand stellte sich seheinkrank, und forderte im 
frevlen Ubermute den Tod heraus. Kaum waren die lästerlichen Worte 
ihm über die Lippen, packte ihn plötzlich ein grimmiges Fieber, er musste 
sich ins Bett zurücklegen und in einigen Augenblicken hatte er seinen 
Geist ausgehaucht. 

Eine slovenische Sage, die auch in Versen im Volke bekannt ist, er- 
zählt, der hl. Thomas habe die Smrt listig in ein Fass (lagev) eingeschlossen, 
und sie sieben Jahre lang gefangen gehalten. Das ist eine verstümmelte 
Variante des in ganz Europa verbreiteten Volksmärchens vom Tod, den 
ein schlauer Schmied mürbe gehämmert. Erst jüngsthin hat Rein hold 
Köhler, der Meister deutscher Volksforschung, eine neckische italienische 
Fassung des Märchens besprochen (Goethe und der italienische Dichter 
Domenico Batacchi. Berichte der Kgl. Sachs. Gesellschaft der Wissen- 
schaften, 1890. S. 72 — 78). Das Vorkommen dieses Märchens bei den 
Südslaven ist litterar-historisch bemerkenswert und darum ist die Wieder- 
gabe einer vollen Fassung rätlich. 

Die südslavische Variante (aus Slavonien) steht sehr nahe der deutschen, 
wie sie bei Grimm zu lesen ist. Das Märchen hat Anklang gefunden, 
80 dass der schlaue Schmied, sogar einen echtslavischen und noch dazu 
einen alten, jetzt nicht mehr üblichen Namen bekam. Er heisst Koren 
kovaö (Koren der Schmied). Man wisse, dass koren „Wurzel" bedeutet 
und dass mit Wurzelwerk (altsl. korenije) gezaubert und ab und zu geheilt 
wird. Man versteht wohl das ältere Wort korenije im Sinne von Zauber- 
werk und koreniticT von. Zauberer. Koren ist daher der Zauberer. 

„Es lebte einmal in einem Dorfe ein reicher Schmied, der hiess 
Koren. Er besass viele Häuser und Güter und dazu einen schönen Wein- 
garten, der ihm jedes Jahr seine hundert Eimer Wein trug. Nun traf 
es sich einmal, dass der Schauer alles auf dem Felde und in den Wein- 
bergen zusammenschlug. Auch Körens Weinberg blieb nicht verschont. 
Als die Weinlese zu Ende war, konnte Koren den ganzen Ertrag — volle 
drei Mass Wein — selber leicht heimtragen. Sprach Koren: „Ei, Gott 
sei es gedankt, dass ich selbst das bekommen habe. Nun will ich diesen 
Wein mit dem Erstbesten, der mir in den Weg kommt, austrinken. Was 
soll ich diese Last bis nach Hause schleppen?" 

Singend zog er heimwärts, als ihm plötzlich ein unbekanntes Frauen- 
zimmer den Weg vertrat. „Gott zum Gruss, Schwägerin", sagte Koren 
freundlich und vergnügt. — „So helfe dir Gott, mein Koren," sagte das 



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Der Tod in Sitte, Brauch und Glauben der Südslaven. 159 

Frauenzimmer. Darauf Koren: „Weisst du was, ich hab's mir zugesagt, 
dasB ich mit dem Erstbesten, der mir in den Weg kommt, diese drei 
Mass Wein, die ich im Fässchen trage, gemeinschaftlich austrinken werde. 
Ich besitze dir, Tschaperl (nebore), einen Weingarten, der wirft mir Jahr 
aus Jahr ein hundert Eimer Wein ab, heuer aber bekomme ich dir, schau 
her! bloss drei Mass. Gut, dass ich wenigstens noch die bekommen habe." 
Das Weib entgegnete: „Mein lieber Koren, dich suche ich gerade. Mache 
dich fertig, ich bin die Smrt. Bog hat mich auf dich losgeschickt; weil 
ich dich aber nicht daheim angetroffen, bin ich dir entgegengegangen." — 
^Mache keine Dummheiten, Smrt! zuvor muss ich mein Versprechen ein- 
lösen, dann bin ich bereit; kannst machen mit mir, was dir beliebt". 
Sagte es und reichte der Smrt das Fässchen hin. Die Smrt nahm das 
FäsBchen und that einen langen Schluck daraus, den Rest trank Koren aus. 

Nun waren sie Beide ziemlich guter Dinge, und Koren sagte: 
„Merkwürdig, das Spundloch ist so klein, und doch haben wir den Wein 
so bald herausgekriegt. Horch mal Smrt! als Kind noch, es ist schon 
freilich längere Zeit her, habe ich erzählen gehört, du könntest dich so 
dünn machen, dass du mit Leichtigkeit durch dieses Spundloch ins Fässchen 
hineinschlüpfest. Alles glaub' ich gerne, doch so etwas ist doch nicht 
möglich. Hab' ich recht oder nicht?" — Entgegnete die Smrt: „Mein 
lieber Koren, du hast wirklich nicht recht; denn ich kann mich wie ein 
Strohhalm dünn machen und überall hineinschlüpfen". — „Na, sei so gut! 
Probier's einmal, damit ich auch dieses Wunder vor meinem Hinscheiden 
noch sehen könne". 

Die Smrt verdünnte sich wie ein Strohhalm und schlüpfte durch das 
Spundloch ins Fässchen hinein; im selben Augenblick aber spundete Koren 
das Loch mit dem Stöpsel so fest als möglich zu und trat den Heimweg 
an. Die Smrt begann ihn zu bitten und zu beschwören, er soll sie frei- 
lassen; sie werde ihm ja nichts thun, sie wolle ihn sein Lebtag in Frieden 
lassen, doch es half ihr nichts. Daheim stieg Koren auf den Boden und 
hing das Fässchen in den Rauch. Seiner Frau aber teilte er die Ge- 
schichte mit und sagte ihr, sie möge reinen Mund halten. 

So verstrichen volle sieben Jahre, dass sich die Smrt im Rauchfang 
selchte. Bei Koren starb inzwischen keine Seele, so dass sich darob alle 
Welt bass verwunderte. Endlich wurde Koren bange, Gott (Bog) könnte 
ihm den Streich übel nehmen und darum stieg Koren auf den Boden 
hinauf und spundete das Fässchen auf. Die Smrt war schon ausgedörrt 
wie ein Ileuhalni. Flugs entwich sie aus ihrem Kerker und rannte 
schleunigst davon. 

Alsdann begann ein allgemeines Sterben, nur Koren und die Seinigen 
blieben verschont. Da sagte Gott der Herr schliesslich zur Smrt, sie 
solle auch Koren vom Leben scheiden; doch die Smrt mochte um keinen 
Preis den Auftrag ausführen, weil sie sich vor Körens Listen fürchtete. 



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160 Krause: 

Als Gott sah, dass er mit Hilfe der Snirt nichts ausrichten könne, schickte 
er den Teufel Cgjavo) über Koren. 

Der Teufel kam zu Koren, und Koren sagte zu ihm : „Ich sehe schon, 
OS geht wahrhaftig nicht mehr so weiter. Das Alter hat mich schon zu- 
sammengeschlagen, ich gehe gleich mit dir, nur möchte ich noch zu guter 
letzt für die Kinderchen zwei, drei Hauen und Schaufeln schmieden. 
Zum Unglück aber ist just der Blasebalg verdorben. Geh, sei so gut und 
schlüpfe in den schadhaften Balg hinein und blas mir das Feuer an*** 

Wie der Teufel schon von Haus aus arglos ist und an nichts Schlechtes 
denkt, schlüpft er in den Balg hinein. Kaum aber ist der Teufel drinnen, 
so versperrt der Koren geschwind das untere Pfauchloch, vernagelt das Blas- 
rohr vom Balge und ruft seine Gesellen, lauter handfeste Kerle herbei. 
Jeder ergreift einen schweren Hammer, und nun wird aus allen Kräften 
auf den Balg losgehämmert, dass die Funken stieben. Der Teufel brüllte 
vor Schmerz wie ein kranker Ochse. Als sie ihn fast halb totgeschlagen, 
gelang es ihm endlich durch einen Riss in dem Leder zu entweichen. 
Einen Fuss hatten sie ihm gebrochen. Seitdem hinkt der Teufel mit 
einem Bein. 

Der Hinkteufel begab sich vor Gott und erzählte, was für einen ver- 
fluchten Tanz Koren mit ihm aufgeführt habe. Gott der Herr sah ein, dass 
Koren schon zu lange lebe, und darum schickte er ihm gleich drei Teufel 
auf einmal auf den Hals. Koren betrog auch diese drei. Es war gerade 
ein sehr kalter Winter und Koren mühte sich just ab, einen grossen 
Eichenblock zu spalten, als die Teufel bei ihm erschienen. Er überredete 
die Teufel, sie möchten ihm spalten und speideln helfen, damit es seinen 
Kinderchen an Holz zur Feuerung nicht fehle, dann wolle er gleich mit 
ihnen fortziehen. Die Teufel sagien „ja", denn sie witterten dahinter 
nichts Böses. 

Da hieb Koren die Axt in den Block hinein und rief den einen 
Teufel: „Komm schnell her und steck die Finger in den Spalt hinein, bis 
ich für die anderen zwei und für mich Spalten mache. Dann werden 
wir mit vereinten Kräften auf einmal den Block auseinanderreissen*'. Ebenso 
betrog er auch die zwei anderen Teufel, so dass sie die Finger im schweren 
Holzblock fest eingeklemmt hatten und nicht hin imd nicht her konnten. 
Jetzt rief Koren schnell seine Gesellen herbei; die kamen mit eisernen 
Stangen und schweren Hämmern und schlugen wie blind auf die drei 
Teufel los, bis sich die dieselben vor Schmerz die Finger abbissen und 
davonrannten. 

Weder Smrt noch Teufel behelligten mehr Koren den Schmied. 
Und Gott Hess ihn auch in Ruh, weil er wusste, Koren werde das Leben 
ohnehin satt bekommen. So war es auch. Als Koren des Lebens endlich 
überdrüssig geworden, machte er sich auf den Weg in den Himmel. 
St. Petrus fragte den Herrn : „Da draussen steht Koren der Schmied, soll ich 



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Der Tod in Sitte, Braach und Glaaben der Südslayen. 161 

ihn hereinlassen?^ — „Warum nicht gar! Er soll sieh zum Teufel 
scheren!** 

Also ging Koren zur Hölle. An der Höllenthüre war ein Guckloch 
mit einer Klappe. Kaum erblickten ihn die Teufel durch das Loch, so 
erhoben sie einen Höllenlärm: „Das ist ja Der, der uns zu leidigen Tagen 
geschlagen! Den lassen wir nicht herein, der ist im stände und jagt uns 
alle aus der Hölle hinaus!** Und hurtig verrammelten sie das Höllenthor. 

Koren kehrte wieder zum Himmel zurück und pochte an die Himmels- 
pforte an. „Wer da?" fragte St. Petrus. „Ich, Koren der Schmied. Wollte 
in die Hölle, die Hessen mich aber nicht hinein; bin darum zurückgekehrt" 
— „Ja, hab' ich dir denn nicht gesagt, dass für dich hier kein Platz ist?" 
~ „Weisst was, St. Petrus, lass mich wenigstens hineinschauen ins Paradies, 
dann will ich dich nicht mehr belästigen." 

St. Petrus mochte ihm die Bitte nicht abschlagen und öffnete ein 
wenig die Pforte. Da rief ihn jemand im Himmel, und während er hinsah, 
schlüpfte husch! Koren in den Himmel hinein und setzte sich auf einen 
Haufen alter Kleider. „Pack dich nur schnell wieder hinaus", rief ihm 
8t. Petrus zu. Doch Koren antwortete : „Ich gehe nicht. Ich sitze auf 
meinen alten Kleidern, die ich einst einem Bettler geschenkt habe. Von 
meinem Eigentum lass ich mich nicht wegjagen". Petrus erhob Beschwerde 
bei Grott dem Herrn, doch der Herr war gnädig und sprach: „Na, so lass 
ihn ungeschoren. Ein andermal passe besser auf." Also weilt Koren noch 
immer im Himmel". 

Eine slavonische Variante dieses Märchens lässt den Schmied zwei 
müde Wanderleute, Gott und den hl. Petrus, beherbergen. Der Schmied 
bittet sich die einzige Gnade aus, dass, weil ihm die Früchte von seinem 
Nussbaume so oft weggestohlen werden, jeder auf dem Baume bleiben 
müsse, wenn er ihm „bleib oben" zuruft. Als die Smrt zum Schmied 
kommt, beredet er sie auf den Baum hinaufzusteigen. Der Nussbaum ist 
zum Aufenthaltsort und Tummelplatz unheimlichen Hexengelichters ge- 
worden. In solche Gesellschaft mag man sich die Smrt gern hineindenken. 

Nichts Anderes als den von auswärts ins Slavische hineingebrachten 
Knochenmann, dürfen wir in der, im Volksglauben der katholischen 
Kroaten wohl nur vereinzelt vorkommenden Smrt, erblicken, wie sie von 
einem Kroaten, Namens Modrusi^ (in Kukuljevid's Arkiv za povjest- 
nicu n. s. w.) beschrieben wird. 

„Wenn der Mensch in den letzten Zügen liegt, eilt die Smrt auf 
Drachenflügeln (na zmajevih krilih) zu ihm hin; ihr Gefolge bilden sechs 
gräuliche Hunde, die gleich grauen Gebirgswölfen hungrig sind. Man 
sagt, Smrt bestehe aus lauter Knochen und Haut; ihr Hals sei dünn wie 
ein Mühlseil (palaraar). Vor Hunger und Kummer ist sie wie der Satan 
(bijes) bösartig. Erblicken können sie nur diejenigen, deren Leben eben 
noch aa einem Haare hängt. Wenn sie in die Nähe des Hauses gekommen 

Zeitschrift d. Vereint f. Volktkonde. 1891. 11 /-~^ j 

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162 Krauss: 

ist, hockt sie sich auf den Zaun nieder und reisst den Mund auf wie ein 
nüchterner Wolf. Sie versteckt sich in allen Winkeln, damit sie nicht er- 
kannt werde, und nachdem sie sich mit ihrem Gefolge von sechs Schnappern 
ausgerastet, geht sie ins Zimmer hinein, wo der Kranke liegt. Ist der 
Kranke nur noch etwas bei sich, so brüllt er bei ihrem Anblick fürchterlich 
auf und beginnt mit Händen und Füssen zu strampeln. Er schreit aus 
voller Kehle, man solle sie hinausjagen. Und wenn man ihn tröstet und 
ihm rät, er möge die Augen schliessen, so nützt das nichts, er schaut die 
Smrt doch. Droht er ihr mit der Hand, so zeigt sie bloss mit den Fingern 
auf die Sense. Man sagt, sie stehe dort, wohin der Sterbende schaue. 
Die Teufel in Gestalt von Hunden umringen den Ärmsten; der eine Teufel 
stellt sich ihm zu Häupten, der andere zu Füssen, zwei rechter und zwei 
linker Hand, alle sprungbereit um im entscheidenden Augenblick die her- 
ausfahrende sündige Seele zu ergreifen. Inzwischen schleicht sich die 
Smrt an den Tisch, zieht unterm Arm eine Schachtel voll Rasiermesser 
hervor und legt die Messer auf den Tisch auf. Dann nimmt sie ein Messer 
nach dem anderen und zieht es über dem Lederriemen ab. Nachdem sie 
ein Messer für gut befunden, macht sie zur Probe einen Einschnitt in ihre 
eigene Handfläche. Kaum berührt sie mit dem Messer das Fleisch, so 
spritzt schon ein dunkler Blutstrahl aus der Hand in den Balken über dem 
Kranken hinauf. Sobald der Kranke dies erblickt, fangt er an die Augen 
zu verdrehen imd zu röcheln. 

Wer die Smrt bei dieser Arbeit beobachten will, braucht nur auf den 
Besen unter den Füssen des Kranken zu treten; doch keiner getraut es 
sich, denn jeder hat schon an dem Namen der Smrt genug, geschweige 
denn, dass er sie noch sehen wollte. Bei dieser Gelegenheit pflegen die 
alten Weiber, die beim Sterbenden weilen, einander zuzuwispeln: „drago 
moje! kako ga muöi! sad ga kolje!" („0 du mein Lieb! wie sie ihn 
martert! ha, jetzt schlachtet sie ihn ab!"). Der Mensch sperrt den Mund 
auf, die Seele kommt zum Vorschein, die Hunde packen sie und rasch ist 
sie drinnen im Schnappsack. Die Smrt wischt das Rasiermesser ab, legt 
es zu den übrigen, wickelt alle hübsch ein, steckt sie unter den Arm, 
schwingt die Sense über die Schulter und geht weiter, die Hunde hinterher. 

So geht es zu, wenn ein Sünder stirbt; die Seele des Reuigen 
empfangen aber die gebenedeite Jungfrau Maria und die Engel, vor welchen 
sich die Smrt verbirgt und die Hunde verkriechen." 

Wieviel unser kroatischer Gewährsmann aus eigenem Erdichtungsbome 
schöpfte, lässt sich nicht bestimmen; gewiss aber ist das Eine, dass er 
seinem Volke Vorstellungen zuschiebt, die letzterem vermöge seines Bildungs- 
grades nicht zugesprochen werden können. Die Teufel in Hundegestalt, 
die Smrt mit der Sense, sowie die Rasiermesser, gehören dem echtslavischen 
Volksglauben nicht an. 

Dem Volksforscher liegt es ob, nicht bloss die volkstümlichen An- 



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Der Tod itt Sitte, Brauch uBd Olauben der Südslayen. 163 

schanungen aufzusuchen, sondern auch die Erzeugnisse einer sogenannten 
Eunstpoesie, welche man auf Rechnung des Volkes von unberufener 
Seite setzt, auszuspüren und fest zu bezeichnen. In der Kurela eschen 
Sammlung kroatischer Volkslieder aus Ungarn finden sich zwei Lieder 
an die Smrt (popivka od smrti) aus Petrovoselo (Szent - Peterfalva, 
Prostrum), die sich durch Betrachtungen und Gelahrtthuerei als mönchische 
Machwerke offenbaren, wofeme sie nicht, so auffällig dies auch klingen 
mag, eine verkürzte Übersetzung der Ode an den Tod in Kortüms 
^Jobsiade^ sind. Der Seltsamkeit halber soll das kürzere Lied (St. 624. 
S. 276 f.) hier mitgeteilt werden: 

„O furchtbare Smrt, o böse Smrt — wieviel Wunder vollbringst du! — 
Dein bitteres Gedenken — verwundet heftig mein Herz. — Wer immer 
dein Leid erfahrt — aus ihm muss die Seele hinausfahren. — Wen dein 
Pfeil verwundet — den schützt kein Purpur — dem frommen kein 
Apotheker — dem frommen selbst die feinen Doctores nicht. — Der 
braucht nicht nach Padua zu gehen — noch in irgend eine Apotheke. — 
Vergebens trägt er Amulete — vergebens alle möglichen teuflischen Zau- 
bereien. — Er muss die Blätter, die Pflaster und die Wurzeln auf die 
Seite legen. — Weder ein Trunk Alkermus — noch die Pratres aus der 
Stadt Wien — vermögen ihn zu erretten, — dass er nicht zum Gefangenen 
der Smrt werde. — Denn entzieht sie jemandem das Leben — so drückt 
sie ihn mit weichem Fusse nieder. — Sie thut dem Alter nicht schön — 
Mnd berücksichtigt nicht die Jugend. — Sie fürchtet sich vor dem Zornigen 
nicht — sie hat keine Angst vor dem Mutigen. — Wo ist Samson, der 
kraftstrotzende Ritter — wo Herkules, der grosse Held? — Wo ist Alexander, 
der Mächtige — der über die ganze Welt herrschte? — dessen Gefangener 
Darius — die Perser und Ägyptus waren? — Wo ist Julius, der erste Cäsar? 
— der mit einem Löwengespann daherfuhr? — der den Pompeius er- 
mordet — und die ürbs eingenommen hat? — Wo sind die übrigen vielen 
Cäsaren — jeder im Heldentum hervorragend? — Über alle trugen sie 
den Sieg davon, — nur dich, die einzige, konnten sie nicht besiegen. — 
AUen hast du die Kronen, allen die Waffen und die schnellen Rosse ge- 
nommen — dass dir niemand entweichen, — dass jeder ins Grab sinken 
muBste" etc. etc. 

Wie kann man solches Zeug für ein Volkslied ausgeben? 

(Fortsetzung folgt.) 



11* 

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2g4 Porkclsson; 



Die Annalen des Bischof Gisli Oddsson in Skälholt 

von 1637. 

Mitgeteilt von Jon porkelsson. 

Unter den Handschriften, welche Professor Fi nnur Magnüsson 1832 
der Bodlejanischen Bibliothek in Oxford verkaufte, sind zwei Papierhand- 
schriften in 4*, Nr. 50 und 51, welche die Annalen des Gfsli Oddsson, 
Bischof von Skalholt auf Island, von 1631 — 1638, enthalten. Diese Annalen 
sind im Jahre 1637 geschrieben und jetzt nirgends sonst als an der vor- 
genannten Stelle zu finden. Beide Handschriften sind Originale, wenn es 
auch ungewiss ist ob von der eigenen Hand des Bischofs, abgesehen von 
der Unterschrift in Nr. 50 und einem kleinen Abschnitt in 51. 

Die Annalen beginnen mit dem Jahr 1106 und gehen bis 1637, über- 
springen aber viele Jahre, so dass von 1106 bis zum Ende des 14. Jahr- 
hunderts nur folgende vorkommen: 1106, 1117, 1153, 1158, 1159, 1165, 
1168, 1181, 1199, 1223, 1226, 1227, 1238, 1240, 1244, 1245, 1275, 1279, 
1308, 1331, 1340, 1342, 1346, 1374 und 1379. Es ist dies alles ohne 
Wert, denn es ist nur anderen älteren Annalen und Quellenschriften ent- 
nommen, von welchen manche sehr unzuverlässig sind (den Oddaverja- 
annalen, der Lyskanderskronik 1608). Professor Gustav Storm in 
Kristiania hat eine Untersuchung darüber gegeben im Arkiv för nord. 
Filologi VI. Neue Folge H, 351 — 357. Es war zum ersten Mal, dass 
diese Annalen beachtet wurden; aber Storm fehlten alle Aufschlüsse über 
den späteren Teil des Jahrbuchs, von dem man vermuten konnte, dass er 
beachtenswert sei. Ich freute mich deshalb im, Sommer, als ich die Aus- 
sicht hatte nach England zu reisen und isländische Handschriften zu unter- 
suchen, an das Jahrbuch Gisli Oddsson zu kommen, weil ich darin 
grosse historische Kenntnis, besonders aus dem 17. Jahrhundert zu finden 
erwartete, der Zeit, in welcher der Verfasser selbst lebte, zumal es kein 
unbedeutender Mann, sondern der Bischof von Skalholt war, der geschrieben 
hatte. Allein ich wurde in meiner HoflFriung gänzlich getäuscht, da er keines 
historischen Ereignisses gedenkt, das nicht anderwärts ebenso gut erwähnt 
wird. Aber das sah ich, dass er sehr merkwürdig in volkskundlicher Hinsicht 
ist, denn er ist voll von Aberglauben und wunderlichen Ereignissen und erzählt 
Volkssagen, die sonst nirgends erwähnt werden. Es ist in Wahrheit die 



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Die Annalen des Bischof Ofsli Oddsson in Skdlholt von 1687. 165 

.älteste isländische Volkssagen- und Aberglauben- Sammlung, nach dem 
Beginn der stark abergläubischen Zeit, die mit dem 17. Jahrhundert 
anhebt. 

Jon Gudmundsson (gest. 1651) schrieb als ein Zeitgenosse yon 
Gisli, wenn auch etwas später, und seine Schriften sind gewiss unver- 
werfliche Zeugen des Aberglaubens der Leute; aber weil er sowohl un- 
gelehrt als selbst sehr abergläubisch war, hat man, was er schrieb, als 
seine eigenen Erzählungen angesehen und nicht als die seiner Zeitgenossen, 
und hat alle Zauber- und Gespenstergeschichten sowie den isländischen 
Aberglauben des 17. Jahrhunderts auf seine Rechnung gesetzt. Allein dass 
wirklich alles das tief im ganzen Volke wurzelte, ergiebt sich leicht, 
sobald man sieht, dass der Bischof von Skalholt seine Annalen mit diesen 
Dingen anfüllt. Ich schrieb deshalb die Annalen von 1402 — 1637 ab und 
liess das frühere weg, weil es ganz ohne Nutzen war. 

Die Handschrift 50 hat die Annalen vollständig, aber 51 reicht nur 
über die Zeit von 1606—1637, und schiebt nach 1612 verschiedene Stücke 
aus dem 14. Jahrhundert ein. Die Jahre 1606 — 1637 finden sich also in 
beiden Handschriften. Aber ihr Hauptunterschied ist, dass 50 weit voll- 
ständiger und besser als 51 ist in dem, was sie beide haben. Auch die 
Jahrreihe ist in 51 sehr unrichtig, so dass ich glaube, dass diese Hand- 
schrift in Wahrheit ein Entwurf und nicht das Umgekehrte sei, wie Storm 
nach Cand. Collin glaubt. 

Die Überschrift der Annalen ist diese: 

Annalium in Islandia farrago 
Hinc inde descripta. 

Ich hatte beide Handschriften bei der Abschrift vor mir und nahm 
das, was das Vollständigste in einer von ihnen war, auf. 

Von diesem Teil der Annalen ist nicht viel Anderes zu sagen, als 
dass er selbständig und deshalb bemerkenswert ist. Gleich die Erzählung 
von der Pest (pläga) von 1492 (1495) ist selbständig und anders als bei Jon 
Egilsson, so dass jeder der beiden für sich steht. Das Eigentümlichste 
ist, dass der Annalist entgegen dem, was man erwarten sollte, sich scheut 
etwas von de» Landesregierung oder den Landesvorstehem zu ssigen, und 
es durchaus vermeidet den Tod ausgezeichneter Männer zu erwähnen. 
Der Verfasser führt nicht einmal den Tod seines Vaters, des Bischof Oddur, 
1630 an; nicht mit einem Wort den Stadtbrand von Skalholt im selben 
Jahr; kaum erwähnt er die Türkenplünderung von 1627, und nicht hält 
er es der Mühe wert, bei diesem Jahr des Todes des Bischof Gudbrandr 
2u gedenken. Ein einziges Mal erwähnt er den Tod eines hervorragenden 
Mannes, aber das ist der Wassertod Gisli Arnasons in Blautakvisl bei 
Bölhraun, den er 1603 setzt. Er erwähnt ihn augenscheinlich nur, weil 
es wunderlich dabei zuging und ein ungeheurer Fischzug das Netz zerriss. 



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166 porkelsson: 

Gislis Tod wird in anderen Annalen nicht aufgeführt; das Jahr wäre nach 
meiner Meinung richtiger 1612 oder 1613. Unwetter und Feuerbrünste berührt 
der Verfasser als merkwürdig, was ihm nahe lag, da er so reichlich allen 
Geschichten von Naturmerkwürdigkeiten nachjagt, wie Missgeburten, Me- 
teoren, Nebenmonden und -Sonnen, freiwilligem Glockengeläut, Ungeheuern 
und Wunder erscheinungen. 

Von den Geschichten, welche die Annalen erzählen, sind besonders 
interessant: die Geschichte von dem Mädchen in Hvamm 1599, von dem 
Mädchen in Berghyl 1606 und die prächtige Gespenstergeschichte von 
dem Spuck des Ivar Eyjölfsson von 1606, und nicht zuletzt die hier zum 
ersten Male erwähnte Hexerei porleifur pordarsons (Kjapta - Leifi, 
Galdraleifi), der erst im Jahre 1647 starb. Alle diese Geschichten sind 
sonst unbekannt. 

Candidat Coli in, welcher den älteren Teil der Annalen im Winter 
1888/89 für Professor Storm auszog, hat geklagt, dass die Abschriften 
schwer zu lesen seien, und gewiss ist es nicht so leicht, da die Dinte zu- 
weilen durchgeschlagen ist. 

Der Bischof sagt am Schluss, dass Sera Ketill Jörundsson(gest. 1670), 
der in Skälholt erzogen und um 1637 dort Locator war, die lateinische 
Übersetzung grösstenteils gemacht habe. Aber die Hand in keiner der 
beiden Handschriften gleicht der Hand Sera Ketils. 

Es ist hier wohl an der Stelle von Bischof Gisli selbst etwas zu 
berichten. 

Sein Vater war der bekannte Bischof Oddur Einarsson (geb. 1559, 
gest. 1630), seine Mutter Helga Jönsdöttir, vom Geschlecht Bischof 
Jon Arasons. Gisli ward 1593 geboren, im Jahre 1616 Priester bei 
seinem Vater in Skälholt. Schulmeister war er 1621 — 22; dann ward er 
nach Stafholt im Borgarfiörd ernannt, und 1623 Pfarrer in Holt undir 
Eyjafjöllum. Im Jahre 1622 verheiratete er sich mit Sigridr Björnsdöttir; 
die Ehe blieb kinderlos. Aber zuvor hatte er ein uneheliches Kind mit 
Gröa, der Tochter des Priesters Eyjölfr Arnpörsson in GarSar. Auf 
dem Alping von 1631 nach dem Tode seines Vaters ward er zum Bischof 
gewählt, gleichzeitig sein Bruder Arni zum Lögmann. Er starb auf dem 
Alping am 1. Juli 1638. Diese drei, der Vater Bischof Oddur und die 
Söhne Bischof Gisli und Lögmann Ami waren sämtlich hervorragende 
Männer. Bischof Oddur war von einer alle anderen überragenden Grösse 
und Männlichkeit. Er und der Sysselmann Ari Magnussen i Ögri (gesi, 1652) 
waren auf dem pingfelde leicht kenntlich, denn sie ragten mit Haupt und 
Schultern über die ganze Versammlung hinweg. Oddur war mit der 
Gabe, die Zukunft zu sehen, ausgestattet, und stand im Rufe, vieles voraus 
zu sagen, was sich später erfüllte. Begreiflicherweise ward er für einen 
Zauberer und im Verkehr mit den Eiben gehalten; es giebt viele Ge- 
schichten davon. Er war ein sehr gelehrter Mann und von ihm stammen 



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Die Annalen des Bischof Glsli Oddsson in Skdlholt von 1637. 167 

die ältesten isländischen Sagenhandschriften nach der Refonnation. Yon 
der alten Litteratur rettete er viel vor dem Untergänge, indem er es ab- 
schreiben liess. 

Arni, der Lögmann, war so berühmt wegen seiner Rechtschaffenheit, 
dass er ohne gleichen galt. Es wird von einem Verbrecher erzählt, dass er 
an den meisten Landeshauptleuten etwas zu tadeln gehabt habe, aber von 
Arni Oddsson habe er gesagt, dass er nur gutes an ihm gefunden. 
Gisli Oddsson war, wie sein Vater, ein sehr starker Mann und durch 
seine Kräfte so berühmt, dass Sagen davon gingen. Eine derselben ist die, 
dass er den grossen Skalholtaraboss, welcher 480 Pfund wog, ohne aus- 
zuruhen, rings um die Schmiede und in sie hinein getragen habe. 

Das Gerücht hatte sich verbreitet, dass Gisli etwas zum Trunk geneigt 
sei, und das wurde ihm bei der Bischofswahl zum Vorwurf gemacht. Es 
ergab sich freilich, dass es nicht so schlimm war, als man sagte. Dennoch 
glaubten viele, dass seine Anlage zum Trinken schuld daran sei, dass er 
kein höheres Alter erreichte. 

Bischof Gisli galt zu seiner Zeit für einen gelehrten Naturkundigen; 
auch hat sich eine Schrift von ihm erhalten, welche, wenn man will, noch 
merkwürdiger als die Annalen ist, eine Beschreibung Islands von 1638. 
Das einzige Exemplar liegt in der Sammlung Finnur Magnüssons in Oxford 
unter No. 84, 4®, und ist im ganzen 203 Seiten stark. Es ist Original, 
wahrscheinlich vom Verfasser selbst geschrieben. Finnur Magnussen hält 
dafür, dass es die Schrift sei, welche in der Bibliotheca Reseniana 
(Hafn. 1685) dem Bischof Oddur, Gislis Vater, zugeteilt wird, und das 
ist nicht unwahrscheinlich, weil Odds Schrift sonst nirgends zum Vorschein 
gekommen ist. 

Die Schrift ftlhrt den Titel De Miribilibus Islandiae. Ich zog 
sie im Sommer aus, und weil sie in nächster Verbindung steht mit den 
Aufgaben dieser Zeitschrift, werde ich einiges daraus vorführen, besonders 
weil diese Schrift früher nirgends sonst erwähnt worden ist. 

Voran steht dieser Satz: 

Anno 1638 18 Aprilis Deacriptionem rerum admirabilium quaß in 
patria occurrunt ordior quod utinam tam felici sydere ac auspicio quam 
voluntate simplici mente Candida et veritatis studio bene vertonte Deo. fiat. 

Hintenan steht: 

Explicit libellus ad Calendas Majas. 

Die Schrift kann recht lehrreich heissen, aber es fehlt nicht an Aber- 
glauben, besonders in den Elbensagen. Von dem Inhalt geben die Über- 
schriften der 40 Kapitel die beste Vorstellung. 

1. De situ Islandiae ad elevationem poli. 2. De Glacie boreali aut Gron- 
landica cum adjimctis. 3. De Meteoris rairis et varijs a rore mellito. 4. De 
terr» motibns et ignium eruptionibus ijsdemque diversis et horrendis. 5. De 
quasi meteoris in mari. 6. De portentis fluminum. 7. De monstris in mari. 



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168 porkelsson: 

8. De piscibus grandioribns seu animalibus oceani. 9. De minoribiis etiam quasi 
animalibus. 10. De pisciculis minusculis maris. 11. De minutulis piscibus flu- 
yiatilibus. 12. De avibus prsecipue domesticis. 13. De adventilijs seu aestivalibus 
aviculis. 14. Opinio de hyberaatione aricularum ibidemque de Aradalis. 15. De 
avibus marinis. 16. De iuseetis volatilium. 17. De reptilibus insectis. 18. De 
auimalibus terrestribus. 19. De feris. 20. Desi^atio prsBcipuarum alpium, 
stagnorum, fluviorum ac 8iuu[u]ni in Islandia. 21. Appendix superiorum. 22. De 
insulis primarijs circa continentem habitatis. 23. De insulis Yestmannorum sin- 
gulariter. 24. De graminibus et herbis. 25. De fructicibus et radicibus. 26. De 
arbusculis et arboribus. 27. De quibusdam locis notabilibus. 28. De admirandis 
fossüibus. 29. De metallis. 30. De lapidibus et gemmis. 31. De Puteolis et 
fontibus yarijs. 32. De diversitate antrorum et speluncarum 33. De subterraneis 
gigantibus et hominibus. 34. De eorundem miraculis. 35. De balneo arenario 
. nobilissimo (non procul a villa Reykiablid). 36. De hominum indole et institutis. 
37. De balenarum yenatione. 38. De artiftcialibus admirandis. 39. De ingenijs 
sollertissiniis. 40. De operis faeminarum ac ibidem de Farre Islandico. 

Im Kap. 6 wird von der Schlange im Lagarfljöt erzählt, von der die 
Annalen sagen, dass man sie oft sehe. Sie ist aller Schlangen fürchter- 
lichste. Einige sagen, dass sie eine Meile lang sei, doch stimmen die 
Angaben dfirüber nicht, wie viele Krümmungen sie hat: ein, zwei, drei 
werden angegeben. Sie ist entsetzlich und regt den Fluss so auf, dass er 
auf das Land überströmt. Sie gebärdet sich so schlimm, dass die Erde 
erbebt und die Häuser in der Nähe wanken. Sie ist sehr hässlich. Es 
wird erzählt, dass einmal ein Bischof sie aus dem Fluss hinwegbannen 
wollte und sie war verschwunden, so lange der Bischof da war. Als er 
aber fortgegangen, kam sie wieder zum Vorschein und sie war durchaus 
nicht angenehmer als zuvor. 

Im Lagarfljöt sind zwei andere Ungeheuerarten: gefährliche Seehunde 
und ein schrecklicher Koche. Stephan Olafsson (gest. 1688) erzählt 
von diesem Ungetüm in der Raunkufötsrima (meine Ausgabe I, 115—117) 
und sagt, dass die Schlange auf Gold liege und mit Kopf und Schwanz 
am Grunde festgewachsen sei; sie sei drittehalb Meilen lang: 

Ormminn sä, sem uppi i fljöti er endilangur, 

hart vi?r brd, er brast i rot og bylgjugangar. 
Fastür d haus er hermt bann liggi og bala sinum, 

gildan hnaus af gööri byggir grabaksdynu. 
Half pingmanna langur leid nam lykkjur keyra 

ekki grannur upp lir breiäum ymis dreyra. 
Skatan liggur baröabreiör i bäru glaumi, 

snyr upp hrygg og eingu eyrir üt hja Straumi. 
Svo sem ey er a aö litrf ypt lir glyju, 

langt nam teygja ür hylnum hvita halana niu. 
Selurinn einn er undir fossi int aö bölmi, 

bans augasteinn er bjartur blossi, en bak sem hölmi. 
Ldmum spennir leyndar krar um laßgis grunna, 

framan ür onni hans er bar sem hrislu runnar. 



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Die Annalen des Bischof Glsli Oddsson in Sk&lholt Ton 1687. 169 

Dann erzählt Bischof Gisli, dass eine unermesslich grosse Sehlange 
in der Skapta sei; ihrer wird anch in den Annalen gedacht. 

In der Hvita bei Skälholt ist ein furchtbar grosses Ungeheuer, das 
sich in allen möglichen Tiergestalten zeigt. Weiter erwähnt Gisli, dass 
es Nicker, und zwar keineswegs kleine, in den Gewässern gebe. 

Im 14. Kap. gedenkt er, dass Aradalur ^in historiis nostris" berühmt 
gewesen und dass man dieses Thal als „c.ampos Eliseos^ betrachtet habe. 
Nun sei aber seit langen Zeiten niemand dorthin gekommen, und keiner 
wisse, wo es liege. 

In Kap. 33 erwähnt der Bischof die Trolle, welche in Felshöhlen 
wohnen sollen. Er sagt also gewiss, dass sie ausgestorben seien; doch 
lebten noch Menschen, welche sie gesehen haben wollen. Sie seien fürchter- 
lich hässlich, aber nicht so besonders schlimm. Sie liebten die Dunkel- 
heit sehr. 

Demnächst nennt er die Eiben, welche man „jam diu*' für wirkliche 
Menschen (pro veris hominibus) hält, und die in Wäldern und Höhlen 
wohnen. 

Die Eiben (alfar) nennt er von doppelter Art. Die eine ist das 
Huldufölk, das sind die bösen Eiben, die den Menschen übel wollen. Die 
aodere Art sind die Ljüflingar, das sind cie guten, welche sich mit 
Menschen Terbinden. So sagt Gisli, dass einer solchen Verbindung das 
Mökollsgeschlecht entstamme *). 

Im 34. Kap. erzählt er weiter von den Eiben und berichtet Sagen 
von ihnen dieser Art: 

Ante aliquot annos Parvulos quosdam tarn pneros quam puellas surripere 
conati sunt monticolse, quorum alij semianimes et malitiose tractati, alij alio tempore 
penitas emortui nostratibus restituti suut, alij tanquam cathenis ferreis detenti 
(quibus natura sua aut malo quodam fato oculi adeo sunt lyncei ut spectra con- 
spectum illorum vitare nequeant) visi sunt. Tum vero alij nostratium paulo adul- 
tiores apud eosdem aliquot septimanas communi victu in collibus et intra mon- 
ticulos, quantum quidem ipsis visum est, habitavcrant, ut iam nihil dicam de bis 
qasß commercia et conversationem cum illis subdole ac nefarie communicaverant, 
tarn qui sine cibo vel potu naturali jamdiu inter nos victitarant, sabterraneis istis 
Yictualia subministrantibas ad satietatem, idque praecipue de nocte, cujus rei exem- 
plam hoc anno presente 1638 in provincia Mydal audire est. Addo forninam quan- 
dam adhuc in vivis esse in eadem provincia et vicino loco Fagradal, quse nunc 
adeo multos annos maritata illic habitaverat, lecto detenta propter aliquam corporis 
debiUtatem omnibos ignotam, qoia quandam harum familiarum habere credebatur 
noUo alimento sustentata multis inquam annis nisi lacte nigricantis vaccse et generis 
qns siroiliter atri coloris, et quod albnm est lac harum pecudom ex arte ab 
aliomm lacticinijs dignoscere fertur, fsemina quoad gustum et ol factum nee non 
omnia domus suse pmdenter satis ac fseliciter sola procurare et iam decumbens 
monita fortasse ubi fabulantur monticolae. Sed hsec omnia adeo incerta sunt et 

1) Das Mökollsgeschlecht ist aus dem BorgarQordr im 15. Jahrhundert, es vermischte 
sich mit dem Hagageschlecht auf Bardastrand, und davon ist viel Volk gekommen. 



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170 porkelsson: 

occolte aguntnr, ut nemo possit yeritatem rei penitus indagare. Neque igitur pro 
veritate vendito, sed quasi opinionem vnlgi recito; quod autera de victu asserui, 
per omnia verum esse autumo, quantum quidem mihi ex relatione constare licuit, 
ac puto certe. hie aliquas subesse pnestigias Demmoniacas quamvis me laterent. 

Im 38. Kap. berichtet er von menschlichen Arbeiten und Kunststücken, 
die merkwürdig sind, in folgender Weise. 

Sic propria veluti industria ferramenta contemperare quidam solerter dedierunt, 
alij quoque sagittas mannarias et arcus vulpium nee non frameas lanceas proprio 
marte nullo prseeunte ') institutore promtius quam sperari poterat elfererunt. Alij 
sculptilia quauis etiam literaturam ignorantes affabre tueunt et colant ad quaslibet 
imagines objectas arborum ferarum yolatilium atque ideo ipsarum literarum, deniqae 
quod non natura docuit siquidem faber extit in plaga occidentali, qui naviculam 
suis manibus condidit octoremis insignem, quos rotarura beneftcio et funiculorum 
omnes solus direxit nauclerus in puppi sedens, atque hoc pacto vastos sinus per- 
meare potuit aere tamen solerta, ventis enim et tempestatit)us cimba talis necessario 
quierit. Audivi alterum quendam dsedale artem tentasse avicularum plumas et 
pennas colligendo, atque alas subaretando veluti iadumentum corpori suo adaptasse 
et sine molestia volare potuisse etiam trans amnem Huytaa i Borgarfyrde, cujus 
viri nepotes in vivis sunt. Neque id ipsum fabulosum neque uUa in magica quod 
putari potuerat factum est, sed arte tantum naturali. Adeo solertia sunt qusedam 
nostrorum hominum ingenia. Vidi urinatorem nostratium qui non sicut alij natare 
solebat, sed tanquam piscis pinnas et caudam, hoc est manus et pedes agilime 
natando movit absque onmi molestia adeo ut qua si in aqua tegere potuisset. 
Verum similia artificia, quae naturam fere superant, alios docere quantum audivi 
vel plane negabant authores, vel etiam prudenter noluerunt, ne quisquam forte 
aliquid simile infeciliter ac periculose tcntaret. sunt ejusdem generis plura quae 
brevitatis Studiosus at conscius negligo. 

Est etiam inter nos hodie qui columbam volatilem proprijs manibus ingeniöse 
atque arteflciose conüavit, ignem quoque evomentem. plura his addere nisi tempus 
me ad excellentia quaedam ingenia hominum revocaret. 

Im 40. Kap. spricht er ebenso von Arbeiten isländischer Frauen 
jener Zeit. 

Faeminse vero quibus solis, non autem maribus, concreditum est ut almentaria 
tractent et ad usus quotidianos praeparent, dixi vix potest quanta alacritate et 
insigni varietate quaecunque inter illas sunt nobiliores atque liberiores rem admi- 
nistrent, non solum ex lacti cujus innumeris sed etiam ex camibus animalium 
pariter ac piscium cum jusculis suis non adspemandis, sed etiam ex terrae fructibus 
et domestica farina, cujus nunc ferme oblitus sum. noscitur enim spontaneum 
quoddam frumentum quotannis copiose in australi plaga insulae in provincia Medal- 
land praBcipue, sed et alibi quoque tritico simile frumentum quod resecant incolae 
annuatim et sedulo arefactum mola subigunt et faeminae postea panibus atque pul- 
mentarijs utiliter aptant, quae quantumuis terrei saporis aliquid habeant eo quod 
non seruntur, tamen frugaliter atque ad satietatem aluit. seien tetiam faeminae nostrse 
herbas seu gramina quaedam singularia tam in montibus quam colliculis etiam 
littorum nata decerpere et colligere ac ad solem arefacta manibus suis conterere, 
ut farris cujusdam similitudinem induant aut vicem obeant istamque farinam qualem- 

1) praeenunte (!) ms. 

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Die Annalen des Bischof Gisli Oddsson in Skälholt von 1637. 171 

conque pnlmentarijs suis immiscere, ad panes vero plane est inhabilis atqne inutilis. 
Neque procnl abest a miraeulo quod apud nos repperiatur faemininum genus aliud, 
castitatis nota *) adeo preclarum nt virgines plorimas easdemque pietissimas *) 
insula foFeat, quae noplijs nunquam consenserunt sed qnasi perpetuam Tirginitatem 
solo pietaids studio sibi sunt pollicitse, aliud prolificante feracissimum adeo ut in 
effaeta quasi senectu uterum gestare inveniantur usque ad annum 50 communitur 
et qusedam ultra 60. Matrona qusedam nobiliorum geaere nata etiam nunc superstes 
est qnae 23 parvulos de suo utero sola enixa fuerat, gemellos ac tergemellos all- 
quoties pariens. Aque ita quse sunt prsecipue notatu digna hujus insulae perstrinxisse 
Tideor miraculn. Caetera quae satis multa esse novi alijs reliquens qoibus id per 
occasionem et qua sunt longe supra me eruditione praecellentiores abundantius et 
excellentius facere licet. 

Diese Handschrift wird ohne Zweifel dieselbe sein, welche Hallgrimur 
Jonsson der Diakonus (gest. 1836) in seinen Kithöfundatal (Mss. Isl. 
Bökmentafelags Nr. 385, 4.) in dieser Art nennt: ^Islands Naturgeschichte 
hat er (s. Gisli) zu schreiben begonnen". Aber die Handschrift ist toU- 
standig und der Bischof hat sie zwei Monat vor seinem Tode beschlossen. 

Die Annalen erwähnt er in dieser Art: „(Er schrieb) Annalen, die in 
Kopenhagen sein sollen". 

Hallgrimur hat also gemeint, dass die Annalen in der Ami 
Magnüssonschen Sammlung wären oder er hat gehört, dass Pinnur 
Magnussen sie besässe. 

Femer nennt er zwei Handschriften. Die eine: De actionibus tantum 
nitentibus, deren Thema mit der bekannten Thatsache stimmt, dass Gisli 
ein redegewandter Mann war. Die andere Schrift ist nach seiner Angabe 
eine isländische Auslegung der reformierten Kirchenordnung Kristians IV. 
von 1633. 

Das Briefbuch Bischofs Gisli ist noch erhalten und befindet sich in 
der Arni Magnüssonschen Sammlung in Kopenhagen unter Nr. 244 bis 
247, 4* und sein Geschäftsbuch (maldagabök) ebendaselbst unter Nr. 248, 4®. 



1) oder: nota, ms. 

2) pientissimas (!), ms. 

(Fortsetzung folgt) 



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172 Zingerle : 



Segen und Heilmittel 

ans einer Wolfsthumer Handschrift des XY. Jahrhunderts. 
Mitgeteilt yon Oswald von Zingerle. 



In der Bibliothek des den Freiherm von Sterübach gehörigen 
Schlosses Wolfsthurn bei Sterzing in Tirol befindet sich eine, der zweiten 
Hälfte des 15. Jahrhunderts entstammende, nun 109 Blätter umfassende 
Papierhandschrift in Folioformat, deren Inhalt so ziemlich alles, was damals 
in einem Haushalte als wissenswert erachtet wurde, bietet; ja noch mehr, 
da auch für Erbauung und Unterhaltung gesorgt erscheint. Der Leser 
wird belehrt über Obstkultur und Kellerwirtschaft, er findet Anweisungen 
zur Bereitung von Leder, Essig, Seife, Stärke, Wachs, Tinte, Pulver, 
Farben und Färbemitteln u. a., zum Reinigen der Kleider, zur Vertilgung 
von Mäusen, Fliegen, Flöhen und anderem Ungeziefer, zum Vergolden 
und Musieren, Ätzen von Stahl und Eisen, Glasleimen, Fladerziehen, zu 
Fisch- und Yogelfang, zur Konservierung der Eier und dergleichen mehr. 
Ausser ^ diesen, dem Wirtschaftsbetriebe, den Bedürfnissen des täglichen 
Lebens und auch verschiedenen Passionen Rechnung tragenden Ein- 
zeichnungen, hat im übrigen die Heilkunde, mit Einschluss der Diagnostik, 
die Gesundheits- und Körperpflege vorzüglich Berücksichtigung gefunden. 
Für Krankheiten, Leiden, Schmerzen und Gebrechen aller Art sind die 
verschiedensten Mittel angegeben, andere sollen vor Schaden, der von 
Tieren oder Menschen droht, bewahren; wieder andere sind kosmetischer 
Art. Und all das steht, obwohl der Codex in seinem ursprünglichen Bestände 
von Anfang bis zu Ende ohne erhebliche Unterbrechung geschrieben ist, 
grossenteils kunterbunt durcheinander; nur ab und zu lässt sich eine sach- 
liche Gruppierung wahrnehmen. So stossen z. B. inmitten des Abschnittes 
wie man den harn erchennen sol einige Heilmittel zu der spunne 
und zu den orn auf; Bl. 21 ist von Podagra und Harnstein die Rede; 
darauf folgt ein Verjüngungsmittel, dann ain goltgrunt, zu musieirn 
ain varb, daran anschliessend wieder medizinische Rezepte, worauf von 
presten der pawme gehandelt wird. 

Diese Unordnung entspricht dem gewöhnlichen Zustandekommen solcher 
Sammlungen: Auszüge aus einschlägigen Werken bildeten häufig die Grund- 
lage, fortgesetzte Lektüre, mündliche Mitteilungen, eigene Kenntnis und 
Erfahrung führten dann zu Erweiterungen, zu Zusätzen, die an den Blatt- 



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Segen und Heilmittel. 173 

rändern oder wo sich sonst noch Platz fand, eingetragen and Ton späteren 
Copisten in der gegebenen Reihenfolge abgeschrieben wurden. Dass Tor- 
liegende Kollektion zum Teil auf gelehrten Quellen beruht, beweisen 
schon die hin und wieder vorkommenden Berufungen auf Aristoteles, 
Socrates, Ypocras, Polyen, Constantinus und andere in den alten Arznei- 
büchern gerne citierte Meister; doch ist vieles unstreitig auch auf die früher 
angedeutete Art hinzugekommen. 

Dem Kulturhistoriker gewähren derartige Sammelhandschriften oft 
reiche Ausbeute und es ist sehr zu wünschen, dass ihnen die gebührende 
Aufmerksamkeit geschenkt werde. Über gar manches, was mittelalterliche 
Haushaltung betrifft, erhalten wir daraus allein genauere Aufschlüsse; und 
wenn diese Quellen auch vorwiegend dem späteren Mittelalter angehören, 
so lässt sich bei eindringlichem Studium doch für die Erkenntnis früherer 
Zustände mehr oder weniger daraus gewinnen, und halten wir die Gegen- 
wart hinzu, so zeigt sich, dass hier und dort noch an alter Methode fest- 
gehalten wird. Das gilt in noch höherem Grade von den Heilmitteln, 
deren Mehrzahl in der Volksmedizin heutiges Tages noch Anwendung 
findet. Die Pflanzenwelt steuert bekanntlich hierzu das Meiste bei, auch 
animalische Stoffe erscheinen vielfach gebraucht, während mineralische 
weniger in Betracht kommen; ausserdem spielen aber Gebete, Segen, Be- 
schwörungen, Brieflein und ähnliches eine wichtige Rolle, und deren sowie 
anderer abergläubischer Mittel bietet der Wolfsthumer Codex eine grosse 
Anzahl. Mehreres hiervon ist schon aus ähnlichen Publikationen*) bekannt; 
doch gebe ich den ganzen Yorrat, weil die Übereinstimmung in der Regel 
keine vollkommene ist und selbst geringfügige Abweichungen für die Ent- 
wicklungs- und Überlieferungsgeschichte von Bedeutung sein können. 

In der Schreibweise habe ich mich an die Handschrift gehalten, nur 
der Gebrauch der Majuskel wurde in der üblichen Weise geregelt; auch 
rührt die Interpunktion, welche in der Handschrift gänzlich mangelt, von 
mir her. 

Ich führe zunächst jene Segen an, welche bei bestimmten krankhaften 
Zuständen des menschlichen Körpers zur Anwendung kamen. 

Bl. 2b. Für den afeP) 

sprich disen segen: 

Afel vnd äflin giengen vber ein wisen weitt, da begegnet in die weich fraw •) 
sand Amarey. „Afel vnd äOin, wo weit ir hin mit den siben kinden, mit denn 
sjben vnd sibentzigk schüsslingen?" — „Da will ich hin in N. haws, da will ich 
Tel reissen vnd pain prechen vnd plut lapffen ^), vnd auf dem fletz will ichs recht 
besetzen vnd vntter dem dach ain gros geschray machen^. „Afel vnd äflin, ich 



1) Zs. f. d Alt. 18, 80. 20, 20. 24, 65. 27, 308. 31, 103; Genn. 24, 73 und 311; 
Ämeiger f K. d. d. Vorz. 1862, 234. 1873, 227 und 262. Sitzungsberichte der Wiener 
Akademie. Bd. 42, 127 

2) Eiter. 3) heihge Frau. 4) schlürfen^ trinken. 



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174 Zingerle: 

gepeut dir bey der weich fraw sand Amarey, das du hin farest vber mer mit den 
siben kinden, mit den siben vnd sibentzigk schüsling, da fliessen drey prttnn, der 
ein ist gat, der ander ist plnt, der dritt ist äflig; da peut ich dir in mit den siben 
kinden, mit den siben vnd sibentzigk schuslingen. Des helff mir der vil gut Jhesum 
Christum vnd sein mueter, das helff mir die weich fraw sand Amarey, das helff 
mir alle die kindt, die im namen gotz gekrisembt vnd getauft sindt, das helff mir 
der man, der dott vnd marter am stam des heiigen kreutz nam, im namen des 
vater vnd des svn vnd des heiigen geist". 

Bl. 9a. Pur den schlagk. 

Nym ain federküs vnd legs auf ain drischeufel ') vnd leg den fus oder die 
hant, daran du den schlag hast, auf das kUss vnd nym ain schlegelhagken in die 
hant vnd heb die hagken mit der schneid in die hoch vnd sprich drey malen nach 
einander: „Gott der her beschuff den tag, der teufel beschuf den schlag; der den 
tag beschueff, der sey dir N. heut für den schlag gut, in nomine patris et fyiy et 
spiritui sancto^. Als oft; du den segen sprichst, so mach zum lösten dreu creutz 
über den schaden vnd zeuch die hagken von der hoch gemach mit dem ör auf 
den fus. Probatum est. 

Bl. 89c. Für daz fieber. 

Ain hübsch kunst vor allere hande fieber. 

Nym iii salvaypletter auff ainem stengel ains morgens vor der sunnen vnd 
schreyb auff das ain blatt f pater f pax, auff das ander plat f filius f uita, auff 
das dryt plat schreyb f Spiritus f sanctus sit tibi contra febres remedium amen. 
Das du drey morgen vor der sunnen vnd alle male so nym iii pletter, dor noch 
so sprich funff pater n oster vnd funff aue maria vnd ain gelauben. 

Yerschiedene Mittel gegen das Fieber sind Bl. 115 zusammen- 
gestellt: davon kommen in Betracht 

Bl. 115a. Wiltu dem menschen helffen des fiebers ab, so schreib diso wort 
auff ein priefel vnd heng ez dem menschen an den hals: Egressus Jhesus de 
synagoga introiuit in domum Symonis. Socrus autem Symonis tenebatur magnis 
febribus et rogauit illum pro ea. Staus super illam imperauit febri et dimisit 
illam. Sic impero tibi, febris, in nomine patris et ftly et Spiritus sancti, ut deinceps 
non prcsummas vexari hunc famulum dei N. 

Bl. 115 b. Nym ain öpfel *) vnd taile den in drey tail vnd la sy doch haften 
an einander vnd gib die tail drey morgen yetweders tail besunder cze essen, vnd 
czu ainem tail (ll5c) sprich „Im namen des vaters increatus pater", czu dem 
andern mal sprich „vnd des suns inmensus pater", czu dem dritten •) sprich „vnd 
des heiligen gaistes etemus pater". 

Idem. 
Item nym drey farmpleter *) vnd schreib an ains „Dextera domini fecit virtutem", 
an daz ander schreib „Dextera domini exaltauit me", an daz dritte schreib „Dextera 
domini exaltauit virtutem". 

Idem. 
Item nym drey oblaten vnd schreib an daz erste „pater pax", an daz ander 
„filius vita", an daz dritte „Spiritus sanctus est remedium" vnd schreib anderthalb 

1) Schwelle. 2) Ms. öpfen. B) Ms. dritte. 4) farm Famkraut. 

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Segen nnd Heilmittel. 175 

an dem ersten „O crnx admirabilis^) an der andern „euacuacio rvlneris", an der 
dritten „restauracio sanitatis^, ynd gib sy dem siechen menschen drey morgen. 

Idem. 

Item nym ain rinten Ton ainem prot vnd schreib daran f febris, omm 
lande colenda, o languor sanitatis et gandy f Ascribendas nox pax max. 

Bl. I I5d. Item nym wegrich, wo du den rindest steen. so sprich drey pater 
noster stät vnd iii aue maria vnd mulle in czn puluer vnd gib ez dem fiebrigen 
menschen czu trincken in warmem weine vnd darczu IX pfefiferkem. 

Apfelschnitten, nur mit anderen Worten beschrieben, werden 
nochmals, Bl. 123d, empfohlen. 

FW aller slacht fieber. Nym ain apfel vnd sneid den in vier tail vnd schreib 
an daz erste tail „In nomine patris Jesns, an daz ander „et fyli Nazarenns", an 
daz dritte „et Spiritus sancti rex Judeorum". Daz vierde (124a) tail wirff hyn. 

Bl. 116a. Für den vallenden siechtag. 

Pur die vallende sucht. Du solt warten ^ der weile, so yn die sucht begreift, 
so nym ain hyrssein ryemen *) vnd pint yn den vmb den hals vnd sprich „In dem 
namen des vaters vnd des suns vnd des heyligen gaistes so pint ich hie den siech- 
tnmb des menschen in disem knöpf, den ich daran chnüppfe". Vnd den selben 
ryemen sol der mensch dem siechen nit ledigen ^) von dem paine vnd von dem 
fleysche, hüncz daz *) er chöm, do man aineh toten begrabe, so sol man den riemen 
ledigen ab des menschen halse vnd sol man dan den riemen mit dem toten be- 
graben vnd sol der riem dem toten gelegt werden vnter sein Schulter, vnd wer 
den riemen lediget, der sol sprechen: „In dem namen des vaters vnd des suns vnd 
des heiligen gaistes begrab ich mit disem riemen den siechtumb dises menschen, 
das (116b) yn der siechtumb nymmer berür vnd daz der leichnam am jüngsten 
tag erstee". Mit den werten sol man den riemen begraben dem toten vnder die 
schultern. Ist ainer da nicht, der den riemmen am ersten vmbpant, so mag yn 
ain ander ledigen vnd begraben, alz hie mit werten geschriben steet. 

Bl. 118a. Czu den czenden*). 

Sant Peter sas auf ainem stain vnd hub sein wange in der hant. Do chom 
vnser herre vnd sprach czu ym: „Peter, was hastu?" Da sprach sant Peter: „Herre, 
die würm haben mir die czende durchgraben". Da sprach der herre: „Ich beswer 
euch czende •) pey dem vater vnd pey dem sun vnd pey dem heiligen geist, daz 
ez ') hinfur chainen gewalt mer habt, Petro sein czenden cze graben". Ayos, ayos, 
ayos tetragramaton. 

Bl. 120c. Wiltu daz czandswem pussen, so haiss dem, dem") da wee ist, 
auf daz wang schreibn diso wort: rex, pax, nax in Cristo fllio suo. 

Bl. 124c. Für mail •) in äugen. 

Pur daz mail in den äugen. Sanctus Nicasius der heilig martrer gotes het 
ain mail in den äugen vnd er versuchet, ob yn got dauon erledigen wolt, vnd 
vnser herre erlediget yn dauon. Da pat er vnsem herren, wer seinen namen ob 
im trüg oder hett, daz der selb erlost würd von allen mailen vnd prechen, wie die 



1) Ms. warter. 2) Kiemen von Hirschhani 3) Ms. den s. mit Igur. 4) bis dass. 
5) Pur die Zähne. 6) 1. würm. 7) ihr (Plural, vos). 8) Ms. de. 9) Flecken. 



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176 Zingerle: 

warn, vnd vnser herre erhöret yn. Also peswer ich dich, mail, pey dem lebentigen 
got ynd pey dem heiligen got, daz dn verswindest von den äugen des dienere gois 
N., du seyst swarcz, rot oder weiss. Christas mach dich hin gen, amen. Im namen 
des Täters vnd sons vnd des heiligen gaistes, amen, ynd sprich V pater noster 
vnd V aue maria in ynsers herm fünf wunden *). 

Eine Reihe von Segen betrifft speciell die Frauen. 

ßl. 8c. Pur die mueter"). 

„Ich peut dir, permueter, bey der macht vnd bey der heyligen gottes kraft, 
das du dich legest vnd nit mer regest, dan regest du dich, so stirbt N., so legt 
man euch pede in ain grab, da müst ir in ligen bis an den jüngsten tag^. Du 
solt der frawen nabel stai^k in die hant nemen vnd den segen drey malen darüber 
sprechen vnd als oft i pater noster. Der wundsegen ist auch gut darfur zu sprechen. 

Bl. 129b. Czu der permuter. 

Zu der permuter. In nomine patris et ftly et spiritus sancti amen. Ich peswer 
dich (125 c) smercz der permuter pey dem vater vnd pey dem sun vnd pey dem 
heiligen gaist f welherlay band du seyst, daz du dich nicht auf hebest vnd vnder 
sich nicht lassest, sunder daz du dich an dein gewönliche stat fügest mit gemache 
vnd mit fride, daz du an chainer stat dich verpergest vnd nicht müest') dise 
dieme gotes N. Secundo te coniuro matricis dolor f per nomen dei f per primum 
et nouissimum f et per principium et ftnem f per eum, qui erat t et qui est f et 
qui ventarus est f et redeas ad locum tibi ordinatum a dco et non ab hac famula 
dei N. amen. Czum dritten mal peswer ich dich, smercz der permuter f pey den 
vnsprechenlichen namen vnsers herren Jhesu Christi f vnd pey allen gottes hailigen 
t vnd pey der rainen junckfrawen Maria f vnd pey dem angstlichen jüngsten tag 
f vnd pey allen wundern vnsers herrn Jhesu Christi f vnd pey aller heilichait der 
heiligen kirche, daz du nicht berürest die dieren *) gotes t N. amen, sunder in 
aller ru vnd fridc lassest irem schepfer dienen. Quarte coniuro te matricis dolor 
t per omnes sanctos apostolos et ewangelistas f per patriarchas et prophetas n25d), 
martires et confessores, virgines et doctores et viduas et per omnes sanctos et 
electos dei f vt hanc famulam dei N. hanc litteram gestautem in nulla parte corporis 
ledes ucl ofendas uel atemptare presummas famulam dei N. amen f Ayos o theos 
t Ayos yskyros f Ayos atanatos f eleyse ymas. Sanctus deus f sanctus fortis f 
sanctus inmortalis t miserere famule dei N t Saluator generis humani, qui secundum 
voluntatem tuam transiturus interpellasti hanc famulam tuam N«, dolorem matricis 
pacientero, exaudias N. per tuum dolorem, in quo positas eras in ara cmcis 
ymolatus, nos a morte eterna liberasti, sie eciam libera famulam tuam N. a dolore 
matricis, qui viuis ac regnas deus per omnia secula seculorum amen, t Sanet te 
deus pater, qui te creauit f sanet te deus filius, qui pro te ymolatus est f sanet 
te deus, qui pro te passus est f sanet te deas, qui pro te natus est f sanet te 
deus, qui pro te resurrexit a mortuis t sanet te patemitas patiis f sanet te sa- 
piencia nati f sanet te diuinitas spiritus sancti amen. Et benedictio dei patris et 
fily et spiritus sancti descendat super te famulam dei N. f et manet tecum et 
custodiat te a dolore matricis, cuiuscunque generis sit, amen. 

Bl. 78 b. Puer den wetagen der muter. Schreib die nammenn an ein junck- 

1) In dem Ms. fehlt in und herrn. 2) Gegen B&mmtterleiden. 8) bemühest, 
plagest. 4) Dienie. 



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Segen und Heilmittel. 177 

fraw perment vnd las die frawenn alltzeyt pey ir tragenn: t ©1 t eloy f eloe f 
anexi f andiiary f N. ron f compxmctary f ammenn. 

Bl. 29d. Daz ain fraw ringklich^) nider chöm. 

Das ein fraw ringklich ader leichtlich nyder komm, so soll mann disse wort 
schreiben an ein zedel vnd lege sie der frawenn auff denn bauch: 

De viro vir, de virgine virgo, vicit leo de tribu Inda, Maria peperit Christum, 
Ellizabeth sterilis Johannem baptistam. Adiuro te, infans, per patrem et ftlium et 
spiritum sanctum, si masculus es uel femina, vt exeas de wulua. Exinanite, 
exinanite! Ynd wann das ktnt geboren ist, so soll njann alsbalde die zedel von 
der frawenn leyb nemmenn mit den geschribnenn werten. 

B. 75d. Willtu vorstellen der frawenn ir plummen^), so schreyb die 
wort an ein zetel vnd lege es der frawenn auff das haupt: f per ipsnm f et cum 
ipso et t in ipso. 

Dazu hat ein späterer Leser, dessen Schriftzüge noch auf 
das 15. Jahrhundert weisen, bemerkt: 

quot est falsissimum et supersticiosum et quasi hereticum. 

Bl. 122a. Den frawen. 

Wen ain frawe ir weibplichait zu uil hat, so nym hirssein hom') geschabt, 
mit wein temperiert vnd trinck des vnd nem dise puchstaben an ain prieflein ge- 
schriben vnd leg ez auf die huffe: P. N. B. C. P. X. A. 0. P. I. L. in nomine 
pairis et ftly et Spiritus sancti. 

Idem den frawen. 

Für der frawe plümlein, so des czu uil chumbt, so schreib daz gepet vnd iren 
namen an ain prieff vnd leg es auf den nabel: wurm, wurmin, Phaton .... 

Die äussere Blatthälfte, welche die Fortsetzung enthielt, ist 
herausgeschnitten, ein Zeichen, dass das Weitere anstössig 
schien. 

Bl. 123a. Den frawen. 

So ain fraw ain totes kint trait, so sol sy trincken ains ander weibes sptinne^) 
vnd hab die kriechischen namen Vrium, ßurium, Pliaten, so wirt si erloset. So 
sy dan erlost wirt, so prenn man die namen in dem fewr. 



1) leicht. 2) Menstruation. 3) Hirschhorn. 4) Milch. 

(Fortsetzung folgt.) 



Z«it«cbrift d. Vereins L Volkskunde. 1891. 12 

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178 Pralm: 



Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg. 

Von H. Prahn. 



Yorbemerkung. 

AU geborener Neumärker hatte ich von Jugend auf Gelegenheit, Land 
und Leute in dem östlich von der Oder gelegenen Teile Brandenburgs 
kennen zu lernen, zumal ich infolge einer weitverzweigten Verwandtschaft 
und eines ausgedehnten Bekanntenkreises schon als Schüler in der Ferien- 
zeit in fast alle Teile der Neumark, das Sternberger Land eingeschlossen, 
kam. In den Jahren 1889 und 1890 nun habe ich an Ort und Stelle die 
in nachfolgendem mitgeteilten Beispiele von Aberglauben aus dem Munde 
des Volkes gesammelt. Ausserdem führte mich mein Weg nach Biesenthal 
(Ausgangspunkt für Barnim), nach Beelitz, Fresdorf, Blankensee (für die 
Zauche) und nach Baruth. 

Die Gebräuche, bei denen ein Fundort nicht angegeben ist, sind mir 
aus den drei genannten Gegenden bekannt geworden. Viele von den Be- 
sprechungsformeln haben mir handschriftlich vorgelegen; sie sind in der 
Sammlung mit einem * versehen. 

A. An bestimmten Tagen im Jahr. 

a) Am Christabend. 

1. Nach Sonnenuntergang wird in der Zauche keine Milch, keine Butter, kein 
Käse aus dem Hause gegeben aus Furcht, dass dann. das Vieh behext werden 
könne. Man hält die Hexen dadurch fern, dass man um das Gehöft Dill streut. 
Fresdorf. Blankensee. 

2. Füttert man die Pferde mit Häcksel, zu dem man Stroh aus fremden Dächern 
gestohlen bat, so bleiben sie im kommenden Jahr gesund. D öl zig. Schlanow. 
Lorenzdorf. 

3. Man schneidet von altem Käse die Kruste ab und streut sie in die Mitte 
der Stube. Wer dort am meisten tanzt, erhält zuerst einen Mann. Bicsenthal. 

b) In den Zwölften (25. Dezember bis 6. Januar). 

1. Es wird kein Dang aus den Ställen entfernt, überhaupt nichts vom Hofe 
auf das Feld gefahren. Fresdorf. 

2. Wenn man Dung fährt, ermüden die Pferde (Woldenberg) oder die Kühe 
bekommen Läuse. D öl zig. 



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Glaube ond Brauch in der Mark Brandenburg. 179 

3. Die Mädchen müssen abspinnen, sonst zersausen ihnen die Barschen das 
Garn. Presdorf. 

A. Wer spinnt, wird unrein, oder die Frösche fressen im neuen Jahr dem 
Flachs die Knoten ab. Schlanow. 

5. Wenn man spinnt, werden die Schafe verdreht. Sold in. 

6. Kauft man Besen, so wird man reich. Biesenthal. 

7. Im Woldenberger Kreise bestreut man das Vieh mit Asche, dann bekommt 
CS keine Läuse. 

8. Wenn in diesen Tagen zuerst ein Mann stirbt, so sterben im neuen Jahr 
mehr Männer als Frauen. Meyenburg. 

9. Hört man dumpfes Klopfen im Hause, so wird bald ein Sarg zugenagelt 
werden. Biberteich. 

10. Viele Sterne bedeuten ein fruchtbares Jahr. Fresdorf. 

c) In der Sylvesternacht. 

1. Die Obstbäume werden beschenkt, indem man sie mit Strohbändem um- 
wickelt, in welche man kleine Münzen gesteckt hat. Warthebruch. In der Um- 
gegend von Soldin verwendet man dazu Wurststroh, d. h. Stroh, auf welchem 
selbstgefertigte Wurst gelegen, das also fettig geworden ist In der Zauche schiesst 
man zwischen den Bäumen Flinten ab, um ihnen ein gesegnetes Neujahr zu 
wünschen. 

2. Wer während der Predigt vom Nachbarhofe Holz stiehlt, kann das ganze 
Jahr hindurch aus dem Walde Holz holen, ohne dabei vom Förster betroffen zu 
werden. Schlanow. 

3. Punkt 12 Uhr soll man mit dem Handwerkzeug hantieren, dann hat man 
im neuen Jahr reichlich Beschäftigung. 

4. Wenn man in der Mittemachtsstunde auf dem Turm eine Fahne befestigt, 
80 schlägt am andern Tage der Blitz ein. Biesenthal. 

5. Jedes Haus hat ein Pfand für die Zukunft. Auf dem Dache sieht man 
eine Wiege, einen Sarg, einen Kranz, eine Arzneillasche oder dergleichen. Königs- 
berg. Hohen-Lübbichow. 

G. Die jungen Mädchen laufen mit einer Pfannenkuchenmolle dreimal um das 
Haus und dann in die Stube und gucken in den Ofen. Dort erblicken sie ihren 
Zukünftigen. D öl zig. 

7. Oder sie gehen, in ein Laken gehüllt, rücklings zur Hausthür hinaus, dann 
sehen sie ihn auf der Dachfirst. Dölzig. « 

8. Tritt man mit Lichtern in den Händen vor den Spiegel und ruft dreimal 
den eigenen Namen, so sieht man die Zukünftige. Berlin. 

9. Das Mädchen stellt auf den Tisch vor dem Bett eine Schüssel mit Wasser, 
legt Seife, ein Handtuch und einen Apfel dazu und spricht: v^P^^^? Apfel, sage 
mir, wer einst mein Gatte wird sein*'. Dann kommt der Zukünftige, wäscht sich 
und geht ab. Biesenthal. 

10. Auch erscheint der zukünftige Gatte, wenn das Mädchen ausser Brot und 
Messer ein Lichtstümpfchen auf den Tisch setzt, das aber nicht länger als eine 
Minute brennen darf („sonst ist die Seele zu lange vom Körper getrennt"). Der 
Geist setzt sich dann auf den Stuhl vor dem Tisch, macht Bewegungen, als ob er 
Brot austeile (event. Witwer mit Kindern) und muss bleiben, bis das Licht erlischt. 
Landsberg a. W. 

11. Die Mädchen schütteln den Zaun und sprechen: 



1-2* 

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180 Prahn: 

Zäunlein, ich rüttle dich, 

Zännlein, ich schüttle dich, 

Was ist der Liebste mein? 
Das erste Geräusch, das sie nun vernehmen, deuten sie auf den Beruf ihres Mannes. 
Hören sie z. B. Peitschengeknall, so wird der Zukünftige Kutscher sein. Fragen 
sie darauf: „Wer ist der Liebste mein?" so sehen sie ihn. Biberteich. 

12. Bleibt über Nacht eine Waschleine auf dem Boden hängen, so stirbt im 
neuen Jahr ein Bewohner des Hauses. Landsberg a. W. 

13. Wer im kommenden Jahr sterben wird, hat beim Mondenschein keinen 
Schatten. Meyenburg. 

14. Wenn ein Sonntagskind durch das Schlüsselloch der Kirchenthür guckt, 
so sieht es alle diejenigen Mitglieder der Gemeinde, die im neuen Jahr sterben. 
Soldin. 

15. Setzt man sich um 12 Uhr auf ein Grab, so kommen die Geister der Toten 
und Lebendigen vorüber. Die Geister der Lebenden, die sich umsehen, sterben. 
Biesenthal. 

16. Der Pastor und der Küster gehen in die Kirche, die von 12 — 1 Uhr nachts 
erhellt ist. Da sehen sie alle Gemeindemitglieder, die im neuen Jahr sterben 
werden. Ein Pastor hat sich selbst gesehen und seinen Tod vorhergesagt, was 
auch eingetroffen ist. Biberteich. 

17. Mit dem Glockenschlage 12 löscht man die Lampen aus und zündet Spiritus 
in einem Teller an. Dann sieht man, was einem im kommenden Jahr bevorsteht 
Berlinchen. 

18. Man soll einen schwarzen Kater, an dem kein weisses Haar ist, in einen 
Sack stecken, diesen fest zubinden und hundertfach verknoten. Damit soll man 
dreimal um die Kirche laufen und jedes Mal in die Kirchthür schreien. Dann er- 
scheint der Teufel und fragt, was man zu verkaufen habe. Die Antwort lautet: 
„Einen Dachhasen". Der Teufel nimmt den Sack und giebt dafür einen Thaler. 
Nun aber muss man sich beeilen, um unter Dach und Fach zu kommen; denn 
gelingt es dem Teufel, vorher den Sack zu öffnen, so erwürgt er den Betreffenden. 
Der erhaltene Thaler ist ein Heckthaler; so oft man ihn auch ausgeben mag, er 
kommt immer wieder zurück. Landsberg a. W. 

19. Streut man Pferdeäpfel in den Tanzsaal, so entstehen viele Flöhe. Bie senthaL 

d) Neujahrstag. 

1. Man »soll den Hühnern das Putter in einen Reifen streuen, dann legen sie 
die Eier nicht auf fremde Höfe. Baruth. 

2. Wer als der letzte in die Kirche kommt, stirbt als erster im neuen Jahr. 
Woldenberg. 

3. Wer grosse Fische isst, bekommt grosses Geld. 

4. Giebt man nichts aus, so verbraucht man im Jahr wenig. 

e) Gründonnerstag. 

1. Wenn man Brezeln isst, bleibt man vom Fieber verschont. Beelitz. 

2. Ungesalzene Gründonnerstagsbutter heilt alle Wunden. Biesenthal. 

3. Flachs wird an diesem Tage gesät. Dölzig. Woldenberg. 

f) Charfreitag. 

1. Wenn man Russ fegt, brennt der Schornstein nicht aus. Woldenberg. 

2. Ehe die Sonne aufgeht, soll man die Nägel von Händen und Füssen kreuz- 



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Glaube nnd Brauch in der Mark Brandenburg 181 

weise abschneiden and zum Kreuzweg tragen, dann bekommt man keine Zahn- 
schmerzen mehr. Baruth. Biesenthal. 

3. Wer Fleisch isst, den beissen die Flöhe. Friedeberg. 

4. Das Hechtstechen soll man unterlassen, denn man sticht doch nur Schlangen. 
Schlanow. Woldenberg. 

5. Wer näht, bekommt einen bösen Finger. Königsberg. 

g) Ostern. 

1. Am zweiten Ostertage schlägt man in der Neumark einander mit Osterruten 
aus dem Bett, Die Geschlagenen werden oder bleiben gesund. Als Lohn für das 
Schlagen giebt man ein Ei. 

2. Schlägt man das Vieh, so wird es im Sommer von den Fliegen nicht 
geplagt. Woldenberg. 

3. Wenn man sich die Schuhe schmiert, bekommt man kein Ungeziefer. 
Schlanow. 

h) Walpurgis. 

1. i^llgemeiner Gebrauch ist es, in der Walpurgisnacht die Thüren, besonders 
die Stallthüren mit drei Kreuzen zu versehen. Dann können einem die Hexen 
nichts anhaben und dem Vieh nicht das Gedeihen* nehmen. 

2. In der Neumark machen sich die Kinder mit Kreide drei Kreuze auf die 
Schahspitzen. Wer das nicht thut, wird von den andern auf dem Rücken bekreidet. 
Auch bewirft man einander mit kleinen Heringen. 

3. In der Zauche nagelt man Kreuzdorn auf Krippen, Futtertröge und Stall- 
thürschwellen. Fresdorf. Blankensee. 

4. In der Nacht werden Gurken und Kürbisse gesät. Die gehen dann so 
schnell auf, wie die Hexen den Blocksbei^ hinaufreiten. Költschen. Hammer. 

i) Marientag (2. Februar). 

1. Man soll nicht flicken, sonst legen die Hühner Windeier. Dölzig. Wolden- 
berg. Zielenzig. 

k) Medardus (8. Juni). 

1. Wenn man an jede Thür des Hauses das Wort „Medardus" schreibt, so 
müssen die Battcn das Haus verlassen. Dölzig. 

1) Johannistag. 

1. Hölunderblüten, am Johannistage gepflückt, haben eine wunderbare Heil- 
kraft. Dölzig. 

2. Johanniskraut schützt den Käse vor Maden. Fresdorf. 

3. Wenn die Mädchen 11 — 12 Uhr nachts ohne zu sprechen aus neun Blumen- 
arten Kränze winden, so sehen sie im Traum ihren Zukünftigen. Lands b erg. 
Woldenberg. 

4. Die Mädchen ziehen aus einem Strohdach Halme heraus, bis sie einen 
Halm mit einer Ähre trefl'en. Die Anzahl der Halme ohne Ähre ist gleich der- 
jenigen der Jahre, die bis zu ihrer Verheiratung verstreichen werden. Sternberg. 

5. Nachts fliegt ein Skorpion umher. Was er anrührt, vertrocknet. Költschen. 

6. In der Mittemachtsstunde soll das Mädchen einen Kranz von Kleber (Klebe- 
kraut, Galium) winden, während es dreimal um das Haus läuft und dabei spricht: 



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182 Prahn: 

„Klebekranz, ich winde dich. 

Schätzchen, empfinde dich. 

Wenn du willst der Meine sein. 

Komm vor meinen Augenschein". 
Dann erscheint der Zukünftige. Hat das Mädchen aber nuch dem dritten LTrahiuf 
den Kranz nicht fertig, so wird es krank. Eulam. 



B. Im Familienleben. 

a) Liebe. 

1. Drückt ein Mädchen einem jungen Manne Spinneneier an die Kleider, so 
muss er bei ihr werben. D öl zig. 

2. Dasselbe erreicht es, wenn es dem Greliebten eines ihrer Haare in dem 
Essen giebt. 

3. Oder wenn es ein Stück Zucker unter dem Arm durchschwitzt und dem 
Gegenstand ihrer Liebe in den Kaffee thut. 

4. Schreibt die Braut den Namen des Bräutigams auf die Rückseite der 
Pendelscheibe, so hat jener keine Ruhe und muss zu ihr kommen. Dölzig. 

5. Die Braut kann den Liebsten auch dadurch citieren, dass sie 12 Uhr nachts 
dreimal gegen das Pussende des Bettes stösst und dabei spricht: „Im Namen der 
heiligen Dreieinigkeit! N. N. du sollst nicht eher Ruhe haben, als bis du zu mir 
gekommen bist". Landsberg. 

6. Wenn das Mädchen ein Schweineherz mit Nadeln spickt und dann kocht, 
so muss der Bräutigam zu ihr kommen. Biesenthal. 

7. Dritte Personen können Liebe zwischen jungen Leute dadurch henorrufen, 
dass sie ein Haar Ton dem Mädchen und eins von dem jungen Mann so zwischen 
zwei Steine legen, dass der Wind damit spielen kann. Landsberg Dölzig. 

8. Liebe wird ertötet, wenn man gebrochenes Herz (Pflanze?), Myrte und 
Kreuzkraut in der Erde vergräbt unter dreimaligem Beteuern, dass die Liebe er- 
storben sei. Woldenberg. 

b) Hochzeit. 

1. Der Bräutigam soll kein Hemd von der Braut annehmen, denn diese zieht 
sich's vorher an und legt es, nachdem es der Mann gebraucht, mit den Ärmeln 
kreuzweise in den Kasten. Solange es dort so liegt, hat die Frau die Herrschaft 
im Hause. Biesenthal. 

2. Die Braut schenkt ihm ein Hemd, der Mann ihr ein Kleid; dann bleiben 
sie einander treu. .Költschen. Zielenzig. Dölzig. 

3. Das Mädchen soll das Brautkleid nicht vor der Hochzeit anziehen, sonst 
geht die Verlobung zurück. Auch soll sie nicht selbst an dem Kleide nähen, 
sondern es von sieben jungen Mädchen anfertigen lassen. Landsberg. Dölzig. 
Woldenberg. 

5. Die Federn zu dem Brautbett erbettelt sich das Mädchen von Haus zu 
Haus. Fresdorf. 

6. Am Hochzeitsmorgen bindet die Braut dem Bräutigam beim Waschen die 
Hemdärmel zusammen, dann bekommt sie in der Ehe keine Schläge von ihm. 
Költschen. 

7. Hat die Braut das Kleid angezogen, so muss der Bräutigam ihr die Taille 
zuknöpfen, damit er ihr treu bleibe. Hammer bei Reitzenstein. 



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Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg. 183 

8. Die Braut legt vor der Trauung Kranz und Handschuhe in den Hut des 
Bräutigams, dann bekommt sie das Regiment im Hause. Fresdorf. 

9. Wird die Hochzeit bei Vollmond gefeiert, so ist in der Ehe alles im vollen. 
Woldenberg. 

10. Wenn es der Braut in den Kranz regnet, so wird sie viel Ursache zum 
Weinen haben. 

11. Wer jemals eine Myrte baut, 
Die wird im Leben keine Braut. 

12. Sie soll keinen Perlenschmuck anlegen, denn Perlon bedeuten Thränen. 

13. Im Warthebruch tragen die GKisto einen Rosmarinzweig im Knopfloch. 
Eulam. Költschen. 

14. Wenn HiU^ksel auf den Weg gestreut wird, so hat das Paar Unglück. 
Biesenthal. 

15. Dasselbe tritt auch ein, wenn ihm auf dem Wege zur Kirche ein Leichen- 
zug begegnet 

16. Die Braut steckt in den linken Schuh Geld, dann wird sie nie Mangel 
daran haben. Sold in. 

17. Sie hat Pimpemelle (Pimpinella sativa), Salz und Dill im Schuh, hält 
während der Trauung den Puss über den des Mannes und spricht: „Ich trete auf 
Pimpemelle, Salz und Dille; wenn ich rede, bist du stille'*. Dann bekommt sie 
die Herrschaft über ihren Mann. Landsberg a. W. 

18. Ln Warthebruch verstreut die Braut hinter dem Altar Salz und Dill und 
spricht dabei: „Ich streue Salz und Dill, drum kann ich reden, was ich will**. 

19. Geht das Paar nach vollzogener Trauung hinter den Altar um zu opfern, 
80 umschreitet dabei die junge Frau ihren Mann; dann hat sie an jeder seiner 
Seiten gestanden und ist ihm ganz angetraut, sie wird sich also in der Ehe nicht 
über Untreue zu beklagen haben. Költschen. 

20. Abgewiesene Freier verbergen während der Trauung vor der HausthUr- 
schwelle einen Totenknochon. Berührt ihn die junge Frau mit dem Fuss, so wird 
sie vom Unglück verfolgt. Woldenberg. 

21. Bei dem Mahle darf der junge Ehemann seine Frau nicht bedienen, sonst 
muss er es immer thun. 

22. Die Frau soll vor ihrem Mann in das neue Heim treten und dabei dreimal 
sprechen: „Ich bin der Wolf und du das Schaf''. Dann erhält sie die Herrschaft 
im Hause. Berlin 

c) Geburt. 

1. Eine Schwangere soll sich nicht mit Toten beschäftigen, sonst erhält ihr 
Rind eine Totenfarbe. 

2. Sie soll essen, was ihr schmeckt, damit ihr Kind nicht wählerisch beim 
Essen werde. 

3. Sie darf ihren Zustand nicht verleugnen, weil sonst das Kind stumm sein wird. 

4. Ist sie gelb unter den Augen, so wird sie eines Mädchens genesen. 

5. Geht sie unter einer Waschleine hindurch oder kriecht sie durch einen 
Zaun, so kann sie nicht gebären. Dölzig. Baruth. 

6. Wenn die Wehen kommen, setzt man Erbsen über Feuer. Sobald diese 
kochen, erfolgt die Geburt. Baruth. 

7. Das Neugebome wird in ein leinenes Laken, nicht in die Schürze ge- 
nommen. 

H. Man giebt es zuerst der MuttiT zum Küssen. 



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184 Prabn: 

9. Beim ersten Besuch einer Wöchnerin gucken die Frauen, bevor sie das 
Kind ansehen, in den Ofen. Költschen. Eulam. 

10. Landwirte legen ein männliches Kind nach dem ersten Bade in den Scheffel, 
damit es ein guter Landwirt werde, der viel Getreide aufmessen kann. Presdorf. 

11. In den eisten neun Tagen darf die Wöchnerin nicht in den Spiegel sehen, 
weil sie den bösen Geist darin sehen würde. Költschen. 

12. Kleine Kinder soll man nicht messen, nicht durch das Fenster heben, auch 
nicht über sie wegspringen, sonst wachsen sie nicht. 

13. Zugleich mit einem Kinde darf weder ein Hund noch eine Katze auf- 
gezogen werden, denn eins von beiden stirbt bald. 

14. Die ersten Kinderschuhe werden aufbewahrt, weil sonst das Kind nicht 
alt werden würde. 

15. Das Kind darf nicht in den Spiegel gucken, bevor es ein Jahr alt ist, sonst 
wird es eitel. 

d) Taufe. 

1. Die Patenbriefe müssen gleich nach Empfang gqpffnet werden, damit das 
Kind früh und leicht sprechen lerne. Fresdorf. 

2. Auf die Hausthürschwelle, die man mit dem Taufkinde überschreitet, legt 
man eine Bibel oder ein Gesangbuch, dann wird der kleine Erdenbürger recht 
fromm. Presdorf. 

3. Schüttelt man das Taufkind, so erhält es viele Kleider. Woldenberg. 

4. Werden unmittelbar nach einander mehrere Kinder getauft, so drängen 
sich die Paten nait Mädchen vor; denn wenn die Mädchen nach den Knaben getauft 
würden, so würden sie später einen Bart erhalten. Dölzig. Költschen. 

5. Wenn die Person, die das Kind nach Hause trägt, recht schnell geht, so 
lernt das Kind bald laufen. Landsberg. 

e) Tod. 

1 . Man kann sicher erfahren, ob ein Kranker sterben werde oder nicht. Wenn 
man nämlich in das Krankenzimmer tritt, soll man folgendes bei sich sprechen: 

Ich stehe dir armen Sünder zu Füssen; 
Rühre deine Füss' imd Hände, 
Oder es geht mit dir zu Ende. 
Rührt sich der Kranke dann, so wird er seine Krankheit überstehen. Landsberg. 

2. Wirft der Maulwurf in der Nähe des Gehöfts seine Hügel auf, so deutet 
das auf einen Todesfall; je näher dieselben sind, desto schmerzlicher. Fresdorf. 

3. Berstet das Brot im Ofen, so steht der Familie ein Todesfall bevor. 
Sternberg. 

4. Ein zirpendes Heimchen im Hause kündet den Tod eines Familienmitgliedes 
an. Soldin. 

5. Dasselbe bedeutet eine weisse Kartoffelstaude auf dem Felde. Wird diese 
aber später grün, so genest der Kranke. Biesenthal. 

6. Hat geronnenes Schmalz eine Vertiefung, so stirbt jemand. Biesenthal. 

7. Nachzehrer fliegen als Fledermaus durchs Fenster. Sie treten auch als 
lebende Menschen wieder auf und verheiraten sich. Wenn einem Manne mehrere 
Frauen sterben, so ist er sicherlich ein Nachzehrer. Biberteich. Solche Männer 
haben eine weisse Leber. Baruth. 

8. In Landsberg a. W. erzählt man sich, dass die Leichenwäscherinnen in 
ihrer Wohnung ein Poltern hören, bevor sie zu einem Toten gerufen werden. 



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Glaube und Braach in der Mark Brandenburg. 185 

9. Geht die Stubenthür von selbst auf, so tritt der Geist eines Verstorbenen 
ins Zimmer. 

10. Ist jemand gestorben, so erscheint sein Geist bei den Verwandten, schlägt 
gegen die Thür, geht schlürfend auf und ab, die Uhr bleibt stehen. 

11. Einen Sterbenden soll man nicht bejammern, sonst hat er einen schweren Tod. 

12. Wenn man auf eine Leiche Thränen fallen lässt, so hat sie keine Ruhe 
im Grabe. 

13. Den Tod des Hausvaters soll man den Tieren mitteilen, weil sie sonst 
nicht gedeihen würden, und den Bäumen, damit sie nicht unfruchtbar werden. 

14. Den Spiegel im Sterbezimmer verdeckt man, weil man sonst den Sarg 
zweimal sehen würde, und das bedeutet einen zweiten Todesfall im Jahr. Presdorf. 

15. Der Sarg wird mit dem Pussende voran aus dem Hause getragen. 

16. Die Stühle, auf welchen der Sarg gestanden, muss man umlegen, sonst 
kommt der Tote wieder. Woldenberg. 

17. Ist eine Prau im Wochenbett gestorben, so setzt man den Sarg auf dem 
Wege dreimal nieder, damit die Verstorbene Ruhe habe. D öl zig. 

18. Wer Geld vergrabem hat, erscheint solange, bis dasselbe von jemand ge- 
funden worden ist. Biesenthal. 

19. Wer, obgleich er nicht zum Trauergefolge gehört, hinter dem Zuge her 
fahrt und wer lange in die Gruft sieht, stirbt bald. Biesenthal. Zielenzig. 

20. Was dem Toten gehört, darf man ihm nicht nehmen, z. B. Blumen vom 
Grabe, Blätter von Kränzen. Das würde ihm Unruhe machen. 



G. Bei landinrirtschaftlichen Verrichtungen. 

a) Melken. 

1. Wenn Kühe im Stall keine Milch gehen, so hat eine Hexe sie gemolken; 
wenn sie auf der Weide sind, die Unterirdischen. Baruth. 

2. Ist eine Kuh berufen, sodass sie blaufleckige Milch giebt, so soll man eine 
Erbsichel ins Peuer legen, bis ihre Spitze glühend ist. Werden nun mit der 
glühenden Spitze drei Kreuze in die Milch gemacht, so ist das Berufen gehoben. 
Dölzig. 

3. Ziest (stachys) gekocht, dreimal den Namen Gottes gesagt und mit dem 
Thee das Euter der Kuh bespritzt, hilft gegen das Berufen. Dölzig. 

4. Schlagen die Kühe beim Melken, so soll sich die Magd mit dem nackten 
Hintern auf den Melkschemel setzen, dann werden die Tiere ruhig stehen. 
Sternberg. Presdorf. 

b) Buttern. 

1. Damit die Hexen beim Buttern die Zahl der Reifen des Gefässes nicht 
zählen können, wird eine dünne Schnur um dasselbe gebunden. Blankensee. 

2. Bohrt man Kreuzdom in das Gefäss, so ist es vor Hexen gesichert 
Blankensee. 

3. Buttert es schlecht, so stellt man das Pass auf zwei Stricknadeln, die 
kreuzweise über einander liegen. Dölzig. Schlanow. 

c) Backen. 

1. Wenn man eine Maulwiu'fsgrille totschlägt, gerät das Backen. Zielenzig. 

2. Das erste Brot, das in den Ofen geschoben wird, muss bekreuzt und der 



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186 Prahn: 

Backtrog uingestülpt werden, wenn das Backen geraten soll. Lorenzdorf. 
Wandern. 

3. Bäckt man am Vierteljahrstage, so vertrocknet alles, was vom Ranch ge- 
troffen wird. Woldenberg. 

4. Wenn jemand während des Backens vor dem Ofen den Urin lässt, so wird 
das Brot klamm. Fresdorf. 

d) Säen. 

1. Manche Gartengewächse müssen am Gründonnerstage gesät oder gepflanzt 
werden, Lein an einem Freitage. Schlanow. 

2. Rartoffeln sollen nicht Montags gelegt werden, sonst werden sie madig. 
Fresdorf. 

3. Wenn Steinbock und Krebs im Kalender stehen, werden keine Hülsenfrüchte 
gesät, weil sie dann nicht weich kochen würden. Fresdorf. Blankensce. 
Stangenhagen. 

4. Begegnet man auf dem Wege zum Zwiebelsäen einem bärtigen Mann, so 
werden es lauter „Männer" (lange Zwiebeln). Schlanow. 

5. Im Zeichen des Krebses darf man nicht Kohl- oder Mohrrüben säen, sonst 
bekommen sie viele Füsse; wohl aber Kartoffeln. Woldenberg. 

6. Erbsen muss man am hundertsten Tage des Jahres säen, dann bringen sie 
hundertfältige Frucht. Schlanow. 

7. Ist die Roggepsaat ausgestreut, so geht der Sämann dreimal um den Acker, 
legt an jeder Ecke ein Häufchen Erde auf und spricht dabei etwas; dann bleibt 
die Saat vor Krähen, Tauben und Ungeziefer bewahrt. Soldin. 

8. Wenn Leinsamen gesät werden soll, wirft man den Beutel in die Höhe; 
so hoch der Beutel kommt, so hoch soll der Flachs werden. Soldin. 

9. Hirse wird nach Sonnenuntergang gesät. Man trägt dabei einen alten Hut 
und hat drei Körner unter der Zunge. D öl zig. 

10. Gerste muss man nach Sonnenuntergang säen und vor Sonnenaufgang 
eggen. Nimmt man dabei einige Kömer in den Mund und streut sie dann an den 
Rand des Ackers, so sollen Sperlinge und Hühner nicht kommen. Dölzig. 

11. Beim Flachssäen soll man Eier essen und die Schalen auis Feld werfen. 
Zielenzig. 

12. „Ich säe diesen Samen 
Für mich und die Armen 

Hier in Gottes Namen.*' Biberteich. 

13. Wenn die Leute von der ersten Aussaat nach Hause kommen, w^erden sie 
mit Wasser begossen, damit das Getreide wachse. Schlanow. Wandern. 

e) Ernte. 

1. Holt man Bartholomäi (24. August) zum ersten Male neue Kartoffeln vom 
Felde, so trägt sie der „kleine Mann" mit der Moll (Mulde) wieder weg. (Um 
diese Zeit setzen nämlich die Knollen an und das macht der kleine Mann.) 
Schlanow. 

2. Auf dem Felde wird eine Strohpuppe angefertigt, mit bunten Bändern ge- 
schmückt und auf eine Harke gesteckt, die wiederum in die Erde gestossen wird. 
In einiger Entfernung von der Harke wird eine Garbe niedergelegt, vor der sich 
die jungen Leute in einer Reihe aufstellen. Auf ein gegebenes Zeichen laufen sie bis 
zur Garbe und springen darüber. Wer dabei der letzte wird, muss die Strohpuppe 
tragen, „er hat den Alten". Er muss sie unter Hersagen eines Gedichts dem 



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Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg. 187 

Gatsherm überreichen. — Ist der Roggen eingefahren, so wird der Erntekranz 
gefeiert Dazu werden drei Fahnen gemacht und eine Erntekrone, mit Goldpapier 
verziert. Ein junges Mädchen trägt einen Teller mit Rosmarin-Sträusschen, die 
mit bunten Bändern oder Goldschaum bewickelt sind. Die Krone wird dem Guts- 
herrn und dann der Frau aufgesetzt und dabei ein Gedicht hergesagt; die Sträusschen 
werden nach Belieben verteilt, und es giebt dafür Trinkgelder. Dölzig. 

3. Früchte von einem Obstbaum, der zum ersten Male trägt, muss man vom 
Baum ab in einen Sack thun und ins Haus tragen, dann trägt er üeissig. Meyenburg. 

4. In der Neumark lässt man dem Baxim die Erstlingsfrucht. 

f) Viehkauf. 

1. Beim Einkauf des Viehes trägt man Salz und Dill in der Westentasche. 
Presdorf. 

2. Vor die Thürschwelle des Stalles, in den das neuerworbene Tier geführt 
werden soll, legt man eine Axt und einen Besen, dann bleibt es vor Krankheiten 
bewahrt. Soldin. 

3. Man zieht das Tier rückwärts in den Stall. Warthebruch. Költschen. 

4. Den Rindern sägt man ein Stück vom Hom ab und heftet es mit einer 
Nadel an den Futtertrog. Woldenberg. 

5. Bevor ein neugekauftes Stück Vieh in den Stall gebracht wird, führt man 
die vorhandenen Tiere auf den Hof und bestreut den Weg vom Thor bis zur Stall- 
thür, die Lagerstätte und die Ecken des Stalles mit Salz. Der Führer muss sich 
im Hause satt essen, sonst gedeiht das Tier nicht. Baruth. 

6. Wenn ein Viehmädchen in einen neuen Dienst tritt, steckt ihr die Haus- 
frau einen bleiernen Ring auf den Zeigefinger der rechten Hand, dann wird das 
Putter, das sie einrührt, nahrhaft. Verlässt die Magd den Dienst, so muss sie 
diesen Ring im Stalle vergraben, damit das. Vieh sich nicht um sie gräme. Baruth. 

g) Haustiere. 

1. Neugeborne Kälber bestreut man mit Salz imd Dill, dann können sie nicht 
behext werden. Fresdorf. 

2. Das Entwöhnen junger Tiere von der Mutter geschieht nur, wenn ein gutes 
Zeichen im Kalender steht. Dölzig. 

3. Ist es Lichtmess dunkel, so giebt es viele Gänse. Schlanow. 

4. Kommt ein Fremder, während die Gänse brüten, essend in das Haus, so 
kriechen die jungen Tiere nicht aus. Schlanow. 

5. Wenn ein Pferd zum ersten Male angespannt wird, so spricht man: Dieses 
Joch sollst du tragen, wie unser Herr Jesus Christus sein Joch getragen hat. 
J. N. G. Biesenthal. 

6. Will ein Pferd beim Aufschlagen der Hufeisen nicht stehen, so stelle man 
sich vor dasselbe, sehe ihm fest in die Augen und spreche: 

Satan, halt mir dieses Tier, 

Ich gebe dir Leib und Seele dafür. Königsberg. 

h) Ungeziefer. 

1. Hat das Vieh Ungeziefer, so reibt man zwei Steine aneinander warm, wirft 
sie über die Tiere weg und trägt sie dann auf den Acker. Biesenthal. 

2. Eine ungerade Anzahl lebender Wanzen, in Papier gewickelt, in einen 
Sarg zu Füssen des Toten legen. Sold in. 



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188 Prahn: 

3. Ratten vertreibt man, indem man am Tage Medardi an alle Thüren des 
Hauses das Wort „Medardus*' sehreibt. Dölzig. 

4. Oder indem man am Sonntag während des Läutens um das Haus läuft, 
mit einer Birkenrute an jede Thür schlägt und dabei ausruft: Hallo, hallo, zur 
Kirche! Zielenzig. 

i) Holzstehlen. 

1. Wenn man einem andern den Spannnagel oder die Linse entwendet und 
in den eigenen Wagen steckt, so kann man getrost zum Holzstehlen ausfahren; 
man wird dabei nicht ertappt. Dölzig. 

2. Man schlägt den ersten besten Baum um und steckt den ersten Spahn 
davon in die Tasche, so ist jnan für den Förster unsichtbar. Dölzig. 

3. Wenn es gelingt, am Neujahrstage während der Predigt vom Nachbarhofe 
Holz zu stehlen, der kann das ganze Jahr hindurch aus dem Walde Holz holen, 
ohne dass er dabei vom Pöreter betrofifen wird. Schlanow. 

4. Hat der Holzdieb einen Baum umgehauen, so setzt er seine Mütze auf den 
Stumpf, dann sieht ihn der Förster nicht Schlanow. 

5. Wer Zeisigeier und Farrenkraut bei sich trägt, kann sich nach Belieben 
unsichtbar machen. Biesenthal. 

6. Besprechungsformel: Jäger, ich bin hier und du bist dort. Jäger, und du 
bleibst fort. Biesenthal. 

k) Diebessegen. 

1. Um sein Land vor Dieben zu sichern, geht der Hausvater um das Gehöft 
oder um den Acker und spricht: „Joseph und Maria gingen in ein fernes Land 
und führten ihr Kindlein Jesus an der Hand. Da kamen Diebe und wollten es 
stehlen, und Maria sprach: Joseph, bind, bind! Worauf Joseph sagte: Ihr sollt 
stehen wie ein Stock und zählen die Sterne am Himmel. Im Namen — Geistes". 
(Nicht Amen.) Er muss mit dem Spruch gerade an der Stelle zu Ende sein, an 
der er angefangen hat. Morgens geht er hinaus und glaubt einen etwaigen Dieb 
vorzufinden, der nicht über die geschrittene Stelle hinaus kann. Wenn er „Amen" 
sagt, ist der Dieb frei. Sagt ers erst am zweiten Morgen, so bleibt der Dieb 
stehen und wird schwarz. Muss er gar bis zum dritten Morgen stehen bleiben, 
so zerfällt er in Asche. Zielenzig. 



D. Yerschiedenes. 

a) Glück und Unglück. 

1. Wenn man einem Maikäfer den Kopf abbeisst, so ist einem das Glück hold. 

2. Wer eine Katze ersäuft, verliert sein Glück. 

3. Der Kartenspieler hat Glück, wenn er eine abgebissene Maulwurfspfote bei 
sich trägt. Zielenzig. Landsberg. 

• 4. Er bringt das Glück auf seine Seite, wenn er seinen Stuhl wendet. 

5. Eine Kröte im Keller bringt dem Hause Glück. 

6. Geht der begleitende Hund auf der linken Seite und verrichtet er hier 
seine Geschäfte, so hat der Jäger Glück. Költschen. 

7. Nach Sonnenuntergang soll man keinen Kehricht über die Thürschwelle 
bringen. Biesenthal. 

8. Ein Schütze erhält einen unfehlbaren Schuss, wenn er vorher nach einer 
geweihten Oblate seh i esst. Hammer. 



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Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg. 189 

9. Wenn man zwischen zweien hindurchgeht, nimmt man ihnen das Glück. 

10. Elster- und Krähengeschrei, sowie das Krähen der Henne vor der Thür 
bedeuten Unannehmlichkeiten im Hause. Dölzig. Eulam. Wandern. 

11. Wäscht sich die Katze und sieht gleich darauf jemand an, so stehen diesem 
im Laufe des Tages Unannehmlichkeiten bevor, Kindern Schläge. 

12. Findet man morgens einen Strohhalm mit einer Ähre, so deutet das auf 
Herrenbesuch, ohne Ähre auf Damenbesuch. Angenehm ist der Besuch nur, wenn 
der Strohhalm auf dem Sofa liegt. 

13. Wenn man dem Neumonde drei Tage hintereinander je drei Knickse macht, 
so erhält man ein Geschenk. Landsberg. 

14. Liegt das Brot auf dem Bett, so ruht die Arbeit. 

15. Legt man ein Brot so auf den Tisch, dass es über den Rand ragt, so 
bricht bald darauf eine Krankheit in der Familie aus. 

16. Wenn es mit dem Rücken auf den Tisch liegt und es kommt eine fremde 
Person ins Zimmer, so nimmt diese das Glück mit hinaus. 

17. Die Landleute verleihen nie ein ganzes Brot, sondern schneiden vorher ein 
Stück davon ab; dann bleibt ihnen ihr Glück. Eulam. Biesenthal. 

18. Das Brot darf ihnen nicht ausgehen. 

19. Der letzte Bissen hat die grösste Kraft. 

20. Eine angebissene Brotschnitte soll man nicht einem andern geben, sonst 
erzürnt man sich mit ihm. 

21. Man duldet es nicht, dass ein Fremder sich die Cigarre über der Lampe 
anzündet, sondern bietet ihm ein Streichholz. Er würde das Glück aus dem Hause 
tragen. Landsberg. 

22. Man soll nichts verleihen, sondern verkaufen, wenn man auch das Geld 
nicht sofort erhält. 

23. Für eine geschenkte Stecknadel soll man sich nicht bedanken, sonst zer- 
sticht man die Freundschaft. 

24. Die Wäschenäherinnen versprechen sich für jedes Stechen mit der Nadel 
einen Kuss. 

25. Verliert das Mädchen das Strumpfband oder geht ihm das Schürzenband 
auf oder lässt es sich durch einen Mann den Ring vom Finger ziehen, so verliert 
es bald die Jungfemschaft. 

26. Fällt die Gabel herunter und bleibt sie in der Diele stechen, so deutet das 
auf Besuch. 

27. Hat man bei Tisch einen Löffel nicht benutzt, so isst der Teufel damit. 
Soldin. 

28. Wer abends im Bett isst, dem beleckt der Tod den Mund. Landsberg. 

29. Die Thür soll man nicht zuschlagen, sonst wirft einem der Teufel die 
Himmelsthür vor der Nase zu. 

30. Wenn Kinder mit Steinen spielen, so giebt es bald Krieg. 

31. Schaukelt man eine leere Wiege, so nimmt man dem Kinde die Ruhe. 
33. Dem Abdecker, der ein gefallenes Stück Vieh geholt hat, wirft man einen 

Stein nach, damit er nicht wiederkomme. Költschen. Hammer. 

b) Tagwählerei. 

1. Am Dienstag, Donnerstag oder Sonnabend wird in der Neumark keine 
grössere Arbeit begonnen. 

2. Verlässt ein Kranker oder eine Wöchnerin das Bett zum ersten Male an 
einem Sonntag, so tritt ein Rückfall ein. Lands berg. Woldenberg. 



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190 Prahn: 

3. Hat der Quatember eine hohe Datumszahl, so wird das Getreide teuer. 
Presdorf. 

4. Niest man nüchtern am Sonntag, so deutet das auf angenehme Gesellschaft, 
am Montag auf ein Geschenk, am Dienstag auf ein Getränk, am Mittwoch auf 
einen Brief, am Donnerstag geht alles schief, am Freitag auf Glück, am Sonnabend 
geht manches zurück. Sternberg. Baruth. 

c) Alpdrücken (Mahre). 

Man schützt sich dagegen, d. h. die Frau denkt nicht an einen: 

1. Wenn man sein Taschenmesser halb zugeklappt unter das Kopfkissen legt. 
Bicsenthal. 

2. Wenn man die Schuhg so vor das Bett stellt, dass sich ihre Spitzen be- 
rühren. Dölzig. 

3. Wenn man seinen Bruder beim Taufnamen ruft. Dölzig. 

d) Gewitter. 

1. In ein Haus, auf dem ein Storch oder an dem eine Schwalbe baut, 
schlägt der Blitz nicht ein. 

2. Während eines Gewitters soll man Feuer auf dem Herd unterhalten. 

3. Den Beter verschon ich, den Schläfer lass ich ruhen, den Esser schlag 
ich tot. 

4. Blitzbrand kann man nur mit dicker Milch löschen. Landsberg. Biber- 
teich. 

5. Als Schutz gegen den Blitz befestigt man am Giebel des Hauses die Homer 
eines Ziegenbockes oder aus Holz geschnittene Pferdeköpfe. Sternberg. Breesen. 

e) Feuer. 

1. Wer Feuer segnet, muss sich sogleich in ein Wasser und wäre es auch 
nur in eine Wassertonne retten, sonst schlägt der Peuerstrahl nach ihm^ und ver- 
sengt ihn. 

Besprechungsformeln : 

2. Bist willkommen, du feuriger Gast. 
Greif nicht weiter, als was du hast. 

Das zähl ich dir, Feuer, zu deiner Buss. Fresdorf. 

3. Ich gebiete dir, Feuer, du wollest legen deine Glut, 
Bei Jesu Christi teurem Blut, 

Das er für uns vergossen hat 

Für unsere Sund* und Missethat. Fresdorf 

4. Brand, fall in Sand, 
Fall in Fahrweg, 

Fall ganz und gar weg. Bicsenthal. 
T). Brand, fall in Sand, 
Brenn nicht innenwärts, 
Brenn auswärts. Landsberg. 

f) Wind. 

1. Die Schiffer dürfen bei ungünstigem Winde nicht nähen, vor allen Dingen 
nicht am Segeltuch, sonst nähen sie den Wind fest. Warthe. 

2. Manche Schiffer können durch gewisses Pfeifen den Wind aus der ge- 
wünschten Gegend her^^orlocken. Warthe. 



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(jlaube und Brauch in der Mark Brandenburg. 191 

3. Wind macht man, wenn man einen alten Besen verbrennt. Cöpenick. 

g) Wetter. 

1. Die Frauen verschaffen sich gutes Wetter zum Wäschetrocknen, wenn sie 
zuerst die Unterhose des Mannes aufhängen. Berlin. 

• h) Tiere. 

1. Schwarze Katze und schwarzes Huhn soll man nicht aus dem Hause thun. 
Biesenthal. 

2. Eine schwarze Katze, die um Mittemacht über den Weg läuft, soll man 
nicht anreden oder stossen, denn sie ist ein Geist. Zielenzig. Wepritz. Hammer. 

3. Bestreicht man die eigenen Augen mit den Thränen eines Hundes, so sieht 
man Geister. Woldenberg. 

4. Wird man von einem Wiesel gebissen, so lebt man noch soviel Jahre,, als 
Zahne an der Wunde zu sehen sind. Zielenzig. 

5. Gräbt man eine Kröte aus, so kommt man bald ins Kindelbier. Dölzig. 

6. In der Zaucho spiesst man jede^ Kröte, deren man habhaft werden kann, 
mit der Mistgabel auf und steckt letztere verkehrt in den Misthaufen. Presdorf. 
Blankensee. 

E. Krankheiten. 
I. Sympathetische Heilmittel. 

a) Abzehrung. 

1. Das kranke Kind wird in einen mit Wasser gefällten Kessel gesetzt, der 
über gelindem Feuer steht. Sobald das Wasser warm wird, rührt die Mutter mit 
einem Holzstabe darin. Darauf erscheint eine andere Frau in der Küche und fragt: 
gWas kocht Ihr?" Die Antwort lautet; „Dörrfleisch, dass es soll dick werden". 
Frage und Antwort müssen dreimal erfolgen. Zielenzig. 

b) Rheumatismus. 

1. Man soll eine Kartoffel bei sich tragen. Berlin. 

2. Der Wunderdoktor bindet unter Hersagen eines Spruches dem Leidenden 
die Hände auf dem Rücken mit einem Strick zusammen, der nicht eher gelöst 
werden darf, als bis der kluge Mann über die Grenze ist; sonst verfällt er selbst 
in die Krankheit. Landsberg. 

c) Kropf. 

1. Eine gefundene Flintenkugel wird pulverisiert und, in Seidenband gewickelt, 
um den Hals getragen. Nach einigen Wochen wird der Kropf mit einer Toten- 
hand vom andern Geschlecht bestrichen und die Kugel dem Toten mit ins Grab 
gegeben. Madlitz. 

d) Krätze. 

1. Der Kranke wird in einen Mehlsack gesteckt. Lands borg. 

e) Fieber. 

I. Man bekommt das Fieber nicht, wenn man am Gründonnerstage Brezeln 
isst. Beelitz. 



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192 Pralin: 

2. Man „isst das Fieber auf", indem man sein Lieblingsgericht in Übermass 
geniesst. 

3. Auf Walnussblätter schreibt man die Worte: „Gott sei mir gnädig. Gott 
helfe mir", und giebt die Blätter dem Kranken, der sie ungelesen essen muss. 
Presdorf. 

f) Milz. 

1. Wenn einen die Milz sticht, soll man einen Stein aufheben, dreimal darauf 
spucken und ihn dann an seinen früheren Ort legen. Landsberg Dölzig. 
Schlanow. 

g) Gerstenkorn. 

1. Wer einen Fusssteig verunreinigt, bekommt ein Gerstenkorn. 

2. Man rertreibt es, wenn man dreimal stillschweigend durch ein Astloch im 
Zaun sieht. Wartheb ruch. 

3. Oder wenn man durch ein Reibeisen sieht. Barath. 

h) Schnupfen. 

1. Man verliert ihn, wenn man beim Essen die Gabel so legt, dass die Zinken 
auf die Thür weisen. Biesen thal. 

2. Man soll ohne die Gegenwart eines anderen in die Ölkanne gucken. Baruth. 

i) Warzen. 

1. Wenn man Wasser trinkt, von dem Hühner getrunken haben, erhält man 
Warzen. 

2. Die Warzen zählen, ebenso viele Knoten in einen Strohhalm machen und 
diesen unter der Dachtraufe vergraben. Dasselbe mit einer Schnur. 

3. Man stiehlt ein Stück Fleisch, drückt es auf die Warzen und lässt es von 
einem Hunde fressen. 

4. Auf Hühneraugen drückt man eine Erbse und wirft diese über den Kopf 
weg in einen Brunnen. Jedoch soll man sich eiligst entfernen, damit man nicht 
das Aufschlagen der Erbse auf das Wasser vernehme. Woldenberg. 

k) Wunde. 

L Man bestreicht sie dreimal mit einer Weidenrute, die man darauf in ein 
fliessendes Gewässer wirft. Biesenthal. 

2. Die Hand, in der ein Maulwurf verendet ist, heilt alle Wunden. Dölzig. 

1) Bettnässen. 

1. Während es zur Kirche läutet, soll der Kranke in eine Brückenbohle ein 
Loch bohren und durch dieses den Urin lassen. Dölzig. Bernstein. 

2. Der Kranke soll junge gebratene Mäuse oder die pudenda eines Schweines 
essen. Lands b erg. 

3. Man wird geheilt, wenn man in ein offenes Grab uriniert. 

m) Krämpfe. 

1. Von drei Fahnen aus dem Zeughause Stücke abschneiden, darauf eine un- 
gerade Anzahl Tropfen Blut von einem schwarzen Kater thun und am Charfreitage zu- 
sammen mit einer ungeraden Anzahl Eierschalen dreimal kochen. Biesenthal. 



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Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg. 193 

n) Blatarmut 

1. Man zieht der Kranken mittelst einer Stopfnadel einen WoUfaden dnrch 
das Ohrläppchen und vergräbt ihn unter einer Gosse. Berlin. 

o) Schwindsucht. 

1. Wer ins Feuer speit oder ein Katzenhaar verschluckt, erhält die Schwind- 
sachi Landsberg. Biesenthal. 

p) Zahnschmerzen. 

1. Wenn man während eines Gewitters isst, bekommt man hohle Zähne. 

2. Stösst man ein kleines Kind mit dem Munde auf den Teig, so zahnt es 
bald. Sternberg. 

3. Wenn ein Kind leicht die Zähne bekommen soll, muss man es dreimal mit 
dem Munde auf einen Schafbock stossen, wenn die Tiere abends von der Weide 
heimkommen. Meyenburg. 

4. Hat ein Kind einen Zahn verloren, so soll es ihn über den Kopf werfen 
und dabei sprechen : Mus, ick gew di en holten Tähn, giw mi en knökem weeder. 
Meyenburg. 

5. Wer von der Stelle isst, an der Mäuse das Brot benagt haben, bekommt 
keine Zahnschmerzen. 

6. Zahnschmerzen vergehen für immer, wenn man am Charfreitage, ehe die 
Sonne aufgeht, die Nägel von Händen und Füssen kreuzweise abschneidet und sie 
zum Kreuzweg trägt. Biesenthal. Baruth. 

7. Moiigens nach dem Waschen soll man sich zuerst die Hände abtrocknen. 

8. Den schmerzenden Zahn soll man mit Brot reiben und dieses in einen 
Ameisenhanfen werfen. Biesenthal. 

9. Auf dem Kirchhof Erbsen zerbeissen imd sie in ein frisches Grab werfen. 
Landsberg. 

II. Hellsprüche. 

a) Kose. 

1*. Die Rose und die Weide, 
Die standen beide im Streite; 
Die Weide, die gewann, 
Die Rose, die verschwand. Landsberg. Zielenzig. 

2. Die Rose hat in diese Welt 
uns Gott als Königin gesandt 
Und über ihr das Sternenzelt 
Als Krönungsmantel ausgespannt. 
Rose t I^ose f Rose f weiche. 
Flieh auf eine Leiche, 

Lass die Lebenden befreit 

Von nun an bis in Ewigkeit. Königsberg. 

3, Rose, du bist von Erde nnd sollst zu Erde werden, wovon du genommen 
bist Biesenthal. 

b) Flechte. 
1*. Ich streiche deine Flechte, 



Das thu ich dir zum Rechte. 

Zcitschrilt d. Verein« £. Volkskunde. 1891. 18 



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194 Prahn: 

Sie soll weichen, 
Drum mas8 ich streichen. 
Jesns Christus, Gottes Sohn, 
Wird dir davon helfen schon. Zielenzig. 
2*. Flechte, du sollst dich mit der Asche verbinden, 
Flechte, du sollst über das rote Meer verschwinden, 
Flechte, du sollst nicht mit der Asche kommen wieder. Landsberg. 

c) Brand. 

1*. Unser Herr Jesus Christus ist geboren in Bethlehem, erzogen in Nazareth, 
gekreuziget in Jerusalem, die drei sind wahr, unser Herr Jesus Christus nahm 
die schönen Jungfrauen an der Hand, besprach die Schwulst und auch den Brand 
und auch die Schmerzen. Dölzig. 

2. Hoch ist der Himmel, 
Kalt ist der Nebel, 
Kalt ist die Totenhand, 

Damit vertreib ich diesen Brand. Biesenthal. 

3. Ich bespreche diesen Brand in Kraft Gottes: 
Brand, fahr aus wie der Wind, 

Dass dich niemand find. Königsberg. 

4. Als ich über den Jordan ging. 
Fand ich eine Totenhand, 

Damit still ich den Brand. Biesenthal. 
5*. Brand, da ich dich fand. 
Sollst du versöhwinden. 
Wie der Tau im Grase, 
Wie der Tote im Grabe. Landsberg. Zielenzig. 

d) Fieber. 

1. Nussbaum, ich komme zu dir. 

Nimm die siebenundsiebzig Fieber von mir. Fresdorf. 

e) Rheumatismus. 
1*. Guten Morgen, Frau Ficht, 

Ich bring dir meine Gicht. 

Ich hab sie getragen bis auf den heutigen Tag 

Und du sollst sie tragen bis an den jüngsten Tag. Schlanow. 

2. Am flicssenden Wasser, das Gesicht nach der Mündung gerichtet, drei 
Löffel Wasser trinken, den Löffel über den Kopf werfen und fortgehen, ohne sich 
umzusehen. Dabei sprechen: 

Wassermann, ich klag es dir; 

Die reissende Gicht veiigehe mir. Schlanow. 
3*. Guten Abend, Fichte, 
Nimm mir meine Gichte. 
Rheumatismus und auch Reissen 
Soll aus meinem Körper weichen. Zielenzig. 

f) Beinverrenkung. 
1. Du hast dein Bein verrenkt. 

Jesus Christus ward ans Kreuz gehängt. 

Thut ihm sein Henken nichts, 

Thut dir dein Verrenken nichts. Biberteich. 



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Glaube und Brauch in der Mark Brandenburg. 195 

g) Herzspannen. 
I*. Herzspannen rühr dich, Schorf kuchen verlier dich. Zielenzig. 
2. Herzspannen von der Kippe 

Wie das Kind von der Krippe. Fürstenberg. 

h) Blutstillen. 

1*. Es gingen drei Jungfern wohl über das Feld. 

Die eine hiess Brunhille, 

Die andere hiess Blutstille, 

Die dritte hiess Blutstillestand. Landsberg. 
2. Selig ist der Tag, 

Selig ist die Stunde, 

Selig ist die Wunde, 

Selig, was ich sag. 

Du sollst nicht bluten, nicht schwären. 

Nicht wehe thun, nicht zehren. Beelitz. 
3* Unser Herr Christus ward verwundet 

Durch sein bitter Leiden. 

Seine Wunden schwollen ihm nicht, 

Sie schworen ihm nicht, 

Sie thaten ihm gar nicht weh. 

Soll es diesem Menschen auch nicht weh thun. Königsberg. 
4. In Christi Grarten steht ein Baum, 

Er hat geblüht und blüht nicht mehr. 

Blut stehe still und lauf nicht mehr. Biesenthal. 
5». Blut, stehe stille. 

Denke, das ist Gottes Wille. 

Halte feste wie ein Stein, 

Dass alles möge beisammen sein. Zielenzig. 
6*. Tief ist die Wunde, 

Heilig ist die Stunde, 

Heilig ist der Tag, 

Wo die Wunde geschehen mag. 

Du sollst nicht weiter schwären. 

Bis die Mutter Gottes wird ein Kind gebären. Zielenzig. 
7*. Es kamen drei Jungfrauen von der Sündflut her. 

Die eine sprach: es ist gut; 

Die andere sprach: es ist gut; 

Die dritte besprach die Wehklage und das Blut. Madlitz. Zielenzig. 

i) Darmgicht. 
1. Ein Zettel mit der bekannten Sator-Formel wird um den Hals gehängt. 
Fresdorf. 

k) Würmer. 
1*. Jerusalem, du heilige Stadt, 

Da Jesus Christus gekreuziget ward. 
Er hat vergossen Wasser und Blut, 
Das ist auch für euch Würmer gut. Königsberg. 
2*. Im Namen Gottes etc. Dies thu ich für euch alle und lass euch dampfen 
zur Ruh. Dölzig. 

13» 



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196 Prahn. 

1) Knacken im Ellenbogen. 

1. Ich stecke meine Hand durch die Lehmwand 
Und bitte flir mein Quarrband. Woldenberg. 

m) Schlangenbiss. 

1*. Da nnser Herr Christus sprach, 

Da mich der böse Wurm stach. • 

Hätt' Christus nicht gesprochen, 

Hätt* mich der böse Wurm nicht gestochen. Röltschen. 

n) Warzen. 

1. Lieber Mond, ich sehe deine zwei Spitzen. 

Wenn ich die dritte sehe, soll meine Warze verschwitzen. Landsberg. 
Schlanow. 

2. Was ich sehe, das ist eine Sünde. 
Was ich fühle, das verschwinde. 

o) Zahnschmerzen. 

1* Ich grüsse dich, du helles Licht (Vollmond) 

Pur die Zahn und für die Gicht, 

Für die roten Würmelein, 

Die in meinen Zähnen sein. Landsberg. 
2*. Rauschendes Wasser, ich komme zu dir. 

Das Keissen der Zähne bring ich dir. 

Mich hat es gerissen Tag und Nacht, 

Dich mög^ es reissen bis ins tiefe Meer hinab. Zielenzig. 

p) Berufen. 

1. Zwei böse Augen haben dich gesehn. 
Zwei gute sollen dich wiedersehn. Dölzig. 

2. Zwei schlimme haben dir es angethan. 

Zwei gute werden dir's benehmen. Landsberg. 

q) Verfangen. 

1*. Hast du dich verfangen im Wasser, 

So hilft Marien Vater; 

Hast du dich verfangen im Futter, 

So hilft Marien Mutter; 

Hast du dich verfangen im Wind, 

So hilft Manen Kind. Meyenburg. Landsberg. Presdorf. 
2*. Der liebe Gott woll helfen, 

Dass es besser werde. 

Wie gewonnen. 

So zerronnen. 

Wie der Tau im Grase, 

So die Kuh (das Pferd) im Grabe. Lands berg 

3. Christus hangt, 
Christus ist los. 

Nun bist du dein Verfangen los. Presdorf. 



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Volkssegen ans dem Böhmerwald. 197 

4. Du hast dich verfangen, 
Jesus Christas ist gehangen. 
Jesus Christas ist vom Kreaz genommen, 
Da wirst die Krankheit bald überkommen. Königsberg. 

r) Gegen bissige Hunde. 

1*. Maria ging in einen Grund, 

Behielt den Namen Gottes in ihrem Mund 

Und schlug damit den bösen Hund. Königsberg. 
2. Hxmd, du hältst deinen Mund 

Und deine Zahn', 

Und lass mich gehn. Biesenthal. 
B*. Als Mutter Maria geboren war 

Und als sie den ersten Hund sah, 

Da sprach sie: Hund sei stille, 

Gottes Wille, Gottes Wille. Landsberg. 



Volkssegen aus dem Bölimerwald, 

Von J. J. Ammann in Krummau. 



Unter dem noch stark verbreiteten Aberglauben des Böhmerwaldes 
stehen allem voran die Segensformeln, die heute noch im Volke gegen die 
Terschiedensten Krankheiten und Leiden bei Menschen und Tieren in An- 
wendung sind. Die Anwendung der Segensformeln von Seite des Volkes 
ist hier fast noch allgemein, die Besprechung selbst geht häufig nur von 
einzelnen Eingeweihten, Männern und Weibern, aus, die mit Eifersucht 
tmd abergläubischem Sinn ihre Formeln und die Kunst der Anwendung 
hüten. Sie glauben, der Segen verliere für sie seine Kraft, wenn er nicht 
geheim gehalten, wenn er andern mitgeteilt werde. Überhaupt soll der 
Segenkundige in seinem Leben nur einem seine Kunst beibringen; das 
Gebot der Weiterverbreitung findet sich nur bei einzelnen neueren Segen 
imd ist gewiss nicht im Sinne der alten Zeit. Merkwürdig ist auch der 
Aberglaube der Leute des Böhmerwaldes, dass nicht jeder, der die Segen- 
sprüche kennt, schon beföhigt ist, dieselben wirksam anzuwenden. Ein 
rechter Besprecher empfängt seine Weihe aus einem besondem geheimnis- 
vollen Brauch. Wenn nach schwerer Winterszeit die Bächlein, vom Eise 
befreit, wieder munter durch das frische Grün rieseln und aller Orten die 
Blumen hervorlocken, dann hat ein Besprecher auf seinen Wegen die 



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198 AmmanTi: 

Augen oflFen, ob er nicht an Bachesrand oder in sumpfiger Wiese eine 
Osterblume (d. i. die gelbe Dotterblume, Caltha palustris) bemerke. Sowie 
er nämlich im Frühling die ersten Osterblumen antrifft, lässt er sich vor 
der Blume auf ein Knie nieder, legt den Hut neben sich auf den Boden 
und spricht, während er die Blume mit zwei Fingern abreisst: 

Grüas di God ^), du Osterbluam! — I brock di o(b), — Du bist für 
neuloi (neunerlei) Neid und .... — .... Augstoi (Augstall ■). — Du bist 
nid für neune, — Nur für achte, — Nid für achte, — Nur für siebne, — 
Nid für siebne, — Nur für sechse, — Nid für sechse, — Nur für fünfe, 
— Nid für fünfe, — Nur für viere, — Nid für viere, — Nur für drei, — 
Nid für drei, — Nur für zwei, — Nid für zwei, — Nur für eins, — Nid 
für eins, — Du bist für keins! 

Diesen Spruch wiederholt der Besprecher auch beim Pflücken der 
zweiten und dritten Osterblume. Es werden so im ganzen entweder drei 
oder neun Osterblumen gebrockt. Die abgebrockten Blumen nimmt er 
nun zwischen seine Hände und reibt sie, wobei er ein Vaterunser betet. 
Die Osterblumen trägt er alsdann nach Hause und bestreicht daheim damit 
Vieh oder Menschen, die er vor dem Bösen bewahrt wissen will. Beim 
Bestreichen wird häufig nochmals ein Vaterunser gebetet. Erst nach dieser 
vorbereitenden, einweihenden Handlung ist ein Besprecher mit der nötigen 
Macht ausgestattet, die Besprechungen so lange wirksam vorzunehmen, bis 
die Osterblumen in dem darauf folgenden Jahre wieder blühen. 

Femer darf für das Besprechen nichts verlangt werden •), sonst hilft 
es nicht; wohl aber darf der Besprecher das, was man ihm unaufgefordert 
und freiwillig giebt, annehmen. 

Die ältesten, schönsten Segen bei allen Völkern laufen über in Gebete, 
welche bei Opfern hergesagt wurden *). Die ältesten Segen des deutschen 
Volkes reichen mindestens in jene Zeiten zurück, in denen das Volk noch 
gläubig an seiner Naturreligion und den selbstgeschaffenen Göttern hing. 
Vielleicht sind die alten Segensformeln vielfach nichts anderes als zu 
Formeln erstarrte Gebete aus heidnischer Zeit. Mit dem Christentum treten 
dann für die heidnischen Gottheiten Gott, Christus, Maria, die Apostel und 
die Heiligen ein "). Ja wir bemerken, dass selbst bis ins 18. Jahrhundert 
herauf die Verbreitung der Segen und das Vertrauen auf die wunderbaren 
Heilsprüche im Volke noch allgemein anhält. In eben diesem Masse voll- 
zieht sich aber auch eine Wandlung in Form und Inhalt. Die Segen 
werden, obwohl sie sich auch in gereimten Sprüchen mündlich und schrift- 



1) 6 sprich = ou, e - ei. 

2) Die Blähkrankheit des Viehes. 
8) Vgl. Grimm Myth. 976. 

4) Vgl Gr. Myth. H. 1033. 

5) Vgl. Haupts Zs. I, 143 f. Fr. Schönwerth, Sitten und Sagen aus der Ober- 
pfalz lU, 198. 



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Volkssegen aus dem ßöhmerwald. 199 

lieh fortpflanzten, besonders in prosaischer Form weiter ausgesponnen. 
Waren sie früher für einzelne gegenwärtige oder vorauszusehende Übel 
eingerichtet, so werden nun Segensformeln gebildet, die gleich für alles 
Mögliche Hilfe und Rettung versprechen. Indessen haben sie sich in der 
Form von den alten Segen noch nicht ganz losgemacht, sie sind durch Zu- 
sätze vermehrt und in ihrer Wirksamkeit verallgemeinert worden. Zuletzt 
endlich sehen wir sie, ihrer alten Wunderkraft beraubt und des geheimnis- 
Tollen Äussern vielfach entkleidet, in der religiösen Anschauung des Volkes 
aufgehen. Der alte geheimnisvolle Formelkram ist in den gewöhnlichen 
Hanssegen, die wir in jedem Hause auf dem Lande finden, bereits ver- 
blasst. Der Aber- und Überglaube ist verschwunden, der christliche Haus- 
segen macht Anspruch auf einen werkthätigen Glauben. So scheinen denn 
die Segen in ihrer Entwicklung aus reiner religiöser Anschauung ent- 
sprungen und mit Übertragung auf die christliche Religion wieder zu 
ebenso reiner religiöser Anschauung zurückgekehrt zu sein. 

Wer nun in einem urwüchsigen Volke, wie das des Böhmerwaldes ist, 
nach Volkssegen forscht, wird noch Formeln aller Art finden. Denn das 
Volk will nicht nur gegen Böses und Übles in der Zukunft gefeit sein, 
es will besonders auch von gegenwärtigen Leiden und Krankheiten be- 
freit werden, selbst Beschwörung und Zauber wird angewendet, um von 
Übeln loszuwerden oder das wankende Glück zu befestigen. 

Nach diesen Gesichtspunkten möchte ich denn auch die folgenden 
Segen teilen in: 

L Heilsprüche für Menschen und Tiere *), und zwar gegen äussere 
und innere Krankheiten, die den Menschen oder seine Haustiere bereits 
befallen haben. Diese haben noch vielfach altertümlichen Charakter, einige 
davon sind Beschwörungen, einige zeigen aber auch schon den Übergang 
«1 den kirchlichen Gebetsformeln. 

n. Beschwörungs- oder Zauberformeln, bei denen durch die 
Kraft des Spruches in zauberhafter Weise, auch durch Gebet die geheime 
oder offene Macht böser Menschen, Tiere, auch der Natur gelähmt oder 
besiegt wird. So wird gar vieles im Volke auf Neid zurückgeführt, was 
sich durch Beschwörung oder Zauberspruch beheben lässt; ebenso kann 
man auf solche Weise einen bissigen Hund, einen Feind, ein Gewitter 
und dergleichen beschwören. 

in. Kirchliche Segen und Gebete gegen Böses und Übles im 
allgemeinen. Hier haben wir schon mannichfaltigero Formen, überall aber 
wird noch wunderbare Hilfe erwartet, wenn man den betreffenden Segen 
betet oder auch nur bei sich trägt. Die Wirkung erstreckt sich nicht so 
sehr auf wirklich vorhandene Leiden oder Krankheiten als vielmehr auf 
ktinfkige mögliche aller Art. 



1) Auch bei Tierkrankheiten walten Geister, Gr. Myth. 973. 



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200 Ammans : 

Die Anwendung aller dieser Yolkssegen verlangt überdies eine be- 
stimmte Handhabung und formgemässe Ausführung von Seite des Be- 
sprechers. Manche Segen werden von jedem Beliebigen, der sie kennt, 
selbst ausgeführt, andere wieder nur von Eigenen Besprechern, womit in 
der Regel dann auch mehr Formwesen verbunden ist. Ich habe dies, wo 
es zu erfragen war, bei den einzelnen Segen angemerkt, nur bei den kirch- 
lichen Segens- und Gebetsformeln ist noch die Art der Ausführung be- 
sonders zu beachten. Schon da sie allgemeinerer Natur sind, werden sie 
auch allgemeiner verwendet. Fast jeder Bauer oder jede Bäuerin besass 
hier früher und besitzt auch vielfach heute noch einen oder mehrere Segen 
dieser Art. Bevor er oder sie dann in der Frühe in den Stall geht, wird 
der Segen unter der Hausthüre oder unter dem „Passthörl** (Verbindungs- 
thürchen zwischen Haus und Stall) stehend gebetet. Diese Segen sind 
nämlich häufig auf fliegende Blätter gedruckt, meist aus dem vorigen Jahr- 
hundert, aber sind auch geschrieben, und enthalten neben gewissen Zeichen 
und Charakteren Gebete, welche von den Bauersleuten in obiger Weise 
an bestimmten Tagen des Monats gebetet werden. Diese bestimmten 
Tage sind die ünglückstage, deren jeder Monat etliche hat. Drei Tage 
des Jahres sind ausgesuchte ünglückstage, nämlich der 1. April, an welchem 
Judas der Verräter geboren wurde, der 1. August, an welchem der Teufel 
vom Himmel geworfen wurde und der 1. Dezember, an dem Sodoma und 
Gomorha von der Erde vertilgt wurde. Die ünglückstage der einzelnen 
Monate sind: 1. 2. 6. 11. 17. 18. Jänner, 8. 16. 17. Februar, 1. 12. 14. 
15. März, 3. 15. 17. 18. April, 8. 10. 17. 30. Mai, 1. 7. Juni, 1. 5. 6. Juli, 
1. 3. 18. 30. August, 15. 18. 30. September, 15. 17. Oktober, 1. 7. 11. No- 
vember, 1. 7. 11. Dezember. Wer an solchen Tagen geboren ist oder 
heiratet, ein unternehmen beginnt oder eine Reise antritt, der fährt nie gut. 

Ebenso oder noch gefürchteter sind die Losnächte. In den Los- 
nächten, treiben die Hexen und allerhand andere böse Geister ihren Spuk, 
und Haus und Hof müssen durch heiligen Brauch vor ihrem Zauber be- 
hütet werden. Man schreibt mit geweihter Kreide an Thüren und Geräte 
drei Kreuzzeichen, man räuchert in Wohnung und Stall mit geweihtem 
Kauchwerk, man besprengt die Räume mit Weihwasser und giebt dem 
Vieh Weihsalz auf Brot. Ängstlich hütet in solchen Nächten jeder sein 
Haus, denn in Losnächten auf freiem Felde zu wandeln ist ein Wagnis 
auf Leben und Tod; sicher kann man sich nur „unter den eigenen Dach- 
tropfen" fühlen. Die Losnächte sind: vor Andreas (29. November), vor 
Barbara (4. Dezember), vor Thomas (20. Dezember), die Christnacht 
(24. Dezember), die Sylvesternacht (31. Dezember), Feistrauchnacht 
(5. Jänner) ^). 

Das Volk wähnt sich stets von Unheil und Bösem umlauert, daher die 



1) Vgl. Simrock, Myth. S. 572. 

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Volkssegen aus dem Böhmerwald. 201 

Vorliebe für derlei Hilfsmittel. Da diese Segen meistens lang sind und 
mehrere Grebete oder Teile enthalten, vergleiche den Tobiassegen, so wird 
gewöhnlich der Segen auf 2—3 Tage mit je einem Gebet verteilt, darauf 
wiederholt oder auch ein zweiter verwendet. Solche Segen sind im voraus 
gut für Hexerei, Zauberei, Hagel, Blitz, Donner, Wasser- und Feuersnot, 
für bösen und gäben Tod, für schwere Leibeskrankheiten, bei schweren 
Entbindungen, gegen Mörder und Diebe, gegen jedes Gewehr und Ge- 
Bchoss u. s. w. Die Wirkung empfindet, wer sie betet, mit sich trägt oder 
auch sich auflegt; auch am Abend werden sie gebetet, denn Segen werden 
insbesondere am Morgen und Abend gesprochen. (Grimm Myth. Nachtr. 
zu 1023). 

Die Anwendung der Segen bezeichnet das Volk mit „ansprechen", 
„prauchen*', auch „wenden", weniger volkstümlich ist „beschwören". Der- 
jenige, welcher ^angesprochen" oder „praucht" wird, ist „b'schrien" oder 
„anb'schrien", auch in besonderen Fällen „vemeidet". Vgl. Grimm 
Myth. 864. 1027 und Nachtr. 

In den Anmerkimgen werde ich auf die verwandten Fassungen der 
wichtigsten Segensammlungen kurz verweisen, um damit den Zusammen- 
hang dieser Volkssegen aus dem Böhmerwald mit denen vieler anderer 
deutscher Länder anzudeuten und für eine eingehende wissenschaftliche 
Behandlung näherzurücken. 

I. Heilspr&che f&r Menschen nnd Tiere. 

A. Gegen äussere Krankheiten. 

1. Gegen Weren*) am Auge, 
(aus Knunmau und vielen andern Orten des Böhmerwaldes). 
Man macht dreimal den folgenden Spruch und fährt jedesmal mit der Faust 
über das Äuge. 

Weren, Weren, — Lass dich scheren, 
Oder ich scher' dich — Mit einer Trogscheren ^) 1 
Statt der Drohans^ mit der Trogscheren nehmen die Leute auch einen Löffel 
und fahren damit dreimal über die Weren, wobei sie jedesmal den Sprach machen. 

Oder noch kürzer in einem ähnlichen Falle: 
Wer etwas im Auge hat, der spreize mit den Fingern das andere Auge anf 
und spacke dazu aas, so geht der fremde Gegenstand heraus. 

2. Gegen Blattern in den Augen (aus Salnaa;. 
Man spreche: 

Was traget die Mutter Gottes auf ihren Armen? — 
Das liebe Jesalein, welches die Blattern vertilgen and vernichten kanni 
Darauf verschwinden die Blattern. 



1) Weren = Blutgesch WUT im Aogeuliede, sogenanntes Gerstenkorn. Schmeller, 
Bayr. Wörterb. II, 1002. 

2) Trogscheren = Schereisen, womit der Bäcker den Trog aasscharrt; scheren von 
scherren. S ehm. I, 451 und 52. 



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202 Ammaimt 

3. Gegen Zittere eh (Flechte) (aus Wallern). 

Man mache auf die Stelle, wo dieser Hautausschlag ist, dreimal mit der ge- 
öffneten Spanne von Daumen und Zeigefinger das Kreuz, wobei man die Hand 
jedesmal so dreht, dass die Linie zwischen Daumen und Zeigefinger nach der 
Drehung in Kreuzform zu stehen kommt. Dazu spricht man: 

Unsem Herr Gott seine heilige fünf Wunden 

Haben nicht geeitert und nicht geschwiert. 

Es helfe Gott Vater, Gott Sohn und Gott hl. Geist. 

Darauf bläst *) man dreimal in derselben Kreuzform über die Stelle weg. 
Das ist aber beim abnehmenden Mond '*) zu machen, und zwar dreimal übern Tag, 
d. i. jeden andern Tag; auch darf man sich in dieser Zeit nicht nass machen. 

Gegen „Ziedra"') (aus Christianberg). 

Zitteroch spricht das Volk auch Ziedra. Wer an Ziedra leidet, benetze den 
Zeigefinger der rechten Hand mit Fensterschweiss (d. i. mit dem Feuchten angelaufener 
Fenster) und fahre an der Aussenseite der Flechte rund herum und spreche dazu: 

Wilder Ziedra, wilder Ziedra, wilder Ziedra! — Mach dich nicht breit, — Die 
Juden essen am Freitag Fleisch *), — und wenn sie keins haben, — So essen sie 
dich zusammen. 

Dann mache man über die Flechte von oben herab 8 Kreuzzeichen und spreche 
dazu: Im Namen u. s. w. 

4. Gegen Krätze (aus Mugrau). 

Man gehe bei mondheller Nacht ins Freie und lasse den Mond auf die Hand 
scheinen. Dazu sagt der Besprechcr: 

Was ich sehe, das ist Sünde, — Was ich greife, das verschwinde! 

Er fasst dabei die Hand des Krätzigen, betet einige Vaterunser, zuletzt: Im 
Neunen u. s. w. 

5. Gegen die Warzen (aus verschiedenen Orten). 

Der Besprecher nimmt ein Stück Speck und schmiert unter folgendem Spruch 
damit die Warzen ein: 

Im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit schmiere ich euch ein. Entfernet 
euch im Namen u. s. w. Amen. 

Das Schmieren hat bei abnehmendem Mond zu geschehen. Nach dem Schmieren 
gräbt er das Stück Speck unter den Dachtraufen des Hauses ein. Sowie der Speck 
verfault ist, müssen auch die Warzen verschwunden sein. 

Von manchen Leuten wird das Stück vorerst in Erbsen gesotten und dann 
geschmiert 

Man reibt die Warzen auch mit dem Totenbein eines Menschen, legt es an 
demselben Ort^ wo man es aufgenommen, wieder nieder und geht, ohne nach dem- 
selben umzuschauen, davon, so verschwinden die Warzen. 



1) Der Hauch des Mundes hat heilende Kraft, vgl. Gr. Mjth. Nachtr. zu 973. 
A. Birlinger, Aus Schwaben, 1, 441. Zs. f. deut. Myth. IV, 118—19, 416, 973. 

2) Zunehmender sowohl als abnehmender Mond gelten als heilbringende Zeit, vgl. 
Gr. Myth. 596—96. Kuhn, Westf. Sag. H, 192. 

3) Vgl. Schm. n, 1164. Gr. Myth. Nachtr. zu 971. 

4) Vgl. Schönwerth III, 267, 26. Birlinger, Aus Schwaben I, 446. 



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YolkssegeD ans dem Böhmerwald. 203 

Eine andere Formel gegen die Warzen: 

Hörst du fUr einen Verstorbenen Begräbnisläuten, so stelle dich an ein fliessen- 
des Wasser, wasche jene Stelle, wo du die Warzen hast, und sprich dazu: 

Jetzt läutet man zu einer Leich', — Und was ich wasch, das weich'! 
Im Namen u. s. w. Amen. 

Oder man zähle auch an einem Freitag, wenn der Mond abnimmt, die Warzen 
bei Menschen oder beim Vieh und mache dann in einen Zwimfaden so viele 
Knoten, als vorher Warzen gezählt worden. Darauf zähle man von der betreffenden 
Zahl an rückwärts bis und grabe dann den Zwimfaden unter der Dachtraufe ein. 
Sowie er verfault ist, sind auch die Warzen versch\^iinden. 

Vgl. Panzer, bayr. Sagen 2, 305. E. Meier, Schwab. Sagen, S. 518. Zs. 
f. deut. Myth. IV, 115. 

6. Gegen den Wurm am Finger (aus Höritz). 
Beschwörungsformel. 
Wurm, ich beschwöre dich bei dem heiligen Tagl 
Wurm, ich beschwöre dich bei der heiligen Nacht I 
Wurm, ich beschwöre dich bei den fünf Wunden! 
Wurm, ich beschwöre dich bei den heiligen drei Nägeln Christi! 
Wurm, ich beschwöre dich bei der Kraft Gottes! 
Du seiest gleich grün, blau, weiss, schwarz oder rot, 
Dass du liegest in dem Finger tot. 
Das sei dir zur Busse gezählt! 
Im Namen u. s. w. 

Diese Formel ist dreimal zu sagen und bei jedem der höchsten Namen über 
den wehen Finger hinwegzublasen *). 

Vgl. MSD' XLVII, 2 und Anm. E. Meier, Sagen No. 464. 465. Grimm Myth. 
968 und Nachtr. zu 967 und 1043 und Anh. XV., XXVIII., XXLX. Kuhn in 
Zs. f. vergL Sprachforschung XUI, 135 f. Birlinger, Aus Schwaben 1, 444—45, 461. 

7. Gegen starke Blutung, das Blut zu stillen. 

Man halte mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand die Blutung 
ab und spreche dreimal nacheinander: 

Blut rinn und rinn nimmer — Unser Herr Gott ist gestorben und stirbt nimmer. 
Glückselige Wunden, — Glückselige Stunden, 
Glückselig und heilig ist der Tag, — Wo die hl. Jungfrau Jesum Christum geboren hat. 

Darauf ein Vaterunser und das Kreuzzeichen über die Wunde: Im Namen u. s. w. 
Amen. 

Andere Formel, dreimal zu sprechen: 

Es sind drei glückselige Stunden in diese Welt gekommen. In der ersten 
Stund' ist Gott geboren, in der andern Stund' ist Gott gestorben, in der dritten 
Stund' ist Gott wieder lebendig worden. Jetzt nenne ich die drei glückseligen 
Stunden #nd stille dir N. N. damit das Gliedwasser und das Blut, dazu heile ich 
dessen Schaden und Wunden Im Namen u. s. w. 

Vgl. MSD'IV, 6. XLVII, 1 mit Anm. S. 460 f. Grimm Myth., Anh. XXXH. 
Zs. f. Volkskunde von Veckenstedt, II, 4 S. 163. Schönwerth III, 234—35. 
Kuhn WS. n, 197 f. A. Birlinger, Aus Schwaben I, 442. 



1) Vgl. I. A. 8. 



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204 Ammaufi : 

Auch gegen Nasenbluten 
spricht man in Polletitz: 

Blut rinn und rinn nimmer, 

Unser Herr Gott ist g'storben und stirbt nimmer. 

8. Gegen Schwieren von Schnittwunden (aus Mistelholz). 

Wenn man sich eine Schnittwunde beigebracht hat, so halte man sie mit dem 
Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zu und spreche: 

Glückselige Wunden, — Glückselige Stunden, 

Glückselig und heilig ist der Tag, — Wo die hl. Jungfrau Jesum Christum geboren hat 

Darauf bete man ein Vaterunser und mache mit dem Daumen über die Wunde 
einmal das Kreuz: Im Namen u. s. w. Amen. 

Vgl. E. Meier, Sagen aus Schwaben 1, 526. Zs. f. Volkskunde von Vecken- 
stedt U, 9. S. 359, 4. 

Andere Formel (aus Höritz): 

Heilsam ist die Wunde, 

Heilsam ist die Stunde, 

Dass nicht geschwiert und nicht gebiert '), 

Bis die Mutter Gottes ihren ersten ') Sohn wieder gebiert. 

Im Namen u. s. w. 

9. Gegen Geschwulst gewisser Körperteile (aus Lagau). 

Es war eine Jungfraun, — Die wollte eine Geschwulst beschaun. 
Sie ist heiss, — Sie sticht heiss. 
Geschwulst steh stiU, — 'S ist Gottes WiU'. 

Man mache über die Geschwulst drei Kreuzzeichen und spreche dazu: Im 
Namen u. s. w. 

Vgl. Grimm Myih. Anh. XXXII. Kuhn WS. U, 212. Aus Schwaben I, 469. 
In Zs. f. Volkskunde v. Veckenstedt II, 4 S. 162, 5 werden drei Jungfrauen genannt. 

Dazu stimmt mehr eine andere Formel aus Pramhof (bei Hohenfurt) gegen 
Harnwinde, die lautet: 

Es sitzen drei Jungfrauen auf einem Marmorstein, 

Die eine spinnet grob, die andere fein, 

Die dritte spinnt ein Inwindel •) 

Fürs Hamwindel. 

Es helfe dir Gott Vater u. s, w. 

Diese Formel ist dreimal zu sprechen und auf Menschen und Tiere anzuwenden. 
Vgl. zu drei Jungfrauen auch: Birlinger, Aus Schwaben I, 447. 

1) Der vorletzte Vers scheint verderbt. Er soll wohl lauten: 

„Dass nicht geschwillt und nicht geschwiert'', 
aber auch die ganze Formel scheint gekürzt, vergleiche Zs. f. Volkskunde vo^Vecken- 
stedt II, 9 S. 3Ö9, 4. Kuhn WS. II, 197 und 214. Birlinger, Aus Schwaben I, 442. 

2) In einem Aargauer Segen von Bochholtz in Zs. f. deut Mjth. IV, 114 heisst es 
am Schlüsse: 

„wo die Mutter Gottes ihren zweiten Sohn gebären mag^, 
während der übrige Teil des Segens gänzlich abweicht. 
8) Einwickeltnch. 



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Yolkssegen ans dem Böhmerwald. 205 

Gegen Geschwülsten 

sagt man in PoUetitz: 

Schaden, da sollst nicht schwären, haben unseres Herrgotts Wunden auch 
nicht geschwärt. 

Wer an Hamwinden leidet, was bei den biertrinkenden Bauern im Böhmer- 
wald häufig der Fall ist, nimmt ein Messer vom Tische und verlässt damit die 
Stube. Draussen macht er mit dem Rückenteil des Messers über den massgebenden 
Körperteil dreimal das Rreuzzeichen und er ist geheilt. Sehr häufig in Anwendung. 

Vgl. Schönwerth III, 254. 

„Ung'send" (Entzündung) 

wird in Ruschwarda folgendermasse besprochen: 

Der Besprecher macht ein Kreuz über das üng'send, betet einige Vaterunser 
und sagt nach jedem: „Unseres Herrgotts heilige Wunde am ... . (hier wird der 
entzündete Körperteil genannt) war früher auf der Welt als das Ung'send". 

10. Gegen Frosch') (Auswuchs im Gesicht oder am Hals bei Menschen oder 

Tieren) (aus Mistelholz). 

Frosch kriech aus! Gott gebs, dass du nicht länger bleibst, bis hinter der 
Essenszeit. Im Namen u. s. w. 

11. Gegen Schäl') (Drüsengeschwulst). Beim Vieh anzuwenden, aus Mistelholz. 

Wenn eine DrtLse beim Vieh aufzubrechen droht, so holt man eine Schindel 
Tom Dache und streicht^) damit stark über die Schäl und spricht: 

Schäl vergeh und brich nicht auf, da dir die Schindel vom Dach ge- 
nommen ist und dir berieben I So helfe dir Gott u. s. w. ohne Amen. 
Ein Vaterunser, dann wirft man die Schindel in das Feuer. 

Über Vernichtung der Schindel vgl. Gr. Myth. 1040 und I. B. 8 gegen Nerven- 
fleber. Über die Heilkraft des Feuers vgl. Gr. Myth. 975. 

12. Gegen das Boanwächs*) (harte Beule). Beim Vieh anzuwenden, aus 

Mistelholz. 

Hat ein Tier durch einen Schlag auf einen Knochen ein Boanwächs davon- 
getragen, so ziehe man aus der Mauer einen Stein (wie gegen Pinkel), oder noch 
besser nehme man einen gefundenen Eisenring oder irgend ein Stück Eisen, das 
etwa auf dem Felde vom Pflugsee (Spitze) ans Tageslicht befördert wurde •), und 
reibe damit das Boanwächs, sprechend: 

Boan wachs und wachs nimmer. 

Unser Herr Gott ist gestorben und stirbt nimmer. 

1) üng'send = Ungesund, im mhd. stm. - Krankheit; das Verwundetsein. Bei 
Schmeller H, 807. 

2) Bei Schmeller in dieser Bedeutung nicht zu. finden, dürfte von der Ähnlichkeit 
zwischen dem Tiere und solchem Auswuchs hergenommen sein. 

3) VgL Schmeller H, 394 und Leier Mhd. W. IT, 688 f., aber nicht in dieser Be- 
deotong; wohl von der Ähnlichkeit zwischen Schale und solcher Geschwulst hergenommen. 

4) Vgl. Gr. Myth. 975: Viel vermag streichen und binden. 

5) VgL Schmeller n, 838: Beinwachs = geschwulstiger Auswuchs der Knochenmasse. 
DWb. I, 1386, 1388. 

6) Sch5nwerth HI, 255. 



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206 Ammann: * 

Darauf mache man mit dem Stein oder Eisen das Kreuzzeichen darüber und 
bete ein Vaterunser. Den Stein steckt man wieder in die Mauer ')» das Eisen aber 
wickelt man in Leinen und steckt es wieder in die Tasche, denn das soll niemand 
sehen. 

Vgl. MSD> IV, 7. 

13. Gegen PinkeP). Beim Vieh anzuwenden. Aus Lagau. 

Wenn ein Ochs oder ein Rind pinkelartige Anschwellimgen hat, so lege man 
die Hand yerkehrt auf den Pinkel und spreche: 

Gott Ton Gott, 

Sei Gott, 

Herr Himmel und der Erde! 

Darauf bete man fünf Vaterunser unter dem heitern Himmel, imd zwar so im 
Monat viermal. BHirs zweite: Nehme man einen Schupfenstein aus der Mauer, wo 
das nämliche Stück Vieh angebunden ist, und umfahre den Pinkel dreimal, schliess- 
lich stecke man den Stein wieder hinein, wo man ihn herausgezogen hat und bete 
drei Vaterunser und Aremaria. Dies soll im Monat viermal geschehen. 



B. Gegen innere Krankheiten. 

1. Gegen Würmer im Leibe (aus Höritz). 

Petrus und Jesus fuhren auf den Acker, ackern drei Furch, ackern auf drei 
Würmer. Der eine ist weiss, der andere ist schwarz, der dritte ist rot: Hiermit 
sind dem N. N. alle seine Würmer tot. Im Namen u. s. w. 

Diese Formel ist dreimal zu sprechen. 

Vgl. MSD"^ IV, 5. XLVII, 2 und S. 466. E. Meier, Sagen Nb. 464. 465. 
Über den erzählenden Eingang dieses Segens vergleiche hier u. a. a. 0. Grimm 
Myth. 1042 und Nachtr. ; besonders vergleiche auch Anh. XLIII, wo sich gegen 
Wurm am Finger fast dieselbe Fassung wie hier findet. Schönwerth IE, 250 
bis 251. Kuhn WS. H, 207. Zs. f. deut. Myth. IV, 111—12. Birlinger, Aus 
Schwaben I, 444—45, 459. 

2. Gegen Kolik (aus Höritz). 

Ein alter Schurrenkopf'), — Ein alter Leibrock, 

Ein Glas voll Rautenwein, — Bärmutter*) lass dein Grimmen seini 

Im Namen u. s. w. 

Die Formel ist dreimal zu sagen. 

3. Gegen Zahn- und Kopfschmerzen*) (aus Höritz). 
Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du aus des N. N. Leibe 



1) Kuhn, WS. n, 194. 

2) Vgl. Schmeller I, 394: Pmkl = Geschwulst. 

3) Vgl. Zs. f. deut Myth. IV, 109, wo in derselben Fassung „schorenschopf" = Dünger- 
stÄtte überliefert ist Vgl. auch E. Meier, Sagen No. 481. 

4) Vgl. Gr. Myth. %9 und Zs. f. deut. Myth. IV, 109. 

5) Vgl. Gr. Myth. Nachtr. zu 970. Birlinger, Aus Schwaben I, 448. 



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Yolkssegen ans dem Böhmerwald. 207 

gehest und ihm so wenig schadest, als es Christas dem Herrn am heiligen Kreuze 
geschadet hat. Das befiehlt dir Gott Vater, Sohn und heiliger Geist. 
Diese Formel ist dreimal zu sprechen. 

4. Gegen den Rotlauf (aus Höritz). 

Ich ging durch einen roten Wald, und in dem roten Wald, da war eine rote 
Kirche, und in der roten Kirche, da war ein roter Altar, und auf dem roten Altar, 
da lag ein rotes Messer. Nimm das rote Messer und schneide rotes Brot! Im 
Namen u. s. w. 

Zum erzählenden Eingang vergleiche I. B. 1. Zu Brotmesser Gr. Myth. 
AiülXXXVL Zu rot Gr. Myth. 982 und 967 und Nachtr. Kuhn WS. II,' 209. 
Dieselbe Passung siehe in Zs. f. deut. Myth. IV, 104. Birlinger, Aus Schwaben 1, 446. 

Eine andere Formel: 

Unsere liebe Frau geht über eine grüne Wiese, begegnet ihr eine rote Rose. 
Wo gehst hin? Geh aus dieser Person I Geh auf hohe Bühel und Berge, auf 
hohe Roan und Dom und ins rinnende Wasser I Im Namen u. s. w. 

Vgl. Gr. Myth. 975 und 1041—42 und Nachtr. zu 1042. 

Eine andere Formel aus Polletitz: 

Einst ging der Herr Jesus auf einer grünen Wiese umher. Es begegnete ihm 
eine rote, blaue und weisse Rose. „Wo gehst du, blaue, weisse xmd rote Rose 
hin?" „In den Kopf des N." „Was wirst du dort machen?" „Stechen, brennen 
und brechen". „Lass seinen Kopf in Ruh, geh auf die Berge xmd Felsen und in 
die Thäler und Wälder. Dort breche, steche und brenne! bis du damit zuende 
bist, wird unterdessen der jüngste Tag. 

Vgl. zu drei Rosen: Birlinger, Aus Schwaben I, 443. 

5. Gegen Schwindel und Schwinden (aus Mistelholz). 

Helfe unser Herr! Seine Wunden haben nicht geschwiert und nicht geeitert. 

Fleisch und Blut, 

Haut und Bein 

Steh wie Stein! 

Helfe Gott Vater, Gott Sohn und Gott heiliger Geist! 

Vgl. Grimm Myth. Bemerkung zum 2. Merseburger Zauberspr. 1030 und 
Nachtr. Birlinger, Aus Schwaben I, 442. 

Oder die Formel: 

Schwindbein, streich dich mit dem Schienbein! 

Wenn du nicht gleich ausgehst. 

So streich ich dich mit dem Schienbein! 

Helfe Gott Vater, Gott Sohn und Gott heiliger Geist! 

Oder die Formel: 

Schwindel, Schwindel, du thust schwindeln, — Du sollst aber nicht schwindeln! 
Du hast Fleisch und Blut, — So wie xinser Herrgott in' Himmel fahren thut. 
Im Namen u. s. w. ohne Amen. 



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208 Ammann: 

6. Gegen die englische Krankheit (ans Höritz). 

Im Namen u. s. w. 

ünterwnchs *)» Answnchs, Herzgesperr '), .englische Krankheit geh von dem 
N. N. weg, wie Christus von seiner Krippe gegangen ist Nun weiss ich 
f(ir gewiss, dass du wieder gesund wirst. Jesus gab dem Pejrus solche 
Macht, dass der lahme Bettler Lazari ward wieder gesund und gerade. 

7. Gegen den kalten Brand (aus Höritz). 

Ohristus, der Herr, ging über Land. Es begegnete ihm ein kaltes Gesicht. 
Christus der Herr sprach: „Wo willst du hin, kaltes Gesicht?" Das kalte Gesicht 
sprach: „Ich will in den Menschen fahren." Christus der Herr sprach: „Was 
willst du in dem Menschen thun?" „Sein Bein brechen, — Sein Fleisch essen, — 
Sein Blut trinken". Christus der Herr sprach: „Kaltes Gesicht, das sollst du nicht 
thuni Erbsen musst du brechen, — Kieselsteine musst du essen, — Aus emem 
Brunnen musst du trinken, — Darin musst du versinken*)!" Im Namen u. s. w. 

Vgl. Gr. Myth. 1042. Nachtr. zu 1043. Wolfsthurner Segen oben S. 173. 
Kuhn WS. II, 203. Zs. f. Volkskunde von Veckenstedt U, 4 S. 161, 2: „unser 
lieber Herr Jesus Christ ging über Land" . . . ebenda S. 162, 6. 5 8. 200, 9. Auch 
der Hohenfnrter Peuersegen, vgl. Zs. f. d. A. beginnt: „Unser Herr Jesus Christus 
gieng vber landt, — Er trueg ain prinnenten prandt — in seiner handt" .... vgl. 
Gr. Myth. Anh. XXIV. Vgl. auch Aus Schwaben I, 448—49 (Gichtsegen), 443, 
459, 463. 

8. Gegen Nervenfieber (aus Rosenbei^). 

Der Besprecher schreibt auf ein Stückchen reines, noch ungebrauchtes Papier 
folgende Worte: 

Das Fieber und der Schuss — Senke sich in den Plussl 

Die Schmerzen und die Pein, — Sollen heraus und nicht hinein! 

Im Namen u. s. w. Amen. 

Dieses Papierstück bindet *) er dann dem Kranken an einem noch ungebrauchten 
Zwimfaden um den Hals. Dasselbe hat er 9 Tage lang so zu tragen, am 10. aber 
nimmt er es ihm ab und trägt es früh vor Sonnenaufgang in ein fli essendes Wasser *). 
Da wird die Krankheit gut verlaufen. 

9. Gegen Fraisen (aus Hohenfurt, PoUetitz). 

Ich verdanke diese Formel meinem Freunde Prof. A. Gstirner in Krummau, 
ebenso den Keisesegen. Beide stammen aus der Hohenfurter Gegend. 

Im Namen u. s. w. Amen. 

Das wolle Gott der Herr Jesus Christus heut auf diesen Tag, auf dass ich 
alle siebenundsiebenzig Frais töten möge (mag?). Ich töte durch Gottes grosse 



1) Wohl dasselbe wie »miterwachs" in Zs. f. deut Myth. IV, 108 gleich ünterwacbsen- 
sein (scrophulöse Anschwellung der Rippen). In der That hat eine zweite Fassung aus 
PoUetitz die Lesung „ünterwachs". 

2) Vgl. Gr. Myth. 970—71 und Nachtr. 

3) Zu diesen Reimen und versinken im Wasser vgl. Gr. Myth. 978. Zs. t Volkskunde 
V. Veckenstedt H, 4 S. 161, 8 und insbesondere Zs. f. deut. Myth. IV, 106. 

4) Vgl. streichen und binden. Gr. Myth. 975. 

5) Vgl. Gr. Myth. 1040. Zu „vor Sonnenaufgang'* vgl. Anh. XXXV. Zu 9 Tage um 
den Hals tragen vgl. Zs. f. Volksk. von Veckenstedt H, 9 S. 862. 



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Yolkssegen ans dem Bdhmerwald. 209 

Macht, den heiligen Namen Christi alle siebenundsiebenzig Frais; reissende Frais, 
rote Frais, abdorrende Frais, zitternde Frais, kalte Frais, fallende Frais, geschwollene 
Frais, spritzende Frais, stille Frais, schreiende Frais, wütende Frais, schwitzende 

Frais, gestossene (stossende) Frais Ich wende dirs N. N. durch Gott den 

Herrn Jesu Christi und durch seine heilige fünf Wunden. Ich wende dirs N. N. 
durch sein heiliges Sakrament. Ich wende dirs N. N. durch Gott, unsern Herrn 
Jesu Christi seine heilige Hände und Füsse. Ich wende dirs N. N. durch seine 
heilige Pforten des Himmels. Aus der Gnade Gottes Geschöpfe, durch den lieben 
Namen Jesu Christi, dass ich euch yerbiete (ich gebiete) alle siebenundsiebenzig 
Frais! 

Ich wende dirs N. N. durch alle Berg und Thal. 

und durch die lliessenden Wasser ab. 

Auf dass der Leib ruhen und rasten mag 

Bis auf den jüngsten Tag, 

Darin unser lieber Herr Jesu kommen wird und auferwecken die Lebendigen 
und die Toten durch die Verdienste, da er sein heiliges Haupt geneigt und seinen 
Geist aufgegeben. Das helfe dir N. N. Gott der Vater, der dich erschaffen hat, 
und der Sohn, der dich erlöset hat, und Gott der heilige Geist, der dich in der 
Taufe geheiliget hat. Amen. 

Zu siebenundsiebenzigerlei Krankheit vergleiche Kuhn in Zs. f. vergl. Sprach- 
forschung XIU, 128. 

10. Gegen Gicht (aus Krummau). 

Der Besprecher fasst die rechte Hand des Kranken und spricht, indem er ihn 
beim Namen nennt: 

N. N. ich begreife deine rechte Hand in Gott des Vaters und des Sohnes imd 
des heiligen Geistes. .Da wird dir gewendet mit dem gekreuzigten Heiland. 

N. N. ich begreife deine Gicht, die Markgicht, Beingicht, Adergicht, Blutgicht, 
Pleischgicht, so wirst du gewendet werden durch Jesum Christum. 

N. N. glaube du, dass Christus am Kreuze gestorben ist Glaube du N. N., 
dass er die dornene Krone auf seinem heiligen Haupte trug und mit einer Lanze 
gestochen wurde. Er trug das schwere Kreuz, fiel dreimal auf sein Angesicht, 
wurde mit drei Nägeln geschlagen. So begreife N. N. diesen Schmerz! Welchen 

Schmerz, welchen Schmerz empfand er! Wie du in deiner Markgicht 

Pleischgicht, so wirst du gewendet werden. 

Wie Petrus und Johannes kamen vor die Tempelthüre, da sass einer an dem 
Wege, welcher sprach: „Brüder, erbarmet euch meiner!" Da sprach Johannes: 
flWas willst du, dass ich gebe?" Petrus sprach: „Geld und Gut habe ich nicht, 
steh auf in Jesus Namen!" 

Im Namen u. s. w. 

Zu den verschiedenen Gichtarten vergleiche Gr. Myth. 967 f. und Nachtr. Bir- 
linger, Aus Schwaben I, 448—49. 

Eine andere Formel gegen Gicht (aus Höritz). 

Im Namen u. s. w. 

Ich N. N. beschwöre dich Gesicht oder Gicht bei den heiligen fünf Wunden 
and beim unschuldigen Blut meines Herrn Jesu Christi, welches aus seinen heiligen 
fünf Wunden ims Menschen auf Erden zu Gott geflossen ist. Im Namen u. s. w. 

Ich beschwöre dich Gesicht oder Gicht beim jüngsten Gericht und beim bittem 

Zeitschrift d. Vereins f. Volkskunde. 1891. 14 



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210 Ammauii: 

Urteil, das Gott über alle Menschen und Sünder und Sünderinnen erteilt, dass du 
mir am Gehirn, an den Angen, an den Schultern, am Rücken, am Herzen, an den 
Lenden, an den Waden, an den Füssen, an den Zehen und an allen Gliedern meines 
ganzen Leibes (nicht schadest). Im Namen u. s. w. 

Ich beschwöre dich Gesicht oder Gicht durch die drei Nägel, welche Jesu 
Christo durch seine heiligen Hände und Püsse geschlagen worden, bei den Heiligen, 
die auf beiden Seiten des Kreuzes unseres Erlösers Jesu Christi bei seiner Kreuzigung 
standen, nämlich der seligsten Jungfrau Maria, des heiligen Johannes und aller 
Heiligen, die bei der Kreuzigung unseres Herrn Jesu Christi zugegen waren. Im 
Namen u, s. w. 

In diesem Vertrauen hoffe ich, Gott werde yon mir durch die Fürbitte der 
heiligen Barbara, wenn es zu meinem Seelenheile erspriesslich ist, die Gicht ab- 
wenden und alles Gute erteilen. Ach, ich bitte dich, o gütigster Herr, dass du 
mich von dieser Krankheit des Gesichtes oder Gichtes erlösest. 

Ich bitte dich durch die Stricke, Bande und Nägel, mit welchen unser Erlöser 
gefangen, gebunden und an das Kreuz genagelt worden, dass er im Namen u. s. w. 
seinen Martern zu Liebe mir und allen Menschen diese Gnade verleihe. Im 
Namen u. s. w. 

Ich beschwöre dich Gesicht oder Gicht, dass du abweichest bei der göttlichen 
Liebe (?) im Himmel und auf Erden. Im Namen u. s. w. 

Es weiche von mir jede Art dieser Krankheit, es sei das kalte Gicht, das 
laufende Gicht, das brennende Gicht, das rcissende Gicht, das tobende Gicht, das 
fliegende Gicht, das Lendengicht, das Seitengicht, die siebenandsiebenzig Gichter, 
dass sie mir an meinem ganzen Leib nicht schaden. Dazu helfe mir die göttliche 
Kraft, mit welcher Jesus Christus seinen Martertod am Kreuze gelitten, in seinem 
Grabe, in welchem er selbst gelegen und von da glorreich erstanden ist und das 
menschliche Geschlecht erlöset hat. Liebster Herr und Heiland! Mache mich 
gesund an Leib und Seele! Das werde wahr! Im Namen u. s. w. 

Wer ein Gesicht oder Gicht hat, der komme und wende sich zur Rückerinnerung 
des Lebens Jesu Christi und an den Namen Jesus Nazarenus Rex ludaeorum. 

Wer es liest oder gelesen hat, er sei unser Feind oder Freund, Bruder oder 
Schwester, und dieses Gebet bei sich trägt und sich nach dem Inhalt desselben 
einrichtet, wird von Gesicht oder Gicht befreit und keineswegs davon befallen 
werden. 

Denn der nächtlichen Tod am Stamme des Kreuzes gelitten hat, war unser 
liebster Herr Jesus Christ. Dieser ist der Herr Himmels und der Erde. Er 
würdigt sich uns zu helfen und das Gesicht oder Gicht von uns abzunehmen, dass 
wir es nicht bekommen oder uns gänzlich zu bewahren. Man bete, solange man 
lebt, alle Tage zu Ehren des geliebten Jesu Christi fünf Vaterunser und fünf 
Avemaria nebst dem Glauben. 

Vgl. Grimm Myth. Anh. S. 497. XIH. 

Eine andere Formel gegen Gicht (aus Mistelholz), 

die aber mehr nur in der Form als im Inhalte von der vorausgehenden ver- 
schieden ist: 

Im Namen u. s. w. ohne Amen. 

Ich beschwöre dich du Gesicht oder Gicht bei dem unschuldigen Blut unsers 
Herrn Jesu Christi. Im Namen u. s. w. 

Ich beschwöre dich du Gesicht und Gicht bei dem bitteren Ort, bei dem 



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Volkssegen aus dem Böhmerwald. 211 

jüngsten Gericht, dort werden alle Sünden erteilt (verurteilt) werden. Ich beschwöre 
dich du Gesicht und Gicht durch die Stricke und Banden. Im Namen u. s. w. 

Ich beschwöre u. s. w. bei den heiligen fünf Wunden, die der Herr Jesu 
Christ für mich und dich empfangen hat. Im Namen u. s. w. 

Ich beschwöre u. s. w. durch die Kraft des heiligen Grabes, wo der Herr 
Jesus Christus selber darinlag. Im Namen u. s. w. 

gütiger Herr, ich bitte dich, du wollest dich nicht weigern, wollest ihn er- 
lösen von dieser Krankheit, von der kalten Gicht, von der laufenden Gicht, von 
der brennenden Gicht, von der reissenden Gicht, von der fliegenden Gicht, von 
den sieben Gichten, von den siebenundsiebenzig Gichten. Liebster Heiland und 
Herr mache ihn gesund an Seel und Leib! Das werde wahr! Im Namen u. s. w. 

Man zähle nun von 77 zurück bis 0. Ich beschwöre dich, du Gesicht und 
Gicht durch Christi Geburt. Ich beschwöre dich du Gesicht und Gicht durch die 
heilige Wandlung. Im Namen u. s. w. 

Ich beschwöre dich, du Gesicht und Gicht durch dein Kreuz und» Marter, so 
Jesus Christus auf Erden ausgestanden hat. Im Namen u. s. w. 

Ich beschwöre dich, du Gesicht und Gicht bei den Nägeln, die Jesus Christus 
durch seine heiligen Hände und Püsse durchgeschlagen wurden. Im Namen u. s. w. 

Ich beschwöre dich, du Gesicht und Giclit durch dein heiliges Kreuz und 
durch die Fürbitte der seligsten Jungfrau Maria und des seligsten Johannes, und 
alle, die bei dem heiligen Kreuz gestanden sind, wollen dich erlösen von dieser 
Krankheit, von der kalten Gicht, von der laufenden Gicht, von der brennenden 
Gicht, von der reissenden Gicht, von der fliegenden Gicht, von den sieben Gichten, 
von den siebenundsiebenzig Gichten. 

Ich beschwöre dich, du Gesicht oder Gicht bei dem Sohn Gottes und bei der 
heiligen Wandlung unsers Herrn Jesu Christ, bei den heiligen fünf Wunden 
unsers lieben Herrn Jesu Christ. Im Namen u. s. w. 

Ich beschwöre dich, du Gesicht oder Gicht bei dem jüngsten Gericht, bei 
dem lebendigen Gott, dass Gott sein heiliges Leiden wegen uhs Menschen auf 
Erden litt. Im Namen u. s. w. 

Ich beschwöre u. s. w. bei den Martern unsers Herrn Jesu Christ. Ich be- 
schwöre u. s. w. bei den vier Menschen, die auf Erden standen, als die wahre 
Mutter Gottes Maria samt Elisabeth, samt Johannen und Jakoben. Die sprachen 
zusammen, weil unser lieber Herr Jesu gefangen, gebunden, gegeisselt, gekrönt, 
mit drei Nägeln an das schwere Kreuz geschlagen worden ist, darum stirbt er für 
uns Sünder und Sünderinnen und für die ganze Christenheit. Im Namen u. s. w. 

Ich beschwöre u. s. w. durch die Kraft Gottes, die du im Himmel und auf 
Erden hast, dass. die Gesicht und Gicht ihr keinen Schaden mehr thut an Augen, 
Zähnen, Kopf, Händen und Füssen, Schultern und Lenden, Bauch und Rücken, 
und alles, das auf Erden ist, kommt zu dir um Hilfe. Im Namen u. s. w. 

Eine kurze Formel gegen Kaltvergift (Kaltgicht) 

ist in Polletitz im Gebrauch: 

Jesus ging aus auf allen Wegen und Strassen, es begegneten ihm 77 Gichten 
und das Kaltvergift. Jesus sprach: Stehet still und gehet aus! 

Noch eine Formel aus Polletitz gegen Gicht: 

Ich lege meine sündige Hand auf deinen Leib und spreche dich mit dem Wort 
Gottes an durch Jesum Christum sein schweres Kreuz, durch die eisernen Nägel, 
durch seine Schmerzen, dass N. diese Schmerzen ganz vergehen, Schwindel und 

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212 Ammann: 

kalte Gicht, und gleich aufhören, wie die Steine zu wachsen nach Christi Geburt 
aufgehört haben. Ich spreche dich (Gicht) von Fleisch und Blut, von Mark und 
Bein hinweg, weiter lass ich dich nicht. Du musst dich verlieren auf ewige Zeit, 
wie sich der Teufel nach der Auferstehung Christi verloren. 

Eine andere Formel gegen Gicht und Rheumatismus (aus Krummau). 

Wer an Gicht oder Rheumatismus leidet, gehe 3 Tage nacheinander am 
Morgen vor Sonnenaufgang zu einem Holunderbaum *) und spreche, während er 
ihn anfasst: 

Holunder, ich habe die Gicht, — Und du hast sie nicht. 
Nimm mir sie ab, — Dass ich sie nicht habM 
Im Namen u. s. w. 

Vgl. Gr. Myth. Anh. XLIV. 

Oder man gehe im Frühling vor dem Aufgang der Sonne zu einem Baum, 
ergreife einen seiner Äste mit der rechten Hand 2) und spreche dazu: 

Nimm von mir alle schwere Last, 
Das Reissen, Schwinden und die Gicht; 
Dies alles sollst du haben und ich nicht. 
Das zähle ich mir zu gute'). 
Im Namen u. s. w. 

Vgl. Gr. Myth. Nachtr. zu 1043. 

11. Gegen Augstall*) (Blähen) beim Vieh (aus Mistelholz}. 

Gegen diese beim Vieh häufig auftretende Krankheit giebt es eine ganz kurze, 
bequeme Segensformel, an deren Ursprung sich aber eine ganze Geschichte knüpft. 
Man spricht nur: 

Die Ehre sei Gott dem Vater u. s. w. 

Angstall vergeh, der Herr unter dem Wagen hats geschafft! 

Dazu wird folgende Geschichte erzählt: 

Es war schon spät in der Nacht, als einst Jesus mit Petrus in ein Haus kam 
und um Nachtherberge anhielt. Auf wiederholtes Bitten hin sagte der Hausherr 
mürrisch: „Nun schaut, dass ihr in die Schupfen hinüberkommt, und legt euch 
wo aufs Stroh!" Da sagte Jesus zu Petrus, er wolle den Leuten für ihre Un- 
freundlichkeit einen Possen spielen. Darauf ging er in den Stall und sprach: 
,,Alles Vieh soll voll werden!" Dies geschah. Als nun die Leute in den Stall 
kamen, da sahen sie voll Entsetzen, dass alles Vieh stark angelaufen war, und sie 
erhoben darob ein unsägliches Jammern und "Weinen. Das rührte den mitleidigen, 
weichherzigen Petrus so, dass er vor seinem Herrn auf die Knie niederfiel und 
bat, er möge sich doch der Unglücklichen erbarmen. Jesus aber entgegnete, er 

1) Vgl. Gr. Myth. 979 und Nachtr. zu 1015. Kuhn WS. U, 205. Zs. f. deut 
Myth. IV 107. 

2) Vom Übertragen der Krankheiten auf Bäume vgl. Gr. Myth. 979. Kuhn WS. H, 205. 

3) Zu gute gleich wie zu busse (zur Heilung, zur Besserung), vgl. Gr. Myth. 866. 
Anh. XXX. In einem Hohenfurter Segen heisst es: ^buzzet mir des riten" . . . . ,tv du 
des riten bvz*" (Zs. f. d. A.). Vgl. auch die Formel unter II, 4 und I, 6. 

4) Vgl. Schmeller Bayr. Wb. I, 50. II, 747 und 749: Rinderkrankheit, aber an- 
derer Art als hier. 



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Yolkssegen ans dem Böhmerwald. 213 

solle sie nur eine Zeitlang jammern lassen. Als der Jammer aber immer grösser 
wurde und Petrus abermals den Herrn bat, da gab Jesus dem Drängen endlich 
nach und sprach zu Petrus: „Geh hinein in den Stall tmd sprich: Augstall 
geh weg, der Herr unter dem Wagen hats geschafft!" Petras that, wie ihm der 
Herr befohlen hatte, und alles ward sofort wieder gesund. 

Efne andere Passung erhielt ich aus Pramhof, wonach Christus als Wanderer 
yerkleidet bei einem geizigen Bauer um Nachtherberge ansucht, und in den Hof 
unter einen Wagen verwiesen wird. Das Vieh wird in der Nacht krank, der 
schlecht behandelte Wanderer wird in der Not befragt und rät folgenden Spruch an : 

Augstall geh von dem Rind, — Der Herr hat's befohlen. 
Der unter dem Wagen liegt, — Auf dem rauhen Ranzen, 
Auf dem rechten Ohr. — Es helfe dir Gott Vater u. s. w. 

Als der Bauer über jedes Rind diesen Spruch gemacht hatte, verschwand die 
Krankheit, welche keine andere war als Augstall. Der Segen kann von einem 
Mitglied des Hauses vorgenommen werden, besser ist es aber, wenn dies ein 
Fremder besorgt. 

Eine andere Formel gegen Augstall (aus Malsching). 

Man spricht dreimal Christus 

Christus ist gehauen worden, Christus ist gefunden (?) worden, Christus ist ge- 
schlagen worden, ist mit einem scharfen Schwert durchstochen worden, und rann 
nichts heraus als Wasser und Blut. Sind 77 Augstall für das Rauschet, fUr das 
Reisset, für das Rennet und für Blutaugstall. Es helfe dir Gott Vater u. s. w. 
ohne Amen. 

So oft man diese Worte gesprochen hat, betet man ein Vaterunser und Ave Maria. 

Vgl. Gr. Myth. Anh. XXXVIII. Joseph und Gardian gegenüber Jesu. 

Eine andere Formel gegen Augstall (aus Mistelholz). 

Dazu ist vor allem eine Peitschenschnur notwendig, die man zufällig gefunden 
hat. Wer nämlich auf dem Wege die Schnur von einer Peitsche, die ein Hirt 
oder Fuhrmann weggeschnalzt hat, findet, steckt sie bedächtig ein und bewahrt 
sie sorgfaltig auf. Wenn dann ein Stück Vieh von Augstall heimgesucht wird, 
so holt man jene Schnur hervor und bindet damit das Tier um die Mitte des 
Leibes, so dass die Schnur über den Hummellucken (d. s. die Magenhöhlen) zu 
stehen kommt. Nun legt man auf jede Hummellucke eine Handfläche und beginnt 
nach abwärts zu streichen und zu reiben und, nachdem man schon vorher das 
Kreuzzeichen ohne Amen gemacht hat, fährt man weiter: 

Hast du das Augstall von Wind und Kälte kriegt, so helfe dir die seligste 
Jungfrau Maria, dass das Augstall in einer Viertelstunde oder in fünf Minuten 
wieder vergeht. So wahr als die Osterblume gewachsen ist und ich sie gebrockt 
habe, so reib ich dich für das Augstall, das du jetzt von Wind und Kälte erhalten 
hast So helfe dir und mir Gott u. s. w. ohne Amen- Nun betet man ein Ave- 
maria, wobei man den Schweif des Tieres dreimal nach rückwärts über den 
Rücken zieht. 

Manche zählen auch noch von 9 zurück bis 0, wie dies beim Brocken der 
Osterblume geschieht (S. 198). Viele geben dem Vieh nach der Besprechung ein Brot, 
das mit Salz bestreut ist und worauf wieder eine Schnitte Brot gelegt ist, zu fressen. 
Dies geschieht besonders auch, wenn das erstemal auf die Weide getrieben wird. 

Vgl. Zs. f. deut. Myth. IV, 116. 117. 



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214 Ammann. 

Eine andere Formel gegen Augstall (aus Höritz) 

ist auch das Zurückzählen: 

Augstall giebts 77 — Augstall giebts 76 u. s. w. bis ... ., — Augstall giebts 
einen, — Augstall giebts keinen. 

So wird dreimal heruntergezählt, schliesslich: Im Namen u. s. w. 

Oder man spricht (aus Mistelholz): Im Namen u. s. w. 

Sei gegrüsst du Blümlein im Namen der allerheil igsten Dreifaltigkeit: Im 
Namen u. s. w. 

Augstall sind 72 (oder auch 77), — Es sind nicht 72, — Es sind nur 71 u. s. w. 
Es ist nicht 1, — Es ist gar keins. Im Namen u. s. w. 

Eine andere Formel gegen Augstall (aus Priethal). 

Auch in Priethal sucht man die Heilkraft durch Gewinnung der Dotter- oder 
Osterblume (Schmälzbleaml) zu erlangen (Vgl. oben S. 198). Auf die erste Dotter- 
blume, die man im Frühjahr vor Georgi (Jurgi) sieht, muss man schnurgerade 
losgehen, ohne zur Seite zu sehen. Vor der Blume kniet man nieder und spricht: 

Grtias di Gott, schön's Blümelein, — Wer hat di kloat (gekleidet), 
Wer hat di baut (angebaut), — Wer hat di g'haut (mit dem Karst)? 

Gott Vater hat di kloat, Gott Vater hat di baut, Gott Vater hat di g'haut. — 
Dann pflückt man die Blume und reibt damit die Hand ein bis zu den Gelenken; 
dadurch erhält sie die Heilkraft. Soll nun ein Tier von Augstall befreit werden, 
geht man unbedeckten Hauptes hin, macht über dasselbe das Kreuzzeichen und 
fährt dann mit beiden aneinanderliegenden Handflächen über den Rücken des 
Tieres hinweg zum Schweif und spricht dreimal: 

Rindl (z. B. Falbl) — Wer hat dir g'schad't? 

Herr oder Frau? — Dirn oder Knecht? 

Kind' oder andre böse Leut? Ich treib di z'ruck in ihren Leib! 

Es helfe dir Gott Vater u. 's. w., (aber erst beim drittenmal) Amen. 



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Kleine Mitteilungen. 215 



Kleine Mitteilungen. 

YolksüberUeferungen aus Eisenerz in Obersteiermark ^). 

Die wilde Jagd ('s wilde Gjoad) fährt ellbogenhoch über der Strasse daher. 
Der Wagen hat hohe Räder und breite klingende Achsenscheiben. Fahrleute sind 
die Teufel, die Pferde kohlschwarz mit langen Mähnen, stossen Funken aus den 
Nasen. Auf dem Wagen befinden sich verdammte Seelen. Die Pferde sind eben- 
falls Seelen. Man kann sich davor retten, wenn man sich geschwind in die 
rechte Wagenleise legt. Wenn sie in Wäldern hauset, hört man Fluchen und 
Jammern; fährt sie über Felsen herab, so bleibt eine feurige Bahn zurück. Sie 
lässt die Pferde öfter bei Schmieden beschlagen, wärend alle schlafen. Sie kann 
hausen von der Abenddämmerung bis Mitternacht. Weil sie ein Papst vor beiläufig 
70 Jahren verbannte, hört man von ihr jetzt nicht mehr; doch soll die Bannung 
wieder einmal aufhören. 

Kaiser Rotbart sitzt im üntersberge (bei Salzburg) an einem steinernen 
Tisch; sein Bart wächst bis zum jüngsten Tag dreimal um den Tisch herum. 
Ein Schafhirt fand einst den Eingang in den Berg und er sah den Kaiser von 
Rittern bewacht am Tische schlafen und den Bart schon zweimal herumgewachsen. 
Kaiser Rotbart wird den Antichrist schlagen. 

Freimannsloch sei eine Höhle auf einer Alp an der Grenze von Salzburg 
und Steiermark, welche aber von einer Klöchachstaude (Zwergkiefer) am Eingange 
verborgen sei. Nur Leute, welche in gewissen Himmelszeichen geboren sind, 
könnten an gewissen Tagen und gewissen Stunden in das Loch gelangen. Im 
selben befinden sich drei Abteilungen. In der ersten ist ein sich regendes Toten- 
geripp, in der zweiten drei Wolfshunde, in der dritten ist Freimann selbst an 
einem Tisch, vor sich ein grosses Schwert, um den Tisch neun Geldfässer. Wer 
sich vor dem Geripp nicht fürchtet, den werden die Hunde durchlassen, und wer so in 
die dritte Abteilung gelangt, erhält von Frei mann, wenn er ihm eine rechte 
Antwort giebt, Geld. Benimmt er sich aber nicht so, wie es ihm gefällt, so wird 
er von ihm enthauptet. 

Versteinte Alben (Grimm ing) war einst eine grasreiche Alpe. In üeber- 
mat haben die Sennen mit Butter Kegel geschoben und so wurde zur Strafe die 
Alpe in eine schreckliche Sleingruppe verwandelt. 

Die verschniebne Alben (Dachstein) war eben so grasreich. Die Sennen 
düngten die Alpenmatten mit Milch, und aus Strafe wurde es nicht abba (schneefrei). 

Kasofen in Bretstein, wo die Sennen mit Käse mauerten und deswegen der 
Berg in eine Kalksteingruppe verwandelt wurde. 

Der Teufel hat Rossfüsse, lange Ohren, nach hinten gedrehte Hörner und 
einen Schweif; jauchzet sehr gern, kann aber, wie das Volk sich ausdrückt, nicht 
überijutzen (hinüberjauchzen). Er kann sich auch in einen Bock, Hahn (aber 
ohne Sporen), in ein schwarzes Pferd, Buhu, Schoffitl (Totenkäuzchen), Haber- 
geis s (wäre ein Vogel mit drei Füssen und der ihren Ruf spottet, der erhält 
von ihr zur Nachtzeit Besuch), Katze (mit nur drei weissen Haaren) u. s. w. 

1) Ich gebe diese Mitteilungen unverändei-t, wie ich sie vor länger als dreissig Jahren 
aus Eisenerz erhalten habe. K. Weinhold. 



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216 Weinhold: 

wandeln. Auch hält er sich überhaupt bei diesen Tieren gern auf. Sehr gern 
verwandelt er sich aber in einen Jäger. Er hat eine schnofelnde Sprache. 

Schratl ist ein kleines Männlein mit grüner Jacke, einem runden Hütlein, 
worauf eine Hahnenfeder fortw^ährend winkt. Er kann von den Menschen zu 
Diensten gezwungen werden; besonders versteht er es, Geld herbeizuschaffen. 
Wenn jemand Geld verloren hat, setzt er sich unsichtbar darauf, dass es nicht 
wieder gefunden werden kann. Er kann auch Geld brüten. Ist eine Abstufung 
der Teufel. 

Berggeist beherrscht die Metalle. Er kann sehr viele Gestalten annehmen. 
Gewöhnlich aber sei er ein blassgelbes Männlein mit grauen Augen und mache die 
Adern der Erze unzugänglich. Öfters ist er gestaltet wie ein grauer Widder, wie 
ihn einst ein Hirt im Schottloch auf einer Alpe gesehen. Das Schottloch sei mit 
einer schweren eisernen Pallthür verschlossen und die Thür nur ganz ausser- 
ordentlich begnadigten Leuten sichtbar. Ein Hirte habe einst sie aufgefunden, 
und den Hammer, der daran befestigt wäre, zu seinem Ergötzen oft auffallen 
lassen, so dass er im Berge einen hellen klingenden Wiederhall hörte. Plötzlich 
sei die Thür aufgesprungen und ein grauer Widder sichtbar geworden, der den 
Hirten gefragt hätte, was er wolle. Der Hirt aber konnte vor Furcht nicht ant- 
worten. Ein Edelstein, wovon es in der Höhle eine Menge gegeben hätte, wäre 
sein Geschenk geworden. Berggeist liebt graue Farbe. 

Wassergeist (Bachhaggel) ist ein alter Mann mit einem schneeweissen 
Bart und einer Stange mit eisernem Haken (Griesspeil). Mit diesem Haken zieht 
er die am Ufer spielenden oder schlafenden Kinder ins Wasser zu sich hinein. Kinder 
sucht man durch Erzählen vom Bachhaggel von den Bächen und Wässern 
fern zu halten. 

Wildfrauen halten sich in Felsenhöhlen auf, es sind Frauen von ganz 
schneeweisser Hautfarbe und roten Haaren. Öfters singen sie wunderschön, öfters 
hört man sie waschen. Ein Bauer, der einst sein Feld pflügte, hörte und sah sie 
in der Nähe waschen; er ging zu ihnen (sonst fliehen sie die Leute) und verlangte 
neckend, sie möchten ihm doch auch einmal ein Hemd waschen, was sie wirklich 
thaten. Sie gaben ihm zugleich einen Laib Brot, den sie gebacken hatten. Sie 
nahmen bisweilen bei den Menschen Dienst an, ohne dass man wusste, sie seien 
Wildfrauen. Sehr viele Höhlen zeigt man als einstige Wohnungen der Wildfrauen. 

Andre Jungfrauen giebt es, die in Alpenteichen wohnen. Zur Sommers- 
zeit an schönen Tagen singen sie, worauf dann Nachmittags grosses Gewitter 
entsteht. Zur Winterszeit halten sie sich in den Sennenhütten auf, in welchen 
man dann, wenn sie im Frühjahr wieder bezogen werden, die Spuren auf dem 
Herde sehe. 

Perchtl, ein Weib, hält sich gerne auf, wo die Spinnräder und Rocken 
aufbewahrt sind. Sie lehrt öfters die fleissigen Kinder spinnen. Am Ghristtag- 
Abend (Häligabnd) geht sie zur Dämmerungszeit in allen Zimmern der Häuser, 
in den Heuböden u. s. w. umher, und wenn sie dieselben nicht reinlich ausgekehrt 
findet, sammelt sie den Kehricht und näht denselben der nachlässigen Dirn in den 
Bauch. Sie ist an diesem Abend mit einem Besen, Schere und Nadel ausgerüstet. 
Junge Dirnen werden Heiligabend mit dieser Erzählimg zur Reinlichkeit und zum 
Fleisse angeeifert. 

Trud, ein Weib, das die Leute im Schlafe drückt. Sie hätte nur einen Puss, 
einen hutschelnden Gang, weshalb sie von manchen schon in ihrem Nahen erkannt 
worden sei. 

In Zeiring, wo man jetzt noch auf Blei und Eisen baut, war einst eine 
reiche Sübergrube. Die Leute waren wegen des grossen Reichtums sehr über- 



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Kleine Mitteilungen. 217 

mötig geworden, so dass es den Bergknappen nicht mehr genügte mit silbernen 
Kegeln und Kugeln zu spielea, sondern sie enthaupteten einen Knaben und 
bedienten sich seines Hauptes als Kugel; dieses sei an einem Sonntag geschehen. 
Montag morgens, als die Knappen in die Gruben stiegen, seien die Decken ein- 
gebrochen und ein altes Weib, die Grossmutter des Knaben, die mit den silbernen 
Kegeln erschlagen worden, habe in diesem Augenblick im Markte auf dem Platze 
eine Maass Mohnsamen ausgestreut und gesagt: „So viel Mohnsamen, so viel 
Jahre kein Bergsegen I" Auch sei am selben Tag die Kirche, worin sich zwei 
lebenagrpsse silberne Apostelstatuen befanden, versunken. Der Silberberg sei voll 
Wasser und werde einmal den .Markt wegschwemmen. 

Ein Zweig von einem weissen Elxenbaum (Prunus padus), der vom Papst 
geweiht sei, zeige die Schätze in den Bergen an, indem er sich mit der Spitze 
dahin drehe. Auch könne man sich durch ein Kreuz von weissem Elxenbaumholz 
Tor dem Zorn des Berggeistes wahren. 

Die Katzen und Schlangen sinnen täglich neunmal darauf, dem Menschen 
das Leben zu nehmen, der Hund und die Eidechse, es zu retten. 

Wenn ein Hahn neun Jahre alt geworden, lege er ein Ei, welches, wenn 
es ins Wasser kommt, einen Lindwurm hervorbringt. 

Im Wilden See auf einer Alpe (Hochwand) bei Oberwölz sei vor Zeiten 
ein Lindwurm gewesen. Er sei durch ein Auerhahnei entstanden. Er zog alles 
Vieh in der Nähe durch seinen Hauch an. Wenn er hungrig war, brüllte er, 
dass die Berge zitterten. Immer waren die Leute in grosser Angst, er möchte 
einmal durchbrechen und die ganze Gegend verwüsten, aber zum Glücke sei er 
von zwei einsinkenden Felsen erdrückt worden. Ein andrer Lindwurm war in 
einem Alpenteiche bei Zeiring (Pusterwald). Als er einmal aus dem Teiche 
brach, warf er einen grossen Graben aus und schleuderte die Steine eine halbe 
Stunde weit um sich. Zwischen Knittelfeld und Judenburg sei ein grosser See 
gewesen, in welchem ebenfalls ein Lindwurm hausete. Als einst der See versiegte, 
kamen die Anwohner mit Knitteln herbei und erschlugen ihn. Das Feld wurde 
wegen der vielen umhergeworfenen Knittel Knittelfeld genannt; die Stelle, wo 
der Lindwurm lag, hiess man Lind. Nach 50 Jahren noch wären die Lindwurm- 
rippen ein Unterstand des Weideviehes gewesen. 

Anf der Alpe Grewenzen bei St. Lambrecht befindet sich ein Loch, welches 
von vielen für einen Gang zur Hölle angesehen wird. Es geht die Sage, es 
habe dort ein Hirte einmal den Ruf vom Höllenthor vernommen „Macht auf, es 
kommt der Richter von Neumarkt I" Auch habe auf derselben Alpe einmal ein 
Bauer Samstag Abends, als er sein Vieh besehen ging, mit zwei Teufeln Kegel 
geschoben und diesen Teufeln mit einem Frauenbild — Zwanziger das ganze Geld 
abgewonnen, so dass er es mit einem Karren heimgeführt hätte. 

Zauberer gehen am Pfingstsonntag mit den übrigen Leuten opfern (sie 
gehn in Opfer). Die Zauberer schieben die schweren Gewitterwolken und entladen 
sie dorthin, wo sie Schaden anrichten wollen. Hexen hätten säbelbeinige Füsse 
(seien krahschinkat), rote Haare, nur zwei Zähne u. s. w. 

Der Alp (= Schab, die kleineren = Besen) sei der Teufel und zeige sich 
Torzüglich gern den fluchenden und liederlichen Burschen. Einst soll er einen 
Wallfahrer, der schlecht gebeichtet hatte, gepackt und durch die Luft getragen 
haben ; des Wallfahrers weithin wehender Rock sei allem zuschauenden Volk eine 
schreckliche Mahnung gewesen. 

Wer am Sinewendtag (Sun wendtag = St. Johannistag) um Mittag den Samen 
von weissem weiblichem Farrenkraut sammelt und in seine Schuhe legt, kann sich 
unsichtbar machen. Wer sich den ganzen Leib mit Fledermausblut einreibt, auch 



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218 Weinhold: 

sich drei Tage lang yon Fledermaxisherzen nährt, macht sich gefroren (un- 
verwundbar.) 

Pferde, welche an den Vorderfüssen keine Narben haben, seien Teufel. 

Ein jeder Mensch hätte am Himmel für sich einen Stern. Wenn der Stern 
(Sternschnuppe) herabfällt, stirbt der betreffende Mensch. 

Zu Weihnachten unterhalten sich yorzügUch gern die Greister mit den Tieren. 

Am Christagabend zu Mittemachtszeit könne man das Rindvieh, die Schafe 
und Pferde, alle imter einander sprechen hören. Zur Mettenzeit aber höre man 
in den Ställen auch die Teufel im Zwiegespräch mit dem Vieh. 

Wer in den drei heiligen Weihnachtsnächten (Christnacht, Neujahrsnacht, 
hl. drei Königsnacht) wache, der erhalte die Gabe des ünsichtbarseins; doch werde 
er in der letzten Nacht vom Teufel sehr angefochten, und er könne sich vor ihm 
nur durch ein Kreuz vom Holze eines weissen Elxenbaums, der am St. Johannis 
des Täuferstag noch blühte, retten. 

Totenbahrziehen besteht darin, dass um eine Kirche, die drei Thore und 
rund heruni einen Preithof hat, der zuletzt Verstorbene aus dem Grabe ausgescharrt 
imd auf einer Bahre dreimal zwischen 1 1 und 12 Uhr nachts herumgezogen wird. 
Einer muss ziehen, ein anderer aber mit einer weisselsenbaumenen Ruthe mit drei 
Knospen fortwährend einhauen. Teufel setzen sich auf die Bahre, deshalb man 
selten drei mal herumfahren könne. Wenn nicht Schlag zwölf die Arbeit voll- 
bracht ist, werden die Leute zerrissen; wenn sie aber vollbracht wurde, werde ihnen 
der Leichnam des Gezogenen mit Geld aufgewogen. Nur einer sei erst dem Teufel, 
nachdem er die Arbeit noch nicht vollendete, über die PVeithofsmauer entflohen; 
jedoch habe er dabei durch des Teufels Krallen seinen Rockzipfel eingebüsst 

Wenn jemand stirbt und sein Leichnam ist weich und sehr biegsam, so sei 
dies ein Zeichen, dass bald jemand aus demselben Hause sterbe. 

Wenn einer gestorben ist, pflegt man die Zimmerthür zu öffnen, damit die 
Seele herauskönne. Das Todesröcheln deute den Kampf mit den bösen Geistern. 

Die Geister der Verstorbenen könnten sich den Menschen auf der Erde 
zeigen. Die Verdammten wären von schwarzem Angesicht und oft in feuriger 
Kleidung, die Seligen wären von bleichem Angesicht. Diese Geister wären 
betastbar und ganz kalt, werfen aber keinen Schatten. 

Besonders gerne kommen die Geister der Prozessführer auf die Erde zurück. 
Sie erscheinen gerne den Hausleuten in den Ställen, Heuböden, Kammern, oder 
beunruhigen sie im Schlafe. Von einem solchen Hause sagt man: es thuat 
oniwägeln = es ist nicht ledig, es geistert. Bisweilen raufen die Geister der 
Verstorbenen, die Prozess geführt auf der Erde. Dann gehen Funken vom An- 
gesicht imd ihre Tritte sind in der Erde kennbar. Der Anspruch an die zur 
Nachtzeit beim Bette erscheinenden Geister ist: „Ich und alle guten Geister loben 
Gott den Herrn, sag an, was ist dein Begehren? Bist du ein guter Geist, so helf 
ich dir, bist du ein böser Geist, so flieh von mir." 

Die Seelen ungetaufter Kinder werden AfTen, nach andern Wildfrauen. 

Vorzeichen des Weltendes sind: Es werden mehr Mädchen als Knaben 
geboren; Religionskrieg; Ende der deutschen Kaiser (jetzt österreichischen, der immer 
noch (vor 1871) deutscher Kaiser genannt wird); Krieg vom Gebirge längs den Flüssen 
abwärts (von der Schweiz = Schweinz); Antichrist, der dort geboren wird, wo das 
Paradies einst war. Dann wird alle Ordnung aufhören und nur auf den Gebirgen und 
Thälem wird man noch sicher sein. In den Thälem vnrd man jauchzen, auf 
dem Land (Flachland) wird man Blut schwitzen. Die Wälder werden ausschauen 
wie ein geflickter Bettlerrock. Dort und da nur wird ein altes Mutterl bei einem 



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Kleine Mitteilungen. 219 

grossen Kornfeld schneiden. Der Papst geht znm Antichrist über. Der letzte 
Papst wird Petras heissen und der dreihunderste sein, er wird mit Kaiser Rotbart 
den Antichrist Vertreiben. Zuletzt wird die Welt verbrennen. 

Weisse Hausmäuse sollen Seelen sein, daher sie nicht sollen getötet werden. 

Wenn man sich morgens nicht wäscht, begleitet einen der Schutzengel nur 
bis 9 Uhr, dann hat der Teufel die Vorhand. 

Einen Fliehenden verraten, werde in der Hölle mit heisse Steine lecken 
bestraft, wie das Lügen. 

Im Jahre gebe es 32 Unglückstage. Wenn man Jemanden Montags Vormittag 
besucht, bringe man ihm Unglück ins Haus. Wenn man bei einem Besuche das 
Haas der Besuchten schnell wieder verlässt, so nimmt man ihnen den sanften Schlaf. 

Wenn man zu Weihnachten im Zorn die Thüren sehr laut zuschlägt, hätte 
man sich im Sommer vor dem Blitz zu fürchten. 

Zu Weihnachten mondhelle Nächte, zu Ostern lichte (leere) Stadel. 

Leute, welche an einem Sonntag, wo eben Neumond eintrat, geboren sind, 
hätten einige prophetische Gaben und würden weit mehr als andre von den 
Geistern angefochten. 



Sitten und Gebräuche bei Sterbeföllen in Heiderich 

(Reg.-Bez. Dusseldorf). 
Mitgeteilt von Carl Dlrkseii. 

Sobald in Meiderich jemand stirbt, werden die Notnachbarn davon in Kenntnis 
gesetzt. Notnachbam heissen die nächsten Hausnachbarn, doch können auch andere 
nahe wohnende Familien dazu genommen werden. Die Notnachbam sind durch 
stilles Abkommen verpflichtet, sich in allen freudigen und ernsten Ereignissen des 
Lebens treu zur Seite zu stehen und hilfreiche Hand zu leisten. 

Bei einem Todesfalle haben sie nun zunächst die Trauerbotschaft den übrigen 
Nachbarn, zu welchen man die Bewohner der nächsten 12 bis 15 Häuser rechnet, 
zu übermitteln. Sämtliche Nachbarfraaen versammeln sich darauf im Sterbehause, 
um die Arbeiten unter sich zu verteilen. Es steht ein- für allemal fest, dass die 
Notnachbam das Waschen mid Ankleiden der Leiche, das Einsargen und das 
Bedienen bei dem nach dem Begräbnis stattfindenden Kaffeetrinken zu besorgen 
haben; Pflicht der übrigen Nachbarn dagegen ist, den Verwandten und Bekannten 
des Verstorbenen, auch den auswärts wohnenden, die Nachricht persönlich und 
mündlich zu überbringen und dieselben zum Begräbnis einzuladen. Da hier nicht 
selten 100 — 150 Haushaltungen geladen werden, die, abgesehen von den auswärtigen, 
oll in verschiedenen Teilen des über eine halbe Quadratmeile umfassenden Ortes 
zerstreut wohnen, so bestimmen die Frauen unter sich durchs Los, welche Ein- 
ladungen jede einzelne zu machen hat. Die Lose sind gleich nach dem Eintritt 
des Sterbefalle^ von den Anverwandten geschrieben worden. Ist die Zahl der ein- 
zuladenden Personen eine verhältnismässig geringe, so dass nicht sämtliche Nachbar- 
frauen in Ansprach genommen zu werden brauchen, so lässt man einige Zettel 
nnbeschrieben und sind die Personen, welche diese ziehen, von jeder Dienstleistung 
befreit. 

An dem Leichenzuge nehmen auch die Frauen, tief in Schwarz gekleidet und 
das Qesicht mit einem über den Kopf geschlagenen Tuch fast ganz verhüllt, teil. 
Am offenen Grabe hält der Pfarrer nach Einsenkung des Sarges eine kurze Leichen- 



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220 Schwartz: Nachtrag. 

rede. Im unmittelbaren Ansehluss daran findet in der Kirche ein Gottesdienst 
statt. Nicht nur während des Gebetes, sondern auch während der Predigt, halten 
die nächsten männlichen Anverwandten den Kopf bedeckt. Die Kopfbedeckung 
besteht in der Regel in einem hohen Cylinderhut. Nach Beendigung der kirch- 
lichen Feier gehen sämtliche Leute, die am Leichenzuge teilgenommen haben, 
zum Sterbehause zurück, um sich hier oder in einem der Nachbarhäuser, seltener 
in einem Wirtshaussaale, mit Kaffee und Weissbrot bewirten zu lassen. Am darauf 
folgenden Tage findet ein zweites Kaffeetrinken für die Nachbarn und am dritten 
Tage ein nochmaliges Kaffeetrinken für die Notnachbarn statt. — Das Grabmachen 
und das Läuten haben die Nachbarn zu besorgen, übertragen jetzt aber diese 
Thätigkeiten gewöhnlich dem Küster gegen den dafür festgesetzten Lohn. Von 
einem alten Meidericher wird mir mitgeteilt, dass die Nachbarn ehedem auch den 
Sarg zu bezahlen hatten, eine Einrichtung, welche offenbar aus der Zeit stammt, 
in welcher es hier noch keine Sterbekassen gab. 

Ziemlich allgemein herrscht hier und auch im Nachbarorte Beeck der Gebrauch, 
kurze Zeit nach der Beerdigung die Grabhügel oben abzuplatten, denselben die 
Gestalt eines umgekehrten, kiellosen Bootes oder Kahnes zu geben und die Seiten 
mit schwarzen und weissen Kieselsteinen zu bedecken. Grade die alten Meidericher 
Familien stellen ihre Gräber auf diese Weise her. In dem zwischen Rhein, Ruhr 
imd Emscher gelegenen Meiderich gab es von je her ziemlich viele RheinschiCfer. 



Ein kleiner Nachtrag 

zn dem ersten Artikel der ,,Yolkstumliclien ScUaglicliter^^ 

Von Wilhelm Schwartz. 

In meinen Papieren finde ich noch zufällig eine Notiz, die mir s. Z. der ver- 
storbene, in anthropologischen Kreisen wohl bekannte Amtsgerichtsrat Rosenberg 
in Berlin, früher Staatsanwalt in Bergen a. Rügen, aus seiner Amtsthätigkeit an 
letzterem Orte mitgeteilt hat, nämlich eine „volkstümliche Reisebeschreibung 
in nuce", die er wörtlich einem Briefe entnommen hatte, welcher von einem 
Handwerker an seine Geschwister zu Bergen bei einer gemeinsamen Erbschafts- 
regulierung geschrieben war, nachdem er 14 Jahre (I) nichts von sich hatte hören 
lassen. 

Ich gebe den betr. Brief als einen kleinen Nachtrag zu dem ersten Artikel 
der „volkstümlichen Schlaglichter" (s. oben S. 17 ff.), da er höchst charakteristisch 
zeigt, wie ein Bild, das halb Europa umfasst, bei kleinem Horizont und kleinen. 
Interessen zusammenschrumpft. 

Der Brief lautete: „Geliebte Geschwister, jetzt will ich euch auch ein wenig 
von meinen Reisen unterhalten, ich glaube, es wird euch recht angenehm sein. 

Meine Reise in Dänemark, die war voller Unannehmlichkeiten, im Mäklen- 
burgischen und Hanövrischen war es freundlich und etwas angenähmer. Sachsen, 
Baden, Würtemberg, Baiem, Oestreich, Ungarn, an der Schweitz, am Rhein, ist 
es schön und hat mir sehr da gefallen, Fohlen, Böhmen, Hessen hat es mir nicht 
gefallen. Nun bin ich 12 Jahr von einem Ort und Stadt zum andern gereist, bis 
ich endlich mein Brod gefunden habe, jezt heisst es ruhe aus von deinen Reisen 
und arbeite fleissig, dann wirst du Brod haben bis an dein Ende. Jasper. 



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Bücheranseigen. 221 



Bücheranzeigen. 

Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache. 
Gesammelt auf Veranstaltung der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich 
unter Beihilfe aus allen Kreisen des Schweizervolkes. Herausgegeben 
mit Unterstützung des Bundes und der Kantone. Bearbeitet von 
Fr. Staub, L. 'Tobler und R. Schoch. FrauenfeM. Verlag von 
J. Huber. 1890. XIX. Heft (des 2. Bandes 10. Heft). 4^ 

Von dem grossen schweizerdeutschen Wörterbuche liegt das 19. Heft vor, das 
von huppen bis Hirt reicht auf Bogen 94—103. Es ist wie alle vorangehenden 
ein Beweis des gewaltigen Materials, welches der Ausarbeitung zu Grunde liegt, 
nicht minder aber der Sorgfalt und der Hingebung der Herausgeber, die seit Jahren 
ihre beste Kraft für das vaterländische Werk eingesetzt haben. Im Frühjahr 1881 
erschien das erste Heft, nachdem das Werk seit 1862 durch eine von der Anti- 
quarischen Gesellschaft in Zürich eingesetzte Kommission unter Leitung von 
G. V. Wyss und H. Schweizer-Sidler und unter grossartiger Beteiligung aller 
Stände, Geschlechter und Lebensalter vorbereitet worden war. Friedrich Staub, 
Ludwig Tobler, Rudolf Schoch sind als die eigentlichen Bearbeiter des 
StofTes zu rühmen, dessen Veröffentlichung durch Unterstützung des Bundesrates 
wie der Kantonregierungen erleichtert wird. 

Über die Art der Bearbeitung wurden reifliche Beratungen gepflogen, und 
durch Berichte, Proben und Frageblätter bei allen, die sich für Dialektforschung 
interessieren, auch ausserhalb der Schweiz die Teilnahme hervorgerufen. Hunderte 
Ton hilfreichen Genossen wurden so herangezogen. Über Ziele und Schranken 
des Werkes ward man sich völlig klar. Das Idiotikon beschränkt sich auf das 
Gebiet der deutschen Schweiz. Die ältere schweizerdeutsche Litteratur wird gleich 
der lebenden Volkssprache herangezogen. Gesammelt werden alle Ausdrücke des 
Schweizerdeutsch, welche der neuhochdeutschen Schriftsprache der Gegenwart gar 
nicht angehören, oder in Form oder Bedeutung von ihr abweichen; ferner alle in 
der deutschen Schweiz eingebürgerten Fremdwörter; die Eigennamen, deren appel- 
lative Natur noch erkennbar ist; endlich die Kosenamen der Personen. Aus- 
geschlossen bleiben nicht bloss die eindringenden Wörter aus fremden Sprachen, 
sondern auch die aus der hochdeutschen Schriftsprache immer stärker herein- 
strömenden Ausdrücke und Wendungen. Lieder und Sagen, Sprichwörter und 
Rätsel, Sitten und Gebräuche, der Aberglaube, werden nur so weit aufgenommen, 
als sie zur Worterklärung notwendig herbeigezogen werden müssen. 

In Bezug auf die etymologische Erklärung liessen sich die Bearbeiter mit 
Recht daran genügen, die Schweizer Wörter auf den mittelhochdeutschen oder alt- 
hochdeutschen Stand zurückzuführen. Die Reihenfolge der Worte bestimmte das 
von J. A. Schmeller in seinem überall vorbildlichen Bayerischen Wörterbuch an- 
gewandte System, wonach das konsonantische Gerippe der Hauptsilbe massgebend 
ist Die phonetische Bezeichnung der mundartlichen Laut- und Wortformen ward 



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222 Stoh: 

mit weiser Mässigung gewählt und, natürlich nicht zum Beifall derer, welche in 
möglichst künstlichen phonetischen Alphabeten den ganzen Inbegriff aller Weisheit 
und Gelehrsamkeit sehen, eine immerhin noch ziemlich bunte Zeichenreihe für die 
Vokale und die Konsonanten aufgestellt. 

So ist denn nach bester Vorbereitung und Überlegung seit zehn Jahren das 
Schweizerische Idiotikon an das Licht getreten, eine Ehre für alle dabei thätigen 
Männer, ein wertvoller Besitz der deutschen Schweiz. Auch in diesen alemannischen 
und burgundischen Gauen bröckelt jährlich von den nationalen Eigentümlichkeiten 
ein Stück ab, und die Auflösung wühlt an den Grundlagen der Mundarten „heim- 
lich und darum so sicher". Die Herausgeber wissen das am besten und wissen 
auch, dass dieser Naturprozess unaufhaltsam vor sich geht. „Die vernünftige 
Aufgabe liegt deshalb darin, dass man einen so bedeutenden Dialect nicht hin- 
sterben lasse, ohne ihm ein würdiges Denkmal zu setzen, dass man ihn in letzter 
Stunde noch nutzbar mache, namentlich für die Schule, und dass man ihn der 
Wissenschaft rette". Wir Deutsche haben gleich den Schweizern für das Werk 
zu danken und uns desselben hoch zu freuen. Möge es rüstig weiter schreiten, 
und den treuen Arbeitern die Vollendung als bester Lohn vergönnt werden! 

K. Weinhold. 



Chr. Schneller. Tirolisehe Namenforschungen. Orts- und Personen-Namen 
des Lagerthaies in Südtirol. Mit einem Anhang und einer Karten- 
skizze. Lmsbruck. Wagn ersehe Universitäts- Buchhandlung. 1890. 
XIV. und 373 S. 8°. 

Die hohe Bedeutung und einschneidende Wichtigkeit, welche die Forschung 
auf dem Gebiete der geographischen Namenkunde für die Geschichte der einzelnen 
Völker, namentlich in ihren vor jeglicher Geschichte liegenden Anfängen hat, von 
denen wir gar oft nur durch die ausdauernde Zeugschaft der an Bergen imd Flüssen, 
Grund und Boden mit Zähigkeit haftenden Namen Kunde haben, ist heutzutage 
allseitig anerkannt. Ebenso unzweifelhaft fest steht aber auch, dass nur die exakte 
historische Methode, die ja allen sprachwissenschaftlichen Untersuchungen zu 
Grunde gelegt werden muss, unanfechtbare Ergebnisse auf diesem Felde der 
Forschung zu erringen vermag. Wie die Geschichte der Sprache nach bestimmten 
Gesetzen verläuft, deren Wirksamkeit nur durch den Einfluss sie durchkreuzender 
psychischer Faktoren gestört wird, so ist es auch die Aufgabe des Namenforschers 
gewissermassen die Geschichte der geographischen Namen zu schreiben und im 
engen Anschluss an die lautgesetzlichen Besonderheiten des Sprachgebietes, welchem 
sie angehören, zu ihrer Deutung vorzudringen. Unter den oben erwähnten psychischen 
Faktoren scheint mir bei der Namenforschung von besonderem Belange die volks- 
etymologische Umdeutung, die nachweisbarermassen gerade beim Einzug einer 
anderssprachigen Bevölkerung in ein bereits kultiviertes Gebiet stattgefunden hat, 
dessen Bewohner die Sprache der einwandernden Sieger annehmen mussten, wie 
es z. B. bei den Bewohnern Tirols der Fall gewesen ist, gegenüber den Römern 
und später den Baiuwaren und Alamannen. 

Die tirolische Namenforschung hat eigentlich bekanntennassen ihren Haupt- 



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Bücheranzeigen. 223 

begründer an L. Stenb gehabt, der freilich mit seiner Etrusker-Hypothese den 
falschen Weg der Deduktion einschlug und, wie auch der Verfasser unseres Buches 
herrorhebt, allmählich selbst mehr und mehr Bausteine von seinem räto-etruskischen 
Bau abbröckeln sehen und sich der Deutung aus dem Romanischen in die Arme 
werfen musste. Mag Steub auch gar manche mehr kühn hingeworfene als sprach- 
gesetzlich begründete Deutung von Ortsnamen aufgestellt haben und namentlich in 
methodischer Durchforschung des Stoffes zu wenig eindringlich gewesen sein, er 
hat doch ganz unbestreitbare Verdienste auf diesem Gebiete, die jeder Unparteiische 
ebenso anerkennen sollte, wie es der Verfasser unseres Buches thut, der mit un- 
gleich besserer wissenschaftlicher Ausrüstung als Steub und namentlich mit voll- 
kommener Beherrschung der Idiome des italienischen Tirol an sein Werk ge- 
gangen ist. Auch möchte ich Steubs räto-'etruskische Hypothese nicht in die 
Rumpelkammer werfen, wie ich am anderen Orte auszuführen gesucht habe ^), und 
auch andere Gelehrte, wie der tirolische Geschichtschreiber J. Egg er und die 
Sprachforscher E. Windisch (Gröbers Grundriss der romanischen Philologie) 
and C. Pauli (Altitalische Forschungen I) annehmen. Freilich viel von rätischen 
Namen wird sich durch die Stürme der Zeiten wohl kaum in unsere Tage her- 
über gerettet haben. 

Schneller, der sich durch zahlreiche Arbeiten wesentliche Verdienste um die 
Erforschung seines Heimatlandes erworben hat — ich nenne die folgenden: „Studi 
sopra i dialetti del Tirolo italiano" (Programm von Rovereto 1865), „Über die 
volksmundartliche Litteratur der Romanen in Tirol (Programm von Innsbruck 
1869), „Die romanischen Volksmundarten iu Südtirol", „Skizzen und Culturbüder 
aus Tirol" (darin unter anderem auch „Über Ursprung und Fortgang der rätischen 
Namenforschung"), „Streifzüge zur Erklärung tirolischer Ortsnamen"* (Bote von 
Tirol 1870) — hat in dem vorliegenden Buche zunächst allerdings nur die Namen 
des Lagerthaies, das sich von Calliano - Gamiga bis an die österreichisch- 
italienische Grenze erstreckt, behandelt, dabei aber eine so grosse Anzahl von 
Ortsnamen aus dem übrigen Tirol herangezogen, dass sein Buch ohne Zweifel als 
das „Grundbuch" für die Weiterentwicklung der tirolischen Namenforschung be- 
zeichnet werden darf, soweit die Namen deutschen oder romanischen Ursprungs 
sind ^). Um dem Leser einen Einblick in den reichen Inhalt unseres Buches zu 
verschaffen, sei kurz erwähnt, dass im ersten Teile die Ortsnamen des Lagerthaies, 
das nach Schnellers scharfsinnigen und interessanten Ausführungen von einem 
Standlager der Langobarden seinen Namen erhalten hat, in 479 Nummern behandelt 
werden, während ein zweiter Teil die altinschriftlichen und mittelalterlichen Per- 
sonennamen des Lagerthaies mit ihren in den Schreibnamen noch heute fortlebenden 
Nachfolgern beibringt. In einem Anhang unterzieht Schneller die Deutungen 
mehrerer Ortsnamen, die der italienische Professor B. Malfatti in einem im 



1) „Die Urbevölkerung Tirols**, Vortrag gehalten am 13. Februar 1886 und mit reich- 
lichen Litteratumachweisen abgedruckt im Tiroler Boten, Jahrgang 1886, Nr. 105—108 
und „Räto-etruskisches", ib. 1890, Nr. 299. 

2) Auch das Slavische fehlt nicht. Über slavische Namenreste in Oberpusterthal 
Tgl. die beiden verdienstlichen Programme von A. Unterforcher (Leitmeritz 1889 und 
Eger 1890). Über Slavismen in der Sprache vgl. H. J. Bidermann in „Forschungen 
zur deutschen Land*is- und Volkskunde von ür. R. Lehmann" I, Heft 7, S. 472 f. (84 f.). 
Übrigens dürfte auch das Illyrische in einigen Resten vertreten sein, wobei allerdings 
kein Gewicht darauf zu legen ist, dass das Baiuwarische in dem Worte mem manz (un- 
fruchtbare Kuh) wirklich ein Lehnwort aus dem llljrischeu hat, wie neuestens zu ersehen 
ist ans G. Meyer Etymologisches Wörterbuch der albanesischen Sprache, S. 276. 



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224 Stok: 

„XIII. Annuario" der „Societa degli Alpinisti Tridentini*' erschienenen „Saggio di 
Toponomastica Trentina" aufgestellt hat, einer zwar ablehnenden, aber, wie mir 
scheint, gerechten Kritik nnd bietet bei Besprechung des Ortsnamens Pergine, 
wozu übrigens auch die Bemerkungen von Götzinger im „Literaturblatt für ger- 
manische und romanische Philologie", Jahrgang 1890, Sp. 461, zu vergleichen 
sind, auch eine ausführliche Auseinandersetzung über die Ortsnamen auf -eiw, 
z. B. Wattens, Tirfents, Fritzens u. s. w., die als Genetive von Personennamen 
erklärt werden *). 

Es ist nicht Sache dieses Referates, auf die Deutungen im einzelnen ein- 
zugehen. Jedoch darf ich wohl hervorheben, dass die meisten sich des Beifalls 
der sachverständigen Forscher zu erfreuen haben werden. Dass Schneller mit 
Recht bei diesen Deutungen ein Hauptgewicht auf die Herleitung von Personen- 
namen gelegt hat, ist schon von anderer Seite hervorgehoben worden; was aber 
auch denjenigen, die von Appellativen hergeleitet werden, einen besonderen Wert 
verleiht, ist der Umstand, dass sie sich durchaus auf die genaueste Kenntnis von 
Land und Leuten stützen und also nicht der unbedingt notwendigen Grundlage ent- 
behren, wie dies bei Namendeutungen dieser Art nicht selten der Fall ist *). Eine 
besondere Freude hat Schneller seinen Stammesgenossen gemacht durch die An- 
führung von Hunderten von Ortsnamen deutschen Ursprungs aus Gegenden, in 
denen längst jeder deutsche Laut verklungen ist, die aber ein ebenso sprechendes 
Zeugnis ablegen für die weite Ausbreitung unserer Stammesgenossen nach dem 
Süden, wie dieses auch der körperliche Habitus gar mancher unserer welschen 
Landesbrüder thut, die einen viel mehr germanischen Typus aufweisen, als dies 
bei einer sehr grossen Zahl der diesseits des Brenners wohnhaften Landeskinder 
der Fall ist. 

Zum Schlüsse seien mir noch zwei Berichtigungen gestattet. Werm ich eine 
Bemerkung S. 272 richtig verstanden habe, soll sich der Name „Goten" an ein 
angebliches GAÜD anlehnen. Ich weiss nicht sicher, ob Schneller auch hier 
Förstemann zum Gewährsmann hat, da mir dessen Namenbuch im Augenblick 
nicht zugänglich ist. Jedenfalls aber hat die Anknüpfung des Namens an got 
gitUan („die ausgebreiteten") viel mehr für sich. Ich verweise der Kürze halber 
auf F. Wrede, Über die Sprache der Ostgoten in Italien (Quellen und Forschungen 
zur Sprach- und Kulturgeschichte der germanischen Völker, 68. Heft S. 44). S. 324 
ist irrigerweise ein etruskisches Insna citicrt; gemeint ist offenbar das altlateinische 
losna\ vgl. die Litteratur darüber in meiner lateinischen Laut- und Formenlehre. 
2. Aufl. (I. Müller, Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft. 2. Band) 
Seite 310». 

Innsbruck. Fr. Stolz. 



1) Schneller scheint entgangen zu sein, dass schon Biezler in dem Aufsatze ^Die 
Ortsnamen der Münchener Gegend" (44. Band des Oberbayerischen Archivs) unter Ver- 
weisung auf Lohmeyer, Beiträge zur Etymologie deutscher Flussnamen 191 dieselbe 
Deutung vorgebracht hatte. 

2) Man vergleiche darüber eine treffende Bemerkung von C. Pauli „Eine vorgriechische 
Inschrift auf Lemnos" S. 53 f. 



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fiücheranseigen. 225 

Deutsche Yolkssehauspiele. In Steiermark gesammelt. Mit Anmerkmigen 
und Erläuterungen nebst einem Anhange: Das Leiden Christi — Spiel 
aus dem Gurkthale in Kärnten. Herausgegeben von Dr. Anton 
Sehlossar. Halle. Max Niemeyer. 1891. Zwei Bände. VHI. 
343 S. und 404 S 8^ 

Herr Dr. A. Schlossar in Graz, der sich um Kulturgeschichte und Volks- 
kunde der Steiermark seit längerer Zeit verdient gemacht hat, veröffentlichte in 
den beiden Bänden, die wir hier anzeigen, volkstümliche Schauspiele aus steirischen 
Qoeilen. Ein kärntisches Passionsspiel ist beigegeben. 

Die Spiele sind folgende: I. Band. Das Paradeisspiel. Das Schäferspiel (vom 
guten Hirten). — Das Krippelspiel. Die Geburt Christi. — Das Leiden Christi. 
— Das Nikolausspiel. — Genovefa. — U. Band: Judith und Holofemes. — Hir- 
landa. — St. Barbara. — Susanna. — Der bayrische Hiesel. — Der gefoppte Geiz- 
hals. — Ein Nachspiel. — Das Leiden Christi. 

Also geistliche Spiele der Gattung, auf welche ich zuerst in meinen Weih- 
nacht-Spielen und Liedern aus Süd-Deutschland und Schlesien (Graez, 1853) 
die litterarische Forschung aufmerksam gemacht habe; femer ältere biblische Dramen 
(Judith, Susanna), moderne Dramatisierungen legendarischer und weltlicher Stoffe, 
und Reste von Fastnachtspielen. 

Der Text ist sehr verwarlost, denn er fliesst aus jungen Abschriften, welche 
von Landleuten gemacht sind aus Copien, die in unbestimmbarer Reihe gleicher 
Abschriften auf irgend ein gedrucktes oder geschriebenes Original zurück- 
leiten. Herr Schlossar hat sich bemüht, hier und da Korrekturen vorzunehmen; 
aber ein jeder, der mit solchen Spiel- oder Liederhandschriften aus dem Volke 
zu thun hatte, weiss, wie nur im seltensten Falle sichere Herstellungen zu erreichen 
sind. In den Anmerkungen hat Herr Schlossar auch über die Herkunft der 
Handschriften und über die Stoffe und ihre Litteratur Mitteilungen gemacht, ohne 
indessen auf Untersuchungen einzugehn. 

Dazu ist auch hier leider kein Raum, obschon manches dazu verlockte, wie 
z. B. das Nikolausspiel. Ich muss mich begnügen, einige allgemeinere orientierende 
Bemerkungen zu machen. 

Pur die geistlichen Spiele des evangelischen Festcyclus — Weihnachten, 
Ostern — leiten die noch im Volke überlieferten Texte auf das 16. oder 17. Jahr- 
hundert : Reformation und Gegenreformation. S c h r ö e r zuerst hat in seinen deutschen 
Weihnachtspielen aus Ungern (Wien 1858. S. 162 ff.) auf die Beziehungen des 
Oberuferer Weihnachtspiels zu Hans Sachsens biblischen Dramen aufmerksam 
gemacht, ebenso auf Berührungen mit den Edelpöckschen und Berliner ^ondoschen) 
Weihnachtskomödien. Dann ist Aug. Hartmann in seinem Weihnachtspiel und 
Weihnachtlied in Oberbayern (München 1875. S. 12—17) und in seinen Volks- 
schauspielen (Leipzig 1880. S. 49 ff.) weiter darauf eingegangen. Durch die 
Meistersingerschulen, die in manchen Orten das Theaterprivilegium erhielten tmd 
sich in Spielgesellschaften umwandelten, wie die Oberuferer Singer noch bis über 
die Mitte unseres Jahrhunderts bezeugt haben, wurde das Fortlebea der alten dra- 
matischen Stoffe und Erzeugnisse, alter dramatischer Kunst und Art vermittelt, und so 
erklären sich auch die in die Schlossarsche Sammlung aufgenommenen Judith- 
nnd Susannatexte nach Abschriften des 18. Jahrhunderts. 

Neben den Singschulen kommen die freien Spielgesellschaften in Betracht, die 
im südlichen Deutschland von Ungarn bis in die Schweiz seit dem 16. Jahrhundert 
in Städten und Dörfern bestanden und bis in die Gegenwart in den östeiTcichischen 

Zeiucbrift <L Vereins f. VoUskande. 1891. 15 

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226 WeinhoM. 

nnd baierischen Landen gelebt haben: am freudigsten im Tiroler Unterinnthal, 
wo bis vor wenig Jahrzehnten noch in vielen Dörfern zunftartige Spielergesell- 
schaften in einfachen Bretterhütten, welche dafür gebaut waren, die durch viele 
Geschlechter ererbte Kunst übten, und sowohl alt überkommene, pietätvoll ge- 
wahrte, als auch neue, unter ihnen selbst entstandene Stücke aufführten. Auf 
solchem Grunde ruht auch das weltbekannte Oberammergauer Passionsspiel, 
dessen Geschichte Aug. Hartmann (das Oberammergauer Passionsspiel in seiner 
ältesten Gestalt. Leipzig 1880) urkundlich aufgeklärt hat. Es beruht einerseits 
auf treufromm festgehaltener alter Überlieferung, andererseits auf den zu rechter 
Zeit vollzogenen Umarbeitungen tüchtiger Geistlicher des 18. und 19. Jahrhunderts. 

Denn nur solche Teilnahme konnte in den katholischen Ländern unsers Südens 
die geistlichen alten Spiele vor Zersetzung und Vernichtung schützen. Wir können 
dieselbe seit Anfang des 17. Jahrhunderts wahrnehmen. Beweise sind die vier 
Weihnachtspiele meiner Handschrift, welche nach Aug. Hartmanns Funden 
möglicherweise in dem Salzburgischen, vielleicht im Kloster Seeon gedichtet sind *); 
femer die wohl aus selber Zeit stammenden Münchencr geistlichen Spiele, 
welche Hartmann Volksschauspiele 422 ff. bespricht. Das Paradeisspiel samt dem 
Spiel vom guten Hirten, dessen in Obersteiermark weit verbreiteten Text') ich in 
meinen Weihnachtspielen veröffentlichte, wozu dann Schröer und nun Schlossar 
andere aber verwandte Niederschriften drucken Hessen, ist ein neuer Beweis 
jener fördernden Teilnahme dichterischer und verständiger Priester, die leider 
mit Ausnahme von Oberammergau nun erloschen ist. 

Die weltlichen Stücke blieben wilde Reiser, an denen nur ab und zu eine 
Schere einen meist verbildenden Zuschnitt nach der Mode vollzog. Auch die halb 
legendarischen, halb romanhaften, der Barockzeit angehörigen Dramatisierungen 
der Genoveva- und Hirlanda-Bücher kamen nur in die Zucht der Puppenspieler 
und sind ein Gemisch von Staatsaktion, Ritterstück und Hanswurstiade. Die 
Schlossarsche Sammlung hat Genoveva und Hirlanda, dazu als Auszug einer 
Puppenkomödie den Matthias Klostermaier, genannt bairischen Hiesl, wie die Ver- 
gleichung mit dem Text in den Deutschen Puppenspielen von Kralik und 
Winter (Wien 1885) auf einen Blick zeigt. 

Dem Bauerntheater sagte dieser Stil durchaus zu. Auch dafür können wir 
die Mander vom Innthal als Zeugen heranziehen. Auf dem Bauemtheater zu Pradl 
wird noch jetzt in diesem und in noch altertümlicherem Stil mit Ehmhold und 
Hanswurst, mit Teufel und Schutzgeistem agiert, wenn auch das Moderne, aber 
keineswegs das Bessere sich daneben eindrängt. 

Aus Baiern, Salzburg imd Tirol sind auch die Namen von Dichtem für das 
Bauemtheater und die ländlichen Spielgesellschaflen noch aus diesem Jahrhundert 
bekannt : ihrem Stande nach verdorbene Schüler, Holzknechte, Schiffer, Salinenarbeiter 
und dergleichen. Eine alte Bäuerin spielte und dichtete vor Kurzem noch in hohem 
Alter zu Hötting im Innthal. Ritter- und Räuberstücke, Heiligengeschichten, 
Scenen in Art der alten Pastnachtspiele gingen oder gehn über die Bühne 
(A. Hartman n Volksschauspiele 338 ff.). Bei der Freude des Volkes an diesen 
Unterhaltungen kann man nur wünschen, dass Versuche, diesen Bühnen bessere 
und doch zugleich echt volkstümliche Kost zu geben, wie ein junger Tiroler Dichter, 
Franz Lechleitner sie in seinen drei Bauernspielen (Eisenach 1890) ver- 
öffentlicht hat, Nachfolge finden. K. Wein hold. 

1) Vgl. meine Weihnachtspiele, S. 175—185. A. Hartmann Weihnachtlied 19. Volks- 
schauspiele 98. 103. 143. 

2) Ausser der Vordemberger Handschrift kenne ich ganx oder sehr nahestehende 
aus Judenburg, TragOBs und Ailenz. 



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BücheraDzeigen. 227 

Krauss, Friedrich 8., Orlovic, der Burggraf von Raab. Ein moham- 
medanisch-slayisches Gnslarenlied aus der Hercegovina. Freiburg im 
Breisgau. Herder 1889. VHI, 128 S. 

Der wohl bekannte Forscher auf dem Gebiete südslavischen Volkstums, welcher 
in den Jahren 1884 und 85 im Auftrage weiland des Kronprinzen Rudolf Bosnien 
and das Herzogsland bereiste, um ethnographische Erhebungen zu pflegen, giebt 
hier aus dem reichen Schatze seiner Sammlungen eine Probe. Der Inhalt des 
Liedes, welches dem V. durch den Guslaren Hasan Sasiö gesungen wurde, ist 
kurz folgender: OrloTic, der Burgherr von Raab, unternimmt einen Zug libers 
adriatische Meer ins Feindesland Italien hinüber, um seinen auf der festen Burg 
Arsan im «Kerker schmachtenden Freund und Stammesgenossen zu befreien. Es 
gelingt ihm, in der Verkleidung eines Malteserritters durchs feindliche Gebiet sich 
hindurchzuschwindeln. Er weiss schlau, den Burggrafen von Ar- an zu ködern, 
findet bei ihm auf der Burg Aufnahme und entfühi-t ihm die Tochter samt dem 
kostbaren Gefangenen. — Dieser einfache StofT erregt durch die äusserst geschickte 
Weise, mit welcher der Mohammedaner die für ihn so schwierige Rolle eines 
geistlichen Ritters durchführt, unser höchstes Interesse. Nach einer ausführlichen 
Einleitung giebt Krauss den Text des Liedes in der Ursprache und daneben die 
deutsche Übertragung. Bietet das Lied an sich schon dem Forscher volkskund- 
liches Material die Fülle, so wird dasselbe noch bereichert durch die Bemerkungen 
Rrauss', welche in den sorgfältig ausgearbeiteten Anmerkungen niedergelegt 
sind. Besonders interessant erscheint der Nachweis, dass die mohammedanisch 
slavische Frau, besonders die Frau des begüterten Adligen, social unvergleichlich 
hoch über der christlichen Mitschwester, der Serbin, Kroatin und Bulgarin steht. 
Den Schluss des gut ausgestatteten Büchleins bildet ein Sachregister. — - Die ge- 
lieferte Piobe ist volkskundlich von so hirvorragendera Werte, dass wir mit Spannung 
einer Gesamtausgabe der von Krauss gesammelten Guslarenlieder entgegen sehen. 

IT. Jahn. 



Ulirieh, H., Sagen der mittleren Werra, der angrenzenden Abhänge des 
Thüringer Waldes, der Vorder- und der Hohen Rhön, sowie aus dem 
Gebiete der fränkischen Saale, gesammelt von. Ch. Ludw. Wucke. 
Zweite, sehr vermehrte Auflage mit biographischer Skizze, Anmerkungen 
und Ortsregister. Eisenach. Kahle 1891. XV, 531 S. 

Im Jahre 1864 gab Wucke zwei Bändchen Sagen heraus, die er selbst dem 
Volksmimde in dem Werrathale von Meiningen bis Vacha entnommen hatte. War 
die Sammlung auch für das grössere Publikum berechnet, so enthielt sie immerhin 
brauchbares Material und übertraf die Arbeiten Bechsteins und Heusingers, 
die sonst für die dortige Gegend in Betracht kommen, um ein Bedeutendes. Nach 
dem Erscheinen seiner Sammlung arbeitete Wucke rüstig weiter und brachte auch 
eine sehr beträchtliche Anzahl neuer Sagen aus gleichem Gebiete, wie aus anderen 
Teilen seiner engeren Heimat zusammen, konnte aber wegen seiner körperlichen 
Hüflosigkeit (er war blind) zu einer Veröfifentlichung des gehobenen Schatzes 
nicht gelangen. 



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228 Ja*»^: 

Es ist nun das grosse Verdienst Ullrichs, dass er sich nach dem am 
1. Mai 1883 erfolgten Tode Wuckes des handschriftlichen Nachlasses annahm 
tmd dem Verstorbenen jetzt durch die Herausgabe der 2. Auflage ein würdiges 
Denkmal gesetzt hat. Die erste Sammlung umfasste im ganzen 443 Sagen, die 
von Ullrich besorgte zweite nicht weniger als 833. Das neu Hinzugekommene 
ist zugleich an wissenschaftlichem Wert ungleich höher anzuschlagen, als das 
frühere, da Wucke sich später von der geistigen Bevormundung durch den mit 
ihm befreundeten Bech stein losgemacht zu haben scheint. Ein vorgesetztes 
Sternchen macht dem Leser das neu Aufgenommene deutlich erkennbar. Neu 
hinzugefügt sind femer seitens des Herausgebers am Fusse jeder Sage Angaben 
darüber, ob die Sage auch schon von anderen aufgezeichnet ist. Dadurch wird, 
wie Ullrich mit Recht hervorhebt, festgestellt, dass Wucke, wo er Vorgänger 
gehabt hat, in der Begel die volkstümlichere, treuere Passung bietet. Wucke 
hatte sich aber auch redlich bemüht, in die Geheimnisse der Volksseele einzudringen. 
Wir schliessen die Besprechung mit der Schilderung, welche er von seiner Art, 
Sagen zu sammeln, im Vorwort zu der 1864 erschienenen Ausgabe gemacht hat, 
da dieselbe manch wertvollen Fingerzeig für jeden Sammler volkstümlicher Über- 
lieferungen bietet: „Es ist nicht leicht", so sagt er, „was Volkssagen betrifft,, das 
Zutrauen der Landbewohner zu gewinnen; sie sind misstrauisch und fürchten, von 
dem sogenannten Gebildeten zum besten gehabt zu werden. Und wenn auch ein 
guter Teil derselben noch fest an den Inhalt der Sagen glaubt, so ist man doch 
meist ängstlich bemüht, den Schein des Glaubens zu vermeiden, weil man fürchtet, 
durch den Sagensammler biossgestellt oder wohl gar auf irgend eine Weise ver- 
dächtigt zu werden. Ehe der Verfasser seine bezüglichen Wanderungen antrat, 
suchte er sich wo möglich genaue Kenntnis des zu sondierenden Terrains zu ver- 
schaffen und über etwa vorhandene Burgruinen, Denkmäler, alte Bäume, Seen 
und Quellen und dergleichen eingehende Kunde zu erwerben. Hauptsächlich 
forschte er nach solchen Leuten: Greisen, Hirten, Waldhütern, Kräuterweibern, 
welche ihm die gewünschten Mitteilungen zu machen imstande schienen. Sodann 
näherte er sich denselben, in ihre Sphäre niedersteigend, vertrauensvoll, suchte sie 
bei ihrer Berufsarbeit im Felde, im Walde oder auch in der Dorfschenke auf, strebte 
durch Mitteilung von bereits Bekanntem und durch Fragen, die sich auf Lokalitäten 
bezogen, Anknüpfungspunkte und dadurch zugleich das Interesse der Erzähler zu 
gewinnen, und hatte in den meisten Fällen die Genugthuung, alles, was ihhen zu 
Gebote stand, rückhaltlos gegeben zu sehen. War z. B. in der Schenke irgend 
einer erst so weit gebracht, dass er erzählte, so wirkte dies in der Regel wie ein 
Zauber auf alle Anwesenden. Schlafende Erinnerungen wurden bei dem und jenem 
geweckt. Dieser erzählte das, der andere jenes, was er von Eltern und Gross- 
eltern gehört. Die eifrigsten Spieler legten oft ihre Karten nieder und sammelten 
sich als Erzähler oder Zuhörer um den Verfasser, der dann freilich auch manches 
Unbrauchbare geduldig mit in den Kauf nehmen musste. Ehe er jedoch eine 
der gewonnenen Sagen in seine Sammlung aufnahm, hat er sich durch strenge 
Prüfung zu überzeugen gesucht, ob die Sage dort auch wirklich im Volke lebe 
oder gelebt habe, indem er dieselbe noch andern an Ort und Stelle wohnenden 
Leuten andeutete und von ihnen nochmals erzählen liess." — So sind die Wucke sehen 
Sammlungen entstanden. Der Forscher wird an ihnen, vor allem an der von 
Ullrich besorgten Ausgabe, nicht achtlos vorüber gehen dürfen. 

U. Jahn. 



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Bücheranzeigen. 229 

Philo Tom Walde: Die Dorfhexe. Bauernkomödie mit Gesang in drei 
Akten. Mit einem Nachworte. Orossenhain und Leipzig, Baumert 
und Ronge. (1891). 119 S. 8^ 

Philo Yom Walde, d. i. Johann Reinelt, ist als schlesischer Dichter (Aus der 
fleemte. 1883. — A Schläsches Bilderbüchel. 1884. — A Singvägerle. 1886. 
— Vagantenlieder. Hochdeutsche Lieder und Gedichte) so wie als Sammler und 
Herausgeber Schlesischer Yolksüberlieferungen (Schlesien in Sage und Brauch. 
1884) Torteilhaft bekannt. Mit der vorliegenden Bauemkomödie hat er den Über- 
gang zur Bühne versucht Wir haben hier keine ästhetische Kritik zu üben und 
weisen daher nur darauf hin, dass die Dorfhexe für Gebräuche und Aberglauben 
eine g^te Fandgrube ist und dass Denk- und Sprechweise des schlesischen Land- 
volkes im nördlichen Vorlande des mährisch-si hlesischen Grenzgebirges treu wieder- 
gegeben sind. Denn dass kleinere lautliche Eigenheiten zu Gunsten besserer Ver- 
ständlichkeit geopfert wurden, verschlägt nichts, indem hier keine Vorlage für die 
jetzt auftauchenden Grammatiker einzelner Dörfer gegeben werden sollte. Ein 
Dichter wird immer gut thuu, das Allgemeine seines Dialekts geschickt zu be- 
nutzen, wenn er in demselben dichten will. So hatte R. v. Holtei mit Bewusst- 
sein sich ein Schriftschlesisch gebildet, das echt-schlesisch ist und doch zugleich 
in weiteren Kreisen verstanden ward. R. Weinhold. 



A. de Coek. Volksgeneeskunde in Vlanderen. Gent, J. Vuylsteke. 
1891. Vn, 368 S. 8^ (3 Mk.) 

Pur dpnjenigen, der sich mit der Entwicklung der wissenschaftlichen Begriffe 
in den unteren Schichten der Gesellschaft beschäftigt, ist die Volksmedizin eins 
der wichtigsten Fächer der Volkskunde. An ihn richtet sich die kürzlich er- 
schienene Volksgeneeskunde in Vlanderen von De Cock. Die Ausländer werden 
bedauern, dass das Buch in einer wenig gelesenen Sprache verfasst ist, und wirk- 
lich ist diesmal der des Niederländischen Unkundige im Nachteil, denn dieses Buch 
ist das wichtigste, welches bis jetzt über jenen Gegenstand vorhanden ist. Im 
ganzen folgt es dem Plan von Fessel s bekannter Arbeit, und da sich erwarten 
lässt, dass der für Volksmedizin sich Interessierende dieses Buch zur Hand habe, 
kann ich auf eine Inhaltsgabe hier verzichten. De Cock leistet aber mehr, er er- 
gründet den Gegenstand tiefer als seine Vorgänger, namentlich als Fessel und 
Lammert. Er versucht die Grundvorstellxmgen in der Volksmedizin zu erforschen, 
und thut das vorzüglich auf historischem Wege. Einerseits vergleicht er die Volks- 
medizin in Flandern mit der der Nachbarvölker, namentlich der Wallonen und 
Deutschen; andererseits sucht er nach der gemeinsamen Quelle; darum forscht er 
in dem Animismus der sogenannten wilden Völker der Gegenwart. Er untersucht 
femer die Verbindung der Volksheilkunde mit dem Heiligenkultus, wobei manche 
Verschiedenheiten je nach der Gegend hervortreten, sich aber im allgemeinen wichtige 
Beobachtungen für die Volkslogik ergeben. Vielfach stammen die Heilmittel aus 
der Pflanzenwelt, und hier hat De Cock nicht unterlassen, auch die alten Botaniker 
auszubeuten. 

Dieser Teil der Volkmedizin ist gewöhnlich nicht auf ein Volk beschränkt, 

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230 Jahn: 

sondern über den ganzen Westen von Europa verbreitet, da er meist nur ein Rest 
der mittelalterlichen Therapie ist und teilweise von da in das wissenschaftliche 
Corpus der Medizin überging. — De Cooks Buch ist mit gesundem kritischem 
Sinn [und klarer Einsicht in den Gegenstand geschrieben und vielfach auf un- 
mittelbare persönliche Forschungen gegründet. Ein genauer nützlicher Index 
macht den^Schluss. 

Ch'arleroi in Belgien. Aug. Gittee. 



Aus den 

Sitzungs-ProtokoUen des Vereins für Volkskunde. 



Berlin, Freitag, den 23. Janaar. Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung 
und legt in grossen Zügen Zwecke und Ziele des neu begründeten Vereins dar. 
Sodann erteilt er das Wort Herrn Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. A. Meitzen zu dessen 
Vortrag über Land und Leute in den Saalegegenden. Da derselbe sich im 
wesentlichen mit den Ausführungen Herrn Meitzens über denselben Gegenstand 
in diesem Hefte deckt, können wir auf unsere Zeitschrift S. 129 — 138 verweisen. Als 
dritter Vortrag stand auf der Tagesordnung „Die Trachten der Vierländer, 
mit Demonstrationen". Der Vortragende, Herr Dr. U. Jahn, gab zunächst 
an, dass die vorgeführten Sammlungen von ihm persönlich im Laufe des Jahres 1890 
an Ort und Stelle zusammengebracht und dann in den Besitz des Herrn Banquier 
Alexander Meyer Oohn zu Berlin übergegangen seien, um gelegentlich dem 
Bestände des Museums für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Haus- 
gewerbes einverleibt zu werden. Die Trachten sind komplett und gehören einer 
Braut, einer Frau in Abendmahlstracht, einem Mädchen in Tanztracht, einem 
Bräutigam und einem Bauer in alltäglicher Kleidung. Zur Veranschaulichung 
waren die Trachten fünf lebenden Modellen angezogen; als 6. Figur kam ein 
Blumenmädchen hinzu, in dem Anzug, welcher heute von den mit Blumenhandel be- 
schäftigten Vierländerinnen in grossen Städten, wie Hamburg und Berlin, getragen 
wird. Der Vortragende äusserte sich des weiteren über den Schnitt der Trachten, 
die Ornamentik der Stickereien und Strickarbeiten, den Schmuck, den Kopfputz 
(zumal der Braut) und kam, nachdem vergleichsweise die Altländer, Nordfriesen, 
Propsteier und die Jamunder bei Cöslin herangezogen waren, zu dem Resultat^ 
dass wir in den Vierländern Repräsentanten eines friesischen Stammes zu erblicken 
haben. — Im Anschluss an den Jahnschen Vortrag legte Herr Stadtrat E. Friedel 
eine von seiner Ehefrau nach einem modernen schwedischen Muster kürzlich ge- 
fertigte Stickerei, Kreuzstich in buntem Gara auf weissem leinenen Grunde, vor. 
In der Mitte erhebt sich der Maibaum in Kreuzgestalt, die Mrttelstange mit der 
schwedischen Flagge geschmückt, an den beiden Kreuzarmen hängend je ein mit 
Bändern ausstaffierter Blumenkranz Zum Muifest tanzen 5 Bauernburschen und 
6 Bauerndir nen, sich mit den Händen fassend, in malerischer Nationaltracht, einen 



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Protokolle. 281 

Rmgeltanz um den Maibanm herum. Seitwärts links, etwas höher, steht der Dorf- 
geiger und fidelt zum Tanz. Das ganze Stickereiwerk, etwa 1 m lang und V4 ^ 
hoch, nimmt sich recht eigenartig und geschmackvoll aus, lässt sich auch besonders 
als Wandschmuck verwenden, zeigt also, wie die gelehrten Forschungen des Vereins 
praktisch und entsprechend für Haus und Stube gelegentlich ganz zweckmässig 
werden und Anwendung finden können. — Den letzten Teil der Sitzung bildeten 
^e Wahlen für Vorstand und Ausschuss, deren Resultate seiner Zeit besonders 
mitgeteilt worden sind, ebenso wie das Verzeichnis der bis zum 23. Januar dem 
Verein beigetretenen 143 Mitglieder. 

Freitag, den 27. Febrnar. Neu beigetreten sind dem Verein: Prof. Dr. 
Fr. Paulsen-Berlin; Magister Axel Olrik- Kopenhagen; Dr. Otto Doberentz- 
Naumburg a. d. S.; Prof. J. Ammann-Krummau i. Böhmen; Regierungsrat Dr. 
Franz Ilwof-Graz i. St.; Sanitätsrat Dr. Br. Florschtitz-Wiesbaden; Prof. Dr. 
W. Creizenach-Krakau; Prof. Dr. P. Pietsch- Greifs wald; H. Lampson- 
Berlin; Dr. M. Lewin-Berlin; Rechtsanwalt Dr. H. Simon-Berlin; Leopold 
Lesser-Berlin; Sanitätsrat Dr. J. Blumenthal-Berlin; Kgl. Bayerische Hof- 
und Staatsbibliothek-München; Freiherrlich C. von Rothschildsche 
öffentl. Bibliothek-Frankfurt a. M.; Gymn.-Lehrer Dr. F. Ritter-Emden; Dr. 
Herrn. Ullrich - Chemnitz; Lehrer Christian Jensen - Oevenum auf Föhr; 
Franz Lipperheide-Berlin; Direktor Dr. L. Lindenschmit-Mainz; Geh.-Rat 
Dr. G. Freytag-Wiesbaden; Dr. M. Sachse-Berlin; Amin Maarbes, Lektor 
am oriental. Seminar, Berlin; Dr. Heinrich Thiessen-Berlin; K. K. deutscher 
Konsul Dr. Job. Mordtmann-Salonik; Senator Dr. K. Egger s-Berlin; Verlags- 
buchhändler Dr. 0. Löwenstein- Berlin; Custos am mark. Museum R. Buchholz- 
Berlin. — Es erhält das Wort Herr Prof. Dr. M. Lazarus zu seinem Vortrag 
„Über Volkskunde als Wissenschaft". Derselbe wird vollständig im „Magazin 
für Litteratur" erscheinen; wir können uns deshalb hier auf das notwendigste 
beschränken. Nachdem Lazarus das Verhältnis des neuen Vereins zu dem 
für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte klargelegt und hervorgehoben 
hatte, dass wir nicht scheiden, sondern unterscheiden wollen, geht er 
auf die Volkskunde im besonderen über. Allein in der Erkenntnis des Wesens 
und der Leistungen eines einzigen Volkes liegt die Gewähr dafür, dass man 
durch diese Aussonderung zum Erkennen sowohl dieses Volkes selbst, als 
auch der andern Völker gelangt. Unsere Aufgabe ist es also, die Volkskunde 
in erster Linie als die eigene, die deutsche, mit der allergrössten Genauigkeit zu 
.betreiben, während es nicht ausgeschlossen ist, überall Teilungen vorzunehmen 
und Vergleichungspunkte mit den übrigen Völkern zu suchen. Die Volkskunde 
muss die Gesamtheit im Auge haben; sie muss das, was Gegenstand ihrer Forschung 
ist, nicht im Individuum, sondern im Volke, in Gesamtkreisen, finden. Vor allen 
Dingen muss der grösste Nachdruck auf die Thatsachen gelegt werden. Es 
darf sich aber nicht um ödes und blödes Sammeln handeln. Und wenn noch so 
viele Gegenstände vorhanden sind, damit ist die Sache nicht gethan; sie müssen 
gedeutet werden. Es dürfen also nicht bloss die Thaten, sondern in der That 
muss immer der Gedanke gesucht werden. Nachdem der Vortragende den Nach- 
weis geführt hatte, dass Deutschland zwar in der Errichtung von Museen und in dem 
Zusammenbringen grosser öffentlicher Sammlungen früher hinter den übrigen 
Kulturstaaten zurückgeblieben sei, dass es aber dafür den Ruhm in Anspruch 
nehmen dürfe, während jene nur von einer Unmenge von Thatsachen Kenntnis hatten, 
in dieselbe die Gedanken hineingelegt zu haben, geht er auf das Verhältnis der 
Volkskunde zur Geschichte über. Die Geschichte habe es mit dem Wandelbaren, 



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%, 



232 ^<^: 

die Volkskunde mit dem Ständigen und Zuständigen zn thun. Sie sei eine Statistik 
des Geistes, sozusagen eine Statistik ohne Zahl, ähnlich wie die Moralstatistik. 
Die letzte und wesentliche Ursache für den Lauf der Geschichte bleibe der Volks- 
geist und der Volkscharakter selbst. Mit ihm habe sich die Volkskunde zu be- 
schäftigen und nach ihm Torzugsweise ihren Gesichtskreis zu erweitem. Seine 
Sehnsucht sei stets eine Geschichte des deutschen Volksgeistes gewesen. Diese 
Sehnsucht habe ihn vermocht, gemeinsam mit seinem Freunde Steinthal die 
Zeitschrift ftlr Völkerpsychologie herauszugeben, und diese Sehnsucht sei nicht ab- 
geschwächt in dem Verein für Volkskunde. Er wünsche, dass alle, die hier ver- 
sammelt seien, Mitarbeiter würden an der Schöpfung einer Geschichte des deutschen 
Volksgeistes. — Geh. -Rat R. Virchow legte als Erwiderung auf den L.: 
Vortrag in kurzen Zügen die Entwicklung der deutschen anthropolo- 
gischen Wissenschaft und die verschiedenen Forschungsgebiete dieser und 
der Volkskunde dar. — Es sprach darauf Herr Dr. C. Nörrenberg über den 
Wenkerschen Sprachatlas. Mit beredten Worten schilderte der Vortragende 
die unendliche Mühe, welche G. Wenker verwandt hat, um in den Besitz des 
umfangreichen Materials zu gelangen, über welches er zur Zeit verfügen kann. 
Seine Methode war folgende. Er liess viele Tausende von fliegenden Blättern in 
alle Welt gehen, welche eine Reihe von alltäglichen Sätzen enthielten; daran 
knüpfte sich für den Empfänger die Bitte, diese Sätze in die in seinem Wohnort 
übliche Mundart zu übertragen. Tausende von Empföngern, fast durchweg Volks- 
schullehrer, gingen auf die Wünsche Wenkers ein, und nach diesen Eingängen 
ist dann von ihm für jedes Wort eine Karte gezeichnet, in welcher durch ver- 
schiedene Farben angegeben ist, wie man dasselbe in den verschiedenen Dörfern 
ausspricht. So enstand eine eigentümliche Grammatik in kartographischer Form, 
welche die überraschendsten imd, nach der Ansicht des Vortragenden, durchaus 
zuverlässige Resultate zeitigt. Leider konnte wegen vorgerückter Zeit' auf eine 
Diskussion nicht eingegangen werden. — Den Schluss der Sitzung bildete ein 
Vortrag des Herrn Stadtrat E. Friedel, über die sogenannten Vivatbänder 
und Ähnliches. Man versteht, wie Herr Friedel des näheren ausführte, unter den 
Vivatbändern lange, schmale, gewöhnlich seidene Bänder, welche Inschriften, 
Vignetten, teils eingewirkt, teils aufgedruckt tragen. Diese Bänder wurden zur 
Erinnerung an Gedenktage gefertigt und unter Freunde und Bekannte als Ge- 
schenke verteilt, nicht nur bei Siegen, sondern auch bei Hochzeiten, Begräb- 
nissen u. s. w. Man sollte sie deshalb anstatt Vivat- besser Erinnerungsbänder 
nennen. Nachzuweisen ist die Sitte dieser Bänder etwa von 1740 an bis ziun 
Anfang dieses Jahrhunderts; das Gebiet ihrer Verbreitung war besonders das 
Königreich Preussen. Aus dem Märkischen Museum, sowie aus Privatbesitz war 
von dem Vortragenden eine reiche Sammlung dieser zum Teil sehr kunstvoll und 
zierlich ausgearbeiteten Bänder ausgestellt, die mit lebhaftem Interesse gemustert 
wurde. 

Freitag, den 20. März. Neu beigetreten: Hofphotograph F. Leyde-Berlin; 
Banquier F. Behrens-Berlin; Dr. John Meier^Halle a. S.; Wilhelm Rubiner 
(Gerhard Stein)-Berlin; Julius Lappe-Neudietendorf bei Gotha; Dr. Richard 
Ehrenberg, Sekretär des Kgl. Commerz. Collegiums, Altena; William Stein, 
Fabrikbesitzer, Stettin; Rektor a. D. H. Frisch hier- Königsberg i. Pr.; Pfarrer 
H. F. Feilberg-Pastorat Darum bei Bramminge in Dänemark; Oberlausitzische 
Gesellschaft der Wissenschaften- Görlitz. — Es spricht Herr Prof. Dr. 
M. Roediger über die Sage von Ermanrich und Schwanhild. Der Vortrag 
wir(^ im 3. Heft dieser Zeitschrift erscheinen. 



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Protokolle. 233 

Den zweiten Vortrag des Abends hielt Herr Prof. Dr. Alex. Brückner über 
Mittelalterliche latein. Predigten als Quelle für Volkskunde. Der Vor- 
tragende wies darauf hin, wie mangelhaft das reichhaltige vorhandene Materia] 
an Predigten aus dem späteren Mittelalter (Brückner hat polnische Verhältnisse 
im Auge) ausgenützt würde; und doch seien gerade sie für den Forscher auf 
kulturhistorischem Gebiete von höchster Wichtigkeit. Er unterscheidet zwei Arten 
von Predigten. In den ' einen hatte der Prediger ein geistig höher stehendes 
Publikum vor sich. Um demselben die langweiligen Ergüsse seiner Weisheit 
angenehmer zu machen, flocht er allerhand Märlein in den Gang der Rede ein, 
Stoffe, die ihm aus der reichen Schwanklitteratur des Mittelalters bekannt geworden 
waren. Daher, nach Brückner, die merkwürdige Übereinstimmung vieler Ge- 
schichten und Schwanke, die noch heute im Volksmunde gehen, mit den Ge- 
schichten Boccaccios. Von dieser Art Predigten will Brückner für diesmal ab- 
sehen ; er geht auf die zweite Art über, in denen der Geistliche, um seinen Reden 
Reiz zu verleihen, die heidnischen Untugenden seiner Gemeindeglieder geisselt. 
Da zeigt sich nun, dass die spärlichen Nachrichten, welche uns über die slavische 
Mythologie, speciell über die polnische, überkommen sind, durch diese Predigten 
in überraschender Weise erläutert werden. Ein paar besonders interessante Proben 
bewiesen die Wahrheit dieser Behauptung schlagend. Im Anschluss an den mit 
grossem Beifall aufgenommenen Vortrag wurde von Herrn Prof. Zupitza ein 
Osterbrauch, das Besenbrennen, mitgeteilt, der noch in seiner Kindheit in der 
Gregend von Oberglogau in Oberschlesien geübt wurde und der sich ganz den 
von Brückner aus seinem Predigtmaterial hervorgeholten und als heidnisch an- 
gegebenen Osterbräuchen verglich. Auch von anderer Seite wurden aus dem 
heutigen Volksbrauch Parallelen geboten, und allgemein wurde der Wunsch laut, 
dass der Vortragende sich bald noch einmal über den Gegenstand äussere. — Der 
Vortrag des Herrn Dr. ü. Jahn über den Piligranknopf in seiner Entwicklung 
wurde auf die nächste Sitzung verschoben, da neues Material zur Veranschaulichung 
des Vortrags in Aussicht steht und dessen Eintreffen abgewai'tet werden soll. 
Statt dessen sprach der Vorsitzende, Geh. Reg.-Rat Wein hold, über die Gebot- 
zeichen, indem er auf den alten und allgemeinen Gebrauch dieser in Krieg und 
Frieden gebrauchten uralten Mittel zum Aufgebot der Volks- und der Gemeinde- 
genossen hinwies und die Anwesenden ersuchte, ihm bei Sammlung des Stoffes 
bierfür behilflich zu sein. 

ü. Jahn. 



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234 



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Litteratur des Jalires 1890. 

Von Dr. Friedrich Back. 

(Fortsetzung.) 



Volkskunde im Allgemeinen. 
Zeitschriften. 

Nachträge. 



Folk-Lore^ a quaterly review . London. 

D. Nutt. (Vgl. S. 116.) 

I. 4. Abercromby, Mairiage Customs 
of the Mordvins. — Kowalewsky, Marriage 
among the Early Slavs. — Stewart Lock- 
hart, The Marriage Ceremonies of the 
Manchus. — Clouston, TheStorj of the Frog 
Prince. — Folk-lore Congress 1891. — Not^s 
and News. — Correspondence. — Miscellanea. 

— Folk-lore Bibliography. — Index to Ar- 
ticles. Index to Bibliography. 

Reyne des traditions popnlaires. Paris. 
J. Maisonneuve. (Vgl. S. 119.) 

V. 12. Hardouin, Traditions et super- 
stitions siamoises (suite) 4. ö. — Bubbens, 
Prejug^s en Louisiane. — Tiers ot, La fille 
d6guis6e en dragon. — Bourchenin, Cou- 
tume de mariage (suite). -- Sebillot, Les 
traditions populaires et les ^crivains franQais 
(suite). — Beauregard, Proverbes et dictons 
malays. — Morin, Contes troyens 1—3. — 
Sichler, Bau et les filles des flots. — 
Blanchard, Traditions et superstions de la 
Tooraine (suite). — Certeaux, Faceties 
suisses. — Sebillot, Seconde vue (suite). 

— Bibliographie. Notes enquetes. 

La Tradition. Direction: £. Blemont et 
H. Carnoy. Paris. E. Lechevalier. IV. 
1890. (VgLS. 119). 

IV. Avril. Davidson, Le Folklore en 
Angleterre. IV. - Seit er, La ronde du 



mariage. — Kr oh n, Histoire du traditionniiime 
en Finland. I — Harou, Les mat^riaux dans 
les constructions. IL — H C, Le mois de 
mai. XII. — Echaupre, Complaiute de 
Saintonge. — Cunisset-Carnot, L'arbre de 
Älirabelle. — de Nittis Berceuses des onvirons 
de Naples. — Petitot, Contes et tradition 
des Esquimaux. I. — Sinval, Les Busses 
chex eux. VIL — Carnoy, A propos d'un 
article de M. H. Gaidoz. — Bibliographie. — 
Le mouvement traditionniste. 

V. Mai. Harou, le folklore de la Bel- 
gique. I. — Blemont, Hymne antique. — 
Brnnet, L'äne dans les proverbes pro- 
vengaux. I. — Davidson, Le folklore en 
Angleterre. V. — Carnoy, La fuite en Egypte. 
Chanson picarde. — Plantadis, Le sabre 
de Koland. — Carnoy, Les rites du mariage. 
I. — Nicolaides, Palladiums et talismans 
des cites. IL — S altes, L'Auseralhe et Ion 
Coucou. — - Zmigrodzki, Le Folklore po- 
lonais IL 1. — Warloy, Acousmates et chasse^ 
fantastiques. IL — Blemont, Les Conciles 
et les synodes de M. Fr. Ortoli — Vacquerie, 
Futura et la legende de Faust. — Vicaire, 
L'heure enchant^e. — Bibliographie. 

VL Juni. Grün, Chansons populaires 
de la Camiole. — Colson, Formulettes en- 
fantines IV. — Plantadis, Des usages de 
prelibation et des coutumes de mariage en 
France I. — Ortoli, Po^sies semi-populaires. 
— Dulaure, La th^orie de Dulaure en my- 
thologie I. — Brunet, L^&ne dans les pro- 
verbes proven^jaux. I. — Harou, Le folklore 



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Litteratur des Jahres 1890. 



235 



de la Belgiqne (Suite). — Echaupre, Aubade 
du printemps. — Traditions de la Bretagne. 

— Correspondence. — Bibliographie. — Le 
monvement traditionniste. 

VII. Juillet. Dulaure, La th^orie de 
Dalaore en mjthologie. — H. C, Vieux pro- 
Terbes fran^ais. — Carnoy, Formulettes 
enfantines. — Gautier, La m^decine au 
TiDage. — Prato, Les anciens conteurs. — 
Zmigrodzki, Le folklore polonais. IL — 
Blemont, La tradition dans V. Hugo. — 
Brunet, Contes populaires du Bocage nor- 
mand. I. n. — Sali es, Le vendredi. — 
Bibliographie. 

VIII. Aoüt. SchischmanovajLesnoces 
du Soleil. — Dragamancj, Remarques sur 
le conte. — Carnoy, Esth^tique de la tra- 
dition. - Harou, Le Folklore de la Bel- 
gique. Vin. — Chansons populaires de la 
Camiole. — Stiebel, Moyen de retrouver 
le Corps d'un noy6. — Nicolaides, Legende 
turque, — De Colleville, Devinettes et 
enigmes populaires. — Hugounet, Apologue 
chinois. — Blemont, Nains et Pygmöes. I. 

— Burtin, Le Folklore au Canada I. — 
Berenger-Ferand, La pluie d'oreillettes. 

— Suria, Chansons populaires de la Bour- 
gogne. De Nittis, Traditions de la Beauce. 

Sinval, Les Kusses chez eui. Vill. — 
De Warloy, Glanes traditionnistes. — H C, 
Le mouvement traditionniiste. 

IX. X. Septembre. Octobre. Prato, For- 
mnies initiales et finales des coutes popu- 
laires grecs. — Colson, Chansons de Wal- 
lonie. L — Brunet, L'ane dans les proverbes 
proven<jaux IL — Plantadis, Des usages 



de pr61ibation. IL — Chevalier, Le mo- 
nastere d'Antony. — Fremine, Les animaux 
metamorphoses daus les traditions de la 
Chine. — Parmentier, Le petit Poncet en 
Belgiqne. — Brunet, Contes populaires du 
Bocage normand III. — S alles, VieiUe 
chanson. — Lemoine, Les amours popu- 
laires en Wallonie. — De Colleville, An 
printemps. — Becker, Le monde enchant^. I. 

— Zmigrodzki, Le folklore polonais. III. 

— De Launay, La legende du moustier de 
Juniville. — Ortoli, Poesies semi-populaires. 

— Van Elven, üne lögende beige des 
Nutons. — Demetrius, Les septs Dormants. 

— Dulaure, Le culte des eaux. 

XL Novembre. Lang, La vie sociale 
chez les Sauvages. — Becker, Croyances 
et superstitions des Lapons. — Börenger- 
Ferand, Conte provencjal. — Harou, Folk- 
lore de la Belgiqne XI. — Prato, Proverbes 
rölatifs ä la mer. IV. — Grün, Monströs et 
geants. VIII. — Carnoy, Chansons popu- 
laires de la Picardie. -—Brunet, Contes popu- 
laires du Bocage normand IV. — Bibliographie. 

XII. Decembre. Zmigrodzki. Le Folk- 
lore polonais. III. — H. C, La littörature 
liegeoise. — Demo tr ins, S. Gerasimus et 
le lion.'— Plantadis, Des usages des pre- 
libation IIL — Brunet, L'äne IIL — E. B , 
Les vieilles chansons populaires. — Ortoli, 
Moyen de retrouver le corps d'un noye IL 

— Brunet, Contes popul. du Bocage nor- 
mand. V. — Chaboseau, Proces contre les 
animaux. — Duprin, Chanson de Briolage. 

— De Colleville, Proverbes ni^'ois. — Le 
mouvement traditionniste. 



Tolksknnde* Tijdskrift voor Nederlandsche 
folklore onder redactie van Pol de Mons 
en Aug. Gittöe. 3« Jaargang. Gent. 
Ad. Hoste. 1890. 

1. Veckenstedt,De slapende Jongeling. 



Die einzelnen Völlcer und Länder. 

Niederlande'^. 

I. Zeltschriften. 

Vermast, Vertelsels. Onze oude liederen. 



Boekbeoordelingen. Vragen. Boersche grap- 
pigheid. 

2. P. de Mont, Onze Vlaamsche Com- 
ponisten ofte liedjeszangers. I. II. Kinder- 
spelen. Boekbeoordeelingen enz. 



1) Mit Unterstützung der Herren Aug. Gittee in Charleroi und J. B. Vervliet in 
Antwerpen. 



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236 



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3. Gittöe, Het heidenwerpen. Liederen. 

4. P. de Mont, Onze Vlaamsche Com- 
ponisten IIT. Boekbeoordeelingen. Vragen. 

5. Onze vlaamsche Componisten. Ver- 
telsels. enz. 

6. Gittee, Over de studie van het Volks- 
lied. Sprookjes. Vragen. Verklaringen van 
natuurverschijningen. Toedrinken. 

7. Gittöe, De Humor in de taal. P. de 
Mont, Onze vlaamsche Componisten. IIL 
Boekbeoordelingen. 

8. Gittee, De Humor in de taal. II. 
Sprookjes en Prijsboeken. Vragen. Volks- 
benamingen. 

9. P. de Mont, De stoet der Reuzen 
te Brüssel. Vertelsels. Sagen. Boekbeoor- 
deling enz. 

10. Gittee, Volkshumor in geestelijke 
Zaken. I. 

11. Gittee, Volkshumor in geestelijke 
Zaken. II. P. de Mont, Onze vlaamsche 
Componisten. Vertelsels. enz. 

12. Gittee, Zeden en Gebruiken. Bijm- 
dicht over de konst van't rekenen. Volks- 
liederen : Liefdeproet Boekbeoordelingen. 
Vragen en Aanteekningen. 



0ns Volksleven, Antwerpsch - Brabantsch 
Tijdskrift voor Taal en Volksdichtveer- 
digheid, voor oude Gebruiken, Wangeloof- 
kunde, enz. onder leiding van J. Corne- 
lissen te S. Antonius-Brecht en J. B. Ver- 
vliet te Antwerpen. 2«*^ Jaargang 1890. 
Te Brecht bij L. Braeckmans. 12. Nom- 
mers van twelf bladzijden in 8**. 

1. Volksgebruiken. Bijdrage tot den diet- 
schen taalschat Weervoorspellingen en boc- 
respreukses. Sagen. Boekbespreking. Nieuw- 
skes. Vragen en Aanteekeningen. Inhoud van 
Tijdschriften. 

2. Vertelsels. Dierenvertelsels Kwel- 
vertelselkes. Kerst- en nieuwjaarsliedekens, 
Wangeloof-Liederen. Grafschriften. Spotge- 
dichten. 

3. Volksgebruiken. Bijdrage tot den diet- 
schen Taalschat. Vertelsels. Gezelschaps- 
spelen. Volkstelling in 1526. 

4. Bouwstoffen gebruikt bij het stiebten 
van kerken, kasteelen, enz. Bijdrage tot den 
dietschen taalschat. Vertelsels. Grafschriften. 
Sagen. 

5. De üitvinding der Her. De Vogelen 
in het volksgeloof. Vertelsels. Spotzegsels. 
Bigdrage tot den dietschen taalschat. 



6. Levende spraakkunst. Over de be- 
naming Pagnot. De vogelen in het volksgelooL 
Vertelsels. Bijdrage tot den dietschen taalschat. 

7. De vogelen in het volksgeloof. Volks- 
geloof. Sprookskes en vertelsels. Vragen en 
Aanteekeningen. 

8. Levende spraakkunst. Rivleren, putten, 
fonteinen, brennen, ondiepten enz. Liederen. 
Vertelsels. 

9. Rivieren putten enz Kinderrijmen. 
Sagen. Bijdrage tot den dietschen taalschat 
Raadsels. Nieuwskes. - 

10. Rivieren, putten enz. Sagen. Vertelsels. 
Bijdrage tot den dietschen Taalschat. Lie- 
deren. Vragen. 

11. Volksgebruiken in de Kempen. Ri- 
vieren enz. Vertelsels. Een woord over de 
gilden. 

12. Sagen. De vogelen in het volks- 
geloof Over de gilden. Nieuwskes. Boek- 
bespreking. Narede. 



Volk en Taal. Maandsschrift over Gebruiken, 
Geschiedenes, Taalkunde enz., uitgegeven 
door de Zantersgilde van Zuid-Vlaan- 
deren. Ronse, A. Courtin. 2<'<! Jaargang. 
3<ie Jaargang. 

n. n 6. Over de zuid-vlaamsche uitgangen 
ie en ies, hie en hieds. Bijdrage tot den 
nederlandschen taalschat. Sint Nikiaas liedjes. 
Spotzegels. Raadsels. Jaakskeemet zijnfluitje. 
Van smidje Smee. Soldaten Knevelarijen. 
Spotrijmkes. — n. 7. Kersttijd-gebruike. Bij- 
drage tot den Nederl. taalschat Koekebak. 
Nieuwjaarliederen. Drij koningen. Sterre- 
liedje. Van den vos en den beer. Kruis- 
gebruiken. — n. 8. Lichtrais. Bijdrage 
tot den nederl. taalschat. „Zei** spreuken. 
Ditjes en Datjes. Van Magriendelke en Ma- 
greindelke. Weervoorzeggingen. — n. 9. 
Bijdrage tot den nederl. taalschat. De Gastel- 
of Kasteldag. Maria die moeste naar Beth- 
leengaan. Raadsels. Wit Karlientje en Zwart 
Karlientje. — n. 10. Paaschen. Bydr. tot d. 
nederl. taalschat Volkswijsheid. Een pak 
slagen. üit Ooike. Van den voerman (lied). 
— n. 11. De uü in het volksgedacht. B^dr. 
tot d. nederl. taalschat. Meiavond. Uit de 
beesten wereld. Van't meetje en sinksenavond. 
De Jongen en zijn boone. — n. 12. Bijdr. t 
d. nederl. taalschat. Vlaamsche beleefheid. 
Taalbegrippen uit den ouden tijd. „Zei* 
spreuken. Liederen. Tel-of Lotrijmkes. Sint 
Martens Omgang te Asper. — - III. n. 1. Bijdr. 



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Litteratur dee Jahres 1890. 



237 



tot d. nederl. taalschat. Uit de kinderwereld. 
Eraisgebruiken. Ewelspreoken. Sprookjes. 
Van den Tier gebroeders. Volkswijsheid. — 
n. 2. Bijdr. t. d. nederl. taalschat Einder- 
speL SlijÜiedekes. Raadsels. Van Duimke 
— n. 3. Bijdr. t. d. nederl. taalschat. Van't 
Meetje en Sinte Pieter. Koeiersroepen. — 
n. 4. Verteilen. Topspel. Raadsels. Eabou- 
termannekes. — n. 5. Bijdr. t. d. nederl. taal- 
sebat. Klaasdag. Van den wever en den 
duTeL Rijmelarij op namen van steden. 
sZei** spreoken. 

t Dachet in den Osten. Limburgsch Tijd- 
schrift Yoor alle liefhabbers van Taal-en 
andere Wetensweerdigheden. Hasselt, M. 
Ceysens, 6^« Jaargang. 1890. 12. Aflev. 
in 8. 

1. Limburgsch Nederlandsch: 13. "Woor- 



denzange. Spotzegsels. — 2. 8. Allerlei 
Rijmpjes nit Oost-Ylaanderen. Einderspelen. 
Vert^lsels. Oude Gebmiken. — 4. 5. Lim- 
burgsch Nederlandsch: 14. Woorden«ange. De 
Mei, de Meikoningin. Gebruiken. Raadsels. 
Liraburgsche spreukes en spreekwoorden. — 
6. 7. Limbnrgsche Eigenaardigheden : Wen V. 
Was Wazen. Het slapen der R. Dertiende, 
dertienste. Kinderlickens. Kinderzegels. Ver- 
kleinvormen. Een ond Stuksken. Over die 
en dien. Een broksken Waalsch. Oude Ge- 
bruiken. Wangeloof. — 8. 9. Over de vers- 
maat der Volksdichten. De Duivel met zijn 
hesp De Wildeman. April-gek. - 10. 11. 
Limburgsch Nederlandsch: 15. Woordenzange. 
Taalkunde. Limburgsche dichtveerdigheid. 
Sint Martens vuur. Limburgsche spreuken en 
spreekwoorden. 



IL Bücher and Aufsätze. 



({vestionnaire de Folklore Wallon, Liege, 
Imprim. BL Vaillant-Carmanne. (Ein Frage- 
bnch über wunderbare Wesen, Thiemamen, 
Landban, Pflanzen, Volksarzenei in etwa 
10 Liefer. a 16 S., Vgl. Ons Volksleven: IL 
S. 105. 138.) 

Gitt^e, L'^tude du folklore en Flandre (Extr. 
de la Revue de Belgique. BruxeUes 1890) 
19 S. 

Gltt^, Over de waarde van het populaire. 
(Overgedr. uit de Tijdspiegel. 's Gravenhage 
1890. 2.) 27. S. 

PriBgsheini) Beiträge zur wirtschaftlichen 
Entwicklungsgeschichte der vereinigten 
Niederlande im 17. und 18. Jahrb. Leipzig 
1890. Duncker A Humblot (120 S. 8°). 
(M. 2,80.) (Staats- und socialwiss. Forschun- 
gen, hsg. von Gust. Schmoller X, 8.) 

de Roerery Over Vrijen en Trouwen, Haar- 
lem, Bohn. 

Qitt^y De Hand en de Vingeren in [het 
Volksgeloof (Overgedr. uit Los en Vast 
Leiden 1890. n. 3). 52 S. 

Stoet L. A. J. W* Baron, De Planten in het 
Gennaansche Volksgeloof en Volksgebruik. 
's Gravenhage, Nijhoff. 

YttE Bastelaar, Les ^pingles, les aiguilles 
etles cloos dans les pratiques superstitieuses. 
Bmxelles, Deprez. 15 S. 



Claeysy Sint Maarten. Thielt, P. Pokel- 

Dooms. 248 S. 
Alberdingk^Thym, De Faustsage in de neder- 

landsche letteren. Gent, Siffer. 58 S. 
Vercoiillie, Beknopt etymologisch woorden- 

boek der nederlandsche taal. Gent, Vujl- 

steke. XXIV. 320 S. 
De Bo, Westvlaamsch Idioticon, uitgegeven 

door Jos. Samyn. 1« deol (A— 0). Gent, 

Sififer. 700 S. 
Ratten, Bijdragen tot een Haspengouwsch 

Idioticon, uitgegeven door de Zuidneder- 

landsch. Maatschappij van Taalkunde. Ant- 
werpen, Jan Boucherij. XVI. 318 S. 
De Seyn-Verhongstraete, Het bargoensch 

van Roeselare. Een bijvoegsel aan Js. 

Teirlincks woordenboek van bargoensch. 

Roeselare, De Seyn-Verhougstraete. 20 S. 
Claes, Eenige volksuitdmkkingen verdedigd 

en aanbevolen. Gent, Siffer. 27. S. 
BampSy Recherches sur le Mej-liedje (Chant 

de Mai), hymne populaire hasseltois attri- 

bue au XVII« siecle. Hasselt, Klock. 8 S. 
Amaaty Vertelsels van het Vlaamsche volk. 

Gent, Siffer. 1889. 2« reeks. Thielt, P. 

PoUet. 1890. 190 S. 12^ 
Popp Caroline^ Recits et legendes des Flan- 

dres. 4« ^dit. BruxeUes, Lebegne. 270 S. 
Witteryck; Oontes populaires; Goutnmes re- 

ligieuses (Annales de la Societe d'emulation 



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238 



Back: 



pour Tetude de l'histoire et des antiquites 
de Flandre. Sdr. V. Tome 1.). 
Antwerpsche KeldennondverteDingen, door 
J* B* Tan Antwerpen. Antwerpen, A. de 
Koninckx. 192 S. 12«. 



BrandeSf Drei Sammlungen mittelnieder- 
Iftndscher Reimsprüche (Zeitschr. für deut- 
sches Alterthum. XXXIV. Bd. 47—55 S.) 

Amaat, Raadsels van het Ylaamsche Yolk. 
Gent, Leliaert, Siffer. 



England, Schottland, Irland. 



Oünther« Englisches Leben im 14. Jahrhundert 
Dargestellt nach ,the vision of William C'>n- 
ceming Piers the Plowman' by William 
Langland 8**. 62 S. Leiprig. Diss. 

Safflingy History and legends of the Broad 
District, with a Glance at its Folk-Lore, 
Gbosta, Churches, etc. (lU.) 8^ 216 8. 
London, Sarrold. 

Seebohm, The English Village Community 
examined in it^ Relations to the Manorial 
and tribal Systems: and to the Common 
and Open - field Systems of Huebaudry 
4. edit. 8^ 460 S. London, Longmans 

16 6. 

Gommey The Village Community. With 

special reference to the Origin and Fonn 

of its Survivals in Britain. (111) 8«. 299 S. 

(Contemporary Science Series.) London. 

W. Scott. 3 8. 6 d. 
Nicholson, Folk-Lore of East Yorkshire. 8«. 

186 S. Hüll, Brown. 3 s. 6 d. 
Parkinson, Torkshire Legends and Traditions, 

as told by her Ancient Chroniclers, her 

Poets and Journalists. 2 nd series. 8^ 

54 S. Simpkin. 1 s. 
Uartland, English Fairy and other Folk- 

Tales. Selected and edited, with an Intro- 

duction. 12 ^ 306 S. (Camelot Series.) 

W. Scott. 1 s. 
Child Lore. A Selection of Folk- Legends 

and Rhymes. 138 S. Glasgow. Bryce. 1 s. 
Jacobs, English Fairy Tales. 111. by John 

D. Batten. 8^ 253 S. London. David 

Nutt. 



KIngre, Geschichte der englischen Sprache. 
Mit einer Dialekt-Karte. (Grundrissd germ. 
Philologie, hsg. von H. Paul I, 5, 780-930.) 
Wright, Englische Mundarten (ebenda I, 5, 
975—981) 1891. 
I The English and Scottish populär Ballads, 
edited by Francis James Child, VIL 
Boston, Boughton, Mifflin and Co. (1890.) 
4". 254 S. 
Baring-Gonld and Sheppard, Songs and 
Ballads of the West: a Collection made 
from the months of the People. Harmonised 
and arranged for Voice and Pianoforte by 
Rev. H Fleetwood Sheppard. 4 parts. 
Mothuen. 3 s. each. 
Campbell, Populär Tales of the West High- 
lands, orally collect«d, with a Translation. 
New edit (under the auspices of the Islay 
Association). VoL L 8^ 490 S. London. 
A. Gardner. 7 s. 6 d. 
Beside the fire. A collection of Irish Gaelic 
folk stories. Edited, translated and anno- 
taded by Douglas Hyde, with additional 
notes by Alfred Nutt London. David 
Nutt 1890. LVn. 203 S. 
Blind, Ein schottisches M&rchen vom Aschen- 
puttel und seinem Gold- und Glasschuh 
(Deutsche Revue. Febr.). 
I Haeckel, Das Sprichwort bei Chaucer. 8^ 
I 77 S. (Erlanger Beiträge zur engl. Philologie. 

Hgb. von Vamhagen. Heft 8). M. 1,80. 
I Block, Die englischen Markenspiele. (Neu- 
I philologisches Centralblatt IV. 4.) 



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LitteratuT des Ji^es 1890. 



239 



Skandinavien (einschl. Island).'^ 

1. Allgemeines. 



Nyare bidragr tili kftnnedoin om de Svenska 
landsmälen ock Syenskt folklif. — Tid- 
skrif ütgifven pä nppdrag af Landsmälsföre- 
niogama i Uppsala, Helsingfors ock Lund 
genom J. A. LundeU. Stockholm, Samson 
& Wallin. 8«. 

39de h. 1890. A. Gustaf Billing, Äs- 
bomilets Ijudlära, akademisk afhendling. 
Med en Karta. 

40de h. 1890. B. S. Thomasson, 
Visor uppt^cknade i KyrkhuUs socken i 
Bleking. — L. T. Reavall, Aländsk folk- 
tro, skrock ock trolldom. — S. öberg, 
Nagra bilder frän Härjedalens f&bodar. 

Daiiia« Tidsskrift for folkemäl og folkeminder. 
üdgivet for nniversitets-jobilaBets danske 
samfund af Otto Jespersen og Kri- 
stoffer Nyrop. Bind I HaBfte 1. K«ben- 
hayn. Lybecker og Meyer. 1890. 8°. 80 S. 
— Kr. Nyrop Kludetraet. En sammen- 
lignende nndersogelse. — 0. Jespersen 
Danias Lydskrift. — Smäting og fore- 
spörgsler. 

Huld. Safo alp^dlegra Islenzkra frseda. Ut- 
gefendnr; H. porsteinsson, J(5n porkelsson, 
Ölafur Dayfdsson, Pälmi Pälsson, Valdimar 
AsTnnndsson. I Reykjavik 1890. Sigurdur 
Kristjinsson. (80 S. 8».) 

Sanfandet för Nordiska Museet« Främjande 
1888. Meddelanden, utgiftia af Arthur 
Hazelius. Stockholm. 1890. 8«. (148 S.) 

Kftlnndy F. Skandinavische Verhältnisse 



(Grundriss der germanischen Philologie, her- 
ansg. von Paul, II. 2. S. 208—252). 

Ponioppidany Folkelivingsskildringer II. 
(Dansk Folkebibliothek Nr. 109.) 16 ^ 80 S. 
Nyt dansk Forlagskonsortium. 25 Ore. 

T. Feilitzeiiy Spridda drag ur svenska folk- 
lifvet. Teckningarna af Jenny Nyström. 
8°. Stockholm, S Flodin. 

E. W. B., Strödda bidrag tili Västerbottens 
aldre kulturhistoria I — II (Historisk Tid- 
skrift utg. af Svenska Historiska Föreningen 
genom E. Hildebrand X 1—2.) 

Bidrag tili Södermanlands äldre kulturhistoria, 
pa uppdrag af Södermanlands fomminnes 
förening utgifna af J. Wahlfisk. 7e. h. 
8^ 151 S. Stockhohn, Samson & Wallin. 
Kr. 2. 

Feübergy Dansk Bondeliv, saaledes som det 
i Mands-Minde fortes, navnlig i Vestjylland. 
Med 49 Figurer. Kbhvn. 1889. 394 S. 8«. 

Landbyskomageren Jonas Stolts Optegnelser 
Frit efter et Haandskrift i .,Nordiska Mu- 
seat*. Af R. Mejborg. Med 62 Bilder. 
Kjobenhavn. I komission hos G. E. C. Gad. 
189(^>. 166 S. 8^ 

FabricinSf Island und Grönland zu Anfang 
des 17. Jahrb., kurz und bändig nach wahr- 
haften Berichten beschrieben. In Orig. und 
üebers. herausg. und mit geschieht!. Vor- 
bemerkungen versehen von Karl Tannen. 
8^ 47 S. Bremen, Silomon. M. 1,60. 



2. Äusseres Leben. 



Af büdningar af föremal i Nordiska museet, 
äfvensom af nordiska ansiktstyper, kläde- 
dräkter och byggnader, af hvilka teckningar 
forvaras i Nord, museets arkiv. Utg. af 
A. Hazelius. 4^ Stockholm, Nordiska 
museet 1. Smaaland. 1888. 2 och 3 Is- 
land. 1890. 20 pl, med text af R. Arpi. 
Kr. 3. 



Taltyr OndmandssoDy Privatboligen pä Is- 
land i sagatiden samt delvis i det 0vrige 
norden. Kjebenhavn Host og son. 1889. 
8^ 270 S. 

Nationaldragter, danske. Tegnede af F. C. 
Lund. Med Text af V. Bergsoe. 2 det 
Oplag. Kjebenhaven. Nyt dansk Forlags- 
konsortium. Heft 1—4. 



3. Inneres Leben. 



Koreeiiy Ett nytt uppslag i frkga. om den 
nordiska mytologien (Nordisk tidskrift för 
yetenskap, konst och industri. Nr. 3). 



Steffen, De nyaste forskningama i nordisk 

mytologie (Ny Svensk Tidskrift 2-3). 
Weinhold) Ueber den Mythus vom Wanen- 



1) Mit Unterstützung der Herren K. v. Maurer in München und Kr. Nyrop in 
Kopenhagen. 



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240 



Back: Litterainr des Jahres 1890 



krieg (Sitzungsberichte der Ednigl. Prenss. 
Akademie der Wiss. zu Berlin XXIX). 15 S. 

Wesselofski, Tggdrasill (Archiv für slavische 
Philologie XHI, 1). 

Ehni, Der nordische Mjthas des Yama, ver- 
glichen mit den analogen Typen der per- 
sischen, griechischen und germanischen 
'Mythologie. 8^ 216 8. Strassburg, Trübner. 
M 5. 

Petersen^ Hypothesen om religiöse Offer- og 
Votivfond fra Danmarks forhistoriske Tid 
(Aarbeger for Nordisk Oldkyndighed og 
Historie V, 8). 

Cederschiöld^ Kalfdrapet och V&npröfhingen, 
ett Bidrag tili Kritiken af de Isländska 
Sagomas Trovärdighed. 8^ 41 S. Lund, 
Gleerup. Kr. 0,85. 

Henzen^ Ueber die Tr&ume in der altnor- 
nordischen Saga - Litteratnr. 8^ 89 S. 
Leipzig, Fock. M. 2. • 

Islftndische VoU^ssagen. Aus der Sammlung 
von Jon Amason ausgewählt und aus dem 
Isländischen übersetzt von M. Lehmann- 
Füh^s. 8<». Berlin, Mayer A Müller (1. Bd. 
1889). Neue Folge, ebd. 1891. 

Mikkel Skrndders Historier. Udgivne af 
E. T. Kristensen. Viborg. I kommission hos 
Gyldendalske Boghandel i Kjebenhavn. 
72 8. 

DraehmaDDy Troldt^j. Folkesagn i Nutidsliv. 
1-4 de Hefte. 4^ Bojesen. 

Bang) Kirkehistoriske Smaastykker. Kristiania 
1890 (darin Beiträge zur Geschichte des 
Aberglaubens in Norwegen). 

Swedish Baptismal Folk-lore. Irish 
Variant of St. Swithin. Mother Hubbard: 
Notes and Queries. G.September. 

Danmark« gamle FolkeTiser, udgivne af 
Svend Grundtvig. 5 Dels. 4. HsBfld. 
Efter Forarbojder af Svend Grundtvig ud- 
givet af Axel Olrik. Kbhvn. Forlagt af 



Samfundet tu den danske Literaturs Fremme. 
4^ (Schluss von S. Grundt^ig^ grosser 
Yolksliedersammlnng; Bd. 1 erschien 1853). 

Steenstrnp, Vore Folkeviser fra Middelaldren. 
Kbhvn 1891. 

Ibseiiy Skandinavische Heldenlieder und ihre 
Bedeutung für die Kunstpoesie (autoris. 
deutsche Obersetzung des 1857 im lUu- 
streret Nyhedsblad. Christiania No. 19 
erschienenen Artikels) SonntagsbeiL N. 27. 
28. z. Voss. Zeitung 1890. 

Tibftrg) S&gner pa Roslagsmal fran Yalö 
socken (Svenska Fomminnes foreninges 
Tidskrift Vn (1888—90) p. 177-191). 

Lnndell) Scandinavische Mundarten (Grund- 
riss der germ. Philol., hrsg. von H. Paul, 
I, 5, 945-959). 1891. 

Feilberg, Bidrag til en Ordbog over Jyske 
Almuesmil (bis jetzt 6 Hefte). 

F»rösk Anthologie med litteraerhistorisk og 
grammatisk Inledning samt Glossar ved 
y. U. Hammershaimb. 5. Haeflet. Kbhvn. 
1890 (erscheint seit 1885). 

Nordlander, Anteckningar om n4gra norr- 
ländska ortnamn (Svenska Föreningens 
Tidskrift VII (1888-1890), p. 164—176). 

Kristensen, Danske ordsprog og mund- 
held, skjsemtesprog, stedlige talemider, ord- 
spil og samtaleord. Trykt med offentlig 
understöttelse. 2 haefter (400 8. + 274 S.) 
8*^. Kolding 1890. 

Peder Lalos ordspr^ och eu motsvarande 
Svensk samling. I.Texter utgivna af Axel 
Kock och Carl af Petersens. Kjebenhavn. 
2.H»ft. 1890. (L.H8Bftl889). (Ostnordiska 
och latinska medeltidsordsspräL Herausgeg. 
vom Samfund til Udgivelse af gammei 
nordisk Litteratnr). 

Köbke, Om Runeme i Norden 2. Udgave. 
Kbhvn 1890. 



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Verlag von A. ASHER & Co. in Berlin W., Unter den Linden 13. 



Bastian, A, Religious -philosophische Probleme auf dem Forschungs- 
gebiete buddhistischer Psychologie und der vergleichenden Mythologie. 
In 2 Abteilungen. X, 190 und 112 Seiten in einem Bande gr. 8. 
1884. geh. M. 9 — 

Behla, Bobert. Die vorgeschichtlichen Rundwälle im östlichen Deutsch- 
land. Eine vergleichend-archäologische Studie. Mit einer prähistori- 
schen Karte im Maassstabe von 1 : 1 050 000. X und 210 Seiten gr. 8. 
1888. geh. M. 6,50 

Joest^ Wilhelm, Tätowiren, Narbenzeichnen und Körperbemalen. Ein 
Beitrag zur vergleichenden Ethnologie. Mit 1 1 Tafeln in Farbendruck, 

I Liichtdrucktafel und 30 Zinkätzungen nach Originalzeichnungen von 
O. FDfSCH, CL. JOEST, J. KUBARY und P. PREISSLER, nebst 
Original -Mitteilungen von O. FINSCH und J. KUBARY. X und 

112 Seiten Folio. 1887. In Halbleinewandband. M, 40 — 

Joesty Wilhelm, Spanische Stiergefechte. Eine kulturgeschichtliche Skizze. 

113 Seiten. Mit 3 Lichtdrucktafeln gr. 8. 1889. geh. M. 3 — 

Schroeder^ Leopold von. Die Hochzeitsgebräuche der Esten und einiger 
anderer finnisch-ugrischer Völkerschaften in Vergleichung mit denen 
der indogermanischen Völker. Ein Beitrag zur Kenntnis der finnisch- 
ugrischen und der indogermanischen Völkerfamilie. VUl und 
265 Seiten gr. 8. 1888. geh. M. 5 — 

Tirchow, Budolf. Das Gräberfeld von Koban im Lande der Osseten, 
Kaukasus. Eine vergleichend archäologische Studie. 1 Band Text, 
157 Seiten mit zahlreichen Holzschnitten, 4, geh. und ein Atlas von 

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Haeseler'sche Bacbhandlang (Eckardt & Breymann) in Kiel. 



Verlag von A. ASHER & Co. in Berlin W., Unter den L inden 13. 

Zeitschrift für Ethnologie. 

Organ der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie 

und Urgeschichte. 
Redactions-Commission: A. Bastian^ E. Hartmann, R. Virchow, A. Voss, 

Mit zahlreichen Text-Illustrationen und Tafeln. 

Erscheint 6 Mal jäJirlich. — Preis des Jahrganges M, 24y — 

He bis jetzt erschienenen 22 Jahrgänge und die Supplemente sind theilweise zu 
herabgesetzten Preisen zu haben. 



Als Ergänzungsblätter zur „Zeitschrift für Ethnologie" erscheinen seit 1890: 

lacliriGliten Dlier deutsclie Mtertbumstunile. 

Mit Unterstützung des Königl. Preuss. Ministeriums der geistlichen, Unter* 

richts- und Medicinal- Angelegenheiten herausgegeben von der Berliner 

Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschiehte, 

unter Redaction von 
R. Virchow und A. Voss. 

Jährlich 6 Hefte. — Preis M, 5, — 

Nachrichten über Kaiser -Wilhelms -Land 

und 

den Bismarck -Archipel. 

Herausgegeben tou der Neu- Guinea -Kompagnie zu Berlin. 

Erster Jahrgang 1885 (4 Hefte) . M. 5,— Vierter Jahrgang 1888 (4 Hefte) . M. ö,95 
Zweiter Jahrgang 1886 (4 Hefte) . M. 3,75 Fünfter Jahrgang 1889 (2 Hefte) . M. 4,50 
Dritter Jahrgang 1887 (5 Hefte) . M. 7,05 , Sechster Jahrgang 1890 (2 Hefte) M. 3,— 
Beiheft zu 1889: K. Schumann u. M. Hollrung, Die Flora von Kaiser-Wilhelms-Land M. 4,ö0. 

Diese Zeitschrift erscheint in zwanglosen Heften, 



Druck von Gebr. Unger in Berliu, Schöuebergerstrtsse 17«. 

Diesem Hefte ist ein Prospekt der Verlagfsbuchhandlung Oeorge Westermaim in 
Braunschweig betreffend ^FltigePs Englisch - deutsches und deutsch - enirllBches 

Wörterhuch" beigefügt 

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ZEITSCHRIFT 

des 

Vereins für Volkskunde. 



Neue Folge der Zeitsch'iß für VöUcerpsycholor^ie und Sprachimsenschaft, 
begründet von JU, Lazai^vs und //. SteinthaL 



Im Auftrage des Vereins 

herausgegeben 
von 

Karl Weinhold. 




Erster Jahrgang. ^^^Wc v^lHfll^ 1^91- Heft 3 



Mil TalVl II. III. 

BERLIN. 

Verlag von A. A s ii i-: k & Co. 



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In halt 

Seite 

Die Sage von Ermenrich und Schwanhild. Von Max Roediger . 241 
Die ethnographischen Arbeiten der Slaven, vornehmlich Oskar Kolbergs. 

I. Von Wl. Nehring 250 

Volkstümliche Schlaglichter. IL Von Wilhelm Schwartz . . . 279 
Die Kalender-Heiligen als Krankheits-Patrone beim bayerischen Volk. 

Von Dr. M. Hoefler in Toelz 292 

Volkssegen aus dem Böhraerwald. 11. Von J. J. Amm ann in Krummau 307 
Segen und Heilmittel aus einer Wolfsthurner Handschrift des XV. 

Jahrhunderts. (Schluss.) Mitgeteilt von Oswald von Zingerle 315 
Moderne chinesische Tierfabeln und Schwanke. Mitgeteilt von 

0. Arendt 325 

Jamund bei Cöslin. j\Iit Berücksichtigung der Sammlungen des 
Museums für deutsche Volkstrachton und Erzeugnisse des Haus- 
gewerbes zu Berlin. (Schluss.) Von Ulrich Jahja und Alexander 
Meyer Cohn. (Hierzu Tafel H u. III). ........ 335 

Kleine Mitteilungen: 

Über Bielensteins neues Werk: Die Grenzen des lettischen Volksstammes und der 
lettischen Sprache. S. 344. — Mons. Joseph Zingerle. S. Mi, 

Bücheranzeigen: 

Oskar Brenner und August Hartniann, Bayerns Mundarten. S. 345. — 
Edw. Sidney Hartland, The science of fairy tales, an inquiry into fairy mythologie. 
S. 845. ~ Richard Androe, Die Flutsagen. S. 34G. — P. Basilius Schwitzer, 
Tirolische Geschichtsquellen III. S. 346. 

Aus den Sitzungs-Protokollen des Vereins für Volkskunde. S. 347. 

Bibliographie. (Fortsetzung.) S. 352. 



Wir machen darauf aufmerksam^ dass der Verein für Volkskunde 
(Sitz in Berlin), dessen Organ diese Zeitsclirift ist, nickts gemein hat 
mit der Deutschen Gesellschaft tur Volkskunde des Dr. E. Veekenstedt 
in Halle a, S. 

Beiträge für die Zeitschrift, bei denen um deutliche Schrift 
auf Quartblätt(3rn mit Rand geboten wird, Mitteilungen im 
Interesse des Vereins, Kreuzbandsendungen, beliebe man an 
die Adresse des Herausgebers, Geh. Regierungsrat Prof. Dr. 
K. Weinhold, Berlin W., Hoheiizollernstr. 10, zu richten. 

Bücher für Besprechung in der Zeitschrift wolle man an die Verlags- 
buchhandlung A. Asher & Co., W. Unter den Linden 13, senden. 

Beitrittserklärungen zum Verein nimmt der Schriftführer Dr. ü. Jahn, 
Berlin NW., Perlebergerstr. 32, entgegen. 

Schatzmeister des Vereins ist Banquier Alexander Meyer Cohn, 
Berlin W., unter den Linden 11. 



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Die Sage von Ermenricli und SchwanMld^l 

Von Hax Roediger. 



Die Yomehmste Person der ostgotischen Heldensage ist nächst Dietrich 
irou Bern König Ermenrich. Er lebte sowohl in der Sage der festländischen 
als auch der nordischen und britannischen Germanen, ist aber im Grunde 
historisch. Die älteste Nachricht über ihn und sein Ende, woran die Sage 
▼on Schwanhild sich knüpft, erhalten wir durch Ammianus Marcellinus 
31, 3, 1. Es handelt sich um den Einbruch der Hunnen im Jahre 375 
Hfiu^hdem sie die Alanen zum grossen Teil erschlagen hatten, fielen sie mit 
dem Beste vereinigt über die weiten und fruchtbaren Lande Ermenrichs 
lier, eines sehr kriegerischen Königs, der sich durch viele Heldenthaten 
seinen Nachbarn furchtbar gemacht hatte. Seine Herrschaft war zwar fest 
genug begründet, um diesem plötzlich hereinbrechenden Unwetter Stand 
zu halten, aber da das allgemeine Gerücht die Grausigkeit der ihn schon 
nahe bedrohenden Feinde vergrösserte, so machte er seiner Furcht vJr 
der schwerwiegenden Entscheidung durch freiwilligen Tod ein Ende. Da 
Ammian ein Zeitgenosse der Begebenheit und seine Darstellung davon 
einfach und unanstössig ist, dürfen wir ihm Glauben schenken. 

Ganz anders klingt kaum zweihundert Jahre später (551) der Bericht 
des Jordanes in den Getica § 116 — 130. Den Hunnen wird hier nach alter 
Sa^ (ut referi antiquitas) eine Abkunft von gotischen Zaubrerinnen 
(^haUw'unnae^ got. hcUjarunSs, ahd. hellirund, ags. hellerünan) und unreinen 
Geistern der Wüste zugeschrieben; eine Hindin weist ihnen den Weg 
durch das Azowsche Meer. Wie ein Wirbelwind reissen sie die jenseitigen 
Völker mit sich und unterwerfen nach vielen Kämpfen auch die Alanen. 
Das erschreckliche und über die Massen hässliche Äussere der Hunnen, 
ihre Gewandtheit im Reiten und Bogenschiessen werden auf das lebhafteste 
und anschaulichste geschildert. Die Goten ergreift Angst vor ihnen. Ihr 
König war damals der kluge und tapfere Hermanaricus, der vornehmste 



1) Der folgende Aufsatz entspricht im wesentlichen einem Vortrag, der am 20 März 1891 
im Verein für Volkskunde gehalten wurde. Seine Entstehung wird es erklären, dass 
Litteraturangaben fast gänzlich fehlen, doch möge man Heinzel in seiner Ostgot. Helden- 
sage 8. 1 ff. und etwa noch Kanischs Dissertation „Zur Kritik und Metrik der nampismäP 
vergleichen. 

Zeittclirift d. Vereini C Volkskunde. 1891. 16 



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242 Roediger: 

aus dem königlichen Geschlecht der Amaler, der sich die finnischen Stämme 
bis über den Ural hinaus, die Heruler am Azowschen Meer, die Slaven 
und Eisten unterworfen hatte und überhaupt alle Völker Scythiens und 
Germaniens beherrschte. Mit Recht konnte man ihn Alexander dem 
Grossen vergleichen. Als die Hunnen aber heranrückten, befand er sich 
in übler Lage. Denn der treulose Stamm (oder Familie?) der Rosomoni, 
der ihm Heeresfolge zu leisten hatte, liess ihn bei dieser bedenklichen 
Gelegenheit im Stich. Er hatte nämlich die Sunilda, ein Weib aus dem 
genannten Stamme, wütend über den betrügerischen Abfall ihres Gemahls, 
an wilde Pferde binden und zerreissen lassen. Ihre Brüder Sarus und 
Ammius hatten, um den Tod der Schwester zu rächen, einen Mordanfall 
auf Hermanaricus gemacht und ihn verwundet, und durch diese Wunde 
war er siech und schwach geworden. Der Hunnenkönig Balamber nutzte 
diesen Umstand zu einem Angriff auf die Ostgoten aus, Hermanaricus aber, 
der die schmerzende Wunde und die Einfälle der Hunnen nicht mehr er^ 
tragen konnte, starb hochbetagt im 110. Jahre seines Lebens. 

Hier liegt deutlich Sage vor, die, abgesehen von den Angaben über 
die Entstehung und den Einbruch der Hunnen, aus dem ungeheuren Um- 
fang des Reiches und dem überhohen Alter des Hermanaricus spricht. 
Nicht minder daraus, dass er eines natürlichen Todes stirbt. Selbstmord 
ist eine Seltenheit bei den Germanen. Es nimmt sich wohl jemand das 
Leben, weil er nicht auf dem Krankenbette sterben will, oder der Be- 
siegte, weil er der Schmach der Gefangenschaft entgehen möchte, oder ein 
Weib, um mit dem vorangegangenen Geliebten wieder vereint zu werden; 
aber ein Selbstmord aus Feigheit, aus Furcht vor der Entscheidung ist 
ungermanisch und schien bei einem so tapferen und mächtigen Herrscher 
wie Ermenrich völlig unglaublich. Ja selbst seine Besiegung durch die 
Hunnen konnte man nur begreifen, wenn besonders ungünstige Umstände 
den König am vollen Gebrauch seiner Macht hinderten, und da lag es vor 
allem nahe, ihn sich nach einem so thatenreichen Leben als greisenhaft 
und krank vorzustellen. An diesem Punkte hat die Weiterentwickelung 
der Sage eingesetzt. An den Selbstmord glaubte man nicht, er verschwand 
aus dem Gedächtnis, mit ihm sein historischer Anlass, der Hunneneinfall. 
Aber von einer schweren Krankheit des Ermenrich erzählt sogar noch die 
pidrecssaga und das mittelhochdeutsche Epos, wenn sie ihr auch eine 
andere Ursache zuschreiben, und die Angaben über Ermenrichs Tod ins 
Schwanken geraten sind. 

Es ist selbstverständlich ostgotische Sage^ die wir aus dem knappen 
Berichte des Jordanes kennen lernen. Nur die Eroberungen und die 
Macht des Hermanaricus malt er breit und mit Wohlgefallen aus, ohne 
eine Spur der ungünstigen Ansicht, die sich später allerwärts vom Charakter 
Ermenrichs findet und die gerade in seinen lobenswerten Eigenschaften 
ihren Grund hat. Dona aus dem kriegerischen Eroberer und mächtigen 



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Die Sage von Ennenrich und Schwanhild. 243 

Grewalthaber war ein zwar nicht minder mächtiger, aber auch treuloser, 
grausamer, hab- und ländergieriger Tyrann geworden, wozu gewiss das 
Begebnis mit Schwanhild beigetragen hat. Dass aber bereits zur Zeit des 
Gassiodor diese Meinung im Schwange gewesen sei, möchte ich bei der 
Begeisterung des Jordanes für ihn, mag- sie nun aus Cassiodor stammen 
oder nicht, als unbedingt sicher nicht hinstellen. Müllenhof f schliesst 
das (Zs. f. d. Altert. 12, 254) aus dem Schweigen Cassiodors über Ermenrich 
an jener Stelle, wo er Amalasuintha mit ihren Vorfahren vergleicht. Aber 
welches tertium comparationis hätte sich ihm zwischen jener und einem 
Eroberer bieten sollen? Sogar die grausame Bestrafung der Schwanhild 
motiyiert Jordanes ausdrücklich mit einem nur zu begreiflichen Zorn- 
snsbruch des Königs. Das frühste Zeugnis für seinen bösen Charakter 
gewährt der 9. Vers des Widsidliedes, und wenn es auch mit seinen ältesten 
Bestandteilen ziemlich nah an Jordanes heranrückt, so liegt doch immer 
noch die Möglichkeit vor, dass in der Zwischenzeit das Bild Ermenrichs 
sich verdüstert hatte, wenn nicht gar darin die Auffassung eines fremden 
Stammes sich ausprägt. 

Ausführlicher liegt unsre Sage in der nordischen Überlieferung vor, 
die sich in einen norwegisch-isländischen und dänischen Zweig spaltet. 
Ersterer wird repräsentiert durch die beiden eddischen Lieder Hampismal 
und Gudrunarhvot, wozu die Ragnarsdrapa Bragis des Alten und An- 
spielungen in andern skaldischen Gedichten treten, welche beweisen, dass 
spätestens vom 9. Jahrhundert an die Sage im ganzen Norden bekannt 
war. In Proöa erzählen sie die Volsungasaga Kap. 40 — 42 und die SkalH- 
skaparmal Kap. 42. Sie stimmen alle im grossen Ganzen überein und wir 
können sie daher zusammenfassen. 

Eine Abweichung von Jordanes fällt sogleich ins Auge: die weibliche 
Hauptperson heisst nicht Sonarhildr, was dem Sunilda des Jordanes ent- 
spräche, sondern mit einem weit gebräuchlicheren Namen Svanhildr. Svan- 
hild soll die Tochter des Sigurd und der Gudrun, also unseres Siegfried 
und unserer Krierahild sein, doch ist diese Herkunft lediglich nordische 
Erfindung, von der man anderwärts ebensowenig weiss, als davon, dass 
Kriemhild ausser Siegfried und Etzel noch einen dritten Gemahl, den 
Jonakr, seinem Namen nach (vgl. slaw. jonakü, junakii Jung") einen 
Slaven, gehabt habe. Strebte man aber durch Svanhild die Nibelungen- 
tmd Ermenrichssage zu verbinden, so ist sehr wahrscheinlich, dass sie in 
eine von ihnen bereits hinein gehörte und der Sunilda des Jordanes ent- 
spricht, nur ist der seltene, aber aus der Sage sich erklärende Name in 
einen alltäglichen, ähnlich klingenden verändert worden. Ebenso ihre 
Stellung. Will man den Jordanes , nicht zu einem kläglichen Stammler 
machen, so kann man unmöglich seine Worte: y^dum quandam muUerem 
Sunäda nomine . . . pro mariti fraudtdento discessu rew . . . per dicersa dt- 
telU praecipisaet^ (§ 129) mit Wilh. Müller in der Mythol. der deutschen 

16» 

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244 Roedigerr 

Heldens. S. 164 so auffassen^ dass sie bestraft vrorden sei, weil sie ihren 
Gemahl, der König Ermenrich selber war, verlassen hatte! Sie ist viel- 
mehr die Gattin eines uns unbekannten vornehmen Mannes — aber nicht, 
wie man unter Hinzunahme einer an sich schon dunkeln BeowulfstöUe be- 
hauptet hat, des Becca oder Bikki — , fiir dessen Abfall sie büssen muss. 
In der nordischen Überlieferung jedoch ist Svanhild in der That Jormunreks 
Gemahlin oder Braut 

Sie wächst bei Jonakr auf und bekommt zwei Brüder, den Ham|)ir 
und Sprli. Dazu tritt in der Gudrunarhvot und den Prosaerzählungen nodi 
ein dritter, Erpr, der aber nach den Hampismal nicht von Gudrun, sondern 
einer andern Mutter geboren, also der Stiefbruder jener beiden ist. Mit 
der durch Schönheit ausgezeichneten Svanhild will sich der mächtige König 
Jormunrekr vermählen. Er schickt zu Jonakr als Werber seinen Sohn 
Randver und seinen Ratgeber Bikki. Die Werbung wird angenommen 
und die beiden geleiten die Braut heim. Unterwegs rät Bikki dem Randver, 
die dem Vater Bestimmte für sich zu gewinnen, da das junge, schöne 
Weib für ihn besser passe, als für den alten Gebieter. So geschieht es, 
doch zu Haus angelangt verrät Bikki dem König den Betrug. Randverr 
wird gehenkt und Svanhild soll von Pferden zertreten werden. Doch als 
sie am Boden liegend die Augen aufschlägt, wollen die Hengste sie nicht 
treten. Da lässt ihr Bikki einen Sack über den Kopf ziehen und nun 
verliert sie ihr Leben. 

Als Gudrun vom Tod ihrer Tochter hört, reizt sie ihre Söhne Ham|)ir 
und Sorli an, die Schwester zu rächen. Nur ungern willigen sie ein, da 
sie ihren Untergang voraussehen. Gudrun stattet sie (nach den beiden 
prosaischen Quellen) mit undurchdringlichen Rüstungen aus; nach den 
Skaldskaparmal befiehlt sie ihnen auch, den Jormunrek bei Nacht an- 
zugreifen, was befolgt wird. Als die Brüder sich auf den Weg gemacht 
haben, treffen sie ihren verhassten Halbbruder Erp. Auf Befragen sagt 
er ihnen seine Hilfe zu, dennoch kommt es zum Streit und sie erschlagen 
ihn. Bei Jormunrek aber fehlt er ihiien, denn sie vermögen zwar dem 
Könige Hände und Püsse, aber nicht den Kopf abzuhauen, sodass er, wenn 
auch verstümmelt, am Leben bleibt. Sie selbst werden, weil man ihnen 
nicht anders beikommen kann, mit Steinen überschüttet und gehen so zu 
Grunde. 

Der dänische Zweig der nordischen Überlieferung liegt im 8. Buche 
des Saxo Grammaticus vor (S. 408 ff. ed. Müller). Seine Erzählung bietet 
für die Ermenrichssage im allgemeinen ein paar beachtenswerte Züge dar 
— ich meine das Auftauchen der im Norden sonst nicht nachweisbaren 
Harlunge, die Erwähnung der prächtigen Burg des Ermenrich oder Jar- 
mericus, den Versuch, Biocos Treulosigkeit zu motivieren, was auch der 
piärecssaga und der Vorrede zum Heldenbuch notwendig schien — , hat 
sie daneben aber, wie es Saxoa Art ist, pliantastisch ausstaffiert, namentlich 



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Die Sage von Ermenrieh und Schwanhild. 245 

durch eine abenteuerliche Jugendgescbichte des Jarmericus, und willkürlich 
umgemodelt Jarmericus ist natürlich in die Reibe der Dänenkönige ge- 
steckt, Bicco ist ein livländischer Prinz, Swavilda eine Hellespontierin — 
was wohl weiter nichts heissen soll als Tochter eines Seekönigs — und 
ihrer Brüder sind nicht zwei oder drei, sondern vier; benannt werden sie 
nicht Jarmericus' Sohn, der hier Broderus heisst, wird von Bicco wie in 
der pidrecssaga zu Unrecht beschuldigt, entgeht glücklich dem Galgen und 
wird seines Vaters' Nachfolger. Die Swavilda wollen auch bei Saxo die 
Rosse nicht zertreten, weil sie sich scheuen, ihre schönen Glieder zu ver- 
letzen. Der König sieht darin ein Zeichen ihrer Unschuld, aber Bicco 
erklärt es für Zauberei und lässt sie aufs Gesicht legen, sodass sie dennoch 
zerstampft wird. Bevor die Hellespontier den Jarmericus angreifen, haben 
sie in einem Streit um anderwärts gemachte Beute einen grossen Teil 
ihrer Leute getötet und können daher nur mit Unterstützung einer Zaubrerin 
Gnthruna in Ermenrichs Burg eindringen. Guthruna schlägt Jarmericus 
Mannen mit Blindheit, aber Othinus giebt ihnen das Augenlicht zurück 
und heisst sie die Hellespontier, die durch Zauber gegen WafiFen gefeit 
waren, mit Steinwürfen töten. GuSrun tritt hier noch deutlich genug hervor, 
von Erp jedoch haben vrir nur noch einen schwachen Widerschein in den 
getöteten Untergebenen der Hellespontier. Ein Eingreifen Odins kennt 
auch die Volsungasaga, die es aus einer dunkeln Stelle der von ihr be- 
natzten Hampismal erschlossen hat. Gerade ihr ist ja das Auftreten Odins 
in bedeutsamen Momenten geläufig. 

Im ganzen bestätigt Saxo, was uns in reinerer Gestalt die älteren 
nordischen Quellen lehren, nähert sich aber in anderen Punkten der 
pidrecssaga. Sie, die sonst für die deutschen Heldensagen unschätzbar ist, 
fällt für die unsrige am wenigste» ins Gewicht. Da sie eine der Mitte des 
13. Jahrhunderts angehörende Aufzeichnung von Erzählungen deutscher 
Kauf leute aus Bremen, Münster und Soest in altnordischer Sprache enthält, 
so repräsentiert sie die niederdeutsche Sagenform. Sie zeigt uns Kap. 276 ff. 
Erminrik als den mächtigen Oberkönig in Rom, dem der grösste Teil 
Europas gehorcht, und als seine rechte Hand seinen Ratgeber Sifca, den 
oberdeutschen Sibeche. Er trat aus der ebenfalls mit Ermenrieh ver- 
knüpften Harlungensage, in der er eine ganz analoge Rolle spielt, in die 
von Schwanhild über und hat Bikki verdrängt. Seine verderbliche Thätig- 
keit hat die pidrecssaga gesteigert, indem nicht nur ein, sondern drei 
Söhne Erminrics durch seine Ränke umkommen. Sie hat auch, wie ich 
schon erwähnte, seine Untreue motiviert, indem er sie aus Rache übt, als 
Erminrik seine Gattin geschändet hat Dass diese Begründung eine junge 
Weiterbildung der Sage ist, die ihr Entstehen dem Bedürfnis einer Er- 
klärung von Sifcas Charakter und Handlungsweise verdankt, liegt auf der 
Hand, und man sollte um so weniger Schwanhild — Sunilda zur Gemahlin 
des Sifca— Bikki — Becca haben machen wollen. Schwanhild ist vielmehr 



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246 Roediger: ' 

hier ganz verschwunden und Erminriks Sohn, den die Sage Samson nennt, 
wie Erminriks Vater, leidet unschuldig. Denn nur um ihn zu verderben 
und den Vater auch seines letzten Sohnes zu berauben, klagt Sifca diesem, 
Samson habe seiner Tochter Gewalt anthun wollen, und bittet den König, 
das zu strafen. Man reitet, als Sifca diese Mitteilung macht, gerade auf 
die Jagd. Erminrik sprengt zornig auf seinen Sohn zu, reisst ihn an den 
Haaren vom Pferde und des Königs Ross tritt ihn zu Tode. Der Vater 
gerät also in äusserste Wut über ein Verbrechen, dessen er sich doch 
früher selbst schuldig gemacht hatte — Beweis dafür, dass die Motivierung 
von Sifcas Tücke nicht zutreffen und nicht altüberliefert sein kann, wenn 
sie auch in der Vorrede des Heldenbuches wiederkehrt. Dass dieser Sohn 
aber der echte und ursprünglich einzige ist, verrät die Bemerkung, er sei 
zwar der jüngste gewesen, doch hätten sich an ihn die grössten Hoffnungen 
geknüpft. Wie sehr die Sage hier zerrüttet, brauche ich im einzelnen 
nicht zu erörtern, wie es denn auch selbstverständlich ist, dass der Rachezug 
bei dieser Gestalt fortfallen musste. Gerade ihn dagegen und zwar ihn 
allein haben uns die Quedlinburger Annalen aus dem Anfang des 11. Jahr- 
hunderts noch bewahrt. Sie berichten, dass der Gotenkönig Ermanaricus 
von den drei Brüdern Hemidus, Serila und Adaccarus durch Abhauen der 
Hände und Füsse getötet worden sei, aber nicht weil er ihre Schwester, 
sondern weil er ihren Vater ermordet hatte. Von Schwanhild giebt es 
eben im Süden nach Jordanes keine Spur mehr, ausser der verblassten 
in der pidrecssaga. Immerhin würde sie beweisen, dass man auch hier 
einst die Verführung der Stiefmutter durch den Stiefsohn kannte, wenn 
dies nicht schon aus der Erwägung folgte, dass die Nordleute ihre Sagen- 
form nur von den Sachsen, Friesen oder Angeln erhalten haben können. 
Von Wert ist das Zeugnis für einen dritten Bruder, der dem nordischen 
Erp entspricht, den Namen des historischen Odoacer aber natürlich mit 
Unrecht trägt. Den wahren kannte der Annalist nicht oder setzte Odoacer 
dafür ein, weil ihm, wie andere Stellen seines Werkes lehren, dessen Ver- 
hältnis zu Dietrich von Bern oder Theodorich dem Grossen aus der Ge- 
schichte und Dietrichs Verbindung mit Ermenrich aus der Sage bekannt 
waren. Auch Ermenrichs einzigen Sohn und dass er vor dem Vater ge- 
storben, erwähnt er, aber nicht, auf welche Weise er seinen Tod fand. 
Er nennt ihn Friedrich, wie auch die süddeutsche Sage durchweg, die 
seinen Tod aber nicht mehr mit einem Weibe verknüpft. Die Würzburger 
Chronik schreibt die Quedlinburger Annalen aus. Eckehart von Aura be- 
nutzt wiederum die Chronik, aber daneben den Jordanes, weshalb er nur 
zwei Brüder gelten lässt, den Sarius und Ammius, die das Volk Sarelo 
und Hamidiech lieisse. Mit dieser Angabe erlischt die Kunde von der 
Rache der Brüder, und doch geben sie allein uns die Möglichkeit, die 
mythischen und historischen Bestandteile, welche in dieser wie in jeder 
andern Heldensage sich paaren, zu sondern. 



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Die Sage von Ernkenrich* und Schwanhild. 24? 

Von Tornherein dürfen wir in unsrer Erzählung als historisch nur 
in Anspruch nehmen, was Ammian überliefert, also den Tod des kriegerischen 
und mächtigen Goteukönigs Ermenrich beim Einbruch der Hunnen, und 
zwar den Tod durch Selbstmord. Weshalb letzterer und wie er von der 
Tradition ausgeschieden werden konnte, habe ich erörtert. Weiter aber 
als bis zu der Wahrscheinlichkeit, dass der König bei seinem Tode nicht 
mehr in voller Kraft gestanden habe, vermochte man durch blosse Kom- 
bination nicht zu gelangen. Die Gründe seiner Schwäche hätte man ge- 
radezu erfinden müssen, wenn nicht ein Mythus, der, wie mehrfach, durch 
einen Namen seinen Zusammenhang mit den geschichtlichen Thatsachen 
zu beweisen schien, willkommene Hilfe geboten hätte. 

Müllenhoff hat in der Zs. f. deutsches Altert. 30, 222 die Vermutung 
ausgesprochen, dass der Mythus von Schwanhild und ihren Brüdern eher 
dem Gott Irmintiu als dem König Ermenrich angehört habe, und hat dort 
an der Sage von den Harlungen, den NeflFen des Ermenrich, gezeigt, dass 
sie eigentlich vom Himmelsgott und seinen Söhnen, den Dioskuren handelt, 
welche beschuldigt werden, der Gemahlin des Gottes nachgestellt zu haben 
imd den gleichen Tod wie Randverr und Broderus erleiden. Die Ver- 
wandtschaft mit unserer Sage entging ihm also nicht und er stellt auch 
die Frage, ob der Tod des Henkens und die Beschuldigung, die ihn ver- 
anlasst, auf Übertragung aus der Harlungensage beruhen könne. Ich hoffe, 
zu zeigen, dass dies nicht der Fall ist, so wenig wie das umgekehrte. 

Auf den Ausgangspunkt der Hypothese von der Verknüpfung des 
Ermenrich und Irmintiu hat sich Müllenhoff nicht eingelassen, den Beweis 
nämlich, dass Irminrich ein Beiname des Tiu, des Tiwaz der Germanen 
war. Belegt ist der Name nirgends, aber passend ist er durchaus für 
Tiwaz. irmin bedeutet in Zusammensetzungen „erhaben, allumfassend, 
ohne gleichen", germ. Ermanartkaz wäre also „ein König über alle und 
alles, ein König ohne gleichen". Tiwaz war ein solcher: er war der uralte 
Gott des lichten Tages und Himmels, der, bevor ihn Wodan verdrängte, 
an der Spitze des Götterstaates stand, der irmingo% wie das Hildebrands- 
lied ihn zu nennen scheint, der den Beinamen Irmin trug, der Gott, welchen 
der Kern der Germanen nach Tacitus' Germania Kap. 39 als regnator 
ornntum d. h. eben JEt^manartkaz, Ermenrich verehrte und dem die Sachsen 
eine Irminsul, eine universalis columna nach der Übersetzung des Rudolf 
von Fulda, errichtet hatten. Seine Gemahlin als Gottes des alles über- 
wölbenden und bedeckenden Himmels war die Erde, als Gottes des lichten 
Tages die Sonne. Letzterer muss Svanhild entsprechen, und ihre Schönheit 
und leuchtenden Augen heben die nordischen Quellen genugsam hervor. 
Ja die eddische SigurSarkvida HI sagt Str. 55 von ihr „Sie wird weisser 
»ein als der heitre Tag, Svanhild der Sonnenstrahl". Doch könnten die 
leuchtenden Augen ihr als Weisungin angeboren sein und jedes hervor* 



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248 Eoediger: 

ragend schöne Weib von einem begeisterten Dichter also gepriesen werden. 
Deshalb lege ich mehr Gewicht auf folgendes. 

Wenn der Gott des Tages sich, um den Gipfel seiner Macht zu er- 
reichen, mit der Sonne vermählen will, wird sie ihm nach den indischen 
Mythen 'von den ÄQvins zugeführt. Sie sind ein rüstiges und reisiges 
Jünglingspaar, angethan mit leuchtenden Rüstungen, die Dioskuren, Söhne 
des Dyäus, Zeus oder Tiwaz. Ihnen entsprechen die ebenfalls mit Rüstungen, 
und zwar zauberischen, undurchdringlichen, ausgestatteten Brüder der Su- 
nilda oder Svanhild Sarus und Ammius. Die Rüstungen sind so charak^ 
teristisch für sie wie für die A^vins, denn sie heissen danach: Sarus gehört 
zu got. Barwa (Plur.) „Bewaffnung, Rüstung^, Ammius statt Hanmiius zu 
got. ^kama^ ahd. hämo „Kleid"^, im Namen eines Mannes selbstverständlich 
so viel als „Kriegskleid". Gotisch würden die Namen Sarws und Hamjü 
lauten, wovon nord. Sprli = ahd. Sarulo^ Quedlinbg. Ann. Serüa^ got. *Sar- 
wüa Koseform, nord. Hampir = ahd. Hamideo Hemidio eine Weiterbildung 
durch Zusammensetzung ist, die einen jungen Mann im Kriegskleid be- 
zeichnet. Die Namen des Jordanes aber sind weder zusammengesetzt noch 
aus componierten gekürzt — sonst müssten sie auf -a ausgehen — , und 
solche einfachen Namen deuten immer auf mythische Träger. Der dritte 
Bruder führt im Norden einen auf die Farbe seiner Haare oder seines 
Gesichtes gehenden Namen: JErpr, andd. Erpo, ahd. Erpho (wovon Erpes- 
oder Erphesfurt „Erfurt**) ist der braune, dunkle, als welchen ihn auch die 
Brüder in den Hampismal bezeichnen. Sie selber sollen nach den Skald- 
skaparmal wie alle Nibelunge rabenschwarzes Haar gehabt haben. Erpr 
unterscheidet sich also scharf von ihnen. Die beiden echten Brüder hat 
man auf das Zwielicht gedeutet und die Erläuterung unsrer Sage wird 
diese Zurückführung bestätigen. 

Nicht immer walten die A^vinäu treulich ihres Amtes als Brautführer: 
es geschieht auch, dass sie die dem Vater bestimmte Braut mit deren Ein- 
willigung für sich behalten. Dann straft sie der Himmelsgott mit dem 
Tode durch den Strang, der schon zu Tacitus' Zeit den Verrätern und 
Überläufern bestimmt war (Germ. 12. J. Grimm, Rechtsaltert, 682 f.). 
Er trifft die Dämonen des Zwielichts, wenn der helle Tag anbricht und 
die Sonne am Himmel emporsteigt Aber auch die treulose Braut wird 
bestraft, nur dass die Rache sie erst am Abend ereilt. Vielmals werden 
die Rosse als Wolken gedacht: ich erinnere nur an Odins achtfüssiges graues 
Pferd und an die der Valkyrjen, von denen Tau und Hagel auf die Erde 
niederfällt. Wenn nun die Abendwolken die Sonne bedecken oder sie in 
Streifen aufzulösen scheinen, dann wird Sunilda von den Rossen zertreten 
oder zerrissen, dann ist sie die Hild, welche zur Sühne, wie ihr echter 
Name besagt (got. *«<j7ia, ahd. suona)^ für ihr Vergehen oder nach Jordanes 
das ihres Gemahls {pro mariti fraudtdento discessu) umkommt. 

Doch wenn die Sonne untergeht, wird das Zwielicht wieder lebendig 



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Die Sage von Ermenrich und Schwanhüd. 249 

tmd rächt sich am Tagesgott. Bei Anbruch der Nacht (vgl. die Skaldska- 
parmal) überfallen die Brüder ihn und yerstümmeln ihn, finden aber auch 
selbst Yon neuem ihren Untergang, sobald die tiefe Finsternis der Nacht 
den abendlichen Dämmerschein verdrängt. Unter Steinen müssen sie ge- 
wissermassen begraben werden, weil sie als Lichtwesen unverwundbar sind, 
und nur das Dunkel ihre Kraft zu brechen vermag. Ebenso wenig können 
sie allein dem Tage den Garaus machen: es wäre ihnen nur mit Hilfe 
ihres braunen, dunkelen Stiefbruders gelungen, in dem wir einen Dämon 
des Dunkels finden dürfen. Dass er schon in der ursprünglichen Form 
des Mythus die helleren Brüder ergänzte, nicht etwa erst ein nordischer 
Zusatz ist, wird dadurch bewiesen, dass auch die südgermanischen Qued- 
linburger Annalen einen dritten Bruder kennen. Er wird einst als Sohn 
des Tages und der Nacht aufgefasst worden sein. 

Dieser alte Dioskurenmythus, der den Tod des himmlichen Ermanarikaz 
darstellte, wurde an den historischen Airmanareiks geknüpft, um sein un- 
begreifliches Ende zu erklären. Bei dieser Yermenschlichung des Mythus 
aber mussten sich notwendig einige Änderungen einstellen. 

Unmöglich wurden die Brüder, die beide in Eintracht um dasselbe 
Weib sich bewerben: sie mussten zu einem Sohne des Königs zusammen- 
schwinden. Dass dieser eine Neuschöpfung, sieht man noch daraus, dass 
sein Name in jeder Gruppe von Überlieferungen ein anderer ist. Nur in 
dem norwegisch - isländischen Randver, dem „Mann mit dem Schilde" 
könnte noch allenfalls eine Erinnerung an den gerüsteten Dioskuren auf- 
tauchen. Dieser Sohn findet seinen Tod gleich den beiden im Mythus; 
weil aber die Verwandtenrache für den Mord des Weibes nach germanischer 
Anschauung nicht fehlen durfte, treten bei ihr die Dioskuren als angebliche 
Brüder der Getöteten wieder hervor. Der schlimme Ratgeber in der nor- 
dischen Gestalt der Sage verkörpert die bösen Gedanken des Sohnes, ent- 
lehnt jedoch ist er jener Anschauung von Ermenrich, die in ihm <len 
grausamen, treulosen, habgierigen Tyrannen erblickte : für diese schlimmen 
Eigenschaften war Bikki das lebendige Bild. Sein Name hat die Form 
einer kosenden Bezeichnung; erklärt ist er noch nicht. 

Habe ich mit meiner Deutung der Sage recht, so ergiebt sich, dass 
sie uns bei Jordanes in unvollkommener Gestalt vorliegt. Von dem Sohn 
ist keine Bede, Sunilda ist nicht Gemahlin des Hermanaricus, sondern 
eines andern, ohne Zweifel vornehmen und bedeutenden Mannes, auf dessen 
Beistand der König in seiner bedrängten Lage grosse Hoffnungen gesetzt 
hatte. Die schreckliche Strafe an seinem zurückgelassenen Weibe spricht 
hierfür, bezeugt vielleicht auch, dass Hermanaricus sie für mitschuldig er- 
achtete, da sie ja aus der — noch unerklärten — Rosomonoi^um gens infida 
stammte. Wir könnten in der Erzählung des Jordanes einen zwar nicht 
mehr historischen, aber der Geschichte doch noch einigermassen nahe 
liegendoi Bericht erblicken, wenn nicht gerade die Namen der drei Ge- 



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250 Nehring: 



schwister schon ihrer Bildung nacii mythische waren. Die Worte des 
Jordanes so zu pressen, dass man in dem Verräter des Königs Sohn, in 
seiner Gemahlin die dem König entzogene Braut finden wollte, empfiehlt 
sich gewiss nicht. Lieber nehme ich an, dass durch Jordanes oder schon 
durch seine Quelle Cassiodorius die Yolkssage verunstaltet ward. 
Berlin. 



Die ethnographischen Arbeiten der Slaven, 
vornehmlich Oskar Kolbergs. 



Von Wl. Nehring. 



I. Was man heutzutage Volkskunde im engeren Sinne nennt, ist bei 
den Slaven sehr alt; so weit man die wissenschaftliche Litteratur darüber 
übersehen kann, gehören slavische Gelehrte zu den ersten, welche über 
Erscheinungen des heimischen Volkswesens und Volksgeistes schrieben. In 
Kussland wurden Sammlungen von Volksliedern und Volkssitten schon im 
vorigen Jahrhundert besorgt; die mächtigste Anregung zu ähnlichen Sanun- 
lungen und Studien des eigenen Volkes in Wort und Brauch brachte bei 
den anderen Slaven die Bewegung am Ende des vorigen und im Anfange 
des gegenwärtigen Jahrhunderts, welche slavische Kritiker mit Wieder- 
geburt, Wiedererwachen des nationalen Geistes bezeichnen. Bei der Zer* 
splitterung der slavischen Völker und Stämme und bei den verschieden 
gearteten politischen Verhältnissen derselben ist es selbstverständlich, dasa 
der Gewinn der ethnographischen und ethnologischen Arbeiten der Ge- 
lehrten verschiedener slavischer Volkszweige ein durchaus verschiedener 
war, je nach den wesentlich oder zufällig abweichenden günstigen oder 
ungünstigen Bedingungen; eines aber kann behauptet werden, dass die 
Bestrebungen der slavischen Forscher auf dem Gebiete der Volkskunde 
bei den verschiedenen slavischen Völkern, mit geringen sehr günstigen 
Ausnahmen, sich mehr unabhängig von den gleichen Bestrebungen bei 
anderen Völkern und unter Umständen planlos entwickelten, ohne doch 
hinter diesen weit zurücksfübleiben : das weite Gebiet mit seinen ver» 
schiedenen Zielen der Altertumskunde, des Studiums des Volkstums und 
der Förderung des Nationalbewusstseins überhaupt bot Baum zu den ver- 
schiedensten Arbeiten. 

Wenn ich es nun unternehme, diesen Bestrebungen in einer gewis^ieLU 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 251 

Übereinstimmung mit den Gesichtspunkten dieser Zeitschrift zusammen- 
zustellen, so geschieht es, da das ganze weitschichtige, vielsprachliche und 
sehr zerstreute Material selbst in den bevorzugten wissenschaftlichen 
Centren in Russland kaum zugänglich ist, mit dem ausdrücklichen Vor- 
behalt, dass die hier gegebene Übersicht gewiss nicht erschöpfend sein 
kann; die Vollständigkeit liegt auch schon wegen der Reichhaltigkeit des 
Stoffes nicht in der Absicht des Unterzeichneten (die anthropologische 
Seite musste unberücksichtigt bleiben); ich wünsche vielmehr zu zeigen, 
dass das Interesse für slavische Volkskunde bei den Slaven sehr alt ist, 
dass dieses Interesse von den besten und vornehmsten Forschem bekundet 
und dass auf diesem Gebiete von slavischen Schriftstellern schon Bedeutendes 
geleistet worden ist; spätere Ergänzungen können dieses Bild im Einzelnen 
TervoUständigen. 

In Russland trugen die politischen Verhältnisse seit jeher dazu bei, 
die Eigenart des Volkes zu erhalten und die Aufmerksamkeit auf dieselbe 
ununterbrochen zu lenken: zunächst der Gegensatz gegen die benachbarten 
Lateiner, sodann die kirchlichen, vornehmlich aber politischen von Peter 
dem Grossen ausgehenden Reformbestrebungen, welche die Altgläubigen 
und die Altrussen an dem Überlieferten starr festhalten Hessen, schliesslich 
die vielen Bestrebungen um die Wahrung des Russentums gegen das 
Abendländische und um die Befreiung des Volkes von der mittelalterlichen 
Unfreiheit und Leibeigenschaft, welche selbst in unsere Zeiten hinein- 
ragen; bekanntlich haben die lokalen statistischen Comites zur Entscheidung 
der Emanzipationsfrage viel statistisches und ethnographisches Material 
gesammelt, welches auch wiederholt bearbeitet wurde. Der Mittelpunkt 
dieser Strömungen, zum Teil gegen die in Petersburg sich geltend machende 
Hinneigung zur fremdländischen Kultur war seit dem vorigen Jahrhundert 
Moskau: hier bildete sich, schon zu Katharinas IL Zeiten, ein Verein zur 
Aufklärung des Volkes durch Herausgabe von Volksbüchern u. s. w.; 
hier bildeten sich später Vereine zum Studium der russischen Altertümer 
und des nationalen altererbten Volksgutes, wie z. B. die mit der Universität 
verbundene Gesellschaft der Freunde russischer Geschichte und russischer 
Altertümer (seit 1846), ein Verein der Freunde der Volkslitteratur, ferner 
der Gräflich Uvarovsche Altertumsverein; später entstand der Verein für 
Natorwissenschaften, Anthropologie und Ethnographie; hier wirkten Ka- 
Iajdovi6, Kireevskij, Bodjanskij und andere Altertumsforscher; hier 
regten sich die ersten Keime der Bestrebungen der Slavophilen und Pan- 
slayisten. Aber auch Petersburg folgte dem gegebenen Antriebe, und 
überall fanden die auf das Sammeln und Studium der Altertümer und der 
Volkskunde gerichteten Bestrebungen das grösste Entgegenkommen der 
Regierung, besonders seit der Regierung Alexanders 11. In Petersburg 
entstand in den 60 er Jahren die mit grossartigen Mitteln ausgestattete 
Geographische Gesellschaft, deren ethnographische Abteilung für ein ein- 



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252 Nehring: 

gehendes Studium des Volkswesens von Anfang an in überaus erfolgreicher 
Weise thätig ist, sowohl durch systematisch an Ort und Stelle von Be- 
auftragten und Expeditionen unternommene Forschungen als auch, durch 
Förderung von Einzelarbeiten; eine besondere Abteilung wurde mit der 
Erforschung der südwestrussischen Landesteile beauftragt und war seit jeher 
sehr thätig; eine besondere Abteilung hat ihren Sitz in Kiew und ver- 
öffentlicht seit 1873 wertvolles Material; eine andere Kommission in Wilna 
für die ethnographische Erforschung Weissrusslands war schon seit den 
60 er Jahren thätig. In Moskau wurde eine Gesellschaft der Freunde der 
Naturwissenschaften, der Anthropologie und Ethnographie mit drei Ab- 
teilungen begründet, von denen die zwei letzt genannten die russische 
Volkskunde durch hervorragende Veröffentlichungen förderten. Ausserdem 
war bei jeder Gubernialregierung seit vielen Jahrzehnten eine statistische 
Abteilung thätig, Materialien für Statistik, Altertümer und Volkskunde zu 
sammeln und zu veröffentlichen. Zahlreiche Gelehrte lieferten auch ausser- 
halb der genannten Vereine schätzenswerte Beiträge zum Studium des 
russischen Volkswesens; die verschiedenen Veröffentlichungen fanden im 
Lande rasche Verbreitung und das Publikum wendete den Ergebnissen 
derselben, wenn auch nicht allgemein, ihre Gunst und ihr Interesse zu. — 
Ein gewisser Teil des reichhaltigen ethnographischen Materials ist von 
Ausländern geliefert worden. Das russische Volk ist nämlich seit früher 
Zeit Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit von Fremden gewesen nach 
der Seite seines Glaubens, seines Aberglaubens und seiner Sitten: seit 
He rb er Steins Rerum Moscovitarum commentarii von 1517 und 1525, heraus- 
gegeben 1549, bis zu solchen Büchern, wie Barrys Russia und Ivan at 
home in unserer Zeit, zieht sich eine Reihe von schätzenswerten Be- 
richten Fremder über Russland und die Russen, wie Olearius 1647, 
Beauplan u. a., deren Zahl durch die Aufzählung in Bestu^evs Russischer 
Geschichte in dem Abschnitt „Skazanija inostrancev" nicht erschöpft ist. 

In Serbien wandte man sich ebenfalls sehr früh und zwar infolge 
der Befreiungskriege dem Studium des Volkswesens, vornehmlich der 
Hebung des Schatzes des Volksgeistes in Wort und Sitte zu. Die ersten 
Publikationen der serbischen Volkslieder (die erste vom Jahre 1814), der 
Sitten, Gebräuche u. s.w. des serbischen Volkes von Vuk Stephanovic 
KaradiSic, welche in Europa, vornehmlich in Deutschland, unter anderen 
von J. Grimm mit unbedingtem Beifall und mit Bewunderung aufgenommen 
wurden, lenkten auf die eigenartigen, im serbischen Volksmunde und Volks- 
leben seit Jahrhunderten erhaltenen Schätze die Aufmerksamkeit der 
Serben selbst und regten zahlreiche, dem Beispiele Vuk s folgende Sammler 
und Forscher an, die schätzbares, indess noch nicht zum Absohluss gelangtes 
Material lieferten und wissenschaftlich beleuchteten, um so schätzbarer, da 
mit Ausnahme der Belgrader Gelehrten - Gesellschaft und der Agramer 



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Die ethnographischi^n Arbeiten der Slaven. 253 

Akademie der Wissenschaften die mähe- und Verdienstvollen Arbeiten von 
oben wenig unterstützt wurden. 

Auch in Böhmen und in der Slovakei ist das Studium der heimischen 
and slavischen Volkskunde sehr alt. Die ersten Bestrebungen in dieser 
Richtung gingen zum Teil von Männern aus, deren Wiege in der Slovakei 
gestanden hatte. Der wissenschaftliche Trieb, zunächst zur Altertums- 
forschung, wurde in Böhmen von dem bekannten, ebenfalls in Ungarn ge- 
borenen Slavisten Dobrovsky angeregt und teilte sich dann, wie Scheide- 
münze, weiteren gelehrten und nicht gelehrten Kreisen mit, die das Sammeln 
sich angelegen sein Hessen und unter denen Namen sich befanden, wie 
Hanka, Jungmann, Safaf ik u. a. Noch zur Zeit Dobrovsk^s (f 1829), 
mehr noch in den dreissiger Jahren war Prag thatsächlich der Mittelpunkt 
der slavischen Wissenschaft. Hier erschienen die bedeutendsten Werke, 
betr. Geschichte und Altertümer Böhmens und der Slaven überhaupt: 
hierher wanderten junge russische, polnische und kroatische Gelehrte und 
trugen die im Verkehr mit Öafal-ik, Hanka, Palaeky u. a. gewonnene 
Liebe zu den slavischen Altertümern in ihre Heimat zurück, um dort 
Sinn und Interesse für das Volk und das Volkstum zu wecken und zu steigern, 
denn das Interesse für das Volk, seine Vergangenheit, seine Sagen, 
Sitten u. s. w. stellte sich damals in den Dienst der slavischen Altertümer. 
Auch von Seiten der Obrigkeit wurde schon sehr früh Interesse für das 
Volkstum bethätigt: wir erfahren jetzt, dass gegen 1820 die Kreisbehörden 
in Böhmen und Mähren amtlich aufgefordert wurden, für die Sammlung 
von VolksliedeiTi zu sorgen. 

Auch in Polen ist das wissenschaftliche Interesse für heimische und 
slavische Volkskunde sehr alt: der bekannte H. Kollontaj (KoUqtaj) 
machte schon 1802 auf die Notwendigkeit aufmerksam, das Volk in seiner 
physischen Erscheinung, seiner Sprache, Tracht, Sitte u. s. w. zu studieren : 
der Dichter Woronicz lenkte gleichzeitig die Aufmerksamkeit auf die 
Volkspoesie; in den Jahren 1814 und den folgenden durchwanderte Zorjan 
Ohodakowski, ausgestattet mit ansehnlichen russischen Regierungsfonds, 
die polnisch-russischen Länder und sammelte Volkslieder, besuchte sagen- 
umsponnene Erdaufschüttungen, ohne die Herausgabe seiner umfassenden 
Materialien zu erleben. Das von ihm gegebene Beispiel fand begeisterte 
Nachahmung, besonders Wojcickis und Gol^biowskis; seit 1830 war 
ftlr die polnische Volkskunde der Weg geöffnet. 

Auch bei den anderen slavischen Völkern fand sich schon früh In- 
teresse und Liebe für das Studium des Volkstums, wenn auch mehr ver- 
einzelt 

n. Der Hauptanteil an den slavisch-ethnographischen Studien fällt 
den Russen zu. Bei ihnen sind die frühesten und zahlreichsten Arbeiten 
zu verzeichnen. Volkslieder wurden schon in der Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts gesammelt; eine Sammlung von Culkov, freilich auch mit Liedern 



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254 • Nehring: 

aus beliebten Opern, ist 1770^ sodann im vorigen Jahrhundert noch zwei 
Mal erschienen. 

Die Zahl der in demselben Jahrhundert erschienenen Lieder- 
sammlungen ist ziemlich bedeutend, auch die sonstigen auf die tradi- 
tionelle Volkslitteratur bezüglichen Arbeiten vor 1800 sind nicht un- 
bedeutend: hier seien vor allem ältere und neuere genannt, die allgemeiner 
Natur sind und teils auf mehrere Teile der russischen Volkskunde, teils 
auf andere slavische Völker sich beziehen. Obenan stehen die Arbeiten 
der schon erwähnten Petersburger Geographischen Gesellschaft mit ihren 
Abteilungen, vornehmlich mit der ethnographischen Abteilung, welche seit 
1867 Zapiski (Denkschriften) der geographischen Gesellschaft herausgiebt, 
mit Arbeiten von Lamanskij, Majkov, Saveliev, 0. Miller, Hilte- 
brandt u. a. Die seit dem Jahre 1860 geplante Expedition nach Südwest* 
russland zur Erforschung des kleinrussischen Volkes kam unter Hiltebrajadt, 
Cubinskij u. a. erst 1870 zu Stande und veröffentlichte seit 1872 ihre 
zum Teil grundlegenden Arbeiten in Trudy etnografiöesko-statistiöeskoj 
expedicii v jugüozapadnom krae. Eine Abteilung für Weissrussland gab 
schon seit 1853—1864 Etnograficeskij Sbomik (Ethn. Sanmil.) heraus; eine 
besondere Abteilung mit dem Sitz in Kiew giebt seit 1873 heraus Zapiaki 
ju^uozapadnago otdela imper. russkago geografiöeskago obsöestva (Denk- 
schriften der südwestl. Abteilung der Geogr. Gesellsch., von Öubinskij, 
Dragomanov, Kupöanko u. a.). Die Moskauer Gesellschaft für Natur- 
wissenschaften, Anthropologie und Ethnographie, insbesondere die letzte 
Abteilung veröffentlicht Trudy etnografi($eskago otdela (Arbeiten der ethn. 
Abteilung u. s. w.) mit Beiträgen von Vs^v. Miller, Janöuk, Anuöin u. a.; 
ihr Organ ist seit 1889 die Zeitschrift Etnogr. obozrenije unter der Re- 
daktion von Janöuk. Die in Moskau in dem Kumjancovscheu Museum 
befindlichen ethnographischen Sammlungen, darunter die stattliche Keihe 
von ethnographischen Darstellungen in Wachsfigurengruppen von Vertretern 
verschiedener Kussland und die slavische Welt bewohnender Stamme in 
ihren heimischen Trachten, ihren Wohnungen, ihrer häuslichen Geschäftig- 
keit u. s. w. hat Prof. Vsev. Miller (Direktor des Museums) beschrieben 
in Sistematideskoe opisanie kollekcii Daskovskago etnografiöeskago Muzea, 
Mosk. 1887; es ist nur sehr zu bedauern, dass dieses gelungene ethno- 
graphische Mannekin-Museum nicht durch Abbildungen bekannt gemacht 
wird. Derselbe Gelehrte giebt seit 1885 heraus periodisch wiederkehrende 
Sammlungen für russische Ethnographie (Sbomik materialov-po etnografii 
izdavaemyj pri Daskovym Muzee), wo neben nicht russischen Stämmen 
auch mitunter russische und slavische berücksichtigt wurden, z. B. in Bd. L 
in der Arbeit über das Eherecht der Bulgaren, Hocbzeitsgebräuche der- 
selben u. 8. w. Beiträge zur russischen und slavischen Volkskunde bringen 
die Schriften der Petersburger Akademie der Wissenschaft (11. Abteilung), 
die Zeitschrift des Aufklärungsmini steriums (^urnal ministerstva narodnago 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 256 

pro6ye§6enija) DreTnosti (Altertümer) des üvarovschen Vereins in 
Moskau u. a.; ausserdem berücksichtigen die statistischen Comites bei den 
Gnbemialregierungen in ihren Yeröffentlichungen auch sorgföltig die ethno^ 
graphischen Verhältnisse. — Den gesamten Niederschlag der poetischen 
Naturanschauungen der Slaven in Liedern, Märchen, Sprüchwörtem u. s. w. 
verwertete Afanasiev in Poetideskija vozzrenija Slavjan na prirodu 
3 Bde. M. 1869, trotz aller Mängel doch wertvoll; ebenso O. Miller die 
Anschauungen und Kundgebungen des russischen Volkes in Opyt istorid. 
obozrenija russkoj narodnoj slovesnosti, Mosk. 1866, wozu eine Chrestomathie 
gehört; in anderer Weise TereSßenko in Byt naroda Vusskago 7 Bde. 
1848. Vor allem verdient an dieser Stelle genannt zu werden die ältere 
Arbeit von Sacharov Skazanija russkago naroda 1840, welche zu zwei 
grösseren Bänden gediehen ist und Sitteuschilderungen, Feste, Lieder, 
Sprüchwirter u. s. w. enthält. — Über slavische oder russische Volkspoesie 
haben geschrieben ausser Bodjauskij (O narodnoj poezii slavjanskich 
pleroen M. 1837), L. 8tur(0 nar. pisn. i pov. slov. Prag 1853), Kostomarov 
(Ob istor. znacenii russkoj nar. poezii. Chark. 1843, später 1871), ausser 
Vsev. Miller u. a. in Uvarov's Drevnosti, vornehmlich Jagic in Gradja 
(Materialien) za istorijn slovinske narodne poezije 1876 (Rad jugoslav. 
Akademie Bd. XXXVTI). In einer Abhandlung über die Erwähnung und 
Bedeutung des Flussnamens Dunaj in den slavischen Volksliedern (Archiv 
f. slav. Philol. I) verwertet derselbe Gelehrte den gesamten Liederschatz. In 
früherer Zeit hat Buslaev in Istoriöeskie oßerki russkoj nar. slovesnosti i 
iskustva M. 1861 sich über die traditionelle Volkslitteratur geäussert; ausser- 
dem hat Chalanskij im Warschauer Russkij filologiceskij vestnik (seit 1871) 
Stadien über russische und serbische Volkslieder geschrieben *). Auf 
Überlieferungen aller Völker beruht die Abhandlung von Sumcov (in 
Änm. minister, nar. prosv. 1880. Novbr.) slavjanskich narodnych 
vozzrenijach na novoro2dennago rebenka (Volksanschauungen über ein neu- 
geborenes Kind). Über die Aufgaben der russischen Ethnographie haben 
gehandelt Pypin 1885 (in Vestn. Evropy) und Anuöin in der Mosk. 
ethnog. Ztschr. Etnog. obozr. Bd. I. 1889. Ein wertvoller Festkalender 
ist das Buch von Hanu§ Bajeslovn^ Kalendär slovansky Prag 1860. 

So wie das Interesse für Volkspoesie in Russland sehr früh erwacht 
ist, so ist die darauf bezügliche Litteratur auch sehr reich. Die Samm- 
lungen sind sehr zahlreich: im Jahre 1838 zählte Sacharov deren 126; 
die Zahl derselben, welche freilich alle erreichbaren russischen Lieder 
um&ssen, mit oder ohne Musik, zum Singen bestimmt oder nicht, volks- 
tümlich oder nur beliebt und verbreitet, ist seitdem sehr gewachsen; hier 
■ollen nur die bekanntesten Sammlungen genannt werden. Der Sammlung 
von Öulkov von 1770 folgte die reichhaltige (einige 2000 zum Teil aus 

1) Die Schrift Laboulayes: Chansons popul. des Slaves, Par. 1864 ist mir nicht 
bekannt. 



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256 Nfhring: 

Culk. abgeschriebene Lieder, meist auch beliebte Opern- und sonstige 
Arien enthaltende) Sammlung^ von Novikov 1780 und 1871, darunter auch 
etwa 300 Volkslieder; wenige Jahre später (1790) erschien in St Peters- 
burg eine Sammlung beliebter volkstümlicher Lieder (Molodöik s molodkoja) 
und andere, z. B. von Pratsch 1790, von Strachov (Hochzeitslieder) 
1835. Mit dem Jahre 1804 beginnt die Veröffentlichung der russischen 
epischen Lieder, byliny, deren Hauptgruppe die byliny des Wladimirschen 
Cyclus sind. Im genannten Jahre erschien nämlich die später unter dem 
(falschen) Namen KirSa Danilov bekannte Sammlung Drevnija russkija 
atichotvorenija, unter welcher sich alte (die Sammlung geht in die Mitte des 
XVni. Jahrhunderts zurück) Lieder und byliny von den Haupthelden der 
Wladimirschen Tafelrunde befinden; die Sammlung ist 1818 von Ka- 
lajdovic von neuem herausgegeben worden. In der Regierungszeit 
Alexanders II. erschienen die umfassenden Sammlungen der byliny; zu- 
nächst die des bekannten Mosk. Gelehrten Eireevskij, ausser bis dahin 
gedruckten viele neu gesammelte enthaltend, seit 1860 in einzelnen Heften, 
besorgt von Bezsouov, mit vielen Erläuterungen und Bemerkungen (2. Ausg. 
1868 ff.). Ferner erschien gleichzeitig die Sammlung von Rybnikov 
(Pesni sobrannyja Rybnikovym), meist epische aus dem Gouvem. Olonec 
in 4 Teilen 1861—67; zuletzt die des bekannten Altertumsforschers Hil- 
ferding One^skija byliny 1873. — Die bekanntesten und wichtigsten 
Sammlungen grossrussischer, vornehmlich lyrischer Volkslieder sind ausser 
den von Kalajdovic (1818), Sacharov, Kireevskij und Rybnikov ver- 
öffentlichten die von Öein, Russkija narodnyja pesni I. M. 1870 und 
Melgunov Russkija pesni neposredstvenno s golosov naroda u. s. w. mit 
Erklärungen M. 1879. Ausserdem verdient genannt zu werden die Samm- 
lung von Daniil Kasin, Russkija nar. pesni sobr. i izdannyja dlja penij 
i fortepiano M. 1833—34, wegen der Melodien von grossem Wert. — 
Geistliche Volkslieder sammelten Kireevsky 1848, sodann V. Varencoy 
(Sbornik russkich duchovnych stichov) Pet. 1860, Jakuskin (Russkija 
pesni iz sobranija JakuSkina) P. 1860, Bezsonov (Kaleki perechoÄie, 
wandernde Bettler) in 6 Heften 1861—64 und Barsov (Duchovnye stichi 
geistliche Verse) in Bd. IV der Zapiski der geogr. Gesellschaft. 1871. Die 
folgenden Sammlungen bieten einen irgendwie beschränkten Kreis von 
Liedern: Golovackij, Svadebnyja pesni (Hochzeitslieder) in den Mosk. 
Ötenija 1864, Barsov, Pricitanija (Totenklagen) sevemago kraja 1882 — 85, 
Eochanovskaja, Bojarskija pesni, Earencov, Sbornik Samarskago kraja 
•1862, Mo^arovskij, Svjatocnyja pesni, igry i gadanija Kazaüskoj gubemii 
Kaz. 1873, Chalanskij, Lieder aus dem Gouvem. Kursk, Ömutov ans 
Belozersk in Russkij filol. vestn. II, ebenso Lieder aus dem Perm'schep 
Gouvernement. 

Die wissenschaftliche Bearbeitung des reichhaltigen Liederschatzes hat, 
obgleich mehr in den Anfängen begriifen, schon erfreuliche Resultate ge- 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 257 

zeitigt Selbstverständlich sind die Heldenlieder (byliny) nach Inhalt, 
Form und ihrem Ursprung Gegenstand eingehender Forschungen ge- 
wesen. Genannt sind schon die allgemeinen Arbeiten Yon Buslaey und 
Jagi6 Gradja, wo das hohe Alter der byliny wahrscheinlich gemacht 
wird; erwähnt ist auch schon Bezsonov als Interpret der von Kireevskij 
gesammelten Lieder. Der Erforschung der byliny widmeten eingehende 
Studien vor allem V. Stasov und Or. Miller, von denen der erste in der 
Abhandlung: proizchoÄdenij russkich bylin (Vestnik Evropy 1868) zu 
zeigen suchte, dass die byliny in den natürlichen Verhältnissen, in dem 
Verhalten der Helden und ihrem Leben u. s. w. ein matter Abklatsch 
asiatischer, meist mongolischer Märchen, Lieder und Erzählungen seien, 
der andere aber im Gegensatz dazu in seinem ausführlichen (über 800 Seiten) 
Werke Dja Muromec 1869 durch weitschichtige Vergleichungen den my- 
thischen Ursprung und Kern zu beweisen suchte. Keine dieser Ansichten 
fand bleibende Anerkennung, vielmehr machte sich die Forschung zur 
Aufgabe, dem Ursprung der byliny auf historischem und vergleichendem 
Wege nachzugehen: schon 1863 erschien Majkovs bylinach Vladim. 
cykla, wo die historischen Bestandteile ermittelt werden, ferner zeigte 
Jagic im Arch. f. slav. Phil. I, dass in den byliny in christlicher Zeit her- 
gewanderte Motive die dichtende Phantasie des Volkes beeinflusst haben, 
der Akademiker A. Weselovsky zeigte in einer Reihe von Abhandlungen 
(im Arch. f. slav. Phil., in 2um. min., in Zap. Akad. u. s. w.), dass die 
Beziehungen zu den byzantinischen und südslavisehen Überlieferungen auf 
die Entstehung der byliny in Südrussland führen; femer beschäftigten sich 
mit den byliny Majkov „Nochmals über Zaone^er byliny" in Buss. fil. 
vest. XIV, Chalanskij ebenda, Kvaänin-Samarin schrieb über die 
Sammlung von Hilferding in Buss. vest. Bd. 113. Mit den Studien über 
byliny hängt auch zusammen die vergleichende Arbeit von Sozonovic 
über die Heldin-Frau: Pesni o devuäke-voine i byliny o Stavre GodinoviÖe 
(Warsch. 1880). Es fehlt auch nicht an Einzelforschungen über andere 
Helden der älteren byliny, so Da§kevi6 Byliny ob Ale§e Popovice, Kiev 
1883, mit einem eingehenden Nachweis des geschichtlichen Kerns und der 
Wanderung desselben von Rostov nach Moskau, und Damberg, Versuch 
einer Geschichte der russischen Dja-Sage, Helsingfors 1887 (deutsch). In 
fremden Sprachen handeln über die byliny ausser der soeben genannten 
Dissertation, ausser Bistrom in Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. VI, 
vor allem W. Wollner, Untersuchungen über die Volksepik der Russen, 
1879, Rambaud, La Russie epique, 1876, und Ralston, welcher in den 
Songs of the russian people, 1872, den ganzen Liederschatz des russischen 
Volkes mit vieler Sachkenntnis bespricht. — Über die geistlichen 
Lieder hat vor allem A. Weselowskij in Razyskanija v oblasti duchov- 
nych stichov, über wandernde Bettler in Vest. Evropy, 1872, No. 4, vor- 
nehmlich über Barsovs Klagelieder, in Russ. Revue HI gehandelt; über 

Zeltschrift d. Vereins f. Voliukunde. 1891. X7 

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258 Nehrmg: 

wandernde Pilger siehe Sreznevskij Zapiski der Akademie, 1862. Die 
vielgestaltigen und weitverbreiteten Volkslieder von dem Land und Wege 
Russlands säubernden und sichernden Egorij Chrabryj im Vergleich mit 
St. Georg hat Kirpicnikov in systematischer und erschöpfender Weise 
behandelt (Sv. Georgij i Egorij Chrabryj Pet. 1879); Chalanskij hat 
nach dem Vorgange von Kostomarov den Charakter der klein- und gross- 
russischen Volkspoesie verglichen (Russ. fil. vest HL, vgl. Arch. I, 324). 

Der überaus grosse Reichtum der kleinrussischen Volkslieder (in 
Südrussland, Galizien und in Nordostungam) wurde seit dem dritten Jahr- 
zehnt unseres Jahrhunderts fleissig gesammelt und auch mit vieler Vor- 
liebe behandelt. Nachdem der Fürst Certelev schon 1819 in seinem 
Opyt sobranija starinnych malorusskich pesen auf kleinrussische alte Lieder 
aufmerksam gemacht hatte, gab der bekannte Litteraturhistoriker und 
Ethnograph Maksimovic in seinen jungen Jahren 1827 eine Lieder- 
sammlung heraus, später 1834 in vermehrter Auflage und mit einem Com- 
mentar, welche dann 1849 zu dem bekannten Sboniik ukrainskich pesen 
erweitert wurde. Li jener Zeit erschien auch die Sammlung von Waclaw 
z Oleska (eigentlich Zaleski) Piesni ruskie w Galicyi 1833 und die 
Zaporo^skaja Starina von dem bekannten Slavisten Sreznevskij mit 
historisch und inhaltlich erklärten dumy (kleinruss. histor. epische Lieder). 
Diese Sammlimgen wurden ihrem Wert nach übertroffen nur durch die 
von Metlinskij Narod. ju2norusskija pesni K. 1854. Es folgten dann 
noch Sammlungen von Kulis 1856 — 57 (siehe unten), von Mordovcev 
1856 (aus Saratov), Kostomarov 1862 und Artemovskij, Narod. 
ukrainskija pesni K. 1868; in jener Zeit ist auch die Sammlung von klein- 
russischen Liedern, Sprichwörtern u. s. w. von Zakrevskij erschienen 1860 
bis 1861 in 3 Teilen (Starovetskij bandurista, malor. pesni, poslov. zagad- 
ki etc.). Mit dem Anfange der 70 er Jahre, seit der Begründung der Kiever 
Abteilung und seit der Expedition der Geograph. Gesellschaft nach den 
südwestrussischen Ländern beginnt eine rege Thätigkeit auf dem Gebiete 
der kleiurussischen Volkskunde: Lisenko Zbomik ukrainskich pisen 1872 f.; 
Öubinskij veröffentlichte in Trudy 1874 (siehe oben) die reichhaltige 
Liedersammlung Pesni Ijubovnyja, semejnyja, bytovyja i Sutocnyja, Kupcanko 
Pesni Bukovinskago naroda, gesammelt von Kupcanko, herausgegeben 
von A. Lonacevskij in Zapiski (siehe oben) 1875, Rudcauko öumackija 
narod. pesni (Lieder der ukrain. Fährleute) 1874, femer J. Th. Golovackij 
Narod. pesni, 3 Teile, 1878 ff. (nicht in den Zap.), Dumy i pesni ispolnjae- 
myja Verezaem (Zap. I); über diesen blinden kobzar (Volkssänger) Verezaj, 
der ukrain. dumy und andere Lieder auch in Petersburg im Kreise von 
Freunden der Volkskunde vortrug, schrieb Russe v eine Abhandlung, Kiev 
1874 (vgl. Lisenko 8 Schrift über die musikalischen Eigentümlichkeiten 
der dumy und Lieder von Ostap Verezaj). Zuletzt ist zu erwähnen Jancuks 
Malorusskaja svad'ba v Kornickom prichode Sedleckoj gubemii (Hochzeit 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slayen. 259 

in der Pfarrgemeinde Komik u. s. w.) M. 1 884, mit von Melodien be- 
gleiteten Liedern; vor allem verdient Beachtung das Werk von Antonovic 
und Dragomanov Istoriceskija pesni malorusskago naroda, 2 Bde., K. 
1874 — 75, mit sehr eingehenden historischen und kritischen Erklärungen. 
Lieder der ungarischen Russinen veröffentlichte De Vollan, Ugorskija 
narod. pesni Pet. 1885 (mit einer ethnographischen Karte), in Zapiski etn. XIII. 

Über den Charakter der südrussischen Volkspoesie im Allgemeinen 
hat sich Kostom arov wiederholt ausgesprochen, so in Vestn. Evropy 
1872, vornehmlich aber in dem Buche Istoricoskoe znacenie juzuorusskagö 
narodn. pesennago tvorcestva; Dragomanov schrieb in Zapiski U von dem 
Wiederhall der ritterlichen Poesie und die politischen ukrainischen Lieder 
von 1764—1880 (Novi ukrain^ki pisni pro groniadni spravi, Genf, 1881). 
Die Arbeit Ja§curcinskijs Malorusskija svadebnyja pesni (Kleinrussische 
llochzeitslieder) in Kussk. fil. vestn. lU berührt einen der wichtigsten 
Punkte des ukrainischen Volkstums, vor allem aber sind zu nennen die 
ausführlichen Abhandlungen Potebnjas über eine Reihe von Gruppen 
kleinrussischer Lieder und deren Motive, insbesondere die über Bilder 
and Vergleiche (ib. VEI ff.) und die vergleichend gehaltene Abhandlung 
über Weihnachtslieder (Koljadki i scedrovki) in derselben Zeitschrift 
Bd. XVII f., womit zu vergleichen ist Naucno izucenie Koljadok i 
Scedrovok K. 1886 von Sumcov. — Auch die weissrussischen Volks- 
lieder sind wiederholt gesammelt und besprochen worden. An die Spitze 
ist zu stellen die Sammlung von Hiltebrandt in Sbomik pamjatnikov 
narodnago tvorcestva v severozapadnom krae, Wilna 1866, leider mit ge- 
fälschten Liedern. Von den anderen weissrussischen Gelehrten unternahm 
Bezsonov Volkslieder aus dem gesamten Gebiete von Weissrussland zu 
sammeln (Belorusskya pesni 1871) mit sehr eingehenden Schilderungen 
und Erklärungen; der Verfasser kam aber über den ersten Band nicht 
hinaus. Aus einzelnen Teilen von Weissrussland sind die Lieder in den 
Sammlungen von Sein 1874 (aus dem Gouvernement Witebsk) und No- 
sovic (aus der Minsk'er Gouv.), beide in Band V der ethnogr. Abteilung 
der Petersburger Geographischen Gesellschaft; aus dem Gouv. Mohilov 
stammen die Lieder in der Sammlung von Roman ov (Beloruss. sbornik: 
pesni, poslovicy, zagadki) K. 1886, im Anschluss an das Buch von Dem- 
boweckij über das Gouv. Mohilev (siehe unten). Vom höchsten Interesse 
sind die ebenso reichhaltigen wie sorgfältigen Sammlungen weiss- und 
kleinrussischer Lieder der Zeneida Radc'enko aus dem Bezirk Gomel, wo 
neben der weissrussischen Bevölkerung auch Kleinrussen wohnen, Peters- 
burg 1888. 

Die hier genannten Sammlungen russischer Volkslieder bieten ein sehr 
reichhaltiges, obwohl noch nicht erschöpfendes Material zur russischen 
Volkskunde, bieten aber auch für die wissenschaftliche Forschung manche 
Unbequemlichkeit: zunächst fehlen meist Angaben über die engere Heimat 

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260 Nehring: 

der Lieder, bei vielen auch darüber, bei welcher Gelegenheit und in welcher 
Jahreszeit sie gesungen werden, ob sie rituelle Festlieder oder harmlose 
Privatlieder sind; vor allem fehlen Hinweise auf inhaltlich gleichartige 
Lieder, wenigstens der nächsten Umgebung. Diesem Umstände ist es wohl 
auch zuzuschreiben, dass, mit schon hervorgehobenen beachtenswerten 
Ausnahmen, wenige Forscher sich Untersuchungen der russischen Volks- 
lieder nach bestimmten Gesichtspunkten haben angelegen sein lassen. 

Nächst der Sammlungen von Volksliedern und der Litteratur über 
dieselben nimmt die beschreibende, auf Sitten, Gebräuche, Wohnung etc. 
des russischen Volkes bezügliche Litteratur eine bevorzugte Stelle ein. 
Die Wichtigkeit der russischen Volksfeste erkannte man zuerst in Moskau 
(Snegirev, Vasiljev, Makarov, Glagoljev u. a.); der bedeutendste Sammler 
in dieser Beziehung war Snegirev, welcher zuerst 1827 und 1828 in 
M. Vestnik mit programmatischen Abhandlungen über einzelne Volksfeste 
auftrat, später (1837 und 1838) Busskija prostonarodnyja prazdniki i sue- 
vernyja obrjady in 4 Bänden veröflFentlichte, von denen der erste Band 
(Einleitung) jetzt wohl die geringste Bedeutung hat; beachtenswert sind 
Einzelschilderungen, frisch und lebendig geschrieben und belehrend in 
Bezug auf die geographische Verbreitung der einzelnen Gebräuche, im 
übrigen beeinträchtigt durch gelehrte Vergleichungen; Sacharov fusste 
auf dieser Vorarbeit. Das Werk von TereScenko ist schon genannt 
worden. In allgemeinem Rahmen gehalten ist das Buch von Dal Novyja 
kartiny russkago byta, in zweiter Auflage von 1880; auf die rituellen 
Gebräuche, Hochzeiten u. s. w. beschränkt sich das fleissige Buch von 
Zabylin Russkij narod, jego obrjady etc. 1880. Die Zahl der auf einzelne 
Gegenstände oder Gegenden beschränkten Arbeiten ist sehr gross; es seien 
hier genannt: Sumcov svadebnych obrjadach preimuäcestvenno russkich 
Charkov' 1881, worin in den jetzigen Hochzeitsgebräuchen historische 
Lagerungen: Raub, Kauf, Vertrag erkannt werden (vgl. Grosspietsch 
Hochzeitsgebr. des russ. Volkes, Russ. Revue X ff.); Diev, Nravy i obycai 
Nerechotskago uezda Kostromskoj gubemii in Ötenija 1846, Volksgebräuche 
aus Gegenden des Wladimirschen Gouv. in Russ. fil. vest. FV, ethnograph. 
Materialien aus dem Gouv. Archangelsk in Mosk. Trudy V, 1878, eine 
Sammlung (sbomik) des statist. Comites des Gouv. Ni^nyj Novgorod 1870. 
Sehr belehrend sind die Arbeiten von Barsov über Gebräuche bei der 
Geburt und Taufe der Kinder im Gouv. Orel in M. Trudy 1877 und 
Sumcov Chlob v obrjadach (Getreide und Brot bei Gebräuchen) 1885. 
Dass russische Jahresfeste meist in mythischem Sinne gedeutet wurden, 
ist natürlich; in dieser Beziehung zeichnet sich durch Gelehrsamkeit und 
Gründlichkeit aus Potebnjas Buch mificeskom znaöenij nekotorych 
obrjadov M. 1865 (aus M. Ötenija); das Buch Chudjakovs Materialy dlja 
izucenija narodnoj slovesnosti ist mir nicht bekannt. 

Die allermeisten dieser Werke enthalten ebenfalls Lieder oder deren 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 261 

Brachstücke, doch nur als Beweismittel, entnommen aus mehr oder weniger 
bekannten Sammlungen. Das Gleiche gilt auch von den vielen Arbeiten, 
welche das kleinrussische Volksleben betrefifen. Vor allem nenne ich die 
Arbeit des bekannten ukrain. Dichters Euli§ über die kleinrussischen Lieder 
im allgemeinen: Zapiski o juinoj Rusi (Aufzeichnungen von Südrussland) 
2 Bde. 1856 — 57, meist nur Lieder enthaltend, und die Arbeit von Hilto- 
brandt über die Kleinrussen und Polen in Klein- und Südwestrussland in 
Trudy VLI. Ln allgemeinen Rahmen ist auch gehalten das Buch des poln. Ge- 
lehrten Nowosielski (eigentlich Marcinkowski) Lud Ukrainski (das ukr. 
Volk) 2 Bde., Wilna 1857, weil hier die wichtigsten Gebräuche der ukrain. 
Russen besprochen sind, nur muss man sich die tiefsinnigen (mysterioso- 
phischen) vergleichenden Erörterungen wegdenken. Ein anderer polnischer 
Grelehrter, Rulikowski beschrieb in eingehender Weise den Kreis Wasylkow 
1853. Von besonderer Bedeutung ist die kalendarische Übersicht der für das 
•Volksleben wichtigen Zeiten (Dni i mesjaci) von Maksimoviö und der 
von Cubinsky besorgte und von Kostom arov herausgegebene Volks- 
kalender (Narodnyj dnevnik) in Trudy lU 1872, ebenso der IV. Bd. von 
1874, worin Kostomarovs Schilderungen der Sitten und Gebräuche bei 
der Geburt, Taufe, Hochzeit u. s. w. sich finden. Über die Hochzeits- 
gebräuche handelt ein Unbekannter in der bekannten Zeitschrift Osnova 
(Russinski vessillja) 1862, No. 4, und Jankuc, Malorusskaja svad'ba v 
Sedleckoj gubemii 1884 (Lieder mit Noten); Sumcov suchte den griechisch- 
kirchlichen und den westeuropäischen Einfiuss auf die kleinrussischen 
Hochzeitsgebräuche zu ermitteln (K voprosu o vlijanii greöeskago i rimskago 
avadebnago rita) 1886. Der bekannte Gelehrte Golovackij (siehe oben) 
beschrieb oder besprach die Tracht der galizischen und ungarischen 
Russinen (O narodnoj ode2de i ubranstvre Rusinov v Galicii i Wengrii 
8t Pet. 1877. Die wichtigste Abhandlung Potebnjas über die Weihnacht- 
gebräuche ist schon bei den Liedern genannt worden; andere Arbeiten 
ähnlicher Art, wie Pietrus zewicz über das Weihnachtfest (Kraöun-Korocun) 
1876 müssen übergangen werden (im einzelnen vergl. Pypin Vest. Evr. 1886). 
Das Weissrussische Volk ist vornehmlich in dem Wilnaer Etno- 
graficesky sbomik (siehe oben) und von Zenkoviß geschildert worden, der 
den Volksglauben und die Bräuche der Weissrussen in Trudy beschrieben 
hat Im Jahre 1882 erschien Opyt opisanija Mohilevskoj gubemii (Be- 
schreibung des Gouv. Mohilev) von S. A. Dembowecki nach Auf- 
zeichnungen von Beamten und Lehrern mit reichen Sammlungen vom Ver- 
fasser selbst und seinen Freunden, mit vielen vergleichenden Hinweisen 
und Varianten; beigegeben sind auch grossrussische Lieder Altgläubiger; 
dann folgte das für das Studium des weissrussischen Volkes, seiner Sitten 
Gebräuche, seines Pühlens und Handelns wichtige Werk von Öein: Ma- 
terialy dlja izuöenya bytai jazyka severozapad. kraja I. Bytovaja i semejnaja 
ihn Belorussov v obqadach i pesnjach, St. Petersburg 1887, ein wohl- 



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262 Nehring: 

geordneter Festkalender. Eine sehr lesenswerte Studie ist die von Go- 
lovackij Öerty domaSnjago byta Podljasan, Warsch. 1888, ebenso ein 
Volkskalender von Krackovsky, Byt zapadnorusskago seljanina in den 
Mosk. Ötenija 1873, und ein anderer speziell aus der Gegend von Oämiana 
in den Pet. Geogr. Zap. V, 1873. 

Von den übrigen zerstreuten und schwer zugänglichen Aufzeichnungen 
von Kundgebungen des russischen Volkes in Glauben, in Sprichwörtern, 
Märchen u. s. w. seien hier zunächst die Märchensammlungen genannt, 
vor allem die grosse Sammlung von Afanasiev, Skazki naroda russkago, 
3 Bde., 1872*, ferner Chudjakov Velikorusskija skazki in 3 Teilen, M. 
1860—63, sodann Erlenbein Narodnyja russkija skazki M. 1863, denen die 
englische Sammlung (Übersetzungen) von Ralston (Russian folk-tales), Lon- 
don 1873, folgte. — Über den reichen Märchenschatz äusserten sich Weso- 
lowskij und Suchomlinov (in den Schriften der Petersb. Akademie), be- 
sonders aber Buslae v in Russkij vestnik. 1872 bis 1874 (vgl. Russ. Revue V)? 

Auch die kleinrussischen Sagen und Märchen wurden fleissig ge- 
sammelt, von Rudcenko (Narod. juznorus. skazki 2 Teile. K. 1869—70), 
Öubinsky und Hiltebrandt (Malorusskija skazki in Trudy IL P. 1878), 
vor allem von M. Dragomanov in Malorusskija narodnyja predanija i 
razskazy, K. 1876 (Ausg. der Kiev. Abt. der Geogr. Ges.) aus eigenen 
Sammlungen und aus einem reichhaltigen Material, welches schwer zu- 
gänglichen Zeitschriften und Büchern entnommen oder der Kiever geogr. 
Abteilung mitgeteilt worden ist. — Der Volksglaube des russischen 
Volkes und seine verschiedenen Äusserungen („Aberglaube" etc.) war 
wiederholt Gegenstand der Aufmerksamkeit: ausser den schon genannten 
allgemeinen Arbeiten von Snegirev, Sacharov, Terescenko u. s. w. 
sind für den grossrussischen Teil aus älterer Zeit Culkov (Slovar russkich 
suevery 1782), aus neuerer Zeit Dal poverijach, sueverijach i pred- 
razsudkach russkago naroda 1880 zu nennen, für den kleinrussischen Teil 
die sorgfältige Zusammenstellung von Maksimovic (Obycai i poverija 
Malorossijan, K. 1860) und die von Markevic (Obycai, poverija, kuchnja 
i napitki Malorossijan, K. 1860), vor allem die Sammlung von Hilte- 
brandt, Verovanija i sueverija, zagadki i poslovicy in Bd. I, Heft 1 der 
Trudy, 1872 und Heft 2, 1877. 

Die Sprichwörter, Rätsel, Beschwörungsformeln der Russen, deren 
Wichtigkeit wegen ihres Reichtums und ihrer Eigenart seit jeher anerkannt 
ist, wurden schon sehr früh gesammelt. Als die älteste, besondere Samm- 
lung darf wohl gelten die von Bogdanovic (Poslovicy I) vom Jahre 1785; 
zu den älteren Sammlungen gehören auch die von J. Snegirev: Russkie 
V. svoich poslovicach, M. 1834, Russkija narod. poslovicy i pritci, M. 1848; 
eine neue Sammlung erschien M. 1857. In den allgemeinen Werken von 
Sacharov u. a. sind die russischen Sprichwörter mit Vorliebe berück- 
sichtigt; in neuerer Zeit erschien die Sammlung von Chudjakov (Veli- 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 263 

korusskija zagadki) 1861, vonMajkov (Velikoruss. zaklinanija) Pet. 1869 
und von Dal (Poslovicy russk, naroda, eine sehr umfassende Sammlung, 
in der allerlei Sprüche, Rätsel, abergläubische Äusserungen u. s. w. ent- 
halten sind) M. 1863 und 1879. Besonders wichtig sind die Untersuchungen 
über die russische Bevölkerung im Gouv. Archangelsk, über Schwüre, Be- 
schwörungsformeln u. s. w. in M. Trudy V, 1878 (vgl. Alt mann, Russ. 
Sprichw. im Jahrb. f. slav. Litt. 1853—54). Für das Studium der klein- 
russischen Sprichwörter sind besonders wichtig ausser Nomis (ükrainski 

prikazki, prislivja Pet. 1864) und ausser den schon genannten 

Werken, wie Trudy I, 1872 von Öubinsky, vornehmlich Sementovsky 
Malorusskija zagadki 1872 f. und Hiltebrandt Poslovicy, zagadki, Kol- 
dovstvo in Trudy (südwestl. Abteil. 1877). Galizische Sprichwörter und 
Rätsel sammelte Ilkevic 1841, galizisch- und ungarisch-russische sind ge- 
sammelt in Trudy. etn. II, P. 1869; weissrussische sind gesammelt in Sbomik 
belorusskich poslovic Pet. 1874 und von Nosovic, Sbornik belorusskich 
poslovic in Zap. etn. I und II, 1867 — 69, später noch in dem Sbomik der 
Pet. Akad. Bd. XII, Pet. 1875. 

Die juridischen Volksanschauungen und Gebräuche, die bei den Kroate- 
Serben ßogisic systematisch studierte, fanden auch bei den Russen ihre 
Aufzeichner: Jakuskin, Obycnoe pravo I. Materialy etc. Jaroslav 1875, 
Efimenko, Juridiceskoe znaki über äusserliche Rechts- und Gerichts- 
zeichen in J^um. minist, nar. prosv. 1874 11. f.; die kleinrussischen sind 
gesammelt worden von Cubinskij, herausgegeben von Hiltebrandt 
(Narodnye juridiceskie obycai in Trudy VI) 1872. Bogisic hat diese und 
ähnliehe russische Aufzeichnungen in einer zusammenfassenden Abhandlung 
gewürdigt: Apercu des travaux sur le droit coutumier en Russie, Paris 1879. 
— Dass man in Russland sich auch ethnographische Studien über andere 
slavische Völker angelegen sein lässt, wenn auch mehr nur in vorgezogenen 
Kreisen, beweisen viele Publikationen, z. B. Rodnoe plemja, M. 1876, über 
die Serben; in den Drevnosti finden sich einige Artikel dieser Art; Bu- 
dilovic schrieb über Montenegro u. s. w. 

ni. Das serbisch-kroatische Volkstum (Serben und Kroaten sind 
ein Volk) erfreute sich seit früher Zeit einer grossen Aufmerksamkeit. 
Auch hier in Serbien war es das \olkslied, welches bei der Sammlung 
mid Aufzeichnung der geistigen und materiellen Besitztümer des Volkes 
im Vordergrund stand. Bekanntlich besitzen die Serbokroaten neben zahl- 
reichen lyrischen auch epische Heldenlieder, welche unter Begleitung eines 
einfachen Musikinstrumentes, der einsaitigen gusle, noch heutzutage ge- 
sungen werden; bekannt ist auch, dass die Sorben diesen Vorzug der 
Volksepik nur mit den Russen und Bulgaren teilen, ein Vorzug, der da- 
durch noch sich steigert, dass diese Heldenlieder (pjesme junacke) ihrem 
Ursprünge nach bis ins XIV. Jahrhundert sich verfolgen lassen. Die erste 
sorgfältige Sammlung serbischer Volkslieder von Vuk Stefan ovic Ka- 



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264 Behring: 

rad^ic (siehe oben), Mala srbska pesmarica 1814, der ein zweites Bändchen 
1815 folgte, erschienen in der denkbar günstigsten Zeit des Wiener Con- 
gresses, wurde wie ein Ereignis begrüsst: kein geringerer zeigte, nachdem 
Kopitar zuerst in den Wiener Jahrb. 1815 sich geäussert hatte, diese 
erste Sammlung Vuks an, als J. Grimm in den Gott. Gel. Anzeigen 1819, 
dann nach dem Erscheinen einer neuen Sammlung von 1823 ff., Lied und 
Volk der öffentlichen Sympathie empfehlend. Andere folgten; der neu- 
gehobene Volksliederschatz fand auch über Deutschland hinaus ungeteilte 
Sympathie. Ermuntert von Grimm und anderen Freunden und Gönnern, 
bereiste Vuk die serbisch-kroatischen Länder, sammelte alles, was das 
Volk an gesprochenem und gesungenem Schatz noch besass, und gab dann 
noch die grosse bis auf 6 Bände gediehene Liedersammlung von 1840 ff. 
in mustergiltiger Weise heraus. Er schrieb auch das bekannte serbische 
Wörterbuch 1818 (1852") mit einer Fülle von kurzen Schilderungen ser- 
bischer Sitten, eine wahre Fundgrube von heimischen Sittenschilderungen; 
sodann eine einer deutschen Bedaktion zur Verfügung gestellte ethno- 
graphische Schilderung des Volkes von Montenegro (XL Lieferung der 
Reise- und Länder-Beschreibungen der älteren und neueren Zeit, Stuttgart, 
1837); femer eine Schilderung verschiedener Volksgebräuche der Serben aller 
drei Bekenntnisse u. d. T. Kovceiiö (Schatzkästlein) 1849; im Jahre 1836 
erschienen seine serbischen Sprichwörter (Srpske nar. poslovice), 1853 die 
serbischen Märchen (Srpske nar. pripovijedke). — 

Vuk war der erste, der serbische Volkslieder aus dem Volksmunde 
systematisch sammelte (nur ausnahmsweise aus älteren Aufzeichnungen, 
wie das Lied von der Frau Hasan Agas, schriftliche Aufzeichnungen reichen 
zurück in das XVII., ja XVI. Jahrhundert). Er war der eigentliche Ent- 
decker der serbischen Volkslieder, denn Fortis hatte 1774 das bekannte 
Lied von der Frau Hasan Agas aus einer Handschrift des XVIH. Jahr- 
hunderts, nicht aus dem Volksmunde mitgeteilt, und Ferid 1794 nur eine 
lateinische Übersetzung einiger Lieder geliefert; andere haben nur einzelne 
Lieder mitgeteilt, Mioäiö-Kacic aber nur in volkstümlicher Weise nach- 
gedichtet. Für die späteren Sammler bildeten die Werke Vuks den Aus- 
gangspunkt und das kaum erreichte Vorbild in Bezug auf Genauigkeit 
und Zuverlässigkeit; auch hat Vuk schon das Beste und Schönste ver- 
öffentlicht. — Von den Nachfolgern Vuks veranstaltete sehr erwünschte, 
ergänzende Sammlungen der bekannte Milutinoviö (Pevanija cmogorska 
i hercegovacka sabrannija Öubr. Cojkoviöem, Öojk. ist ein Pseudonym) 
Ofen 1833; *u. d. T. Ogledalo srpsko veröffentlichte der Vladika Peter 
Petrovic Heldenlieder 1845 und u. d. T. Monten. gusle J. Popovid 
1857 serbische Volkslieder; die 1858 erschienenen Narodne pjesme bosanske 
i hereegovacke, gesammelt von den Patrioten Jukic und Martic, heraus- 
gegeben von Jukid, ist eine der schönsten serbischen Volksliedersammlungen. 
Im Jahre 1867 ff. erschien die vortreffliche Sammlung von Petranovid 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 265 

in 3 Abteilungen (die zweite enthält Heldengedichte) mit einer Vorrede 
von St. NoTakoviö, bemerkenswert durch die Sorgfalt und dadurch, dass 
sie zahlreiche Lieder aus Bosnien und Herzegovina umfassen, wo Vuk 
selbst nicht gesammelt hatte. Es seien noch genannt die Sammlungen von 
Marjanovid 1864, Bogisic, Kuhaö und Miklosich; der Zeit nach ist 
von den drei letzten die älteste die von Miklosich: Beiträge zur Kenntnis 
der slavischen Volkspoesie I, die Volkspoesie der Kroaten (Wiener Ab- 
handlungen phil.-hist. kl. 1870). Es sind etwa 30 ältere epische Volks- 
lieder aus drei handschriftlichen Aufzeichnungen vom ausgehenden XVil. 
and aus dem XVIII. Jahrhundert mit schon früher von kroatischen Dichtem 
(Hektorovi6 und Barakoviö im XVI. und XVEI. Jahrhundert) be- 
nutzten serbischen epischen Volksliedern, in einem eigenartigen Versmass 
(15 — 16 Langzeilen), welches Miklosich kroatisch nennt. Solche Volks- 
lieder können füglich bugarstice (blgarstice) genannt werden, und solche 
epische Lieder (etwa 160) veröffentlichte Bogiäiö aus älteren Quellen 
und Aufzeichnungen vollständig: Narodne pjesme iz starijch najvise pri- 
morskih zapisah L Belgrad 1878 mit einer ausführlichen Vorrede über 
Inhalt, Wesen und Form der bugarätice. Von ganz anderen Gesichts- 
punkten ging Kuhaö aus in seinem vierbändigen Werk in Q: Ju^no- 
slovjenske narodne popjevke, auch u. d. T. Chansons nationales des Slaves 
du sud, Agram 1878 ff., etwa 1600 meist kroatische Lieder, bekannte und 
unbekannte, Helden- und Prauenlieder durcheinander, mit Schilderungen 
der Feste, Spiele und sonstigen Gelegenheiten, bei denen sie gesungen 
werden, mit genauer Angabe der Heimat und mit Melodien; der Verfasser 
hat eine zusammenfassende Broschüre über die Bedeutung dieser Lieder 
geschrieben, welche aber leider selten und unzugänglich ist. In der letzten 
Zeit sind erschienen Davidovic, Srpske narodne (^enske) pjesme iz 
Bosne (Frauenlieder aus Bosnien), Panöevo 1884 und Kosta Hör mann, 
Narodne pjesme Muhamedovaca u Bosni i Hercegovini, Sarajevo 1888. 
Serbische Lieder aus Altserbien sind enthalten in Jastrebovs Sitten und 
Lieder der türkischen Serben (Oby6ai i pjesni Tur. Serbov), Pet. 1886 
(siehe unten), die kroatischen in Ungarn gesammelt von dem vortrefflichen 
Volkskenner Fr. Kurelac (Jacke ili narodne pesme puka hrvat. na ügrih 
1871. Ausserdem hat Dr. Fr. Krauss in neuerer Zeit in Zeitschriften 
wiederholt unbekannte serbische Lieder veröffentlicht, zum Teil mit Helden, 
die unß aus den Liedersammlungen von Jukic 1858 und Marjanoviö 
1864 als Feinde der christlichen Serben bekannt sind. — Die Zahl der 
Übersetzungen serbischer Volkslieder ist eine sehr grosse: in Deutschland 
sind bekannt (abgesehen von der Übersetzung des Liedes von der Frau 
Hasan Agas von Goethe (in Herder' Stimmen der Völker in Liedern), 
die von Talvj (Volkslieder der Serben), 1825, W. Gerhard (Tila. Serbische 
Volkslieder), 1828, Kapp er (Gesänge der Serben), 1852, Ida v. Dürings- 
feld (Prag 1851). — 



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266 Nehring: 

Es war natürlich, dass die epische Volkspoesie der Serben seit jeher 
viel mehr die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sich lenkte, als die 
lyrische. Nachdem der Moskauer Gelehrte Bodjanskij in seiner Disser- 
tation: O narodnoj poezii slavjanskich pleraen 1837 und Preiss in der 
Schrift: epiceskoj poezii Serbov 1845 über die serb. Volkspoesie mehr 
allgemein gesprochen hatten (der letzte machte nachdrücklich darauf auf- 
merksam, dass die „älteren" Heldenlieder mit den neueren in Darstellungs- 
weise und Sprache übereinstimmen), gaben Hilferding, Rovinskij und 
Grigorovic eingehende Berichte über ihre Reisen und Eindrücke in 
Serbien und Bulgarien; Bezsonov beschäftigte sich in seiner Sammlung 
bulgarischer Volkslieder (Bolgarskija pesni iz sbomikov Venelina, Katra- 
nova i drugich) M. 1855 auch eingehend mit der serbischen Volkspoesie. 
Die eigentliche kritische Litteratur beginnt in der letzten Zeit und zwar 
vornehmlich bei den Serbokroaten selbst; sie knüpfte zunächst an einen 
Cyclus von Liedern von der Kosovoschlacht (1389) und suchte die praktisch 
wiederholt mit mehr oder weniger gelungenen Versuchen (zuerst des 
Dichters Mickiewicz in den Pariser Vorlesungen, sodann Kapp er s, 
d'Avril's: La bataille de Kosovo 1868, Novakovic: Kosovo, srpske narod. 
pjesme o boju na Kosovu, zuerst 1871) gelöste Frage zu erörtern, ob die 
jetzt vorhandenen Kosovolieder Bruchstücke eines in Stücke zerfallenen 
grossen Centralliedes oder selbständige von einander unabhängige Lieder 
seien; auch andere Fragen kamen in Betracht, z. B. die poetische Form, 
Vergleichung mit geschichtlichen Aufzeichnungen eines Cerva, Orbini etc. 
Zum Teil sind diese Fragen in rascheren Fluss gekommen durch die neue, 
auf Grund älterer Aufzeichnungen aufgestellte Behauptung Miklosichs, 
die Kroaten hätten auch epische Volkspoesio mit einem eigenartigen Metriun 
gehabt. Diese und ähnliche Fragen sind in gründlicher Weise behandelt 
von Pavic, der ein ursprüngliches Centrallied wiederherstellen wollte 
(Narodne pjesme o boju na Kosovu 1877), im anderen Sinne und er- 
schöpfender von Novakovic (zuerst im Arch. f. slav. Phil. III, 1879: 
Die serbischen Volkslieder über die Kosovo-Schlacht) und von Jagi6 (in 
Gradja, siehe oben, und Archiv IV: die südslavische Volksepik vor Jahr- 
hunderten). Während diese Gelehrten von der wohlbegründeten Voraus- 
setzung ausgehen, dass Heldenlieder, speziell Kosovolieder schon im 
XIV. Jahrhundert vorhanden waren, will Maretic solche erst ins XV. Jahr- 
hundert versetzen (Kosovski junaci 1889). Über begarstice (langzeilige 
epische) Lieder hat am ausführlichsten Bogisic gehandelt in der Ein- 
leitung zu Narodne pjesme 1878 (siehe oben), nach ihm Ghalanskij in 
der Warschauer Zeitschrift Kuss. fil. vest. Bd. VIH; Novakovic hat 
Spuren feudalen Rittertums in den serbischen epischen Liedern nach- 
gewiesen (Zeitschrift Otadzbina 1883). Auch über die Lieder von Klraljevic 
Marko ist Verdienstliches geschrieben worden; hier soll die Biographie 
dieses Helden von Jagic nach Liedern im Archiv V, 439 ff. erwähnt 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 267 

werden. Über die Form handelte nach Miklosich (siehe oben) Professor 
Zima in Rad. jugoslov. Akad. Bd. 48 und 49, Jagi6 in der oben ge- 
nannten Abhandlung, W. Wollner im Areh. f. slav. Phil. IX und — last 
not least — Kuba 6 in dem oben besprochenen Werke, der durch seine 
Schilderungen der Feste, Spiele, der verschiedenen Formen dos Kolotanzes 
und durch die Melodien die kroatischen Volkslieder unserem Verständnis 
sehr nahe gebracht hat (derselbe Gelehrte schrieb auch über serbische 
Musikinstrumente in Rad Akad. Band 38 ff. 1877). Bog. Sulek schrieb 
auf Grund slavischer, vornehmlich südslavischer Volkslieder eine Ab- 
handlung über die Verehi*ung der Linde bei den Slaven (Za sto Slaveni 
postuju lipu) in Rad Bd. 43 von 1878; in derselben Zeitschrift, Bd. 30 
von 1875, findet sich eine Abhandlung von Jurkovic über die weiblichen 
Gestalten der serbischen Volkslieder. Über serbische Volkslieder in Alt- 
serbien handelt Jastrebov 1886 (vergl. oben, siehe unten), über kroatische 
in Ungarn Fr. Kurelac 1871 (siehe oben). — Orientierend für deutsche 
Leser ist das Büchlein von Singer, Beiträge zur Litteratur der kroatischen 
(serbischen) Volkspoesie 1882. 

Bei dem grossen Interesse für sorbische Volkspoesie erregten die 
serbischen Sitten und Gebräuche, die schon Vuk bei verschiedenen 
Gelegenheiten beschrieben hatte, die wärmste Sympathie, der man durch 
Weiterverbreitimg der Vuk sehen Nachrichten und durch Vervollständigung 
derselben Rechnung zu tragen suchte; einheimische Zeitschriften und fremde 
Reisende vermehrten die vorhandenen Nachrichten. Sehr wichtige Schil- 
derungen des Volkslebens aus einzelnen Gegenden enthalten die Bücher 
von L. llic, Narodni slavonski obycaji 1846, S. Ljubic, Narodni obycaji 
kod Morlaka (aus den Küstengegenden) 1846, Medakovi6, Äivot i obycaji 
Crnogoraca, Neusatz 1861; T. Kovacevic beschrieb Bosnien und Herze- 
govina 1865, Petranovic die Volkssitten in Bosnien, in der serbischen 
Zeitschrift Glasnik von 1870 und 1871; das ganze heutige Königreich 
Serbien umfassen die geographisch-statistischen Bücher von Milicevic 
mit vortrefflichem ethnographischen Material: Kne^evina Srbija 1876, mit 
der Ergänzung nach dem serbisch-türkischen Kriege Kraljevina Srbija 1884, 
wo Bewohner, Lebensweise, Kleidung, Gebräuche, Sprüche u. s. w. reich- 
lich und in zuverlässiger Weise geschildert werden; Vrcevic schilderte 
die Volksspiele in Srpske narodne igre, Belgr. 1868; das Volkswesen in 
Altserbien schildert Jastrebov in Obycaji i pesni Tureckich Serbov 
Petersb. 1886, vornehmlich Hochzeitsgebräuche, das Fest Slava, das Weih- 
nachtfest, den Georgitag u. s. w. (Milojevic Pesme i obycaji ukupnog na- 
roda srpskog 1870 mit Schilderungen und Texten aus denselben Gegenden 
enthält vieles Apokryphe.) Milicevic hat auch das Leben des Land- 
mannes beschrieben (J^ivot Srba seljaka in Glasnik 1867, 1873). — Die 
Grundlage der hauptsächlichsten Feste, wie z. B. des Slava-(krsno ime-) 
Festes, nämlich die Hausgemeinschaft, zadruga, beschrieb nach der juridischen 



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268 KehriDg: 

Seite vortrefiFlich Ogn. Utje§enovi6, Die Hauskommunionen der Süd- 
slaven, Wien 1859, die zadruga ist in den Grundlinien auch gezeichnet 
im Arch. f. slay. Phil. X, 56 fif. Das gesamte Gewohnheitsrecht studierte 
und zeichnete auf in eingehender und systematischer Weise Bogi§i6 zuerst 
in Pravni obycaji u Slovena 1867, sodann in seinem grundlegenden Haupt- 
werke Zbomik sadasnjih pravnih obycaja u juiinih Slovena, auch u. d. T. 
CoUectio consuetudinum iuris apud Slavos meridionales etiamnum vigen- 
tium I: Gradja u odgovprima iz razliönih krajeva slovenskoga juga 
(Materialien in Berichten aus den verschiedenen südslavischen Ländern) 
Agram 1874, eine Arbeit, deren Verdienst nicht hoch genug angeschlagen 
werden kann; einen recht übersichtlichen Auszug daraus lieferte F. De- 
meliö in dem Buche: Le droit coutumier des Slaves meridionaux d'aprfes 
les recherches de M. V. Bogisic, Paris 1877. Die mit der ursprünglichen 
Geschlechtsverfassung in Verbindung stehende Sitte der Blutrache unter- 
suchte Fr. Miklosich in der Abhandlung: Die Blutrache bei den Slaven 
(Denkschriften der phil.-hist. Abt. der Wiener Akad. d. W.), Wien 1887; 
die Abhandlung ist allgemein und vergleichend gehalten, beschäftigt sich 
aber meist mit der Blutrache bei den Montenegrinern. — Auf den Arbeiten 
Bogi§ics fusst das sehr umfassende Werk von Dr. Fr. Erauss, Sitten 
und Brauch der Südslaven, Wien 1885, doch hat der Verfasser in seiner 
dankenswerten Arbeit das reichhaltige Material früherer Sammlungen und 
Aufzeichnungen und seine eigenen bei Reisen in serbischen Ländern ge- 
machten Aufzeichnungen verwertet. Aus den vielen Schriften über serbische 
Familien- und Volksfeste (wie umfassend die Litteratur, z. B. über die 
Hochzeitsgebräuche der Serben sind, sieht man aus der bibliographischen 
Zusammenstellung in Krauss' Sitten u. s. w. zum Abschnitt XVII, ergänzt 
von Jagic im Arch. VIII, 623 ff.) seien hier hervorgehoben Vrcevic: Tri 
glavne narodne svecanosti (das Weihnachtfest, das Slavafest und die Hoch- 
zeit), Pancevo 1883, und Kulakovskij Prazdnik Slave (in Russkij vestn.) 
1883. — Unter den von Deutschen über Serbien geschriebenen Werken 
verdienen vornehmlich genannt zu werden: Kanitz, Serbien 1860 in Q., 
sehr umfangreiche Reiseberichte über Land und Volk, und Gop6evi6, 
Serbien und die Serben 1888; Makedonien und Altserbien, Wien 1890; 
beide Werke mehr eine wenig geordnete Sammlung von Materialien. — 
Den serbischen Märchenschatz erschloss zuerst Vuk Stef. Kara- 
dzic, dessen Narodne srpske pripovijetke, Wien 1821, dann vermehrt 1853 
und 1870; die nächste bekannte Sammlung ist von A. Nikoli6 (Nar. 
srpske pripovedke) in 2 Teilen, Belgrad 1842 und 1843. Professor Valjavec 
sammelte Märchen des kroatischen Volkes und solche aus den angrenzenden 
slovenischen Gebieten; jene erschienen in Grosswardein 1858. In der um- 
fassenden Sammlung von Volkserzählungen und Volksliedern von Stoja- 
novic (Pucke pripoyjedke i pjesme. Agram 1867) befindet sich eine Anzahl 
von Märchen; fast gleichzeitig erschien die Sammlung von Vojinoviö 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 269 

(Srp. nar. prip.), Belgrad 1869. In dem folgenden Jahrzehnt wurden ver- 
öffentlicht serbische Märchen: die Sammlungen von Dj. K. Stefanovic 
(Srp. nar. prip.) in Neusatz, 1871 und die Sammlimg kroatischer Märchen 
und Lieder vom Küstenlande (Nar. prip. i pjesme iz hrvatsk^ga primorja), 
1876; die letzte bekannte Sammlung kroatischer Märchen ist von R. Stroh- 
hai (Hrvat. nar. prip.) Teil I, 1886; ausserdem verzeichnet Jagi6 (im 
Archiv I, 269) eine Reihe von serbischen Märchen, welche in Zeitschriften 
veröffentlicht wurden. Die zweite Sammlung der serbischen Märchen von 
Vuk wurde von seiner Tochter ins Deutsche übersetzt: Volksmärchen der 
Serben, mit einer Vorrede von J. Grrimm, Berl. 1854; in neuerer Zeit 
hat Dr. Fr. Krauss serbische Märchen ins Deutsche übersetzt und heraus- 
gegeben: Sagen und Märchen der Südslaven. Leipz. 1883, 84, 2 Bde. — 
Das Gebiet der serbischen Märchenforschung ist sehr vernachlässigt, grössere 
Untersuchungen sind nicht bekannt. Beachtenswert sind die Verwertung 
einer Reihe von serbischen Märchen zur Vergleichung mit entsprechenden 
anderer Völker, so namentlich Märchen aus den Sammlungen von Voji- 
novi6 und Vuk, welche von Reinh. Köhler mit Varianten versehen 
sind (Jagiö im Archiv I und D) und einige Studien von Krauss, so 
fiber Pestsagen 1883 und über das Bauopfer bei den Südslaven 1887. 

Serbische Sprichwörter, Rätsel und ähnliche Gedankenäusserungen 
sammelte systematisch zuerst Vuk (Narodne poslovice, Cettinje 1836), der 
schon frühere Aufzeichnungen benutzte; vor ihm sammelte schon serbische 
Sprichwörter J. Muäkatirovic (Pritce ili poslovice), Wien 1787 (1807*); 
grössere bekannte Sammlungen sind, ausser von Stojanovi6 (Kroat. 
8pr. 1866) und Öolakov, die von Hilferding, Starinnyj sbornik serbskich 
poslovic, Petersburg, in Zap. etn. ü, Pet. 1869, Danicic (Srp. nar. poslov.). 
Agram 1871. Von der grössten Wichtigkeit ist die Sammlung von (etwa 
5000) serbischen Rätseln (Srpske narodne zagonetke, Belgrad 1877), von 
St. Novakovi6 zusammengetragen aus schwer zugänglichen Zeitschriften 
und Büchern, alphabetisch geordnet nach den Auflösungsworten; sorgfältig 
zusammengetragen ist auch eine Sammlung von Sprichwörtern, Rätseln 
und Liedern aus Bosnien von Mehmed Kapetanovi6 Ljubdak (Nai'odno 
blago), Sarajevo 1887. 

IV. Das Interesse für das Volksleben und die Volkskunde war bei 
den Czechen, Mähren und Slovaken (der ethnische und sprachliche 
Zusammenhang wurde vornehmlich in der Zeit des nationalen Wieder- 
erwachens festgehalten, zum Teil auch von den katholischen Slovaken) 
seit den zwanziger Jahren, bei den Slovaken schon früher, Gegenstand der 
Begeisterung und zugleich auch eines unbewusst empfundenen Bedürfnisses, 
als Hebel des nationalen Bewusstseijis. Dieses, aus tiefer Erstarrung 
wieder ins Leben gerufen, nahm seinen Ausgangspunkt von der Pflege 
der Sprache und dem Streben, das öechische Volkstum vor dem selbst 
vonDobrovsk^ als unvermeidlich angesehenen Untergange zu bewahren; 



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270 Nehring: 

die vlastenci (Patrioten), meist aus dem Volke hervorgegangen, wandten 
sich fast ausschliesslich an die gesellschaftlichen Schichten, die mit dem 
Volke in nächster Berührung standen, an die Geistlichen imd den kleinen 
Bürgerstand. Die Liebe zu dem vererbten, in Wort und Sitte fortlebenden 
Nationalgute konnte nicht wirksamer geweckt und gesteigert werden, als 
durch Vertiefung in das Volkstümliche und durch sorgfältiges Sammeln 
alles dessen, was im Volk sich erhalten hatte, von der unverfälschten 
Sprache bis zu den äusseren Erscheinungen des Volkswesens: Volkslieder, 
Märchen, Sprüche, Rätsel wurden fast mit gleicher Liebe gesammelt, und 
zwar zum Teil schon in sehr früher Zeit, unter den Sammlungen alt- 
cechischer Lyrica, welche von fahrenden Schülern im XV. Jahrhunderfc 
besorgt wurden (siehe Feifalik, Altcechische Leiche, Lieder u. s. w. Wien 
1862), befinden sich Volkslieder oder volkstümlich gehaltene Lieder; aus 
jener Zeit stammen auch die zwei Sammlungen von Sprichwörtern, welche 
Hanka in der Musoalzeitschrift 1829 erwähnt, noch älter ist die Sammlung 
Proverbia Flasconis; in der Slovakei wurde eine Sammlung von Sprich- 
wörtern bei der böhmischen Grammatik von Doles^al 1746 (ed. Bei) 
gedruckt (Bernolaks Grammatik mit Sprichwörtern 1790 ist ein Wieder- 
abdruck), und Volkslieder sammelte schon um die Mitte des XVllL Jahr- 
hunderts M. Holko. Auch in diesem Jahrhundert ging kurz vor der Zeit, 
in welche die Anfänge der neuen cechischen Poesie fallen, die erste An- 
regung zur Sammlung von Volksliedern von Slovaken aus. zunächst von 
Bohusl. Tablic, Verfasser der vier Bände Poezie 1806, der in der Vor- 
rede zu seinen Dichtungen auf altertümliche Volkslieder und darauf auf- 
merksam macht, dass alte geistliche Lieder nach nationalen Melodien ge- 
sungen werden. Hier in der sanglustigen Slovakei sammelte Safal^ik, 
dessen Wiege auch dort gestanden, in seiner Studentenzeit auch heimische 
Volkslieder, von denen einige in der Zeitschrift Hromadkos in Wien, in 
Prvotiny 1817, erschienen sind. Die erstere grössere Sammlung cechischer 
Volkslieder ist die von dem bekannten Dichter und Professor Fr. L. Cela- 
kovsk^^: Slovanske narodni pisne sebrane Fr. L. Gel. (Slavische Volks- 
lieder) in 3 Teilen, Prag 1822 — 27; sie enthält, wie der Titel besagt, auch 
Volkslieder anderer slavischer Völker; die cechischen, mährischen und 
slovakischen befinden sich in allen drei Teilen. Gleichzeitig wurde auch 
die Sammlung slovakischer Volkslieder von Safafik und seinen Freunden 
von dem für sein Volk und für das Slaventum begeisterten Dichter 
J. Kollar herausgegeben: Pisne svetske lidu slovenskeho v UhHch (Welt- 
liche Lieder des slovakischen Volkes in Ungarn; die Slovaken nennen sich 
selbst Slovenen) in 2 Teilen, Pesth. 1823 und 1827, mit einer Vorrede 
Safariks zum 2. Teile (auf dem Titelblatt steht der Name des Heraus- 
gebers nicht, daher diese Sammlung auch unter dem Namen Öafaf iks an- 
geführt wird, indess nennt Safarik selbst in der Bibliographie slavischer 
Volkslieder in Öasopis ceskeho Musea 1838 J. Kollar als Herausgeber. 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 271 

Kollär, der schon als Knabe in seiner slovakischen Heimat Volkslieder 
sammelte, gab eine sehr reichhaltige und geschätzte Sammlung heraus: 
Narodni zpevanky cili pisne svetsko Slovakuv v UhHch u. s. w. in 2 Teilen 
ßuda. 1834 — 35, worin die Sammlung von Holko und auch sehr viele in 
den gebildeten Kreisen beliebte Lieder Aufnahme fanden, mit vielen 
schätzenswerten Bemerkungen und Erläuterungen. Inzwischen war 1825 
eioe Sammlung Öeske narodni pisne in Prag erschienen, welche deutsche 
und eine ansehnliche Anzahl czechischer gesellschaftlicher Lieder mit Me- 
lodien und Tänzen enthielt, welche aber als eine wenig vollständige und 
wenig sorgfaltige auch wenig geschätzt wurde. Eine kleine Sammlung 
von slovakischen, aus dem Munde wandernder Slovaken aufgezeichneter 
Volkslieder hat der bekannte Slavist Sreznevskij gesammelt und in 
Charkov 1832 herausgegeben; bald darauf erschien die Sammlung von 
J. Langer: Öeske prostonärodni obyceje a pisnö (Böhm. Volkrfsitten und 
-Lieder) Prag 1834: (in Öas. ces. Mus.). Diese kleine Sammlung von 
Hochzeits- und sonstigen Gebräuchen scheint veranlasst zu sein durch 
einen ausführlichen Artikel von Öafarik, in welchem er die serbischen 
Volkslieder von Vuk nach der 2. Sammlung, die von Milutinovic und die 
polnischen und russinischen von Waclaw z Oleska anzeigte (in Öas. ces. 
Mus. 1833). In jener Zeit erschien die erste vortreffliche Ausgabe mäh- 
rischer Volkslieder von Susil: Moravske narodni pisnö, Brunn 1835, 
mit mehreren lithographierten Melodieen und mit Hinweisungen auf ent- 
sprechende Lieder, zweite Ausgabe 1862 mit Melodien, nochmals 1872; 
in jener Zeit fing auch der bekannte Dichter und Altertumsforscher 
Erben an, cechische Volkslieder zu sammeln, und trat mit seiner Samm- 
lung auf: Pisnö narodni v Öechäch, 3 Bde., Prag 1842 ff.; die Volksmelodien, 
besorgt von P. Martinovsk^, sind besonders 1844 erschienen; die zweite 
Auflage 1852 ff., die dritte mit Sprichwörtern 1862; Erbens Balladen sind 
volkstumlich gehalten und einige von ihnen in Böhmen so populär ge- 
worden, wie Bürgers Lenore in Deutschland. — In der unruhigen Zeit 
der vierziger Jahre und auch in der Folge wurde für weitere Sammlungen 
nichts unternommen, erst nach der Begrüdung der slovakischen Matica 
wurden heimische Volkslieder wieder eifrig gesammelt und zum Teil auch 
herausgegeben in Sbornik narodnich piesni i povesti, prislovi u. s. w. in 
Turoc St. Marton; es scheinen nur zwei Bände erschienen zu sein (1870 
und 1874). Nach der Auflösung der Matica (1874) begründete Sasinek 
eine Zeitschrift für Geschichte, Altertum und Ethnologie (Letopis); eine 
weitere, sehr reichhaltige Bereicherung der slovakischen Volkslieder ist 
Slovenske spevy in Turocz St. Marton seit 1880, mit Melodien. Seit dem 
Anfange des 8. Jahrzehnts sammelte (unter der Leitung von Professor Ge- 
bauer) in Prag die Gesellschaft Slavia methodisch und sorgfältig Volks- 
lieder, Märchen u. s. w. und gab sie 1873 heraus, später (1877 und 1878) 
sind weitere Veröffentlichungen erfolgt, darunter auch ein Heft Narodni 



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272 Nehring: 

pisnö 1877. Zu den besten Sammlungen gehören die des um die mährische 
Volkskunde sehr verdienten Professor Barto§, zuerst Nove narodnf pisnfe 
mit Melodieen, Brunn 1882, als Ergänzung zu SuSil, sodann Moravske nar. 
pfsnä 1889, wo über 1000 mährische Volkslieder dem Inhalte nach ge- 
ordnet sind. Deutsche Übersetzungen cechischer Volkslieder sind: J. Wen- 
zig, Slavische Volkslieder 1830 (böhmische, sloyakische, russische u. a. 
nach Öelakovsk^), gleichzeitig erschienen auch in Hormayrs Archiv 
für Geographie, Historie u. s. w., Jahrgang 1830, böhmische Volkslieder, 
übersetzt von Schoen, und einzelne Lieder von Ida von Düringsfeld 
in den Übersetzungen slavischer Volkspoesie, Prag 1851. 

Bei den Studien über das cechische Volkslied kommt die nächst- 
liegende Frage der Zusammenstellung von Parallelen und Ermittelung des 
Hergewanderten sowie des Heimischen (SuSil ausgenommen) wenig in 
Betracht^ die Untersuchungen sind Charakteristiken, selten Einzelforschungen. 
Abgesehen von L. &tur, der auf Grund der Grünberger und Königin- 
hofer Handschrift der cechischen Poesie den Vorzug der ältesten Volksepik 
unbedingt vindizierte, und Öafarik, welcher in dem oben erwähnten Auf- 
satz 1883 in den slavischen Volksliedern eine tiefe Kulturstufe, daher un- 
geschriebene Litteratur des Volkes erblickte, nenne ich allgemein gehaltene 
Aufsätze über die Volkslitteratur, zunächst einen Aufsatz in der Zeitschrift 
Vöela 1835 (No. 125 flf.), von dem Kunstkritiker Zvonai^ in mehreren Zeit- 
schriften, vornehmlich in Dalibor 1860, über Volksgesänge und vonV. Brandl 
in Gas. Matice Moravske 1876. Die Abhandlung von Lud w. v. Rittersberg, 
Urheimat des slav. Gesanges 1846, in welchem aus geographischen und 
klimatischen Gründen die nördlichen Karpathenländer in Beziehungen ge- 
bracht werden zu Eigentümlichkeiten des slavischen Gesanges, wurde kaum 
beachtet. Einzelne Motive der ßechischen Volksdichtung behandelten 
Kvfet in dem Aufsatz über den Naturkultus in den böhmischen Liedern 
(in Prager Krit. Blättern) 1858, Bratranek in der Abhandlung über 
mährische Volkslieder (in österr. Revue 1865), worin die Bezüge auf die 
dem Volke beliebten Pflanzen besprochen werden, und Gebauer, der in 
Listy filologicke I, 1874 ff., über gewisse Eigentümlichkeiten der Volks- 
lieder, besonders der slovakischen sprach, z. B. über Metaphern, Parallelismen, 
Gleichnisse, über die in Volksliedern beliebten Anfänge u. s. w. Der be- 
kannte Herausgeber der Zeitschrift Svetozor, Primus Sobotka hat um- 
fassende Studien über die Pflanzenwelt und ihre symbolische Bedeutung 
in der slavischen Volkspoesie geschrieben: Rostlinstvo a jeho v^znam v 
närod. pfsnech, povestech etc., Prag 1879 (Pflanzenwelt und ihre Be- 
deutung u. s. w.); eine ähnliche Studie ist die über die symbolische Be- 
deutung verschiedener Tiere in der traditionellen Volkslitteratur (in der 
Zeitschrift Kvety 1883), über die Vögel in den Überlieferungen der Slaven 
(in Svetozor 1881). In Kvety 1879 handelte auch Dunovsky über die 
fremden, insbesondere deutschen Einflüsse in slavischen Liedern und über 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 273 

die slavischen Eigentümlichkeiten und Nachklänge in slavischen, ger- 
manisierten Ländern gesungenen. Schliesslich sei noch eine Abhandlung 
von Bartos über Volksmelodien, Musik und Tanz vornehmlich in Mähren 
(in Gas. Matice Moravske 1879) erwähnt. 

Gegen die Sammlungen des gesungenen und gesprochenen Wortes 
treten Schilderungen des Volkslebens zurück; man vermisst ungern eine 
ethnographische Schilderung des cechischen Volkes auf dem gesamten 
Gebiete; auch Schilderungen einzelner Gegenden oder Gebräuche sind 
selten, die mehr archäologische Forschung, Vielehe sich auf die Vergangenheit 
bezieht, herrscht vor. Viel Material enthält das fleissige, aber kritiklose 
Werk des begeisterten Altertumsdilettanten Krolmus (so ist Sumlork zu 
lesen): Staroceske povesti, zpevy, hry, obyceje, slavnosti u. s. w. in 3 Bdn. 
1845—51, indess ist es mehr aus Büchern, als aus dem Leben geschöpft 
und dient den gelehrten Ansichten des Verfassers. Das Buch K. Preuskers: 
Blicke in die vaterländische Vorzeit 1841, in welchem u. a. das Frühlingsfest 
beschrieben vrird, ist mir leider nicht bekannt. In jener Zeit hat der bekannte 
Altertumsforscher Hanns in seiner „Wissenschaft des slavischen Mythus", 
Lemberg 1842, sehr viele rituelle Feste und Gebräuche beschrieben; in 
gleicher Weise hat V. Petr&v (siehe unten) Reste der heidnischen Fest- 
gebräuche der Slaven behandelt (in der Budweiser Zeitschrift Budivoj vom 
Jahre 1867); J. Langer hat in der oben erwähnten Abhandlung Öeske 
prostonar. obyceje u. s. w. in Öas. ces. Mus. 1834 die Hochzeitsgebräuche 
beschrieben; Beneä Kulda hat über denselben Gegenstand geschrieben: 
Svadba v narode cesko-slovenskem, svadebni obyceji f'eci etc., Olniütz 
1862 (sodann 1866 und 1875); Land und Volk sind in lebendiger Dar- 
stellung geschildert in der Zeitschrift „Ost und West" 1862; in der neuesten 
Zeit hat Fr. Barto§ in Lid a närod, 2 Bde., 1883-85 sehr wertvolle Bei- 
träge zur cechischen, speciell mährischen Volkskunde geliefert, und Zibrt 
hat veröffentlicht Staroceske obyceje, povery, slavnosti a zabavy, Prag 1889, 
eine freilich nicht erschöpfende Zusammenstellung der Familien- und Volks- 
feste in alter Zeit aus Chroniken und anderen geschichtlichen Quellen, ge- 
ordnet nach dem christlichen Kalender. Über das Leben der Kinder, 
ihre Spiele u. s. w. schrieb Bartos: Nase deti, jejich zivot v rodine, mezi 
sebou a v obci, jejich poezii, zabavy a hry i präce spolecne, Brunn 1887. 

Böhmische Märchen, Erzählungen und Sagen (der gewöhnliche 
czechische Ausdruck für Volksmärchen ist bachorka und pohädka, für Er- 
zählung und Sage povest; povidka ist ein mehr allgemeiner Ausdruck) 
wurden schon früh, in der Zeit der ersten nationalen Bestrebungen, von 
dem bekannten Erzähler, rührigen dramatischen Dichter und begeisterten 
Patrioten J. Kaj. Tyl veröffentlicht (Drobnöjsi povidky prostonarodni: 
Kleine Volkserzählungen), worauf bald Jak. Malys Narodni ceske pohadky 
a povösti 1838 folgten; derselbe verdiente Schriftsteller (Historiker der 
cechischen „Wiedergeburt") veröffentlichte dann noch eine vermehrte 

Zeitschrift d. Vereins L Volkskunde. 1891. X3 

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274 Nehring: 

Sammlung: Sebrane bäehorky a povesti 1848. In den vierziger Jahren 
sind die meisten Märehen- und Volkserzählungen gesammelt und heraus- 
gegeben worden: ausser der genannten Sammlung von J. Mal]f vornehm- 
lich die reichhaltige und treffliche Sammlung slovakischer Märchen und 
Erzählungen von dem bekannten Begründer der slovakischen Matica Janko 
Rymavskjf (Francisci): Slovenske povesti, Leutschau 1845, eine Samm- 
lung der beliebten Erzählerin Bozena Nemcova: Narodni bäehorky a 
povesti 1845 (dann noch 1858 und 1890) und drei Sammlungen von 
Mikäicek: Sbirka povesti moravskych i slezskych, Olmütz 1844, Narodni 
bäehorky 1845 und mährische Volkserzählungen: Pohädky a povidky, 
Brunn 1847. Der als Volksfreund verdiente Ben es Kulda veröffentlichte 
die interessanten mährischen Märchen aus der Gegend von Rosenau 1854 
(dann noch in dem allgemeinen Werke über das mährische Volk, Prag 
1874 — 75); nicht ohne Wert ist die Sammlung von J. K. z Radostova: 
Narodni pohädky, 2 Bde., Prag 1856 (dann noch 1872 **), indess scheint die 
Sprache nicht echt volkstümlich zu sein; dagegen sind ganz ausgezeichnet 
die slovakischen Sagen imd Volkserzählungen, gesammelt und herausgegeben 
von Dobsinsk^ und ^kultety: Slovenske povesti 1858 ff., unter dem 
Gesamttitel: Povesti prastarych bajecn^ch cas&v. 

Nach einer längeren Unterbrechung stellte sich wieder die Sammellust 
ein, zunächst in der slovakischen Matica (siehe oben unter Liedern die 
Veröffentlichung vom Jahre 1870). Hraäe, der unbekannte Märchen 
zunächst in Zeitschriften veröffentlichte, gab 1873 Povidky naseho lidu 
heraus; in derselben Zeit veröffentlichte die Gesellschaft Slavia ein Heft 
Narodni pohädky, pisne a obyceji, später Narodni pohädky a povesti 1878, 
und Vrana veröffentlichte die treffliche Sammlung Moravske narodni po- 
hädky a povesti 1880, besonders treu in sprachlicher Hinsicht. Erben 
veröffentlichte 1863 Sto prostonärodnich pohädek, hundert ausgewählte 
slavische Märchen, alle in der Sprache des Volkes, aus dessen Munde sie 
aufgezeichnet worden sind. Das wiederholt citierte Buch J. Enders: 
„Volkssagen aus dem Kuhländchen und der mährischen Wallachei, Neu- 
titschen 1861", ist mir nicht bekannt. — Die cechischen Märchensammlungen 
in deutscher Übersetzung von Wen zig (in Westslavischer Märchenschatz 
1857), von Alf. Waldau, Böhmisches Märchenbuch 1860 und von Groh- 
mann, Sagenbuch von Böhmen und Mähren 1863, mit der Tendenz der 
Verwertung der Märchen für slavische Mythologie, dürften bekannt sein. 
— Dieser reiche Volksschatz harrt noch der wissenschaftlichen Unter- 
suchung. Der Artikel in der Prager „Politik" 1868 No. 97 über böhmische 
Sagen hat einen archäologischen Charakter; Dobsinsky hat in den 
üvahy o slov. pov. 1872 über die slovakischen Volkserzählungen im all- 
gemeinen geschrieben. 

Die ältesten Sammlungen cechischer Sprichwörter sind oben schon 
erwähnt worden, es sei noch erwähnt, dass Javornicky cechische Sprich- 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 275 

Wörter durch Erzählungen zu erklären gesucht hat in Hromadkos Wiener 
Zeitschrift Prvotiny 1815. Für die slavische, speciell cechische Sprich- 
wörterlitteratur ist besonders verdienstlich das Buch von Hanus: Literatura 
pHslovnictvi Prag 1853, wo auch deutsche Sprichwörter berücksichtigt 
sind, und die Arbeiten von Fr. L. Öelakovskjr, der schon 1839 in Öas. 
ces. Mus. über die vergleichende Methode der Sprichwörterforschung schrieb 
and zugleich eine Sammlung von Beispielen anführte mit der Ankündigung 
eines später erschienenen Buches über die Volksphilosophie der slavischen 
Sprichwörter: Mudroslovi näroda Slovanskeho v pHslovich, Prag 1852; 
ein Jahr früher veröffentlichte derselbe Gelehrte in öas. 6es. Mus. eine 
Sammlimg slavischer Rechtssprichwörter. Die Sammlung der slovakischen 
Sprichwörter ^Prislovia a porekadla" in dem Sbomik I der Matica von 
1870 ist schon oben (unter Liedern) erwähnt worden; in der letzten Zeit 
veranstaltete die Zeitschrift Krok eine Sammlung cechischer Sprichwörter 
mit entsprechenden deutschen und altklassischen (die Sammlung beginnt 
in dem Jahrgange DI vom Jahre 1890). Von der höchsten Wichtigkeit für 
Rechtsanschauungen ist die Sammlung von A. Rybieka: Pravidla, 
prislovi a povödeni etc., Prag 1872, mit Nachträgen in der Zeitschrift 
Svötozor 1886. 

Von Äusserungen des czechischen Volksglaubens (Aberglaubens) 
habe ich wegen des zerstreuten und wenig zugänglichen Materials ausser 
den oben schon genannten Werken, welche auch Berichte über Volks- 
glauben enthalten, leider nur wenig zu berichten. Eine reiche Sammlung 
böhmischen Aberglaubens lieferte Houska in Gas. ces. Mus. 1853; in 
derselben Zeitschrift, 1860, teilte Erben eine Reihe von Krankheits- 
beschwöningen mit; V. Petruv hat in der Zeitschrift Budivoj 1867 über den 
Aberglauben des Volkes um Budweis ausführlich gehandelt. Viele Mit- 
teilungen aus diesem Gebiete enthalten die vielen Zeitschriften. 

V. Die bulgarische Nationalität, durch die lange Türken- und 
Phanariotenherrschaft niedergehalten und fast erdrückt, trat für Europa 
erst in unserem Jahrhundert aus dem Dunkel hervor: Vuk Stef. Karadzic 
veröffentlichte zuerst in seiner Pesmarica zweitem Bändchen vom Jahre 1815 
einige bulgarische Lieder und ergänzte im Jahre 1822 in gleicher Weise 
durch Veröffentlichung bulgarischer Sprachproben das Petersburger ver- 
gleichende Wörterbuch, welches unter Katharina 11. besorgt worden war 
Dann folgte Safaf ik in seiner slavischen Ethnographie (Narodopis slo- 
vansk^) vom Jahre 1825, indem er das Bulgarische, auch durch Volks- 
lieder, näher charakterisierte. Bald darauf durchwanderte Venel in, durch 
die russische Regienmg unterstützt, Bulgarien, sammelte und veröffentlichte 
Altertümliches und Ethnographisches in dem Werke vom alten und neuen 
Bulgarien, Mosk. 1829 ff. und in dem Buche über bulgarische Volks- 
lieder 1835; andere folgten dem gegebenen Beispiele, einzelijes von dem 
bulgarischen Liederschatz dem Drucke übergebend, wie B'lgarski narod. 

18» 

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276 Nehring: 

pesue i poslovice (Pesth 1842) vouBogorov, von Grigorovic in der ser- 
bischen Zeitschrift Kolo 1847, Slavejkov (Bolgarskija pesni), Petersburg 
1855. Diese und andere Liedersammlungen verwertete in einem grösseren 
Sammelbande der bekannte russische Gelehrte Bezsonov: Bolgarskija 
pesni iz sbornikov Veuelina, Katranova i drugich, Moskau 1855, mit einer 
ausführlichen Abhandlung über die bulgarischen Volkslieder im Vergleich 
zu den serbischen. Als eine erwünschte Ergänzung zu dieser Sammlung 
durfte betrachtet werden die Sammlung von Verkoviö, Narodni pesnie 
makedonski Bulgara I, Belgrad 1860, welche nur Frauenlieder enthielt, 
aber gegenwärtig wegen der vielbesprochenen Frage nach der Nationali tat 
der Makedonier (bekanntlich streiten jetzt Bulgaren und Serben um sie) 
von Wichtigkeit ist, weil sie die (dem Bulgarischen sehr nahe stehende) 
Sprache dieses Volkes richtig wiedergiebt (die von demselben Altertums- 
beflissenen herausgegebene Publikation: Veda Slovenska, Petersburg 1881, 
mit angeblich altertümlichen Liedern der Pomaken in Rhodopegebirge von 
der Wanderung der Bulgaren aus dem Hindustan, von Orpheus u. s. w. 
werden mit Recht als apokryph bezeichnet). Auf Makedonien beziehen 
sich die trefflichen Aufzeichnungen von Jastrebov: Obycai i pesni turec- 
kich Serbov, welche 1889 schon in zweiter Auflage erschienen sind (siehe 
unten). Das ganze Gebiet der Bulgaren, auch der makedonischen, umfasst 
die Sammlung des durch ihren tragischen Tod berühmt gewordenen 
Bruderpaares Miladinovci: Bulgarski narodni pesme, Agram 1861, ebenso 
die Sammlung des französischen Consuls Dozon; Chansons populaires des 
Bulgares, Paris 1875, und Colakov, B'lgarski naroden sbomik I, Belgrad 
1872, in welchem neben Volksliedern vornehmlich Sprichwörter gesammelt 
sind. Sehr zuverlässig ist die Sammlung bulgarischer Lieder von Drinov 
und Karanov in der Zeitschrift Periodicesko spisanie: B'lgarski narodni 
pesne 1876; sehr wichtig für die Ethnographie der Makedonier ist die 
Sammlung von Kacanovskij, Sbomik zapadno-bolgarskich pesen, Peters- 
burg 1882, mit einer recht belehrenden Abhandlung über Volksgebräuche. 
Eine Verwertung der bulgarischen epischen Lieder fand in Jos. Holeceks 
Poesie svötova u. s. w.: Junacke pisnö näroda bulharskeho s pfipojenim 
pisni milostn^ch (Bulgarische Heldenlieder, mit Hinzufügung von Liebes- 
liedem), Prag 1875 statt; für deutsche Leser ist recht brauchbar das Buch 
von G. Rosen: Bulgarische Volksdichtungen, ins Deutsche übersetzt von 
G. Rosen, Leipzig 1879. — Dieser Liederschatz ist meines Wissens bis 
jetzt noch wenig untersucht worden. Bezsonov hat sie mit der serbischen 
in Parallele gestellt (siehe oben); in der neueren Zeit sind die Lieder 
des Makedonien und Altserbien bewohnenden Volkes und die auf den 
auch von den Bulgaren in Liedern verherrlichten Kraljevic Marko be- 
züglichen Gegenstand grösserer Aufmerksamkeit geworden; vor allem ist 
hervorzuheben, dass bulgarische Festlieder mit genau geschilderten Fest- 
lichkeiten in Verbindung gebracht werden, besonders von Kacanovskij 



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Die ethnographischen Arbeiten der Slaven. 277 

(siehe oben), Rakovski und Jastrebov (siehe unten bei den Sitten- 
schilderungen). Chalanskij, der bekannte Kenner russischer und süd- 
slavischer Volkspoesie, hat über eine Gruppe bulgarischer Lieder von der 
Heirat des Sonnenprinzen (Bolgarskija pesni o zenitbo solnca etc.) in 
Russkij filol. vestnik, Bd. XIX, geschrieben. 

Sitten, Gebräuche und im allgemeinen das Volkswesen der Bulgaren 
fanden einen begeisterten Beobachter und eifrigen Berichterstatter in 
RakoYski, der in Pokazalec ili rqkovodstvo, kak se iziskvijt i izdirji|t 
najstari crti naäego bytija I, Odessa 1859 (Wegweiser zu Untersuchungen 
der ältesten Merkmale unseres Volkes) die ersten Linien zu Studien über 
das bulgarische Volk zeichnete. 'Karavelov bot in Pamjatniki narodnago 
byta Bolgar (Denkmäler des Volkswesens der Bulgaren, russisch geschrieben), 
Moskau 1861 schätzenswertes ethnographisches Material. In der neueren 
Zeit werden Volksgebräuche recht eingehend geschildert, so von dem 
russischen Gelehrten Kacanovskij in Sbornik (siehe oben), welcher 
einen recht belehrenden Abschnitt über bulgarische Volksgebräuche schrieb, 
von A. T. Iljev in Sbornik ot narodni umotvorenija, obycai u. s. w. I, 
Sofia 1889, der einen wahren Schatz von „Volkserzeugnissen", vornehmlich 
Sitten und Gebräuchen aus verschiedenen Gegenden von Bulgarien bietet, 
vor allem Jastrebov in dem russisch geschriebenen Buch Obycai i pesni 
tureckich Serbov (Sitten und Gebräuche der türkischen Serben, d. h. der 
Makedonien und Altserbien bewohnenden Slaven, die eine Mittelstellung 
zwischen Bulgaren und Serben einnehmen, den ersteren aber viel näher 
stehen), St. Petersburg 1886, zweite Auflage (vermehrt durch neue Texte) 
1889. Hier sind zunächst die Hochzeitsgebräuche äusserst sorgfältig und 
einzelne Volksfeste, z. B. das Slavafest, Weihnachtsgebräuche, Ostern u. a. 
recht eingehend geschildert, mit Hinzufügung der dabei gesungenen Lieder. 
Schilderungen des Volkslebens aus den ethnographisch sehr interessanten 
Gebieten des Rhodopegebirges bietet das Buch: Äivot na Bülgarite v 
srednja Rodopa von J. N. S., Plovdiv (Philippopolis) 1886. Vieles, ebenso 
wie Lieder, ist in Zeitschriften enthalten, z. B. Periodicesko spisanie, 
Nauka u. a.; hier wurden in neuerer Zeit die bulgarischen Hochzeits- 
gebräuche beschrieben. Daraus ist der Stoff entnommen worden zur Dar- 
stellung des genannten Gegenstandes in Sbornik der Moskauer Daskovschen 
Gesellchaft Bd. I (siehe oben). An dieser Stelle mag eine überaus wichtige 
Publikation des bulgarischen Unterrichtsministeriums genannt werden : 
Sbornik za narodni umotvorenija, nauka i kniznina I, Sofia 1889, mit vielen 
ethnographischen und anthropologischen Aufzeichnungen von Volksliedern, 
Sagen, Sprichwörtern, Rätseln, Volksspielen u. s. w., mit Abhandlungen, 
wie z. B. über das Opfer des eigenen Kindes nach slavischen Sagen, oder 
Untersuchungen, wie Verzeichnung von Parallelen zu den Volksliedern in 
der Sammlung der Brüder Miladin. Auch findet sich hier eine Ab- 
handlung über Ethnographie, ihre Bedeutung und Aufgabe. Es ist sehr 



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278 Nehring. 

auzuerkeimen, dass das Ministerium wenigstens teilweise für die Ver- 
breitung dieser wichtigen (über 800 Seiten umfassenden) Veröffentlichung 
gesorgt hat; ein zweiter Band folgte schon 1890. Ein sehr umfassend an- 
gelegtes, auch für Ethnographie wichtiges Werk ist das dreibändige Werk 
von Kanitz: Donau-Bulgarien und der Balkan, I. 1879 und 1882", ü. 1877. 
III. 1879, welches ausführliche Reiseberichte des bekannten Verfassers 
enthält. 

Bulgarische Märchen sind gesammelt in Rakovskis Pokazalec 
1859 (siehe oben), Karavelovs Pamjatniki 1861 u. a. In der neueren 
Zeit lieferte eine Sammlung aus Makedonien Sapkarev in B'lgarski 
narodni prikazki i verovanija, Plovdiv 1885, ausserdem sind bulgarisclio 
Märchen, mit Nennung der Bezugsquelle, verzeichnet von Syrku im Archiv 
f. slav. Phil. VI, 130 ff. 

Bulgarische Sprichwörter finden sich in L. Karavelovs Pamjat- 
niki narodnago byta Bolgar, M. 1861 (enthält vornehmlich Lieder und 
Sprichwörter) und Colakovs Narodni B'lgarski sbomik, Belgrad 1872. 
Nach dem Vorgange und Beispiel Bogisics sammelte bei den Bulgaren 
Majnov juridische Vorstellungen und Bräuche: Juridiceskij byt Bolgar, 
Petersburg 1871, in Band IV der Ethnographischen Abteilung der Geo- 
graphischen Gesellschaft. Zuletzt seien Rätsel genannt, deren über 700 
gesammelt und veröffentlicht hat Marinov: B'lgarski narodni gatanki, 
Sofia 1879. 

VI. Das slovenische Volk ist durch die Dichtungen und Bestrebungen 
Vodniks (f 1819) und seiner Zeitgenossen zum nationalen Bewusst^ein 
wieder erwacht; einige der vom Volksgeist durchhauchten Gedichte Vodniks 
sind zu beliebten Volksliedern geworden. Einer seiner Zeitgenossen, 
Stanko Vraz, der dann später sich der von Ljutevit Gaj eingeleiteten 
„illyrischen", d. h. kroatisch-serbischen Bewegung anschloss, schrieb anfangs 
slovenisch und ist auch einer der ersten, der Volkslieder seines Volkes 
liebe- und verständnisvoll sammelte: seine Sammlung Narodne pesni 
ilirske, koje se pevaju po Stajerskoj, Kranjskoj i zapadnoj strani Ugerske 
(Illyrische Volkslieder aus Steiermark, Krain und Westungarn) I, Agram 
1839, ist wohl immer noch die beste; vor ihr wurden slovenische Volks- 
lieder in dem 1830 gegründeten periodischen Sammelbuche Kranjska cbe- 
lica (Krainer Biene) in seinen fünf Jahrgängen veröffentlicht. Stanko 
Vraz übte auf seine jüngeren Zeitgenossen einen grossen Einfluss aus: 
bald nach seiner Sammlung erschien die von E. Korytko: Slovenske 
pesmi kranjskiga naroda (Slovenische Volkslieder aus Krain), fünf Hefte 
1841 — 44, dann folgte die treffliche Sammlung von A. Janeziö: Cvetje 
slovanskega naroda. Slovenske narodne pesme, prislovice in zastavice 
(Slavische Volksblüten. Slovenische Lieder, Sprichwörter und Rätsel) I. 
Klagenfurth 1852. Schätzenswert ist auch die Sammlung von M. Valjavec 
aus der Heimatsgegend des Herausgebers: Narodne pesni iz Predvorske 



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Volkstümliche Schlaglichter. 279 

fare in der Zeitschrift Kres vom Jahre 1884, und die umfangreiche Samm- 
lung von Volksliedern der Kämthner Slovenen: Narodne pesni koroSkih 
Slovencev von J. Scheinigg in Laibach 1889. Viele Volkslieder wurden 
in Zeitschriften veröffentlicht. — Das Volksleben, die Sitten und Gre- 
bräuche der Slovenen sind nicht erschöpfend genug in dem Buche von 
Suman: Die Slovenen (in der Reihe von Darstellungen u. d. T. Öster- 
reichische Völker) 1881, eingehender in dem Aufsatze von Dr. Lecie jewski 
über die Slovenen (z ^ycia Stowiericow) in der Warschauer Zeitschrift 
Ateneum 1888 dargestellt. Von bedeutendem Werte ist die fleissige Arbeit 
von Josip Pajek: Örtice iz du§evnega zivota Stajerskich Slovencev (Schil- 
derung des Geisteslebens der steirischen Slovenen) aus verschiedenen Zeit- 
schriften und Blättern zusammengetragen, Laibach 1884. In der neuesten 
Zeit beschrieb Ötepisnik die Hochzeich tsgebräuche der Slovenen aus 
dem Windisch-Peistritzer Kreise; ausserdem finden sich einzelne Schil- 
derungen in Zeitschriften, wie z. B. in Kres 1881, 1882 und in Letopis 
Matice Slovenske, wo in den Jahren 1877, 78 sich ein Aufsatz über slavische 
Sitten aus alter und neuer Zeit findet. — Märchen und Volks- 
erzählungen sammelte M. Valjavec: Narodne pripoviedke 1858, Narodne 
pripoviesti iz susjedne Varazdinu Stajerske 1875, dann noch in Kres 
1884 ff., und B. Krek: Slovenske narodne pravljice in pripovedke, Mar- 
burg 1885. — Slovenische Sprichwörter sind gesammelt von Ant. Ja- 
neilic in dem oben erwähnten Buche Cvetje u. s. w. 1852. 

Breslau. 

(Schlnss folgt.) 



Volkstümliche Schlaglichter. 

Von Wilhelm Schwartz. 

n. Von der yolkstäiiiliclieii Naturkenntnis mit einem Exkurs über 
die deutschen Pflanzennamen. 

Man geht gewöhnlich von der Ansicht aus, als kenne der Mensch die 
Natur, in der er sich bewegt, nicht bloss genau im einzelnen, sondern habe 
auch für alles in derselben typische und gemeinsame Bezeichnungen, als 
sei überhaupt die Naturkenntnis gleichsam ein gemeinsames, bestimmt 
fixiertes Volksbesitztum. Und doch ist dies ein grosser Irrtum. Denn auch 
auf diesen Gebieten ist das Erkennen und Wissen von den Dingen, schon 



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280 Schwartz: 

wie es sich zunächst in der Bezeichnung der einzelnen Objekte mit be- 
stimmten Namen bekundet, erst allmählich aus kleineren, lokalen 
Volkskreisen erwachsen und dann schliesslich erst bei einer sich ent- 
wickelnden gemeinsamen Kultur einheitlicher und immer mehr wissen- 
schaftlich typisch fixiert und zusammengefasst worden. 

Das volkstümlich Individuellere ist auch hier, gleich wie die 
Dialekte auf dem Gebiete des Sprachlichen, das Frühere, und meist über- 
all treten in demselben, wo es noch hindurchbricht, Verschiedenheiten 
und Schwankungen hervor, die erst durch den Verkehr sich zum Teil 
zu einer gewissen Gemeinsamkeit in den Hauptmomenten entwickelt 
haben. 

Wenn man dies verkennt, so wird dies hauptsächlich dadurch hervor- 
gerufen, dass unsere Kenntnis bei den Kulturvölkern auch auf diesem Ge- 
biete meist erst da beginnt, wo schon litterarische Zeugnisse eintreten, also 
jener Prozess sich schon aus den individuell lokalen Gestaltungen mehr 
zu der Phase eines gemeinsamen geistigen Lebens auf dem Boden der 
Litteratur erhoben hat und die Verhältnisse so schon einen gewissen 
Charakter des Fertigen, Abgeschlossenen erhalten haben. 

Lehrreich für eine richtige Anpassung werden auch hier entsprechende 
Studien in den volkstümlichen Kreisen des eigenen Volkes bei 
ihren mannigfachen lokalen und ethnologischen Besonderheiten, indem 
trotz alles Einflusses, den die Litteratur und die Schulen in dieser Hinsicht 
seit langer Zeit geüb* haben, doch noch immer der natürlichen, aus der 
Unmittelbarkeit des Lebens ressortierenden Verhältnisse sich genug erhalten 
bezw. erneut haben, um ein annäherndes Bild von den Grundlagen und 
Prinzipien des betreffenden Entwicklungsprozesses, wie er überall in ähn- 
licher Weise stattgefunden hat zu geben. 

Wenn ich schon bei meinen kulturhistorischen Wanderungen in früheren 
Jahren auch auf dahin schlagende Betrachtungen gekommen bin, so war 
namentlich im Jahre 1888 bei einem längeren Sommeraufenthalt in Friedrichs- 
rode imgünstiges Wetter speziell die Veranlassung, direkter einmal darauf 
einzugehen, und im folgenden Jahre hatte ich in Sassnitz auf Rügen und 
im Jahre 1890 in Flinsberg auf verschiedenen Gebieten Gelegenheit, Ein- 
zelnes noch weiter zu verfolgen. 

Ja das Landvolk kennt die Natur besser als der Städter und 
beobachtet sie im Einzelnen schärfer und eingehender, aber nur 
das in der Natur, was zu seinen L ebensbedürfnissenin irgend 
welche Beziehung tritt, das Andere bleibt ihm mehr oder minder 
beiseit liegen. ^Die Pflanze kenne ich"*, sagte mir ein sehr verständiger 
Bauer in Sassnitz, als ich ihn nach einer Waldpflanze, die mir auffiel, 
fragte, „aber ich weiss nicht, wie sie heisst; ich glaube, sie hat auch 
gar keinen Namon.*^ 

Das Leben hatte den Mann nicht in Beziehung zu derselben gebracht. 



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Volkstümliche Schlaglichter. 281 

es war weder eine Futter- noch eine heilbringende oder giftige Pflanze, — 
und in seiner Naivität dachte er, die anderen Menschen hätten auch 
kein Interesse an derselben und kein Bedürfnis, sie zu benennen. Der 
Naturmensch und der demselben in gewissem Sinne nahestehende Land- 
mann bekundet eben in seinem Verhältnis auch zu der ihn umgebenden 
Natur meist nur einen einfach praktischen Standpunkt, kümmert sich 
nur um das, was er von derselben braucht, und verfolgt nun dieses weiter, 
gerade wie der Mann der Wissenschaft, der die Entwicklungsphasen und 
die Gesetze in dem Geschaffenen vor Allem erforscht, wenn er sich so 
mehr theoretisch der Natur gegenüber stellt, alles andere umgekehrt als ir- 
relevanter ansieht, in der Flora z. B. die Kräfte und Wirkungen der einzelnen 
Pflanzen, in der Fauna bei den Vögeln die Verschiedenheit in den Farben 
des Gefieders, den Gesang und dergl., was dem Naturmenschen bei der 
praktischen Unmittelbarkeit seiner Betrachtung vor Allem und fast allein 
zunächst in die Augen fällt. 

Ist so bei aller Schärfe der Auffassung im Einzelnen der Horizont 
der sich entwickelnden Naturkenntnis im Volke seinen Motiven nach 
schon ein begrenzter, je nachdem die Lebensweise als Jäger, Hirt, 
Ackerbauer u. s. w. auf dies oder jenes besonders die Betrachtung lenkt, 
80 wird er durch den individuellen Charakter der Lokalitäten, 
in denen der Mensch sich bewegt, auch noch von Anfang an bedingt und 
in gewissem Sinne, einer allgemeineren Naturkenntnis gegenüber, einseitiger. 
Denn abgesehen davon, dass schon jeder Himmelsstrich mehr oder minder 
eine eigene Flora und Fauna aufweist, so schaffen auch in demselben 
Lande schon die verschiedensten Höhenverhältnisse mannigfachen Wechsel 
und Besonderheiten in dieser Hinsicht und begrenzen wieder in den ein- 
zelnen volkstümlichen Kreisen die Naturkenntnis, welche nur dann Schule 
und Litteratur zum Teil erweitert. 

Überall wird man daran erinnert. Aus der Unmittelbarkeit des Lebens 
war es z. B. zu erklären, — um nur ein paar bezeichnende kleine Bei- 
spiele anzuführen, — wenn in Friedrichsrode die „Golddrossel" (Pirol) 
sowie die „Nachtigall" und zum Teil auch der „Storch" in der Jugend 
und dem Teil der Bevölkerung, der nicht viel über den Ort hinaus- 
kam*), weniger bekannt war, da Golddrosseln gar nicht, Nachtigallen nur 

1) Wenn Bernhard Schmidt in seinem „Volksleben der Neu- Griechen, Leipzig 
1871 S. 18** den geringen Verkehr der unteren Stände auf dem Lande in Grie- 
chenland mit der städtischen Bevölkerung als Grund angiebt, dass ererbte Sitten, Ge- 
bräuche, sowie die Dialekte in jenem Teil des Volkes sich so erhalten, und als ein charak- 
teristisches Beispiel anführt, er habe in dem Dorfe Pissinonda eine junge Frau kennen 
gelernt, welche noch kein einziges Mal in ihrem Leben die kaum zwei Stunden entfernte 
Stadt besucht habe, so hat zwar in Deutschland der gesteigerte Verkehr und namentlich 
die Eisenbahn die Verhältnisse in der neueren Zeit vielfach geändert, aber in den Jahren 
von 1837—1849, in welche Kuhns und meine kulturhistorischen Wanderungen im nörd- 
lichen Deutschland fielen, war es auch hier ähnlich so. Fast jedes Dorf führte in 
▼oller Zurückgezogenheit ein mehr oder weniger isoliertes Dasein. Die täg- 



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282 Schwartz : 

gelegentlich im nahen Reinhardsbrunn, Störche erst ein paar Stunden 
bergab zu nisten pflegten und dergl. mehr^). 

So hat jede Gegend, jeder Lebenskreis in den ihm speziell näher 
tretenden Verhältnissen mehr oder weniger einen eigenen individuellen 
Horizont und baut unter Umständen denselben auch in der Benennung 
der Objekte der Natur eigentümlich aus. Erst gemeinsamere Bezie- 
hungen in homogeneren Volkskreisen weiten auch hier die Grenzen, und 
so erscheinen dann auch auf diesem Gebiete geographisch-ethnolo- 
gische Gruppierungen in der Benennung der Dinge event. in immer 
grösseren Kreisen des Volkstums. Es reflektiert eben auch auf das Gebiet 
der Naturkenntnis derselbe Prozess, der in der Sprache sich in dialektischen 
Bildungen und einer daraus schliesslich erwachsenden gemeinsamen Volks- 
spraclie bekundet. 

Gelten die für die Urzeit gezeichneten Entwicklungsphasen in gleicher 
Weise von allen Gebieten der Natur, so lässt es sich noch immer jetzt an- 
nähernd besonders in Bezug auf die Pflanzen- und Vogel weit ver- 
folgen, wo die volkstümlichen Auffassungen noch am meisten ihren eigen- 
tümlichen Charakter bewahrt haben. Dass es einst weitere Kreise zog, 
zeigt aber überall noch die Volkssprache in allerhand dialektischen Über- 
resten der Art, die wie einzelne Torso einer, all es umfassenden individuellen 
Namengebung in einzelnen Landstrichen sich erhalten haben. 

Selbst in betreff des Himmels und der an ihm hervortretenden Er- 
scheinungen, die meist zuerst in gleichartigen typischen Namen allgemeiner 
Volksbesitz geworden sind, tritt dies noch hervor. Während z. B. das 
Wort „Himmel" den Goten und alten Nordländern, den Schweden und 
Dänen wie allen übrigen Deutschen in verschiedenen Nüanzierungen gemein- 
sam ist, so sind daneben dem sächsischen Volksstamm eigentümlich zwei 
andere Ausdrücke: alts. „heblian", „hevan**, ags. „heofon", engl, „heaven**, 
noch jetzt in Niedersachsen und Westfalen „heben", ^heven", „häven", 
„häwen." „Ich habe", sagt J. Grimm, Myth. 661 „die Grenze zu er- 
mitteln gesucht, bis zu welcher sich diese Benennung erstreckt. Unter den 
Friesen war sie nicht gangbar, denn noch die heutige west- und nord- 
friesische Volkssprache kennt nur den „Himmel". Auch die niederlän- 

liche Arbeit des Lebens nahm die Leute so in Anspruch, dass nur höchstens der Jahr- 
markt der nächsten Stadt oder ein FamiHenereignis in Verwandten-Kreisen der Nachbar- 
schaft für Einzelne einmal die Veranlassung war, die Grenzen ihres Dorfes zu über- 
schreiten. Dies erklärte die sonst schwer zu verstehende Macht der Familientradition auf 
allen Gebieten, wie sie das Land in so charakteristischer Weise zeigte. 

1) Derartige Einzelheiten treten unter anderen Verhältnissen oft in der über- 
raschendsten Weise hervor. Als ich im Jahre 1839 z. B. in Venedig war, staunte das Volk 
ein Pferd, das sich ein Engländer hatte hinüber bringen lassen, lun auf einer der Inseln 
der Stadt täglich etwas spazieren zu reiten, wie ein fremdes Tier an. In der Inselstadt 
Venedig gab es eben keine Pferde. Ein ähnliches Verhältnis entwickelt sich jetzt in Berlin 
in betr. der Schlachttiere, Rinder u. s. w., die nicht mehr in die Stadt kommen, sondern 
vor den Thoren in den Schlachthäusern abgethan werden. 



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Volkstümliche Schlaglichter. 283 

dische Mundart hat sie nicht; sie findet sich aber in Westfalen, Xieder- 
sachsen, bis nach Holstein und über die Elbe hinaus in Mecklenburg und 
Pommern." Ich füge noch die Mark Brandenburg hinzu, denn hier heisst 
es auch in dem bekannten Volksspmch: 

Kukuk von'heven, 

Wi lange soll ik leven? 

Elbenso sondern sich landschaftlich noch Bezeichnungen für die Ge- 
wittererscheinungen. In der Mark nennt man eine grosse Gewitterwolke 
einen Mummelack, in Süddeutschland Pöpel, indem beide auf ein Wesen, 
was sich in der Wolke (wie in einer Tarnkappe) einmummt oder einpuppt, 
hinweisen. In Pommern und auf Rügen bezeichnet man ein solches dickes 
Regen- und Donnergewölk mit einer alten, theriomorphischen Auffassung 
als „Bullkater". — Während ferner für den Wirbelwind der altmythische 
Ausdruck „Windsbraut" sich noch zum Teil allgemeiner erhalten, spricht 
man in Schlesien wie in der Oberpfalz von der „Windin". Aus Westfalen 
fuhrt Kuhn (Westf. Sagen, Leipzig 1859, 11. S. 92) nicht mehr als acht 
weitere Versionen für den Namen des Wirbelwindes an, ein Beweis, wie 
überall eine individuelle Entwicklung in der Namengebung hindurchbricht 
Um noch ein paar Beispiele anderer Art anzuführen, so sagt man in der 
Oberpfalz wieder für Blitzen, „Leuchten", „an Furklara, einen Kreuz- 
leuchter thun." Das Wort „leuchten" steht zu Got „lauhatjan", sagt 
Schönwerth (aus der Oberpfalz, Augsburg 1858, 11. S, 124) indem er 
obiges anführt: ^diesem entspricht genau die Form „laychtn", wie sie hinter 
Neuenhammer auf der böhmischen Grenze gebraucht wird." — Für die 
Milchstrasse haben Kuhn und ich 15 Namen in Westfalen und Ostfriesland 
in den verschiedenen Gegenden aufgefunden, von denen einzelne wie 
„kaupat", „wägenpat", „ssünpät" noch mythologisch anklingen^ andere wie 
Kölnsche, Frankfurter und Aachener Strasse aus der lokalen Richtung der 
Milchstrasse nach den betreffenden Orten benannt sind'). Überall geo- 
graphische Sonderung, so dass man z. B. im Saterlande in Ramslohe 
„Molksträle", in Scharrel „ssunpät''. in dem nahen Baltmm „wägenpat" 
sagt u. s. w. 

Das sind alles individuelle Ansätze von besonderen Anschauungen und 
Namen volkstümlicher Art bei denen es nur von zufalligen Umstanden 
abhing, ob sie sich nur in landschaftlicher Begrenzung hielten oder 
weitere Kreise zogen, wie z. B. zum Teil ^heven" und in vollstem Maa^se 
das Wort „Windsbraut^. 

In Betreff der grösseren Tierwelt herrscht eine gewisse Überein- 
stimmung, nur für den Wolf führt Dähnert in seinem Wörterbuch der 
Pommerschen und Rügischen Mundart vom Jahre 1781 noch als eigentüm- 



1) Kahn und Schvartz, Norddeutsche Sa£^-D 187I*. S. 457. Kuhn, W*>rtfäli>che 
Sagen. II, S. 85. 



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284 Schwartz: 

liehen Namen „Znbbelke" S. 562 an. In bezug auf das Schwein hat 
Mecklenburg noch gewisse Eigentümlichkeiten. Der Zuchteber heisst 
hier auch Kempe, Bir oder Ber; in Westfalen und Niedersachsen, auch 
in Schlesien, heisst der Eber geradezu Bär, was zu Verwechselungen mit 
dem Bär (ürsus) Veranlassung gegeben (Schiller, zur Tier- und Kräuter- 
kunde 1861, n, S. 7). In Schlesien heisst der Bulle „Stammochs". 

Noch mehr Sonderheiten haben sich aber in den Namen der Würmer 
erhalten. So wird in der Mark, Pommern und Mecklenburg „Imme" für 
„Biene**, Mire (engl. Mire, schwedisch Myra) für Ameise gesagt (selbst in 
Berlin ist volkstümlich: „Mirenspiritus" und „Mireneier" ^); in Mecklen- 
burg, Pommern und Rügen heisst es „de Snake" von einer kleinen 
Schlange u. dergl. mehr. 

Besonders aber, wie schon angedeutet, bekundet sich noch heutzutage 
die landschaftliche Verschiedenheit und Eigentümlichkeit des volkstüm- 
lichen Charakters der Naturkenntnis in BetrefiP besonderer Namen- 
gebung in bezug auf die Vogel- und Pflanzenwelt, zumal bei der hin- 
zukommenden Verschiedenheit der Gegenden selbst"). 

Dass in Friedrichsrode u. A. die Golddrossel (Pirol) den gewöhnlichen 
Leuten unbekannt war, oder wer sie kannte, sie wie ein fremdes Tier 
ansah, habe ich schon erwähnt. Auch noch andere Vögel fielen beim 
Nachforschen aus. Von eigentümlichen Namen fand ich aber dort: Kähl- 
rötchen (Rotkehlchen), Ackermännchen*) (weisse Bachstelze), Witscherling 
oder Wiesenvogt*), (eine Art Würger), Grienitz (Kreuzschnabel), Pikter- 
wik (Wachtel), Strumpfweber oder Zischen (Zeisig), Schwarzkopf oder 
Lübig (Dompfaff), Tannrutscher (Klettermeise). Neben der Feldlerche 
kennt man auch eine Trülerche (wohl die Heidelerche). 

Was die Bekanntschaft mit den Vögeln überhaupt anbetrifft, so waren 
dabei besonders massgebend, wie zunächst eine statistische Aufnahme in 
der Schule ergab, die lokalen und sonstigen Lebensbeziehungen. In erster 

1) Die Miereneier — welche zum Vogelfatter dienen — gewinnt man auf verschiedene 
Weise. Charakteristisch ist insbesonders folgende. Auf einem breiten Waldwege macht 
man eine Anzahl flacher, circa einen Fuss im Durchmesser habender Löcher. Über das 
Ganze breitet man ziemlich dicht Kiefemzweige. Dann fegt man einen Ameisenhaufen, 
den man seiner Eier entledigen will, in einen Sack und schüttet diesen auf der erw&hnten 
Kiefemlage aus. Die Ameisen beginnen sofort, die Eier auszusuchen und in die Gruben 
zu ti-agen und nehmen so die unangenehme Arbeit den Menschen ab, die nur nötig haben, 
die Zweige hernach beiseit zu schieben, um sich dann der sauber ausgelesenen Eier in den 
Gruben zu bemächtigen. 

2) So z. B. auch in betreff der Fische, je nachdem in einer Gegend Fischerei, nament- 
lich an Seen, getrieben wird, oder nicht. 

3) Sogenannt, weil, wie auch Grube in den Biographien aus der Naturkunde an- 
führt, sie dem pflügenden Bauer in der feuchten Ackerfurche nachfolgt und emsig die 
blossgelegten Würmchen sucht. 

4) Den letzteren Namen führt der Vogel, weil er gern Gebüsche auf Wiegen zu seinem 
Aufenthalt w&hlt, wo dann jeder sein eigenes Revier hat, in welchem er keinen anderen 
seiner Art duldet. 



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Volkstümliche Schlaglichter. 285 

Linie standen neben dem „Spatz" (Sperling) die Vögel, die auch in den 
Stuben in einem Bauer gehalten wurden, nämlich Rotkehlchen, Zeisig, 
Stieglitz und Fink, sowie der Kreuzschnabel, dem man die Kraft zuschreibt, 
gut gegen Rheumatismus zu sein. Dann kamen die, welche in die Gärten 
kommen, namentlich die, welche zuerst im Frühling auftreten, wie der 
Staar, dann die, welche auf den Wiesen und auf dem Felde ihr Wesen 
treiben; endlich die im Walde. Grundsätzlich fragte ich, wenn ein Vogel 
in letzterem sich vernehmen Hess, einen Vorübergehenden nach dem Namen 
des Vogels. Traf ich auf einen Holzfäller oder Förster, der kannte natür- 
lich die Vögel des Waldes, für die übrigen gab es in der Regel drei 
Kollektivbezeichnungen. Die kleinen Vögel waren Meisen; klang heller 
Vogelschlag, dann war es ein Fink oder eine Amsel, seltener eine Drossel. 

Ahnlich waren meine Erfahrungen in Flinsberg, nur dass hier, weil 
der Wald überall den Häusern näher rückt, die Waldvögel mehr in den 
Vordergnmd traten. Daneben fehlte es auch nicht an Sonderheiten. Auf 
dem Iserkamm, wo das Getreide schwindet, tritt selbst der Sperling nicht 
in den Horizont der Menschen und bleibt so den Kindern, die dort auf- 
wachsen, zunächst unbekannt. 

In Sassnitz und sonst auf Rügen tritt auch der Horizont der Bevölkerung 
in dieser Hinsicht verschieden hervor, je nachdem die Örter am Strande 
liegen und das Sinnen der Leute sich mehr auf die See richtet, oder land- 
einwärts und besonders in der Nähe von Wald. An provinziellen Bezeich- 
nungen notierte ich mir hier: „Markward" oder „Marquard" als Namen des 
Hähers, „Dubenklemmer" für Habicht, „Qweckstart" für Bachstelze, in 
demselben Sinne, wie man sie sonst „Wackelschwanz" oder „Wippstart" 
nennt (Wepstart bei Reuter, Hanne Nute, Volks-Ausgabe, Bd. 4, S." 63, 
194). Geelgos in Bergen, Gellegaus in Sassnitz wurde mir als Bezeichnung 
der Amsel angegeben. Mein Kollege, Herr Dr. Matthias, machte mich 
darauf aufmerksam, dass wohl eine Verwechselung mit der Goldammer 
stattgefunden habe, die auch bei Reuter, Hanne Nute, Bd. 4, S. 37, 43 
Gelgaus genannt werde. Auch Grümbke, die Insel Rügen, Berlin 1819, 
S. 127 nennt, wie ich nachträglich sah, die Goldammer das „gelbe 
Gänschen" und Schiller „Zum Tier- und Kräuterbuche des mecklen- 
burgischen Volkes", Schwerin 1861, S. 13 ebenfalls, indem er noch eine 
interessante Topographie für den Namen giebt: um Rostock: Gälgensiken, 
sonst in Mecklenburg: gele Gösslichen oder gele Gesichten, in der Prov. 
Preussen: Geelbanch, in der Altmark: Gälgäsk gerst, gälgatsch, in der 
Uckermark: Gelbgüssel, in der Grafschaft Mark: Geäle Gaus, in Waldeck: . 
Gelgaus, im Ditmar. : Gelmöschen oder -göschen, in Schleswig aber Leck- 
schit. Üähnert hat Geelgöschen: ein Grrunfink. Wie dem aber auch sei, 
jedenfalls zeigt es, wie leicht Schwankungen und Übergänge bei einer nur 
auf mündlicher Tradition beruhenden Kenntnis eintreten können, hat doch 
im vorliegenden Falle auch die Amsel einen orangegelben Schnabel, der an 



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286 Schwartz: 

die Gans eriuneru konnte. — Für Staar führen Dähuert, Müllenhoff 
und Grümbke „Sprehn" an, einen uralten deutschen Namen, der altnieder- 
deutsch schon im 10. und 11. Jahrhundert auftritt und auch sonst noch in 
Nieder- und Mitteldeutschland sich findet (s. Weigand, deutsches Wörter- 
buch 1876 unter: die „Sprehn"^), Müllenhoff Glossar zum Quickborn 321). 

In noch höherem Grade aber variieren und schwanken die Namen in 
der Flora, sobald man das volkstümliche Gebiet betritt. In betreff der 
Nadelhölzer, um von den Bäumen nur ein Beispiel zu geben, unterscheidet 
mtin im allgemeinen bekanntlich in gebildeten Kreisen Norddeutschlands 
Fichte und Tanne, je nachdem die Nadeln rund um die Zweige oder 
in doppelter Reihe zu beiden Seiten des Zweiges wie die Zähne eines 
doppelten Kammes in einer Reihe stehen; von der ersteren sondert man 
dann die Kiefer (Kienföhre) ab, welche paarweis verbundene Nadeln wie 
meist paarweis stehende Zapfen hat. In Pommern aber, wo die Kiefer 
überwiegt, gebraucht man nun volkstümlich meist ohne Unterschied Kiefer 
und Fichte für alle gewöhnlicheren Nadelhölzer, Tanne für eine seltener 
vorkommende Art. In der Mark ist es ähnlich, nur dass man meist statt 
Kiefern und Fichten den Ausdruck „Kienen" anwendet, und die ersteren 
beiden Bezeichnungen nur vereinzelter zur Anwendung kommen. Man 
spricht von „Kienholz", vom „Kienwald" ; gewöhnlicher freilich heisst es hier 
statt Wald „Heide." „Man holt Holz aus der Heide", „fährt in die Heide« 
und dergl. mehr, weil ursprünglich, ehe die Kultur auch hier Änderung 
schuf, es meist nur unbebaute, mit Heidekraut bewachsene Strecken 
waren, in denen nur stellenweise Nadelholz sich fand. Hat sich in dieser 
Hinsicht die Bezeichnung doch auch noch typisch in der Lüneburger, der 
Torgauer, der Görlitzer, Bunzlauer Heide u. s. w. erhalten. 

In Mittel- und Süddeutschland entwickeln sich die Begriffe nun aber 
fast umgekehrt, indem die Tanne vorwiegt, und so zur allgemeineren Be- 
zeichnung für Nadelholz geworden ist, und alles Besondere dann unter dem 
Namen „Fichten" zusammen gefasst wird, der Name „Kiefeni" fast ganz 
ausfällt. 

Zeigen sonst die grössern Bäume in Deutschland fast überall denselben 
Namen, so brechen doch bei kleineren noch immer volkstümliche Varianten, 
je nach Zeit und Ort, hindurch. Vom Holunder (Sambucus nigra) führen 
z. B. Pritzol und Jessen ^Die deutschen Volksnamen der Pflanzen, 
Hannover 1882" fast ca. 90 an, z. T. ganz anderen Stammes als das 
Wort Holunder, z. B. Kissekenbaum oder die Püsseke in Göttingen, Keil- 
kenbee (Colikbeere) in Ostfriesland, Schetschken in Schlesien, Schotschken 
in Anhalt und dergl. mehr. 

Auch die Namen der Beeren wechseln landschaftlich. Vaccinium vitis 



1) Der Sperling heisst auf Rügen ^Sparlink", während er in Lübeck, Holstein, Bremen, 
Ostfriesland wie im grössten Teile Westfalens .Lüning**, „Lünne** „Dach-", „Huslünk'- u. s. w. 
genannt wird. Schiller, Zum Tier- und Kräuterbuche II, Schwerin 18(>1, S. 15. 



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Volkstümliche Schlaglichter. 287 

idaea L. heisst, um nur einige Namen anzuführen, in der Mark wie in 
Graubündten: Preisseibeere, von Schlesien bis Elsass: Preusselbeere, in 
Mecklenburg: Knafvelbeer, an der Unterweser, N.-Hannover, Pommern und 
der Altraark: Kronsbeere, in Baiern, Tirol, Kärnten und Steiermark: Grauten, 
inOesterreieh: Grandelbeer. Wenn die Mecklenburgischen, Oldenburgischen 
and Schleswig-Holsteinschen Namen: Tutabeer, Tutjebier, Tüttebär an das 
Dänische Tyttebär erinnern, so lehnt sich das Vorpommersche Linjon an 
den schwedischen Namen der Pflanze: Lingon. 

Treten in dem letzteren ethnologische Bezüge neuerer Zeit hervor, 
80 haben wir in der Mark und zwar speciell im Barnim ein sehr charakte- 
ristisches Beispiel, wie sich aus der Zeit der Slavenherrschaft, also über 
7 Jahrhunderte, ein solcher Name vereinzelt in den Familientraditionen 
erhalten hat, nämlich das Wort Malineken für Himbeere*). Denn in der 
Lausitz heissen sie noch auf wendisch „Maline". 

Wie verschieden aber die Namen der Pflanzen auch sind, immer 
haben sie auch einen bestimmten lokalen Hintergrund, ein bestimmtes 
Terrain. 

Aus der Urzeit freilich sind nur wenige Namen zu uns herüber ge- 
kommen, bei denen dies nachweisbar ist. Vor allem sind bedeutsam in dieser 
Hinsicht die Mistel und überhaupt dann die schmarotzerartigen Auswüchse 
an Bäumen, die, an sich schon merkwürdig, durch die sich daran schlies- 
senden abergläubischen und sagenhaften Beziehungen in der Tradition 
vielfach mit altertümlichem Namen festgehalten wurden. Stimmt der 
Name Mistel zu der altnordischen und englischen Bezeichnung, so heisst 
sie in der Schweiz: Donner- oder Hexenbesen, in Holstein und Mecklen- 
burg: Marentaken, in Schwaben gleichfalls Marentocken, d. h. Zacken oder 
Rute des gespenstischen Mahr, wozu sich dann die Alprute stellt, was auch 
ebenso wie Alpkraut (im Elsass) wieder ein Name für das „Donnerkraut" 
ist und auf den Alb sowie auf Donar zurückgeht. 

In dem „Indogermanischen Volksglauben", Berlin 1885 habe ich an 
verschiedenen Stellen, namentlich S. 74 und 102, von den mythischen 
Beziehungen dieser Ruten und struppig verwirrten Schmarotzerpflanzen 
zur „Blitzrute" und dem „Blitzzickzack" des ausführlicheren gehandelt, 
indem man in dem am Himmel im Gewitter „aufblühenden" Wetter- oder 
Wolkenbaum in jenen Erscheinungen „leuchtende" Zweige desselben oder 
Schmarotzerpflanzen an demselben in der Luft sich entwickelnd wähnte 
und diesen nun allerhand zauberhafte Bezüge zu den unter Umständen 
„totlichen" wie „heilsamen" Wirkungen des Gewitters beilegte, welche der 
Aberglaube dann später in der Tradition mechanisch auch auf ihre irdischen 
analogen Substitute übertrugt). 

1) Meine Sammlung der Sagen der Mark Brandenburg S. 84. 

2) Schon im Ursprung der Myth. 18(iO S. VIII hatte ich auf die Vorstellung des 
Himniels als eines paradiesischen, zauberhaften Wolkengartens hingewiesen. Ich wieder- 



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288 Schwartz: 

Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Bezug genommen auf den nach 
Finn Magnussen in Schweden lokal auftretenden Namen für die Mistel, 
nämlich Ve-Spelt, d. h., wie jener sagt, sacrum sive sacri ignis planta aut 
frutex, und auch hierin eben wie in ähnlichen Zügen anderer Sagen einen 
Bezug auf die angeblich im Qewitter am Himmel in der Luft aufblühende, 
oben geschilderte, himmlische Mistel gefunden. An diesen Namen Ve-Spelt 
klingt nun wunderbar an der Name der Mistel , wie ich ihn bei 
Pritzel und Jessen jetzt noch als den Siebenbürgern eigentümlich finde, 
die ja so vieles Altertümliche sich in ihrem Sonderleben bewahrt haben, 
nämlich „Waspelt." Ist da wie bei den Malineken ein alter Zusammen- 
hang, etwa ein Nachklang alter gemeinsamer Bezeichnung? 

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zur allgemeinen Charak- 
teristik der Pflanzennamen in Deutschland zurück, so ist deren Mannig- 
faltigkeit fast erdrückend. Jessen giebt in seiner Vorrede an, dass sein 
Werk etwa 24000 derartige gebe. Freilich haben daran Jahrhunderte in den 
verschiedensten Volkskreisen bis in die neueren Zeiten gearbeitet, und neben 
der individuellen Namengebung aus unmittelbarer Anschauung oder 
anderen, den Pflanzen angeblich eigentümlichen Gründen, hat die Über- 
tragung imd Umgestaltung unendlich vieler, auch aus den klassischen 
Sprachen stammender Namen dazu beigetragen, die Namenfülle unendlich 
zu mehren, zumal gerade hierin kein von der Literatur getragenes System 
sich geltend machte, sondern wieder lokale Individualisierung und Ver- 
schiebungen, dann auch allerhand Volksetymologien, um sich den unver- 
ständlichen Namen näher zu bringen, so dass die Unbestimmtheit und 
Flüssigkeit in der Sprache sich nur mehrte. 

Ein Beispiel von der Verwirrung, die bei der Namengebung nach 
äusseren Accidentien in den verschiedenen Volkskreisen eintrat je 
nachdem mehrere Arten von Pflanzen dieselben zeigten, bietet z. B. das 
Wort „Butterblume''. 

Dasselbe bezeichnet nach Pritzel und Jessen bei Toxites (16. Jahrh.) 
die sogenannte Hundskamille, Anihemis arvemis L,, bei Tabernaemontanus 
(aus ders. Zeit) Ranunculus acet', den sogen, scharfen Hahnenfuss. So noch 

hole die Stelle, wie sie auch Gubernatis an die Spitze seines Werkes: Mythologie des 
Plantes, Paris 1878 gestellt, da sie kurz den Hintergrund zeichnet. „Bald ist der Himmel", 
sagte ich, „ein aufblühender Blumengarten, den der Glaube in den sich entwickelnden 
Wolkenbildungen fand, bald schienen gewaltige, feurigblitzende, zauberhafte, feurig 
oder golden leuchtende Blumen, bald volle Wolkenbäume mit leuchtenden Blüten und 
Früchten am Himmel zu entstehen ; in allen möglichen Spielarten schienen diese Pflanzen, 
diese Bäume zu schillern, je nachdem diese oder jene Himmelserscheinung ein Analogon 
bot. Dort am Himmel erblühte im Gewitter u. A. der Narkissos mit seinen hundert 
Dolden, den die (Sonnenjungfrau; Persephone brechen wollte, der Himmel und Erde mit 
seinem „betäubenden'* Duft erfüllt hatte, dort die Blumen, welche die Sonnenrosse weideten: 
dort liess Zeus den Hesperidenbaum mit seinen goldenen Äpfeln entstehen, als er sich 
der Hera im Gewitter nahte. Dort entstand des Zeus .prophetische" Eiche, in Analogie 
zu der finnischen Himmelseiche, welche Sonne und Mond verbarg u. s. w." 



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Volkstümliche Schlaglichter. 289 

jetzt in Wangeroge, Ostfrieslaud, am Erzgebirge und bei Zürich. In Thü- 
ringen und Schlesien nennt man so Ranuncultis aui^omus^ in letzterem 
auch Ran. polyanihemos ebenso wie Calendula officinalü L. und Chiysosplenium 
altemifolium. In der Mark (incl. der Altmark), Mecklenburg und Bremen 
heisst so fast allgemein Leontodon Taraaacum^ in der ersteren auch, wie 
mir Herr Dr. Matthias mitteilt, gelegentlich Hypochoeris radicata und 
fflabra. Von Ostfriesland bis zur Altmark und in Schlesien führt auch 
Caüha palustris^ die sogenannte Sumpfdotterblume jenen Namen, in Kärnten 
im MöUthal: Troüius europaeus L. u. s. w. Charakteristisch ist bei allen, 
die mehr oder weniger Frühlingsblumen sind, eine gelbe, in der Blüte 
prononciert herrortretende Farbe, die an die im Frühling gewonnene, 
frische, sogen. Maibutter erinnert, so dass offenbar in dieser Parallele der 
Ursprung des Namens gesucht werden muss, der eben überall für analoge 
Verhältnisse in gleicher Weise aus der Unmittelbarkeit des Eindruckes 
hervorgegangen ist*). 

Von den Schwankungen und Verschiebungen, welche bei Übertragung 
gelehrter Namen in das Volk entstanden, gab mir bei meinem Sagen- 
sammeln der Name „Orant" ein sehr charakteristisches Beispiel. In betreff 
desselben, der in Verbindung mit dem „Dost", gegen Hexen und Teu- 
feleien aller Art für wirksam galt, hatte schon J. Grimm, Myth.', S. 1164 
bemerkt, Dost sei origanum (gewöhnlich d8r wilde Majoran), Dorant oder 
Orant Antirrhinum (Löwenmaul) oder nach Einigen marrubium (Andorn). 
In Pechüle bei Jüterbock hörte ich nun einst eine Sage, wo Nicker eine Frau 
im Kjndbett angeblich fortschleppen; wie sie aber im Garten an blauen 
Orant kommen, sie jene müssen fallen lassen (Nordd. Sagen. 1849 Nr. 106.). 
Nach Pritzel und Jessen stammt der Name orant aus dem Orontium 
des Galenos, und Antirrhinum orontium mit massig grossen, rosafarbenen 
Blüten wird schon bei Gesner, Catalogus plantarum lat. graec. germ. 
Basel 1541, S. 8 als orant aufgeführt und gilt als solcher für Hessen. Da- 
neben wird aber auch Antirrhinum arvense (ohne Ortsbestimmung), ein kleines 
Ackerpflänzchen mit hellblauen, ziemlich kleinen Blüten, speziell als 
blauer Orant aufgeführt. Ebenso kommt Antirrhinum minus L., ein kleines 
Ackerpflänzchen mit hellvioletten Blüten, als Orant (ohne Ortsbestim- 
mung bei Pritzel) vor, daneben in Thüringen Antirrhinum maju^^ die 
bekannte Gartenpflanze, das sogenannte ,^osse Löwenmaul^ als grosser 
Dorant. 

Nun begegnete mir auf Sassnitz der Orant in der Schilderung meines 



1) Irrtumhch hehanptet man, dass der Name „Butterblume'*' daher stamme, weil man 
mit den betreffenden Blumen gelegentlich die Butter färbe oder die Frühlingsbutter eine 
besonders schöne gelbe Farbe erhalte, wenn das Vieh mit diesen Kräutern gefuttert werde. 
Das sind gelehrte und gesuchte Deutungen. Auch der analoge Name Dotter- oder Eier- 
blame für dieselben oder ähnliche gelbe Blüten bestätigt, dass einfach in der Farbe der 
Ursprung des Namens zu suchen ist. 

Zeiuehrift d. Vereint f. Volkskunde. 1S91. 19 



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290 Schwartz: 

Wirtes unter der Form Uranken wieder^), aber als eine Pflanze ganz 
anderer Art, mit angeblich weisser Blüte und einem betäubenden Geruch. 
„Im Hochsommer blühe sie", erzählte mein Wirt; „er wäre einmal als 
Junge in die Stubbnitz gelaufen und gerade wie er die schönsten Uranken 
sich gepflückt, da hätte es plötzlich in den Bäumen geknistert und ge- 
knastert, als wenn der Nachtjäger vorüber gezogen u. s. w." Weitere Unter- 
suchungen ergaben dann, dass es hier Orchia bifolia L, = Piatanthera bifoUa 
Rchb, war, die hier wie in Mecklenburg jenen Namen führt und eine stark 
nach Vanille duftende Blutentraube hat*). 

Aber auf diese Varietäten beschränkt sich die Sache nicht einmal, son- 
dern, wie mir gleichfalls Herr Dr. Matthias feststellte, gilt in der Mark 
wie im Elbthal Aster salicifolius als Orant, in der Altmark speziell als 
„Witten Oranf Achülea ptarmica L, In Thüringen wie in Schlesien wird 
sogar Origanvm vulgare L, als Orant bezeichnet (in Schlesien Organ ge- 
nannt). Und in Bocks Kreuterbuch vom Jahre 1530 und Lonicer Kreuter- 
buch, Frankfurt a. M. 1587, sowie inRuppius, Flora Jenensis, Frankfurt 
1718 ist Reseda luteola L. als Orant aufgeführt. 

Auf Rügen lernte ich auch für Kornblume (Centaurea cyanus L.) 
noch den eigentümlichen Namen Trems (Träms) kennen, der auch, wie 
Pritzel und Jessen angeben, als „blagen Trems" in Mecklenburg, als 
Trembsen in Pommern, unter der Form Trampst aber in Münsterland und 
als Tremse in Göttingen auftritt. Onkel Bräsig erwähnt die Tremsen bei 
Reuter, Stromtid I. (Volksausg. Bd. 6 (1878) S. 258) unter verchiedenen 
anderen Pflanzen, denn als Frl. Fidelie von Rambow ihn fragt, wo sie 
Kornblumen finde, sagt er: „Die will ich Ihnen weisen, dass es 'ne wahre 
Lust ist; hier ganz dichting bei aufs Gürlitzer, da stehen Tremsen un 
Feuerblumen un witten Wesel un Distelköpp, kurzum die ganze Plantasch.* 
Auch ins Hochdeutsche hat sich der Name gelegentlich verirrt. So spricht 
Voss in der „Louise" von Thremsen und Tremissen, Chamisso von 
Trempen, Fr. imd K. Eggers betitelten ihre plattdeutschen Dichtungen 
Tremsen; dies ist aber isoliert geblieben und hat nicht weitere Nach- 
ahmung gefunden. In der Altmark heissen sie übrigens „Hungerblomen", 
in Westfalen „Qwast", in Schwaben und Schlesien „Sichelblumen" u. s. w. 
Doch genug der Beispiele! Nun noch ein paar kurze Bemerkungen zum 
Schluss. 

Wenn bei der bunten Mannigfaltigkeit in den Namen der Pflanzen, nach 
den verschiedenen deutschen Landschaften, namentlich bei den vielfachen 
Gegensätzen zwischen Nord und Süd, den fast überall hervortretenden Schwan- 

1) Die Endung entspricht der Wandlang z. B. des Namens Walpnrgis, wenn man auf 
Rügen statt Walpemabend „to Wolbrechten" oder „Wolbrekken" sagt 

2) Vergl. Pritzel und Jessen, sowie Potoni^, Illustrierte Flora, Berlin 1886 S. 170 
3/0, wo es heisst: Platantbera wird Waldhyacinthe, Nachtschatten und Orant genannt 
{OrchU bifolia L). 



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Volkstümliche Schlaglichter. 291 

kungen und Verschiebungen in betreff der Namen so wie der Pflanzen die 
wissenschaftliche Botanik nichts damit anfangen konnte und meist nur mit 
den üblich, gleichsam offiziell gewordenen lateinischen Namen arbeitet, so 
ist auch ebenso der einzelne Pflanzenname oder die durch ihn bezeichnete 
Pflanze für den Eräuteraberglauben und die sogen. Pflanzensagen zunächst 
fast wertlos und nichts daraus abzuleiten. Nur die Verfolgung der in eigen- 
tümlich gruppenartiger Weise mit ihren Accidentien sich zusammen- 
stellenden Pflanzen wie z. B. der erwähnten Schmarotzerpflanzen kann 
eine Grundlage zu einer entsprechenden wissenschaftlichen Betrachtung 
geben, welche Rolle eine Pflanze und weshalb sie selbige gespielt; in 
Schlussfolgerungen aus Einzelnheiten geht man leicht fehl. 

Eine Geschichte des Pflanzenaberglaubens in diesem Sinne soll erst 
noch geschrieben werden. Sie wird zeigen, dass seine Hauptmasse zunächst 
von mythischen Traditionen ausging. Schon eine Zusammenstellung 
der hauptsächlichsten zauberhaften Wirkungen, wie sie namentlich bei 
den Indogermanen jenen Wunderblumen beigelegt werden, dass z. B. ge- 
wisse Pflanzen, bezw. Zweige von Sträuchem und Wurzeln, gegen Unwetter, 
namentlich gegen Hagelschaden, böse Geister (Hexen u. dergl.) schützen^), 
unverwundbar (stich-, hieb- und schussfest) machen*), zauberhaft ein- 
schläfern oder aus dem Totenschlaf wieder erwecken*), durch ihre Be- 
rührung oder den Schlag der Rute Berge öfinen*), Schätze oder Wasser 
anzeigen u. dergl. mehr, weist darauf hin, dass, trotzdem sich diese Vor- 
stellungen Jahrtausende hindurch bei den betreffenden Völkern in den 
Traditionen erhalten haben und noch z. T. erhalten, sie nie einen realen, 
sondern nur gläubigen Hintergnmd gehabt haben, der aus alten mythischen 
Vorstellungen entstanden, wie sie auch in den Göttersagen noch mannig- 
fach für sich reflektieren. 

Verschiedene, den wirklichen Pflanzen innewohnende, bedeutsame, 
namentlich narkotische Kräfte, welche der Naturmensch allmählich kenneu 
lernte, waren einst die Brücken für die Vorstellung angeblich zauber- 
hafter Wirkungen auch der himmlischen Pflanzen gewesen, welche dann 



1) Wagner hebt mit Recht in seiner „Malerischen Botanik^ Leipzig 1872 II, S. 248, 
als er yon den Hexenkräutern, dem AUermannshamisch u. s. w. spricht, hervor, dass es 
meist Kräuter der harmlosesten Art seien. Farbe, Genich und dergl. hat sie eben nur zu 
Substituten ihrer mythischen Prototypen gemacht 

2) Z. B. bei den Griechen das aus dem Blut des Prometheu» entstandene <#>a^/uaxov 
Ugofiridttoy^ bei den Deutschen im Mittelalter die aus Drachenblut angeblich entsprossene 
Trachante, dann der AUermannshamisch (in Baiem, Salzburg, Graubündten Allium victo- 
natu L, in Kämthen Convallaria polygonatum L., in Mecklenburg Oladiolus communis). 

3) 8. meinen Indogerm. Volksgl. an verschiedenen Stellen. 

4) Damit hängt der Name der landschaftlich sehr variierenden sogen. Schlüsselblume, 
Himmelschlüssel, des Yergissmeinnicht zusammen. In den Friedrichsrodaer Sagen, welche 
ich m der Berl. Zeitschrift für Anthrop. Bd. XXII, S. 131 flf. mitgeteilt, tritt Amica mon- 
teno, die sogen. Johannisblnme, als solche auf; oft wird sie auch einfach „Wunderblume^ 
ohne Speziabamen genannt. 

19» 



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292 Hoefler: 

die Tradition auf die irdischen Substitute zurück übertrug, während da- 
neben, auf reale Erfahrungen hin, sich allmählich auch ein eigener 
selbständig begründeter Kräuterglaube in betreff aller möglichen 
menschlichen Lebensverhältnisse bildete, so dass schliesslich ein Gewebe 
entstand, das aus Dichtung und Wahrheit gewoben war, welches die Wissen- 
schaft dann erst angefangen hat wieder aufzulösen und in seinen ein- 
zelnen Teilen richtig zu stellen. 

(Fortsetzung folgt) 



Die Kalender-Heiligen als Krankheits-Patrone beim 
bayerisclien Volk. 



Von Dr. M. Hoefler in Toelz. 



Die Behandlung der menschlichen Krankheiten durch Kultmittel reicht 
in das höchste Altertum hinauf. In jenen Zeiten, in denen jeder Kranke 
blos „schwach" (swak wahrscheinlich von suk : sink, sioh, siech) 'frar und imter 
der „Siechheit" jeder genauere Krankheitsbegriff noch schlummerte, da 
gab es wohl auch nur einen Krankheitsgott, der für dieses Schwachsein 
half. Es wird der grosse Gott des Lebens, der Fruchtbarkeit gewesen . 
sein, an welchen sich die Kranken um Hilfe wandten. Als man aber mit 
zunehmender Erkenntnis die verschiedenen Siechheiten und Suchten son- 
derte, teilte sich auch die Aufgabe des Kranheitsgottes. Durch das 
Christentum und dessen Glaubensboten kamen neue Krankheitsanschauungen 
in das Volk. Die verschiedenen Heilkünste konnten nicht alle auf einen 
einzigen aus der grossen Menge der christlichen Heiligen übertragen 
werden; viele der letzteren teilten sich in das von der Kirche übernommene 
Inventar der volksüblichen Kulthandlungen aus der Heidenzeit. 

Germanisches und römisches Heidentum, das Christentum der Klöster, 
jener frühesten Pflanzschulen medizinischer Wissenschaft in unserem Lande, 
und die Reste der mit der Naturverehrung zusammenhängenden Urreligion 
finden sich so gewissermassen personifiziert in den volkstümlichen Krank- 
heitspatronen, als welche verschiedene Kalenderheiligen vom Volke an- 
gesehen wurden und noch betrachtet werden. 

Je nach der Örtlichkeit sind die Patronate verschieden, auch je nach der 
Art des Zweckes. Reformation und Gegenreform haben stark aufgeräumt, 
und nur an besonders gehegten Plätzen fristen solche Anschauungen und 



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Die Kalender-Heiligen als Krankheit»-Patrone beim bayerischen Volk. 293 

Bräuche noch eine zum Teil üppige Existenz fort. Sie zu sammeln, ist 
aber Aufgabe der Volkskundigen. 

Januar. 

6. Der heilige Dreikönigstag. Die drei Weisen aus dem Morgen- 
lande tragen nach kirchlicher Überlieferung die Namen: Caspar^ Melchior, 
Balthasar. Die drei Anfangsbuchstaben C + M + B werden mit Kreide 
an Haus-, »Zimmer- und Stallthüren angeschrieben unter Ausräucherung 
(Runen und Rauch zur Sicherheit vor Krankheitsschelmen). Das heilige 
Dreikönigs-Wasser und -Salz dient wie der Königsrauch als ähnliches 
Mittel. Der Aderlass fand an diesem Tage besonders gerne statt; die 
Aderlasschüsseln hatten dabei die Unterschrift „Wisthum berathe (wegen 
der drei „Weisen"). 

7. Valentin, Bischof von Raetia prima et secunda (Tirol, Ostschweiz, 
Südbayem), dem der hl. Korbinian einen besonderen Kult, „Sankt Valteins- 
Orden", gewidmet hat, ist wegen seines Namen Patron bei dem Vallenden- 
Siechtum, St. Valentins Siechtum, dem hinfallenden Siechtum. Die 
fallenden Leute (Epileptischen) besuchen St. Valentinskirchen. Valtl 
(Deminutiv) oft gesprochen wie Vaitl, wird deshalb mit St. Veit (vergl. 
15. Juni) vom Volke in Verbindung gebracht. 

8. St. Erhard, Patron für Viehkrankheiten und Pestpatron. Husten- 
zelteln „Erhard-Zeltele" in den Klosterapotheken (Fortsetzung des Thomas- 
zuckers vergl. 21. Dezember), ursprünglich zur „Kraftgewinnung" be- 
stinmite Honigkultspeise (Kraftzelteln). Erhardsbrunen sind nicht selten 
in bayerischen Landen. 

"20. St. Sebastian, der unter Kaiser Diocletian durch Pfeile getötete 
römische Heilige wurde zum Pestpatron an Stelle des Pfeile tragenden 
Apollo. (Sebastians Pestpfeile, vergoldet, versilbert, zinnern, verkauften 
die Jesuiten zu München 1630.) Am St. Sebastianstage wurden 1520 in 
Regensburg „8 Köpf" (kopfartige Trinkgeschirre) neuer Prankenwein, 
„ab St Sebastians Pfeyl" getrunken. St. Sebastians Hirnschale in Ebers- 
berg wurde mit den Sebastianspestpfeilen berührt: 

„Die solche Pfeile tragen, — Nichts nach der Pest fragen" (1707). 

Prozession zu St. Sebastians- (Pest-) Kapellen; freiwilliger Fasttag mancher 
Dorfgemeinde „bis die Sterne eingehen". St. Sebastians Minnetrunk aus 
der (angeblichen) Hirnschale dieses Heiligen. Am Sebastianstage geht 
der Saft in die Bäume. 

St. Sebastian ist der volksübliche Schützen- und Jäger-Patron wegen 
des Pfeiles. 

St. Fabian ist einer der sogen. „Plag-Heiligen." Fabians Plag- 
Hunger. 



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294 Hoefler: 

Febraar. 

2. Mariae Lichtmess. Anna Maria oder Anua-Mirl, Patronin der 
Schwangeren. 

3. St. Blas ins. Die Halskranken und solche, die sich vor dem 
Halsweh sichern wollen, werden „eingeblaselt", d. h. kreuzweise werden 
vor das Gesicht und Kinn brennende Kerzen, das „Blasilicht" vom 
Geistlichen gehalten (man legt auch gegen Halsweh Kerzentalg auf den 
Hals). Das Gebet dabei ist gegen infirmitates gulae, guttnris et uvulae 
et aliorum membrorum suorum. Es gab auch „Blasibrunnen** und 
„Blasiwasser", sowie „Blasiwein", die als heilsam galten. 

5. St. Agatha, Patronin für Feuersbrunst. Agathazelteln für Husten; 
Agathabrod. 

9. St. Apollonia. mit der Zange. Patronin der Zahnleidenden. 
ApoUonienwurz (auch Teufelswurz genannt) Aconitum Napellus. ApoUo- 
nienkraut, das um St. Johannis gesammelt werden soll. 

26. St. Castulus, der Patron gegen Wildfeuer (Blitz und Rotlauf). 
Er ist der von den Schimmeldieben angerufene Heilige: 

„0, heiliger St. Kastulus, du kreuzbraver Mann, 

Beschütz' uns're Häuser, züud' andre dafür an." — 

„Heiliger St. Kastulus und unsre liebe Frau! 

Du wirst uns schon noch kennen, wir sind von der Hollertau. 

Sollten unserer neun sein und sind nur unser drei. 

Sechs sind beim Schimmelstehlen; Maria steh' uns bei!" — 

Um diese Zeit ist auch der Funkensonntag (Dom. Quadrages.) 
mit den Höhenfeuern, kalten Milchspeisen, Mehltrunk u. s. w. 

M&rz. 

6. St. Fridolin, der fromme Bauersmann, ein Wetterpatron. 

12. St. Gregor. In den Schulen war früher das Virgatum „Gregory" 
gebräuchlich, das Austreiben mit der frischen grünen Lebensrute. Schmeller, 
Bayr. Wörterb. I*, S. 993. 

15. St. Christoph (Christophorus) Pestpatron. Überlebensgrosse 
Christophbilder wurden an Kirchen- und Häusermauem zu Pestzeiten an- 
gemalt, denn wer St. Christoph erblickte, war an diesem Tage vor dem 
jähen Tode gesichert; darum malte man ihn Allen sichtbar in Riesengrösse. 
Das Christophskraut (Actaea spicata) war vermutlich ein Pestmittel. 
St. Christophskirchen stehen meist an mittelalterlichen, viel besuchten 
Verkehrswegen und deuten oft auf ein in ihrer Nähe bestandenes Pest- 
oder Siechen-Haus. 

17. St. Gertraud, die erste Gärtnerin, die Herbergspatronin, bei der 
die Toten die erste Nacht schlafen, deren Kapellen meist vor den Stadt- 
thoren in der Nähe von Spitälern sich befanden; ihr trank man früher die 



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Die Kalender-Heiligen als Krankheits-Patrone beim bayerischen Volk. 295 

Gertraudsminne. Die besten Eier werden in der Gertraudsnacht gelegt. 
Bienenkörbe werden aufgestellt, und „die Wärme geht von der Erde auf." 
— Gertraudskräuter zu den Mechthildskränzen verwandt und ins Sunn- 
wendfeuer geworfen, Panzer, Bayr. Sagen und Bräuche I, S. 212. 

18. St Joseph. Josephlilien (u. A. Lilium bulbiferum L.) und 
deren Öl, namentlich der am St. Johannestag eingesammelten Lilien, die 
an manchen Orten auch Donnerblumen, Donnerrosen, Peuerlilien, Rotlilieh 
heissen, werdeii gegen Rotlauf (Erysipelas) und Hautverbrennungen u. s. w. 
gebraucht. Das Josephikraut (Satureja hortensis, Bohnenkraut) ist ein 
blosses Küchengewächs, das wie das Lilienöl aus Klöstern ins Volk kam 
(Josephistaberl-Lilie). 

19. St. Benedikt. Die Benediktenwurz (Geum montanum L.)'und 
Benediktenkraut (Geum reptans L.), (an anderen Orten auch Blutwurz, 
Petersbart genannt), vermutlich eirle von den Klosterapothekem so be- 
nannte Kultpflanze, die mit der Frühlingsnachtgleiche einen Zusammenhang 
hatte; deren volksmedizinische Verwendung konnte aber Verfasser nicht 
in Erfahrung bringen, obwohl sie sehr wahrscheinlich ist. Benedictus- 
Münzen, Schutzmittel gegen Zauberei und Krankheit. 

April. 

1. Judas der Erzschelm. Judasfeuer am Osterabende; Judasohf 
(Fungus sambuci, Ruricularia sambucina) gegen „werkelnde" Augen ge*- 
braucht. 

5. St. Vincenz. Guter Heiraths-Tag (vincere); Patron der Salinen- 
Hokknechte. 

15. St. Anastasia. Die Anastasiahäuberln wurden den Kopfweh- 
kranken aufgelegt. 

24. St. Georg, der drachentötende Jörg, Irg, Irgl. Nach ihni sind 
einzelne volksübliche Gesundbrunnen benannt; auch viele Berge und her- 
vorragende Felsenspitzen tragen den Namen Georgstein. St. Georg ist 
auch Wetterherr und Viehpatron (Felderumgänge und Schauerprozessiionen 
zn St Georgskapellen); Gefangene verlobten sich zu ihm. Georgisegen 
für Pferde; Georgiritt; Georgi-Laibbrode wurden gebacken und geschenkt; 
kurzum Hauptcharakteristiken des Wodankultus haben sich hier wie bei 
St. Michael, St. Oswald, St. Leonhard und St. Martin u. s. w. erhalten. 
Der Billwitzschneider oder Wegelesschneider, der die Ähren mit seiner Sichel 
(an den Füssen angebunden) strichweise abschneidet und auf einem Bocke 
reitet, geht an diesem Tage um und macht den Bockschnitt. In diese Zeit 
fällt auch der sogen. Bocksonntag, an dem die Rossdiebe und die ge- 
fürchteten „alten Landrichter" zur Beichte gehen; letztere „gehen oft da 
um", wo Wodans Erinnerungen haften, kopflose Schimmel z. B. Am St. 
Georgstage sägen die Hirten den Kühen die Hornspitzen ab (Rest eines 
Tieropfers). 



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296 Hoefler: 

25. St. Marcus. Regenbittgang. Marc! pän(i8) Eultbrod. 

30. St. Catharina Ton Siena (am 25. Nov. wird die eigentliche hl. 
Katharina von Alexandrien, Catharina V. et. M. gefeiert.) Da das Ka- 
threinblümerl (Primula farinosa) eine Prühlingspflanze ist, so dürfte sie 
mit der auf den Kathreintag zusammen fallenden Walpurgisnacht in 
Zusammenhang stellen, ebenso vielleicht auch das Kathreinöl (Oleum ar- 
nicae aeth.?). 

St. Walpurgis ist auch Pestpatronin. Die Walpurgisnacht ist die 
Trudennacht und der heidnische Hexensabbath. Jungfer Eathl - menstruatio. 
Das Gürtelkraut, mit dem die Weiber ehemals ihre Gürtel füllten, ist eine 
Maienfestblume (Artemisia abrotanum = Schmecker). Das Walpurgiskraut 
(Botrychium Lunaria, Mondrauten, Peterschüssel) ist ein Abortivmittel und 
ein Mittel der Senner für Milchabscheidung. 

St. Quirinus (Kirein) fällt ebenfalls auf diesen Tag (30. April). Das 
Quirinusöl (schon nach Apian ein petroleum praestantissimum tegurinum; 
es entstammt in Wirklichkeit einer Asphalt- (i. e. Petroleum-) Quelle am 
Tegernsee) dürfte a) mit dem Kathreinöl (Oleum petrae album s. rubrum, 
Erdöl) identisch sein, ebenso b) mit dem Tyrschenöl, das durch die 
Tyrscheler (Steinölträger) hausiert wurde und das Ichthyol der neueren 
Therapie liefert (bei Seefeld) sowie c) mit dem Walpurgisöl. Uralter 
Glaube kam somit in neuester Zeit zur Geltung. Es ist auffällig, dass 
Katharina, Quirin, Walpurgis-Nacht auf diesen Tag fallen vor dem 1. Mai 
und alle drei mit dem Erdöl in Verbindung stehen; dieses letztere muss 
schon in sehr alter Zeit für wirksam gegolten haben. 

Mai. 

^ 1. Philipp und Jakob. Walpurgis. Maien-Milch und Bretzen für 
die Kranken; Maienschmalz, Maien-Anken; Maibäder aus Regenwasser 
und Thau; Maikuren; Maitanz; Maibaum setzen (Maien stecken); Mai- 
büschel. 

4. St. Florian, der Patron der Feuerarbeiter, oft auf Häusemiauem 
als Schutz gegen Brand angemalt, oft in Gesellschaft von St ürban 
(25. Mai). 

16. St. Johannes Nepomuk, Patron der Flösser und Schiffer. 

25. St. Urban, Patron der Schäffler und Winzer. Er gehört zu den 
sogenannten Marterheiligen, die martern und plagen; dieser plagt mit Po- 
dagra = „Urbansplag." Früher (17. Jahrh.) Urbanreiten mit dem sogen. 
Gamsurbel (Possenreisser). Vergl. Panzer, Bayr. Sagen und Bräuche II, 
S. 43 ff. Schmeller, Bayr. Wörterb. 2, S. 138. 

Juni. 

8. St. Medardus. Regen- und Wetterpatron, dessen Bildnis oft auf 
Bauernhäusern zu finden ist. 

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Die Kalender-Heiligen als Krankheits-Patrone beim bayerischen Volk. 297 

13. Anton von Padua. Ehepatron, Patron der Verliebten, Helfer 
bei Verlusten. Antonio del porco. Das Schwein wurde früher in Klöstern 
des Ordens St. Prancisei gepflegt und durch die Stadt gejagt. Die „Antoni- 
glocke" (Sauglocke), die das Schwein St. Antonii aus dem Boden auf- 
gewühlt haben soll. St. Antonius plagt und martert mit Ignis sacer, 
Herpeszoster = „Antoniplag**, „Antonirache", „Antonifeuer". Ob nicht 
etwa eine Geschlechtskrankheit darunter gemeint ist? (Vergl. St. Monus- 
Krankheit, 12. Juli.) „St. Antonibrunst" wurde von Fuchs (^das heilige 
Feuer im Mittelalter") als Ergotismus gedeutet. Im Feld- Arzneibuch von 
Gersdorf (1617) betet ein Mann, dessen rechter Fuss abgefallen und dessen 
Hand angeschwollen und verunstaltet ist: 

„0 heiliger Antoni gross, 
Erwirb' uns Gnad' ohn' Unterloss. 
Ablass der Sünden, Gottes Huld und Gunst, 
Behuf uns vor deiner schweren Brunst." 

Ein anderer, dessen Bein amputiert ist: 

„Arm, Bein' abschneiden hat sein Kunst, 
Vertrieben St. Antoni Brunst. 
Gehört auch nicht einem Jeden zu. 
Er schick sich dann, wie ich ihm thu." 

15. St. Vitus (Veit). (Veitl kann auch im Dialekte Vaitl, Valtl, 
Valentin [7. Jan.] sein). St. Vitus war ein grosser Exorzist, der zuletzt 
in Öl gesotten wurde. St Veitsfeuer (Ignis sacer St. Viti) hiess und heisst 
auch das Sonnenwendfeuer (vgl. 24. Juni). Am St. Veitstage ist Freiheit 
für allen bösen Zauber, besonders für den Bilwitzschneider. Am St. Veits- 
tage opferte man Hühner (St. Veit wird auch mit einem Hahn abgebildet) 
für das Vergicht der Kinder (Eclampsia infani), eiserne Kröten für die 
Eclampsia parturientium und sonstige Gaben für die Chorea St. Viti (Veits- 
tanz). Man sieht demnach, dass ValtFs (Vaitl), Valentins Patronat mit dem 
St. Viti (Veits) identisch ist und St. Valentin durch falsche Volksetymologie 
zu seinem Patronate bei Epilepsie kam. Am St. Veitstage sind auch die 
Kröten (Protzen), die durch „Selbstabsterben" getötet werden, zum Zwecke 
eines Amulettes einzusammeln; das wilde Heer geht an diesem Tage um 
unter dem Namen der „wilden Almerer". St. Veitsbohne. Veitpfennige: 
am St. Veitstage geopferte Pfennige (als Vertreter eines lebenden Opfers). 

21. St. Albanus, Patron für Ungewitter, Kopf- und Halsschmerzen, 
Leibschaden, Harn und Gries, Epilepsie. 

24. St. Johannes, der „Geburtstag" Johannes des Täufers (Feier seiner 
Enthauptung), des „rauhen" Johannes (S. Johannestag zen Sunnewenden, 
Sunnwenden, Summerwend). In der Nacht vor Sommerjohannis (Sunn- 
wendabend) sind die Heilkräuter einzutragen: die Lilienwurz für das Lilienöl 



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298 Hoefler: 

ist zu stechen; die Schlüsselblume, die am Johannistage (noch) w&chst, 
giebt die Schlüssel zum verborgenen Goldschatz ab; Kohlen werden zu 
Gold. Die Heilkräuter sind besonders heilkräftig, z. B. Hyperricum per- 
foratum oder Johanniskraut, die Kreuzwurz (Gent, cruciata), der Gürtler 
oder das Sonnenwendgürtelkraut (Artemisia abrotanum, Eberraut, Stab- 
wurz; Tanacetura Balsamita, Prauenblatt, Artemisia vulgaris s. nitida, 
Rauten) dies sind die zum Füllen des Prauengürtels früher verwendeten, 
wohlriechenden Kräuter („Schmecker"). Der Gürtler wird heute noch inB 
Sonnenwendfeuer geworfen (als Rest eines Jungfrauschaftsopfers früherer 
Zeiten?). Gürtelkrautwasser verzehrt das Rotz in dem Magen oder in dem 
Gedärme, aus dem der Schleim wächst. Das aus dem Johanniskraut (Hyp. 
perf.) mit kochendem Öle gewonnene rote Öl heisst Johannisblut. Die 
Johanneswurz (Aronicum glaciale in Österreich, AUium victoriale im Salz- 
burgischen; AUermannshamisch, Sieg- [Kraft-] Würz), deren Wurzelknollen 
man aufgeschabt in blutende Wunden legt. Die Johannesbeeren (Baccae 
s. fructus Ribis rubri); St. Johannesblüh, Linaria alpina im Pinzgau; Jo- 
hannesbrot (die Prucht der Makrube, Ceratonia siliqua dulcis, Himmelsbrot); 
Johanneskäferl (Coccinella septempunctata); Johanneswürmchen, Johaunes- 
kühlein (Lampyris). Das Johanneswasser (von Weihbrunnen und Johannes- 
brunnen) gilt ebenfalls als Heilmittel. Wein am St. Johannis, des Täufers, 
Tag ist nicht gebräuchlich, dagegen am St. Johannistag des Evangelisten 
zu Weihnachten. St. Johannesküchel, HoUerküchol, im Teige am Baume 
gebackene HoUerblüh. Johannesfreitauz. Pfingstmaien (Birken) wurden 
vor den Methsiederhäusem aufgestellt. Der Bilmees, Bilwitzschneider reitet 
auf dem Bocke um. Peuersprung durchs Sonnenwendfeuer vertreibt Kreuz- 
weh (den Plauen und Mädchen). 

25. St. Eberhard. Viehpatron, dessen Grabes-Erde gegen Yieh- 
seuchen schützt. 

26. St. Johannes und Paul, aller Wetterherren-Tag. 

27. St. Peter, der bärtige Mann, der Wolfspatron, dem viele Peters- 
brunnen geweiht sind, an dessen Tag oder am Montage darauf die 
Würmer ins Wasser gehen. Viele Berge heissen Petersberge; Peters- 
feuer auf denselben. Viele gefiederte, haarige Blumen und Blumen- 
samen tragen St. Peters Namen, z. B. Geum montanum; Anemone alpina, 
Anemone vemalis : Petersbart. Die weissen Larven von Rhodites rosae L. 
wohnen in den zottigen haarigen Auswüchsen der wilden Rosen (Rosa 
canina alba); letztere heissen Petersbart, vulgo: Schlaf- oder Schlaf kienzl 
(Kienzl = Knebelbart). Sie werden als Schlafputzer unters Kopfkissen gelegt 
und sollen ein Mittel gegen Unfruchtbarkeit und ein Abortivum sein. 
Die schon erwähnte Mondraute (Botrychium Lunaria L.) heisst Peters- 
schlüssel und ist ebenfalls ein Abortivum. Primula Auricula, Peters- 
stamm, galt als Blutreinigungsmittel (heisst darum auch Sanikel, wie 
manche andere Blume); Primula hirsuta ist der eigentliche Petersstamm, 



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Die Kalender-Heiligen als Krankheits-Patrone beim bayerischen Volk. 299 

weil rauchhaarig. Peterskrant heisst auch das gemeine Mutterkraut (Ma- 
tricaria s. Pyrethrum (Bertram oder Geiferwurz). Perchtram ist gut fürs 
Rotz; es schwindet dasselbe und ist gut für anderes Siechtum des Mundes 
und der Kehle (12. Jahrh.); heute nur mehr als Kaumittel (Wurzel) bei 
Zahnschmerz gebräuchlich. Mit dem PetersschlOssel wurden Bisswunden 
gebrannt. 

JuU. 

4. St. Ulrich, Patron gegen Epilepsie und gegen die Ratten, der 
mit Prozessionen und Kapellenumritten gegen Mäusefrass und Ungeziefer 
und bei Wassermangel angerufen wurde. „St. Ulrichs Segen — Gibt Regen." 
Ulrichsminne; die Ulrichsbrunnen (Irchbrunnen, Urchbrunnen), die selbst 
in den heissesten Sommern nicht versiegen, gelten häufig als Heil- 
brunnen. Ulrichsäcker und Ulrichsfelder sind bevorzugte Felder. Den 
hl. Ulrich anrufen = erbrechen, von schwerer Beängstigung sich befreien 
wollen (Onomatopoietisch?). Mit dem Ulrichs-Schlüssel wurden die Biss- 
wunden toller Hunde ausgebrannt. 

5. St. Wendelin, der Viehpatron, dessen Bild auf Wetterfähnlein 
oder in der Nähe der Viehstallungen angemalt wird. 

7. St. Willibald. Brunnen sind öfters nach ihm benannt. Pferde- 
rennen und Umritte um Willibaldkapellen finden statt. Pferdefleisch und 
Würste wurden dabei gegessen. 

8w St. Kilian. Berge tragen seinen Namen. 

12. St. Monus oder Mannus, ein Irländer, mit der Sauglocke (nach 
der Legende soll sein Schwein eine bronzene Glocke im Erdboden auf- 
gewühlt haben) spielt dieselbe Rolle wie der Abbas Antonio del porco, 
der (wie Freyr mit dem Eber) auch ein Ehepatron war, St. Monuskrank- 
heit, Syphilis, bei der aber der hl. Leonhard als besonderer Patron galt. 

15. St. Heinrich. Pelderumgang. Wallfahrtstag gegen Schauer- 
schlag. Der gute Heinrich (Chenopodium bonus Henricus) ist ein häufiges 
Senner-Mittel. 

20. St. Wilgefortis (Weiberliendl) - hl. Kummerniss mit dem blin- 
den Geigerlein; Patronin der Augenkranken und Ehepatronin. Kummernissl 
Silene pumilis, auch Saupeterstamm genannt). Über die hl. Kummemuss 
8. Bergmann in den Mitteilungen der k. k. Centralkommission. Wien 1856, 
S. 132 ff. W. Menzel, Christi. Symbolik I, S. 535 ff. Panzer, Bayr. 
Sagen H, S. 421 ff. 

St. Magaretha, die vom Drachen befreite Jungfrau, nach der die 
ganze Woche benannt ist, „Margaretenwoche**. Gretel hinter der Stauden 
(Nigella damascena) heisst der schwarze, wilde (Alpen-) Kümmel (aucli 
Teufel im Besehen); die rässe Gretel, scharf schmeckender Kümmel wie 
das Rässnagerl (Gewürznelke). 

St. Arnold, der Patron der Zithermacher. 



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300 Hoefler: 

22. St. Magdalena, die weinende Büsserin. Die thränenden Augen 
sollen an diesem Tage an Heilbrunnen (Magdalenenquellen u. A.) mit dem 
Goldfinger gewaschen werden. Wallfahrt der von der Ertrinkungsgefahr 
Befreiten zu alten Kultorten. Magdalenenbilder werden unters Dach ge- 
stellt gegen Unwetter. 

25. St. Jacob. Wetterherr; Patron gegen alle Flüsse; Jakobs- 
brunnen sind Heilbrunnen; Jakobsbeeren (Vaccinium Myrtillus) helfen 
gegen Flüsse (Darmkatarrh). Jakobsstrasse (Milchstrasse) galaxia; Jakobs- 
stab, „darin ein Schwert verborgen", himmlische Wehr. Jakobsfedem, Stroh, 
das um Jacobi geschnitten wird; Jakobsbimen, die um Jakobi reifen; Jakobs- 
kraut (Senecio jacobaea) ist ein Kranzlkraut. Jakobson = Milchmessen auf 
der Alm zu St. Jacobi. Jackl (grosser Schmiedhammer): Den Jackel 
schützen: eine wie ein Schmied angezogene Puppe schützen (d. i. prellen); 
auch Liendlschutzen, durch die Schmied- und Hammerleute geübt Jackl 
in: Pfingstjackel, Fastnachtjackel, Schmierjackel. Auch der Bilwitzscheider 
geht um an diesem Tage. 

St. Anna Maria, Mariandl, Patronin der Schwangeren. Annabrünnl 
sind sehr häufig und weitverehrt. 

31. St. Ignatius, Stifter und Hauptheiliger der Jesuiten. Ignatz- 
bohnen (Igasus); Samen von Steychnos Ignatii, Ignatia amara, Heilmittel 
gegen Epilepsie; Ignatziwasser, Heilmittel; Ignatzihäuberln wurden Kopf- 
kranken aufgesetzt durch die Franziskaner. „Heiss, Natzi!" ruft der 
gemeine Mann, wenn er sich verbrannt hat. 

August. 

5. St. Oswald, einer der 14 Nothelfer (Cod. german. monac 719 f. 
55 b), mit Zügen, die an Wodan erinnern. Viehpatron, dessen Kapellen- 
orte auf Höhen liegen. Die Alpenrosen heissen Oswaldstauden. Oswald, 
der Herr der Schnitter und Mahder, erhält die Oswaldgarbe.' Oswald- 
brunnen galten als heilsam. 

Auf den gleichen Tag fällt Maria Schnee (Maria ad nives), die vor 
Wassersnot bewahrt. 

10. St. Laurentius, Lorenz, Lenz; Lorenzikohlen bewahren vor 
Peuersbrunst. Herbsteinläuten. 

16. St. Rochus mit der kranken Ferse, Pestpatron; Rochuskapellen; 
Rochusspitäler; Rochusbecher aus Steinbockhom, das besonders stärkend 
sein soll. 

24. St. Bartholomäus. In der Nacht vorher gehen Reiter um. 
Barthlkapellen mit Schimmelsegen. Häufiger Jahrmarktstag. Ende der 
Almenankehrzeit. Bartlbrunnen sind öfters Heilquellen nach dem Volksr 
glauben. 

28. St. Augustinus, der Patron der Augenkranken (aus falscher 
Yolksetymologie). 



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Die Kalender-Heiligen als Krankh^its-Patrone beim bayerischen Volk. 301 

September. 

1. St. Aegidius (Egidi, Gidi; Gigl, Gilg). Der Bilwitzschneider 
reitet auf dem Bock; Schneider (Bock!) und Schleifer (Scheere!) haben 
ihren Jahrtag. Bocktanz. Keferloher Markt. „Der Gidi** ist an allem 
schnld (in der Volkssprache), d. h. ein unbesonnener, übereilter Mensch 
wird „Gidi" gescholten. „Den Gidi bekommen" verwirrt werden. 

6. St. Magnus (Mang), der Drachenbesieger, Mäu^evertilger. Magnus- 
stab wurde durch die Felder getragen gegen Schaden von Ungeziefer. 

16. St. Wilpet, Pestpatronin. — (Die drei Jungfrauen S. Einbet, 
S. Warbet, S. Wilbet, die zum Gefolge der hl. Ursula gehört haben sollen, 
werden östlich vom Rhein bis Tirol [Meransen] verehrt, in Niederbaiern 
in Schildthurn. Sie halfen Unfruchtbaren zu Kindersegen und standen 
Gebärerinnen bei. W.) 

27. St. Cosmas und Damian. Die Ärzte, Zwillingsbrüder (Castor 
und Pollux) und Pestpatrone; in den romanischen Ländern, wo die ärzt- 
liche Eimst schon sehr früh anerkannt wurde, werden dieselben mehr ver- 
ehrt. Heilige Ärzte sind sehr selten; Heilige, die nebenbei arzteten, fast 
unzählig. 

28. St. Eberhard. Vieh- und Pestpatron. Von seiner Grabeserde 
wird dem Viehfutter beigemischt. (Er ist ein einheimischer Heiliger, ein 
Dorfhirte aus Tintenhausen bei Freising.) 

29. St. Michael, sacer Mars Christianorum. Michelbrote (Wecken), 
Kuchelmichel (Kultbrote). Der Michaeliwind hat das Vorrecht im ganzen 
Jahr. Eröffnung der Wiesen zur Heimweide. Huhnopfer. Michelkraut 
und Michelblumen. Gebirgsschützenaufzüge zu Michaelis. St. Michaels- 
kapellen erhoben sich meist über heidnischen Kultorten. 

Oktober. 

13. St. Colomann, der einfache Pilger, der Patron für viele Wall- 
fahrtskapellen geworden ist, die beim Volke seit alter Zeit in grosser Ver- 
ehrung standen. Solche Kolomannskapellen sind erst spät oder gar nicht 
kirchlich geweiht worden; sie stehen meist auf Höhen, „Betbergen", haben 
meist gute Wetterglocken und heilkräftige Brunnenquellen. Kolomann ist 
Pestpatron. Der Kolomannssegen wird über das Vieh gesprochen. Es 
gibt eigene Kolomannssonntage. Einnehmetag (zum Brechen und Abführen) 
als günstiger Tag für die Gesundheit. — Uralte Kultorte, wohin das Volk 
aus Tradition wallfahrtete, wurden vermutlich in solche Kolomannskapellen 
umgewandelt. Schwimmende, heilige Holzbilder, die beseitigt wurden, 
kehrten immer wieder zurück zu solchen Kapellen. Mädchen, die einen 
Mann wünschen, beten: 

^jHeiliger Sankt Kolomann! 

schenk' mir auch ein' Mann, 

Aber nur kein' Roten I"" 



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302 Hoefler: 

Bei Eolomannskapellen hört maii die Gehenkten schreien. 

(Neben St. Leonhard ist dieser Heilige, dessen Legende dem Volke 
am wenigsten bekannt sein dürfte, der in verschiedenster und ausgedehn- 
tester Weise verehrte männliche Heilige.) 

16. St. Gallus, der Speisespender. Gallistift, Zinstag. 

18. St. Lucas; Lukaszelten für Husten. 

20. St. Wendelin, Patron bei Viehkrankheiten, dessen Bild auf 
Wetterfahnen oder in Viehstallungen anzutreffen ist. 

24. St. Raphael, der Arztengel und Pestpatron. 

18. St. Simon und St. Judas, Unglückstag; Wallfahrtstag. Wolfs- 
segen: 

„Heiliger Herr St. Simeon! — Mein Vieh soll das Jahr zu Holz und 
zu Feld gohn, — Zu Weid' und zu Wasser, — Wie ihm's der lebendige 
Gott hat geschaffen; — Nimm den Himmelsschlüssel — Und verschleuss' 
allen Wölfen und Wölfinnen ihren Drüssel, — Dass es (das Vieh) gehe 
als tierlos — Und als dieblos — Und als Übels los, — Als unser lieber 
Herr unter dem hl. Kreuz war genosslos, — Und als unser Frau Sancta 
Maria ist mannlos in Gottes Namen. Amen. (Wolfssegen aus Augsburg.) 

30. St. Nothburga, die hl. Bauemmagd aus Tirol, Patronin für 
Hausmägde und Kindsmenscher. Die Grabes-Erde- der Heiligen mit Wasser 
angerührt, ist heilsam. 

31. St. Wolfgang, der Wolfspatron; Wolfgangssegen über Hornvieh 
und Ross. Der Helfer gegen das Bauchgrimmen. In St. Wolfgaugs- 
kapellen kriecht man durch Erd- oder Steinlöcher zur Befreiung von 
Kreuzweh. Wolfgangsbrunnen werden als heilkräftig angesehen. Wolf- 
gangsrübeln (Cyclamen europaeum, auch Saubrot, Dorrübeln, Haselwurz 
genannt); Wolfswurz, Aconitum Napellus. Wölfel-Zahnbeule. Wolf, der 
beissende Intertrigoschmerz. 

Wenn der Bauer sein Vieh auf die Alm trieb, so sprach er den Wolfs- 
segen darüber. Ein solcher aus dem 15. Jahrhundert lautet: „Ich keib' 
heut aus — In unser lieben Frauenhaus, — In Abrahams Garten. — Der 
liebe Herr St. Märten, — Der soll heut meines Viehes pflegen und warten. 
— Und der liebe Herr St. Wolfgang, — Der liebe Herr St. Peter, der 
hat den himmlischen Schlüssel, — Die versperren dem Wolf und der Vohin 
(Füchsin) ihre Drüssel, — Dass sie weder Blut lassen noch Bein schroten, 
des helfe mir der Mann, — Der nie kein Übel hat getan, — Und die 
heiligen fünf Wunden — Behüten mein Vieh vor allen Holzhunden. 
V. pater noster et V. ave Maria. (J. Grimm, Deutsche Mythologie, 
S. 1189 f., 2. Ausg.) 

November. 

6. St. Leonhard („Mannaliendl" im Gegensatz zum Weiberliendl = 
hl. Kummemiss), Patron der Hammerleute; Erlöser der Gefangenen, Helfer 



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Die KaleBder-Heiligen als Erankheits-Patrone beim bayerischen Volk. 303 

der KinderwüDBchenden Weiber, der entbindenden Frauen und in vielen 
Krankheiten, auch in Feuersgefahr; seit einigen Jahrhunderten erst Patron 
über Viehkrankheiten. Seine Kapellen, gewöhnlieh in Wäldern und auf 
Anhöhen, sind von Ketten umspannt (Leonhardsketten). Der Leonhardsnagel 
wurde gehoben und geküsst. Dreimaliger Kapellenumritt von Männern 
und Weibern im frühen Morgengrauen; Opferung eiserner kunstloser Tier- 
bilder und Hufeisen; Peitschenknallen; Würdingerlupfen (vergl. Panzer, 
Bayr. Sagen II, S. 33, 391); Mannaliedlschutzen und küssen (Jackelschutzen 
auf Pfingsten). Brot und Salz wird gesegnet. Der wichtigste Heilige für 
das oberbayr. Landvolk; sein Tag war früher, als das ganze Volk noch 
Vieh- und Landwirtschaft betrieb, der Hauptfeststag nächst Ostern, Weih- • 
nachten und Pfingsten; das Volk rechnet nach den Dedicationstagen der 
Leonhardskirchen (in Lenherts Tagen =» im Juli). Patron gegen Feuers- 
gefahr; Wind- und Wetterherr, vergl. Schmeller, Bayr. Wörterbuch I, 
1481; Panzer, Bayrische Sagen und Bräuche H, S. 24—39; 390 bis 402. 

11. St. Martin, der Schimmelreiter und Soldat mit dem blauen 
Mantel. An diesem Tage opferten die Kinderbegehrenden Weiber schwarze 
(alte) Pfennige (Stellvertretung einer eisernen Votivgabe). Martinsbrunneu 
gelten als heilkräftig. Martinsgerte (Juniperus communis); Martel (Jimcus 
campestris). Wolfspatron; Schweinchenstallsegen; Gänseopfer; Gänsebraten 
(Martinigans); St. Martin loben (schmausen); Martinskrapfen (krallenförmiges 
Gebäck); Martinsschnitten (Kultbrode); Bockhörndlbrode (Kultspeise); 
Hühneropfer; Martinshaber (Schimmel); Schimmelkapellen sind meist Mar- 
tinskapellen mit Schimmelsagen. Martinsritte. Wallfahrt der Hirten zu 
St. Leonhardskapellen; Freitafel der Hirten. Martinsminne am St. Mar- 
teinsabend (Wodan). „Schoen' und Staerke trinken.*' 

17. St. Florianus, Patron gegen Feuersgefahr. 

„Heiliger Sanct Florian, 
Schütz' unser Haus, zünd' andre an." 

Sein Bild kommt unter das Dach des Bauernhauses oder an die Haus- 
mauern. 

19. St. Elisabeth. Elsbeth-Kapellen im Walde. 

22. St. Caecilia, die Patronin der Geigenmacher. 

25. St. Catharina (von Alexandrien) mit dem Rade; an diesem Tage 
darf kein Rad gehen (Mühlrad, Spinnrad, Schleifrad). „Kathrein stellt den 
Tanz ein**, weil dieser Tag der letzte Tanztag vor den Adventen war. Meth- 
tag, die Burschen führen ihre Mädchen zum Meth. „Habtag", an dem 
sich die Geliebten „haben". 

„Heut is Kathrein, — Hat ein Jeder die sein'. 
Wer s net hat, — Der mag's net." 

Schweinskopfgeld für die Siechen in den früheren Spitälern. 

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304 Hoefler: 

30. St. Andreas, der Gichtpatron. „Wer am Andreastage stirbt, 
kommt vom Mund auf in den Himmel." (Über das Sterben in Oberbayem 
8. Urquell 1891 Nr. 2). In der Andreasnacht träumt man von der zu- 
künftigen Frau. Die Andreasnaeht ist die erste Klöpflesnacht, Glöekler- 
abend; mit dem Hammer anklopfen an die Thüre der (Geliebten). 
„Andreasschnee** thut den Kömern und Früchten weh (Fruchtbarkeitstag); 
vgl. den folgenden Tag. 

Dezember. 

1. St. Eligius (Gilg), der Patron der Hammerleute (Schmiede); 
Kinder begehrende Frauen opferten Gilgenkreuzer (Stellvertretung einor 
eisernen Votivgabe). 

4. St. Barbara. Patronin der Bergknappen und der Artilleristen. 
Sie wird in der Todesstunde angerufen. Ein Kirschzweig (Barbarazweig) 
an diesem Tage abgeschnitten und ins .Wasser gestellt, blüht in den Weih- 
nächten. Barbarawurzel (Allium victoriale, Siegwurz, Kraftwurz) verleiht 
Unverletzbarkeit (Aller mannshamisch). 

6. St. Nikolaus, der Kinder liebende Bischof (Sannaklos, Niklo, 
Nikolö, Klaubauf mit der Rute) ; Patron der SchiflFer und in Wassergefahren. 
Lebkuchen in Gestalt von Bischof, Männlein, Hirfech, Hase (zwei Fruchtbar- 
keitssymbole), Reitern und Spinnerinnen. Der St. Nikolaus geht besonders 
in Flachsstuben um. Nikolöbimen; Klötzen-(Birn-)brot (Kultspeise); Niko- 
lausumritte, Bergfeuer (Vorfeier der germanischen Wintersonnenwende); 
Schweinskopfessen; Schweinnikel, Saunikel. Frauenthalergeschenke in den 
Klöstern. PapierschifFchenspiel (SchöflFerln). St. Nikolaus hat im Bilde 
drei Kinder in der Wanne und drei goldene Äpfel in der Hand (der Apfel 
hat Bezug zur männlichen Fruchtbarkeit; Äpfel essen mögen (wie Adam) = 
nicht impotent sein). 

„Heiliger St. Nikolas! — In meiner Not mich nit verlass. — Kommt 
heint zu mir und legt mir ein — In mein kleines SchifFelein, — Damit 
ich Euer gedenken kann, — Dass Ihr seid ein braver Mann". (Aus 
Tegernsee, 15.— 16. Jahrh. Schmeller, Bayr. Wörterb. I, 1722.) 

12. St. Lucia (die leuchtende) und 

St. Ottilia (Tudl), Patronin der Augenkranken. Dir Bild hat auf 
einem Buche zwei Augen, die sie sich um ihren Vater ausgeweint hat. 
Ottilienkraut [Consolida regalis, Rittersporn, Günsel ^ consol(ida)J Wund- 
kraut. Ottilien brunnen; Haupttrudennacht. 

17. St. Lazarus, von dem die Lazarete ihren Namen haben. 

21. St. Thomas. Thomaszucker (Honigknltspeise), Honiglebzeltelu 
in den Spitälern. Halter- oder Hirtensegen; Thomasschwein. Das wilde 
Gejaid geht in der Thomasnacht um. Rumpelnacht. Heinzelbier für die 
Armen. Pantoffelwerfen, Loesehi (Bleigiessen) mit einem Kreuzschlüssel. 



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Die Kalender-Heiligen als Krankheits-Patrone beim bayerischen Volk. 305 

Mao sieht in der Thomasnacht den Teufel und den Allerliebsten. Mädchen 
sagen an diesem Tage: 

„Strohsack, ich tritt dich, 
Heiliger Thomas! ich bitt dich, 
Lass mir heut Nacht erschein' 
Den Herzallerliebsten mein." 

Auch sprachen die Hausväter verschiedene Segen in der Thomas- 
Nacht. 

26. St. Stephanus (StöflFelstag), Patron für Pferdekrankheiten. Pferde- 
aderlass (im 17. Jahrh. verboten, aber noch geübt). Umritte um Stefans- 
kapellen. StöflFelsgroschen (Vertretung einer eisernen Votivgabe) wurden 
in die StöflFels-Äpfel gesteckt und geopfert. Stöffelsmeth; Pferderennen; 
Schweinskopfessen; Stöffelrausch (d'Letzt). — Stöffels-Körner (semen Sta- 
phidis agriae von Delphinum off., Läusekörner). — Stephans-Kapellen und 
Quellen sind meist uralte Kultorte. 

27. St. Johannes Evangelista. (Winterjohanni. Steffel Nachi). — 
Johannes- Wein, Johannessegen, der an diesem Tage in den Kirchen ge- 
weiht und bei Trauungen vor dem Altar, wie beim von Antritt von Reisen 
getranken ward — und hier und da noch getrunken wird. Eine lateinische 
benedictio vini in die S. Joh. ev. bei Seh melier, Bayr. Wörterbuch I, 1206. 
Vergl. J. Grimm, D. Mythol. 8. 54 f. 2. Ausg. Dazu Nachtrag in der 
4. Ausg. m, 31. 



Den Hintergrund des germanisch-heidnischen Kultus, auf dem die 
aufgeführten Krankheits-Patrone und Volks-Heiligen stehen, bilden: 

1. Alt verehrte Kultorte (Kapellen ohne Weihe). 

2. Deren Lage auf Höhen oder mitten in Wäldern. 

3. Umritte um dieselben und Höhenfeuer. 

4. Benennung nahei* Berge nach solchen Kapellen-Heiligen. 

5. Wallfahrten Kinderbegehrender Weiber oder geschlechtskranker 
Männer zn solchen Kapellen. 

6. Opfer von Pruchtbarkeits-Symbolen oder deren Stellvertretung. 

7. Der am Kultorte haftende Glaube voa der Heilkraft der Grabeserde. 

8. Sagen von Schimmelreitem, wildem Gejaid, Bilwitz-Schueider, von 
lebendig begrabenen Pferden, kopflosen Gespenstern, umgehenden Tyrannen 
oder alten Landrichtern etc., die bei solchen Kultorten bestehen. 

9. Der Glaube an die Heilkraft naher Brunnen-Quellen. 

10. Die Benennung mancher volksmedizinisch gebrauchter Pflanzen nach 
solchen Volks-Heiligen. 

11. Gute Wetterglocken solcher Kapellen. 

12. Wind- und Wetterherrschaft des Heiligen. 

13. Peuer-Patronat. 

Z«itachrift d. Vereins f. Volkskunde. 1891. 20 



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306 Hoefler: 

14. Hirten-Patronat. 

15. Wolfs- und andere alte Segonsprüche, die den Heiligen namentlich 
aufführen (Wund-, Wasser-, Wetter-, Holter-, Wurm-, Buckel-, Haus- 
Segen z. B). 

16. Aufwärtsschwimmende oder von weissen Ochsen gezogene Heiligen- 
bilder, die immer wieder erscheinen am alten Kultorte. 

17. Volksübliche Berechnung der Zeiten nach den Tagen solcher Kult- 
Heiligen. Zusammenfallen altheidnischer Kultzeiten (Naturepochen) mit 
letzteren; Zins-Termine an solchen Tagen. 

18. Kultspeisen (Honig, Fladen, Kuchen, Zelten, Heilmittel etc.) 

19. Schweinskopf-Essen, Schweinswurstessen etc. 

20. Hühner-Opfer, Gänse-Opfer. 

21. Schönheits- und Stärketrunk (Meth) für Frauen bez Männer. 

22. (Früher) Minnetrunk. 

23. Tanzzeiten, Habtag. 

24. Geringe und nur partielle Congruenz der Heiligen-Legende mit 
den üblichen Volks-Gebräuchen. 

25. Verächtlich machende, spöttelnde Nameugebung für den betr. 
Heiligen. 

Aus' den Eindrücken, welche Krankheits- und Sterbefälle, wie alle 
gewaltsamen Natur-Erscheinungen, auf den primitiven Menschen machen, 
sind die ältesten Gottheitsbildungen hervorgegangen; letztere wichen den 
christlichen Heiligen. Mit zunehmender Erkenntnis der Krankheits-Ur- 
sachen bezw. mit der Vermehrung der die Begriffe angebenden Krank- 
heits-Namen erweiterte sich in der Periode des mittelalterlichen Christen- 
tums der Kreis der Krankheits-Patrone, die nach und nach in das Gebiet 
der morbi animalium seu brutorum sich zurückzogen, um auch hier schon 
den rationelleren Ärzten Platz zu machen. — Ein sittlicher Entwicklungs- 
Gang, den auch die Kultopfer durchmachten vom egoistischen Opfer des 
Nächsten-Lebens, vom Kinds-, Sklaven- und Tier-Opfer bis zum Kinds-, 
Manns-, Weibs-, Tier-Bild in Wachs, Eisen oder Silber; vom stellver- 
tretenden Geldopfer bis zur selbstlosesten Entsagung und Aufopferung des 
eigenen Lebens zu Gunsten des Mitmenschen. 



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Volkssegen ans dem Böhmerwald. 307 



Volkssegen aus dem Böhmerwald. 

Von J. J. Ammann in Rrummau. 



IL Besehwörungs- oder Zauberformeln. 

1. Einem „bcschrienen" Kind zu helfen (aus Rüben). 
Wenn ein Kind keine bestimmte Krankheit hat, sondern bloss allgemein un- 
wohl ist und nicht gedeiht, so glaubt man häufig, es sei „beschricn^. Mit einem 
solchen Kinde stelle mian sich nun gegen den Aufgang der Sonne ') und spreche: 

Sei mir willkommen Sonnenschein! — Wo reitest du hergeritten? 

Hilf mir und meinem lieben Kind, — Gott, den himmlischen Vater bitten! 

Hilf mir bitten den hl. Geist, — Dass er wolle geben 

Meinem Kind sein Blut und Fleisch! 

Im Namen Gott des Vaters u. s. w. Amen. 

Vgl. Zs. f. deutsche Myth. IV, 110. R. Gwerb, Vych- u. Leuthbesägnen, 
Zürich 1646. S. 139. 302. Mone, Anz. 1837, 449. 

2. Gegen Biss der Wölfe oder Hunde (aus Lagau). 

Wenn man gegen den Angriff oder Biss von Wölfen oder Hunden gesichert 
sein will, so spreche man beim Verlassen des Hauses: 

Es geschah an einem Feiertag, 

Dass Gott der Herr wollte ausreiten. 

Er reitet wohl über ein weites Feld, 

Er hat weder Säckel noch Geld; 

Er hat nichts als seine fünf Wunden, 

Behüte uns Gott vor Wölfen und Hunden! 

Er beschliesst den Wölfen und Hunden ihre Rüssel 

Und gab sct. Feter den Schlüssel. 

Im Namen u. s. w. 

Vgl. MSD* IV, 3. Zu den Reimen dieser letzten Verse vgl. Meier Helm- 
brecht 1205 und Grimm, Myth. Nachtr. . 1 028 ; ferner den Hirtensegen in Grimm 
Myth. 1037. Anh.XVlII. Schönwerth III, 251. Zs. f. deut. Myth. IV, 122. 

3. Gegen einen Feind (aus Krummau). 

Sprich gegen einen Feind, sowie du ihn siehst, aber noch bevor er dich erblickt 
hat, folgende Worte: 

Ich sehe dich, — Ehe du mich. 

Was du im Willen hast, — Das thu du nicht! 



1) YgL Kuhn, WS. II, 194. Zs. f. Volkskunde von Veckenstedt II, 4, S. 161b. 

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308 Ammann: 

Der Vater mit mir, — Der Sohn mit dir, 
Der hl. Geist mit uns allen beiden, 
Er wolle nun beide iron einander scheiden! 
Im Namen u. s. w. 

Wenn man ein angethanes Leid auf den Beleidiger zurückkehren lassen will, 
so spreche man bloss (aus Salnau): 

Schür' Bartl, schür'! — Heut vierzehn Tag' ist's an dir. 

4. Gegen einen heranschleichenden Feind (aus Rüben). 

Naht sich dir ein unheimlicher Mensch, Mörder oder dergleichen in bedrohlicher 
Weise, so sprich heimlich bei dir folgende Worte: 

Mensch, ich durchschaue dich! — Gottes Allmacht und Kraft ist über dich, 
Dass du mir jetzt und die Zeit meines Lebens — Keinen Schaden zufügen kannst. 
Gott der Vater sei mit dir, — Gott der Sohn sei mit dir, 
Gott der hl. Geist sei mit uns allen, — Dass du dein Herz musst lassen fallen. 
Dies zähle ich dir zur Busse 0- 
Im Namen u. s. w. 

5. Reisesegen (aus Hohenfurt). 

Heut steh' ich auf und neig' mich gegen den Tag, 
In meinem Namen, den ich empfangen hab'. 
. Der erste ist Gott der Vater, 
Der zweite ist Gott der Sohn, 
Und der dritte ist Gott der heilige Geist, '^ 
Der behüte mein Blut und Fleisch, 
Mein Leib und Leben, 

Welches mir Christus, Gottes Sohn, hat selber gegeben. 
Also will ich gesegnet sein, 
Wie der heilige Kelch und der heilige Wein, 
Wie das heilige Himmelsbrot, 

Das unser lieber Herr Jesus Christus selbst seinen 1 2 Jüngern bot. 
Ich trete über das Geschwell, (Vgl. Zs. f. deut. Myth. IV, 126.) 
Jesus t Maria f Josef, f die heiligen 3 Könige 
Kaspar f Melchior f Balthasar sein meine Weggesell'n. 
Der Himmel ist mein Gut, (Vgl. Grimm, Myth. Anh. L.) 
Die Erden sind (?) meine Schuh'. (Vgl. MSD* Anm. S. 473). 
Diese hl. 6 Personen begleiten mich und meine Gefährt'n, 
Welche mir begegnen, die haben mich lieb und wert. 
Dann helfen mir Gott der Vater u. s. w. 
Jesus t Maria f Josef f Kaspar f Melchior f Balthasar. 
Stehet mir bei in all meinem Thun, 
In Handel und Wandel, 
In Gehen und Stehen, 
Es sei auf dem Wasser oder zu Land, 
Vor Feuer und Brand, 

Die wollen mich bewahren mit ihrer starken Hand. 
Gott dem Vater ergeh' ich mich, 

1) Vgl. Gegen Gicht I. B. 10 ain Ende. 

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Volkssegen aus dein Böhmerwald. 309 

Gott dem Sohn befehV ich mich, 

In Gott den heiligen Geist versenk' ich mich. 

Die heilige Dreifaltigkeit sei ober mir, 

Jesus, Maria, Josef sei vor mir, 

Kaspar, Melchior, Balthasar sei hinter mir 

Jetzt und zu aller Zeit, 

Bis ich komme zur ewigen Freud und Seligkeit. 

Dazu helfe mir der Herr Jesu Christ. Amen. 

Vgl. MSD« IV, 8. XLVir, 3 und S. 468 f. Grimm, Myth. Anh. XXI. Zs. f. 
deut. Myth. IV, 135 f., wo manche Verse zu den obigen stimmen. 

6. Gegen Neid. Besonders bei Kindern anzuwenden. 

Der Besprecher legt dem betreffenden Kinde die Hände auf die Stirn, und 
zwar in Krenzform übereinander gelegt. Dann spricht er: 

Im Namen Gott des Vaters u. s. w. (ohne Amen). 

Ich thu dir für Neid, — Dir und die allerheiligste Dreifaltigkeit. 

Bist du anb'schrien, — So helf dir Gott und das übrige G'stim. 

Hat dich anb'schrien ein Mann, — So triffts ihn selber an. 

Hat dich anb'schrien ein Weib, — So kommts in ihren Leib. 

Hat dich anb'schrien Knecht oder Dim, — So hilft dir Gott imd das übrige G'stim. 

Hilft dir Gott der Vater u. s. w. (ohne Amen). 

Darauf leckt der Besprecher dem Kinde dreimal die Stime ab und spuckt 
dabei jedesmal aus. Dann reibt er unter Vaterunserbeten die Hände und macht 
dem Kinde das Kreuzzeichen auf Stime, Mund und Brust. 

Vgl. Aberglaube aus dem Altenburgischen von E. Pfeifer in Zs. f. Volks- 
kaade v. Veckenstedt H, 4 S. 161c, wo die Varianten zeigen, wie solche dem 
deutschen Volke gemeinsame Sprüche im Volke verändert werden, ohne doch ihi*e 
eigentliche Natur einzubüssen. Schönwerth UI, 260 — 61. Dieser und die folgenden 
Segen gegen Neid stammen aus Mistelholz, Krummau, Höritz, Christianberg, sind 
aber fast aller Orten im Böhmerwald bekannt. 



Gegen Neid. Beim Vieh anzuwenden. 

Der Besprecher sagt: 

Bist du anb'schrien, — So hilf dir Gott und das übrige G'stim. 

Hat dich anb'schrien ein Mann, — So triffts ihn selber an, 

Hat dich anb'schrien ein Weib, — So kommts in ihren Leib. 

Hat dich anb'schrien Knecht oder Dim, — So hilft dir Gott und das übrige G'stim. 

Der Besprecher legt dem betreffenden Stück Vieh beide Hände auf den Rücken 
und fährt so während des Spmches dreimal von der Stime bis zum Schweif des 
Tieres. Vgl. Kuhn H, 212 f. Wenn er am Ende angelangt ist, thut er immer, 
als müsste er etwas auf den Boden hinunter streifen imd spuckt jedesmal dazu 
aas. Darauf fasst er, die Hände über Kreuz, die Ohren des Tieres und betet so 
ein Vaterunser und Avemaria ohne Amen. Dann spricht er: Helf dir Gott der 
Vater u. s. w. und macht dabei dem Tiere dreimal das Kreuzzeichen auf die Stime. 
Zaletzt spuckt er ihm in die Augen und reisst ihm über den Augen das sogenannte 
Neidhaar aus (3—4 längere Haare über den Augen). 



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310 Ammann: 

Andere Formel bei sonst gleicher Behandlung. 

Im Namen (Jott des Vaters u. s. w. ohne Amen. 
Hat dir geschadet ein böses Ang, — So sind wieder sechs, die dir helfen. 
Hat dir geschadet ein M4nn, — So helf dir Gott und die himmliche Krön. 
Hat dir geschadet ein Weib, — So helf dir Gk)tt und die himmlische Freud. 
Hat dir geschadet ein Knecht, — So helf dir Gott und das himmlische Recht. 
Hat dir geschadet eine Dim, — So helf dir Gott und das himmlische G'stim. 
Hat dir geschadet ein Bua, — So helf dir Gott und die himmlische Ruah. 
Hat dir geschadet ein MadI (?), — So helf dir Gott und die himmlischen Hand'. 

Darauf bete man 3 oder f) Vaterunser, während des Spruches verfahre mi^ 
wie beim früheren. 

Auch bei Kindern kann diese Formel angewendet werden, bei Erwachsenen 
aber nicht. Beim Kinde betet die Mutter die Vaterunser. Zuletzt leckt der Be- 
Sprecher dem Kinde noch dreimal das „Him^ (Stime) ab und spuckt dabei 
dreimal aus. 

Andere Formeln gegen Neid ohne besondere Handlungen. 

Wenn man glaubt, jemand leide an ii^nd einem Übel infolge Neides, so 
spreche man dreimal folgende Formel über ihn: 

Wer hat dich beschrien? — Dem gehts selber in die Niern. 

Wer hat dich beschrien, Weib oder Mann? — Den gehts selber an. 

Wer hat dich beschrien, Dim oder Knecht? — Dem gehts selber schlecht. 

Oder dreimal folgende Formel: 

Neid haut neun — Na, ist nicht wahr, haut nur 7 Neid, — Nn, ist nicht wahr, 
haut nur 6 Neid, — Na, ist nicht wahr, haut nur 5 Neid u. s. w. herab bis ... . 
Na, ist nicht wahr, ist nur 1 Neid, — Na, ist nicht wahr, ist kein Neid. 

Oder dreimal folgende Formel: 

Hat dir ein Mann geschadet, ~ So helf dir unser lieber Herr Gott. 
Hat dir ein Weib geschadet, — So helf dir unsere liebe Frau. 
Hat dir ein Knecht geschadet, — So helf dir unser lieber Herr. 
Hat dir eine Dim geschadet, — So helf dir unsere liebe Frau. 
Geh aus aus dem Mark und Bein, — Geh aus aus dem Fleisch und Blut, 
Geh hin in eine wilde Flur (? Flut), — Geh hin, wo kein Glöckl klingt, 
Geh hin, wo kein Vögerl singt! — Geh hin, wo kein Sonn' und Mond hinscheint *). 
Ein Weib unter dein Volke ihre Stimme erhob und^ zu dem Herrn sprach: 
„Selig ist der Leib, der dich getragen, selig sind die Brüste, die du gesogen^. 
Dich segne Gott der Vater, der Sohn und der heilige Geist. Amen. 

Oder dreimal folgende Formel: 

Ich thu dir für den Neid, 

Für alle Leut' 

Im Namen des Herrn; 

Ich thu dir für den Neid, 

Im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit. 



1) Vgl. Zs. f. Volkskunde von Veckenstedt H, 11 S.489c, 

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Yolkssegen aus dem Böhmerwald. 311 

Oder aach folgende Formel: 

Hat dich (man nennt den Namen) wer beschrien, 

So geht es demselben ins Gestirn. 

Hat dich wer beschrien, Weib oder Mann, 

So geht es demselben an. 

Hat dich wer beschrien, Dim oder Knecht, 

So geht es demselben ins Geschlecht. 

Es helfe dir Gott der 7ater u. s. w. ohne Amen. 

Ich beschwöre dich fUr den Neid, Himmel und Erde mit Sonn' und Mond, 
mit Gott und mit unserer lieben Frau und mit der allerheiligsten Dreifaltigkeit. 
Im Namen u. s w. 

Gegen Neid. Beim Vieh anzuwenden. 

Man ziehe das Hemd umgekehrt aus, gehe damit in den Stall hinaus und 
fahre dem betreffenden Tiere mit dem Hemde Yom Kopf über das Rückgrat bis 
zum Schweif. Dies thue man dreimal, spucke jedesmal dabei aus und spreche dazu: 

Ei-stens für Neid, 

Zweitens fUr die schlimmen Leut, 

Drittens zur allerheiligsten Dreifaltigkeit. 

Im Namen Gott des Vaters u. s. w. ohne Rreuzzeichen. 

Auch bei Kindern anzuwenden, wenn man denselben dabei dreimal die Augen 
ausleckt und drei Ayemaria betet. 

Gegen Neid. Beim Vieh anzuwenden. 

Wenn z. B. eine Kuh irgend einen Namen hat, bei dem man sie zu nennen 
pflegt, wie Kamper (eine braune), Bläser (mit Stern), Rückl (alte), Rückai (junge), 
Scheckl . . ., so ruft man sie beim Namen und spricht: 

Kamperl Wer hat dir geschadet? 

Es sei Herr oder Frau, 

Magd oder Knecht, 

So geh er zurück auf dasselbe Geschlecht! 

Helfe dir Gott Vater u. s. w. hl. Geist! 

Von allen 72 Neid 

Sei befreit! 

Darauf bete man drei Vaterunser. 

Oder man wendet auch folgende Formel an: 

Kamper! hast du einen Neid, — So helfe dir der hl. Set. Veit. 

Hat dieser Mann einen Mann (*?), — So helf ihm des Himmels Gebrand (?). 

Hat dieser Mann einen Knecht, — So helf ihm des Himmels Geschlecht. 

Hat dieser Mann eine Dirn, — So helf ihr des Himmels Gestirn. 

Hat dieser Mann ein Kind, — So helf dir des Himmels Königin. 

In Pramhof wendet man gegen Neid bei Rindern folgende Formel an, 
die man über dreimal bekreuztes Brot oder über Hafer spricht, nachdem man 
zuerst das Vieh beim Namen nach Geschlecht oder Farbe gerufen hat: 

Es hat dich wer verschrien, « 

Es sei Herr oder Frau, Magd oder Knecht, 



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312 Ammann: 

Das kommt auf dasselbe Geschledii 

Es kommt an die Stirn und auf den Rücken 

Und muss alles zugrunde richten. 

Es helfe dir Gott der Vater u. s. w. 

Brot oder Hafer wird nun dem Vieh gegeben, es muss aber alles auffressen, 
damit nichts verloren gehe, sonst hilft es nicht. 

Aus Polletitz ist folgende Formel gegen Neid und Augstall: 

O du heilige Sommer- und Osterblume, o du heilige Ostcr- und Sommer- 
blume, hilf mir vor allem Neid und Augstall ! Es giebt 9 Arten von Neid und 
Augstall, es sind nicht 9, es sind nur 8 u. s. w. es ist nicht 1 Neid und Augstall, 
es giebt keinen Neid und kein Augstall. 

Gegen Neid. Beim Vieh anzuwenden. 

Indem man dem Tiere mit entblösstem Arme über den Rücken fahrt, 
spricht man: 

Ich w^isch' dich weg! — Der wilde, hastige, garstige Neid 
Ist in dich geflogen, — In dich g'schoben. 
Und so geschwind, — Wie unsere Hebe Frau Sonn' ') 
Über den Berg herein springt. 

Mittel zur Prüfung, ob jemand „verneidet" ist und Hilfe gegen Neid. 

Will man wissen, ob jemand „vemeidet" ist, so gebe man 9 Stück glühende 
Kohlen in ein Gefäss mit Wasser. Sinken die Kohlen im Wasser unter, so ist 
der Betreffende „verneidet", schwimmen sie aber oben auf, so ist er es Qicht. 
Vgl. Grimm, Myth. Nachtr. zu 975. 

Der „A^erneidete" kann sich nun folgendermassen vom Neid befreien: Zuerst 
trinke er dreimal von diesem Wasser, dann tauche er die rechte Hand in das 
Wasser und fahre mit den nassen Fingern vom Kinn aus aufwärts über die Nase 
bis zur Stime, ebenso vom Kinn aus über die rechte Wange bis zur Schläfe und 
so auch nach links. Das hat der „Vemeidete" selbst auszuführen; das Weib 
aber, das gewöhnlich das Ganze an einer Person vornimmt, macht jetzt an beiden 
Enden ihrer Schürze einen Einschlag, dass die Schürze in eine trichterförmige 
Spitze zuläuft. Mit dieser Schürzenspitze *) fährt sie nun dem Vemeideten, wie 
dieser früher selbst mit den nassen Fingern that, dreimal in denselben Richtungen 
vom Kinn aus übers Gesicht nach Stime und Schläfe. Damit ist der „Vemeidete" 
befreit. 

Noch ein einfacheres Mittel gegen Neid ist folgendes, wozu man nie- 
manden braucht: Wer an Neid leidet, nehme ein Messer und halte es gerade aus 
vom Munde mit der Schneide nach oben und spucke dreimal über die Schneide 
weg hinaus, so ist er vom Neide frei. 

Bei einem „vemeideten" Schwein spuckt man demselben auch dreimal über 
die Ohren hinweg und dasselbe ist vom Neid befreit. 

Die mannichfache Art, wie sich das Volk im Böhmerwald gegen Neid zu 
schützen sucht, rechtfertigt auch das hier beliebte Sprichwort: 
Der Neid — - frisst Vieh und Leut'. 

In anderen Formen konune ich auf den Neid noch beim Aberglauben zurück. 



1) Vgl. zu „Frau Sonne — sptingt" Cirimm, Myth. 586 f. 

2) Vgl. Schönwerth III, 240. 



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Volkssegen aus dem Böhmerwald. 313 

7. Gegen Gewitter (aus Krammau). 

Es segne mich die Allmacht des f Vaters, es segne mich die GUtigkeit des f 
Sohnes, es segne mich die Weisheit des f heiligen Geistes. Amen. 

O heiliger Gott, heiliger, starker Gott, o heiliger, unsterblicher Gott, erbarme 
dich unser! Jesus, Maria und Josef, stehet uns bei und die Kraft der allerheiligsten 
Dreifaltigkeit sei bei uns und über unsl 

Alsdann mache das heilige Kreuz gegen die Wolken und sprich: „Sieh das 
Kreuz des Herrn, und fliehet, ihr widerwärtigen Parteien! Der Löwe aus dem 
Geschlechte Juda, die Wurzel Davids hat überwunden. Hallelujah!^ 

Lies dann das Evangelium sct. Johannis: Im Anfange war das Wort u. s. w. und 
küsse den Evangelianfang im Gebetbuche. Dazu sprich: Durch die Kraft dieser 
evangelischen Worte bewahre mich Gott vor Ungewitter, Blitz und Erschlagen! 

Gebet. 

O Herr Jesu Christ, der du geboten hast dem Meere und den Winden, und 
es war alsbald eine grosse Stille geworden ; der du am heiligen Kreuze deine Hände 
und Arme weit ausgestreckt hast, die Luft zu reinigen und zu heiligen, wir bitten 
demütig deine überfliessende Müdigkeit, du wollest die Wolken zerteilen und dies 
Ungewitter vernichten, auf dass die Gewalt des Satans, welcher dasselbe vielleicht 
erweckt hat, zuschanden und zerstört, dein heiliger Name aber gelobt und ge- 
priesen werde, der du lebest und regierest in Ewigkeit. Amen. 

Vgl. Grimm Myth. Anh. XXIIL 

Eine andere Formel (aus PoUetitz). 

Durch die Kraft des heiligen Evangeliums sollen zerstreut und vcrtiieben 
werden alle Ungewitter. Im Namen u. s. w. Amen. 

Gott Heloyen, Gott Tetragumentum, Gott Emanuel, Gott Hagios, Gott Otheos, 
Gott Ischios, Gott Jehova, Gott Messia, Gott Alpha und Omega samt bei allen 
Namen, Gottes des Vaters u. s w. wollen mich heut und alle Zeit stärken und 
beschützen gegen alle meine leiblichen und geistlichen Feinde. Amen. 

t Der unerschafTcne Vater, f der unerschaffene Sohn, -j- der ungebome Vater, 
t der ungebome Sohn, f der aus beiden ausgehende Geist. Gott Vater -j- der 
ErschafTer, Gott heiliger Geist f der Heiligmacher wollen mich jetzt und alle 
Zeit von allem Ungewitter, Gespenst und Hexerei beschützen und bewahren. 
Amen. 

Christus Jesus überwindet, Christus Jesus herrschet, Christus Jesus gebietet, 
Christus Jesus vertreibt alle Ungewitter, Zauberei und Teufelskunst durch die 
Kraft seines bittem Leidens, durch die Kraft seines heiligen Kreuzes, durch die 
Kraft seines rosenfarben Blutes und durch die seines heiligen Namens. 

Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, der vom Himmel herab- 
gekommen und in dem Leib der seligsten Jungfrau Maria wegen des menschlichen 
Heils Fleisch geworden, damit er den Teufel und alle bösen Geister vertreibe und 
in die Hölle stürze, dieser wolle mich erlösen und mich entbinden von allem, 
was der Teufel gebunden und durch seine vermaledeiten Werke verblendet hat. 
Amen. 

Durch das Zeichen des heiligen Kreuzes f erlöse mich o Gott von meinen 
Feinden. Amen. 

Ebenda suchen einige auch das Gewitter dadurch zu vertreiben, dass sie 
fluchend um das Haus herumlaufen, nach dem Grundsatz, Übel könne nur wieder 
durch Übel vertrieben werden. 



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314 Ammann: 

8. Gegen Reif und ähnliche Beachädignng des Getreides. 

Um das Getreide Yor Reif zu schützen, nimmt man am Abend des heiligen 
Dreikönigtages in Lagau und a. a. 0. das „Schaupbrennen^ vor. Vor hl. Dreikönig 
geht man in den Wald und schneidet ein Tannen- oder Föhrenbäumchen, das 
man im Romfeld in die Erde steckt. Darauf umgiebt man es mit ausgedroschenem 
Komstroh (Schaup), das man mit einem Band um das Bäumchen befestigt. Am 
Abend des Dreikönigtages wird nun das Bäumchen mit dem Stroh angezündet, 
und während der Anzünder um das Bäumchen herumgeht, spricht er (beim ersten- 
mal Herumgehen): König Kaspar, (beim zweitenmal) König Melchor, (beim dritten- 
mal) König Balthasar! 

Ich hab' euch alle drei genennt, 
Damit uns das Korn nicht yerbrennt. 

Darauf besprengt er den brennenden Schaup mit Weihwasser und spricht: 
Im Namen u. s. w. Amen. 

So bleibt das Korn yor Reif, Hagel, Melthau und dergleichen bewahrt. 

Dies ist ein Segenspruch und Brauch, der sich auf den Feldbau bezieht. 

Bräuche dieser Art ohne Formeln giebt es noch mehr im Böhmerwald. Davon 
a. a. 0. Vgl. Grimm, Myth. 1035 f. 

9. Beim Ablösen der Rinde vom Holze. 

J. Grimm hat schon in Myth. 1038 — 39 den Zauberspruch, den die Knaben 
des „oberen" Waldes (siehe bei J. Rank, S. 168) beim Loslösen der Rinde zu 
Maienpfeifen hörsagen, aufgenommen, hier mögen nun die "Sprüche folgen, deren 
sich die Knaben des „unteren^ Waldes bei solcher Gelegenheit bedienen. Man 
unterscheidet zwischen „Rödai" (Röhrchen) oder „Pfoazai", wobei bloss die Rinden- 
röhre plattgedrückt und ein schnarrender Ton hervorgebracht wiixi im Gegensatz 
zur eigentlichen Maienpfeife. Im erstem Falle spricht der Knabe, während er auf 
die Rinde klopft: 

Rödai, Rödai (oder Pfoazai, Pfoazai) geh o(b), 

Friss 'n Bauern 'n Kle o(b)! 

Loss eam no a Schöpfai steh(n), 

Doss er k6(n) i(n)s Wirtshaus geh(n)I 

Süassi Milli, sauri Milli, 

Buttamilli dobei, 

Wonnst d' ma ned ohagehst. 

Holt di da Schinta! 

Bei Maienpfeifen dagegen: 

A birene (birkene) Rindn — 

Loss di schindn, 

Loss di schiabn, 

Loss da s' Häutl üba'n Köpf ausziagnl 

Vgl. Grimm, Myth. 1038 und Nachtr. zu 1039. Bezüglich der Schreibung und 
Aussprache der Mundart vgl. meine „Hochzeitsbräuche aus dem Böhmerwald in 
Veckcnstedts Zs. f Volkskunde IL 10, 11, 12. 



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Segen und HMlmitteL 315 



Segen und Heilmittel 

ans einer Wolfsthurner Handschrift des XV. Jalirliunderts. 

Mitgeteilt von Oswald von Zingerle. 

(Schiuss.) 



Zu den Wundsegen leiten einige andere über. 

Bl. 117c. Czu der nasen. 

So ainem menschen die nase plütet oder wo er plutet, so soltu oberhalbn 
schreiben mit dem selben plute ainen (117 d) kriechischen namen 0. P. E. W. E. N. 
daz ist war vnd sprich ym in daz rechte ore: „Ich peschwer dich plut pey dem 
yater vnd pey dem sun vnd pey dem heiligen gaist, daz du nicht fli essest, alz der 
Jordan flos, da Cristus inne getauft wart^. 

Bl. 126c. Plut verstellen. 

Wiltu daz plut verstellen, so sprich: „Sta sangwis in te f sicut Jhesus stetit 
in se f Sta sangwis *) in tua f sicut Jhesus* stetit in sua f Sta sangwis ') infixus f 
sicut Jesus stetit crucifixus^. 

Einem ähnlichen Segen dürfte an die stirne, so verstet daz plut, 
womit Bl. 126a beginnt, angehört haben. Das vorhergehende 
Blatt ist bereits vor der Paginierung entfernt worden — ohne 
Zweifel aus demselben Grunde, der zur Vertilgung anderer 
Blätter bewogen hat. 

Yon der oben erwähnten Gattung ist am bekanntesten das, 
Bl. 29b, eingetragene Stück, betitelt: 

ain bewerter wassersegen. 

Hye nach stett geschriben ain guetter bewerter wassersegenn, das do haylt 
alle wunden, wie die ge (29 c) sheen ader werdenn, vnd hebt sich also an. Das 
Wasser muss als woll gesegnat sein als der heilig Jordann, da gott selber in 
getanfft wart. Ich segen dich, du vnvermalge ') wunde, mit den rechten karacteren, 
das du dein reyssen vnd dein fliessen vnd dein schiessen lassest vnd dein sawrein ') 
vnd dein faulen vnde alle vnkeush lasest, es sein fliegenn, spinnen ader wurm 
ader welher vntugent das sey, die ich hie gesegnet honn mit dem warenn gott: 
das ist wäre in gotes namen ammenn. Du gebeneyder Jhesu Christus, dein funff 

1) Ms. sagwis. 2) unvermailigte, unbefleckte. 8) S&ure, Sch&rfe. 

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316 Zingerle: 

wunden die gesworn noch geswollen noch die rissenn noch die shossen nach sie 
sawrtein noch sie faultein noch sie smecktein, do sluge auch nie kein yngeluck 
zue; alzo muss zu diser wundenn thune, zu der ich diss wasser gesegnet hann 
mit dem waren got, das ist war. In gotes nammenn amen. 

Vnssers lieben hem Jhesu Crist sein haiig fun£P wunden, die hayltenn shier 
vnd vaste vonn gründe, do slug auch nye kein vbell zu, alzo muess zu disser 
wundenn thun, zu der ich das wasser gesegnet honn mit dem waren gott, das ist 
war. In gotes namenn amenn. Crist wart geboren, Crist wart verloren, Crist 
wart wider fundenn, do hailtein ym sein haiige wunden, also soll die sechste 
thun in gotes namenn amenn. Vnd sprich iii pater noster vnd aue (29 d) maria, 
also muss vns der almechtige gott behutenn. 

Interessant wegen des damit verbundenen Ceremoniells ist ain 

Wundensegen vnd mit tucheren hallen, wobei der Vermerk probatum 

est sichere Wirkung erwarten lässt. 

Bl. 10a. Sprecht disen segen V maU vber die wunden vnd als oft I pater 
noster vnd ave maria got in sein heilig fünf wunden mit beden dawmen ge- 
kreutzigt vnd all mall abgewexelt den vntteren vber sich. Der gleich segent die 
tüchel zu den pflasteren wie die wunden vnd legt albeg V tttchel kreutzling vber 
einander auf die wunden vnd als oft ein tttchel als oft im namen des v. s h. 
geists. 

Ist die wunden sorgfeltigk, so pindt sy dester offter vnd dut das lauter vmb 
gotz willen